Musil, Robert (1880-1942): Der Mann ohne Eigenschaften. Schluß des dritten Teils und vierter Teil

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Nach der Begegnung


Der Mann, der am Grab des Dichters in Agathes Leben getreten war, Professor August Lindner, sah, talwärts steigend, Bilder der Rettung vor sich.

Hätte sie ihm beim Abschied nachgeblickt, so wäre ihr der stocksteif den steinigen Weg hinabtänzelnde Gang dieses Mannes aufgefallen, denn es war ein eigenartig heiterer, stolzer, und doch ängstlicher Gang. Lindner trug seinen Hut in der Hand und strich sich zuweilen übers Haar; so wohlig frei war ihm zumute geworden.

»Wie wenig Menschen« sprach er zu sich selbst »haben eine wahrhaft mitfühlende Seele!« Er malte sich eine Seele aus, die sich ganz in den Mitmenschen hineinzuversetzen vermöchte, seine verborgensten Schmerzen mitleiden und sich in seine tiefe Schwäche hinablassen könnte: »Welche Aussicht ist das!«rief er sich zu. »Welch eine wunderbare Nähe göttlichen Erbarmens, welcher Trost und welcher Feiertag!« Sodann fiel ihm aber ein, wie wenig Menschen es gebe, die ihrem Nebenmenschen auch nur aufmerksam zuzuhören vermöchten; denn er gehörte zu den Gutgesinnten, die vom Hundertsten ins Hundertstel kommen, ohne einen Unterschied daran zu finden. »Wie wenig ernst gemeint sind zum Beispiel die gewöhnlichen Fragen nach unserem Wohlergehen« dachte er. »Man braucht bloß einmal ausführlich zu antworten, wie einem wirklich ums Herz ist, und sieht sich bald genug einem gelangweilten und geistesabwesenden Blick gegenüber!«

Nun, er hatte sich dieses Fehlers nicht schuldig gemacht! Nach seinen Grundsätzen war, den Schwachen zu schützen, die notwendige und besondere Gesundheitslehre des Starken, der ohne solche wohltuende Selbstbeschränkung allzu leicht der Roheit verfällt; und auch die Bildung bedurfte des Liebeswerks gegen die ihr einwohnenden Gefahren. »Wer uns bedeuten will, was ›universelle Bildung‹ sei« bestätigte er sich nun durch innerlichen Zuruf, von einem plötzlich gegen seinen pädagogischen Fachgenossen Hagauer geschleuderten Blitz köstlich erfrischt – »dem sollte wahrhaftig zuerst geraten werden: erfahre, wie dem anderen zumute ist! Durch Mitleid wissend, es bedeutet tausendmal mehr, als durch Bücher wissend sein!« Anscheinend war es eine alte Meinungsverschiedenheit, was er da einerseits an dem liberalen Begriff der Bildung, andererseits an der Gattin seines Amtsbruders ausließ, denn Lindners Brillen blickten wie zwei Schilde eines doppelgewaltigen Kämpfers in die Runde. In Agathes Gegenwart war er befangen gewesen; wenn sie ihn dagegen jetzt gesehen hätte, wäre er ihr wie ein Offizier vorgekommen, aber wie ein Offizier einer keineswegs leichtsinnigen Truppe. Denn eine wahrhaft männliche Seele ist hilfsbereit, und sie ist hilfsbereit, weil sie männlich ist. Er warf die Frage auf, ob er angesichts der schönen Frau richtig gehandelt habe, und erwiderte sich: »Es wäre falsch, wenn die stolze Forderung der Unterordnung unter das Gesetz denen überlassen bliebe, die zu schwach dafür sind; und es wäre ein entmutigender Anblick, wenn bloß geistlose Pedanten die Hüter und Bildner der Sitte sein dürften; darum ist den Lebendigen und Starken die Pflicht auferlegt, aus ihrem Kraft- und Gesundheitsinstinkt nach Zucht und Grenze zu verlangen: sie müssen die Schwachen stützen, die Gedankenlosen rütteln und die Zügellosen anhalten!« Er hatte den Eindruck, es getan zu haben.

So wie die fromme Seele der Heilsarmee sich der Uniform und militärischer Gebräuche bedient, hatte Lindner gewisse soldatische Gedankenformen in seinen Dienst genommen, ja er scheute nicht einmal vor Zugeständnissen an den »Machtmenschen« Nietzsches zurück, der dem bürgerlichen Geiste jener Zeit noch ein Stein des Anstoßes, Lindner aber auch ein Wetzstein war. Er pflegte von Nietzsche zu sagen, man könne nicht behaupten, daß er ein schlechter Mensch gewesen wäre, wohl aber seien seine Lehren übertrieben und lebensfremd, und der Grund liege darin, daß er das Mitleid verwerfe; denn so habe er nicht die wunderbare Gegengabe des Schwachen erkannt, daß dieser den Starken zart mache! Und seine eigenen Erfahrungen dem nun entgegensetzend, dachte er voll froher Absicht: »Die wahrhaft großen Menschen huldigen keineswegs einem öden Ichkultus, sondern sie erzeugen in den anderen das Gefühl ihrer Erhabenheit dadurch, daß sie sich zu ihnen hinabbeugen, ja, wenn es sein muß, für sie opfern!« Er blickte einem jungen Liebespaar, das, sehr verschlungen, herauf- und ihm entgegenkam, siegesgewiß und mit freundlichem Tadel, der zur Tugend ermuntern sollte, in die Augen. Es war aber ein recht ordinäres Liebespaar, und der junge Strolch, der seinen männlichen Teil bildete, kniff die Augenlider zusammen, als er diesen Blick erwiderte, streckte unvermittelt die Zunge heraus und sagte: »Bäh!« Lindner, der auf diese Verhöhnung und gemeine Drohung nicht vorbereitet war, erschrak: aber er tat, als bemerke er sie nicht. Er liebte die Tatkraft, und sein Blick suchte nach einem Schutzmann, der in der Nähe sein sollte, die öffentliche Sicherheit der Ehre zu gewährleisten; aber sein Fuß stieß dabei an einen Stein, die hastige Bewegung des Stolperns scheuchte einen Schwarm Sperlinge auf, der sich an Gottes Tisch über einem Haufen Pferdemist gütlich getan hatte, das Aufschwirren der Spatzen warnte Lindner und ließ ihn im letzten Augenblick, ehe er schmählich stürzte, mit einer tänzerisch bemäntelten Bewegung über das Doppelhindernis hinweghüpfen. Er blickte nicht zurück, und nach einer Weile war er sehr zufrieden mit sich. »Fest wie ein Diamant und zart wie eine Mutter muß man sein!« dachte er mit einer alten Definition aus dem siebzehnten Jahrhundert.

Er hätte, da er auch die Tugend der Bescheidenheit schätzte, zu keiner andern Zeit etwas Ähnliches in Ansehung seiner selbst behauptet, aber solche Erregung des Blutes ging von Agathe aus! Hinwieder bildete es den negativen Pol seiner Gefühle, daß dieses himmlisch zarte Weib, das er in Tränen gefunden hatte, wie der Engel die Magd im Tau – oh, er wollte sich nicht überheben, aber wie doch Nachgiebigkeit gegen Poesie gleich überheblich macht! – er fuhr darum strenger fort: daß diese unselige Frau im Begriffe stand, ein in die Hand Gottes abgelegtes Gelübde zu brechen; denn als das sah er ihr Begehren nach Ehescheidung an. Er hatte es ihr leider nicht mit der erforderlichen Entschiedenheit von Angesicht zu Angesicht – Gott, welche Nähe nun wieder in diesen Worten! – er hatte es ihr also leider nicht entschieden genug vorgestellt; er entsann sich bloß, im allgemeinen von zu lockeren Sitten und den Schutzmitteln gegen sie gesprochen zu haben. Der Name Gottes war übrigens dabei gewiß nicht über seine Lippen gekommen, es wäre denn als inhaltslose Redensart; und die Ungezwungenheit, der unbefangene, man mochte geradezu sagen, der respektlose Ernst, womit ihn Agathe gefragt hatte, ob er an Gott glaube, verletzte ihn selbst noch in der Erinnerung. Denn der wahrhaft Fromme gestattet sich nicht, einfach einem Einfall zu folgen und in roher Unverhülltheit an Gott zu denken. Ja, in dem Augenblick, wo sich Lindner dieser Zumutung entsann, verabscheute er Agathe, als wäre er auf eine Schlange getreten. Er faßte den Beschluß, sollte er je in die Lage kommen, seine Ermahnungen bei ihr zu wiederholen, durchaus nur die kräftige Vernunft walten zu lassen, die den irdischen Angelegenheiten angemessen und deshalb auf der Welt sei, weil nicht jeder ungezogene Mensch mit seinen längst entschiedenen Verwirrungen Gott bemühen dürfe; und darum begann er sich ihrer auch gleich jetzt zu bedienen, und es fiel ihm manches Wort ein, das einer Strauchelnden zu sagen wäre. Zum Beispiel, daß die Ehe keine Privatangelegenheit, sondern eine öffentliche Einrichtung sei; daß sie die erhabene Aufgabe habe, das Verantwortlichkeits- und Mitgefühl zu entfalten, und die ein Volk stählende Aufgabe, den Menschen auch im Ertragen von harten Schwierigkeiten zu üben; ja vielleicht, wenngleich es nur mit größtem Taktgefühl anzubringen wäre, daß sie gerade bei längerer Dauer auch den besten Schutz gegen das Übermaß der Begierde darstelle. Er hatte vom Menschen vielleicht nicht mit Unrecht die Vorstellung eines Sackes voll Teufel, der fest zugebunden werden müsse, und den Bund sah er in unerschütterlichen Grundsätzen. Wie dieser teilnahmsvolle Mann, dessen körperliches Teil, außer in der Länge, in keiner Richtung überschüssig geraten war, die Überzeugung erlangt hatte, daß man sich auf Schritt und Tritt bezähmen müsse, das war freilich ein Rätsel, das sich erst dann leicht löste, wenn man den Vorteil kannte. Als er schon am Fuß der Hügel angelangt war, kreuzte ein Zug Soldaten seine Bahn, und er sah mit zärtlicher Rührung auf die verschwitzten jungen Männer, die ihre Kappen in die Nacken geschoben hatten und mit ihren von Ermüdung abgestumpften Gesichtern wie ein Zug verstaubter Raupen aussahen. Sein Abscheu vor dem Leichtsinn, womit Agathe die Frage der Ehescheidung behandelt hatte, wurde bei diesem Anblick träumerisch durch eine Freude daran gemildert, daß solches seinem freigeistigen Fachgenossen Hagauer widerfahren solle, und diese Regung war immerhin geeignet, ihn wieder an das unentbehrliche Mißtrauen gegen die menschliche Natur zu erinnern. Er nahm sich also vor, Agathe – sollte sich die Gelegenheit dazu wirklich und ohne sein Verschulden noch einmal darbieten – unnachsichtig vor Augen zu führen, daß die ichsüchtigen Kräfte letzten Endes doch nur zerstörend wirken, und daß sie ihre persönliche Verzagtheit, mochte sie noch so groß sein, der sittlichen Erkenntnis unterzuordnen habe, daß der wahre Prüfstein des Lebens erst das Zusammenleben ist.

Aber ob sich die Gelegenheit dazu noch einmal darbieten werde, war offenbar erst der Punkt, wohin die geistigen Kräfte Lindners so angeregt drängten. »Es gibt viele Menschen mit edlen Eigenschaften, die bloß noch nicht in einer unerschütterlichen Überzeugung gesammelt sind« gedachte er Agathe zu sagen; aber wie sollte er es tun, wenn er sie nicht wiedersähe; und doch widerstritt der Gedanke, daß sie ihn aufsuchen könnte, allen seinen Vorstellungen von zarter und unberührter Weiblichkeit. »Man müßte es ihr denn mit aller Entschiedenheit sogleich vor Augen halten!« nahm er sich vor, und weil er nun einmal diesen Vorsatz gefaßt hatte, zweifelte er auch nicht mehr daran, daß sie wirklich kommen werde. Er ermahnte sich lebhaft, die Gründe, die sie zu ihrer Entschuldigung anführen sollte, selbstlos mit ihr zu durchleben, ehe er sie von ihren Irrtümern überzeuge. Mit unbeirrbarer Geduld wollte er sie ins Herz treffen, und nachdem er sich auch das vorgestellt hatte, senkte sich ein edles Gefühl brüderlicher Achtsamkeit und Fürsorge in sein eigenes Herz, eine geschwisterliche Weihe, von der er bemerkte, daß sie überhaupt auf den Beziehungen ruhen sollte, die die Geschlechter zueinander unterhalten. »Die wenigsten Männer« rief er erbaut aus »haben eine Ahnung davon, welches tiefe Bedürfnis edle weibliche Wesen nach dem Edel-Mann haben, der schlicht mit dem Menschen in der Frau verkehrt, ohne durch geschlechtliche Gefallsucht gleich gestört zu werden!« Es mußten ihm diese Gedanken Flügel geliehen haben, denn er wußte nicht, wie er zu der Endstelle der elektrischen Straßenbahn gelangt sei, stand aber plötzlich vor ihr und nahm, ehe er einstieg, die Brille ab, um sie von dem Dunst zu reinigen, mit dem sie die erhitzenden inneren Vorgänge beschlagen hatten. Dann schwang er sich in eine Ecke, blickte in dem leeren Wagen um sich, machte das Fahrgeld bereit, sah dem Schaffner ins Gesicht und fühlte sich ganz auf dem Posten, in der bewundernswerten Gemeinschaftseinrichtung, die man Städtische Straßenbahn nennt, die Rückreise anzutreten. Durch ein wohliges Gähnen strömte er die Müdigkeit des Spaziergangs aus, um sich für neue Pflichten zu straffen, und faßte die erstaunlichen Abschweifungen, denen er sich ergeben hatte, in dem Satz zusammen: »Sich selbst zu vergessen, ist doch dem Menschen das Gesündeste, was es gibt!« 40

Der Tugut


Es gibt gegen die unberechenbaren Regungen eines leidenschaftlichen Herzens nur ein verläßliches Mittel: streng bis ins letzte eingehaltene Planmäßigkeit; und ihr, die er beizeiten erworben hatte, verdankte Lindner sowohl die Erfolge seines Lebens als auch den Glauben, von Natur ein leidenschaftsstarker und schwer zu disziplinierender Mann gewesen zu sein. Er stand des Morgens früh auf, Sommer und Winter um die gleiche Stunde, und wusch sich an einem kleinen eisernen Waschtisch Gesicht, Hals, Hände und ein Siebentel seines Körpers, jeden Tag natürlich ein anderes, worauf er den übrigen Körper mit einem nassen Handtuch abrieb, so daß das Bad, dieser zeitraubende und wollüstige Vorgang, auf einen Abend aller zwei Wochen beschränkt werden konnte. Es lag darin ein kluger Sieg über die Materie; und wer je Gelegenheit gehabt hat, die unzureichenden Waschgelegenheiten und unbequemen Betten zu betrachten, mit denen sich historisch gewordene Persönlichkeiten begnügt haben, der wird sich kaum der Mutmaßung entschlagen können, daß zwischen eisernen Betten und eisernen Männern ein Zusammenhang bestehen müsse, wenn wir ihn auch nicht übertreiben wollen, da wir sonst gleich auf Nägelbetten schlafen dürften. Hier war dem Nachdenken also überdies eine vermittelnde Aufgabe gestellt, und nachdem sich Lindner im Widerschein anregender Beispiele gewaschen hatte, nützte er denn auch das Abtrocknen nur mit Maß dazu aus, dem Körper durch geschickte Benutzung des Handtuches einige Bewegung zu geben. Ist es doch eine verhängnisvolle Verwechslung, die Gesundheit auf den tierischen Teil des Menschen zu gründen, geistiger und sittlicher Adel sind es vielmehr, woraus die körperliche Widerstandsfähigkeit hervorgeht; und wenn das auch nicht immer auf den einzelnen zutrifft, so trifft es dafür umso sicherer im großen zu, denn die Kraft eines Volkes ist die Folge des rechten Geistes, und nicht gilt es umgekehrt. Lindner hatte darum seinen Abreibungen auch eine besondere und sorgfältige Ausbildung angedeihen lassen, die es vermied, mit rücksichtslosem Zugreifen den üblichen männlichen Götzendienst zu treiben, dafür aber die ganze Persönlichkeit beteiligte, indem er die Bewegungen seines Körpers mit schönen inneren Aufgaben verband. Er verabscheute besonders die halsbrecherische Anbetung der Schneidigkeit, die, von außen kommend, nun auch schon in seinem Vaterland manchem als Ideal vorschwebte; und sich von ihr abzuwenden, gehörte ganz und gar zu seinen Morgenübungen. Er ersetzte sie bei diesen mit großer Umsicht durch ein staatsmännischeres Verhalten im turnerischen Gebrauch seiner Gliedmaßen und verband Anspannung der Willenskraft mit rechtzeitiger Nachgiebigkeit, Schmerzüberwindung mit verständiger Menschlichkeit, und wenn er als abschließende Mutübung etwa über einen umgelegten Stuhl sprang, so geschah es mit ebenso viel Zurückhaltung wie Selbstvertrauen. Eine solche Entfaltung des ganzen Reichtums an menschlichen Anlagen machte ihm seine Leibesübungen, seit er sie vor einigen Jahren aufgenommen hatte, zu wahren Tugendübungen.

Soviel wäre im Fluge aber auch gegen den Ungeist vergänglicher Selbstbehauptung zu sagen, der sich, unter dem Schlagwort der Körperpflege, des an sich gesunden Gedankens des Sports bemächtigt hat, Zusätzliches indes noch gegen die besondere weibliche Form dieses Ungeistes als Schönheitspflege. Lindner schmeichelte sich, zu den wenigen zu gehören, die Licht und Schatten auch da richtig zu verteilen wüßten, und so, wie er bereit war, dem Zeitgeist allenthalben einen unverderbten Kern zu entnehmen, anerkannte er auch die sittliche Verpflichtung, so gesund und wohlgefällig zu erscheinen wie nur möglich. Er selbst pflegte sorgfältig jeden Morgen Bart und Haar, hielt seine Nägel kurz und peinlich sauber, nahm etwas Brillantine aufs Haupt und etwas schützende Salbe auf die tagsüber viel erduldenden Füße; wer dagegen möchte leugnen, daß es ein Zuviel an dem Körper gewidmeter Aufmerksamkeit ist, womit eine weltliche Frau ihren Tag verbringt; Sollte es aber wirklich nicht anders sein können – er kam Frauen gerne zart entgegen, zumal wenn sich unter ihnen auch die von hochmögenden Männern befinden konnten – als daß Badewässer und Gesichtsbäder, Salben und Packungen, Hand- und Fußkünsteleien, Knetmeister und Haarkünstler einander in kaum unterbrochener Folge ablösen, so empfahl er als Gegengewicht solcher einseitigen Körperpflege den von ihm in öffentlicher Rede geprägten Begriff der inneren Schönheitspflege, oder kurz Innenpflege. Möge uns beispielsweise die Reinigung an die innere Reinheit mahnen, die Salbung an die Pflichten gegen die Seele, die Massage an die Hand des Schicksals, worin wir uns befinden, und die Feilung der Fußspitzen daran, daß wir auch im noch tiefer Verborgenen ein schöner Anblick sein sollen. So übertrug er sein Bild auf die Frauen, überließ es ihnen aber selbst, die Einzelheiten den Bedürfnissen ihres Geschlechts anzupassen.

Freilich hätte es geschehen können, daß ein Unvorbereiteter durch den Anblick, den Lindner beim Schönheits- und Gesundheitsdienst, vollends aber während des Waschens und Abtrocknens darbot, zum Lachen gereizt würde: denn seine Bewegungen riefen, bloß körperlich betrachtet, die Vorstellung eines sich vielfach wendenden Schwanenhalses hervor, der außerdem nicht aus Rundung, sondern aus dem spitzen Element von Knie und Ellbogen bestand; die von der Brille befreiten, kurzsichtigen Augen blickten märtyrerhaft in die Weite, als ob man ihren Blick nahe beim Auge abgeschnitten hätte, und unter dem Bart warfen sich die weichen Lippen im Schmerz der Anstrengung auf. Wer aber geistig zu sehen verstand, der konnte wohl das Schauspiel erleben, äußere und innere Kräfte in reiflich überlegter gegenseitiger Hervorbringung zu sehn; und wenn Lindner dabei an die armen Frauen dachte, die Stunden im Bade- und Ankleidezimmer verbringen und die Phantasie einseitig durch Leibeskultus erhitzen, so konnte er sich selten des Gedankens erwehren, wie gut es ihnen täte, wenn sie einmal ihm zusehen könnten. Harmlos und rein begrüßen sie die moderne Körperpflege und machen sie mit, weil sie in ihrer Unkenntnis nicht ahnen, daß solche große dem tierischen Teil gewidmete Aufmerksamkeit allzu leicht Ansprüche in diesem weckt, die das Leben zerstören können, wenn man sie nicht in strenge Dienstbarkeit nimmt!

Überhaupt verwandelte Lindner schlechthin alles, womit er in Berührung kam, in eine sittliche Forderung; und ob er sich in Kleidern befand oder nicht, war jede Stunde des Tages bis zum Eintritt traumlosen Schlafs von einem wichtigen Inhalt ausgefüllt, dem sie ein für allemal vorbehalten blieb. Er schlief sieben Stunden: seine Lehrverpflichtung, die das Ministerium mit Rücksicht auf seine wohlgelittene schriftstellerische Tätigkeit eingeschränkt hatte, forderte drei bis fünf Stunden des Tages von ihm, in denen schon die Vorlesung über Pädagogik inbegriffen war, die er wöchentlich zweimal an der Universität abhielt; fünf zusammenhängende Stunden – das sind fast zwanzigtausend Stunden in einem Jahrzehnt! – waren dem Lesen vorbehalten; zweieinhalb Stunden dienten der ohne Stockung aus dem inneren Gestein seiner Persönlichkeit wie eine klare Quelle fließenden Niederschrift seiner eigenen Arbeiten; die Mahlzeiten beanspruchten täglich eine Stunde für sich; eine Stunde war dem Spaziergang gewidmet und zugleich der Erbauung an großen Fach- und Lebensfragen, während eine andere dem beruflich bedingten Ortswechsel und zugleich dem gewidmet blieb, was Lindner das kleine Nachdenken nannte, der Sammlung des Geistes auf den Gehalt der eben vergangenen und der kommenden Beschäftigung; andere Zeitstücke hinwieder waren, teils ein für allemal, teils im Rahmen der Woche wechselnd, für An- und Auskleiden, Turnen, Briefe, Wirtschaftsangelegenheiten, Behörden und nützliche Geselligkeit vorgesehen. Auch ist es natürlich, daß die Ausführung dieses Lebensplans nicht nur nach seinen großen und strengen Linien erfolgte, sondern noch allerhand Besonderheiten mit sich brachte, wie den Sonntag mit seinen nicht alltäglichen Pflichten, den größeren Überlandspaziergang, der alle vierzehn Tage stattfand, oder das Vollbad, und daß sie auch tägliche Doppeltätigkeiten enthielt, die noch nicht erwähnt werden konnten und zu denen beispielsweise der Umgang Lindners mit seinem Sohn während der Mahlzeiten gehörte, oder beim raschen Ankleiden die Übung des Charakters in der geduldigen Überwindung von unvorhergesehenen Schwierigkeiten.

Charakterübungen solcher Art sind nicht nur möglich, sondern auch überaus nützlich, und Lindner hatte eine ursprüngliche Vorliebe für sie. »In dem Kleinen, was ich recht tue, sehe ich ein Bild von allem Großen, was in der Welt recht getan wird« stand schon bei Goethe zu lesen, und in diesem Sinn kann eine Mahlzeit so gut wie ein Schicksalsauftrag als Pflegestatt der Selbstbeherrschung und Siegesstatt über die Begehrlichkeit dienen; ja an dem allen Überlegungen unzugänglichen Widerstand eines Kragenknopfes vermag der tiefer blickende Sinn geradezu den Umgang mit Kindern zu erlernen. Lindner betrachtete natürlich Goethe keineswegs in allem als Vorbild; aber welch köstliche Demut hatte er nicht schon daraus gewonnen, daß er mit Hammerschlägen einen Nagel in die Wand zu treiben versucht hatte, einen zerrissenen Handschuh selbst zu stopfen unternahm oder eine verdorbene Klingel wieder herstellte: schlug er sich dabei auf die Finger oder stach er sich hinein, so wurde der hervorgerufene Schmerz, wenn auch nicht gleich, so doch nach einigen entsetzlichen Sekunden, von der Freude am industriösen Geist der Menschheit überwunden, der sogar in solchen geringfügigen Fertigkeiten und ihrem Erwerbe steckt, wessen sich der Gebildete heute zu seinem allgemeinen Nachteil hochmütig überhoben dünkt! Mit Behagen hatte er dann Goetheschen Geist in sich wiederauferstehen fühlen und es umso mehr genossen, als er sich über des Klassikers praktische Liebhaberei und gelegentliche Freude an besonnener Handfertigkeit dank der Verfahren eines neueren Zeitalters doch auch hinausgehoben fühlte. Lindner war überhaupt frei von Vergötzung des alten Autors, der in einer erst halb aufgeklärten, und darum die Aufklärung überschätzenden Welt gelebt hat, und nahm sich ihn mehr im liebenswürdig Kleinen zum Vorbild als im Ernsten und Großen, ganz abgesehen von der berüchtigten Sinnlichkeit des verführerischen Ministers.

