Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun


Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun
Einleitung
Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun (erschienen 1932) ist ein berühmter Zeitroman der späten Weimarer Republik. Du begleitest die 18-jährige Ich-Erzählerin Doris, die in einer rheinischen Mittelstadt startet und später nach Berlin geht. Sie schreibt ihre Erlebnisse in ein Heft: wie ein fortlaufendes, undatiertes Tagebuch, das zugleich witzig, scharf beobachtend und sozialkritisch ist. Doris träumt davon, „Glanz“ zu werden: gesehen zu werden, dazuzugehören, nicht mehr arm zu sein. Doch der Alltag der Krise, prekäre Arbeit, Abhängigkeiten und die harte Logik von Geld und Status holen sie immer wieder ein.
Der Roman ist ideal für Schule, Ausbildung oder Studium, weil er
- zentrale Themen der Moderne und der Geschlechterrollen verhandelt
- die Großstadt als Sehnsuchtsort und Überlebensraum zeigt (Großstadtliteratur)
- mit einer besonderen Sprache arbeitet: nah am Alltag, filmisch, pointiert (Bezug zu Neue Sachlichkeit)
Hinweis zu Spoilern: In diesem aiMOOC werden Handlung und Wendepunkte teilweise besprochen, damit Du Analysekompetenzen trainieren kannst.
Leitfragen für Deinen Lernweg
- Wie konstruiert Doris ihren „Glanz“ sprachlich und sozial?
- Welche Rollen spielen Armut, Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit und Moral?
- Wie funktioniert die Erzählweise als Ich-Erzählung im Tagebuch-Stil?
- Was macht den Text zu einem Roman der Neue Sachlichkeit?
Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du
- Inhalt, Figuren und Konflikte von Das kunstseidene Mädchen sicher darstellen
- zentrale Motive (Glanz, Hunger, Sehnsucht, Schein und Sein) analysieren
- Erzähltechnik, Sprache und Perspektive erklären (Erzählperspektive, Unzuverlässiges Erzählen als Deutungsoption)
- den Roman historisch einordnen (späte Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise, Neue Sachlichkeit)
- eigene Deutungen mit Textbelegen und Kontextwissen begründen
Medienimpulse: Bilder und Video
Großstadt-Flair und Bühne der Sehnsucht (Berlin)

Krise als Hintergrund: Arbeitslosigkeit in der Zeit

Alexanderplatz als Symbol der Metropole (Kunst als Blick auf die Stadt)

