Nach Mitternacht - Irmgard Keun


Nach Mitternacht - Irmgard Keun
Einleitung
Nach Mitternacht ist ein 1937 im Exil erschienener Roman der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun. Der Text zeigt in einer kurzen, verdichteten Zeitspanne, wie die nationalsozialistische Diktatur in den Alltag hineinwirkt: über Propaganda, Angst, Denunziation, soziale Anpassung und die zunehmende Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden. Die Erzählerin Susanne Moder (Sanna) beobachtet scheinbar „normale“ Situationen – Cafébesuche, Feiern, Gespräche – und entlarvt dabei die Mechanismen, mit denen ein totalitäres System Denken, Sprache und Beziehungen verändert.
Dieser aiMOOC hilft Dir, den Roman sicher zu verstehen und literarisch zu deuten: Du lernst Figuren, Handlung, Erzählweise, historische Hintergründe und zentrale Motive kennen. Du übst außerdem, Textstellen zu analysieren, Perspektiven zu vergleichen und Bezüge zur Gegenwart herzustellen.
Medienimpuls: Hören, Sehen, Einstieg
Ein Zugang zu Keuns Stil gelingt oft gut über Hör- und Filmausschnitte. Nutze die Videos als Impuls, um Sprache, Tonfall und Atmosphäre wahrzunehmen.
Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du:
- Handlungsanalyse durchführen: Du gibst die Kernhandlung strukturiert wieder (ohne Dich in Details zu verlieren).
- Figuren als Träger von Wertekonflikten verstehen: Anpassung, Opportunismus, Angst, Mut, Flucht.
- Keuns Erzähltechnik erklären (Ich-Erzählerin, subjektive Beobachtung, Ironie).
- Die Wirkung von Sprache unter Diktatur beschreiben (Sprechverbote, Parolen, Selbstzensur).
- Zentrale Themen deuten: Denunziation, Propaganda, Antisemitismus, Emigration, moralische Entscheidungen.
- Eigene Urteile begründen: Was zeigt der Roman über Verantwortung im Alltag?
Historischer und literarischer Kontext
Irmgard Keun war in der Weimarer Republik mit Romanen wie Das kunstseidene Mädchen bekannt. Unter dem Nationalsozialismus wurden kritische Stimmen verfolgt; viele Autorinnen und Autoren veröffentlichten im Exil (Exilliteratur). Nach Mitternacht erschien 1937 bei einem Exilverlag in Amsterdam und gehört zu den eindrücklichen literarischen Zeugnissen über Alltagswirklichkeit im NS-Staat.
Impulsfrage: Warum ist ein Exilverlag für solche Literatur wichtig? Denke an Zensur und Verfolgung.
Literaturgeschichtliche Einordnung
Der Roman lässt sich verbinden mit:
- Literatur in der Zeit des Nationalsozialismus: Kontrolle, Gleichschaltung, Verfolgung, Exil.
- Neue Sachlichkeit: nüchterne Beobachtung, gesellschaftliche Genauigkeit (als Vergleichshorizont).
- Satire und Ironie: Entlarvung durch scheinbar naive Perspektive.
Inhalt und Aufbau des Romans
Der Roman konzentriert sich auf wenige Tage und arbeitet mit Rückblenden: Sanna erzählt aus ihrer Perspektive und ordnet Ereignisse nicht „historisch“, sondern so, wie sie sie erlebt. Dadurch wirkt der Text unmittelbar und alltagsnah.
Handlungsraum und zentrale Stationen
- Frankfurt am Main als Hauptschauplatz: öffentlicher Raum, Veranstaltungen, Beobachtungen im Alltag.
- Private Räume (Wohnungen, Feste): Hier zeigt sich, wie Politik in Beziehungen eindringt.
- Rückblicke auf Sannas Vorgeschichte: Herkunft, Familie, frühere Stationen (u. a. Köln).
Figurenüberblick: Wer steht wofür?
Die Figuren sind keine „Schablonen“, sondern zeigen verschiedene Strategien, im NS-Alltag zu überleben oder zu scheitern:
- Sanna (Susanne Moder) als Ich-Erzählerin: beobachtend, scheinbar naiv, oft ironisch.
- Franz als Bezugsperson und Entscheidungspunkt: Beziehung, Loyalität, Fluchtperspektive.
- Algin (Sannas Bruder): Schriftsteller zwischen Anpassung, Karrierehoffnung und innerem Konflikt.
- Tante Adelheid (in Sannas Vorgeschichte): Anpassung, Kontrolle, Denunziationsnähe.
- Freundeskreis und Bekannte: zeigen Bandbreite von Mitlaufen, Wegschauen, Angst, leiser Kritik.
Mini-Check: Inhaltskern in 5 Sätzen
Formuliere den Inhaltskern so, dass jede Aussage unverzichtbar ist:
- Ort und Zeit der Haupthandlung.