Seine Verehrung war also sorgfältig abgewogen. Trotzdem machte sich seit einiger Zeit in ihr eine merkwürdige Verdrießlichkeit geltend, die Lindner oftmals zum Nachdenken reizte. Immer schon hatte er geglaubt, eine richtigere Auffassung vom Heldischen zu besitzen als Goethe. Von Scävolas, die ihre Hände ins Feuer stecken, Lukrezien, die sich durchbohren, oder Judithen, die den Bedrängern ihrer Ehre das Haupt abschlagen – »Motiven«, die Goethe jederzeit bedeutsam gefunden hätte, obzwar er sie nicht selbst behandelt hat – hielt Lindner nicht viel; ja, er war sogar trotz der Autorität der Klassiker überzeugt, daß diese Männer und Frauen, die für ihre persönlichen Überzeugungen Verbrechen begangen haben, heutigentags nicht sowohl auf den Kothurn als vielmehr in den Gerichtssaal gehörten. Er setzte ihrem Hang zu schweren Körperverletzungen eine »verinnerlichte und soziale« Auffassung des Mutes entgegen. In Gespräch und Gedanke ging er sogar so weit, eine reiflich überlegte Eintragung ins Klassenbuch darüber zu stellen, oder die verantwortliche Erwägung, wie seine Wirtschafterin wegen voreiligen Eifers zu tadeln sei, weil man dabei nicht nur seinen eigenen Leidenschaften folgen dürfe, sondern auch die Gründe des anderen berücksichtigen müsse. Und wenn er so etwas aussprach, hatte er den Eindruck, in wohlanstehendem Zivilkleid eines späteren Jahrhunderts auf das bombastische moralische Kostüm eines älteren zurückzublicken.

Der Hauch von Lächerlichkeit, der mit solchen Beispielen verbunden war, entging ihm durchaus nicht, aber er nannte ihn das Lachen des Geistespöbels; und er hatte zwei feste Gründe dafür. Er behauptete erstens nicht nur, daß sich jeder Anlaß gleich gut zur Stärkung wie zur Schwächung der menschlichen Natur benutzen lasse; sondern es erschienen ihm Anlässe kleinerer Art sogar zur Kräftigung geeigneter als die großen Gelegenheiten, denn durch die glanzvolle Ausübung der Tugend wird unwillkürlich auch die menschliche Neigung zu Überhebung und Eitelkeit gefördert, wogegen die unscheinbare alltägliche Ausübung schlechthin aus ungewürzter und reiner Tugend besteht. Zweitens aber durfte eine planvolle Bewirtschaftung des moralischen Volksguts (diesen Ausdruck liebte Lindner, neben dem soldatischen Wort »Zucht«, wegen des Bäurischen und zugleich Fabriksneuen, das an ihm ist) auch deshalb die »kleinen Gelegenheiten« nicht verschmähen, weil der gottlose, von »Liberalen und Freimaurern« aufgebrachte Glaube, daß die großen menschlichen Leistungen gleichsam aus einem Nichts hervorgehn, mochte man es auch Genie nennen, schon damals im Veralten war. Das geschärftere Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit ließ den »Helden«, den frühere Zeit zu einer überheblichen Erscheinung gemacht hatte, bereits als einen unermüdlichen Kleinarbeiter erkennen, der sich zum Entdecker durch dauernden Lernfleiß vorbereiten, als Athlet seinen Körper so ängstlich behandeln muß wie ein Opernsänger seine Stimme, und als politischer Volkserneuerer vor unzähligen Versammlungen immer das gleiche zu wiederholen hat. Und davon hatte Goethe – der zeit seines Lebens doch ein bequemer Bürger-Aristokrat geblieben war – noch keine Ahnung gehabt, Lindner aber sah es kommen! Darum war es auch verständlich, daß er Goethens besseres Teil gegen dessen vergängliches in Schutz zu nehmen meinte, wenn er das Bedachtsam-Umgängliche, das jener in so erfreulichem Maße besaß, dem Tragischen vorzog; auch ließe sich wohl vertreten, daß es nicht unüberlegt geschah, wenn er sich aus keinem anderen Grunde, als weil er ein Pedant war, für einen von gefährlichen Leidenschaften bedrohten Menschen hielt.

Wahrhaftig ist es denn auch bald danach eine der beliebtesten menschlichen Möglichkeiten geworden, sich einem »Regime« zu unterwerfen, was mit demselben günstigen Erfolg gegen die Fettleibigkeit angewendet wird wie in der Politik und im geistigen Leben. Dabei werden Geduld, Gehorsam, Regelmäßigkeit, Gleichmut und andere sehr ordentliche Eigenschaften zu Hauptbestandteilen des Menschen im Privatzustand, während alles Ungezügelte, Gewaltsame, Süchtige und Gefährliche, dessen er, als ein Wildromantiker, doch auch nicht entbehren mag, seinen vortrefflichen Sitz im Regime hat. Wahrscheinlich ist diese merkwürdige Neigung, sich einem Regime zu unterwerfen, oder ein anstrengendes, unangenehmes und dürftiges Leben nach den Vorschriften eines Arztes, Sportlehrers oder anderen Tyrannen zu führen, obgleich man es mit ebenso gutem Mißerfolg auch unterlassen könnte, schon ein Ergebnis der Bewegung zum Arbeiter-, Krieger- und Ameisenstaat, dem sich die Welt annähert: aber da lag auch die Grenze, die zu überschreiten Lindner nicht mehr fähig war und an die sein Blick nicht mehr sehend hindrang, weil es ihm sein Goethisches Erbteil verbot.

Wohl war seine Frömmigkeit von keiner Art, die sich damit nicht vertragen hätte, überließ er doch das Göttliche Gott, und auch die unverdünnte Heiligkeit den Heiligen; aber er konnte den Gedanken nicht fassen, auf seine Persönlichkeit zu verzichten, und es schwebte ihm als Ideal der Welt eine Gemeinschaft vollverantwortlicher sittlicher Persönlichkeiten vor, die als zivile Gottesstreitmacht zwar wider die Unbeständigkeit der niederen Natur kämpfe und den Alltag zum Heiligtum mache, dieses aber auch mit den großen Werken der Kunst und Wissenschaft schmücke. Hätte jemand seine Tageseinteilung nachgezählt, so wäre ihm darum auch aufgefallen, daß sie in jeder Abwandlung bloß dreiundzwanzig Stunden ergab, es fehlten also noch sechzig Minuten auf einen vollen Tag, und von diesen sechzig Minuten waren vierzig ein für allemal dem Gespräch und liebevollen Eingehn auf die Bestrebungen und die Wesensart anderer Menschen zugedacht, wozu er auch den Besuch von Kunstausstellungen, Konzerten und Vergnügungen rechnete. Er haßte diese Veranstaltungen. Sie verletzten fast jedesmal durch ihren Inhalt sein Gemüt, und nach seinen Begriffen tobte sich in diesen planlosen und überschätzten Erbauungen die berüchtigte Nervenstörung der Gegenwart aus, mit ihren überflüssigen Reizen und ihren echten Leiden, mit ihrer Unersättlichkeit und ihrer Unbeständigkeit, ihrer Neugierde und ihrem unvermeidlichen Sittenverfall. Er lächelte sogar erschüttert in seinen dünnen Bart, wenn er bei solchen Anlässen »Männlein und Weiblein« mit erhitzten Wangen der Kultur götzendienern sah. Sie wußten nicht, daß die Lebenskraft durch Einengung gesteigert wird, und nicht durch Zersplitterung. Sie litten alle unter der Angst, keine Zeit für alles zu haben, und wußten nicht, daß Zeit haben nichts anderes heißt, als keine Zeit für alles zu haben. Lindner hatte erkannt, daß die schlechte Nervenverfassung nicht von der Arbeit und ihrer Eile komme, die man in diesem Zeitalter anschuldige, sondern im Gegenteil von der Kultur und Humanität ausgehe, von den Ruhepausen, der Unterbrechung der Arbeit, den freigelassenen Minuten, wo der Mensch sich selbst leben möchte und etwas sucht, das er für schön halten könnte oder für ein Vergnügen oder für wichtig: diese Minuten sind es, aus denen die Miasmen der Ungeduld, des Unglücks und der Sinnlosigkeit aufsteigen. So empfand er, und wäre es nach ihm gegangen, das heißt, nach den Gesichten, die er in solchen Augenblicken hatte, so hätte er alle diese Kunststätten mit eisernem Besen ausgekehrt, und es hätten Feste der Arbeit und Erbauung, kurz angebunden an das tägliche Tun, die Stelle jener angeblichen Geistesereignisse eingenommen; es wäre eigentlich nichts zu tun gewesen, als von einem ganzen Zeitalter wenige Minuten täglich fortzunehmen, die ihr krankes Dasein einer falsch verstandenen Liberalität verdanken. Aber es ernsthaft und öffentlich und anders als in einigen Anspielungen zu vertreten, dazu hatte er nie die Entschiedenheit aufgebracht.

Und Lindner blickte plötzlich auf, denn er fuhr während dieser Gedankenträume ja noch immer mit der Straßenbahn, und fühlte sich gereizt und beklommen, wie es von Unentschlossenheit und Verhindertsein kommt, und hatte für einen Augenblick den verworrenen Eindruck, die ganze Zeit über an Agathe gedacht zu haben. Es geschah ihr auch die Ehre, daß ein Unwille, der arglos als Freude an Goethe begonnen hatte, nun mit ihr verschmolz, obwohl kein Grund dafür zu erkennen war. Gewohnheitsmäßig ermahnte sich darum Lindner selbst: »Widme einen Teil deiner Einsamkeit dem ruhigen Nachdenken über deinen Nächsten, zumal wenn du nicht mit ihm übereinstimmen solltest: vielleicht wirst du dann, was dich abstößt, besser verstehen und benutzen lernen und wirst seine Schwäche zu schonen und seine Tugend zu ermutigen wissen, die möglicherweise bloß eingeschüchtert ist!« flüsterte er mit stummen Lippen. Es war einer der Kernsätze, die er gegen das fragwürdige Treiben der sogenannten Kultur geprägt hatte und in denen er gewöhnlich die Gelassenheit fand, dieses zu ertragen; aber der Erfolg blieb aus, und Gerechtigkeit war offenbar nicht das, was ihm diesmal fehlte. Er zog die Uhr. Es bestätigte sich, daß er Agathe mehr Zeit geschenkt hatte, als ihm gegeben war. Aber er hätte es nicht tun können, wenn in seinem Tagesplan nicht restliche zwanzig Minuten für unvermeidliche Zeitverluste vorgesehen gewesen wären; und es zeigte sich, daß ihm von diesem Verlustkonto, diesem Notvorrat an Zeit, dessen kostbare Tropfen das vermittelnde Öl in seinem Tagwerk waren, selbst an diesem ungewöhnlichen Tag noch zehn Minuten übrig sein dürften, wenn er sein Haus betreten werde. Wuchs dadurch sein Mut? Es fiel ihm ein anderer seiner Lebenssprüche ein, schon zum zweitenmal heute: »Je unerschütterlicher die Geduld in dir wird,« sagte Lindner zu Lindner »desto sicherer wirst du den andern ins Herz treffen!« Und ins Herz zu treffen, das bereitete ihm ein Vergnügen, das auch dem Heldischen seiner Natur entsprach; daß so Getroffene niemals zurückschlagen, spielte dabei keine Rolle. 41

Die Geschwister am nächsten Morgen


Auf diesen Mann kamen nun Ulrich und seine Schwester abermals zu sprechen, als sie sich am Morgen nach dem plötzlichen Verschwinden Agathes aus der Gesellschaft bei ihrer Kusine von neuem sahen. Tags zuvor hatte auch Ulrich bald nach ihr die streitbar angeregte Versammlung verlassen, war aber nicht mehr dazu gekommen, sie zu fragen, warum sie ihm auf und davon gegangen wäre; denn sie hatte sich eingeschlossen und entweder schon geschlafen oder mit Absicht die leise Frage des Lauschenden, ob sie noch wache, ohne Antwort gelassen. So schloß der Tag, wo sie dem wunderlichen Fremden begegnet war, ebenso launenhaft ab, wie er begonnen hatte. Auch am nächsten Tag war keine Auskunft von ihr zu erlangen. Ihre wirklichen Empfindungen kannte sie selbst nicht. Wenn sie an den bei ihr eingedrungenen Brief ihres Ehemanns dachte, den sie sich ein zweites Mal zu lesen nicht überwinden konnte, obwohl sie ihn von Zeit zu Zeit neben sich liegen sah, so erschien es ihr unglaubwürdig, daß seit seinem Empfang kaum ein Tag vergangen sein sollte; so oft hatte sie inzwischen ihren Zustand gewechselt. Manchmal dünkte sie, daß auf diesen Brief wahrhaftig das Schauerwort: Gespenster der Vergangenheit angewandt werden müßte; trotzdem fürchtete sie sich auch wirklich vor ihm. Und zuweilen erregte er in ihr bloß ein kleines Unbehagen, das auch der unverhoffte Anblick einer stehengebliebenen Uhr erregen könnte; zuweilen aber versetzte es sie in starres Nachdenken, daß die Welt, aus der er kam, den Anspruch hatte, die wirkliche für sie zu sein. Was sie innen nicht einmal leise berührte, umgab sie außen unabsehbar und hielt dort noch immer zusammen. Unwillkürlich verglich sie damit, was sich zwischen ihr und ihrem Bruder seit dem Eintreffen dieses Schreibens ereignet hatte. Das waren vor allem Gespräche, und obwohl eines von diesen sie sogar dazu gebracht hatte, an Selbstmord zu denken, war sein Inhalt vergessen, wenn auch wahrscheinlich noch auferstehensbereit und nicht verschmerzt. Es hatte also eigentlich auch wenig zu bedeuten, worüber ein Gespräch geführt wurde, und, ihr herzergreifendes jetziges Leben gegen den Brief abwägend, empfing sie den Eindruck einer tiefen, beständigen, unvergleichlichen, aber machtlosen Bewegung. Sie fühlte sich von alledem an diesem Morgen teils matt und ernüchtert, teils zärtlich und unruhig, wie es ein Fiebernder nach dem Sinken der Temperatur ist.

Es geschah darum bloß scheinbar unvermittelt, als sie mit einemmal sagte: »So teilzunehmen, daß man selbst erlebt, wie einem andren zumute ist, muß unbeschreiblich schwer sein!« Ulrich entgegnete: »Es gibt Menschen, die sich einbilden, es zu können.« Er war ungelaunt und anzüglich und hatte sie nur halb verstanden. Bei ihren Worten wich etwas zur Seite und gab einem Ärger Raum, der tags zuvor zurückgeblieben war, mochte er ihn auch verachten. Damit war diese Aussprache fürs erste zu Ende.

Der Morgen hatte einen Regentag gebracht und die Geschwister in ihrem Haus eingeschlossen. Die Blätter der Bäume glänzten öde vor den Fenstern wie nasses Linoleum; der Fahrdamm hinter den Lücken des Laubs spiegelte wie ein Gummischuh. Die Augen mochten den nassen Anblick kaum anfassen. Agathe seufzte auf und erklärte: »Die Welt erinnert heute an unsere Kinderzimmer.« Sie spielte damit auf die kahlen Oberstuben in ihres Vaters Haus an, mit denen sie beide ein verwundertes Wiedersehen gefeiert hatten. Das schien weit hergeholt zu sein; aber sie fügte hinzu: »Es ist die erste Traurigkeit des Menschen inmitten seines Spielzeugs, die immer wiederkehrt!« Unwillkürlich war die Erwartung nach dem dauernd guten Wetter der letzten Zeit wieder auf einen schönen Tag gerichtet gewesen und erfüllte nun den Sinn mit versagter Lust und ungeduldiger Schwermut. Ulrich blickte jetzt auch zum Fenster hinaus. Hinter der grauen, rinnenden Wasserwand gaukelten unausgeführte Entwürfe von Ausflügen, freies Grün und endlose Welt; und vielleicht geisterte dahinter auch der Wunsch, einmal allein zu sein und sich selbst frei nach allen Seiten zu regen, dessen süßer Schmerz die Passionsgeschichte und auch schon die Wiederauferstehung der Liebe ist. Er wandte sich, irgend etwas davon noch im Ausdruck des Gesichts und Körpers, zu seiner Schwester um, und beinahe heftig fragte er sie: »Ich gehöre wohl nicht zu den Menschen, die auf andere teilnehmend eingehen können?«

»Nein, wirklich nicht!« erwiderte sie und lächelte ihn an.

»Aber gerade, was solche Menschen sich einbilden,« fuhr er fort, denn erst jetzt hatte er verstanden, wie ernst ihre Worte gemeint waren »daß man miteinander leiden könnte, vermögen sie so wenig wie irgendwer. Sie haben höchstens die Geschicklichkeit von Krankenschwestern, daß sie erraten, was ein Bedürftiger gerne hört –«

»Also müssen sie doch wissen, was ihm wohltut« wandte Agathe ein.

»Durchaus nicht!« wiederholte Ulrich hartnäckiger. »Wahrscheinlich trösten sie überhaupt nur dadurch, daß sie reden: wer viel redet, entlädt das Leid des andern tropfenweise wie ein Regen die Elektrizität einer Wolke. Das ist die bekannte Milderung eines jeden Kummers durch das Mittel der Aussprache!«

Agathe schwieg.

»Solche Menschen wie dein neuer Freund« meinte Ulrich nun herausfordernd »wirken vielleicht auch, wie es manche Hustenmittel tun: sie beseitigen nicht den Katarrh, aber sie lindern seinen Reiz, und dann heilt er oft von selbst aus!«

Er hätte unter allen anderen Umständen die Zustimmung seiner Schwester erwarten dürfen, aber die seit gestern wunderlich gesonnene Agathe mit ihrer plötzlichen Schwäche für einen Mann, dessen Wert Ulrich bezweifelte, lächelte unnachgiebig und spielte mit ihren Fingern. Ulrich sprang auf und sagte eindringlich: »Aber ich kenne ihn doch, wenn auch nur flüchtig; ich habe ihn einigemal reden hören!«

»Du hast ihn sogar einen ›faden Esel‹ genannt« schaltete Agathe ein.

»Und warum nicht!?« verteidigte es Ulrich. »Menschen wie der wissen noch weniger als irgendwer mit einem andern zu fühlen! Sie wissen nicht einmal, was es bedeutet. Sie fühlen einfach die Schwierigkeit, die ungeheuerliche Zweifelhaftigkeit dieses Anspruches nicht!«

Da fragte Agathe: »Weshalb erscheint dir denn der Anspruch zweifelhaft?«

Nun schwieg Ulrich. Er zündete sich sogar eine Zigarette an, um zu bekräftigen, daß er darauf nicht antworten werde, hatten sie doch tags zuvor genug darüber gesprochen! Auch Agathe wußte das. Sie wollte keine neue Erklärung herausfordern. Diese Erklärungen waren so bezaubernd und so vernichtend, wie in den Himmel zu schaun, wenn darin graue, rosa und gelbe Städte aus Wolkenmarmor zu sehen sind. Sie dachte: »Wie schön wäre es, wenn er nichts sagte als: ›Ich will dich lieben wie mich selbst, und dich kann ich eher so lieben als alle anderen Frauen, weil du meine Schwester bist!‹« Und weil er es nicht sagen wollte, nahm sie eine kleine Schere und schnitt sorgfältig einen Faden ab, der irgendwo hervorragte, so, als wäre es augenblicklich auf der ganzen Welt das einzige, was ihre volle Aufmerksamkeit verdiene. Ulrich sah dem mit der gleichen Aufmerksamkeit zu. Sie war in diesem Augenblick allen seinen Sinnen verführerischer denn je gegenwärtig, und etwas von dem, was sie verbarg, erriet er, wenn auch nicht alles. Denn sie hatte indessen Zeit zu dem Beschluß: wenn Ulrich vergessen könne, daß sie den fremden Mann selbst auslache, der sich anmaßte, hier helfen zu können, solle er es jetzt auch nicht von ihr erfahren. Und außerdem hatte sie doch auch ein erwartungsvolles Vorgefühl von Lindner. Sie kannte ihn nicht. Aber daß er ihr selbstlos und überzeugt seine Hilfe anbot, mußte ihr wohl Vertrauen eingeflößt haben, denn eine frohe Tonart des Herzens, harter Posaunenklang von Wille, Zuversicht und Stolz, ihrem eigenen Zustand wohltätig entgegengesetzt, schienen sie hinter aller Komik des Falls erfrischend anzublasen. »Mögen Schwierigkeiten noch so groß sein, sie bedeuten nichts, wenn man ernstlich will!« dachte sie und wurde dabei unversehens von Reue erfaßt, so daß sie nun das Schweigen ungefähr so brach, wie eine Blume gebrochen wird, damit sich zwei Köpfe darüber beugen können, und ihrer ersten Frage die zweite hinzufügte: »Erinnerst du dich denn noch, daß du immer gesagt hast, liebe den Nächsten, ist von einer Pflicht so verschieden wie ein aus der Seligkeit kommender Wolkenbruch von einem Tropfen Zufriedenheit?«

Sie staunte über die Heftigkeit, mit der Ulrich ihr antwortete: »Die Ironie meines Zustands ist mir nicht unbekannt. Seit gestern, und wahrscheinlich immer, habe ich nichts getan, als ein Heer aufzustellen von Gründen dafür, daß diese Liebe zu diesem Nächsten nicht ein Glück sei, sondern eine ungeheuer großartige, halb unlösbare Aufgabe! Nichts könnte also begreiflicher sein, als daß du Schutz davor bei einem Menschen suchtest, der von alledem keine Ahnung hat, und ich an deiner Stelle täte es auch!«

»Aber es ist doch gar nicht wahr, daß ich es tue!« versetzte Agathe kurz.

Ulrich konnte nicht umhin, ihr einen so dankbaren wie mißtrauischen Blick zuzuwerfen: »Es stünde kaum dafür, daß man davon redete« versicherte er. »Ich habe es eigentlich auch nicht tun wollen.« Er zauderte einen Augenblick und fuhr fort: »Aber sieh, wenn man schon einen anderen lieben muß wie sich selbst, und liebt ihn noch so sehr, bleibt es doch eigentlich Betrug und Selbstbetrug, weil man einfach nicht mitfühlen kann, wie ihn der Kopf schmerzt oder der Finger. Es ist etwas völlig Unerträgliches, daß man an einem Menschen, den man liebt, nicht wirklich teilnehmen kann, und es ist etwas völlig Einfaches. So ist die Welt eingerichtet. Wir tragen unser Tierfell mit den Haaren nach innen und können es nicht ausstreifen. Und diesen Schreck in der Zärtlichkeit, diesen Alptraum der steckenbleibenden Annäherung, den erleben die regelrecht guten, die ›kurz und guten‹ Menschen nie. Was sie ihr Mitgefühl nennen, ist sogar ein Ersatz dafür, der zu verhindern hat, daß sie etwas vermissen!«

Agathe vergaß, daß sie soeben etwas gesagt hatte, das einer Lüge so ähnlich war wie keiner Lüge. Sie sah, daß in Ulrichs Worten die Enttäuschung von der Vision eines Aneinander-Teilhabens durchleuchtet war, vor der die gewöhnlichen Beweise der Liebe, Güte und Teilnahme ihre Bedeutung verloren; und sie verstand, daß er darum von der Welt öfter als von sich sprach, denn man mußte sich wohl mitsamt der Wirklichkeit ausheben wie eine Tür aus der Angel, wenn das mehr als eitel Träumerei sein sollte. In diesem Augenblick war sie weit weg von dem Mann mit dem schütteren Bart und der schüchternen Strenge, der ihr wohltun wollte. Sie vermochte es aber nicht zu sagen. Sie sah Ulrich bloß an, dann sah sie weg, ohne zu sprechen. Dann tat sie irgend etwas, dann sahen sie einander wieder an. Das Schweigen machte nach kürzester Zeit den Eindruck, daß es schon Stunden währe.

Der Traum, zwei Menschen zu sein und einer –: in Wahrheit war die Wirkung dieser Erdichtung in manchen Augenblicken der eines über die Grenzen der Nacht getretenen Traumes nicht unähnlich, und auch jetzt schwebte sie zwischen Glaube und Leugnung in einem solchen Gefühlszustand, daran die Vernunft nichts mehr zu bestellen hatte. Es war erst die unbeeinflußbare Beschaffenheit der Körper, wovon das Gefühl in die Wirklichkeit zurückgewiesen wurde. Diese Körper breiteten vor dem suchenden Blick ihr Sein, da sie einander doch liebten, zu Überraschungen und Entzückungen aus, die sich erneuten wie ein in den Strömen des Begehrens schwebendes Pfauenrad; aber sobald der Blick nicht bloß an den hundert Augen des Schauspiels hing, das die Liebe der Liebe gibt, sondern zu dem Wesen einzudringen versuchte, das dahinter dachte und fühlte, verwandelten sich diese Körper in grausame Kerker. Es fand sich wieder einer vor dem andern, wie schon so oft zuvor, und wußte nichts zu sagen, weil zu allem, was die Sehnsucht noch zu sagen oder zu wiederholen gehabt hätte, eine allzuweit hinübergebeugte Bewegung gehörte, für die es keinen Stand und Boden gab.

