Fleisch ist Kunst

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Jack Joblin ist einer der bekanntesten "Fleischkünstler" der Kunstgeschichte. Durch seine "Fish-Meat-Arbeiten" wurde er in den 60er und 70er Jahren weltbekannt. Nach und nach hat Joblin seine Existenz aus der Öffentlichkeit gelöscht. Nun ist der New Yorker Künstler überraschend wieder an die Öffentlichkeit geraten. 2011 wurde eine Wohnung in Freiburg im Breisgau verlassen aufgefunden, in welcher sich zahllose "Fleischobjekte" befanden. Heute weiß man, dass dies ein spektakulärer Fund war. Hier wohnte über längere Zeit die Künstlerlegende selbst. In dieser Abgeschiedenheit versuchte er vermutlich sich der Öffentlichkeit zu entziehen.

MeatArt Magazin

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Fleisch is(s)t Kunst

Interview mit Thomas Gloom (von Dandy Quinn)


Dandy Quinn: Herr Gloom, warum kommen sie und die Joblin-Factory mit me@Joblin gerade jetzt an die Öffentlichkeit? Thomas Gloom: Das junge Team hat sich jetzt dazu entschlossen eine Wiederveröffentlichung von Jack Joblin zu organisieren, da es einige spektakuläre Dinge gab, die in der Kunstgeschichte so noch nicht vorgekommen sind. Ich denke da nicht nur an den sensationellen Fund der Freiburger Wohnung und das verlassene Atelier nach 25 Jahre Rückzug aus der Öffentlichkeit. Ich denke da auch an die neuen, zurückgelassenen Kostbarkeiten. Arbeiten die sich in dieser Wohnung türmen und die Ideenflut, die auf die Entdecker hereinbrach, als sie die Notizen und erst recht den Computer von Jack Joblin fanden. Obendrein ist sein Hauptthema „Fleisch“ heute aktueller denn je. Aus diesem Grund versucht die Factory neben den Originalen auch weitere Ideen Joblins umzusetzen.


