

Axiome der Kommunikation
Einleitung
Die Axiome der Kommunikation nach Paul Watzlawick (mit Janet H. Beavin und Don D. Jackson) gehören zu den einflussreichsten Grundannahmen der modernen Kommunikation und sind besonders hilfreich, um Dialoge, Konflikte und Beziehungen in literarischen Texten zu verstehen. Im Literaturunterricht (Fach Deutsch) kannst Du damit Figurenrede, Missverständnisse, Machtverhältnisse und Eskalationen systematisch analysieren – z.B. in Dramen, Romanen oder Kurzgeschichten.


Lernziele
Am Ende dieses aiMOOC kannst Du …
- die fünf Axiome der Kommunikation sicher benennen und erklären
- Figurenkommunikation im Text als Zusammenspiel von Inhalt und Beziehung deuten
- typische Kommunikationsstörungen (Missverständnis, Eskalation, Machtkampf) mit den Axiomen begründen
- Dialoge in literarischen Szenen mithilfe von Pragmatik und Dialoganalyse interpretieren
- eigene Dialoge schreiben und gezielt verändern (symmetrisch/komplementär, digital/analog)
Voraussetzungen
Du brauchst kein Vorwissen. Hilfreich sind Grundbegriffe aus dem Deutschunterricht:
Kontext: Wer war Paul Watzlawick?
Paul Watzlawick war ein Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeut, der Kommunikation als Beziehungsgeschehen verstand. Seine Axiome beschreiben grundlegende Regeln, die in jeder zwischenmenschlichen Interaktion wirksam sind – auch dann, wenn niemand „etwas sagt“. Für den Literaturunterricht ist das spannend, weil literarische Figuren oft genau an Kommunikation scheitern: Sie reden aneinander vorbei, kämpfen um Macht oder senden widersprüchliche Signale.
Warum sind die Axiome für Literatur wichtig?
Literatur zeigt Kommunikation häufig in zugespitzten Situationen:
- Figuren wollen etwas erreichen (Ziele, Interessen, Bedürfnisse)
- Beziehungen sind belastet (Nähe, Distanz, Abhängigkeit, Status)
- Missverständnisse erzeugen Spannung, Humor oder Tragik
Mit Watzlawick kannst Du diese Dynamiken präzise beschreiben – statt nur zu sagen: „Die verstehen sich nicht.“
Die fünf Axiome nach Watzlawick
Hinweis: Die Axiome sind keine „Gesetze“, sondern grundlegende Beobachtungen über Kommunikation. Sie helfen Dir, Textstellen genauer zu interpretieren.
1. Axiom: Man kann nicht nicht kommunizieren
Sobald Menschen in einer Situation miteinander verbunden sind, senden sie Signale – auch durch Schweigen, Wegsehen, Körpersprache oder Nicht-Reagieren. In literarischen Texten ist das besonders wichtig, weil Autorinnen und Autoren häufig mit Pausen, Blicken, Gesten und Auslassungen arbeiten.
Literatur-Impuls: Wenn eine Figur schweigt, ist das oft eine starke Botschaft: Ablehnung, Angst, Überlegenheit, Scham oder Widerstand.
Offene Aufgabe (Mini)
- Dialoganalyse: Suche in einer gelesenen Szene eine Stelle, an der eine Figur „nichts sagt“, aber viel kommuniziert. Begründe mit dem 1. Axiom.
2. Axiom: Jede Kommunikation hat Inhalts- und Beziehungsaspekt
Jede Äußerung hat
- einen Inhalt (Worum geht es sachlich?)
- einen Beziehungsaspekt (Wie stehen die Figuren zueinander? Wie ist der Ton? Wer hat Macht?)
Der Beziehungsteil „rahmt“ den Inhalt: Derselbe Satz kann freundlich, ironisch, abwertend oder bedrohend wirken – je nach Beziehung.
Literatur-Impuls: Achte auf Anredeformen, Höflichkeit, Ironie, Unterbrechungen, Befehle, Diminutive, Kosenamen und Distanzmarker.
Offene Aufgabe (Mini)
- Pragmatik: Nimm einen neutralen Satz (z.B. „Du bist spät.“) und formuliere ihn als Lob, Vorwurf und Drohung. Erkläre, wie sich der Beziehungsaspekt verändert.
3. Axiom: Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung
In Konflikten behaupten Figuren oft: „Ich reagiere nur!“ Watzlawick zeigt: Beide Seiten interpretieren den Ablauf unterschiedlich (Interpunktion der Ereignisse). Jede Reaktion ist zugleich neuer Auslöser.
Literatur-Impuls: Eskalationen entstehen häufig, weil beide Figuren ihre Interpunktion für „die Wahrheit“ halten.
Offene Aufgabe (Mini)
- Konfliktanalyse: Zeichne zu einer Streit-Szene zwei Ketten: „A beginnt, dann B reagiert“ und umgekehrt. Welche Interpunktion stützt welche Figurenperspektive?
