Personaler Erzähler



Einleitung


Der Personaler Erzähler (auch: personale Erzählperspektive oder personale Erzählsituation) ist eine zentrale Technik der Epik und gehört zum Standard-Werkzeug im Deutschunterricht und in der Literaturanalyse. Beim personalen Erzählen erlebst Du die Handlung nah an einer Figur (oft einer Hauptfigur bzw. Reflektorfigur), obwohl in der Regel in der Er-/Sie-Form erzählt wird. Du erfährst Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und Deutungen dieser Figur – aber nicht mehr, als diese Figur wissen oder bemerken kann.


Diese Perspektive erzeugt häufig Spannung (weil Informationen fehlen), Nähe (weil Du innerlich mitgehst) und manchmal Unzuverlässigkeit (weil die Figur die Welt subjektiv deutet). Um den personalen Erzähler sicher zu erkennen, brauchst Du Kriterien aus Erzähltheorie und typische sprachliche Signale (z.B. erlebte Rede, innerer Monolog, figurennahe Wertungen).


Hinweis zur Einordnung: In vielen Modellen wird der personale Erzähler über begrenztes Wissen definiert, im Unterschied zum auktorialen Erzähler (allwissend) und zum neutralen Erzähler (kamerahaft, ohne Innensicht). Die Perspektiv-Frage lautet dabei: Wer sieht? – nicht nur: Wer erzählt? (vgl. auch Fokalisierung).


Lernziele dieses aiMOOC


Am Ende dieses Kurses kannst Du:

  1. den personalen Erzähler sicher definieren und von Ich-Erzähler, auktorialem und neutralem Erzählen abgrenzen.
  2. typische Signale der personalen Perspektive (Wissensbegrenzung, Innensicht, figurennahe Sprache) in Textstellen markieren.
  3. die Wirkung der personalen Erzählweise (Nähe, Spannung, Subjektivität) begründet analysieren.
  4. Perspektivwechsel (Multiperspektivität) erkennen und interpretieren.
  5. eigene Texte gezielt in personaler Perspektive schreiben und überarbeiten.


Medien-Impulse





Grundlagen: Was ist ein personaler Erzähler?


Definition und Kerngedanke


Ein Personaler Erzähler erzählt in der Regel in der Er-/Sie-Form und bindet die Darstellung eng an das Erleben einer Figur. Du erhältst Zugriff auf deren Innensicht (Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen), aber der Erzähler bleibt in seinem Wissen begrenzt: Er weiß nicht, was andere Figuren denken, fühlen oder heimlich planen – es sei denn, die Fokusfigur bekommt es mit.


Typische Faustregel:

  1. Du weißt als Leserin/Leser nur, was die Fokusfigur weiß.
  2. Du siehst die Welt durch die Brille dieser Figur.
  3. Die Sprache kann figurennahe Färbungen tragen (Wertungen, Zweifel, Hoffnungen).


Abgrenzung zu anderen Erzählweisen


Personaler Erzähler vs. auktorialer Erzähler

  1. Auktorial: Erzähler weiß (scheinbar) alles, kommentiert, wertet, kann vorausdeuten, wechselt frei Orte und Innenwelten.
  2. Personal: Erzähler ist an eine Figur gebunden, kommentiert weniger „von oben“, Wissen bleibt begrenzt.


Personaler Erzähler vs. Ich-Erzähler

  1. Ich-Erzähler: Erzähler ist selbst Figur und erzählt in der Ich-Form; Wissen ist ebenfalls begrenzt, aber die Darstellung wirkt oft noch unmittelbarer.
  2. Personal: Erzählt meist in Er/Sie, bleibt jedoch in der Wahrnehmung figurengebunden.


Personaler Erzähler vs. neutraler Erzähler

  1. Neutral: beschreibt „von außen“, wie eine Kamera; keine Gedanken/ Gefühle, kaum Wertungen.
  2. Personal: bietet Innensicht und subjektive Färbung, aber ohne Allwissen.