- Wer erzählt und warum diese Perspektive wichtig ist.
- Welche Konflikte sich zuspitzen.
- Welche Rolle Angst, Kontrolle und Sprache spielen.
- Welche Entscheidung am Ende im Raum steht (und warum sie plausibel ist).
Erzählweise, Sprache und Wirkung
Keuns Roman wirkt stark durch Erzählton und Perspektive.
Ich-Erzählung und Unzuverlässigkeit
Sanna berichtet subjektiv. Das bedeutet:
- Du erlebst Ereignisse nicht „objektiv“, sondern gefiltert durch Wahrnehmung, Gefühle, Missverständnisse.
- Gerade das macht sichtbar, wie normalisiert Gewalt und Ausgrenzung im Alltag wirken können.
- Achte auf Stellen, an denen Sanna „nicht versteht“: Oft zeigt genau das die Absurdität des Systems.
Ironie und Satire als Schutz und Waffe
Ironie kann in Diktaturen doppelt funktionieren:
- Als Selbstschutz: Man sagt nicht direkt, was gefährlich wäre.
- Als Kritik: Man entlarvt über Übertreibung, Widerspruch, scheinbare Naivität.
Arbeite mit Textstellen: Wo lachst Du kurz – und merkst dann, dass es „eigentlich“ erschreckend ist?
Sprache im NS-Alltag
Untersuche:
- Propaganda-Sprache: Parolen, Floskeln, „Wir“-Rhetorik.
- Alltagsrede: Wie übernehmen Menschen Begriffe und Denkmuster?
- Schweigen und Andeutung: Was wird nicht gesagt, obwohl es gemeint ist?
Themen und Motive
Kontrolle, Angst und Denunziation
Der Roman zeigt, wie soziale Beziehungen unter Druck geraten:
- Vertrauen wird riskant.
- Menschen passen sich an, um nicht aufzufallen.
- Denunziation wird zu einem Machtinstrument im Alltag.
Ausgrenzung und Emigration
Die Entrechtung von Jüdinnen und Juden wird nicht als abstraktes Gesetzesthema gezeigt, sondern in Beziehungen, Freundschaften und Lebensplänen. Daraus entsteht die Frage: Bleiben, anpassen, widerstehen, fliehen?
Moralische Entscheidungen im Alltag
Keun stellt die entscheidende Zumutung: Nicht nur „Täter“ handeln, sondern auch Mitläufer, Zuschauer, Profiteure. Der Roman fragt, wie Verantwortung aussieht, wenn offene Opposition lebensgefährlich ist.
Rezeption und Adaptionen
Nach Mitternacht wurde vielfach neu gelesen, unter anderem in Literaturwissenschaft, Schule und Theater. Es existieren Adaptionen, unter anderem eine Verfilmung (frühe 1980er Jahre) sowie Bühnenfassungen. Für die Deutung ist spannend: Was verändert eine Inszenierung, wenn sie innere Monologe, Ironie und subjektive Perspektive auf die Bühne oder in Film übersetzt?

Transferimpuls: Das Bild zeigt ein Mahnmal zur Bücherverbrennung: Warum passen Keun und ihr Werk in diesen Erinnerungskontext?
Didaktische Hinweise: So arbeitest Du effektiv mit dem Roman
- Lies in Etappen: markiere Stellen, an denen Sanna ironisch klingt, Angst spürbar wird oder Sprache „kippt“.
- Erstelle ein Figuren-Netz (Wer beeinflusst wen? Wer hat Macht? Wer schweigt?).
- Sammle Schlüsselbegriffe der Zeit (Parolen, Labels, Schimpfwörter, Euphemismen) und notiere ihre Wirkung.
