Auktorialer Erzähler


Auktorialer Erzähler
Einleitung
Der auktoriale Erzähler (auch: allwissender Erzähler) ist eine wichtige Erzählperspektive im Deutschunterricht und in der Literaturwissenschaft. Er steht außerhalb der erzählten Welt, erzählt meist in der Er-/Sie-Form und kann (typischerweise) mehr wissen als alle Figuren. Dadurch kann er Ereignisse kommentieren, bewerten, Zusammenhänge erklären, Vorausdeutungen geben oder den Leser direkt ansprechen. In diesem aiMOOC lernst Du, wie Du den auktorialen Erzähler sicher erkennst, begründest und seine Wirkung im Text analysierst.

Warum ist das Thema wichtig?
Wenn Du Erzähltexte analysierst (Kurzgeschichte, Roman, Novelle), gehört die Bestimmung von Erzähler und Erzählverhalten zu den Grundlagen. Wer erzählt und wie erzählt wird, beeinflusst:
- Spannung: Durch Vorausdeutungen oder Informationsvorsprung
- Figurencharakterisierung: Durch Kommentare, Urteile und innere Einsichten
- Leserlenkung: Durch direkte Ansprache oder Wertungen
- Interpretation: Weil die Erzählweise eine Deutungshaltung nahelegen kann
Für wen ist dieser aiMOOC geeignet?
Dieser aiMOOC passt für Dich, wenn Du:
- in Klasse 7–13 Erzähltexte analysierst
- eine Klausur zum Thema Erzählperspektive schreibst
- im Studium Grundlagen der Narratologie wiederholst
Lernziele
Am Ende kannst Du:
- den auktorialen Erzähler sicher von personalem Erzähler und Ich-Erzähler unterscheiden
- typische Merkmale im Text belegen (mit Zitaten oder Textstellen)
- die Wirkung der auktorialen Erzählweise auf Leser und Figuren erklären
- Mischformen erkennen und sauber begründen (z.B. Übergänge im Stanzel-Modell)
Einstieg: Ein Bild, eine Idee
Stell Dir vor, jemand erzählt Dir eine Geschichte und weiß dabei:
- was alle Figuren denken
- was gleich passieren wird
- warum etwas früher geschehen ist
- wie Du als Leser das Ganze bewerten sollst
Genau diese „Übersicht von oben“ ist typisch für den auktorialen Erzähler.

Input: Was ist ein auktorialer Erzähler?
Grundidee
Der auktoriale Erzähler ist eine Erzählstimme, die meist außerhalb des Geschehens steht. Im klassischen Verständnis kann er allwissend sein: Er kennt Gedanken, Gefühle, Hintergründe, parallele Handlungen an anderen Orten und mögliche Zukünfte. Besonders typisch ist, dass er das Erzählte kommentiert oder den Leser lenkt.
Wichtige Fachbegriffe (sicher beherrschen)
- Erzähler: Die erzählende Instanz im Text (nicht automatisch der Autor)
- Erzählperspektive: Aus welcher Sicht wird erzählt? „Wo sieht und spricht der Erzähler?“
- Erzählverhalten: auktorial, personal, neutral (häufig schulische Einteilung)
- Erzählsituation: Modellhafte Beschreibung, z.B. im Typenkreis nach Stanzel
- Erzählerkommentar: Wertung/Kommentar des Erzählers
- Vorausdeutung: Hinweis auf späteres Geschehen
- Rückblende: Rückgriff auf Vergangenes zur Erklärung
- Leseransprache: Erzähler wendet sich direkt an den Leser
Typische Merkmale im Text (Checkliste)
Achte beim Lesen auf diese Hinweise. Je mehr davon passt, desto eher ist es auktorial:
1. Allwissen / Überblick
- Der Erzähler kennt Gedanken und Gefühle verschiedener Figuren.
- Er kann parallele Ereignisse an unterschiedlichen Orten schildern.
2. Kommentare und Wertungen
- Der Erzähler beurteilt Figuren oder Handlungen (sympathisch, kritisch, ironisch).
- Er erklärt Zusammenhänge oder ordnet Ereignisse ein.
3. Zeitliche Freiheit
- Vorausdeutung: „Er ahnte noch nicht, was folgen würde.“
- Rückblende: „Schon Jahre zuvor war … geschehen.“
4. Leserlenkung
- direkte Leseransprache („Du“, „wir“, „lieber Leser“)
- allgemeine Lebensweisheiten oder moralische Hinweise
5. Distanz
- häufig ein erzählerischer „Blick von oben“: Überblick statt Figurennähe
- Figuren wirken manchmal wie „beobachtet“ und eingeordnet
Abgrenzung: auktorial, personal, Ich
Auktorial
- Erzähler steht außerhalb, weiß viel/alles, kommentiert, lenkt.