Autorin im öffentlichen Gedächtnis (Gedenktafel)
Video-Impulse (Analyse & Kontext)
Kontext: Autorin, Epoche, Zeit
Irmgard Keun und die „Neue Frau“
Irmgard Keun wurde mit Romanen über junge Frauen in der Moderne bekannt. Ihre Figuren wirken selbstbewusst, witzig und beobachtungsstark, stoßen aber auf harte Grenzen: ökonomische Abhängigkeit, gesellschaftliche Doppelmoral und die Frage, wer über Körper, Arbeit und Zukunft entscheidet. Doris ist keine „Heldin“ im klassischen Sinn, sondern eine Figur voller Widersprüche: klug und naiv, zart und hart, empathisch und zugleich strategisch.
Späte Weimarer Republik: Krise, Großstadt, Überleben
Der Roman spielt gegen Ende der Weimarer Republik, in einer Zeit von politischer Unsicherheit und massiver sozialer Not. Die Großstadt Berlin wird als Ort des Lichts und der Möglichkeiten gezeigt, aber auch als Raum, in dem Menschen „durchrutschen“ können: ohne Wohnung, ohne festes Einkommen, ohne Schutz. Doris’ Alltag ist ein ständiges Austarieren zwischen Traum und Realität.
Neue Sachlichkeit: Stil und Haltung
Die Neue Sachlichkeit (Literatur) ist geprägt von genauer Beobachtung, Nüchternheit, Alltagssprache, Montage- und Filmbezügen. In Keuns Roman merkst Du das an
- der schnellen, szenischen Darstellung (fast wie „Kamera-Schnitte“)
- der Ironie und dem Blick auf Dinge (Kleider, Essen, Zimmer, Straßen) als soziale Zeichen
- dem Wechsel zwischen Komik und existenzieller Bedrohung (Hunger, Kälte, Einsamkeit)
Inhalt und Aufbau des Romans
Erzählsituation und Form
Doris erzählt als Ich-Erzählerin in einem Heft. Die Tagebuchform schafft Nähe und Tempo: Du liest Gedanken, Rechtfertigungen, Selbstinszenierungen. Dadurch entsteht eine spannende Frage: Ist Doris immer zuverlässig? Oder erzählt sie manchmal so, dass es für sie passt? Genau das macht die Analyse interessant.
Grober Handlungsbogen (mit Analyseblick)
1. Start in der Provinz: Doris lebt in engen Verhältnissen. Arbeit, Familie und soziale Kontrolle sind präsent.
2. Theaterwelt und „Glanz“-Fantasie: Über das Theater kommt Doris an die Idee, sich neu zu erfinden.
3. Aufbruch nach Berlin: Berlin wird zum Sehnsuchtsraum: dort will sie „werden“.
4. Überleben in der Großstadt: Beziehungen, Zufälle, Geldnot und soziale Rollen bestimmen, wie weit sie kommt.
5. Ernüchterung und Erkenntnis: Der Roman zeigt, wie Träume kippen können, ohne dass Doris „aufgibt“: Sie bleibt in Bewegung.
Figuren und Beziehungen
Doris als Hauptfigur
Doris ist
- Beobachterin (sie liest Räume, Kleidung, Blicke)
- Erzählerin (sie formt Wirklichkeit durch Sprache)
- Suchende (Liebe, Sicherheit, Anerkennung)
- Überlebende (Strategien statt romantischer Illusion)
Beziehungen als Spiegel der Gesellschaft
Viele Begegnungen sind nicht „romantisch“, sondern zeigen Macht: Wer hat Geld, Wohnung, Kontakte, Schutz? Wer muss dafür etwas geben? Der Roman lädt Dich ein, Beziehungen als soziale Systeme zu lesen: Nähe und Nutzen, Gefühl und Tausch, Hoffnung und Risiko.
Zentrale Themen und Motive
Glanz und Selbstinszenierung
Doris will „Glanz“: nicht nur reich sein, sondern sichtbar. Dabei wird Kleidung zum Symbol: „kunstseiden“ steht für Scheinluxus, für das Versprechen von Eleganz ohne echten Besitz. Frage dabei immer: Was ist echt? Was ist Rolle? Was kostet die Rolle?
Hunger ist im Roman nicht nur körperlich: Hunger nach Leben, nach Liebe, nach Zugehörigkeit. Die Frage nach Würde stellt sich ständig: Wie bleibt man Mensch, wenn man gedrängt wird, sich zu verkaufen (symbolisch oder real)?
Doris erlebt, dass weibliche Attraktivität als „Kapital“ gelesen wird, aber gleichzeitig moralisch verurteilt werden kann. Der Roman zeigt, wie eng Freiheit und Abhängigkeit beieinander liegen.
Berlin als Großstadt-Mythos
Berlin ist Bühne und Abgrund zugleich: Lichtreklame und kalte Zimmer, Cafés und Bahnhöfe, Chancen und Einsamkeit. Die Stadt wird wie eine Figur: verführerisch, schnell, gleichgültig.
Methodenbox: So analysierst Du den Roman
1. Textstellen finden und deuten
- Markiere Stellen, in denen Doris über „Glanz“ spricht
- Suche Szenen mit Essen, Kälte, Schlafplätzen (Materialität als Sozialzeichen)
- Achte auf Ironie: Wo sagt Doris etwas, das eigentlich Kritik ist?
2. Erzählstimme prüfen
- Welche Wörter nutzt Doris für sich selbst?
- Welche Wörter nutzt sie für „die anderen“?
- Wo wirkt sie ehrlich, wo wie eine Schauspielerin?
3. Kontext sinnvoll nutzen
- Verbinde Krisen-Motive mit Weimarer Republik (Arbeitslosigkeit, Unsicherheit)
- Verbinde Stilmittel mit Neue Sachlichkeit (Nüchternheit, Montage, Film-Anmutung)
- Vermeide „Kontext als Deko“: Kontext muss Textstellen erklären, nicht ersetzen
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
In welcher Form erzählt Doris ihre Geschichte hauptsächlich? (Tagebuch in einem Heft) (!Briefroman mit datierten Briefen) (!Auktorialer Erzähler mit Überblick) (!Drama in Dialogform)
In welchem historischen Kontext spielt der Roman überwiegend? (Späte Weimarer Republik) (!Kaiserreich) (!Nachkriegszeit nach 1945) (!Deutsche Teilung der 1960er Jahre)
