Figurenanalyse



Figurenanalyse (Deutsch / Literaturunterricht)


Einleitung

Eine Figurenanalyse (oft auch Charakterisierung genannt) untersucht, wie eine literarische Figur im Text gestaltet wird und warum sie für Handlung, Thema und Aussage bedeutsam ist. Du lernst dabei, Textstellen gezielt auszuwerten, Merkmale zu ordnen, Beziehungen zu deuten und Entwicklungen nachvollziehbar zu begründen. Das ist zentral für Interpretation, Textanalyse und jede gute Erörterung im Deutschunterricht.

In diesem aiMOOC baust Du Schritt für Schritt eine professionelle Figurenanalyse auf: vom Sammeln von Belegen über die Deutung bis zur sprachlich sauberen Ausformulierung. Du arbeitest mit Kriterien wie direkte Charakterisierung und indirekte Charakterisierung, Figurenkonstellation, Konflikt und Erzählperspektive.


Lernziele

Nach diesem Kurs kannst Du

  1. eine Figurenanalyse klar strukturieren (Einleitung, Hauptteil, Schluss)
  2. Textbelege passend auswählen und korrekt einbauen (Zitat, Paraphrase)
  3. Figurenmerkmale deuten (nicht nur aufzählen) und mit Wirkung/Funktion verbinden
  4. Beziehungen und Rollen in der Figurenkonstellation erklären
  5. eine Entwicklung der Figur (statisch/dynamisch) begründet darstellen


Einstiegsvideo


Grundlagen der Figurenanalyse


Was ist eine Figur?

Eine literarische Figur ist eine fiktive Gestalt innerhalb eines Textes (z.B. in Epik, Drama oder Lyrik). Figuren werden durch Charakterisierung erkennbar: Der Text liefert Informationen über Eigenschaften, Verhalten, Sprache, Gedanken und Beziehungen. Dabei gilt: Du erfindest nichts, sondern deutest nur, was der Text hergibt.


Direkte und indirekte Charakterisierung

Direkte Charakterisierung bedeutet: Der Text sagt ausdrücklich, wie jemand ist (z.B. durch Erzählerkommentar oder Aussagen anderer Figuren). Indirekte Charakterisierung bedeutet: Du erschließt Eigenschaften aus Verhalten, Wortwahl, Entscheidungen, Konflikten, Gestik, Symbolen oder Reaktionen anderer.

Merksatz: Direkt = gesagt. Indirekt = gezeigt.


Welche Kategorien untersuchst Du?

Für eine tragfähige Analyse ordnest Du Beobachtungen in sinnvolle Bereiche:

  1. Äußere Merkmale: Aussehen, Alter, Kleidung, Auftreten (nur, wenn es im Text wichtig ist)
  2. Innere Merkmale: Werte, Ängste, Ziele, Einstellungen, moralische Maßstäbe
  3. Sozialer Status: Herkunft, Bildung, Beruf, Macht, Abhängigkeiten
  4. Sprache: Wortwahl, Satzbau, Dialekt/Soziolekt, Ironie, Höflichkeit, Schweigen
  5. Handeln: Entscheidungen, Gewohnheiten, Grenzüberschreitungen, Verantwortung
  6. Beziehungen: Nähe/Distanz, Hierarchie, Loyalität, Rivalität
  7. Konflikt: innerer Konflikt, äußerer Konflikt, Konfliktentwicklung
  8. Entwicklung: statisch oder dynamisch (Wandel mit Ursachen und Folgen)
  9. Figurenkonstellation: Rollen im Beziehungsnetz (z.B. Protagonist, Antagonist, Nebenfiguren)


Figurenrollen und Funktionen

Eine Figurenanalyse fragt nicht nur: Wie ist die Figur? sondern auch: Wozu dient sie im Text? Beispiele für Funktionen:

  1. Spiegel-Figur: macht Eigenschaften der Hauptfigur sichtbar (Kontrast oder Parallele)
  2. Katalysator: löst Entscheidungen oder Wendepunkte aus
  3. Vertreter einer Idee: steht für Werte, Normen, gesellschaftliche Gruppen
  4. Konfliktträger: verkörpert den zentralen Widerspruch des Textes



Schritt-für-Schritt: So schreibst Du eine Figurenanalyse


1. Vorbereitung: Textarbeit wie ein Profi

  1. Markiere Stellen zur Figur: Aussagen, Handlungen, Konflikte, Beziehungen
  2. Notiere Stichworte am Rand: Motiv, Gefühl, Ziel, Beziehung, Wendepunkt
  3. Sortiere Belege nach Kategorien (nicht nach Seitenzahl)

Tipp: Sammle erst Material, bevor Du formulierst. So vermeidest Du ungeordnete Aufzählungen.