Und nicht lange, so wurden darüber unwillkürlich auch die körperlichen Bewegungen langsamer und erstarrten. Vor den Fenstern erfüllte noch immer der Regen die Luft mit seinem zuckenden Vorhang aus Tropfen und den einschläfernden Geräuschen, durch deren Eintönigkeit die himmelhohe Öde herabfloß. Es schien Agathe Jahrhunderte her zu sein, daß ihr Körper einsam sei; und die Zeit rann, als rinne sie mit dem Wasser vom Himmel. Im Zimmer war jetzt ein Licht wie ein ausgehöhlter Silberwürfel. Blaue, süßliche Schärpen von Rauch achtlos verbrennender Zigaretten umschlangen sie und Ulrich. Sie wußte nicht mehr, ob sie bis ins Innerste empfindlich und zärtlich sei oder ungeduldig und schlecht auf ihren Bruder zu sprechen, dessen Ausdauer sie bewunderte. Sie suchte sein Auge und fand es erstarrt wie zwei Monde in dieser unsicheren Atmosphäre schweben. Und in demselben Augenblick geschah ihr nun, was nicht aus ihrem Willen zu kommen schien, sondern von außen, daß das quellende Wasser vor den Fenstern plötzlich fleischig wurde wie eine aufgeschnittene Frucht und seine schwellende Weichheit zwischen sie und Ulrich drängte. Vielleicht schämte sie sich oder haßte sich deswegen sogar ein wenig, aber eine völlig sinnliche Ausgelassenheit – und gar nicht nur, was man Entfesseln der Sinne nennt, sondern auch, ja weit eher, ein freiwilliges und freies Ablassen der Sinne von der Welt! – begann sich ihrer zu bemächtigen; und sie konnte dem gerade noch zuvorkommen und es vor Ulrich sogar verbergen, indem sie mit der schnellsten aller Ausreden, daß sie etwas zu besorgen vergessen hätte, aufsprang und das Zimmer verließ. 42

Auf der Himmelsleiter in eine fremde Wohnung


Kaum war das vollbracht, faßte sie aber den Beschluß, daß sie den sonderbaren Mann aufsuchen werde, der ihr seine Hilfe angeboten hatte, und schritt sogleich an die Ausführung. Sie wollte ihm gestehen, daß sie nicht mehr wisse, was sie mit sich beginnen solle. Sie hatte keine deutliche Vorstellung von ihm; ein Mensch, den man unter Tränen gesehen hat, die in seiner Gesellschaft auftrockneten, wird nicht leicht jemand so erscheinen, wie er wirklich ist. Darum dachte sie unterwegs über ihn nach. Sie glaubte nüchtern nachzudenken; aber in Wahrheit geschah es noch ganz phantastisch. Sie eilte durch die Straßen und trug vor ihren Augen das Licht aus ihres Bruders Zimmer. Rechtes Licht sei es aber gar nicht gewesen, überlegte sie; eher mochte sie sagen, daß alle Dinge in dem Zimmer plötzlich die Fassung verloren hätten, oder eine Art von Verstand, der sonst wohl an ihnen sein mußte. Sollte es aber so sein, daß bloß sie selbst die Fassung verloren hätte, oder ihren Verstand, so wäre das auch nicht nur auf sie beschränkt gewesen, denn es hatte doch auch in den Dingen eine Befreiung erweckt, worin es sich von Wundern regte. »Im nächsten Augenblick hätte es uns aus den Kleidern geschält wie ein silbernes Messer, ohne daß wir auch nur einen Finger wirklich gerührt hätten!« dachte sie.

Allmählich beruhigte sie sich aber jetzt an dem Regen, der ihr harmloses, graues Wasser prasselnd auf Hut und Mantel schüttete, und ihre Gedanken nahmen eine gemäßigtere Art an. Vielleicht half auch die einfache, in Eile übergeworfene Kleidung dabei mit, denn sie lenkte ihre Erinnerung auf schirmlose Schulmädelwege und unschuldige Zustände zurück. Die Wandernde entsann sich sogar unerwartet einer arglosen Sommerszeit, die sie mit einer Freundin und deren Eltern auf einer kleinen Insel im Norden verbracht hatte: dort hatten sie zwischen der harten Herrlichkeit von Himmel und Meer einen Nistplatz der Seevögel entdeckt, eine Mulde voll von weißen, weichen Vogelfedern. Und nun wußte sie es: der Mann, zu dem es sie hinzog, erinnerte sie an diesen Nistplatz. Die Vorstellung freute sie. Allerdings hätte sie es sich zu jener Zeit, angesichts der strengen Aufrichtigkeit, die zum Bedürfnis der Jugend nach Erfahrung gehört, wohl kaum durchgehen lassen, daß sie sich dermaßen unlogisch, ja eben jugendlich-unreif, wie sie es jetzt mit Fleiß geschehen ließ, bei der Vorstellung des Weichen und Weißen einem überirdischen Grausen überlasse. Dieses Grausen galt Professor Lindner; aber auch das Überirdische galt ihm.

Die Ahnung voll Gewißheit, es stehe alles, was ihr begegne, in märchenhafter Verbindung mit etwas Verborgenem, war ihr aus allen erregten Zeiten ihres Lebens bekannt; sie spürte es als eine Nähe, fühlte es hinter sich und hatte die Neigung, auf die Stunde des Wunders zu warten, wo sie nichts zu tun hätte, als die Augen zu schließen und sich zurückzulehnen. Ulrich aber sah in überirdischen Träumereien keine Hilfe, und seine Aufmerksamkeit schien meistens davon in Anspruch genommen zu sein, den überirdischen Inhalt unendlich langsam in einen irdischen zu verwandeln. Agathe erkannte darin den Grund, warum sie ihn binnen vierundzwanzig Stunden jetzt schon zum drittenmal verlassen hatte, fliehend in der wirren Erwartung von etwas, das sie in Obhut nehmen und von den Mühsalen, oder auch nur von der Ungeduld ihrer Leidenschaften ausruhen lassen sollte. Sobald sie sich dann beruhigte, war sie wieder selbst an seiner Seite und sah alle Heilsmöglichkeit in dem, was er sie lehrte; und auch jetzt hielt dies eine Weile an. Als sich ihr aber die Erinnerung an das, was zu Hause »beinahe« geschehen wäre – und eben doch nicht geschah! – wieder lebhafter aufdrängte, war sie auch wieder bis ins Innerste ratlos. Bald wollte sie sich nun einreden, daß ihnen der unendliche Bereich des Unvorstellbaren zu Hilfe gekommen wäre, wenn sie noch einen Augenblick ausgeharrt hätten, bald warf sie sich vor, daß sie nicht abgewartet habe, was Ulrich tun werde; schließlich aber träumte sie davon, daß es das richtigste gewesen wäre, einfach der Liebe nachzugeben und auf der schwindlichten Himmelsleiter, die sie hinanstiegen, der überforderten Natur eine Ruhestufe einzuräumen. Doch da kam sie sich, kaum war dieses Zugeständnis gemacht, wie eines der unfähigen Märchengeschöpfe vor, die nicht an sich halten können und in ihrer weibischen Schwäche vor der Zeit das Schweigen oder ein anderes Gelübde brechen, worauf alles unter Donner zusammenfällt.

Richtete sich jetzt ihre Erwartung wieder auf den Mann, der sie Rat finden lassen sollte, so hatte er nicht nur die großen Vorteile für sich, die der Ordnung, der Gewißheit, der gütigen Strenge und einem zusammengenommenen Betragen von einer unartig verzweifelten Aufführung verliehen sind; sondern es war diesem Unbekannten auch die besondere Auszeichnung zu eigen, daß er gefühllos und gewiß von Gott sprach, als verkehre er täglich in dessen Hause und könne zu verstehen geben, daß man dort alles verachte, was bloß Leidenschaft und Einbildung sei. Was mochte ihr also bei ihm bevorstehen? Als sie sich diese Frage stellte, drückte sie den Fuß heftiger im Lauf an den Boden und atmete die Kälte des Regens ein, damit sie ganz nüchtern werde; und da wurde ihr denn recht wahrscheinlich, daß Ulrich, wenn er auch einseitig über Lindner urteile, es doch richtiger tue als sie, denn vor den Gesprächen mit ihm, als ihr Eindruck von jenem noch ursprünglich war, hatte sie selbst auch recht spöttisch von dem Guten gedacht. Sie wunderte sich über ihre Füße, die sie dennoch zu ihm trugen, und nahm sogar einen in der gleichen Richtung fahrenden Stellwagen, damit es schneller vonstatten gehe.

Zwischen Menschen geschüttelt, die wie grobe nasse Wäschestücke waren, hatte sie es schwer, ihr inneres Gespinst ganz zu erhalten, aber sie stand mit erbittertem Gesicht und schützte es vor dem Zerreißen. Sie wollte es heil zu Lindner bringen. Sie verkleinerte es sogar. Ihr ganzes Verhältnis zu Gott, wenn dieser Name denn schon auf eine solche Abenteuerlichkeit angewandt werden sollte, beschränkte sich darauf, daß ein Zwielicht jedesmal vor ihr aufging, wenn das Leben zu bedrückend und widerwärtig oder, was das neue war, zu schön wurde. Da hinein rannte sie dann suchend. Das war alles, was sie ehrlich davon zu sagen wußte. Und ein Ergebnis hätte es nie gehabt. So sagte sie sich unter Stößen. Und dabei bemerkte sie, daß sie jetzt eigentlich auch recht neugierig darauf war, wie sich ihr Unbekannter aus diesem Geschäft ziehen werde, das ihm gleichsam in Stellvertretung Gottes anvertraut wurde; mußte er doch zu solchem Behuf von dem großen Unzugänglichen auch etwas Allwissenheit abbekommen haben, weil sie sich unterdes, eingeklemmt zwischen allerhand Menschen, fest vorgenommen hatte, ihm um keinen Preis gleich ein volles Geständnis abzulegen. Als sie ausstieg, entdeckte sie aber merkwürdigerweise die tief versteckte Überzeugung in sich, daß es diesmal anders kommen werde als sonst und daß sie entschlossen sei, auch auf eigene Faust das ganz Unfaßbare aus dem Zwielicht ans Licht zu holen. Vielleicht hätte sie dieses übertreibende Wort rasch wieder ausgelöscht, wenn es ihr überhaupt zu Bewußtsein gekommen wäre; aber dort war an der Stelle kein Wort, sondern bloß ein überraschtes Gefühl, das ihr Blut emporwirbelte, als wäre es Feuer.

Der Mann, auf den so leidenschaftliche Gefühle und Einbildungen unterwegs waren, saß indessen in Gesellschaft seines Sohnes Peter bei der Mittagsmahlzeit, die von ihm, einer guten Regel älterer Zeiten folgend, noch zur wirklichen Mittagsstunde eingenommen wurde. In seiner Umgebung gab es keinen Luxus, oder wie man in deutscher Sprache besser sagt, keinen Überfluß; denn das deutsche Wort eröffnet uns den Sinn, den das fremdländische verschließt. So hat auch Luxus die Bedeutung des Überflüssigen und Entbehrlichen, das müßiger Reichtum ansammeln mag; Überfluß dagegen ist nicht sowohl überflüssig, und insofern gleichbedeutend mit Luxus, als vielmehr auch überfließend und bedeutet dann eine leicht über den Rahmen schwellende Polsterung des Daseins oder jene überschüssige Bequemlichkeit und Weitherzigkeit des europäischen Lebens, die nur den ganz Armen fehlt. Lindner unterschied diese zwei Begriffe des Luxus, und ebensosehr Luxus im ersten seiner Wohnung fehlte, war er im zweiten Begriff darin vorhanden. Schon wenn sich die Eingangstür öffnete und den mäßig großen Vorraum darbot, empfing man diesen eigentümlichen Eindruck, von dem nicht zu sagen war, wovon er kam. Sah man sich dann um, so fehlte keine der Einrichtungen, die dazu geschaffen sind, dem Menschen durch eine nützliche Erfindung zu dienen: Ein Schirmständer, aus Blech gelötet und mit Email bemalt, sorgte für den Regenschirm. Ein Laufteppich mit derben Fasern nahm den Schuhen den Schmutz ab, den die Abstreifbürste noch daran gelassen haben mochte. In einer Tasche an der Wand staken zwei Kleiderbürsten, und auch der Rechen zum Aufhängen der Überkleidung fehlte nicht. Eine Glühbirne erhellte den Raum, sogar ein Spiegel war vorhanden, und alle diese Geräte waren aufs beste gewartet und wurden rechtzeitig erneuert, wenn sie Schaden nahmen. Aber die Glühbirne hatte die geringste Lichtstärke, bei der man gerade noch etwas wahrnehmen kann; der Kleiderrechen hatte bloß drei Haken; der Spiegel faßte bloß vier Fünftel eines Erwachsenengesichts; und die Dicke wie die Güte des Teppichs waren gerade so groß, daß man noch den Fußboden hindurchspürte und nicht in Weichheit versank: Mag es übrigens vergeblich sein, durch solche Einzelheiten den Geist der Örtlichkeit zu beschreiben, so brauchte man doch bloß einzutreten und empfand ihn im ganzen als etwas eigentümlich Anwehendes, das nicht streng und nicht lässig, nicht wohlhabend und nicht arm, nicht würzig und nicht geschmacklos, sondern eben etwas so bejahend aus zwei Verneinungen Hervorgehendes war, wie es sich am besten durch das Wort: Mangel an Verschwendung ausdrücken läßt. Das schloß aber, wenn man die inneren Räume betrat, ein Gefühl für Schönheit, ja sogar das des Behagens keineswegs aus, die sich allenthalben bemerken ließen. An den Wänden hingen gerahmte Prachtstiche, das Fenster neben Lindners Schreibtisch war durch ein buntes Schaustück aus Glas geziert, das einen Ritter darstellte, der mit spröder Bewegung eine Jungfrau von einem Drachen befreite, und in der Wahl einiger bemalter Vasen, die schöne Papierblumen enthielten, in der Anschaffung eines Aschenbechers durch den Nichtraucher, sowie in den vielen Kleinigkeiten, durch die gleichsam ein Sonnenstrahl in den ernsten Pflichtkreis fällt, den die Erhaltung und Betreuung eines Hauswesens darstellt, hatte Lindner gerne einen freien Geschmack walten lassen. Immerhin drang überall die zwölfkantige Strenge der Zimmerform gerade noch durch alles hindurch wie eine Erinnerung an die Härte des Lebens, deren man auch in der Annehmlichkeit nicht vergessen soll; und selbst dort, wo, aus vergangenen Zeiten herrührend, noch etwas weiblich Undiszipliniertes, ein Kreuzstichdeckchen, ein Polster mit Rosen oder ein Unterröckchen von Lampenschirm, diese Einheitlichkeit durchbrach, war sie stark genug, das schwelgerische Element daran zu hindern, daß es ganz aus ihrem Rahmen falle.

Trotzdem war Lindner an diesem Tag, und nicht zum erstenmal seit dem gestrigen Tage, beinahe um eine Viertelstunde zu spät zur Mahlzeit erschienen. Der Tisch war gedeckt; die Teller, je drei vor jedem der beiden Plätze aufeinandergestellt, sahen ihn mit dem runden Blick des Vorwurfs an; die Messerbänkchen aus Glas, auf denen Messer, Löffel und Gabel wie Kanonenrohre von der Lafette starrten, und die eingerollten Servietten in ihren Ringen waren aufmarschiert wie eine Armee, die ihr General im Stich gelassen hat. Lindner hatte flüchtig die Post zu sich gesteckt, die er sonst vor dem Essen zu öffnen pflegte, war schlechten Gewissens ins Speisezimmer geeilt und wußte nun in seiner Befangenheit nicht, was ihm dort eigentlich zustieß – es mochte wohl etwas Ähnliches wie Mißtrauen sein, da im gleichen Augenblick von der anderen Seite, und ebenso eilig wie er, sein Sohn Peter eintrat, als hätte er bloß auf den Vater gewartet. 43

Der Tugut und der Tunichtgut. Aber auch Agathe


Peter war ein recht beträchtlicher, ungefähr siebzehnjähriger Bursche, in dem sich die abschüssige Größe Lindners mit einer breiteren Körperlichkeit durchdrungen und verkürzt hatte; er reichte seinem Vater nur an die Schultern, aber sein Kopf, der einer eckig-runden großen Kegelkugel glich, saß auf einem Nacken von strammem Fleisch, dessen Umfang für einen Oberschenkel von Papa ausgereicht hätte. Peter hatte statt in der Schule auf einem Fußballplatz geweilt und unseligerweise am Heimweg ein Mädchen angesprochen, dem seine männliche Schönheit das halbe Versprechen eines Wiedersehens abrang: dadurch in Verspätung, hatte er sich heimlich in die Wohnung und an die Tür des Speisezimmers geschlichen, unschlüssig bis zum letzten Augenblick, wie er sich ausreden werde, hatte aber zu seiner Überraschung niemand im Zimmer gehört, war hineingestürzt, und gerade im Begriff, die gelangweilte Miene langen Wartens aufzusetzen, wurde er jetzt sehr verlegen, als er mit seinem Vater zusammenprallte. Sein rotes Gesicht überzog sich mit noch röteren Flecken, er ließ augenblicklich einen großen Wortschwall los und schielte seinen Vater ängstlich an, wenn er glaubte, daß dieser es nicht bemerke, wogegen er sein Auge furchtlos in das väterliche springen ließ, wenn er es auf sich gerichtet fühlte. Das war ein wohlberechnetes und oft erprobtes Verhalten, das die Aufgabe erfüllte, den Eindruck eines bis zur Unklugheit offenen und unbeherrschten jungen Mannes zu erwecken, der alles imstande sein könnte, bloß das eine nicht, etwas zu verbergen. Aber wenn das nicht genügte, so schreckte Peter auch nicht davor zurück, sich scheinbar versehentlich unehrerbietige oder andre seinem Vater mißliebige Worte entschlüpfen zu lassen, die dann wie Spitzen wirkten, die den Blitz anzogen und von gefährlicheren Bahnen ablenkten. Denn Peter fürchtete seinen Vater wie die Hölle den Himmel, mit dem Ehrgefühl des schmorenden Fleisches, auf das der Geist hinabblickt. Er liebte das Fußballspiel, und selbst dabei liebte er es mehr, mit sachkundiger Miene zuzusehn und gewichtige Urteile zu fällen, als sich selbst anzustrengen. Er hatte vor, Flieger zu werden und eines Tags Heldentaten zu vollbringen; er stellte es sich aber nicht als ein Ziel vor, für das man arbeiten müsse, sondern als eine persönliche Anlage, wie eben Wesen, zu denen das gehört, eines Tags fliegen können. Auch daß seine Abneigung zu arbeiten im Widerspruch zu den Lehren der Schule stehe, beeinflußte ihn nicht: Dieser Sohn eines anerkannten Pädagogen legte überhaupt keinen Wert darauf, von seinen Lehrern geachtet zu werden; es genügte ihm, körperlich der Stärkste in seiner Klasse zu sein, und wenn ihm ein Mitschüler zu gescheit vorkam, so war er bereit, durch einen Fausthieb gegen Nase oder Magen das Verhältnis wieder erträglich zu gestalten. Bekanntlich kann man auch auf diese Weise ein geachtetes Dasein führen, und sein Verfahren hatte bloß den einen Nachteil, daß er es zu Hause gegen seinen Vater nicht anwenden konnte, ja daß dieser davon möglichst wenig erfahren durfte. Denn vor dieser geistigen Autorität, die ihn erzogen hatte und sanft umklammert hielt, brach Peters Ungestüm zu jammernden Versuchen der Auflehnung zusammen, die Lindner senior das klägliche Geschrei der Begierden nannte. Von klein auf mit den besten Grundsätzen vertraut gemacht, hatte es Peter schwer, sich ihrer Wahrheit zu verschließen, und vermochte seiner Ehre und Wehrhaftigkeit nur durch einen indianischen Gebrauch von Kriegslisten genugzutun, die den offenen Wortkampf mieden. Zwar bediente er sich, um sich seinem Gegner anzupassen, auch vieler Worte, doch ließ er sich dabei niemals zu dem Bedürfnis herab, die Wahrheit zu reden, was nach seiner Auffassung unmännlich und geschwätzig war.

So sprudelten auch dieses Mal sogleich seine Beteuerungen und Grimassen, fanden aber keine Gegenwirkung auf Seiten des Meisters. Professor Lindner hatte eiligst das Kreuz über der Suppe geschlagen und aß ernst, schweigend und hastig. Nur zuweilen ruhte sein Auge kurz und ohne Sammlung auf dem Scheitel seines Sohnes. Dieser Scheitel war an diesem Tag mit Kamm, Wasser und viel Pomade durch das dicke, braunrote Haar gezogen wie eine Schmalspurbahn durch unwillig ausweichendes Walddickicht. Fühlte Peter den Blick seines Vaters darauf ruhn, so senkte er den Kopf, um mit dem Kinn die rote, schreiend schöne Krawatte zu verdecken, die sein Erzieher noch nicht kannte. Denn einen Augenblick später konnte sich der Blick sanft an einer solchen Entdeckung erweitern und der Mund ihm folgen, und Worte hervorbringen von der »Unterwerfung unter die Parolen von Hanswursten und Laffen« oder von »sozialer Gefallsucht und knechtischer Eitelkeit«, die Peter kränkten. Diesmal geschah aber nichts, und erst nach einer Weile, während die Teller gewechselt wurden, sagte Lindner gütig und unbestimmt – es war nicht einmal sicher, ob er die Krawatte meine oder nur von einem unbewußt aufgenommenen Anblick zu seinem Mahnwort bestimmt werde: »Menschen, die noch sehr mit ihrer Eitelkeit zu kämpfen haben, sollten in ihrer äußeren Erscheinung alles Auffallende meiden . . .!«

Peter benutzte diese unerwartete Charakterabwesenheit seines Vaters, um eine Geschichte von einem Ungenügend vorzubringen, das er aus Ritterlichkeit erhalten haben wollte, weil er, nach einem Kameraden geprüft, sich mit Absicht unvorbereitet gezeigt habe, um diesen, angesichts unerhörter Anforderungen, die für Schwächere einfach unerfüllbar seien, nicht in den Schatten zu stellen.

Professor Lindner schüttelte bloß den Kopf dazu.

Aber als der Mittelgang abgetragen wurde und die Nachspeise auf den Tisch kam, begann er nachdenklich und behutsam: »Sieh, gerade in den Jahren des größten Appetits kann man die folgenreichsten Siege über sich gewinnen, und zwar nicht etwa durch ungesundes Hungern, sondern nach ausreichender Ernährung durch gelegentlichen Verzicht auf ein Lieblingsgericht!«

Peter schwieg und zeigte kein Verständnis dafür, aber sein Kopf bedeckte sich wieder bis über die Ohren mit lebhaftem Rot.

»Es wäre verfehlt,« fuhr sein Vater bekümmert fort »wenn ich dich für dieses Ungenügend strafen wollte, denn da du überdies kindisch lügst, liegt noch ein solcher Mangel an sittlichem Ehrbegriff vor, daß man den Boden erst urbar machen muß, auf dem die Strafe wirken kann. Ich verlange darum von dir nichts, als daß du das selbst einsiehst, und bin sicher, daß du dich dann auch selbst bestrafen wirst!«

Dies war der Augenblick, wo Peter lebhaft auf seine schwache Gesundheit hinwies wie auch auf seine Überarbeitung, die in letzter Zeit sein Versagen in der Schule verursacht haben könnten und ihn außerstand setzten, seinen Charakter durch Verzicht auf den letzten Gang zu stählen.

»Der französische Philosoph Comte« erwiderte Professor Lindner darauf gelassen »pflegte nach dem Essen an Stelle des Desserts auch ohne besonderen Anlaß ein Stück trockenen Brots zu kauen, bloß um dabei an diejenigen zu denken, die nicht einmal trockenes Brot haben. Es ist ein feiner Zug, der uns daran erinnert, daß jede Übung in der Enthaltsamkeit und Einfachheit eine tiefe soziale Bedeutung hat!«

Peter hatte schon längst eine äußerst unvorteilhafte Vorstellung von der Philosophie, aber auch die Dichtkunst brachte ihm sein Vater nun in üble Erinnerung, denn er fuhr fort: »Auch der Dichter Tolstoi sagt, die Enthaltsamkeit sei die erste Stufe zur Freiheit. Der Mensch hat viele knechtische Begierden, und damit der Kampf gegen alle erfolgreich sei, muß man bei den elementarsten beginnen: der Eßsucht, dem Müßiggang und der Sinnenlust.« – Professor Lindner pflegte eines dieser drei Worte, die in seinen Ermahnungen oft vorkamen, so unpersönlich wie das andere auszusprechen; und lange, ehe Peter mit dem Wort Sinnenlust eine bestimmte Vorstellung zu verbinden vermochte, hatte er schon den Kampf gegen sie an der Seite des Kampfes gegen Eßsucht und Müßiggang kennengelernt, ohne sich etwas anderes dabei zu denken als sein Vater, der sich nichts mehr dabei zu denken brauchte, weil er sicher war, daß damit der Elementarunterricht in der Selbstbestimmung beginne. Auf diese Weise kam es, daß Peter an einem Tag, wo er die Sinnenlust zwar auch noch nicht in ihrer begehrtesten Gestalt kannte, ihr aber doch schon um die Röcke strich, zum erstenmal davon überrascht wurde, daß er gegen ihre lieblose, von seinem Vater gewohnheitsmäßig ausgeführte Verbindung mit Eßsucht und Müßiggang plötzlich zornigen Widerwillen empfand; er durfte es bloß nicht geradeswegs ausdrücken, sondern mußte lügen und rief aus: »Ich bin ein schlichter Mensch und kann mich nicht mit Dichtern und Philosophen vergleichen!« Wobei er trotz seiner Erregung die Worte nicht unbedacht wählte.

Sein Erzieher schwieg darauf.

»Ich habe Hunger!« fügte Peter noch leidenschaftlicher hinzu.

Lindner lächelte schmerzlich und verächtlich.

»Ich gehe zugrunde, wenn ich nicht genügend zu essen bekomme!« plärrte Peter beinahe.

»Die erste Erwiderung des Menschen auf alle Eingriffe und Angriffe von außen, geschieht mittels der Stimmwerkzeuge!« belehrte ihn sein Vater.