Personal
- Erzählen ist an eine Reflektorfigur gebunden: Du erfährst vor allem, was diese Figur wahrnimmt/denkt; der Erzähler bleibt im Hintergrund.
Ich
- Eine Figur erzählt als „Ich“ (Erzähler und Figur sind verbunden); Wissen ist auf diese Perspektive begrenzt.
Stanzel: Typologisches Modell der Erzählsituationen (Schulklassiker)
Im Typenkreis nach Franz K. Stanzel werden Erzählweisen als Idealtypen beschrieben. Die auktoriale Erzählsituation ist dabei ein Grundtyp: Der Erzähler ist deutlich als vermittelnde Instanz erkennbar und kann kommentieren, werten und über Figurenwissen hinaus berichten. Wichtig ist: Viele Texte mischen Merkmale oder wechseln die Dominanz.
Beispiele aus der Literatur (Orientierung)
Typische Textsignale (Mini-Beispiele)
Vorausdeutung
„Er freute sich über den Sieg, doch er ahnte nicht, wie teuer er ihn zu stehen kommen würde.“
Erzählerkommentar
„So klug er sich gab, in Wahrheit war sein Plan unerquicklich naiv.“
Allwissen
„Während Anna im Garten hoffte, plante ihr Bruder im Haus bereits das Gegenteil.“
Beispielwerke (zur Einordnung)
In vielen Analysen werden u.a. Romane des 19. Jahrhunderts häufig mit auktorialen Erzählelementen beschrieben, z.B. bei Theodor Fontane (z.B. Effi Briest') oder in klassischen Erzählformen wie bei Johann Wolfgang von Goethe (z.B. Die Wahlverwandtschaften). Entscheidend bleibt aber immer: Belege es am Text.
So analysierst Du in Klassenarbeiten (Methode)
5-Schritte-Analyse (Klausur-Strategie)
- Bestimmen: Welches Erzählverhalten dominiert? (auktorial/personal/Ich/neutral)
- Belegen: Nenne 2–3 Textstellen (z.B. Vorausdeutung, Kommentar, Allwissen).
- Erklären: Was zeigt die Textstelle genau? (Wissen, Distanz, Wertung, Leserlenkung)
- Wirkung deuten: Was bewirkt das beim Leser? (Spannung, Sympathie, Ironie, Urteil)
- Einordnen: Gibt es Mischformen oder Wechsel? (z.B. auktoriale Kommentare trotz figuraler Nähe)
Häufige Fehler (und wie Du sie vermeidest)
- Autor = Erzähler verwechseln: Der Autor ist eine reale Person, der Erzähler eine Textinstanz.
- „Allwissend“ zu schnell behaupten: Zeige im Text, dass Wissen über mehrere Figuren oder Zeiten vorhanden ist.
- Wirkung nicht erklären: Bestimmung ohne Deutung ist unvollständig.
- Nur ein Merkmal nennen: Kombiniere mindestens zwei Belege (z.B. Kommentar und Vorausdeutung).
Medien: Erklärvideos
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was ist ein typisches Merkmal eines auktorialen Erzählers? Er kann kommentieren und über Figuren urteilen (!Er berichtet nur, was eine Figur wahrnimmt) (!Er erzählt ausschließlich in der Ich-Form) (!Er kennt keine Gedanken oder Gefühle der Figuren)
Welche Form passt häufig zur auktorialen Erzählsituation? Er-/Sie-Erzählform (!Du-Erzählform) (!nur Dialog ohne Erzähler) (!Ich-Erzählform als einzige Möglichkeit)
Was ist eine Vorausdeutung? Ein Hinweis auf zukünftige Ereignisse (!Eine wörtliche Rede im Text) (!Eine genaue Beschreibung eines Ortes) (!Ein Wechsel der Schriftart)
Woran erkennst Du „Allwissen“ am sichersten? Der Erzähler kennt Gedanken mehrerer Figuren (!Der Erzähler nutzt viele Adjektive) (!Der Text enthält viele Dialoge) (!Die Handlung spielt an einem Ort)
Was ist ein Erzählerkommentar? Eine wertende oder erklärende Einmischung des Erzählers (!Ein Satzzeichen am Ende eines Satzes) (!Eine Überschrift im Kapitel) (!Ein wörtliches Zitat aus einem Lexikon)
Welche Aussage ist richtig? Erzähler und Autor sind nicht automatisch identisch (!Erzähler und Autor sind immer dieselbe Person) (!Der Erzähler ist immer eine Figur der Handlung) (!Der Erzähler spricht immer in der Du-Form)
Was passt eher zum personalen Erzählen als zum auktorialen? Die Sicht ist auf eine Reflektorfigur begrenzt (!Der Erzähler wendet sich direkt an den Leser) (!Der Erzähler kennt die Zukunft sicher) (!Der Erzähler bewertet ständig moralisch)