Zentrale Fachbegriffe (für Analyse und Klausur)


  1. Erzählperspektive: Aus welcher Sicht wird das Geschehen vermittelt?
  2. Fokalisierung: Wer „sieht“ das Geschehen? (z.B. figural/ intern fokalisiert)
  3. Erzählform: Ich-Form oder Er/Sie-Form (nicht dasselbe wie Perspektive!)
  4. Erzählinstanz: „Stimme“, die erzählt (vom Autor zu unterscheiden)
  5. Reflektorfigur: Figur, an deren Wahrnehmung die Darstellung gebunden ist
  6. Erlebte Rede: Gedanken/Empfindungen der Figur in erzählerischer Form
  7. Innerer Monolog: unmittelbarer Gedankengang der Figur (oft Ich-Form, Präsens möglich)
  8. Multiperspektivität: Wechsel zwischen mehreren personalen Fokusfiguren


Merkmale: So erkennst Du den personalen Erzähler


1) Begrenzter Wissenshorizont


Ein sehr starkes Erkennungszeichen: Der Text verrät Dir keine Informationen, die außerhalb des Wahrnehmungs- und Wissensbereichs der Fokusfigur liegen. Wenn irgendwo „heimlich“ etwas passiert, weißt Du es erst, wenn die Figur es erfährt.


2) Innensicht einer Figur


Du bekommst Zugang zu Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen, Erwartungen oder körperlichen Empfindungen der Fokusfigur. Achtung: Das kann sehr direkt sein (innerer Monolog) oder indirekt (erlebte Rede).


3) Figurennahe Sprache und Wertungen


Auch wenn „er/sie“ erzählt wird, kann die Wortwahl so wirken, als würde die Figur selbst die Welt bewerten. Typisch sind:

  1. emotional gefärbte Adjektive („lächerlich“, „unfair“, „herrlich“)
  2. Zweifel/Erwartungen („Bestimmt würde das schiefgehen.“)
  3. eingeschränkte Wahrnehmung („Er konnte kaum erkennen…“)


4) Nähe-Effekt und Spannung


Weil Du mit einer Figur „mitgehst“, entsteht oft Identifikation oder zumindest emotionale Nähe. Gleichzeitig steigt die Spannung, weil Du nicht alles weißt.


Mini-Checkliste für Textstellen (Klausur-Tool)


  1. Wird in Er/Sie erzählt, aber mit Innensicht?
  2. Weiß der Erzähler nur das, was die Fokusfigur weiß?
  3. Gibt es figurennahe Sprache (Wertungen, Zweifel, Erwartungen)?
  4. Fehlen kommentierende „Allwissens“-Sätze von außen?
  5. Bleibt die Darstellung über längere Passagen bei einer Figur (oder wechselt sie erkennbar)?


Vertiefung: Personal erzählen und Stanzel/Erzähltheorie


Personale Erzählsituation im typologischen Modell


In der deutschsprachigen Literaturdidaktik wird häufig auf das typologische Modell (Franz Karl Stanzel) verwiesen. Vereinfacht hilft es Dir, personale, auktoriale und Ich-Erzählweisen als Idealtypen zu unterscheiden. Für die personale Erzählsituation ist typisch:

  1. Erzählen in der dritten Person (oft „er/sie“)
  2. Innensicht/Reflektorfigur als Zentrum
  3. keine allwissende Überblickshaltung, eher „Mitgehen“ statt „Überblick“


Wichtig: In realen Texten gibt es oft Mischformen. Entscheidend ist, welche Merkmale dominieren und welche Wirkung entsteht.


Perspektivwechsel und Multiperspektivität


Manche Romane oder Erzählungen wechseln zwischen mehreren Fokusfiguren (z.B. Kapitelweise). Dann hast Du nicht „den einen“ personalen Erzähler, sondern eine Multiperspektivität mit wechselnder figuraler Bindung. In der Analyse fragst Du:

  1. Wann wechselt die Fokusfigur?
  2. Warum genau hier?
  3. Welche Informationen oder Wirkungen entstehen durch den Wechsel?


Schreibwerkstatt: Personal erzählen (selbst ausprobieren)


Strategie: Von außen nach innen schreiben


Wenn Du personal erzählen willst, geh in drei Schritten vor:

  1. Wähle eine Fokusfigur (Name, Ziele, Ängste, Wissen).
  2. Lege fest, was sie in der Szene wahrnehmen kann (Ort, Sinneseindrücke).
  3. Formuliere Innensicht über erlebte Rede oder innerer Monolog (sparsam und passend zur Figur).