Und das »klägliche Geschrei der Begierden«, wie Lindner es nannte, erstarb. Peter wollte an diesem besonders männlichen Tag nicht weinen, aber die Forderung, beredten Verteidigungsgeist zu entwickeln, lastete furchtbar auf ihm. Es fiel ihm durchaus nichts mehr ein, und er haßte in diesem Augenblick sogar die Lüge, weil man sprechen muß, um sich ihrer zu bedienen. In seinen Augen wechselte Mordgier mit Klagegeheul. Als es so weit gekommen war, sagte Professor Lindner gütig zu ihm: »Du mußt dir ernsthafte Übungen in der Schweigsamkeit auferlegen, damit nicht der unbedachte und ungebildete Mensch in dir rede, sondern der besonnene und erzogene, von dem Worte ausgehn, die Friede und Festigkeit bringen!« Und dann dachte er mit freundlichem Antlitz nach. »Ich habe, wenn man andere gut machen will, keinen besseren Rat,« eröffnete er das Ergebnis, zu dem er kam, seinem Sohn »als daß man selbst gut sei; auch Matthias Claudius sagt: ›Ich kann nichts anderes aussinnen, als daß man selbst sein muß, wie man die Kinder machen will‹!« Und mit diesen Worten schob Professor Lindner gütig und entschieden die Nachspeise von sich, obgleich es seine Lieblingsspeise Milchreis mit Zucker und Schokolade war, ohne sie zu berühren, und seinen Sohn durch solche liebende Unerbittlichkeit zwingend, zähneknirschend das gleiche zu tun.

Da geschah es, daß die Wirtschafterin hereinkam und Agathe anmeldete. August Lindner richtete sich verstört auf. »Also doch!« sagte eine schrecklich deutliche stumme Stimme zu ihm. Er war bereit, sich entrüstet zu fühlen, aber er war auch bereit, brüderliche Milde zu empfinden, die sich mit feinem moralischen Tastsinn einfühlt, und diese zwei Gegenspiele, mit einem großen Gefolge von Prinzipien, begannen eine wilde Jagd durch seinen ganzen Körper zu veranstalten, ehe es ihm gelang, den einfachen Befehl zu geben, daß die Dame ins Empfangszimmer geführt werde. »Du erwartest mich hier!« sagte er streng zu Peter und entfernte sich großen Schrittes. Peter aber hatte etwas Ungewöhnliches an seinem Vater bemerkt, er wußte bloß nicht was; immerhin gab es ihm so viel Leichtsinn und Mut, daß er sich nach dessen Abgang und nach kurzem Zögern einen Löffel voll Schokolade in den Mund strich, die zum Überstreuen bereitstand, dann einen Löffel Zucker und schließlich einen großen Löffel voll Reis, Schokolade und Zucker, was er mehrmals wiederholte, ehe er die Schüsseln auf alle Fälle wieder glättete.

Und Agathe saß eine Weile allein in der fremden Wohnung und wartete auf Professor Lindner, denn dieser ging in einem andern Zimmer von einer Seite zur andern und sammelte seine Gedanken, ehe er dem schönen und gefährlichen Weib entgegentrat. Sie sah um sich und fühlte plötzlich eine Angst, als hätte sie sich in den Ästen eines geträumten Baums verstiegen und müßte fürchten, aus seiner Welt von gewundenem Holz und tausend Blättern nicht mehr heil zurückzufinden. Eine Fülle von Einzelheiten verwirrte sie, und in dem dürftigen Geschmack, der sich in ihnen aussprach, verschränkte sich auf das merkwürdigste eine abweisende Herbheit mit einem Gegenteil, für das sie in ihrer Aufregung nicht gleich ein Wort fand. Das Abweisende mochte dabei vielleicht an die gefrorene Steifheit von Kreidezeichnungen erinnern, doch sah das Zimmer auch aus, als röche es großmütterlich verzärtelt nach Arznei und Salbe, und es schwebten altmodische und unmännliche, mit unangenehmer Geflissentlichkeit auf das menschliche Leiden gerichtete Geister in dem Raum. Agathe schnupperte. Und obwohl die Luft nichts als ihre Einbildungen enthielt, sah sie sich von ihren Gefühlen nach und nach weit zurückgeführt und erinnerte sich nun an den bänglichen »Geruch des Himmels«, jenen halb entlüfteten und seiner Würze entleerten, an den Tuchen der Soutanen haften gebliebenen Weihrauchduft, den ihre Lehrer einst an sich getragen hatten, als sie ein Mädchen war, das gemeinsam mit kleinen Freundinnen in einem frommen Institut erzogen wurde und keineswegs in Frömmigkeit erstarb. Denn so erbaulich dieser Geruch auch für Menschen ist, die das Richtige mit ihm verbinden, in den Herzen der heranwachsenden weltlich-widerstrebenden Mädchen bestand seine Wirkung in der lebhaften Erinnerung an Protestgerüche, wie sie Vorstellung und erste Erfahrungen mit dem Schnurrbart eines Mannes oder mit seinen energischen, nach scharfen Essenzen duftenden und von Rasierpuder überhauchten Wangen verbinden. Weiß Gott, auch dieser Geruch hält nicht, was er verspricht! Und während Agathe auf einem der entsagungsvollen Lindnerschen Polsterstühle saß und wartete, schloß sich nun der leere Geruch der Welt mit dem leeren Geruch des Himmels unentrinnbar um sie zusammen wie zwei hohle Halbkugeln, und eine Ahnung wandelte sie an, daß sie im Begriff sei, eine unachtsam überstandene Lebensschulstunde nachzuholen.

Sie wußte nun, wo sie war. Zaghaft bereit, versuchte sie, sich dieser Umgebung anzupassen und der Lehren zu gedenken, von denen sie sich vielleicht zu früh hatte abwenden lassen. Aber ihr Herz scheute bei dieser Willigkeit wie ein Pferd, das keinem Zuspruch zugänglich ist, und fing in wilder Angst zu laufen an, wie es geschieht, wenn Gefühle da sind, die den Verstand warnen möchten und keine Worte finden. Trotzdem versuchte sie es nach einer Weile abermals; und um es zu unterstützen, dachte sie dabei an ihren Vater, der ein liberaler Mann gewesen war und für seine Person immer einen etwas seichten Aufklärungsstil zur Schau getragen hatte, unerachtet dessen er aber den Entschluß aufbrachte, sie einer Klosterschule zur Erziehung zu übergeben. Sie fühlte sich geneigt, das als eine Art Versöhnungsopfer aufzufassen und als den von heimlicher Unsicherheit erzwungenen Versuch, einmal das Gegenteil von dem zu tun, wovon man überzeugt zu sein meint: und weil sie sich jeder Inkonsequenz verwandt fühlte, mutete sie die Lage, in die sie sich selbst gebracht hatte, dabei einen Augenblick lang als eine geheimnisvolle unbewußt-töchterliche Wiederholung an. Aber auch dieser zweite, freiwillig geförderte fromme Schauer war nicht von Bestand; und anscheinend hatte sie ein für allemal, als sie in allzu seelsorgliche Obhut gesteckt worden, die Fähigkeit verloren, für ihre bewegten Ahnungen den Ankerplatz in einem Glauben zu finden: Denn sie brauchte bloß wieder ihre Umgebung zu mustern, und mit dem grausamen Spürsinn, den die Jugend für den Abstand hat, der zwischen der Unendlichkeit einer Lehre und der Endlichkeit des Lehrers besteht, ja auch leicht dahin führt, von dem Diener auf den Herrn zurückzuschließen, sah sie sich von dem sie umrahmenden Heim, darin sie sich gefangen begeben und erwartungsvoll niedergelassen hatte, plötzlich unaufhaltsam zum Lachen gereizt.

Doch grub sie unwillkürlich die Nägel in das Holz des Sessels, denn sie schämte sich der Unschlüssigkeit. Und am liebsten hätte sie dem Unbekannten, der sich der Tröstung anmaßte, alles, was sie bedrückte, jetzt so rasch wie möglich und auf einmal ins Gesicht geschleudert, so er bloß geruht hätte, sich endlich zu zeigen: Den bösen Handel mit dem Testament – völlig unverzeihlich, wenn man es ohne Trotz überlegt. Hagauers Briefe, ihr Abbild so abscheulich verzerrend wie ein schlechter Spiegel, ohne daß sich die Ähnlichkeit ganz hätte leugnen lassen. Dann wohl auch, daß sie diesen Mann vernichten wollte, nun aber doch nicht wirklich töten; und daß sie ihn einst wohl geheiratet hätte, aber auch nicht wirklich, sondern blind vor Selbstverachtung. Es gab lauter ungewöhnliche Halbheiten in ihrem Leben; aber schließlich hätte dann auch, alles vereinend, die zwischen Ulrich und ihr schwebende Ahnung zur Sprache kommen müssen, und diesen Verrat konnte sie ja doch nie und nimmer begehen! Sie fühlte sich unwirsch wie ein Kind, dem stets eine zu schwere Aufgabe zugemutet wird. Warum wurde das Licht, das sie manchmal sah, jedesmal gleich wieder verlöscht wie eine durch weites Dunkel schwankende Laterne, deren Schimmer von der Finsternis bald eingeschluckt, bald freigegeben wird?! Sie war aller Entschließung beraubt, und zum Überfluß entsann sie sich, daß Ulrich einmal gesagt habe, wer dieses Licht suche, der müsse über einen Abgrund, der keinen Boden und keine Brücke hat. Glaubte er also zuinnerst selbst nicht an die Möglichkeit dessen, was sie gemeinsam suchten? So dachte sie, und obwohl sie nicht wirklich zu zweifeln wagte, fühlte sie sich doch tief erschüttert. Niemand konnte ihr also helfen als der Abgrund selbst! Dieser Abgrund war Gott: ach, was wußte sie! Mit Abneigung und verächtlich musterte sie die Brücklein, die hinüberführen wollten, die Demut des Zimmers, die fromm an den Wänden angebrachten Bilder, alles das, was ein vertrauliches Verhältnis zu ihm vortäuschte. Sie war ebenso nahe daran, sich selbst zu demütigen, wie sich mit Grausen abzuwenden. Und am liebsten wäre sie wohl noch einmal davongelaufen; als sie sich aber erinnerte, daß sie immer davonliefe, fiel ihr noch einmal Ulrich ein, und sie kam sich »furchtbar feig« vor. Das Schweigen zu Hause war doch schon wie eine Windstille gewesen, die dem Sturm vorangeht, und von dem Druck dieses Herannahens war sie hierhergeschleudert worden. So sah sie es jetzt an, nicht ganz ohne ein aufkommendes Lächeln; und da lag es auch nahe, daß ihr noch etwas einfiel, das Ulrich gesagt hatte, denn er hatte irgend einmal gesagt: »Niemals findet sich ein Mensch selbst völlig feig; denn wenn er vor etwas erschrickt, so läuft er genau so weit davon, daß er sich wieder als Held vorkommt!« Und da saß sie also! 44

Eine gewaltige Aussprache


In diesem Augenblick trat Lindner ein und hatte sich ebensoviel zu sagen vorgenommen wie seine Besucherin; aber es kam alles anders, als sie sich einander gegenüber befanden. Agathe ging gleich mit Worten zum Angriff über, die zu ihrem Erstaunen weitaus gewöhnlicher ausfielen, als es ihrer Vorgeschichte entsprochen hätte. »Sie erinnern sich wohl, daß ich Sie gebeten habe, mir einiges zu erklären« begann sie. »Ich bin jetzt da. Ich weiß noch gut, was Sie gegen meine Scheidung gesagt haben. Vielleicht habe ich es seither sogar besser verstanden!« Sie saßen an einem großen, runden Tisch, und die ganze Länge seines Durchmessers trennte sie. Agathe fühlte sich, im Verhältnis zu den letzten Augenblicken ihres Alleinseins, gleich im ersten Augenblick dieses Beisammenseins tief gesunken, dann aber auf festem Boden; sie legte dort das Wort Scheidung wie einen Köder aus, obwohl ihre Neugierde, Lindners Meinung zu erfahren, auch aufrichtig war.

Und dieser antwortete wirklich fast in demselben Augenblick: »Ich weiß recht wohl, warum Sie diese Erklärung von mir verlangen. Man wird Ihnen zeitlebens eingeflüstert haben, daß der Glaube an Übermenschliches und der Gehorsam gegen Gebote, die in diesem ihren Ursprung haben, dem Mittelalter angehöre! Sie haben erfahren, solche Märchen seien durch die Wissenschaft abgetan worden! Sind Sie aber dessen gewiß, daß es wirklich so ist?!«

Agathe bemerkte zu ihrer Überraschung, daß sich ungefähr bei jedem dritten Wort seine Lippen unter dem schütteren Bart wie zwei Angreifer aufrichteten. Sie gab keine Antwort.

»Haben Sie darüber nachgedacht?« fuhr Lindner streng fort. »Kennen Sie die wahre Unzahl von Fragen, die damit zusammenhängen? Ich sehe: Sie kennen sie nicht! Aber Sie haben eine großartige Handbewegung, mit der Sie das abtun, und wissen wahrscheinlich nicht einmal, daß Sie bloß unter dem Einfluß fremden Zwanges handeln!«

Er hatte sich in die Gefahr gestürzt. Es blieb ungewiß, an welche Einflüsterer er dabei dachte. Er fühlte sich fortgerissen. Seine Rede war ein langer Tunnel, den er durch einen Berg gebohrt hatte, um jenseits über eine Vorstellung: »Lügen freigeistiger Männer« herzufallen, die dort in prahlerischem Licht prangte. Er meinte weder Ulrich noch Hagauer, aber er meinte beide, er meinte alle. »Und wenn Sie auch nachgedacht hätten« – er rief es mit kühn ansteigender Stimme aus »und von diesen Irrlehren überzeugt wären: daß der Körper nichts als ein System toter Korpuskeln sei, die Seele ein Drüsenspiel, die Gesellschaft ein Lumpenbündel mechanisch-wirtschaftlicher Gesetze; und sogar, wenn das richtig wäre, wovon es weit entfernt ist – so würde ich doch solchem Denken das Wissen von der Wahrheit des Lebens absprechen! Denn was sich Wissenschaft nennt, hat nicht die geringste Zuständigkeit, mit ihrem äußerlichen Verfahren das zu erklären, was als innere, geistige Gewißheit im Menschen lebt. Die Lebenswahrheit ist ein anfangloses Wissen, und die Tatsachen des wahren Lebens werden nicht durch Beweis vermittelt: wer lebt und leidet, hat sie in sich selbst als die geheimnisvolle Macht höherer Ansprüche und als die lebendige Deutung seiner selbst!«

Lindner war aufgestanden. Seine Augen blitzten wie zwei Kanzelredner auf der von seinen langen Beinen gebildeten Höhe. Er sah mit Machtgefühlen auf Agathe hinab. »Warum spricht er gleich so viel?« dachte sie. »Und was hat er gegen Ulrich? Er kennt ihn kaum und spricht doch offenkundig gegen ihn!?« Da gab ihr die weibliche Übung im Erregen von Gefühlen, schneller, als es Nachdenken vermocht hätte, die Gewißheit ein, daß Lindner nur deshalb so spräche, weil er in einer lächerlichen Weise eifersüchtig sei. Sie sah mit einem bezaubernden Lächeln zu ihm auf. Er stand groß, schwank und bewaffnet vor ihr und kam ihr wie eine kampflustige Riesenheuschrecke aus vergangenen Erdzeitaltern vor. »Du lieber Himmel,« dachte sie »jetzt werde ich wieder etwas sagen, das ihn ärgert, und er wird wieder hinter mir drein laufen: Wo bin ich?! Welches Spiel treibe ich?!« Es verwirrte sie, daß sie von Lindner zum Lachen gereizt wurde und doch einzelne seiner Worte nicht ohneweiters los wurde, wie »anfangloses Wissen« oder »lebendige Deutung«: so fremde Worte in der Gegenwart, aber ihr heimlich vertraut, als hätte sie selbst sie immer gebraucht, ohne daß sie sich erinnern konnte, diese Ausdrücke früher auch nur gehört zu haben. Sie dachte: »Es ist schauerlich, aber einzelne seiner Worte hat er mir schon wie Kinder ins Herz gesenkt!«

Lindner bemerkte, daß er auf sie Eindruck gemacht habe, und diese Genugtuung versöhnte ihn ein wenig. Er sah eine junge Frau vor sich, an der Erregung und gespielte Gleichgültigkeit, ja selbst Keckheit verdächtig zu wechseln schienen: und da er ein genauer Kenner der Frauenseele zu sein glaubte, ließ er sich davon nicht beirren, sondern wußte, daß die Versuchung zu Hochmut und Eitelkeit für schöne Frauen außerordentlich groß sei. Er konnte überhaupt ein schönes Gesicht selten ohne eine Beimischung von Mitleid betrachten. Damit ausgezeichnete Menschen waren nach seiner Überzeugung fast immer Märtyrer ihrer glänzenden Außenseite, die sie zu Dünkel verführte und seinem schleichenden Gefolge von Herzenskälte und Äußerlichkeit. Immerhin kann es aber auch vorkommen, daß hinter einem schönen Antlitz eine Seele wohnt, und wieviel Unsicherheit hat sich denn nicht oft schon hinter Hochmut, wieviel Verzweiflung unter Leichtsinn verborgen! Oft sind das sogar besonders edle Menschen, denen bloß die Hilfe richtiger und unerschütterlicher Überzeugungen abgeht. Und Lindner wurde nun nach und nach wieder ganz davon überwältigt, daß sich der erfolgreiche Mensch in die Stimmung des vernachlässigten hineinzuversetzen habe; und als er dies tat, wurde er gewahr, daß die Form von Agathes Antlitz und Körper jene liebliche Ruhe besitze, die nur dem Großen und Edlen zu eigen ist, ja das Knie in den Falten der Umhüllung erschien ihm sogar als das einer Niobe. Es setzte ihn in Erstaunen, daß sich ihm gerade dieser Vergleich aufdrängte, der seines Wissens keinesfalls passend sein konnte, aber anscheinend hatte sich darin der Adel seines moralischen Schmerzes selbsttätig mit der verdächtigen Vorstellung vieler Kinder verbunden, denn er fühlte sich nicht minder angezogen als geängstigt. Er bemerkte nun auch den Busen, der in raschen, kleinen Wellen atmete. Es wurde ihm schwül zumute, und wäre ihm nicht abermals seine Weltkenntnis zu Hilfe gekommen, so hätte er sich sogar ratlos gefühlt: sie flüsterte ihm aber im Augenblick der höchsten Verfänglichkeit zu, daß dieser Busen etwas Unausgesprochenes umschließen müsse, und daß dieses Geheimnis nach allem, was er wußte, mit der Scheidung von seinem Kollegen Hagauer zusammenhängen dürfte; und das rettete ihn aus beschämender Torheit, indem es ihm augenblicklich die Möglichkeit bot, sich die Enthüllung dieses Geheimnisses an Stelle der des Busens zu wünschen. Er tat es aus ganzer Kraft, und die Verbindung von Sünde mit der ritterlichen Tötung des Sündendrachens schwebte ihm dabei in glühenden Farben vor, ähnlich wie sie auf der Glasmalerei in seinem Arbeitszimmer leuchteten.

Agathe unterbrach dieses Nachsinnen mit einer Frage, die sie in gemäßigtem, ja verhaltenen Ton an ihn richtete, nachdem sie sich wieder gefaßt hatte. »Sie haben behauptet, daß ich unter Einflüsterungen, unter einem fremden Zwang handle: was haben Sie damit gemeint?«

Lindner hob verblüfft den Blick, der auf ihrem Herzen geruht hatte, zu ihren Augen. Was ihm noch nie widerfahren war, er wußte nicht mehr, was er zuletzt gesagt hatte. Er hatte in dieser jungen Frau ein Opfer des freien Geistes gesehen, der die Zeit verwirrt, und hatte es über seiner Siegesfreude vergessen.

Agathe wiederholte ihre Frage mit einer kleinen Veränderung: »Ich habe Ihnen anvertraut, daß ich mich von Professor Hagauer scheiden lassen will, und Sie haben mir erwidert, daß ich unter Einflüsterungen handle. Es könnte mir nützen, zu erfahren, was Sie darunter verstehen. Ich wiederhole Ihnen, daß keiner der landläufigen Gründe ganz zutrifft; nicht einmal die Abneigung ist nach den Maßen der Welt unüberwindlich gewesen. Ich bin bloß überzeugt worden, daß sie nicht überwunden werden darf, sondern unermeßlich vergrößert werden soll!«

»Von wem?«

»Das ist eben die Frage, die Sie mir lösen helfen sollen.« Sie sah ihn wieder mit einem sanften Lächeln an, das sozusagen abscheulich tief ausgeschnitten war und den inneren Busen entblößte, als läge nur noch ein schwarzes Spitzentuch darüber. Unwillkürlich schützte Lindner davor das Auge mit einer Bewegung der Hand, die seine Brille zu richten vorgab. Die Wahrheit war, daß Mut in seinem Weltbild als auch in den Gefühlen, die er Agathe entgegenbrachte, dieselbe ängstliche Rolle spielte. Er gehörte zu denen, die erkannt haben, daß es den Sieg der Demut erleichtert, wenn sie den Hochmut zuvor mit der Faust niederstreckt, und seine gelehrte Natur hieß ihn keinen Hochmut so bitterlich fürchten wie den der freien Wissenschaft, die dem Glauben vorwirft, daß er unwissenschaftlich sei. Hätte man ihm gesagt, daß die Heiligen mit ihren leer und bittend erhobenen Händen veraltet seien und gegenwärtig mit Säbel, Pistole oder noch neueren Instrumenten in der Faust dargestellt werden müßten, so möchte ihn das empört haben, aber die Waffen des Wissens wollte er dem Glauben nicht vorenthalten sehen. Das war beinahe zur Gänze ein Irrtum, aber nicht er allein beging ihn; und darum war er über Agathe mit Worten hergefallen, die in seinen Veröffentlichungen einen ehrenvollen Platz verdient hätten – und ihn dort wahrscheinlich auch einnahmen –, der sich ihm Anvertrauenden gegenüber aber fehl am Ort gewesen waren. Da er den Sendling ihm feindlicher Weltteile, den ein gütiges oder dämonisches Geschick in seine Hände gegeben, nun bescheiden nachdenklich vor sich sitzen sah, spürte er das selbst und war in Verlegenheit, was er antworten solle. »Ach!« sagte er, möglichst allgemein und wegwerfend, und traf zufällig nicht weit vom Richtigen: »Ich habe den Geist gemeint, der heute herrscht und junge Menschen befürchten läßt, daß sie dumm, ja sogar unwissenschaftlich erscheinen könnten, wenn sie nicht allen modernen Aberglauben mitmachen. Was weiß ich, welche Schlagworte Ihnen im Sinn liegen mögen: Ausleben! Lebensbejahung! Kultur der Persönlichkeit! Freiheit des Denkens oder der Kunst! Jedenfalls alles, nur nicht die Gebote der ewigen und einfachen Moral.«

Die glückliche Steigerung: »dumm, ja sogar unwissenschaftlich« erfreute ihn durch ihre Feinheit und hatte seinen Kampfgeist wieder aufgerichtet. »Sie werden sich wundern,« fuhr er fort »daß ich im Gespräch mit Ihnen auf Wissenschaft Wert lege, ohne davon unterrichtet zu sein, ob Sie sich viel oder wenig mit ihr befaßt haben –«

»Gar nicht!« unterbrach ihn Agathe. »Ich bin eine unwissende Frau.« Sie betonte es und schien daran, vielleicht mit einer Art von Schein-Unheiligkeit, Vergnügen zu haben.

»Aber es ist Ihr Milieu!« berichtigte Lindner mit Nachdruck. »Und ob Freiheit der Sitten oder der Wissenschaft, in beiden drückt sich dasselbe aus: der von der Moral losgelöste Geist!«

Agathe empfand auch diese Worte wieder als nüchterne Schatten, die gleichwohl von etwas Dunklerem herfielen, das ihnen in der Nähe war. Sie war nicht gesonnen, ihre Enttäuschung zu verbergen, offenbarte sie aber lachend: »Sie haben mir letzthin den Rat gegeben, nicht an mich zu denken, und reden selbst immerzu von mir« gab sie dem Mann vor ihr spöttisch zu bedenken.

Dieser wiederholte: »Sie haben Angst, sich unzeitgemäß vorzukommen!«

In Agathes Augen zuckte es ärgerlich. »Ich bin ratlos, so wenig paßt auf mich, was Sie sagen!«

»Und ich sage Ihnen: ›Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht Knechte der Menschen!‹« Die Vortragsweise, die zur ganzen Verkörperung in Widerspruch stand wie eine schwere Blüte zu einem schwachen Stengel, erheiterte Agathe. Sie fragte dringlich und beinahe rauh: »Also, was soll ich tun? Ich erhoffe mir von Ihnen eine bestimmte Antwort.«

Lindner schluckte und wurde dunkel vor Ernst. »Tun Sie, was Ihre Pflicht ist!«

»Ich weiß nicht, was meine Pflicht ist!«

»Dann müßten Sie sich Pflichten suchen!«

»Ich weiß doch nicht, was Pflichten sind!«

Lindner lächelte grimmig. »Da haben wir ja gleich die Freiheit der Persönlichkeit!« rief er. »Eitel Spiegelung! Sie sehen es doch an sich: wenn der Mensch frei ist, ist er unglücklich! Wenn der Mensch frei ist, ist er ein Phantom!« fügte er, aus Verlegenheit die Stimme noch etwas mehr hebend, hinzu. Dann senkte er sie aber wieder und schloß mit Überzeugung: »Pflicht ist, was die Menschheit in richtiger Selbsterkenntnis gegen ihre eigene Schwäche aufgerichtet hat. Pflicht ist ein und dieselbe Wahrheit, die alle großen Persönlichkeiten bekannt oder auf die sie ahnungsvoll hingewiesen haben. Pflicht ist das Werk jahrhundertelanger Erfahrung und das Ergebnis des Seherblicks der Begnadeten. Pflicht ist aber auch, was selbst der einfachste Mensch im geheimen Innern genau kennt, wenn er nur aufrichtig lebt!«

»Das war ein von Kerzen durchzitterter Gesang« stellte Agathe anerkennend fest.

