Tierwohl



Einleitung

Tierwohl beschreibt die Gesundheit und das Wohlbefinden von Tieren, besonders von Nutztieren. Dazu gehören körperliche Aspekte (z.B. Schmerz, Krankheit), die Möglichkeit, natürliche Verhaltensweisen auszuleben (Normalverhalten), und das emotionale Wohlbefinden (z.B. weniger Stress und Angst). Tierwohl ist damit mehr als „kein Leid“: Es geht um gute Lebensbedingungen, die zu stabiler Gesundheit, ruhigem Verhalten und positiver Lebensqualität beitragen.

In diesem aiMOOC lernst Du, wie Tierwohl verstanden, gemessen und verbessert werden kann – in Landwirtschaft, Tiermedizin, Lebensmittelwirtschaft und im Alltag als Konsumentin oder Konsument.


Für wen ist dieser Kurs?

Dieser Kurs ist geeignet für Schule, Ausbildung und Studium (z.B. Biologie, Ethik, Politische Bildung, Agrarwissenschaften, Ernährungswissenschaft).


Lernziele

Nach diesem Kurs kannst Du:

  1. den Begriff Tierwohl von Tierschutz und Tiergerechtheit unterscheiden
  2. die Idee der Fünf Freiheiten erklären und auf Praxisbeispiele anwenden
  3. Tierwohl-Indikatoren (tierbezogen, ressourcenbezogen, managementbezogen) nachvollziehen
  4. typische Konflikte zwischen Tierwohl, Ökonomie und Nachhaltigkeit begründet diskutieren
  5. Verbesserungsmaßnahmen in Haltung, Transport und Umgang ableiten und bewerten


Grundlagen: Was bedeutet Tierwohl?


Tierwohl, Tierschutz und Tiergerechtheit

Tierschutz ist der gesellschaftliche und rechtliche Rahmen, der Tiere vor Leiden schützt (z.B. Verbote, Mindeststandards, Kontrollen). Tierwohl beschreibt den Zustand des Tieres: Wie gesund, zufrieden, stressarm und verhaltensgerecht es lebt. Tiergerechtheit wird oft als „Passung“ zwischen Tier und Umwelt verstanden: Inwiefern ermöglichen Haltung und Management die Vermeidung von Schmerz/Schäden und fördern Wohlbefinden.

Wichtig: Tierwohl ist multidimensional. Ein Stall kann z.B. hygienisch sehr gut sein, aber wenn Tiere nicht laufen, wühlen oder sich zurückziehen können, kann das Tierwohl trotzdem eingeschränkt sein.


Bedürfnisse von Tieren

Tiere haben artspezifische Bedürfnisse. Dazu gehören:

  1. Futter und Wasser in ausreichender Qualität und Menge
  2. geeignete Liegeflächen und ein passendes Stallklima (Temperatur, Luft, Licht)
  3. Gesundheit (Vorbeugung, Diagnose, Behandlung)
  4. soziale Kontakte und Rückzugsmöglichkeiten (je nach Art)
  5. Möglichkeiten für Erkundungsverhalten, Beschäftigung und Körperpflege (z.B. Scheuern bei Rindern)


Warum ist Tierwohl ein gesellschaftliches Thema?

Tierwohl betrifft:

  1. Ethik: Wie gehen Menschen mit fühlenden Lebewesen um?
  2. Wirtschaft: Tierwohlmaßnahmen kosten Geld, können aber auch Qualität, Akzeptanz und Marktchancen verbessern.
  3. Politik: Regeln und Kennzeichnungen sollen Mindeststandards sichern und Transparenz schaffen.
  4. Umwelt und Nachhaltigkeit: Tierwohl kann mit Flächenbedarf, Emissionen und Ressourceneinsatz in Konflikt geraten oder sich sinnvoll ergänzen (je nach System und Management).


Messung und Bewertung von Tierwohl


Die „Fünf Freiheiten“ als Orientierungsrahmen

Ein international bekannter Ansatz sind die Fünf Freiheiten (aus der Tierwohl-Diskussion und Tierethik). Sie werden häufig als Leitlinien genutzt:

  1. Freiheit von Hunger und Durst
  2. Freiheit von Unbehagen (z.B. ungeeignete Unterbringung)
  3. Freiheit von Schmerz, Verletzungen und Krankheiten
  4. Freiheit, normales Verhalten auszuleben
  5. Freiheit von Angst und Stress

Diese Freiheiten sind keine „Messwerte“, aber ein starkes Raster, um Haltungsbedingungen kritisch zu prüfen.