Typische Fehler (und wie Du sie vermeidest)


  1. „Allwissens-Sprung“: Plötzlich weiß der Text, was andere denken, ohne dass die Fokusfigur es merkt.
  2. Unklare Bindung: Du wechselst unbemerkt die Perspektive mitten im Absatz.
  3. Zu viel Kommentar „von oben“: Der Erzähler erklärt die Moral statt die Figur erleben zu lassen.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Was ist das wichtigste Merkmal des personalen Erzählens? Begrenztes Wissen an eine Figur gebunden (!Allwissende Übersicht über alle Figuren) (!Nur äußere Beschreibung ohne Innensicht) (!Erzählung ausschließlich in der Ich-Form)

In welcher Form wird beim personalen Erzähler typischerweise erzählt? Er- oder Sie-Form (!Ich-Form) (!Du-Form) (!Nur in wörtlicher Rede)

Welche Technik ist besonders typisch für figurennahe Innensicht? Erlebte Rede (!Regieanweisungen) (!Sachlicher Berichtstil ohne Wertung) (!Reim und Strophe)

Wodurch entsteht beim personalen Erzählen häufig Spannung? Lesende wissen nicht mehr als die Fokusfigur (!Der Erzähler verrät die Lösung am Anfang) (!Der Erzähler kommentiert jede Handlung moralisch) (!Alle Figuren sprechen dauerhaft im Dialekt)

Was passt am besten zur Rolle der Reflektorfigur? Sie ist die Figur, durch deren Wahrnehmung erzählt wird (!Sie ist immer der Autor des Textes) (!Sie ist eine Figur ohne Gefühle und Gedanken) (!Sie ist zwingend der Erzähler in der Ich-Form)

Welche Aussage trifft auf den auktorialen Erzähler zu? Er kann mehr wissen als die Figuren (!Er ist immer an eine einzige Figur gebunden) (!Er darf keine Vorausdeutung nutzen) (!Er zeigt nur äußerlich Wahrnehmbares)

Was bedeutet Multiperspektivität in Erzähltexten? Wechsel zwischen mehreren figurenbezogenen Perspektiven (!Erzählung nur in der Du-Form) (!Eine Perspektive ohne Figur) (!Ein Text ohne Handlung)

Welche Kombination passt am ehesten zum neutralen Erzählen? Außensicht ohne Gedankenwiedergabe (!Innensicht einer Figur mit erlebter Rede) (!Allwissendes Kommentieren und Werten) (!Ständiger Perspektivwechsel in jedem Satz)

Woran erkennst Du am sichersten, dass es personal erzählt ist? Gedanken und Gefühle einer Figur, aber kein Allwissen (!Viele Metaphern und Vergleiche) (!Dialoge sind besonders lang) (!Es kommen viele Fachbegriffe vor)

Welche Wirkung ist für personale Perspektive besonders typisch? Nähe zur Fokusfigur durch Innensicht (!Distanz durch reinen Bericht ohne Wahrnehmung) (!Komik durch ständige direkte Leseransprache) (!Allwissende Sicherheit über das Ende)





Memory

Begrenzter Wissenshorizont Nur Fokusfigur weiß es
Reflektorfigur Zentrum der Wahrnehmung
Erlebte Rede Figurennahe Gedankenform
Innensicht Gefühle und Gedanken
Multiperspektivität Wechsel der Fokusfigur





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Personaler Erzähler Wissen an Figur gebunden
Auktorialer Erzähler Kommentiert mit Überblick
Neutraler Erzähler Beschreibt nur von außen
Erlebte Rede Gedanken ohne Anführungszeichen
Reflektorfigur Wahrnehmungszentrum der Szene




...


Kreuzworträtsel

Reflektor Frage 1
Innensicht Frage 2
ErlebteRede Frage 3
Fokalisierung Frage 4
Spannung Frage 5
Perspektive Frage 6





Frage 1 = Wie heißt die Figur, durch deren Wahrnehmung eine Szene vermittelt wird?
Frage 2 = Wie nennt man die Darstellung von Gedanken und Gefühlen „von innen“?
Frage 3 = Welche Technik gibt Gedanken figurennahe wieder, ohne direkte Rede zu sein?
Frage 4 = Fachbegriff für die Frage „Wer sieht?“ im Erzähltext?
Frage 5 = Typische Wirkung, wenn Lesende nicht mehr wissen als die Fokusfigur?
Frage 6 = Oberbegriff für den Blickwinkel, aus dem erzählt wird?


LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Beim

Erzählen bleibt das Wissen des Erzählers an

gebunden. Meist wird in der

erzählt, obwohl die Darstellung eine deutliche

erzeugen kann. Besonders häufig erscheinen Gedanken über

oder einen

. Im Unterschied zum

Erzähler kann die personale Perspektive nicht frei in die Köpfe

springen. Dadurch entsteht oft

, weil Lesende nur wissen, was die Fokusfigur

oder erfährt. Wenn ein Text zwischen mehreren Fokusfiguren wechselt, spricht man von

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Erzählperspektive: Nimm eine kurze Textstelle (10–15 Zeilen) aus einer Schullektüre und markiere alle Wörter, die zeigen, dass die Handlung an eine Figur gebunden ist. Begründe Deine Markierungen.
  2. Innensicht: Schreibe 8 Sätze über einen Schulweg aus personaler Perspektive (Er/Sie-Form), sodass man klar merkt, was die Figur fühlt.
  3. Reflektorfigur: Erfinde eine Figur (Name, Ziel, Angst) und notiere, welche Informationen diese Figur in einer Szene NICHT wissen kann.
  4. Wirkung: Beschreibe in einem Absatz, wie personale Perspektive Nähe erzeugt. Nutze mindestens zwei Beispiele (z.B. Gedanken, Wahrnehmung).


Standard

  1. Erlebte Rede: Schreibe eine Szene zweimal: einmal neutral (nur Außensicht), einmal personal mit erlebter Rede. Vergleiche anschließend die Wirkung in 5 Sätzen.
  2. Multiperspektivität: Plane eine Geschichte mit zwei Fokusfiguren. Lege fest, in welchen Abschnitten die Perspektive wechselt und welche neuen Informationen dadurch entstehen.
  3. Textanalyse: Finde in einer Kurzgeschichte eine Stelle, an der die Perspektive besonders wichtig ist. Erkläre, wie sich die Interpretation ändern würde, wenn auktorial erzählt wäre.
  4. Stilmittel: Sammle 10 Wörter, die stark wertend sind (z.B. „eklig“, „großartig“) und erkläre, wie solche Wörter personale Erzählweise unterstützen können.


Schwer

  1. Erzähltheorie: Erstelle ein Erklärposter (digital oder auf Papier) mit den Begriffen Erzählform, Erzählperspektive und Fokalisierung. Gib zu jedem Begriff ein eigenes Beispiel.
  2. Unzuverlässiges Erzählen: Schreibe eine Szene personal aus Sicht einer Figur, die sich irrt. Baue Hinweise ein, an denen Lesende den Irrtum erkennen können.
  3. Interpretation: Analysiere, wie personaler Erzähler Sympathie steuern kann. Nutze ein Beispiel aus einer Lektüre oder einem Film und erkläre mindestens zwei konkrete Techniken.
  4. Überarbeitung: Nimm einen eigenen Text (oder einen anonymisierten Klassen-Text) und überarbeite ihn so, dass Perspektivsprünge entfernt werden. Dokumentiere drei Änderungen mit Begründung.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle


  1. Transfer: Erkläre, warum ein Krimi häufig personal erzählt wird. Zeige an zwei selbst erfundenen Mini-Beispielen, wie Informationsbegrenzung Spannung erzeugt.
  2. Vergleich: Du bekommst dieselbe Szene einmal personal und einmal auktorial. Beschreibe, wie sich Verantwortung und Deutung (Wer „hat Recht“?) für Lesende verändern.
  3. Perspektivwechsel: Entwickle eine Szene, in der ein Perspektivwechsel erst am Ende aufgelöst wird. Begründe, welche Wirkung dieser Aufbau hat und welche Risiken entstehen.
  4. Analysekompetenz: Formuliere drei Kriterien, mit denen Du in einer Klausur in unter zwei Minuten die Erzählweise bestimmst, und wende sie auf eine beliebige Textstelle an.
  5. Gestaltungsentscheidung: Entscheide Dich für ein Thema (z.B. Mobbing, Abenteuer, Science-Fiction) und begründe, ob Du personal, neutral oder auktorial erzählen würdest – inklusive Wirkung auf Lesende.




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