2. Einleitung (kurz, informativ, ohne Inhaltsangabe-Überfluss)

In die Einleitung gehören

  1. Autor und Titel (und Epoche nur, wenn relevant)
  2. Textsorte (z.B. Kurzgeschichte, Roman, Drama)
  3. Thema/Problem des Textes in einem Satz
  4. deine Analyseabsicht: Welche Figur steht im Mittelpunkt und worauf schaust Du?


3. Hauptteil (Belege + Deutung + Funktion)

Der Hauptteil ist das Herzstück. Vorgehensweise:

  1. Behauptung: Eigenschaft/These zur Figur (z.B. „X handelt pflichtbewusst, aber innerlich zerrissen.“)
  2. Beleg: passende Textstelle als Zitat oder Paraphrase
  3. Deutung: Was zeigt das? Welche Wirkung? Welche Ursache/Folge?
  4. Einordnung: Kategorie (Sprache/Handeln/Beziehung) und Funktion im Text

Wichtig: Jede Deutung muss an den Text rückgebunden sein.


4. Entwicklung der Figur (dynamisch oder statisch?)

Frage Dich:

  1. Verändert sich die Figur sichtbar?
  2. Welche Auslöser gibt es (Konflikte, Erkenntnisse, Ereignisse)?
  3. Was bleibt gleich (Grundwerte, Ängste, Ziele)?
  4. Welche Folgen hat die Entwicklung für Handlung und Aussage?


5. Schluss (Deutung bündeln, nicht wiederholen)

Im Schluss

  1. fasst Du die wichtigsten Deutungen zusammen
  2. bewertest Du die Funktion der Figur für Thema/Aussage
  3. kannst Du einen Deutungshorizont öffnen (z.B. gesellschaftlicher Bezug), aber ohne abzuschweifen


Sprache und Stil: typische Anforderungen im Deutschunterricht


Belege richtig einbauen

Nutze klare Signalwörter:

  1. „Dies zeigt sich, als …“
  2. „Daran wird deutlich, dass …“
  3. „Die Wortwahl wirkt …, wodurch …“
  4. „Im Konflikt mit … wird sichtbar …“

Vermeide:

  1. Inhaltsangabe statt Analyse
  2. Eigenschaften ohne Belege
  3. Zitate ohne Auswertung
  4. moralische Urteile ohne Textgrundlage


Fachbegriffe, die Du sicher beherrschen solltest

  1. Erzählperspektive: auktorial, personal, Ich-Erzähler
  2. Direkte Rede und indirekte Rede
  3. Konflikt: innerer und äußerer Konflikt
  4. Figurenkonstellation: Beziehungen als Struktur der Handlung
  5. Motivation: Ziele, Bedürfnisse, Werte als Antrieb


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Was ist das zentrale Ziel einer Figurenanalyse? (Die Gestaltung und Funktion einer Figur textbasiert zu untersuchen) (!Den Text möglichst ausführlich nachzuerzählen) (!Die Biografie des Autors vollständig darzustellen) (!Alle Nebenhandlungen chronologisch aufzuschreiben)

Was bedeutet direkte Charakterisierung? (Eigenschaften werden ausdrücklich genannt oder bewertet) (!Eigenschaften werden nur durch Handlungen erschlossen) (!Eigenschaften werden ausschließlich durch Symbole gezeigt) (!Eigenschaften werden aus dem Titel geraten)

Was ist ein Kennzeichen indirekte Charakterisierung? (Eigenschaften werden aus Verhalten, Sprache und Entscheidungen erschlossen) (!Der Erzähler nennt die Eigenschaften in einer Liste) (!Die Figur stellt sich in einem Steckbrief vor) (!Die Klassenarbeit verlangt keine Belege)

Welche Aussage ist für den Hauptteil einer Figurenanalyse am sinnvollsten? (Behauptung, Beleg und Deutung werden miteinander verknüpft) (!Es werden nur Textstellen abgeschrieben) (!Es wird nur die eigene Meinung ohne Textbezug genannt) (!Es werden nur äußere Merkmale aufgezählt)

Was beschreibt Figurenkonstellation am besten? (Das Beziehungsgeflecht der Figuren und seine Bedeutung für die Handlung) (!Die Seitenzahl, auf der die Figuren erstmals auftreten) (!Die Anzahl der Kapitel im Roman) (!Die Schriftgröße im Text)

Wozu dienen Zitate in der Figurenanalyse? (Sie belegen eine Beobachtung und ermöglichen begründete Deutung) (!Sie ersetzen die eigene Analyse vollständig) (!Sie sollen möglichst lang sein) (!Sie dienen nur der Dekoration)

Was gehört typischerweise in die Einleitung? (Autor, Titel, Textsorte und Analyseabsicht) (!Alle Wendepunkte der Handlung im Detail) (!Ein persönlicher Erfahrungsbericht) (!Eine vollständige Figurenliste ohne Zusammenhang)

Wann spricht man eher von einer dynamischen Figur? (Wenn sich Einstellungen oder Verhalten nachvollziehbar verändern) (!Wenn die Figur einen kurzen Namen hat) (!Wenn die Figur nur einmal spricht) (!Wenn die Geschichte im Präsens erzählt wird)

Welche Frage passt besonders zur Deutung? (Welche Wirkung hat das Verhalten der Figur auf Konflikt und Aussage?) (!Wie viele Wörter hat der Text?) (!Welche Farbe hat das Buchcover?) (!Wie heißt der Verlag?)