Unliebsam war, daß Lindner auch fühlte, daß er falsch gesungen habe. Er hätte etwas anderes sagen sollen, getraute sich aber nicht zu erkennen, worin die Abweichung von der echten Stimme seines Herzens bestehe. Er gestattete sich bloß den Gedanken, daß dieses junge Wesen von seinem Mann tief enttäuscht sein müsse, da es so dreist und verbittert gegen sich selbst wüte, und daß es trotz alles Tadels, den es herausfordere, eines stärkeren Mannes würdig wäre; er hatte aber den Eindruck, daß auf diesen Gedanken ein noch weitaus gefährlicherer folgen wolle. Indessen schüttelte Agathe aber langsam und sehr entschlossen den Kopf; und mit der unwillkürlichen Sicherheit, mit der ein erregter Mensch vom andern zu dem verführt wird, was die bedenkliche Lage ganz zum Sturz bringt, fuhr sie fort: »Aber wir sprechen von meiner Scheidung! Und warum sagen Sie da heute nichts mehr von Gott? Warum sagen Sie nicht einfach zu mir: ›Gott befiehlt, daß Sie bei Professor Hagauer bleiben!‹? Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß er so etwas befehlen mag!«

Lindner zuckte unwillig die hohen Schultern; ja, er schien mit ihrer auffahrenden Bewegung fürwahr selbst in die Höhe zu schweben. »Ich habe nie mit Ihnen davon gesprochen, das haben bloß Sie versucht!« verwahrte er sich schroff. »Und was das übrige betrifft, glauben Sie nur ja nicht, daß sich Gott um die kleinen selbstischen Händel unseres Gefühls kümmert! Dafür ist sein Gesetz da, das wir zu befolgen haben! Oder dünkt Sie das nicht heldisch genug, da doch der Mensch heute in allem das ›Persönliche‹ will? Nun, dann setze ich Ihren Ansprüchen ein höheres Heldentum entgegen, das der heroischen Unterwerfung!«

Jedes Wort davon besagte bedeutend mehr, als sich ein Laie erlauben sollte, wäre es selbst nur in Gedanken; Agathe hinwieder konnte zu so grobem Hohn bloß unaufhörlich lächeln, wollte sie nicht gezwungen sein, daß sie aufstehe und ihren Besuch abbreche, und sie tat es natürlich mit so sicherer Geschicklichkeit, daß sich Lindner immer wirrer gereizt fühlte. Er gewahrte seine Einfälle beunruhigend aufsteigen und immer mehr eine glühende Trunkenheit verstärken, die ihn der Besinnung beraubte und von dem Willen widerhallte, den störrischen Sinn zu brechen und vielleicht die Seele zu retten, der er sich gegenüber sah. »Unsere Pflicht ist schmerzhaft!« rief er aus. »Unsere Pflicht mag widerwärtig und ekelerregend sein! Glauben Sie nur ja nicht, daß ich der Anwalt Ihres Gatten sein will und von Natur auf seiner Seite stehe. Aber Sie müssen dem Gesetz gehorchen, weil es das einzige ist, was uns dauernd Friede gewährt und uns vor uns beschützt!«

Agathe lachte ihn jetzt aus; sie hatte die Waffe erraten, die ihr die Wirkungen an die Hand gaben, die von ihrer Scheidung ausgingen, und sie drehte das Messer in der Wunde um. »Ich begreife von dem allen wenig« sagte sie. »Aber darf ich Ihnen aufrichtig einen Eindruck bekennen? Wenn Sie zornig sind, werden Sie ein wenig schlüpfrig!«

»Ach, lassen Sie das!« verwies es Lindner. Er prallte zurück und hatte nur den einen Wunsch, so etwas um keinen Preis zuzulassen. Er hob abwehrend die Stimme und beschwor das vor ihm sitzende sündliche Phantom. »Der Geist darf sich nicht dem Fleisch unterwerfen und seinen Reizen und Schauern! Nicht einmal in der Form des Abscheus! Und ich sage Ihnen: Es mag die Beherrschung des fleischlichen Unwillens, welche die Schule der Ehe anscheinend von Ihnen verlangt hat, schmerzlich sein, so dürfen Sie ihr doch nicht entfliehn. Denn es lebt im Menschen ein Verlangen nach Befreiung, und wir dürfen so wenig die Knechte des Abscheus unseres Fleisches sein wie die seiner Wollust! Das ist es doch offenbar, was Sie hören wollen, denn sonst wären Sie nicht zu mir gekommen!« – schloß er, nicht minder großartig als hämisch. Er stand hochgereckt vor Agathe, die Bartfäden bewegten sich um seine Lippen. Noch nie hatte er solche Worte zu einer Frau gesprochen außer zu seiner verstorbenen eigenen, und da waren die Gefühle andere gewesen. Denn jetzt waren sie mit Wollust untermischt, als schwänge er eine Geißel in der Faust, den Erdball zu züchtigen, und zugleich waren sie ängstlich, als schwebte er gleich einem entführten Hut auf der Höhe des bußpredigerlichen Wirbelsturms, der ihn erfaßt hatte.

»Da haben Sie soeben wieder merkwürdig gesprochen!« bemerkte Agathe leidenschaftslos und wollte seine Unverschämtheit jetzt mit einigen trockenen Worten abstellen; doch dann ermaß sie den ungeheuren Absturz, der ihm bevorstünde, und zog es vor, sich sanft zu demütigen, indem sie einhielt und mit einer Stimme, die scheinbar plötzlich von Reue verdunkelt worden war, fortfuhr: »Ich bin bloß deshalb gekommen, weil ich wollte, daß Sie mich führen.«

Lindner, in ratlosem Eifer, schwang die Wortgeißel weiter; ihm ahnte, daß ihn Agathe mit Absicht in die Irre treibe, aber er fand nicht zurück und vertraute sich der Zukunft an. »Lebenslänglich an einen Mann gefesselt zu sein, ohne körperliche Neigung zu empfinden, ist gewiß eine schwere Strafe« rief er aus. »Aber hat man sich diese nicht gerade dann, wenn der Partner unwürdig ist, dadurch zugezogen, daß man auf die Zeichen des inwendigen Lebens nicht genug geachtet hat?! Viele Frauen lassen sich doch von äußeren Umständen betören, und wer weiß, ob man nicht gestraft wird, um aufgerüttelt zu werden!« Plötzlich überschlug sich seine Stimme. Agathe hatte seine Worte mit zustimmender Kopfbewegung begleitet; aber daß sie sich Hagauer als betörenden Verführer vorstellen sollte, war zuviel für sie gewesen, und ihre heiteren Augen verrieten es. Lindner, aufs äußerste irregemacht, schmetterte in der Fistel: »Denn der die Rute spart, der haßt sein Kind, der es aber liebt, züchtiget es!«

Der Widerstand seines Opfers hatte aus dem auf sicherer Warte hausenden Lebensphilosophen nun vollends einen Dichter von Strafen und ihren erregenden Begleitumständen gemacht. Er war von einer ihm unbekannten Empfindung berauscht, die aus einer innigen Verbindung der moralischen Zurechtweisung, durch die er seinen Besuch stachelte, mit einer Aufreizung seiner ganzen Männlichkeit hervorging und die man symbolisch, wie er nun selbst einsah, als wollüstig bezeichnen konnte.

Aber die »arrogante Eroberin«, die von der leeren Eitelkeit ihrer weltlichen Schönheit doch endlich zur Verzweiflung hätte getrieben werden sollen, knüpfte sachlich auch an seine Drohungen mit der Rute an und fragte still: »Von wem werde ich gestraft? An wen denken Sie?«

Und das ließ sich nicht aussprechen! Lindner verlor plötzlich den Mut. Schweiß stand zwischen seinen Haaren. Es war unmöglich, in einem solchen Zusammenhang den Namen Gottes zu nennen. Sein Blick, der wie eine zweizinkige Gabel vorgestreckt war, zog sich langsam von Agathe zurück. Agathe fühlte das. »Er kann es also auch nicht!« dachte sie. Sie empfand eine wahnsinnige Lust, an diesem Menschen weiter zu zerren, so lange, bis das aus seinem Mund hervorginge, was er ihr nicht preisgeben wollte. Doch für diesmal war es genug; das Gespräch war an seiner äußersten Grenze angelangt. Agathe verstand, daß es nur eine glühende, und in der Glut durchsichtig gewordene Ausrede gewesen war, um das Entscheidende nicht sagen zu müssen. Übrigens wußte auch Lindner jetzt, daß alles, was er vorgebracht, ja alles, was ihn erregt hatte, ja die Übertreibung selbst, nur der Angst vor Übertreibungen entsprungen war, als deren zuchtloseste er es ansah, sich dem, was von hohen Worten verhüllt bleiben soll, mit fürwitzigen Sinnes- und Gefühlswerkzeugen zu nahen, wozu ihn offenbar diese übertriebene junge Frau drängte. Er nannte es bei sich jetzt »eine Verletzung der Dezenz des Glaubens«. Denn während dieser Augenblicke strömte das Blut aus Lindners Kopf zurück und nahm seine ordentliche Bahn wieder auf; er erwachte wie ein Mensch, der sich weit weg von der Tür seines Hauses nackend dastehen findet, und erinnerte sich, daß er Agathe nicht ohne Trost und Belehrung fortschicken dürfe. Tief aufatmend trat er von ihr zurück, strich seinen Bart und sagte verweisend: »Sie haben ein unruhiges und phantastisches Selbst!«

»Und Sie haben eine eigentümliche Art von Galanterie!« entgegnete Agathe kühl, denn sie hatte jetzt keine Lust mehr auf eine Fortsetzung.

Lindner fand es indes zu seiner Wiederherstellung erforderlich, noch etwas zu sagen: »Sie sollten in der Schule der Wirklichkeit lernen, Ihre Subjektivität unerbittlich in die Zügel zu nehmen, denn wer das nicht kann, dessen Phantasie und Einbildung wird ihn gar zu bald am Boden schleifen . . .!« Er hielt ein, denn die sonderbare Frau zog noch immer die Stimme ganz unerwünscht aus seiner Brust. »Wehe dem, der sich von der Sitte loslöst, er löst sich von der Wirklichkeit los!« fügte er leise hinzu.

Agathe zuckte die Achseln. »Ich hoffe Sie das nächste Mal bei uns zu sehen!« schlug sie vor.

»Da muß ich doch erwidern: Nie!« verwahrte sich Lindner heftig und nun ganz irdisch. »Zwischen Ihrem Bruder und mir bestehen Gegensätze der Lebensauffassung, die einen Verkehr besser meiden lassen« fügte er als Entschuldigung hinzu.

»Also werde wohl ich fleißig in die Schule der Wirklichkeit kommen müssen« gab Agathe ruhig zur Antwort.

»Nein!« wiederholte Lindner, vertrat ihr dabei aber merkwürdigerweise beinahe drohend den Weg; denn sie hatte sich mit jenen Worten zum Gehen angeschickt. »Das darf nicht geschehen! Sie dürfen mich Kollege Hagauer gegenüber nicht in die peinliche Lage bringen, daß ich ohne sein Wissen Ihre Besuche empfange!«

»Sind Sie immer so leidenschaftlich wie heute?« fragte Agathe spöttisch und zwang ihn dadurch, ihr den Weg freizugeben. Sie fühlte sich jetzt am Ende schal, aber gekräftigt. Die Angst, die Lindner vor ihr verriet, zog sie zu Handlungen hin, die ihrem wahren Zustand fremd waren; während aber die Forderungen ihres Bruders sie leicht entmutigten, gab ihr dieser Mann die Freiheit zurück, ihr Inneres nach Willkür zu regen, und es tröstete sie, ihn zu verwirren.

»Habe ich mir vielleicht etwas vergeben?« fragte sich Lindner, nachdem sie gegangen war. Er steifte die Schultern und marschierte einigemal im Zimmer auf und ab. Schließlich beschloß er, den Verkehr fortzusetzen, und faßte sein Unbehagen, das dabei sehr groß war, in die soldatischen Worte: »Man muß den festen Willen zur Tapferkeit gegenüber allem Peinlichen haben!«

Peter aber war, als Agathe aufbrach, vom Schlüsselloch fortgehuscht, wo er nicht ohne Staunen belauscht hatte, was sein Vater mit der »großen Gans« anhebe. 45

Beginn einer Reihe wundersamer Erlebnisse


Bald nach diesem Besuch wiederholte sich das »Unmögliche«, das Agathe und Ulrich beinahe schon körperlich umschwebte, und es geschah wahrlich, ohne daß irgenderlei geschah.

Die Geschwister kleideten sich zu einer Abendunterhaltung um, es war niemand als Ulrich im Haus, Agathe zu helfen, sie hatten nicht rechtzeitig begonnen und waren darum eine Viertelstunde lang in lebhaftester Eile gewesen, als eine kleine Pause eintrat. Auf den Lehnen und Flächen des Zimmers lag Stück für Stück fast noch der ganze Kriegsschmuck ausgebreitet, der von einer Frau bei solcher Gelegenheit angelegt wird, und Agathe bückte sich soeben über ihren Fuß, mit der ganzen Aufmerksamkeit, die das Anziehen eines dünnen Seidenstrumpfs erfordert. Ulrich stand ihr im Rücken. Er sah ihren Kopf, den Hals, die Schulter und diesen beinahe nackten Rücken; der Körper bog sich über dem emporgezogenen Knie ein wenig zur Seite, und am Hals rundete die Spannung des Vorgangs drei Falten, die schlank und lustig durch die klare Haut eilten wie drei Pfeile: die liebliche Körperlichkeit dieses Bilds, der sich augenblicks ausbreitenden Stille entsprungen, schien ihren Rahmen verloren zu haben und ging so unvermittelt und unmittelbar in den Körper Ulrichs über, daß dieser seinen Platz verließ und, nicht ganz so bewußtlos, wie ein Fahnentuch vom Wind entrollt wird, aber auch nicht mit bewußter Überlegung, auf den Fußspitzen näher schlich, die Gebeugte überraschte und mit sanfter Wildheit in einen dieser Pfeile biß, wobei sein Arm die Schwester umschlang. Dann ließen Ulrichs Zähne ebenso vorsichtig die Überfallene los; die rechte Hand hatte ihr Knie umfaßt, und während er mit dem linken Arm ihren Körper an seinen drückte, riß er sie auf emporschnellenden Beinsehnen mit sich in die Höhe. Agathe schrie dabei erschrocken auf.

Bis dahin hatte sich alles ebenso übermütig und scherzhaft abgespielt wie vieles zuvor, und mochte es auch in den Farben der Liebe gestreift sein, so doch nur mit der eigentlich schüchternen Absicht, deren gefährlichere ungewöhnliche Natur unter solchem heiter vertraulichen Kleid zu bergen. Aber als Agathe ihr Erschrecken überwand und sich nicht sowohl durch die Luft fliegen als vielmehr in dieser ruhen fühlte, von aller Schwere plötzlich entbunden und an deren Stelle von dem sanften Zwang der allmählich langsamer werdenden Bewegung gelenkt, bewirkte es einer jener Zufälle, die niemand in seiner Macht hat, daß sie sich in diesem Zustand wundersam besänftigt vorkam, ja aller irdischen Unruhe entrückt; mit einer das Gleichgewicht ihres Körpers verändernden Bewegung, die sie niemals hätte wiederholen können, streifte sie auch noch den letzten Seidenfaden von Zwang ab, wandte sich fallend ihrem Bruder zu, setzte gleichsam noch im Fall das Steigen fort, und lag niedersinkend als eine Wolke von Glück in seinen Armen. Ulrich trug sie, ihren Körper sanft an sich drückend, durch das dunkelnde Zimmer ans Fenster und stellte sie neben sich in das milde Licht des Abends, das ihr Gesicht wie Tränen überströmte. Trotz der Kraft, die alles erforderte, und des Zwangs, den Ulrich auf seine Schwester ausgeübt hatte, kam ihnen das, was sie taten, merkwürdig entlegen von Kraft und Zwang vor; man hätte es vielleicht wieder mit der wundersamen Inbrunst eines Bildes vergleichen können, das für die Hand, die es von außen ergreift, nichts als eine lächerliche, angestrichene Fläche ist. So hatten sie denn auch nichts im Sinn als den leiblichen Vorgang, der ihr Bewußtsein ganz erfüllte, und doch besaß er neben seiner Natur als harmloser, ja anfangs sogar etwas derber Scherz, der alle Muskeln in Bewegung setzte, eine zweite Natur, die äußerst zart alle Gliedmaßen lähmte und zugleich mit einer unsagbaren Empfindlichkeit umstrickte. Sie schlangen fragend einander die Arme um die Schultern. Der geschwisterliche Wuchs der Körper teilte sich ihnen mit, als stiegen sie aus einer Wurzel auf. Sie sahen einander so neugierig in die Augen, als sähen sie dergleichen zum erstenmal. Und obwohl sie das, was eigentlich vorgegangen sei, nicht hätten erzählen können, weil ihre Beteiligung daran zu inständig war, glaubten sie doch zu wissen, daß sie sich soeben unversehens einen Augenblick inmitten dieses gemeinsamen Zustands befunden hätten, an dessen Grenze sie schon so lange gezögert, den sie einander schon so oft beschrieben und den sie doch immer nur von außen geschaut hatten.

Prüften sie es nüchtern, und verstohlen taten sie das beide, so bedeutete es freilich kaum mehr als einen reizenden Zufall und hätte sich im nächsten Augenblick, oder wenigstens mit der Wiederkehr einer Beschäftigung, in nichts auflösen sollen; trotzdem geschah das nicht. Im Gegenteil, sie verließen das Fenster, machten Licht, nahmen ihre Tätigkeit wieder auf, standen aber doch bald von ihr ab; und ohne daß sie sich darüber hätten verständigen müssen, ging Ulrich an den Fernsprecher und teilte dem Hause, wo sie erwartet wurden, mit, daß sie nicht kämen. Er hatte da schon den Abendanzug an, aber Agathes Kleid hing noch ungeschlossen die Schulter hinab, und sie bemühte sich eben erst, ihrem Haar eine gesittete Ordnung zu geben. Der technische Beiklang seiner Stimme im Gerät und die Verbindung mit der Welt, die sich herstellte, hatten Ulrich nicht im geringsten ernüchtert; er setzte sich seiner Schwester gegenüber, die in ihrer Beschäftigung einhielt, und nichts war, als ihre Blicke einander da begegneten, so gewiß, wie daß die Entscheidung gefallen sei und jedes Verbot ihnen nun gleichgültig wäre. Trotzdem kam es anders. Ihr Einverständnis tat sich ihnen mit jedem Atemzug kund; es war ein trotzig erlittenes, sich endlich vom Unmut der Sehnsucht zu erlösen, und es war ein so süß erlittenes, daß sich die Vorstellungen der Verwirklichung beinahe von ihnen losrissen und sie schon in der Einbildung vereinten, wie der Sturm einen Schaumschleier den Wellen voranpeitscht: aber ein noch größeres Verlangen gebot ihnen Ruhe, und sie vermochten nicht, noch einmal aneinander zu rühren. Sie wollten es beginnen, aber die Gebärden des Fleisches waren ihnen unmöglich geworden, und sie fühlten eine unbeschreibliche Warnung, die mit den Geboten der Sitte nichts zu tun hatte. Es schien sie aus der Welt der vollkommeneren, wenn auch noch schattenhaften Vereinigung, von der sie zuvor wie in einem schwärmerischen Gleichnis genossen hatten, ein höheres Gebot getroffen, eine höhere Ahnung, Neugierde oder Voraussicht angehaucht zu haben.

Die Geschwister verharrten nun verwirrt und nachdenklich, und nachdem sie ihre Empfindungen besänftigt hatten, fingen sie zögernd zu sprechen an.

Ulrich sagte sinnlos, wie man in die Luft spricht: »Du bist der Mond –«

Agathe verstand es.

Ulrich sagte: »Du bist zum Mond geflogen und mir von ihm wiedergeschenkt worden –«

Agathe schwieg: Mondgespräche sind so von ganzem Herzen verbraucht.

Ulrich sagte: »Es ist ein Gleichnis. ›Wir waren außer uns‹, ›Wir hatten unsere Körper vertauscht, ohne uns zu berühren‹, sind auch Gleichnisse! Aber was bedeutet ein Gleichnis? Ein wenig Wirkliches mit sehr viel Übertreibung. Und doch wollte ich schwören, so wahr es unmöglich ist, daß die Übertreibung sehr klein und die Wirklichkeit fast schon ganz groß gewesen ist!«

Er sprach nicht weiter. Er dachte: »Von welcher Wirklichkeit spreche ich? Gibt es eine zweite?«

Verläßt man hier das Gespräch der Geschwister, um einer Vergleichsmöglichkeit zu folgen, von der es zumindest mitbestimmt wurde, so wäre wohl zu sagen, daß diese Wirklichkeit fürwahr am nächsten mit der abenteuerlich veränderten in Mondnächten verwandt war. Begreift man doch auch diese nicht, wenn man in ihr bloß eine Gelegenheit zu etwas Schwärmerei sieht, die bei Tag besser unterdrückt bleibt, muß sich vielmehr, wenn man das Richtige bemerken will, das ganz Unglaubliche vergegenwärtigen, daß sich auf einem Stück Erde wirklich alle Gefühle wie verzaubert ändern, sobald es aus der leeren Geschäftigkeit des Tags in die empfindungsvolle Körperlichkeit der Nacht taucht! Nicht nur schmelzen die äußeren Verhältnisse dahin und bilden sich neu im flüsternden Beilager von Licht und Schatten, sondern auch die inneren rücken auf eine neue Weise zusammen: Das gesprochene Wort verliert seinen Eigensinn und gewinnt Nachbarsinn. Alle Versicherungen drücken nur ein einziges flutendes Erlebnis aus. Die Nacht schließt alle Widersprüche in ihre schimmernden Mutterarme, und an ihrer Brust ist kein Wort falsch und keines wahr, sondern jedes ist die unvergleichliche Geburt des Geistes aus dem Dunkel, die der Mensch in einem neuen Gedanken erfährt. So hat jeder Vorgang in Mondnächten die Natur des Unwiederholbaren. Er hat die Natur des Gesteigerten. Er hat die der uneigennützigen Freigebigkeit und Entäußerung. Jede Mitteilung ist eine neidlose Teilung. Jedes Gehen ein Empfangen. Jede Empfängnis vielseitig verflochten in die Erregung der Nacht. So zu sein, es ist der einzige Zugang zum Wissen dessen, was vor sich geht. Denn das Ich behält in diesen Nächten nichts zurück, keine Verdichtung des Besitzes an sich selbst, kaum eine Erinnerung; das gesteigerte Selbst strahlt in eine grenzenlose Selbstlosigkeit hinein. Und diese Nächte sind voll des unsinnigen Gefühls, daß etwas geschehen werde, wie es noch nie dagewesen sei, ja wie es sich die verarmte Vernunft des Tages nicht einmal vorstellen könne. Und nicht der Mund schwärmt, sondern der Körper, vom Kopf bis zu den Füßen, ist über dem Dunkel der Erde und unter dem Licht des Himmels in eine Erregung eingespannt, die zwischen zwei Gestirnen schwingt. Und das Flüstern mit den Gefährten ist voll einer ganz unbekannten Sinnlichkeit, die nicht die Sinnlichkeit einer Person ist, sondern die des Irdischen, des in die Empfindung Dringenden überhaupt, die plötzlich enthüllte Zärtlichkeit der Welt, die unaufhörlich alle unsere Sinne berührt und von unseren Sinnen berührt wird.

Wohl hatte Ulrich nie eine besondere Vorliebe zum Mondscheinschwärmen an sich wahrgenommen; doch wie man gewöhnlich das Leben ohne Gefühl hinunterschlingt, so hat man manchmal viel später seinen geisterhaft gewordenen Geschmack auf der Zunge; und derart fühlte er alles, was er an solcher Schwärmerei versäumt hatte, alle achtlos und einsam, ehe er seine Schwester kannte, verbrachten Nächte plötzlich als silberübergossenes unendliches Gebüsch, als Mondflecken im Gras, als hangende Apfelbäume, singenden Frost und vergoldete Schwarzwässer wieder. Es waren lauter Einzelheiten, die nicht zusammenhingen und nie beisammen gewesen waren, die sich nun aber wie der Duft vermengten, der aus vielerlei Kräutern eines berauschenden Getränks aufsteigt. Und als er das Agathe sagte, fühlte sie es auch.

Darum faßte Ulrich das alles, was er gesagt hatte, schließlich zu der Behauptung zusammen: »Was uns mit dem ersten Augenblick einander zugewandt hat, ließe sich recht ein Leben der Mondnächte nennen!« Und Agathe atmete tief auf. Das mochte heißen, was es wolle; und wahrscheinlich hieß es: Warum weißt du aber nicht auch einen Zauber dagegen, daß es uns im letzten Augenblick trennt?! Sie seufzte so natürlich und vertraulich, daß sie nicht einmal selbst davon wußte.