  • D.Q.: Spielt dabei sein früherer Ruhm eine tragende Rolle?
  • T.G.: Natürlich ist es einfacher einen bereits bekannten Künstler erneut einem kunstinteressierten Publikum zugänglich zu machen. Viele erinnern sich noch an seine Glanzzeiten der 60er-70er Jahre. Allerdings ist nur wenigen Leuten aufgefallen, dass Joblin seine komplette öffentliche Existenz systematisch gelöscht hat. Arbeiten wurden zurückgekauft. Die Internetpräsenz wurde unterdrück. Wir haben nun festgestellt, dass in zahlreichen Archiven der Museen und Galerien seine Existenz entfernt wurde. Wie das gehen konnte, kann keiner verstehen. Ein Mann allein kann das nicht bewerkstelligt haben.
  • D.Q.: Will er am Ende seines Lebens noch einmal den Ruhm auskosten?
  • T.G.: Wir wissen nicht, wo sich Jack Joblin derzeit befindet. Wir wissen auch leider nicht, ob er noch am Leben ist. Das macht seinem Sohn sehr zu schaffen. Ihm wurde in einer Art Testament die Vollmacht über die Besitztümer übertragen.
  • D.Q.: Mussten sie Bob Joblin zu dieser Out-Comming-Inkarnation überreden?
  • T.G.: Wenn ich daran denke, dass dieser geniale Künstler in der Versenkung bleiben würde, dann fällt mir jedes Mal Max Brod und Franz Kafka ein. Ohne Brod gäbe es keinen Kafka.
  • D.Q.: Ist das der Wille des Vaters?
  • T.G.: Das wissen wir nicht.
  • D.Q.: Herr Gloom, warum ist jeder Mensch Kunst?
  • T.G.: Meines Erachtens finden mehrere Befreiungen durch diese neue Herangehensweise von Joblin an den mächtigen Kunstbegriff statt. Zum einen sehe ich eine Befreiung von dem Kunstmarkt.
  • D.Q.: Bedeutet das auch eine Befreiung von den Kunstkritikern?
  • T.G.: Es bedeutet eine Emanzipation von dem wissenschaftlichen Dogma und damit eine bis heute einmalige Heranführung auf die Individualität der Kunst. Es kann sicherlich auch als eine Rückführung der Kunst in den Alltag verstanden werden, wenn man die Kunstgeschichte so lesen möchte. Fleisch ist alltäglich.
  • D.Q.: Gibt es Parallelen der bisherigen Kunst und dem, wie Joblin Kunst sieht.
  • T.G.: Eine Parallele zwischen herkömmlicher Kunst und dem „Selbst-Kunst-Sein“ sehe ich schon: Viele Leute wollen „Sich-Selbst-Sein“ und inszenieren sich. So geschah das schon immer in der Kunstgeschichte und so passiert das auch gerade ständig in der digitalen Welt. Facebook, YouTube, MyVideo usw. sind alles Inszenierungen im Profil einer Person. Ein Portrait aus dem 16. Jahrhundert sieht natürlich anders aus, aber nicht nur in der Logik des Aufbaus und der Intension des Schöpfers gibt es vergleichbare Muster.
  • D.Q.: Ist die digitale Welt der Schlüssel für die Aussage: „Jeder ist Kunst“
  • T.G.: Die digitale Welt beweist diese These. Es lassen sich Eindrücke dem Impressionismus vergleichbar wiedergeben. Man kann sich individuell wie im Expressionismus ausdrücken. Es erfolgen Renaissancen, serielle Verfahren treiben eine Pop-Art weiter. Literatur, Musik und Kunst verbinden sich auf „neunatürliche“ Weise. Aber das digitale Abbild des Menschen ist vor allem Inszenierung. Warum sollten nur diese erfundenen, von einem Menschen interpretierte Figuren Kunst sein? Warum nicht das Original? Das Echte ist der Mensch selbst. Auch hier geht es um das Original, das auch auf dem Kunstmarkt so geschätzt wird.
  • D.Q.: Als Freund von Jack Joblin wissen sie bestimmt mehr darüber, warum er die Leute dazu bewegen wollte, dass jeder Mensch Kunst ist?
  • T.G.: Wir haben häufig über das Thema gesprochen und für mich gibt es neben seinen offiziellen Ausführungen zur Frage, ob jeder Kunst sei, auch einen ganz persönlichen Grund für diesen neuen Blick auf die Kunst und den Menschen. Joblin möchte eine Befreiung von dem Begriff „Künstler“.
  • D.Q.: Sie spielen auf Beuys’ Aussage an: jeder sei ein Künstler?
  • T.G.: Teilweise. Wenn jeder Künstler ist, wie interessant ist es dann noch, Künstler zu sein? Viele Menschen wollen ja ihre Einzigartigkeit herausstellen und befinden sich mit dieser Grundhaltung schon mitten in der breiten Masse. Was ich hervorheben möchte ist eine biographisch bedingte Notwendigkeit für Joblin, diesen entscheidenden Schritt für sich und die Kunstwelt zu tun. Joblin wurde schon als Kind als Künstler bezeichnet. Anfangs natürlich mit wenig Ernsthaftigkeit. Aber schon in seiner Jugend mit Staunen und Hochachtung in den Stimmen der Bewunderer. Schon immer störte ihn etwas Unbestimmtes daran. Einmal war es das Gefühl des Geschmeichelt seins, die Verlegenheit als Künstler gelobt zu werden. Später der Druck nach neuer Anerkennung. Aber vor allem störte er sich an dem von der Gesellschaft in zahllosen Filmen, Büchern, Berichten usw. hochstilisierte „Beruf“ des Künstlers. Das kam ihm immer schon suspekt vor. Ein Künstler war nichts besseres als andere Personen, nur weil er Ideen hatte.
  • D.Q.: Ich denke, das könnte auch ein Grund dafür sein, dass er seine Existenz in der Öffentlichkeit beinahe gelöscht hat?
  • T.G.: Weiß ich nicht. Jedenfalls war es für ihn ein Grund sein Geld für seine Kunst mit etwas anderem zu verdienen, als durch seine Kunst. Er erkannte die Objektivierung seiner Person in den Augen derer, die Künstler als Künstler bezeichneten. Ihr Desinteresse an dem vollständigen Subjekt. Ihr Unverständnis für das, was Joblin als Kunst verstand.
  • D.Q.: Sie meinen, er sah die Bequemlichkeit im fertigen Bild eines Menschen.