Was ist ein häufiger Fehler im Schluss? (Neue Textbelege einzuführen, die vorher nicht analysiert wurden) (!Die Ergebnisse kurz zu bündeln) (!Die Funktion der Figur zu benennen) (!Die Deutung mit dem Thema zu verbinden)





Memory

Protagonist Hauptfigur
Antagonist Gegenspieler
direkte Charakterisierung ausdrücklich genannt
indirekte Charakterisierung aus Verhalten erschlossen
Figurenkonstellation Beziehungsgeflecht
Motivation innerer Antrieb





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Aussehen äußere Merkmale
Wortwahl Sprache
Entscheidung Handeln
Wandel Entwicklung
Beziehungsnetz Konstellation




...


Kreuzworträtsel

Protagonist Frage 1
Antagonist Frage 2
Motivation Frage 3
Konflikt Frage 4
Erzaehler Frage 5
Symbolik Frage 6





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

In einer Figurenanalyse untersuchst Du eine

Figur anhand von Belegen aus dem

.
Wenn Eigenschaften ausdrücklich genannt werden, spricht man von

Charakterisierung.
Aus Handlungen und Sprache erschließt Du Merkmale bei der

Charakterisierung.
Die Beziehungen zwischen den Figuren nennt man

.
Eine Figur kann sich im Verlauf verändern und dann

angelegt sein.
Im Hauptteil verbindest Du Behauptung,

und Deutung zu einem Argument.
Der Schluss bündelt die Ergebnisse und zeigt die

der Figur für Thema und Aussage.




Offene Aufgaben

Leicht

  1. Textstellen markieren: Wähle eine Figur aus einer Kurzgeschichte und markiere zehn Stellen, die etwas über Handeln oder Sprache verraten. Ordne sie drei Kategorien zu.
  2. Steckbrief: Erstelle einen Steckbrief zur Figur (nur textbasierte Informationen) und ergänze zu jedem Punkt eine kurze Textbegründung.
  3. Wirkung von Sprache: Untersuche drei Sätze der Figur (direkte Rede) und erkläre, welche Wirkung die Wortwahl auf Dich hat und warum.

Standard

  1. Figurenkonstellation: Zeichne eine Figurenkarte (Pfeile mit Beziehungstypen wie Nähe, Abhängigkeit, Konflikt) und erläutere in einem Absatz die wichtigste Beziehung.
  2. Konfliktanalyse: Beschreibe einen zentralen Konflikt der Figur (innerer oder äußerer Konflikt) und erkläre, wie er das Handeln steuert.
  3. Entwicklung: Finde zwei Textstellen aus frühem und spätem Textabschnitt und belege damit, ob die Figur statisch oder dynamisch ist.

Schwer

  1. Deutungshypothese: Formuliere eine Deutungshypothese zur Funktion der Figur für die Gesamtaussage und verteidige sie mit mindestens vier Belegen.
  2. Erzählperspektive: Analysiere, wie die Erzählperspektive die Wahrnehmung der Figur beeinflusst, und nenne zwei alternative Lesarten.
  3. Vergleich: Vergleiche dieselbe Figur in zwei Inszenierungen/Verfilmungen oder zwei Textauszügen (z.B. Dialogszene vs. Erzählerbericht) und diskutiere Unterschiede der Charakterisierung.
  4. KI-gestützte Revision: Lass eine Rohfassung Deiner Figurenanalyse sprachlich überarbeiten und prüfe kritisch, ob die Verbesserungen inhaltlich korrekt bleiben (mit Belegen gegenchecken).




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Transfer: Erkläre, wie eine Veränderung der Figurenkonstellation (z.B. Wegfall einer Nebenfigur) die Aussage des Textes verändern könnte.
  2. Begründungskette: Erstelle eine Begründungskette aus drei Schritten (Beobachtung → Deutung → Funktion) zu einem zentralen Handlungsentscheid der Figur.
  3. Perspektivwechsel: Schreibe einen kurzen Absatz, wie die Figur wirken würde, wenn die Geschichte aus einer anderen Erzählperspektive erzählt wäre, und begründe mit Analysebegriffen.
  4. Konfliktmodell: Übertrage den inneren Konflikt der Figur auf ein heutiges Beispiel (z.B. Schule, Arbeit, Familie) und erkläre Gemeinsamkeiten und Grenzen des Vergleichs.
  5. Argumentationsqualität: Prüfe eine Beispielanalyse: Markiere Behauptungen ohne Belege und verbessere sie, indem Du passende Textstellen (sinngemäß) einbindest.




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