Und wieder hob damit eine Bewegung an, die sie zueinander neigte und auseinander hielt. Jede starke Erregung, die zwei Menschen gemeinsam bis ans Ende erlebt haben, hinterläßt in ihnen die nackte Vertraulichkeit der Erschöpfung; selbst der Streit tut das, und um wieviel mehr nicht die Zärtlichkeit von Gefühlen, die das Mark schier zu einer Flöte aushöhlen! So hätte nun auch Ulrich, als er sie wortlos klagen hörte, Agathe beinahe doch gerührt umarmt, und entzückt wie ein Liebhaber am Morgen nach den ersten Stürmen. Seine Hand berührte schon ihre Schulter, die noch immer entblößt war, und sie zuckte bei dieser Berührung lächelnd zusammen; aber in ihren Augen zeigte sich auch gleich wieder die ungewollte Abmahnung. Sonderbare Bilder entstanden nun in seinem Kopf: Agathe hinter Gittern. Oder sie, aus wachsender Entfernung ihm ängstlich winkend, von der trennenden Gewalt fremder Fäuste fortgerissen. Dann wieder war er selbst nicht nur der ohnmächtig Verabschiedete, sondern ähnlich auch der Trennende . . . Vielleicht waren das ewige Bilder des Liebeszweifels, bloß im Durchschnittsleben verbraucht, vielleicht auch nicht. Er hätte gerne davon zu ihr gesprochen, doch blickte Agathe jetzt von ihm weg und zu dem offenen Fenster hin und stand zögernd auf. Das Fieber der Liebe war in ihren Körpern, aber diese wagten keine Wiederholung, und jenseits des Fensters, dessen Vorhänge fast offenstanden, befand sich das, was ihnen die Einbildungskraft entführt hatte, ohne die das Fleisch nur roh oder mutlos ist. Als Agathe die ersten Schritte in diese Richtung tat, löschte Ulrich, ihr Einverständnis erratend, das Licht aus, um den Blick in die Nacht freizumachen. Der Mond war hinter den Fichtenwipfeln emporgekommen, deren grün glimmendes Schwarz sich schwerblütig von der goldblauen Höhe und der blaß glitzernden Weite abhob. Unwillig musterte Agathe das tiefe, kleine Stück Welt.

»Also doch nicht mehr als Mondscheinromantik?!« fragte sie.

Ulrich sah sie ohne Antwort an. Ihr blondes Haar wurde im Halbdunkel neben der weißlichen Nacht feurig, ihre Lippen waren von Schatten geöffnet, ihre Schönheit war schmerzlich und unwiderstehlich. Wahrscheinlich stand aber auch er ähnlich vor ihrem Blick, mit blauen Augenhöhlen in weißem Gesicht, denn sie fuhr fort: »Weißt du, wie du jetzt aussiehst? Wie der ›Pierrot Lunaire‹! Es mahnt zur Vorsicht!« Sie wollte ihm ein wenig Unrecht antun, in ihrer Erregung, die sie beinahe weinen machte. In der bleichen Maske des mondlich-einsamen Pierrots waren sich vor Zeiten doch alle jungen unnützen Leute schmerzvoll-launisch vorgekommen, kreidebleich gepudert bis auf die blutstropfenroten Lippen und von einer Kolombine verlassen, die sie niemals besessen hatten; es drückte also die Vorliebe für Mondnächte beträchtlich ins Lächerliche hinab. Aber Ulrich pflichtete, zu seiner Schwester anfangs größer werdendem Weh, bereitwillig bei. »Auch das ›Lache Bajazzo!‹ hat schon tausenden Spießbürgern den Rücken kalt vor innerster Zustimmung gemacht, wenn sie es singen hörten« versicherte er bitter. Dann aber fügte er leise und einflüsternd hinzu: »Dieser ganze Gefühlskreis ist eben verdächtig! Und doch siehst du in diesem Augenblick so aus, daß ich alle Erinnerungen meines Lebens dafür hingeben möchte!« Agathes Hand hatte die Ulrichs gefunden. Ulrich fuhr leise und leidenschaftlich fort: »Unsere Zeit versteht unter der Seligkeit des Gefühls bloß das Gefühlsselige und hat den Mondrausch zu einer sentimentalen Ausschweifung entwürdigt. Ihr ahnt nicht recht, daß er entweder eine unverständliche geistige Störung sein müßte oder das Fragment eines anderen Lebens ist!«

Diese Worte – gerade weil sie vielleicht übertrieben – hatten den Glauben und damit die Flügel des Abenteuers. »Gute Nacht!« sagte Agathe unerwartet und nahm sie mit sich. Sie hatte sich losgemacht und zog den Vorhang so hastig zu, daß das Bild der beiden im Mondschein Stehenden wie auf einen Schlag verschwand; und ehe Ulrich Licht machte, gelang es ihr, aus dem Zimmer zu finden.

Ulrich ließ ihr überdies Zeit. »Du wirst in dieser Nacht so ungeduldig schlafen wie vor dem Aufbruch zu einem großen Ausflug« rief er ihr nach.

»Ich will es auch tun!« klang als Antwort in das Schließen der Tür. 46

Mondstrahlen bei Tage


Als sie sich am Morgen wiedersahen, war es von weitem zuerst so, wie man in einer gewöhnlichen Wohnung auf ein ungewöhnliches Bild stößt, ja wie man in der frei zerstreuten Natur ein bedeutendes Bildwerk sichtet; da erhebt sich unvermutet in sinnlicher Verwirklichung eine Insel der Bedeutung, eine Erhöhung und Verdichtung des Geistes aus der flüssigen Niederung des Daseins! Als sie dann aber aufeinander zutraten, waren sie befangen, und von der vergangenen Nacht war in ihren Blicken nur die Ermattung zu spüren, die sie mit zärtlicher Wärme beschattete.

Wer weiß, ob die Liebe übrigens ebenso bewundert würde, wenn sie nicht müde machte! Als sie die Nachwehen der gestrigen Aufregung gewahrten, beglückte es sie von neuem, wie Liebesleute stolz darauf sind, daß sie vor Lust fast gestorben wären. Trotzdem war die Freude, die sie aneinander fanden, nicht nur ein solches Gefühl, sondern war auch eine Erregung des Auges: Die Farben und Formen, die sie sich darboten, waren aufgelöst und grundlos, und doch scharf hervorgehoben wie ein Strauß von Blumen, der auf einem dunklen Wasser treibt. Sie waren nachdrücklicher begrenzt als sonst, aber auf eine Weise, daß sich nicht sagen ließ, ob es an der Deutlichkeit der Erscheinung liege oder an deren tieferer Bewegtheit. Der Eindruck gehörte sowohl dem bündigen Bereich der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit an als auch dem ungenauen des Gefühls; und gerade das machte ihn zwischen Innen und Außen schweben, wie der angehaltene Atem zwischen Einatmen und Ausatmen schwebt, und ließ, in einem eigentümlichen Gegensatze zu seiner Stärke, nicht leicht unterscheiden, ob er der Welt des Körperlichen angehöre oder bloß der erhöhten inneren Anteilnahme sein Entstehen verdanke. Die beiden wollten das auch nicht unterscheiden, denn eine Art von Scham der Vernunft hielt sie zurück; und auch durch lange folgende Zeit zwang sie diese dazu, voneinander Abstand zu halten, obschon ihre Empfindlichkeit von Dauer war und wohl den Glauben erregen konnte, es hätte sich miteinmal der Verlauf der Grenzen sowohl zwischen ihnen als auch gegen die Welt ein wenig verändert.

Es war wieder Sommerwetter geworden, und sie hielten sich viel im Freien auf: im Garten blühten Blumen und Sträucher. Wenn Ulrich eine Blüte betrachtete – was nicht gerade eine alte Gewohnheit des einstmals Ungeduldigen war –, so fand er jetzt manchmal des Ansehens kein Ende und, um alles zu sagen, auch keinen Anfang. Wußte er zufällig den Namen zu nennen, so war es Rettung aus dem Meere der Unendlichkeit. Dann bedeuteten die goldenen Sternchen auf einer nackten Gerte »Goldbecher«, und jene frühreifen Blätter und Dolden waren »Flieder«. Kannte er den Namen aber nicht, so rief er wohl auch den Gärtner herbei, denn dann nannte dieser alte Mann einen unbekannten Namen, und alles kam wieder in Ordnung, und der uralte Zauber, daß der Besitz des richtigen Wortes Schutz vor der ungezähmten Wildheit der Dinge gewährt, erwies seine beruhigende Macht wie vor zehntausenden Jahren. Doch konnte es auch anders kommen und geschehn, daß sich Ulrich einem solchen Zweiglein und Blütlein verlassen und ohne Helfer gegenüber fand und nicht einmal Agathe da war, mit der man die Unwissenheit teilen konnte: dann schien es ihm mit einemmal ganz unmöglich zu sein, das helle Grün eines jungen Blattes zu verstehen, und die geheimnisvoll begrenzte Formenfülle eines kleinen Blütenbechers wurde zu einem von nichts unterbrochenen Kreis unendlicher Abwechslung. Zudem hatte ein Mann wie er, wenn er sich nicht belog, was schon um Agathes willen nicht geschehen durfte, kaum die Möglichkeit, an ein verschämtes Stelldichein mit der Natur zu glauben, dessen Raunen und Augenaufschlagen, Gottseligkeit und stummes Musizieren vielmehr das Vorrecht einer besonderen Einfalt ist, die sich einbildet, wenn sie kaum den Kopf ins Gras lege, kitzle sie Gott schon am Hals, obzwar sie an Wochentagen nichts dawider hat, daß die Natur auch an der Fruchtbörse gehandelt wird. Ulrich verabscheute diese Schleudermystik zu billigstem Preis und Lob, die im Grunde ihrer beständigen Gottergriffenheit über die Maßen liederlich ist, und überließ sich da eher noch der Ohnmacht, eine zum Greifen deutliche Farbe mit Worten zu bezeichnen oder eine der Formen zu beschreiben, die auf so gedankenlos eindringliche Art für sich selbst sprachen. Denn das Wort schneidet nicht in solchem Zustand, und die Frucht bleibt am Ast, ob man sie gleich schon im Mund meint: das ist wohl das erste Geheimnis der taghellen Mystik. Und Ulrich bemühte sich, es seiner Schwester zu erklären, wenn auch in der verhohlenen Absicht, daß es nicht eines Tages wie eine Täuschung verschwinden möge.

Dadurch griff aber nach dem leidenschaftlichen Zustand einer des ruhigeren, ja manchmal fast zerstreuten Gespräches ziemlich um sich, der ihnen zum Schirm voreinander diente, obzwar sie ihn ganz durchschauten. Sie lagen gewöhnlich im Garten auf zwei großen Liegestühlen, die sie immer der Sonne nachschleppten; diese Frühsommersonne schien zum millionstenmal auf den Zauber, den sie alljährlich anrichtet; und Ulrich sagte da manches, das ihm gerade durch den Kopf ging und sich behutsam rundete wie der Mond, der jetzt ganz blaß und ein wenig schmutzig war, oder auch wie eine Seifenblase: Und so geschah es denn, und zwar recht bald, daß er auf den vertrackten und oft verwünschten Widersinn zu sprechen kam, daß alles Verstehen eine Art von Oberflächlichkeit voraussetzte, einen Hang zur Oberfläche, was sich in dem Wort »Begreifen« überdies ausspreche und damit zusammenhänge, daß die ursprünglichen Erlebnisse ja nicht einzeln, sondern eines am andern verstanden und dadurch unvermeidlich mehr in die Fläche als in die Tiefe verbunden würden. Er fuhr dann fort: »Wenn ich also behaupte, dieser Rasen hier vor uns sei grün, so klingt das sehr bestimmt, aber ich habe nicht eben viel gesagt. In Wahrheit nicht mehr, als wenn ich dir von einem vorbeigehenden Mann erzählt hätte, er gehöre der Familie Grün an. Und, du lieber Himmel, wie viele Grün gibt es! Da ist es gleich besser, ich begnüge mich mit der Erkenntnis, dieser grüne Rasen sei eben rasengrün, oder gar er sei grün wie ein Rasen, auf den es vor kurzem ein wenig geregnet hat –« Er blinzelte träg über die junge sonnenbeschienene Grasfläche und meinte: »So möchtest du es doch wahrscheinlich wirklich beschreiben, denn du bist von Kleiderstoffen im Anschaulichen geübt. Ich dagegen könnte die Farbe vielleicht auch messen: Sie dürfte schätzungsweise eine Wellenlänge von fünfhundertvierzig Millionstelmillimetern besitzen; und da wäre dieses Grün nun doch scheinbar gefangen und auf einen bestimmten Punkt angenagelt! Da entspringt es mir aber auch schon, denn sieh: an dieser Bodenfarbe ist doch auch etwas Stoffliches, das sich mit Farbworten überhaupt nicht bezeichnen läßt, weil es anders ist als das gleiche Grün in Seide oder Wolle. Und nun sind wir wieder bei der tiefen Erleuchtung, daß grünes Gras eben grasgrün ist!«

Agathe fand es, zum Zeugen angerufen, sehr verständlich, daß man nichts verstehen könne, und entgegnete: »Ich rate dir, sieh einmal einen Spiegel in der Nacht an: er ist dunkel, er ist schwarz, du siehst beinahe überhaupt nichts; und doch ist dieses Nichts ganz deutlich etwas anderes als das Nichts der übrigen Finsternis. Du ahnst das Glas, die Verdopplung der Tiefe, irgendeine noch zurückgebliebene Fähigkeit zu schimmern – und doch gewahrst du gar nichts!«

Ulrich lachte über die Bereitwilligkeit seiner Schwester, dem Wissen gleich die Ehre ganz abzuschneiden; er meinte beiweitem nicht, daß Begriffe keinen Wert hätten, und wußte wohl, was sie leisten, auch wenn er nicht gerade so tat. Was er ausheben wollte, war das Unfaßbare der Einzelerlebnisse, der Erlebnisse, die man aus einem naheliegenden Grund allein und einsam bestehen muß, auch wenn man zu zweien ist. Er wiederholte: »Das Ich erfaßt ja seine Eindrücke und Hervorbringungen niemals einzeln, sondern immer in Zusammenhängen, in wirklicher oder gedachter, ähnlicher oder unähnlicher Übereinstimmung mit anderem; so lehnt alles, was Namen hat, aneinander in Hinsichten, in Fluchten, als Glied von großen und unüberblickbaren Gesamtheiten, eins auf das andere gestützt und von gemeinsamen Spannungen durchzogen. Aber darum steht man auch,« fuhr er plötzlich anders fort »wenn aus irgendeinem Anlaß diese Zusammenhänge versagen und keine der inneren Ordnungsreihen anspricht, allsogleich wieder vor der unbeschreiblichen und unmenschlichen, ja vor der widerrufenen und formlosen Schöpfung!« Damit waren sie denn wieder an den Punkt zurückgekehrt, von wo sie ausgegangen; aber Agathe fühlte darüber die dunkle Schöpfung, den Abgrund Welt, den Gott, der ihr helfen sollte!

Ihr Bruder sagte: »Das Verstehen macht einem unstillbaren Staunen Platz, und das geringste Erlebnis – dieses Fähnchen Gras oder die sanften Laute, wenn deine Lippen da drüben ein Wort aussprechen wird unvergleichbar, welteinsam, hat eine unergründliche Selbstischkeit und strömt eine tiefe Betäubung aus . . .!«

Er schwieg, drehte einen Grashalm unschlüssig in der Hand und horchte erfreut zu, wie Agathe, scheinbar so unzergrübelt wie ungründlich, die Leiblichkeit des Gesprächs wiederherstellte. Denn sie erwiderte jetzt: »Wenn es trockener wäre, möchte ich mich auf den Rasen legen! Laß uns fortreisen! Ich wollte so gern auf einer Wiese liegen, bescheiden zur Natur zurückgekehrt wie ein weggeworfener Schuh!«

»Aber das heißt auch nur, aus allen Gefühlen entlassen sein« wandte Ulrich ein. »Und Gott allein mag wissen, was aus uns werden sollte, wenn nicht auch sie in Scharen aufträten, diese Lieben und Hasse und Leiden und Güten, die scheinbar jedem allein gehören. Wir wären wohl aller Fähigkeiten des Handelns und Denkens beraubt, denn unsere Seele ist für das geschaffen, was sich wiederholt, und nicht für das, was ganz aus der Reihe tritt –« Er war bedrückt, glaubte ins Nichts vorgestoßen zu sein, und sah mit unruhiger und gekrauster Stirn prüfend das Gesicht seiner Schwester an.

Aber Agathes Gesicht war noch klarer als die Luft, die es umgab und mit ihrem Haar spielte, als sie nun aus dem Gedächtnis etwas zur Antwort gab. »Ich weiß nicht, wo ich bin, noch suche ich mich, noch will ich davon wissen, noch Kunde haben. Ich bin so eingetaucht in der Quelle seiner Liebe, als wäre ich im Meere unter Wasser und könnte von keiner Seite irgendein Ding sehen oder fühlen als Wasser.«

»Woraus ist das?« fragte Ulrich neugierig und entdeckte da erst, daß sie ein Buch in Händen hielt, das sie seiner eigenen Bibliothek entnommen hatte.

Agathe entzog es ihm und las vor, ohne Antwort zu geben: »Ich habe alle meine Vermögen überstiegen bis an die dunkle Kraft. Da hörte ich ohne Laut, da sah ich ohne Licht. Dann wurde mein Herz grundlos, meine Seele lieblos, mein Geist formlos und meine Natur wesenlos«.

Nun erkannte auch Ulrich den Band und lächelte, und da erst sagte Agathe: »Aus deinen Büchern.« Und beendete aus dem Gedächtnis, das Buch schließend, ihre Wiedergabe mit der Anrufung: »Bist du du selbst, oder bist du es nicht? Ich weiß nichts davon, ich bin dessen unkundig, und ich bin meiner unkundig. Ich bin verliebt, aber ich weiß nicht in wen; ich bin weder treu noch ungetreu. Was bin ich doch? Ich bin selbst meiner Liebe unkundig; ich habe das Herz von Liebe voll und von Liebe leer zugleich!«

Ihr gutes Gedächtnis arbeitete auch sonst nicht gern seine Erinnerungen zu Begriffen um, sondern bewahrte sie sinnlich-einzeln auf, wie man sich Gedichte merkt; weshalb eine schwer beschreibliche Mitbeteiligung des Körpers und der Seele immer an ihren Worten war, wenn sie selbst noch so unauffällig sprach. Ulrich entsann sich des Auftritts vor dem Begräbnis seines Vaters, wo sie die wildschönen Verse Shakespeares zu ihm gesprochen hatte. »Wie wild ist ihr Wesen doch im Vergleich mit meinem!« dachte er. »Wenig habe ich mir heute zu sagen erlaubt!« Er überprüfte die Erklärung der »taghellen Mystik«, die er ihr gegeben hatte: Alles in allem war das nicht mehr, als daß er die Möglichkeit vorübergehender Abweichungen von der gewohnten und bewährten Ordnung des Erlebens zugegeben hatte; und wenn man es so auffaßte, folgten ihre Erlebnisse bloß einem etwas gefühlvolleren Grundgesetz als dem der gewöhnlichen Erfahrung und glichen kleinen Bürgerskindern, die in eine wandernde Schauspielertruppe geraten sind. Mehr hatte er also nicht zu sagen gewagt, obschon jedes Stück Raum zwischen ihm und seiner Schwester seit Tagen voll unvollendeter Geschehnisse war! Und allmählich begann er sich mit der Frage zu beschäftigen, ob sich nicht doch mehr glauben ließe, als er sich zugestanden habe.

Nach der lebhaften Gipfelung der Wechselrede hatten sich Agathe und er wieder in ihre Stühle zurückfallen lassen, und die Stille des Gartens deckte die verklungenen Worte zu. Insofern als gesagt worden, daß sich Ulrich mit einer Frage zu beschäftigen begonnen hätte, muß freilich berichtigt werden, daß viele Antworten ihren Fragen vorangehen wie ein Eiliger seinem geöffnet flatternden Mantel. Es war ein überraschender Einfall, was Ulrich beschäftigte, und forderte eigentlich auch nicht Glauben, sondern rief durch sein Auftreten Erstaunen hervor und den Eindruck, daß solche Eingebung wohl nie wieder vergessen werden dürfte, was in Ansehung ihrer Ansprüche etwas unbehaglich war. Ulrich war es gewohnt, nicht sowohl gottlos als vielmehr gottfrei zu denken, was nach Art der Wissenschaft heißt, jede mögliche Wendung zu Gott dem Gefühl zu überlassen, weil sie das Erkennen doch nicht zu fördern, sondern bloß ins Unwegsame zu verführen vermag. Und er zweifelte auch in dieser Minute nicht im mindesten daran, daß dies das einzig Richtige sei; sind doch die handgreiflichsten Erfolge des Menschengeistes schier erst entstanden, seit er Gott aus dem Weg geht. Aber der Einfall, der ihn heimsuchte, sagte: »Wie, wenn nun gerade dieses Ungöttliche nichts wäre als der zeitgemäße Weg zu Gott?! Jede Zeit hat noch einen anderen ihren stärksten Geisteskräften entsprechenden Gedankenweg dahin gehabt; wäre es also nicht unser Schicksal, das Schicksal eines Zeitalters der klugen und unternehmenden Erfahrung, alle Träume, Legenden und ausgeklügelten Begriffe nur deshalb zu leugnen, weil wir uns auf der Höhe der Welterforschung und -entdeckung wieder ihm zuwenden und zu ihm ein Verhältnis der beginnenden Erfahrung gewinnen werden?!«

Dieser Schluß hatte gar keine Beweiskraft, das wußte Ulrich; ja, er sollte den meisten sogar als Verkehrtheit erscheinen, und das focht ihn nicht an. Auch er selbst hätte ihn eigentlich nicht denken dürfen: Das wissenschaftliche Verfahren – so hatte er es doch erst kurz zuvor als rechtmäßig erläutert – besteht, außer aus Logik, daraus, daß es die an der Oberfläche, an der »Erfahrung« gewonnenen Begriffe in die Tiefe der Erscheinungen senkt und diese aus jenen erklärt; man verödet und verflacht das Irdische, um es beherrschen zu können, und der Einwand lag nahe, daß man das nicht auch auf das Überirdische ausdehnen dürfe. Aber diesen Einwand bestritt jetzt Ulrich: die Wüste ist kein Einwand, sie ist seit je eine Geburtsstätte himmlischer Gesichte gewesen; und überdies, Aussichten, die noch nicht erreicht sind, lassen sich auch nicht vorhersehen! Es entging ihm dabei, daß er sich vielleicht noch in einem zweiten Gegensatz zu sich selbst befand oder in eine Richtung geraten war, die von der seinen abbog: Paulus nennt den Glauben die zuversichtliche Erwartung von Dingen, die man erhofft, und die Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht; und der Gegensatz zu dieser aufs Greifen bedachten Bestimmung, die zur Überzeugung der Gebildeten geworden ist, gehörte zum stärksten, was Ulrich im Herzen trug. Der Glaube als eine Verkleinerungsform des Wissens war seinem Wesen zuwider, er ist immer »wider besseres Wissen«; dagegen war es ihm gegeben, in der »Ahnung ›nach‹ bestem Wissen« einen besonderen Zustand und ein Fahrtengebiet für unternehmende Geister zu erkennen. Es sollte ihn später noch manche Mühe kosten, daß sich dieser Gegensatz jetzt abgeschwächt hatte, aber vorläufig bemerkte er nichts davon, denn es gab in dieser Minute einen Schwarm von Nebeneinfällen, der ihn beschäftigte und vergnügte.

Er griff Beispiele heraus. Das Leben wurde immer gleichförmiger und unpersönlicher. In alle Vergnügungen, Erregungen, Erholungen, ja selbst in die Leidenschaften drang etwas Typenhaftes, Mechanisches, Statistisches, Reihenweises ein. Der Lebenswille wurde breit und flach wie ein vor der Mündung zögernder Strom. Der Kunstwille war sich schon selbst beinahe verdächtig geworden. Es hatte den Anschein, daß die Zeit das Einzelwesen zu entwerten beginne, ohne doch den Verlust durch neue gemeinschaftliche Leistungen ersetzen zu können. Das war ihr Gesicht. Und dieses Gesicht, das so schwer zu verstehen war; das er einmal geliebt und in den Schlammkrater eines tief dröhnenden Vulkans umzudichten versucht hatte, weil er sich jung fühlte wie tausend andere; und von dem er sich, wie diese Tausende, abgewandt hatte, weil er des entsetzlich mißgestalten Anblicks nicht Herr wurde: dieses Gesicht verklärte sich, wurde ruhig, listigschön, und leuchtend von innen durch einen einzigen Gedanken! Denn wie, wenn Gott selbst es wäre, der die Welt entwertet? Gewänne sie damit nicht auf einmal wieder Sinn und Lust? Und müßte er sie nicht schon entwerten, wenn er ihr auch nur um den kleinsten Schritt näher käme? Und wäre es nicht schon das einzige wirkliche Abenteuer, auch nur den Vorschatten davon wahrzunehmen?! Diese Überlegungen hatten die unvernünftige Folgerichtigkeit einer Reihe von Abenteuern und waren so fremd in Ulrichs Kopf, daß er zu träumen meinte. Er spähte zuweilen vorsichtig zu seiner Schwester hinüber, als müßte er fürchten, daß sie wahrnähme, was er treibe, und einige Male erblickte er dabei ihren blonden Kopf wie Licht im Licht vor dem Himmel, und die Luft, die in ihrem Haar spielte, sah er auch mit den Wolken spielen.