4. Axiom: Digitale und analoge Modalitäten
Watzlawick unterscheidet:
- digital = Wörter, eindeutige Zeichen (gesprochener Text, schriftliche Botschaft)
- analog = nonverbal, Beziehungssignale (Tonfall, Tempo, Blick, Distanz, Gestik, Mimik, Handlung)
Störungen entstehen, wenn digital und analog nicht zusammenpassen (z.B. „Ich freue mich“ mit genervtem Ton).
Literatur-Impuls: In Dramen ist das besonders sichtbar: Regieanweisungen, Pausen, Bühnenaktionen sind analoge Kommunikation.
Offene Aufgabe (Mini)
- Szenisches Spiel: Spiele eine kurze Dialogzeile zweimal: einmal „digital freundlich + analog freundlich“, einmal „digital freundlich + analog feindselig“. Beobachte die Wirkung.
5. Axiom: Symmetrisch oder komplementär
Beziehungen können
- symmetrisch sein (Gleichheit, Wettbewerb, „auf Augenhöhe“)
- komplementär sein (Unterschiedlichkeit, Hierarchie, Ergänzung: Führung/Folgen)
Viele literarische Konflikte entstehen, wenn Figuren unterschiedliche Erwartungen haben: Die eine will Symmetrie, die andere besteht auf Komplementarität (Status, Macht, Rolle).
Literatur-Impuls: Achte auf Rang, Alter, soziale Rolle, Abhängigkeit, Schuld, Wissen, Besitz – all das stabilisiert komplementäre Muster.
Offene Aufgabe (Mini)
- Figurenkonstellation: Ordne eine Figurenbeziehung aus einem Werk als symmetrisch oder komplementär ein. Begründe mit Textsignalen (Wortwahl, Befehle, Unterbrechungen, Nähe/Distanz).
Anwendung im Literaturunterricht: So analysierst Du Dialoge mit Watzlawick
Schritt-für-Schritt-Analyse
- Textstelle wählen: Eine Szene mit Konflikt, Spannung oder Missverständnis.
- Sprechakte markieren: Wer sagt was? Wer reagiert wie?
- Beziehungsaspekt sichtbar machen: Ton, Anrede, Statussignale, Ironie, Drohung, Zuwendung.
- Interpunktion prüfen: Welche Ursache-Wirkung-Erzählung baut jede Figur?
- Analoge Zeichen notieren: Pausen, Handlungen, Blick, Raum, Gestik (auch indirekt beschrieben).
- Symmetrie/Komplementarität bestimmen: Welche Rollen werden ausgehandelt?
Typische Analysefragen (Deutschunterricht)
- Interpretation: Welche Beziehung wird durch die Sprache hergestellt oder zerstört?
- Charakterisierung: Was zeigen Kommunikationsmuster über Figuren (Unsicherheit, Dominanz, Manipulation)?
- Motiv: Welche wiederkehrenden Kommunikationsstörungen strukturieren die Handlung?
- Dramaturgie: Wie erzeugt Kommunikation Spannung (Missverständnis, Geheimnis, Doppeldeutigkeit)?
Beispiele für Textsorten
- Drama: Analoge Kommunikation über Regieanweisungen, Pausen, Bühnenaktionen
- Roman: Innensicht erklärt Interpunktion (warum eine Figur „so reagiert“)
- Brief/Chat/Tagebuch: „digital“ dominiert, analoge Hinweise fehlen – Missverständnisse werden wahrscheinlicher
- Kurzgeschichte: Verdichtung; Schweigen und Andeutung wirken stark (1. und 4. Axiom)
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wie lautet das 1. Axiom nach Watzlawick? (Man kann nicht nicht kommunizieren) (!Kommunikation ist immer wahr) (!Nur Worte sind Kommunikation) (!Nur Absicht ist Kommunikation)
Welcher Aspekt bestimmt laut 2. Axiom häufig den Inhalt? (Der Beziehungsaspekt) (!Der Inhaltsaspekt) (!Die Grammatik) (!Die Rechtschreibung)
Wie heißt das Schlüsselwort beim 3. Axiom zur unterschiedlichen Deutung von Abläufen? (Interpunktion) (!Alliteration) (!Deklinierung) (!Metrum)
Was meint „digital“ im 4. Axiom vor allem? (Wörter und eindeutige Zeichen) (!Körpersprache) (!Mimik) (!Abstand im Raum)
Was meint „analog“ im 4. Axiom vor allem? (Nonverbale Beziehungssignale) (!Rechtschreibregeln) (!Silben) (!Satzzeichen)
Welche Beziehung ist „symmetrisch“? (Eine Beziehung auf Gleichheit) (!Eine Beziehung mit festem Rang) (!Eine Beziehung ohne Sprache) (!Eine Beziehung nur im Schriftlichen)
Welche Beziehung ist „komplementär“? (Eine Beziehung auf Unterschiedlichkeit) (!Eine Beziehung ohne Konflikte) (!Eine Beziehung ohne Gefühle) (!Eine Beziehung ohne Rollen)