Indikatoren: Woran erkennt man Tierwohl?

In der Praxis wird Tierwohl über verschiedene Indikatoren eingeschätzt:


Tierbezogene Indikatoren

Beobachtungen direkt am Tier, z.B. Lahmheit, Verletzungen, Körperkondition, Atemprobleme, Verhalten, Sauberkeit, Stressanzeichen, Interaktionen (Aggression, Spielverhalten).


Ressourcenbezogene Indikatoren

Eigenschaften der Umgebung, z.B. Platzangebot, Strukturierung (Liegebereich, Aktivitätsbereich), Einstreu, Auslauf, Tränken- und Fressplatzanzahl, Klima, Licht, Lärm.


Managementbezogene Indikatoren

Wie mit Tieren gearbeitet wird, z.B. Gesundheitsmanagement, Impf- und Behandlungsstrategien, Umgang beim Treiben, Dokumentation, Schulung, Tierkontrollen, Notfallpläne.


Bewertungsverfahren und Systeme

In Forschung und Praxis gibt es Systeme, die mehrere Indikatoren kombinieren (z.B. Programme, die Tierbeobachtung und Haltungsdaten zusammenführen). Häufig werden dabei Bereiche wie gute Fütterung, gute Haltungsbedingungen, gute Gesundheit und artgemäßes Verhalten getrennt betrachtet und anschließend zusammen bewertet.


Tierwohl in der Praxis: Stellschrauben für bessere Bedingungen


Haltung und Stallgestaltung

Gute Tierwohlbedingungen entstehen, wenn die Umgebung zum Tier passt:

  1. Platz und Struktur: Tiere brauchen Bereiche für Ruhe, Aktivität und Ausscheidung.
  2. Komfort: trockene, weiche und saubere Liegeflächen reduzieren Verletzungen und fördern Ruhe.
  3. Klima: Hitze, Zugluft und schlechte Luftqualität belasten Gesundheit und Verhalten.
  4. Beschäftigung: geeignete Materialien (z.B. wühlbares Material bei Schweinen) reduzieren Frust und Problemverhalten.


Fütterung, Wasser und Gesundheit

Tierwohl steigt, wenn Grundbedürfnisse verlässlich erfüllt sind:

  1. kontinuierlicher Zugang zu sauberem Wasser
  2. passendes Futter (Art, Alter, Leistung, Gesundheitsstatus)
  3. frühes Erkennen von Krankheiten (Beobachtung, Tierarzt-Einbindung)
  4. Prävention statt nur Behandlung (Hygiene, Biosicherheit, Impfstrategien)


Transport und Schlachtung

Tierwohl endet nicht am Hoftor. Kritische Punkte sind:

  1. Stressarme Verladung und kurze Wartezeiten
  2. geeignete Temperatur, Platz und Luft beim Transport
  3. ruhige Treibwege, Vermeidung von Angst und Schmerz
  4. wirksame Betäubung und sorgfältige Abläufe bei der Schlachtung


Tierwohl und Kennzeichnung

Viele Konsumentscheidungen orientieren sich an Siegeln und Kennzeichnungen (z.B. Tierwohllabel). Wichtig ist, Kriterien zu verstehen:

  1. Welche Mindestanforderungen gelten?
  2. Welche Verbesserungen werden nachweisbar umgesetzt?
  3. Wie wird kontrolliert?
  4. Was sagt das Label nicht aus (z.B. Transport, Zuchtziele, regionale Unterschiede)?