Wenn das geschah, hob nämlich auch sie sich ein wenig in die Höhe und blickte sich staunend um. Sie versuchte sich dann vorzustellen, wie es wäre, aus allen Gefühlen des Lebens entlassen zu sein. Selbst der Raum, dieser sich immer gleichbleibende, gehaltlose Würfel, sei nun wohl verändert, dachte sie. Wenn sie die Augen eine Weile geschlossen hielt und dann wieder öffnete, so daß der Garten unberührt in ihren Blick trat, als wäre er eben erst erschaffen worden, bemerkte sie so deutlich und unkörperlich wie eine Vision, daß die Richtung, die sie mit ihrem Bruder verbinde, unter allen anderen ausgezeichnet sei: Der Garten »stand« um diese Linie, und ohne daß sich an den Bäumen, Wegen und anderen Stücken der wirklichen Umgebung etwas geändert hätte, wovon sie sich leicht überzeugen konnte, war alles auf diese Verbindung als Achse bezogen und dadurch in einer sichtbaren Weise unsichtbar verändert. Es mochte widerspruchsvoll klingen; sie hätte aber ebensogut auch sagen können, daß die Welt dort süßer sei, vielleicht auch leidvoller: das Merkwürdige war, daß man es mit den Augen zu sehen meinte. Überdies lag etwas Auffälliges darin, daß alle die umgebenden Gestalten auf das unheimlichste verlassen dastanden, aber auch, auf das unheimlichste entzückend, belebt waren, in dem Anschein eines zarten Todes oder einer leidenschaftlichen Ohnmacht, als wären sie soeben von etwas Unnennbarem verlassen worden, was ihnen eine geradezu menschliche Sinnlichkeit und Empfindlichkeit verlieh. Und etwas Ähnliches wie am Eindruck des Raums hatte sich überdies am Gefühl der Zeit ereignet; dieses fließende Band, die rollende Treppe mit ihrer unheimlichen Nebenbeziehung zum Tod schien in manchen Augenblicken stillzustehen, und in manchen floß sie ohne Verbindung dahin. Während eines einzigen äußeren Augenblicks konnte sie innen verschwunden sein, ohne eine Spur davon, ob sie eine Stunde oder eine Minute ausgesetzt habe.

Einmal überraschte Ulrich seine Schwester bei diesen Versuchen und erriet wohl etwas von ihnen, denn er sagte leise und lächelnd: »Es gibt eine Weissagung, daß für die Götter ein Jahrtausend nicht mehr als ein Öffnen und Schließen ihres Auges sei!« Dann lehnten sie sich beide wieder zurück und hörten weiter den Traumreden der Stille zu.

Agathe dachte: »Alles das hat bloß er zustande gebracht; und doch zweifelt er jedesmal, wenn er lächelt!« Aber die Sonne fiel mit ihrer beständig niederkommenden Wärme zart wie ein Schlafmittel auf seine geöffneten Lippen, das fühlte Agathe an den ihren und wußte sich eins mit ihm. Sie versuchte sich in ihn hineinzuversetzen und seine Gedanken zu erraten, was zwischen ihnen eigentlich als unerlaubt galt, weil es von außen kam und nicht aus der schöpferischen Teilnahme; als eine Abweichung aber umso heimlicher war. »Er will nicht, daß es bloß eine Liebesgeschichte werden soll!« dachte sie; und fügte hinzu: »Das ist auch mein Geschmack.« Und gleich darauf dachte sie: »Er wird keine andre Frau nach mir lieben, denn dies ist keine Liebesgeschichte mehr; das ist überhaupt die letzte Liebesgeschichte, die es geben kann!« Und sie fügte hinzu: »Wir werden wohl eine Art Letzte Mohikaner der Liebe sein!« Sie war auch dieses Tons gegen sich selbst im Augenblick fähig, denn wenn sie sich ganz ehrlich Rechenschaft ablegte, so war natürlich auch dieser verzauberte Garten, worin sie sich mit Ulrich befand, mehr Wunsch als Wirklichkeit. Sie glaubte nicht wirklich, daß schon das Tausendjährige Reich begonnen haben könnte, trotz dieses nach festem Boden klingenden Namens, den Ulrich einmal angegeben hatte. Sie fühlte sich sogar sehr verlassen von ihren Wunschkräften, und wo sonst ihre Träume entstanden, sie wußte nicht wo, bitter nüchtern. Sie entsann sich, daß sie vor der Zeit Ulrichs eigentlich leichter imstande gewesen war, sich einzubilden, ein wacher Schlaf, wie der, worin ihre Seele jetzt schaukelte, vermöchte sie hinter das Leben zu geleiten, in ein Wachsein nach dem Tode, in Gottes Nähe, zu Mächten, die sie holen kämen, oder bloß neben das Leben zu einem Aufhören der Begriffe und einem Übergang in Wälder und Wiesen von Vorstellungen: es war ja nie klar geworden, was das sei! So gab sie sich nun Mühe, sich dieser alten Vorstellungen zu entsinnen. Aber es kam ihr nur noch eine Hängematte in Erinnerung, zwischen zwei ungeheure Finger gespannt und von einer unendlichen Geduld geschaukelt; dann ein stilles Überragtwerden, wie von hohen Bäumen, zwischen denen man sich emporgehoben und verschwunden fühlt; und schließlich ein Nichts, das einen auf unbegreifliche Weise greifbaren Inhalt hatte –: Das waren wohl alle die Zwischengebilde von Eingebung und Einbildung, an denen ihr Verlangen einst Trost gefunden hatte. Aber waren es denn wirklich bloß Zwischen- und Halbgebilde gewesen? Zu ihrem Erstaunen begann Agathe etwas sehr Merkwürdiges allmählich aufzufallen. »Wahrhaftig,« dachte sie »es ist so, wie man sagt: es geht einem ein Licht auf! Und es verbreitet sich, je länger es dauert!« Denn was sie sich einst eingebildet hatte, war doch wohl fast in allem das, was jetzt ruhig und ausharrend dastand, sooft sie den Blick auf Ausschau schickte! Lautlos war es in die Welt getreten. Freilich war – anders, als es vielleicht ein buchstabengläubiger Mensch erlebt hätte – Gott ihrem Abenteuer fern geblieben, aber dafür war sie auch nicht mehr in diesem Abenteuer allein: das waren die zwei einzigen Änderungen, durch die sich die Erfüllung von der Vorankündigung unterschied, und zwar zugunsten irdischer Natürlichkeit. 47

Wandel unter Menschen


In der Zeit, die nun folgte, zogen sie sich von ihren Bekannten zurück und setzten sie dadurch in Verwunderung, daß sie eine Reise vorschützten und sich auf keine Weise erreichen ließen.

Sie waren meist heimlich zu Hause, und wenn sie ausgingen, mieden sie Orte, wo sie Menschen antreffen konnten, die demselben Gesellschaftskreis angehörten wie sie; doch besuchten sie Vergnügungsstätten und kleine Theater, wo sie davor sicher zu sein glaubten, und im allgemeinen folgten sie einfach, sobald sie das Haus verließen, den Großstadtströmungen, die ein Bild der Bedürfnisse sind und mit gezeitenmäßiger Genauigkeit die Massen, je nach der Stunde, irgendwo zusammenpressen und anderswo absaugen. Sie überließen sich dem ohne bestimmte Absicht. Es vergnügte sie, zu tun, was viele taten, und an einer Lebensführung teilzunehmen, die ihnen die seelische Verantwortung für die eigene zeitweilig abnahm. Und noch nie war ihnen die Stadt, worin sie lebten, so schön und fremd zugleich vorgekommen. Die Häuser boten in ihrer Gesamtheit ein großes Bild dar, auch wenn sie im einzelnen, oder einzeln, nicht schön waren; der Lärm strömte durch die hitzeverdünnte Luft wie ein an die Dächer reichender Fluß dahin; in dem starken, von der Straßentiefe gedämpften Licht sahen die Menschen leidenschaftlicher und geheimnisvoller aus, als sie es wahrscheinlich verdienten. Alles klang, sah aus, roch – so unersetzlich und unvergeßlich, als gäbe es zu verstehen, wie es sich in seiner Augenblicklichkeit selbst vorkomme; und die Geschwister nahmen diese Einladung, sich der Welt zuzuwenden, nicht ungern an.

Trotzdem geschah das nicht ohne Zurückhaltung, denn sie spürten den hindurchgehenden Zwiespalt. Das Geheime und Unbestimmte, das sie selbst verband, obwohl sie nicht frei davon sprechen konnten, sonderte sie von den anderen Menschen ab; aber die gleiche Leidenschaft, die sie dauernd fühlten, weil sie sich nicht sowohl an einem Verbot gebrochen hatte als vielmehr an einer Verheißung, hatte sie auch in einem Zustand zurückgelassen, der Ähnlichkeit mit den schwülen Unterbrechungen einer körperlichen Vereinigung besaß. Die Lust ohne Ausweg sank wieder in den Körper zurück und erfüllte ihn mit einer Zärtlichkeit, die so unbestimmt war wie ein später Herbsttag oder ein früher Frühlingstag. Und wenn sie auch gewiß nicht für jeden Menschen und alle Welt ebenso empfanden wie für einander, so spürten sie doch den schönen Schatten des »Wie es wäre« davon auf ihr Herz fallen, und dieses konnte der sanften Täuschung weder völlig glauben, noch konnte es sich ihr völlig entziehen, was ihm auch immer begegnete.

Das machte auf die freiwilligen Zwillingsgeschwister den Eindruck, daß sie durch ihre Erwartung und ihre Askese empfindlich geworden seien für alle unausgeträumten Zuneigungen der Welt, aber auch für die Schranken, die jedem Gefühl von der Wirklichkeit und Wachheit gesetzt werden; und es wurde ihnen die eigentümlich zweiseitige Beschaffenheit des Lebens sehr sichtbar, die jede große Bestrebung durch eine niedrige dämpft. Sie bindet an jeden Fortschritt einen Rückschritt und an jede Kraft eine Schwäche; sie gibt keinem ein Recht, das sie nicht einem anderen nähme, ordnet keine Verwicklung, ohne neue Unordnung zu stiften, und sie scheint sogar das Erhabene nur darum hervorzurufen, daß sie mit den Ehren, die ihm gebühren, bei der nächsten Gelegenheit das Platte überhäufen könne. So verknüpft ein schier unlöslicher und vielleicht tief notwendiger Zusammenhang alle hochgemuten menschlichen Bemühungen mit dem Zustandekommen ihres Gegenteils und läßt das Leben – über alle anderen Gegensätze und Parteiungen hinweg – für geistvolle, oder derart selbst nur halbvolle, Menschen ziemlich schwer erträglich sein, treibt sie aber auch an, eine Erklärung dafür zu suchen.

Dieses Aneinanderhaften der Ehr- und Kehrseite des Lebens ist denn auch sehr verschieden beurteilt worden. Fromme Menschenverächter haben darin einen Ausfluß der irdischen Hinfälligkeit gesehen; Donnerkerle das saftigste Lendenstück des Lebens; Durchschnittlinge fühlen sich in diesem Widerspruch so wohl wie zwischen ihrer rechten und linken Hand; und wer vorsichtig denkt, sagt einfach, die Welt sei nicht geschaffen, um menschlichen Begriffen zu entsprechen. Man hat es also als Unvollkommenheit der Welt oder der menschlichen Vorstellungen angesehn, hat es ebensowohl kindlich-traulich wie schwermütig oder trotzig-gleichgültig hingenommen, und alles in allem kann es mehr als Temperamentssache denn als nüchtern ehrbare Aufgabe der Vernunft gelten, darüber zu entscheiden. Nun aber, so gewiß die Welt nicht geschaffen ist, um menschlichen Forderungen zu entsprechen, so gewiß sind die menschlichen Begriffe geschaffen, um der Welt zu entsprechen, denn das ist ihre Aufgabe; und warum sie es gerade im Bereich des Rechten und Schönen nie zuwege bringen, bleibt damit schließlich doch eine seltsam offene Frage. Die planlosen Wege schienen es wie ein Bilderbuch darzubieten und ließen Gespräche entstehn, die von des Blätterns lose wechselnder Erregung begleitet waren.

Keines von diesen Gesprächen handelte seinen Gegenstand handgreiflich und vollständig ab, jedes wandte sich unter der Zeit nach den verschiedensten Zusammenhängen; dabei wurde der gedankliche Zusammenhang im ganzen immer breiter, die Gliederung nach lebendigen Anlässen, die aufeinander folgten, versagte einmal ums andere vor der übertretenden Flut angeregter Betrachtungen; und verlierend wie gewinnend, ging das lange weiter, ehe das Ergebnis unverkennbar zu sehen war.

So bekannte sich Ulrich auch – zufällig oder nicht, überzeugt oder aufs Geratewohl – als erstes zu der Möglichkeit, daß sowohl die Schranke, die dem Gefühl gesetzt ist, als daß auch das Vor und Zurück, oder zumindest Hin und Her, des Lebens, in einem gesagt, daß seine geistige Unzuverläßlichkeit, vielleicht eine nicht unnützliche Aufgabe zu erfüllen habe, und zwar die der Erzeugung und Erhaltung eines mittleren Lebenszustands.

Er wollte nicht von der Welt verlangen, daß sie ein Lustgarten des Genies sei. Ihre Geschichte ist nur in den Spitzen, wenn nicht Auswüchsen, eine des Genies und seiner Werke; in der Hauptsache ist sie die des Durchschnittsmenschen. Er ist der Stoff, mit dem sie arbeitet und der stets von neuem aus ihr wiederersteht. Vielleicht gab das ein Augenblick der Ermüdung ein. Vielleicht dachte Ulrich bloß überhaupt, daß alles Mittelhohe und Durchschnittliche stämmig sei und beste Aussicht auf Erhaltung seiner Art darbiete; man hätte annehmen müssen, daß es das erste Gesetz des Lebens sei, sich selbst zu erhalten, und das möchte wohl stimmen. Sicherlich sprach bei diesem Beginn aber auch eine andere Aussicht mit. Denn mag es sogar gewiß sein, daß die menschliche Geschichte nicht gerade ihre Aufschwünge vom Durchschnittsmenschen empfängt; alles in allem genommen, Genie und Dummheit, Heldentum und Willenlosigkeit, ist sie eben doch eine Geschichte der Millionen Antriebe und Widerstände, Eigenschaften, Entschlüsse, Einrichtungen, Leidenschaften, Erkenntnisse und Irrtümer, die er von allen Seiten empfängt und nach jeder verteilt. In ihm und ihr mischen sich die gleichen Elemente; und auf diese Art ist sie jedenfalls eine Geschichte des Durchschnitts oder, je nachdem man es nehmen mag, der Durchschnitt von Millionen Geschichten, und wenn sie denn auch ewig um das Mittelmäßige schwanken müßte, was könnte am Ende unsinniger sein, als einem Durchschnitt seine Durchschnittlichkeit zu verübeln!

In diesen Gedanken schob sich aber auch die Erinnerung an die Berechnung von Durchschnitten ein, wie sie die Zufallsrechnung versteht: – Die Regeln der Wahrscheinlichkeit beginnen schon in einer kalten, beinahe schamlosen Gelassenheit damit, daß die Ereignisse bald so, bald anders, ja daß sie auch ins Gegenteil von dem ausschlagen könnten, was sie sind. Zur Bildung und Festigung eines Durchschnitts gehört es sodann, daß der höheren und besonderen Werte viel weniger als der mittleren sind, ja daß sie fast niemals auftreten, und daß es auch von den unverhältnismäßig geringen gilt. Die einen wie die andern bleiben besten- oder schlimmstenfalls Randwerte, und zwar nicht nur nach Anleitung der Rechnung, sondern auch in der Erfahrung überall dort, wo zufallsähnliche Bedingungen herrschen. Diese Erfahrung mag an Hagelversicherungen und Sterblichkeitsübersichten gewonnen sein; aber der geringen Wahrscheinlichkeit der Randwerte entspricht es deutlich, daß auch im Geschichtlichen einseitige Gestaltungen und die ungemischte Verwirklichung überstiegener Forderungen selten von Dauer gewesen sind. Und sollte das in einer Hinsicht halbschlächtig erscheinen, so ist es doch in anderer der Errettung der Menschheit vor dem unternehmungssüchtigen Genie nicht minder wie vor der zu Taten aufgeregten Dummheit oft genug zugute gekommen! Unwillkürlich übertrug Ulrich die Anschauung der Wahrscheinlichkeit immer weiter auf geistige und geschichtliche Ereignisse und den mechanischen Begriff der Durchschnittlichkeit auf den sittlichen; und kam so auf die Zweiseitigkeit des Lebens zurück, bei der er angefangen hatte. Denn die Schranken und der Wechsel der Ideen und Gefühle, ihre Vergeblichkeit, die rätselhafte und trügerische Verbindung zwischen ihrem Sinn und der Verwirklichung seines Gegenteils, alles und ähnliches ist als innewohnende Folge auch schon mit der Annahme gegeben, daß eins so möglich sei wie das andere. Diese Annahme bedeutet aber den Grundbegriff, woraus die Wahrscheinlichkeitsrechnung ihren Inhalt schöpft, und ist deren Begriffsbestimmung des Zufalls; daß sie auch den Gang der Welt kennzeichnet, erlaubt also den Schluß, daß dieser nicht viel anders ausfiele, als er ist, wenn alles gleich nur dem Zufall überlassen bliebe.

Agathe fragte, ob es nicht die Wahrheit in launischer Absicht verdüstere und ein romantischer Pessimismus sei, wenn man den Weltlauf dem Zufall gleichstelle.

»Nichts weniger als das!« entgegnete dem Ulrich. »Wir haben bei der Vergeblichkeit aller hochgemuten Erwartungen begonnen, und es hat uns gedeucht, daß sie ein tückisches Geheimnis sei. Aber wenn wir sie jetzt mit den Regeln der Wahrscheinlichkeit vergleichen, so erklären wir dieses Geheimnis, das man mit einem Wort, das spöttisch mit seinem berühmten Gegenwort spielt, die ›prästabilierte Disharmonie‹ der Schöpfung nennen könnte, überaus anspruchslos dadurch, daß einfach nichts dawider geschieht! Die Entwicklung bleibt sich selbst überlassen, kein geistig ordnendes Gesetz wird ihr auferlegt; sie folgt scheinbar dem Zufall; und wenn dabei auch nicht das Wahre entstehen kann, so begründet dieselbe Voraussetzung doch wenigstens das Wahrscheinliche! Zugleich erklären wir, aus dem Wahrscheinlichen, aber auch die sich als einziges stabilierende Durchschnittlichkeit, die allerenden ihre doch höchst unerwünschte Zunahme fühlen läßt. Daran ist also nichts Romantisches, und vielleicht nicht einmal etwas Verdüstertes; es wäre wohl, gern oder ungern, eher ein unternehmungslustiger Versuch!«

Trotzdem wollte er darüber nicht mehr sagen und ließ das scheinbar geistreiche Unternehmen auf sich beruhen, ohne über die Einleitung hinausgekommen zu sein. – Er hatte das Gefühl, etwas Großes ungeschickt und umständlich berührt zu haben. Das Große war die tiefe Zweideutigkeit der Welt, daß sie so zurück wie vorwärts zu gehen scheint und bestürzend neben erhebend ist; und daß sie auf einen geistigen Menschen einen anderen Eindruck schon deshalb nicht machen kann, weil ihre Geschichte eben nicht die des bedeutenden, sondern doch offenbar die des Durchschnittsmenschen ist, dessen verworrenes und zweideutiges Antlitz sich in ihr abprägt. Von Umständlichkeit beschwert war hingegen, was dieser einfallsschnelle Beschluß berührte, durch den Versuch worden, dem bekannten Wesen des Durchschnittsmenschen durch einen Vergleich mit dem der Wahrscheinlichkeit einen Hintergrund von nicht ganz erforschter Neuigkeit zu geben. Der Grundgedanke war wohl auch bei diesem Vergleich scheinbar einfach: denn das Durchschnittliche ist immer auch etwas Wahrscheinliches, und der Durchschnittsmensch der Bodensatz aller Wahrscheinlichkeit. Verglich Ulrich aber, was er gesagt hatte, mit dem, was davon noch zu sagen wäre, so verzagte er fast an der Fortsetzung dessen, was er mit seiner Gegenüberstellung von Wahrscheinlichkeit und Geschichte angefangen hatte.

Agathe sagte mit mutwilligem Zögern: »Die Hausmeisterin träumt vom Lotto und erhofft sich einen Gewinn! Wenn ich also würdig gewesen sein sollte, dich zu verstehen, wäre es die Aufgabe der Geschichte, einen immer durchschnittlicheren Menschenschlag zu hinterlassen und sein Leben zu begründen, wofür vielleicht manches spricht, oder doch raunt; und dazu sollte sie nichts Einfacheres und Verläßlicheres tun können, als einfach dem Zufall zu folgen und seinem Gesetz die Verteilung und Mischung der Ereignisse zu überlassen?« Ulrich nickte. »Es ist ein Wenn – so. Wenn die menschliche Geschichte überhaupt eine Aufgabe hätte, und es diese wäre, dann könnte sie nicht besser sein, als sie ist, und erreichte auf die seltsame Art dadurch ein Ziel, daß sie keines hat!« Agathe lachte. »Und deswegen erzählst du, daß die niedrige Decke, unter der man lebt, eine ›nicht unnützliche‹ Aufgabe zu erfüllen habe?« »Eine tief notwendige Aufgabe, die Begünstigung des Durchschnitts!« bestätigte Ulrich. »Zu diesem Zweck sorgt sie dafür, daß ein für allemal kein Gefühl und Wille in den Himmel wächst!« »Geschähe doch lieber das Gegenteil!« meinte Agathe. »Dann sollte mir nicht das Ohr von Aufmerksamkeit rauh werden, ehe ich alles weiß!«

Ein Gespräch wie dieses über Genie, Durchschnitt und Wahrscheinlichkeit dünkte Agathe, weil es bloß den Verstand beschäftigte, ohne das Gemüt zu berühren, verlorene Zeit zu sein. Nicht ganz so erging es Ulrich, obgleich er mit dem, was er gesagt hatte, herzlich unzufrieden war. Nichts war daran fest als der Satz: wenn etwas ein Zufallsspiel wäre, so zeigte das Ergebnis die gleiche Verteilung von Treffern und Nieten wie das Leben. Aber daraus, daß der zweite Teil eines solchen Bedingungssatzes die Wahrheit ist, läßt sich mitnichten auf die Wahrheit des ersten schließen! Die Umkehrbarkeit des Verhältnisses bedürfte eines genaueren Vergleichs, um glaubhaft zu werden, der es auch erst ermöglichen müßte, Begriffe der Wahrscheinlichkeit auf geschichtliche und geistige Ereignisse zu übertragen und zwei so verschiedene Gesichtskreise einander gegenüberzustellen. Dazu hatte Ulrich nun keine Lust; aber je mehr er die Unterlassung fühlte, desto sicherer wurde ihm die Wichtigkeit der berührten Aufgabe bewußt. Nicht nur hat der zunehmende Einfluß geistig lockerer Massen, der die Menschheit immer durchschnittlicher macht, jede Frage nach dem Aufbau des Durchschnittlichen Bedeutung gewinnen lassen; sondern die Grundfrage, welchen Wesens das Wahrscheinliche ist, scheint auch aus anderen Gründen, und darunter solchen, die allgemein und geistiger Herkunft sind, immer mehr an die Stelle der Frage nach dem Wesen der Wahrheit treten zu wollen, obgleich sie ursprünglich bloß ein Handwerksmittel für die Lösung einzelner Aufgaben gewesen ist.

Es hätte sich alles auch mit den Worten ausdrücken lassen, daß nach und nach der »wahrscheinliche Mensch« und das »wahrscheinliche Leben« anstelle des »wahren« Menschen und Lebens emporzukommen begännen, die eitel Einbildung und Vortäuschung gewesen seien; wie denn Ulrich etwas Ähnliches auch schon zuvor angedeutet, und gesagt hatte, daß die ganze Frage nichts als die Folge einer fahrlässigen Entwicklung wäre. Offenbar leuchtete ihm selbst der Sinn aller solchen Bemerkungen noch nicht völlig ein, doch verlieh ihnen gerade diese Schwäche die Eigenschaft, in weitem Umfang zu leuchten wie Wetterlicht, und er kannte noch so viele Beispiele des gegenwärtigen Lebens und Denkens, worauf sie paßten, daß er sich lebhaft aufgefordert sah, den gefühlhaften Begriff von ihnen in einen klareren zu verwandeln. So fehlte es auch nicht an der Notwendigkeit einer Fortsetzung, und er beschloß nun doch, sie bei schicklicherer Gelegenheit nicht zu verabsäumen.

Er mußte über seine Überraschung lächeln, als er sich bei diesem Vorsatz schon auf bestem Wege erkannte, ohne es gewollt zu haben, Agathe von etwas Altem zu unterrichten, das er früher in bedenklicher Laune oft die »Welt des Seinesgleichen geschieht« genannt hatte. Es war die Welt der Unruhe ohne Sinn, die wie ein Bach durch Sand ohne Grün fließt; er nannte sie jetzt die des »wahrscheinlichen Menschen«. Mit aufgefrischter Neugierde betrachtete er die Menschenströme, deren Ufern sie folgten und von deren Leidenschaften, Gewohnheiten und fremden Genüssen sie von sich selbst abgezogen wurden: es war die Welt dieser Leidenschaften und Genüsse, und nicht die einer unausgeträumten Möglichkeit! So war es denn auch um deswillen die der Schranken, die selbst das ausschweifendste Gefühl in Grenzen setzen, und die des mittleren Lebenszustands. Zum erstenmal dachte er nicht bloß gefühlvoll, sondern in der Art, wie etwas Wirkliches erwartet wird, daran, daß sich der Unterschied, der es in einem Fall dem weltlichen Gefühl unmöglich mache, zu Ruhe und bleibender Erfüllung zu kommen, im andern eine fortschreitende und weltliche Bewegung zu finden, vielleicht auf zwei grundverschiedene Zustände oder Arten des Gefühls zurückführen ließe.