Welche Kombination spricht stark für auktoriales Erzählen? Vorausdeutung und Erzählerkommentar (!Viele Dialoge und kurze Sätze) (!Nur Ortsbeschreibungen ohne Zeitangaben) (!Reime und Strophen)
Was bedeutet „Leserlenkung“? Der Erzähler beeinflusst, wie Du Figuren und Ereignisse deutest (!Der Leser entscheidet über den Fortgang der Handlung) (!Der Text wird in leichter Sprache geschrieben) (!Der Leser ist eine Figur im Text)
Wie gehst Du in einer Analyse am besten vor? Erzählweise bestimmen, belegen und Wirkung deuten (!Nur die Erzählweise nennen, ohne Textstellen) (!Nur den Inhalt nacherzählen) (!Nur die Länge der Sätze zählen)
Memory
| Erzählerkommentar | Wertung im Erzähltext |
| Vorausdeutung | Hinweis auf späteres Geschehen |
| Rückblende | Erklärung durch Vergangenes |
| Leseransprache | direkte Wendung an den Leser |
| Allwissen | Gedanken mehrerer Figuren bekannt |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Allwissend | kennt Gedanken mehrerer Figuren |
| Erzählerkommentar | bewertet oder erklärt das Geschehen |
| Vorausdeutung | Hinweis auf zukünftige Ereignisse |
| Außenperspektive | Erzähler steht außerhalb der Handlung |
| Leseransprache | wendet sich direkt an den Leser |
...
Kreuzworträtsel
| Allwissen | Wie heißt das Merkmal, wenn der Erzähler Gedanken mehrerer Figuren kennt? |
| Wertung | Wie nennt man das, wenn der Erzähler Handlungen beurteilt? |
| Distanz | Welcher Begriff passt, wenn der Erzähler „von oben“ erzählt? |
| Rückblende | Wie heißt der Blick in die Vergangenheit zur Erklärung? |
| Foreshadow | Welches englische Wort wird oft für Vorausdeutung verwendet? |
| Stanzel | Wie heißt der Erzähltheoretiker des Typenkreises? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Erzählperspektive: Suche in einer kurzen Erzählung drei Textstellen, die für auktoriales Erzählen sprechen, und markiere sie.
- Vorausdeutung: Schreibe zwei eigene Sätze, die eine Vorausdeutung enthalten, ohne das Ereignis vollständig zu verraten.
- Erzählerkommentar: Formuliere zu einer Szene zwei verschiedene Erzählerkommentare (einmal zustimmend, einmal kritisch).
- Autor und Erzähler: Erstelle eine Mini-Erklärung (Bild oder Text), warum Autor und Erzähler nicht identisch sein müssen.
Standard
- Analyse: Schreibe einen Absatz (8–12 Sätze), in dem Du auktoriales Erzählen begründet nachweist und die Wirkung erklärst.
- Figurencharakterisierung: Zeige an einem Beispiel, wie Erzählerwertungen die Sicht auf eine Figur verändern können.
- Erzählverhalten: Vergleiche auktorial und personal in einer Tabelle mit je drei Merkmalen und je einem Textsignal.
- Stilmittel: Untersuche, wie Ironie im Erzählerkommentar wirken kann, und gib zwei passende Textbeispiele aus einer Lektüre an.
Schwer
- Typologisches Modell der Erzählsituationen: Analysiere einen Textauszug und prüfe, ob Mischformen vorliegen (Wechsel auktorial/personal) und begründe das.
- Perspektivwechsel: Schreibe eine Szene (ca. 250 Wörter) erst auktorial und dann personal um, ohne die Handlung zu ändern, und beschreibe die Wirkung.
- Interpretation: Erkläre, wie Leserlenkung durch auktoriales Erzählen die Aussage eines Textes (z.B. Gesellschaftskritik) verstärken kann.
- Podcast: Produziere eine kurze Audio-Erklärung (1–2 Minuten) mit einem selbst gewählten Textbeispiel und einer klaren Merkmalsanalyse.


Lernkontrolle
- Transfer: Erkläre, warum Vorausdeutungen die Spannung steigern können, auch wenn sie bereits viel verraten.
- Deutung: Beschreibe, wie ein Erzählerkommentar Sympathie für eine Figur erzeugen kann, ohne dass die Figur selbst „nett“ handelt.
- Vergleich: Wähle eine Szene aus einer Lektüre und begründe, welche Erzählweise (auktorial oder personal) die Szene stärker emotional wirken lässt.
- Kritik: Diskutiere, ob „Allwissen“ immer glaubwürdig ist oder ob es auch Distanz und Misstrauen erzeugen kann.
- Methodik: Entwickle ein kurzes Kriterienraster (5 Punkte), mit dem Deine Klasse Erzählverhalten sicher bestimmen kann.
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