Medien: Tierwohl anschaulich


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Was beschreibt der Begriff Tierwohl am treffendsten? (Gesundheit, Verhalten und emotionales Wohlbefinden eines Tieres in seiner Umwelt) (!Nur das Fehlen von Krankheiten) (!Ausschließlich die Größe des Stalls) (!Nur die Einhaltung gesetzlicher Mindeststandards)

Wofür steht die Idee der Fünf Freiheiten vor allem? (Als Orientierungsrahmen, um Tierhaltung und Umgang am Wohlbefinden zu prüfen) (!Als Messgerät zur Ermittlung der Stalltemperatur) (!Als Futtermittelstandard) (!Als Liste von Tierarten in Europa)

Welche Aussage passt am besten zu tierbezogenen Indikatoren? (Sie werden direkt am Tier beobachtet, z.B. Lahmheit oder Verletzungen) (!Sie beschreiben nur die Größe von Gebäuden) (!Sie sind ausschließlich betriebswirtschaftliche Kennzahlen) (!Sie sind immer identisch mit Gesetzestexten)

Welche Maßnahme unterstützt besonders das Ausleben von Normalverhalten bei Schweinen? (Beschäftigungsmaterial und wühlbare Materialien) (!Dauerhaftes grelles Licht) (!Maximale Verdichtung der Gruppen ohne Struktur) (!Ausschließlich flüssiges Futter ohne Strukturierung)

Warum kann ein sehr hygienischer Stall trotzdem Tierwohlprobleme haben? (Weil Gesundheit nur ein Teil ist und Verhalten sowie Emotionen ebenfalls zählen) (!Weil Hygiene grundsätzlich schädlich ist) (!Weil Tierwohl nur vom Futter abhängt) (!Weil Tierwohl nur im Freiland möglich ist)

Welche Kombination beschreibt ressourcenbezogene Indikatoren am besten? (Platzangebot, Klima, Liegeflächen, Auslauf und Ausstattung) (!Herzfrequenz und Atemfrequenz) (!Marktpreis und Gewinnmarge) (!Schulnoten des Personals)

Was ist ein typisches Ziel von Tierwohlmaßnahmen? (Weniger Schmerzen, weniger Stress und bessere Möglichkeit zu artgemäßem Verhalten) (!Höhere Geschwindigkeit beim Verladen) (!Möglichst viele Tiere pro Quadratmeter ohne Rücksicht auf Verhalten) (!Ausschließlich maximale Gewichtszunahme unabhängig von Gesundheit)

Welche Aussage zu Tierschutz und Tierwohl ist am besten begründet? (Tierschutz setzt Mindestanforderungen, Tierwohl beschreibt den Zustand des Tieres) (!Tierschutz ist immer freiwillig, Tierwohl ist immer gesetzlich) (!Tierwohl ist nur ein Marketingbegriff ohne Bezug zum Tier) (!Tierschutz und Tierwohl sind identisch und austauschbar)

Welche Situation deutet eher auf Belastung als auf gutes Tierwohl hin? (Häufige Verletzungen und auffällige Stressreaktionen in der Gruppe) (!Regelmäßiges ruhiges Liegen und Wiederkauen) (!Stabile Körperkondition und saubere Tiere) (!Neugieriges Erkundungsverhalten ohne Aggression)

Warum ist Management wichtig für Tierwohl? (Weil Umgang, Kontrolle, Prävention und Reaktion auf Probleme den Zustand der Tiere stark beeinflussen) (!Weil nur Management die Tierart verändert) (!Weil Management automatisch alle Ressourcen ersetzt) (!Weil Management nur für die Vermarktung wichtig ist)





Memory

Tierwohl Zustand des Tieres
Tierschutz Rechtlicher Rahmen
Tiergerechtheit Passung von Umwelt und Bedürfnissen
Normalverhalten Artspezifische Verhaltensweisen
Stress Belastungsreaktion
Indikator Mess- oder Beobachtungskriterium





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Liegekomfort Saubere weiche Liegefläche
Gesundheitsprävention Früherkennung und Vorbeugung
Beschäftigung Material zum Erkunden und Bearbeiten
Stallklima Luftqualität und Temperatur
Sozialverhalten Stabiler Umgang in der Gruppe




...


Kreuzworträtsel

Ethologie Wie heißt die Wissenschaft vom Verhalten der Tiere?
Stress Wie nennt man eine typische Belastungsreaktion bei Tieren?
Weide Wie heißt eine Haltungsform mit Grasfläche im Freien?
Hygiene Welcher Begriff steht für Sauberkeit und Keimkontrolle im Stall?
Label Wie nennt man eine Kennzeichnung, die Verbraucherinnen und Verbraucher orientieren soll?
Brambell Wie heißt der Name, der mit dem frühen Bericht zur Tierwohl-Debatte verbunden ist?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Der Begriff Tierwohl beschreibt die