Wie heißt die Ich-Erzählerin des Romans? (Doris) (!Else) (!Lotte) (!Hedwig)
Wofür steht das Motiv „Glanz“ im Roman besonders? (Sozialer Aufstieg und Sichtbarkeit) (!Naturverbundenheit und Landleben) (!Technische Erfindungen im Labor) (!Religiöse Erleuchtung)
Welche literarische Strömung wird häufig mit dem Roman verbunden? (Neue Sachlichkeit) (!Sturm und Drang) (!Romantik) (!Naturalismus)
Was ist eine zentrale Funktion der Großstadt Berlin im Roman? (Sehnsuchtsort und Überlebensraum zugleich) (!Idyllisches Dorf ohne Konflikte) (!Reiner Ort politischer Bildung im Parlament) (!Abgeschotteter Raum ohne soziale Unterschiede)
Welche Aussage beschreibt Doris’ Erzählweise am treffendsten? (Subjektiv, nah am Alltag, oft ironisch) (!Wissenschaftlich und objektiv wie ein Bericht) (!Mythisch und märchenhaft) (!Nur aus Dialogen bestehend)
Welche Spannung prägt Doris’ Lebensgefühl besonders? (Wunsch nach Glanz versus soziale Realität) (!Sportlicher Ehrgeiz versus Mannschaftsgeist) (!Reiselust versus Heimweh nach dem Meer) (!Naturromantik versus Technikangst)
Welche Rolle spielt Kleidung im Roman besonders oft? (Soziales Zeichen für Schein und Status) (!Reine Wetterfunktion ohne Bedeutung) (!Nur als Uniform im Militär) (!Nur als Kostüm im Märchen)
Was kann man unter „kunstseiden“ als Symbol verstehen? (Scheinluxus statt echter Sicherheit) (!Echte Seide als Zeichen alten Adels) (!Reine Naturfaser ohne Industrie) (!Metallisches Material für Maschinen)
Memory
| Tagebuchform | Undatiertes Heft |
| Glanz | Sichtbarkeit |
| Kurfürstendamm | Großstadtflair |
| Neue Sachlichkeit | Nüchterner Stil |
| Arbeitslosigkeit | Krisenhintergrund |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Provinzstadt | Ausgangslage |
| Theater | Bühne der Selbstinszenierung |
| Berlin | Sehnsuchtsort |
| Glanz | Aufstiegsfantasie |
| Hunger | Existenzdruck |
...
Kreuzworträtsel
| Doris | Wie heißt die Ich-Erzählerin? |
| Berlin | Welche Stadt wird zum großen Sehnsuchtsort? |
| Glanz | Wie nennt Doris ihren Traum von Sichtbarkeit? |
| Tagebuch | In welcher Form schreibt Doris ihre Erlebnisse auf? |
| Sachlichkeit | Welche Stilrichtung steht für Nüchternheit und Beobachtung? |
| Ironie | Welches Stilmittel nutzt Doris häufig für Kritik? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Lesetagebuch: Schreibe zu fünf gelesenen Abschnitten je einen Tagebucheintrag aus Deiner Perspektive, der Doris’ Gefühle nachzeichnet (ohne zu zitieren).
- Wortfeld: Sammle Wörter aus dem Roman, die „Glanz“ ausdrücken, und ordne sie in positive und kritische Bedeutungen.
- Bildanalyse: Beschreibe das Foto vom Kurfürstendamm (oben im Kurs) und erkläre, wie es zu Doris’ Sehnsucht passt.
- Szenisches Lesen: Wähle eine kurze Szene und setze sie als Mini-Hörspiel um (Smartphone-Aufnahme, 1–2 Minuten).
Standard
- Figurenanalyse: Erstelle ein Figurenprofil zu Doris mit den Bereichen Ziele, Mittel, Konflikte, Entwicklung und belege jeden Bereich mit mindestens einer Textstelle (Paraphrase statt langer Zitate).
- Erzählperspektive: Untersuche, wie die Ich-Perspektive Deine Sympathie lenkt. Nenne drei Stellen, an denen Du Doris glaubst, und zwei, an denen Du zweifelst.
- Milieu: Beschreibe zwei soziale Räume (z.B. Theater, Café, Straße, Zimmer) als „Bühnen“ der Gesellschaft und erkläre, welche Regeln dort gelten.
- Neue Sachlichkeit: Finde drei typische Merkmale der Neuen Sachlichkeit im Roman (Sprache, Blick auf Dinge, Montage-Effekt) und erläutere sie.
Schwer
- Vergleichende Analyse: Vergleiche Doris’ „Glanz“-Konzept mit einem heutigen Social-Media-Phänomen (z.B. Influencer-Kultur). Wo sind Parallelen, wo Unterschiede? Begründe differenziert.
- Interpretation: Entwickle eine Deutungsthese zu „kunstseiden“ als Symbol und stütze sie mit einer Argumentationskette aus mindestens vier Textbeobachtungen.
- Gender: Analysiere, wie der Roman Macht in Beziehungen zeigt (ökonomisch, sozial, körperlich). Formuliere ein Modell, das diese Machtformen unterscheidet.
- Podcast: Produziere einen 5–8-minütigen Podcast: „Warum Doris heute noch aktuell ist“. Nutze Kontext (Weimarer Republik), Stil (Neue Sachlichkeit) und zwei Szenen als Belege.


Lernkontrolle
- Transfer: Erkläre, wie „Glanz“ als soziale Strategie funktioniert, und übertrage das auf ein heutiges Beispiel aus Schule, Ausbildung oder Arbeitswelt.
- Ursache-Wirkung: Zeige an einer Szene, wie wirtschaftliche Unsicherheit Entscheidungen beeinflusst, und formuliere eine Alternative: Was wäre anders, wenn es soziale Absicherung gäbe?
- Perspektivwechsel: Schreibe dieselbe Situation einmal aus Doris’ Sicht und einmal aus Sicht einer Nebenfigur. Was verändert sich an Bewertung und Moral?
- Argumentation: Formuliere eine These: „Doris ist Opfer“ oder „Doris ist Akteurin“ und diskutiere beide Seiten, bevor Du Dich begründet festlegst.
- Stil und Wirkung: Analysiere, wie kurze Sätze, Alltagswörter und Ironie eine „Kamera-Wirkung“ erzeugen. Nutze dazu ein selbstgewähltes Textbeispiel.
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