  • T.G.: Und er sah die Eitelkeit und den Stolz derer, die sich gerne als Künstler bezeichnen ließen. Bewunderung und Stolz starben in seinem Wortschatz. Begeisterung und Glücksempfinden waren noch erlaubt.
  • D.Q.: Welche Rolle spielen bei den Joblins die Kommunikation?
  • T.G.: Freut mich, dass sie sich mit den beiden näher beschäftigt haben. Natürlich spielt die Kommunikation eine große Rolle. Jack Joblin kreierte ein eigenes Kommunikationsmodell. Sein Sohn Bob promoviert mit einem anliegenden Thema: „Informationsqualität im Kunststudium“. „Das Wort wurde Fleisch“ ist bei beiden auf mehreren Ebenen fleischgeworden. Ein wichtiger Fleisch-Kommunikations-Schnittpunkt ist das Scheitern der Gesellschaft, das Scheitern an der Gesellschaft und schließlich das Scheitern an sich selbst. Joblin interpretiert die Unmöglichkeit sich zu verstehen in seinem IBW-Modell aber positiv.
  • D.Q.: Hat auch die Krankheit seines Sohnes Bob Joblin mit dieser Entwicklung zu tun?
  • T.G.: Vermutlich. Es ist ein sehr einschneidendes Phänomen für einen Menschen, wenn er an einer Wasserallergie leidet. Das muss auch einen Vater sehr belasten, wenn sein eigenes Fleisch und Blut so leiden muss.
  • D.Q.: Sah er seinen Sohn auch als Kunst an?
  • T.G.: Natürlich. Er sah sich selbst und alle Menschen als Kunst an. Durch die Kommunikation von Fleisch mit Fleisch, also Kunst mit Kunst entstand für ihn dann ein „Kult-Spiel“.
  • D.Q.: Im Sinne von Wittgenstein Zwei?
  • T.G.: Ja, aber ein Kult-Spiel bedeutet mehr als ein Sprachspiel. Wir schaffen Kultur. Wir sind Kultur. Und im Kommunizieren schaffen wir neue Kulturen. Joblin war der Meinung, dass den geistigen Kulturgütern zu wenig Aufmerksamkeit beigemessen wird. Ein Beharren auf alte Kulturen war in Joblins Augen ein Widerspruch in sich, da Kulturen noch niemals nicht vermischt waren. Aber er sah dies als einen Teil des Kult-Spiels an.
  • D.Q.: Diesen Begriff hat Bob ja später aufgegriffen und Spiele unter diesem Namen veröffentlicht.
  • T.G.: Eines davon ist zur Freude seines Vaters ein Literaturspiel.
  • D.Q.: Welchen Sinn sehen sie darin, dass jeder Mensch Kunst ist?
  • T.G.: Vermutlich sieht die Idee und die Werke Joblins jeder anders. Für mich spielt vor allem die neue Wertschätzung des Menschen als Kunst (nicht Kunstwerk) eine entscheidende Rolle. Was es heißt, jeden als Kunst zu betrachten, das weiß man erst, wenn man morgens aufsteht, in den Tag hineingeht und versucht wirklich jeden als Kunst zu betrachten. Es macht Lust auf ein Innehalten. Ein Verweilen, weil der Augenblick schön wird. Er wird schön, weil man neu beobachtet. Beobachtet und sich selbst als Kunst wahrnimmt. Diese Momente haben etwas Göttliches. Entschuldigen sie bitte die anachronistische Ausdrucksweise, aber versuchen sie es mal.
  • D.Q.: Werde ich ausprobieren.
  • T.G.: Trotzdem ist das Kunst-Sein am intensivsten, wenn es alleine abläuft. Hier will Jack Joblin die Menschen erreichen. Die Identität der Kunst, die sich selbst als Kunst erfasst bringt das Schöne in die Werke Joblins zurück. Dieser Hauptgedanke lässt allen Grauen und Ekel der Fleischobjekte verschwinden.
  • D.Q.: Viele Tierschützer, die sich auf unterschiedliche Art und Weise bei ihnen melden, wären über ein Statement zu meiner abschließenden Frage sehr dankbar. Sind auch Tiere Kunst?
  • T.G.: Alles kann Kunst sein. Überall. Jederzeit. Gegenständliches und Ungegenständliches. Gedanken genauso wie Pflanzen. Ideen genauso wie Steine. Alles ist Kunst. Insbesondere Fleisch. Joblin hat Tiere von seiner Definition nicht ausgeschlossen. Das Anfangsgefühl, alles könne Kunst sein, lebte Joblin mit seiner „Art-Aufkleber-Aktion“ aus. Er klebte auf die Gegenstände, die ihm als Kunst erschienen, ein „Kunst-Qualitäts-Siegel“, das von ihm unterschrieben wurde. Dann verteilte er diese Aufkleber an andere Menschen, damit diese auch Kunst in allem sehen können. In den 70ern sah man in New York an allen Ecken und Enden diese Aufkleber. Joblin selbst ging dann weiter. Er machte ein „Fleisch-Kunst-Siegel“ daraus, um die Lebendigkeit der Dinge herauszuheben. Marcel Duchamp sah in einem verfremdeten Gegenstand Kunst. Joblin trieb die Objektkunst bis an ihre Grenzen. Er brauchte keine Verfremdung. Für ihn war alles Kunst. Und das Individuum, das Kunst betrachtet war entscheidender als das Objekt selbst. So kam er auch zur Subjektkunst. Was das Subjekt als Kunst wahrnimmt ist Kunst. Kein Kunstwissenschaftler oder Kunstmarkt kann das Subjekt davon abhalten. „That’s Art“ wurde zu „That’s Meat“. Das Fleisch selbst ist die Kunst. Der Mensch ist Kunst.
  • D.Q.: Und darum sind auch Schweine Kunst?
  • T.G.: Wenn es für den Betrachter so ist, dann ja. Joblin gibt aber keine Vorgaben, was mit der Einzelne mit Kunst machen soll. Das liegt einzig und allein in der Verantwortung des Subjekts, das Kunst erkennt.
  • D.Q.: Ganz im kantschen Sinne der Aufklärung?
  • T.G.: Wenn sie das so sehen.
  • D.Q.: Vielen Dank für das Interview.
  • T.G.: Gerne.







Meat-Art-Manifest


I. That’s ART: Es gibt niemanden, der nicht entscheidet, was Kunst ist. II. My ART: Es gibt niemanden, der nicht Kunst schafft. III. Meat-ART: Es gibt niemanden, der nicht Kunst ist.



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I
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