und das Wohlbefinden von Tieren. Neben körperlichen Aspekten spielt die Möglichkeit eine Rolle,

auszuleben. Ein bekannter Orientierungsrahmen sind die

des Tierwohls. Tierbezogene Indikatoren werden

am Tier beobachtet. Ressourcenbezogene Indikatoren beschreiben die

und Ausstattung. Managementbezogene Indikatoren betreffen den

und die Organisation im Betrieb. Eine gute Liegefläche verbessert den

und kann Verletzungen reduzieren. Stressarme Abläufe sind besonders bei

und Schlachtung wichtig.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Tierwohl: Beobachte (ohne Tiere zu stören) in einem Video oder auf einem Hofbesuch, welche Verhaltensweisen Du als Normalverhalten erkennst, und beschreibe sie in einem kurzen Protokoll.
  2. Fünf Freiheiten: Wähle eine Tierart (z.B. Rind, Schwein, Huhn) und erkläre zu jeder Freiheit ein konkretes Beispiel aus Haltung oder Alltag.
  3. Indikator: Erstelle eine Liste mit fünf tierbezogenen Indikatoren und erkläre jeweils in einem Satz, warum sie wichtig sind.
  4. Label: Vergleiche zwei Kennzeichnungen für tierische Produkte und notiere, welche Informationen sie Dir geben und welche Dir fehlen.


Standard

  1. Tiergerechtheit: Zeichne einen idealisierten Stallgrundriss oder Auslaufplan für eine Tierart und begründe die Bereiche (Ruhen, Fressen, Aktivität, Rückzug).
  2. Stress: Entwickle einen Vorschlag, wie man Stress beim Treiben von Tieren reduzieren kann (Ablauf, Umgebung, Mensch-Tier-Interaktion).
  3. Stallklima: Plane eine einfache Mess- oder Beobachtungsaufgabe (z.B. Luft, Feuchte, Verhalten) und erkläre, wie Du daraus Tierwohl-Hinweise ableiten würdest.
  4. Nachhaltigkeit: Schreibe einen kurzen Kommentar, wie Tierwohl und Umweltziele zusammenpassen können, und nenne mindestens zwei mögliche Zielkonflikte.


Schwer

  1. Welfare Quality: Entwickle ein eigenes Mini-Bewertungssystem mit vier Kategorien (Fütterung, Haltung, Gesundheit, Verhalten) und je drei Kriterien, inklusive einfacher Punkteskala.
  2. Ethik: Führe ein Interview (real oder simuliert) mit einer Person aus Landwirtschaft, Handel oder Tierschutz und fasse Perspektiven, Konflikte und gemeinsame Lösungen zusammen.
  3. Politische Bildung: Entwirf eine Informationskampagne für Deine Schule oder Gemeinde, die Tierwohl verständlich erklärt (Plakat, Video, Social-Media-Post-Serie).
  4. Projekt: Plane eine Exkursion oder digitale Exkursion (z.B. virtueller Hofrundgang) und erstelle danach einen Bericht mit Verbesserungsmaßnahmen, die realistisch umsetzbar wären.




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Lernkontrolle

  1. Transfer: Erkläre an einem Beispiel, warum „mehr Platz“ nicht automatisch „bestes Tierwohl“ bedeutet, und welche zusätzlichen Faktoren geprüft werden müssen.
  2. Systemdenken: Beschreibe, wie sich eine Veränderung (z.B. Auslauf) auf Gesundheit, Verhalten, Arbeitsaufwand und Umwelt auswirken kann.
  3. Argumentation: Formuliere ein ausgewogenes Pro- und Contra zur Tierwohl-Kennzeichnung aus Sicht von Landwirtschaft, Handel und Konsum.
  4. Diagnose: Du siehst bei einer Tiergruppe vermehrt Verletzungen: Entwickle eine Ursachenanalyse, die tierbezogene, ressourcenbezogene und managementbezogene Indikatoren kombiniert.
  5. Gestaltung: Entwickle drei Maßnahmen, die gleichzeitig Tierwohl und Arbeitssicherheit verbessern, und begründe die Zusammenhänge.
  6. Reflexion: Erstelle einen Kriterienkatalog, wie Du als Verbraucherin oder Verbraucher verantwortliche Entscheidungen treffen willst (ohne Perfektion zu verlangen).




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