- Nutze Vergleichstexte: Exilliteratur oder andere Perspektiven auf Diktatur und Alltag.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
In welchem literarischen Kontext wird Nach Mitternacht häufig eingeordnet? (Exilliteratur) (!Romantik) (!Barock) (!Sturm und Drang)
Welche Erzählform prägt den Roman besonders? (Ich-Erzähler) (!Auktorialer Erzähler) (!Dramatischer Dialog) (!Lyrisches Ich)
Was beschreibt der Roman besonders eindringlich im Alltag? (Denunziation) (!Rittertum) (!Zauberei) (!Weltraumfahrt)
Welche Wirkung hat Keuns häufig ironischer Ton? (Entlarvung von Widersprüchen) (!Verherrlichung des Regimes) (!Reine Abenteuer-Spannung) (!Sachliche Behördenprosa ohne Haltung)
Welche Art von Entscheidungen steht für Figuren besonders im Raum? (Anpassung oder Emigration) (!Urlaubsplanung oder Sportwettkampf) (!Thronfolge im Mittelalter) (!Berufswahl in der Steinzeit)
Warum ist die subjektive Perspektive Sannas literarisch bedeutsam? (Sie zeigt Normalisierung und Verunsicherung im Alltag) (!Sie liefert eine amtliche Chronik) (!Sie ersetzt jede historische Einordnung) (!Sie erklärt technische Erfindungen)
Welche Rolle spielt Sprache im Roman? (Sie zeigt ideologische Durchdringung des Alltags) (!Sie ist nur Dekoration ohne Funktion) (!Sie dient ausschließlich Naturbeschreibungen) (!Sie ist ein reines Fachwörter-Lexikon)
Welche Aussage passt am ehesten zu Keuns Figurenzeichnung? (Menschen handeln zwischen Angst, Vorteil und Restgewissen) (!Alle Figuren sind eindeutig heldenhaft) (!Alle Figuren sind eindeutig „Monster“) (!Keine Figur verändert sich)
Welche Technik unterstützt das Gefühl von Unmittelbarkeit? (Verdichtung auf kurze Zeitspananne) (!Jahrhundertlange Familienchronik) (!Epische Göttererzählung) (!Reines Reimschema)
Wozu eignet sich der Roman im Unterricht besonders? (Analyse von Diktaturmechanismen im Alltag) (!Training von chemischen Formeln) (!Reine Geometriebeweise) (!Astronomische Bahnberechnungen)
Memory
| Ich-Erzählung | subjektive Perspektive |
| Ironie | entlarvende Distanz |
| Denunziation | soziale Kontrolle |
| Propaganda | Sprachlenkung |
| Emigration | Fluchtentscheidung |
| Exilverlag | Publikation außerhalb Deutschlands |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Sanna | Erzählinstanz |
| Frankfurt | Handlungsort |
| Ironie | Kritikstrategie |
| Denunziation | Alltagsmechanismus |
| Emigration | Auswegoption |
...
Kreuzworträtsel
| Denunziation | Frage 1 |
| Propaganda | Frage 2 |
| Frankfurt | Frage 3 |
| Gestapo | Frage 4 |
| Ironie | Frage 5 |
| Emigration | Frage 6 |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Lesetagebuch: Schreibe zu drei Kapiteln kurze Einträge: Was beobachtet Sanna, was wirkt „normal“, was ist beunruhigend?
- Figurencharakterisierung: Erstelle einen Steckbrief zu Sanna mit Zitaten zu Sprache, Haltung und Entwicklung.
- Wortfeld: Sammle zehn Begriffe aus dem Romanumfeld (z. B. Parolen, Etiketten, Drohwörter) und erkläre ihre Wirkung.
- Szenisches Lesen: Nimm eine kurze Szene als Audio auf und markiere, wo Ironie oder Angst hörbar wird.
Standard
- Erzählanalyse: Untersuche eine Stelle, in der Sanna „naiv“ wirkt. Zeige, wie gerade das Kritik erzeugt.
- Soziogramm: Zeichne ein Beziehungsnetz: Wer hat Macht, wer schweigt, wer profitiert, wer riskiert etwas?
- Vergleich: Vergleiche Keuns Darstellung von Alltag im NS-Staat mit einem zweiten Text (z. B. aus Exilliteratur oder Zeitzeug*innenberichten) und halte Gemeinsamkeiten und Unterschiede fest.
- Kreatives Schreiben: Schreibe eine Szene aus Sicht einer Nebenfigur und verändere dabei den Ton (ohne die Fakten zu ändern).
Schwer
- Diskursanalyse: Analysiere, wie Sprache im Umfeld der Figuren Ideologie transportiert. Zeige mindestens drei sprachliche Muster (Euphemismus, Parole, Wir-Rede, Drohung).
- Ethik: Entwickle eine begründete Position: Welche Formen von Verantwortung zeigt der Roman für „normale“ Menschen? Belege mit Textargumenten.
- Adaption: Entwirf ein Konzept für eine Bühnen- oder Kurzfilm-Adaption: Wie machst Du innere Monologe und Ironie sichtbar?
- Gegenwartsbezug: Erstelle ein Plakat oder kurzes Video: Welche Warnsignale für demokratiefeindliche Dynamiken lassen sich aus dem Roman ableiten?


Lernkontrolle
- Transfer: Erkläre an einem selbst gewählten Beispiel aus dem Roman, wie aus „privater“ Situation politische Realität wird.
- Perspektivwechsel: Zeige, wie sich die Bedeutung einer Szene ändert, wenn man statt Sannas Perspektive eine „offizielle“ Sicht simuliert (z. B. Berichtstil).
- Begriffsklärung: Unterscheide mit Textbezug Angst, Anpassung und Opportunismus: Wo überschneiden sie sich, wo nicht?
- Argumentation: Formuliere eine These zur Funktion von Ironie im Roman und stütze sie mit mindestens zwei Belegen.
- Bewertung: Diskutiere, ob der Roman eher Hoffnung oder Ausweglosigkeit vermittelt. Begründe differenziert (nicht nur „ja/nein“).
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