Welche Aussage passt am besten zum 2. Axiom im Literaturunterricht? (Derselbe Satz kann je nach Beziehung völlig anders wirken) (!Ein Satz hat immer nur eine Bedeutung) (!Ironie ist immer eindeutig) (!Beziehungen spielen in Dialogen keine Rolle)
Was kann nach dem 1. Axiom auch Kommunikation sein? (Schweigen) (!Nur ein Monolog) (!Nur ein Gedicht) (!Nur eine Überschrift)
Welche Situation passt besonders gut zum 3. Axiom? (Beide Figuren behaupten, nur zu reagieren) (!Beide Figuren lesen still) (!Eine Figur beschreibt das Wetter) (!Zwei Figuren lösen Matheaufgaben)
Memory
| Inhaltsaspekt | Sachinformation |
| Beziehungsaspekt | Ton und Haltung |
| Interpunktion | Deutung des Ablaufs |
| digital | Wortbotschaft |
| komplementär | Hierarchie |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Schweigen | Kommunikation ohne Worte |
| Beziehungsaspekt | Bestimmt den Inhalt mit |
| Interpunktion | Unterschiedliche Ursache-Wirkung-Sicht |
| analog | Körpersprache und Tonfall |
| symmetrisch | Beziehung auf Gleichheit |
Kreuzworträtsel
| Schweigen | Frage 1 |
| Beziehung | Frage 2 |
| Inhalt | Frage 3 |
| Interpunktion | Frage 4 |
| Analog | Frage 5 |
| Symmetrisch | Frage 6 |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Dialog: Schreibe einen Mini-Dialog (6 Zeilen), in dem Schweigen eine zentrale Rolle spielt, und erkläre mit dem 1. Axiom, was das Schweigen bedeutet.
- Beziehungsaspekt: Markiere in einer gelesenen Szene drei Wörter/Signale, die den Beziehungsaspekt zeigen (z.B. Anrede, Ironie, Befehl), und beschreibe ihre Wirkung.
- Analog: Erfinde zu einem Satz („Komm schon.“) drei unterschiedliche Tonfälle/Gesten und erkläre, wie sich die Bedeutung verändert.
- Symmetrie: Finde in einem aktuellen Film oder Buch eine symmetrische Beziehung und begründe sie mit typischen Sprachsignalen.
Standard
- Interpunktion: Analysiere einen Streit: Schreibe die Ereigniskette aus Sicht beider Figuren und zeige, wo die Interpunktion auseinanderläuft.
- Charakterisierung: Erstelle ein Figurenprofil: Welche Axiome werden von der Figur häufig „verletzt“ oder problematisch sichtbar?
- Dramenanalyse: Nimm eine dramatische Szene und ordne mindestens fünf Regieanweisungen als analoge Kommunikation (4. Axiom) ein.
- Macht: Untersuche eine komplementäre Beziehung (Lehrer-Schüler, Chef-Angestellte, Eltern-Kind) in einem Text: Welche sprachlichen Mittel stabilisieren die Hierarchie?
Schwer
- Interpretation: Schreibe eine Deutungshypothese: Wie treibt ein Kommunikationsmuster (z.B. symmetrische Eskalation) die Handlung voran?
- Erzählperspektive: Analysiere, wie ein Ich-Erzähler durch Auswahl von Details (Blicke, Pausen) den Beziehungsaspekt lenkt, und bewerte die Zuverlässigkeit.
- Szenisches Schreiben: Schreibe eine Szene zweimal: Version A symmetrisch eskalierend, Version B komplementär deeskalierend. Vergleiche die Wirkung.
- Projekt: Produziere ein kurzes Erklärvideo (1–2 Minuten) zu einem Axiom mit literarischem Beispiel (ohne Textzitate) und reflektiere didaktische Entscheidungen.


Lernkontrolle
- Transfer: Erkläre, warum das 3. Axiom besonders gut Konflikte in literarischen Texten beschreibt, und zeige an einer Szene, wie Interpunktion Spannung erzeugt.
- Analysekompetenz: Vergleiche zwei Figurenbeziehungen aus unterschiedlichen Texten: Welche ist eher symmetrisch, welche komplementär – und warum verändert das den Dialogverlauf?
- Deutung: Wähle eine Missverständnis-Szene und begründe, ob das Problem eher im Verhältnis digital/analog (4. Axiom) oder im Inhalts-/Beziehungsaspekt (2. Axiom) liegt.
- Kreative Anwendung: Entwickle eine Strategie, wie eine Figur einen Konflikt deeskalieren könnte, ohne den Inhalt zu ändern – nur über Beziehungs- und analoge Signale.
- Reflexion: Beurteile die Grenzen der Axiome: Wo hilft das Modell, wo könnte es literarische Mehrdeutigkeit zu stark vereinfachen?
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