Abbrechend sagte er: »Sieh an!« und beide wurden sich des Augenscheins bewußt. Es geschah, während sie einen bekannten und, wenn man so sagen darf, allgemein geachteten Platz überquerten. Da stand die neue Universität, ein nachgeahmter Barockbau, der von kleinlichen Einzelheiten überladen war; nicht weit davon stand, kostspielig und zweitürmig, eine »neugotische« Kirche, die wie ein gut gelungener Fastnachtsscherz aussah; und den Hintergrund bildete, neben zwei ausdruckslosen, zu der Hochschule gehörenden Anstalten und einem Bankpalast, ein großes düster-dürftiges Gerichts- und Gefangenenhaus, das mehrere Jahrzehnte älter war. Flinkes und massiges Fuhrwerk durchkreuzte dieses Bild, und ein einziger Blick vermochte sowohl die Gediegenheit des Gewordenen als auch die Vorbereitungen des weiteren Gedeihens zu umfassen, und nicht minder zur Bewunderung der menschlichen Tätigkeit aufzuregen als den Geist durch einen unmerklichen Bodensatz von Nichtssagenheit zu vergiften. Und ohne eigentlich den Gesprächsgegenstand zu wechseln, fuhr Ulrich fort: »Nimm an, daß sich eine Räuberbande der Weltherrschaft bemächtigt hätte, mit nichts ausgestattet als den gröbsten Instinkten und Grundsätzen! Nach einiger Zeit erwüchsen auch auf diesem wilden Boden geistige Schöpfungen! Und wieder über eine Zeit, wenn der Geist sich ausgebildet hätte, stünde er sich schon selbst im Wege! Die Ernte wächst, und ihr Gehalt vermindert sich; als ob die Früchte nach Schatten schmeckten, wenn alle Äste voll sind!« – Er fragte nicht, warum. Er hatte das Gleichnis einfach gewählt, um auszudrücken, er meine, daß sich das meiste von dem, was sich Kultur nenne, zwischen dem Zustand einer Räuberbande und dem müßiger Reife befinde; denn war es so, dann mochte es doch auch eine Entschuldigung für all das Gespräch sein, in das er abgelenkt worden war, obwohl ein zärtlicher erster Anhauch den Anfang gebildet hatte. 48

Eine auf das Bedeutende gerichtete Gesinnung und beginnendes Gespräch darüber


Spricht einer von der zweiseitigen und unordentlichen Beschaffenheit des menschlichen Wesens, setzt es voraus, daß er meint, sich eine bessere vorstellen zu können.

Ein gläubiger Mensch kann das tun, und Ulrich war keiner. Im Gegenteil: Glaube stand bei ihm im Verdacht einer Neigung zum Vorschnellen, und ob der Inhalt dieses geistigen Verhaltens ein irdischer Einfall, ob er eine überirdische Idee war, schon als seelische Fortbewegungsart erinnerte es ihn an die ohnmächtigen Flugversuche eines Haushuhns. Nur Agathe bewirkte darin eine Ausnahme; an ihr behauptete er zu beneiden, daß sie voreilig und mit Eifer glauben konnte, und empfand die Weiblichkeit ihres Mangels manchmal fast so körperlich wie einen der anderen Geschlechtsunterschiede, von denen zu wissen eine selige Verblendung erregt. Er verzieh ihr diese Unberechenbarkeit selbst dann, wenn sie ihm eigentlich unverzeihlich erschien, so in der Verbindung mit der lächerlichen Person des Professors Lindner, von der ihm seine Schwester vieles verschwieg. Er spürte neben sich die Verschwiegenheit ihrer Körperwärme und erinnerte sich an eine leidenschaftliche Behauptung, die ungefähr den Sinn hatte, daß kein Mensch sich selbst schön oder häßlich, gut oder schlecht, bedeutend oder geisttötend sei, sondern daß sein Wert immer davon abhänge, daß man an ihn glaube oder an ihm zweifle. Das war eine maßlose Bemerkung, voll Großmütigkeit, aber auch von Ungenauigkeit zersetzt, die allerhand Rückschlüsse zuließ; und die versteckte Frage, ob sie nicht am Ende gar auf diesen Ziegenbock der Gläubigkeit, diesen Mann Lindner, zurückzuführen sei, von dem er so gut wie nichts als den Schatten kannte, ließ in dem schnellen unterirdischen Fluß seiner Gedanken eifersüchtig eine Welle aufschäumen. Als Ulrich aber darüber nachdachte, wußte er sich nicht zu entsinnen, ob überhaupt Agathe diese Bemerkung getan hätte oder nicht gar er selbst, und eines erschien ihm ebenso möglich wie das andere. Da zerfloß die Eifersuchtswelle in zärtlichen Schaum, wegen dieser Verwechselbarkeit über allen seelischen und körperlichen Unterschieden, und er hätte nun aussprechen mögen, was sein eigentlicher Vorbehalt gegen jede Glaubensbereitschaft war. Etwas zu glauben und an etwas zu glauben, sind seelische Zustände, die ihre Kraft einem anderen Zustand entnehmen und für sich verwenden oder auch verschwenden; aber dieser andere Zustand war nicht nur, wie es am nächsten lag, der feste des Wissens, sondern konnte, im Gegenteil, auch ein noch weniger stofflicher Zustand als das Glauben selbst sein: Und daß gerade in diese Richtung alles führe, was ihn und seine Schwester bewege, drängte Ulrich zur Aussprache; aber seine Gedanken waren noch weit von der Aussicht entfernt, sich dahin zu verbinden, und darum sprach er sich nicht aus, sondern wechselte lieber den Gegenstand, ehe er es tat.

Auch ein genialer Mensch trüge ja ein Maß in sich, das ihn zu dem Urteil ermächtigen könnte, es gehe in der Welt auf schier unerklärliche Weise alles so zurück wie vorwärts; aber wer ist ein solcher? Ulrich hatte ursprünglich nicht das mindeste Verlangen, darüber nachzudenken; aber die Frage hielt ihn fest, er wußte nicht warum.

»Man muß zwischen Genie als Art und als persönlichem Superlativ trennen« begann er und hatte noch nicht den rechten Ausdruck gefunden. »Manchmal habe ich früher gedacht, daß es, als die einzigen wichtigen Menschenrassen, überhaupt nur die des Genies und die des Dummkopfs gebe, die sich nicht gut vermischen. Die Menschen der Genieart oder die Genialen müssen aber nicht schon ein Genie sein. Dieses, das bestaunte Genie, entsteht so recht erst an der Börse der Eitelkeiten; in seinen Glanz strahlen die Spiegel der umgebenden Dummheit; es ist immer mit etwas verbunden, das ihm noch ein Ansehen dazu gibt, wie Geld oder Auszeichnungen: mag sein Verdienst also wie immer groß sein, ist seine Erscheinung doch eigentlich die ausgestopfte Genialität –«

Agathe unterbrach ihn, neugierig auf das andere: »Gut, aber die Genialität selbst?«

»Wenn du aus dem ausgestopften Popanz herausziehst, was bloß Stroh ist, müßte sie wohl übrigbleiben« sagte Ulrich, besann sich aber und fügte mißtrauisch hinzu: »Ich werde nie recht wissen, was genial ist, und weiß auch nicht, wer das entscheiden sollte!«

»Ein Senat der Wissenden!« sagte Agathe lächelnd. Sie kannte ihres Bruders oft recht ideokratische Gesinnung, mit der er sie in manchem Gespräch geplagt hatte, und erinnerte ihn durch ihre Worte etwas scheinheilig an die berühmte, aber in zweitausend Jahren nicht befolgte Forderung der Philosophie, daß die Leitung der Welt einer Akademie der Weisesten anvertraut werden sollte.

Ulrich nickte. »Das schreibt sich schon von Platon her. Und hätte es verwirklicht werden können, so wäre auf ihn an der Spitze des regierenden Geistes wahrscheinlich ein Platoniker gefolgt, und das so lange, bis eines Tages – Gott weiß warum – die Plotiniker für die wahren Philosophen gegolten hätten. So verhält es sich auch mit dem, was für genial gilt. Und was hätten die Plotiniker mit den Platonikern angefangen, und vorher diese mit ihnen, wenn nicht das, was jede Wahrheit mit dem Irrtum tut: ihn unerbittlich ausmerzen? Gott hat vorsichtig gehandelt, als er anordnete, daß aus einem Elefanten wieder nur ein Elefant hervorgeht, und aus einer Katze eine Katze: aus einem Philosophen geht aber ein Nachbeter und ein Gegenphilosoph hervor!«

»Also müßte Gott selbst entscheiden, was genial ist!« rief Agathe ungeduldig aus, nicht ohne einen leichten stolzen Graus bei dieser Vorstellung zu empfinden und sich deren voreiliger Heftigkeit bewußt zu sein.

»Ich fürchte, daß es ihn langweilt!« sagte Ulrich. »Wenigstens den christlichen Gott. Er ist erpicht auf die Herzen, ohne zu achten, ob viel oder wenig Verstand bei ihnen ist. Übrigens glaube ich, daß die kirchliche Geringschätzung der bürgerlichen Genialität manches für sich hat!«

Agathe wartete etwas; dann erwiderte sie einfach: »Du hast früher anders gesprochen!«

»Ich könnte dir antworten, daß der heidnische Glaube, alle den Menschen bewegenden Ideen hätten zuvor im göttlichen Geiste geruht, sehr schön gewesen sein muß; aber daß es schwer ist, an göttliche Ausströmungen zu denken, seit sich unter dem, was uns viel bedeutet, Ideen befinden, die Schießbaumwolle oder Pneumatik heißen« entgegnete Ulrich auf der Stelle. Dann schien er aber zu zaudern und des scherzenden Tons zu viel zu haben; und plötzlich gestand er seiner Schwester zu, was sie wissen wollte. Er sagte: »Ich habe immer, und fast von Natur, daran geglaubt, daß der Geist, weil man seine Macht in sich fühle, auch dazu verpflichte, ihm in der Welt Geltung zu verschaffen. Ich habe geglaubt, daß es sich nur lohne, bedeutend zu leben, und habe mir gewünscht, niemals etwas Gleichgültiges zu tun. Und was für die allgemeine Gesittung daraus folgt, mag hochmütig verzerrt aussehen, aber es ist unvermeidlich dies: Nur das Geniale ist erträglich, und die Durchschnittsmenschen müssen gepreßt werden, damit sie es hervorbringen oder gelten lassen! Mit tausend anderem vermischt, gehört etwas davon sogar zur allgemeinen Überzeugung: Es ist also wirklich beschämend für mich, dir die Antwort geben zu müssen, daß ich nie zu sagen gewußt hätte, was genial ist, und es auch jetzt nicht weiß, obgleich ich vor einigen Augenblicken erst unbefangen angedeutet habe, daß ich diese Eigenschaft weniger einem besonderen Menschen als einer menschlichen Artung zuschreiben möchte.«

Er schien es nicht so schlimm zu meinen, und Agathe hielt sorgsam das Gespräch im Gang, als er schwieg. »Kommt es dir nicht selbst leicht über die Lippen, von einem genialen Akrobaten zu sprechen?« fragte sie. »Es scheint also, daß heute gewöhnlich das Schwierige, Ungewöhnliche und besonders Gelungene zu dem Begriff gehört.«

»Bei den Sängern hat es angefangen; und wenn einer, der höher singt als die übrigen, genial heißt, warum soll es nicht einer tun, der höher springt! Schließlich kommt man aber so auch zu der Genialität eines Vorstehhunds; und Männer, die sich von nichts einschüchtern lassen, halten sie sogar für gediegener als die des Mannes, der sich die Stimmbänder aus dem Hals ziehen kann. Offenbar ist da ein zweifacher Sprachgebrauch im unklaren; außer der Genialität des Gelingens, die sich auf alles zu erstrecken vermag, so daß auch der dümmste Witz ›in seiner Art‹ genial sein kann, gibt es auch noch die Höhe, Würde oder Bedeutung dessen, was gelingt, also irgendeinen Genialitätsrang.« – Ein heiterer Ausdruck hatte den Ernst in Ulrichs Augen verdrängt, so daß Agathe nach der Fortsetzung fragte, die er zu verschweigen scheine.

»Mir fällt ein, daß ich die Frage Genie einmal mit unserem Freund Stumm erörtert habe« erzählte Ulrich. »Und er hat auf der Nützlichkeit bestanden, daß man einen militärischen und einen zivilen Begriff Genie unterscheide. Damit du ihn aber verstehst, muß ich dir vielleicht etwas aus der Kaiserlich und Königlichen Militärwelt erklären. Die Genietruppe – allein als Wortverbindung schon wunderbar –« fuhr er fort »dient zu Befestigungs- und ähnlichen Arbeiten und besteht aus Soldaten und Unteroffizieren und aus Offizieren, die keine besondere Zukunft haben, es sei denn, daß sie einen ›Höheren Genie-Kurs‹ bestehen, wonach sie in den ›Genie-Stab‹ gelangen. ›Über dem Genie steht beim Militär also der Geniestäbler‹ sagt Stumm von Bordwehr. ›Und ganz darüber natürlich noch der Generalstab, weil der überhaupt das Gescheiteste ist, was Gott getan hat.‹ So hat er mich, wenngleich er sich noch immer mit Genuß als Antimilitaristen bezeichnet, darauf zu bringen gesucht, daß der rechte Gebrauch von Genie schließlich noch beim Militär zu finden sein wird und gestaffelt ist, während allem Zivilgerede davon gerade eine solche Ordnung bedauerlicherweise mangle. Und wie er alles so verdreht, daß man der Wahrheit ordentlich auf den Grund sieht, täten wir gar nicht schlecht daran, uns an seinen Leitfaden zu halten.«

Was Ulrich über die ungleichen Begriffe der Genialität dem folgen ließ, hatte es aber weniger auf die Höchststufe Genie abgesehen als auf die Grundform der Genialität oder des Bedeutenden, deren Zweifelhaftigkeit ihm verwirrender und schmerzlicher vorkam. Es schien ihm leichter zu sein, ein Urteil über das zu gewinnen, was überaus bedeutend sei, als über das Bedeutende schlechthin. Jenes ist bloß ein Schritt über etwas hinaus, dessen Wert schon unbestritten ist, also etwas, das immer in einer mehr oder weniger herkömmlichen Ordnung geistiger Werte begründet ist, dieses hingegen verlangt, den ersten Schritt in einen unbestimmten und unendlichen Raum zu tun, und das bietet fast keine Aussicht, daß sich triftig unterscheiden lasse, was bedeutend ist und was nicht. So ist es natürlich, daß sich der Sprachgebrauch lieber an die Genialität des Grades und Gelingens gehalten hat als an den Genialitätswert dessen, was gelingt; doch ist es auch verständlich, daß die entstandene Gewohnheit, jede schwer nachahmliche Geschicklichkeit genial zu nennen, mit einem schlechten Gewissen verbunden ist, und natürlich keinem anderen als dem einer eingegangenen Aufgabe und einer vergessenen Pflicht. Die Geschwister hatten scherzhaft-zufällig daran Anstoß genommen, sprachen aber ernst weiter.

»Am deutlichsten wird das,« sagte Ulrich zu seiner Schwester »wenn man, was fast nur durch Zufall geschieht, eines wenig beachteten äußeren Zeichens inne wird, nämlich der Gepflogenheit, daß wir die Worte Genie und genial verschieden aussprechen, und nicht so, als ob das zweite vom ersten käme.«

Wie es jedem ergeht, der auf eine unbeachtete Gewohnheit aufmerksam gemacht wird, verwunderte sich Agathe ein wenig.

»Ich habe damals, nach dem Gespräch mit Stumm, im Grimmschen Wörterbuch nachgelesen« entschuldigte sich Ulrich. »Das Militärwort Genie, der Geniesoldat also, ist natürlich, wie es viele militärischen Ausdrücke getan haben, aus dem Französischen zu uns gekommen. Die Ingenieurkunst heißt dort Le génie; und damit hängt zusammen Geniekorps, Arme du génie, Ecole du génie, aber auch das englische Engine, das französische Engin und das italienische Ingegno macchina, das kunstvolle Werkzeug; die ganze Sippschaft aber geht auf das spätlateinische Genium und Ingenium zurück, Wörter, deren hartes G auf der Wanderung zu einem weichen Sch wird, und deren Grundbedeutung die Geschicklichkeit und das Können ist –: eine Zusammenfassung ähnlich der etwas alterssteifen Redensart ›die Handwerke und Künste‹, mit der uns amtliche Inschriften und Schriften heute noch zuweilen beglücken. Von da ginge ein verrotteter Weg also auch zum genialen Fußballspieler, ja sogar zum genialen Stöberhund oder Sprungpferd, aber es wäre folgerichtig, dieses Genial so wie jenes Genie auszusprechen. Denn es gibt ein zweites Genie und Genial, deren Bedeutung ebenfalls in allen Sprachen anzutreffen ist und nicht auf Genium zurückgeht, sondern auf Genius, auf das Mehr-als-Menschliche, oder wenigstens in Ehrfurcht auf Geist und Gemüt als das menschlich Höchste. Ich brauche wohl kaum noch zu sagen, daß diese beiden Bedeutungen allenthalben heillos verwechselt und vermischt worden sind, schon seit Jahrhunderten, und in der Sprache wie im Leben, und nicht nur im Deutschen; aber bezeichnendermaßen da am meisten, so daß es besonders eine deutsche Angelegenheit zu nennen ist, das Geniale und das Ingeniöse nicht auseinanderzuhalten. Überdies hat sie im Deutschen eine Geschichte, die mir an einer Stelle sehr nahegeht.«

Agathe war dieser ausgedehnten Erklärung gefolgt, wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, ein wenig mißtrauisch und bereit, sich zu langweilen, aber auf eine Wendung wartend, die von dieser Unsicherheit befreit. »Möchtest du mich für einen Sprachnörgler halten, wenn ich dir vorschlüge, daß wir zwei fortab das Wort ›genialisch‹ wieder in Gebrauch nehmen sollten?« fragte Ulrich.

Unwillkürlich deuteten ein Lächeln und eine Kopfbewegung seiner Schwester ihr Widerstreben gegen das veraltete Wort an, das ein Zeitgenosse von theatralisch, infernalisch, physikalisch und moralisch ist, aber mit sentimentalisch, idealisch, kolossalisch, kollegialisch und anderen aus dem Gebrauch gekommen ist und dem nun ein Geruch von alten Truhen und Trachten anhaftet.

»Es ist ein veraltetes Wort,« gab Ulrich zu »aber es war ein guter Augenblick, da es gebraucht wurde! Und wie gesagt, habe ich doch darüber nachgelesen; und wenn es dich nicht stört, daß wir auf der Gasse sind, will ich noch einmal nachsehn, was ich dir darüber zu sagen vermag!« Er zog lächelnd einen Zettel aus der Tasche und entzifferte einzelne mit Bleistift beschriebene Stellen. »Goethe« verkündete er: »Hier sah ich Reue und Buße bis zur Karrikatur getrieben, und wie alle Leidenschaft das Genie ersetzt ›wirklich genialisch‹; an einem anderen Ort: ›Ihre genialische Ruhe war mir oft in glänzender Begeisterung entgegengekommen‹. – Wieland: ›Die Frucht genialischer Stunden‹; Hölderlin: ›Die Griechen sind immer noch ein schönes, genialisches und frohes Volk‹. Und ein ähnliches Genialisch findest du noch bei Schleiermacher in seinen jüngeren Jahren. Aber schon bei Immermann hast du die Worte: ›Geniale Wirtschaft‹ und ›Geniale Lüderlichkeit‹. Da hast du also diese beschämende Wendung des Begriffs zum Kesselflickerhaft-Schlampigen, als was genialisch heute noch meist mit Spott verstanden wird.« Er drehte den Zettel hin und her, steckte ihn wieder ein und nahm ihn nochmals zu Hilfe. »Aber die Vorgeschichte und Vorursache findet sich schon früher« trug er nach. »Bereits Kant tadelt ›den Modeton einer geniemäßigen Freiheit im Denken‹ und spricht ärgerlich von ›Geniemännern‹ und ›Genieaffen‹. Es ist ein ansehnliches Stück deutscher Geistesgeschichte, das ihn so ärgert: denn sowohl vor ihm als auch bezeichnendermaßen nicht minder nach ihm ist in Deutschland teils mit Schwärmerei, teils mit Mißbilligung von ›Geniedrang‹, ›Geniefieber‹, ›Geniesturm‹, ›Geniesprüngen‹, ›Genierufen‹ und ›Geniegeschrei‹ gesprochen worden, und sogar die Philosophie hatte nicht immer saubere Fingernägel, und am wenigsten dann, wenn sie glaubte, sich die unabhängige Wahrheit aus den Fingern saugen zu können.«

»Und wie bestimmt Kant, was ein Genie ist?« fragte Agathe, die mit seinem berühmten Namen bloß die Erinnerung verband, gehört zu haben, daß er alles überstiege.

»Er hat am Wesen des Genies das Schöpferische und die Originalität, den ›Originalgeist‹ hervorgehoben, womit er denn bis auf den heutigen Tag vom größten Einfluß verblieben ist« erwiderte Ulrich. »Goethe lehnte sich später wohl an ihn an, als er sogar das Genialische mit den Worten ›viele Gegenstände gegenwärtig haben und die entferntesten leicht aufeinander beziehen. Dies frei von Selbstischkeit und Selbstgefälligkeit‹ beschrieb. Aber das ist eine Auffassung, die es sehr auf die Verstandesleistung abgesehen hat und zu der etwas turnerhaften Vorstellung vom Genialen führt, der wir erlegen sind.«

Agathe fragte ungläubig lachend: »Weißt du also jetzt, was Genie und genial und genialisch ist?«

Ulrich nahm den Spott achselzuckend hin. »Immerhin haben wir erfahren, daß unter Deutschen, wenn sich schon nicht der strenge Kantische ›Originalgeist‹ zeigt, auch ein verstiegenes und auffallendes Benehmen als genial empfunden wird« meinte er. 49

General von Stumm über die Genialität


Das von Ulrich erwähnte Gespräch mit Stumm hatte bei einer zufälligen Begegnung stattgefunden und nicht lange gedauert. Der General schien Sorgen zu haben, sprach sich aber nicht darüber aus, sondern begann über den Unfug zu schimpfen, daß es im Zivil so viele Genies gebe. »Was ist das eigentlich, ein Genie?« fragte er. »Einen General hat noch niemand ein Genie genannt!«

»Napoleon ausgenommen« warf Ulrich ein.

»Ihn vielleicht« gab Stumm zu. »Aber das geschieht wahrscheinlich mehr deshalb, weil sein ganzer Werdegang paradox ist!«

Darauf hatte Ulrich keine Antwort zu geben gewußt.

»Bei deiner Kusine habe ich viel Gelegenheit gehabt, solche Leute kennen zu lernen, die man als Genies bezeichnet« erklärte Stumm nachdenklich und fuhr fort: »Ich glaube, daß ich dir sagen kann, was ein Genie ist: Das ist nicht nur einer, der großen Erfolg hat, sondern er muß seine Sache gewissermaßen auch verkehrt anfangen!« Und Stumm führte es sogleich an den großen Beispielen der Psychoanalyse und der Relativitätstheorie aus:

»Daß man etwas nicht gewußt hat, hat es auch früher oft gegeben,« begann er in seiner Art »aber man hat sich eben demzufolge auch nichts dabei gedacht, und wenn das nicht gerade bei einer Prüfung geschehen ist, hat es auch niemand geschadet. Mit einemmal hat man aber das sogenannte Unbewußte daraus gemacht, und jetzt hat jeder so viel Unbewußtes, wie er nicht weiß, und es gilt als viel wichtiger, zu wissen, warum man etwas nicht weiß, als was man nicht weiß! Das hat, wie man sagt, menschlich das Unterste zu oberst gekehrt; und ist wahrscheinlich auch viel einfacher.«

Da Ulrich die Wirkung noch vermissen ließ, fuhr Stumm fort:

»Der Mann, der das erfunden hat, hat aber auch das folgende Gesetz aufgestellt: Du erinnerst dich, daß man früher beim Regiment den jüngeren Herren, wenn sie untereinander zuviel Saubarteleien geredet haben, mit den Worten abgewinkt hat: ›Das sagt man nicht, das tut man bloß!‹ Und was ist das Gegenteil davon? Irgendwie doch die Aufforderung: Wenn du, weil du ein zivilisierter Mensch bist, nicht tun kannst, was du möchtest, so sprich wenigstens mit einem gelehrten Mann darüber; der überzeugt dich nämlich, daß alles, was es gibt, auf etwas beruht, das es nicht geben soll! Ich mag das natürlich nicht wissenschaftlich beurteilen, aber jedenfalls sieht man auch an diesem Beispiel, daß die neuen Regeln senkrecht die Umkehrung von denen sind, die vor ihnen gegolten haben, und der Mann, der sie eingeführt hat, gilt heute für ein ganz großes Genie!«

Da Ulrich anscheinend noch immer nicht überzeugt war, und Stumm sich selbst noch nicht am Ziele fühlte, wiederholte er seine Beweisführung an der »Relativitätstheorie« so, wie diese sich ihm darstellte: »Du hast doch gleich mir auf der Schule gelernt, daß alles, was sich bewegt, in ›Raum und Zeit‹ geschieht« war der Ausgangspunkt seines Denkens. »Aber wie steht es damit in der Praxis? Erlaube, daß ich etwas ganz Gewöhnliches sage: Du sollst mit der Tête deiner Eskadron um so und soviel Uhr an einem auf der Karte bestimmten Punkt gestellt sein. Oder du sollst deine Reiter aus einer Aufstellung auf Kommando in eine neue Front bringen, die schief zu allem steht, was es an geraden Linien auf dem Exerzierplatz gibt: Es geschieht in Raum und Zeit; aber es gelingt nie ohne Zwischenfall und stimmt nie so, wie du es haben willst. Ich wenigstens habe hundert Rüffel dafür bekommen, solange ich bei der Truppe war, ich sage es aufrichtig. Auch hat es mir schon in der Schule sozusagen immer widerstanden, wenn ich an der Tafel die Aufgabe gehabt habe, eine mechanische Bewegung in Raum und Zeit auszurechnen. Darum habe ich es sofort als einen wirklich genialen Einfall begriffen, als ich davon gehört habe, daß einer endlich herausgefunden hat, daß Raum und Zeit sehr relative Begriffe sind, die sich augenblicklich mitverändern, wenn ernsthaft Gebrauch von ihnen gemacht wird, obwohl sie seit Erschaffung der Welt für das Festeste vom Festen gegolten haben. Deshalb ist dieser Mann, auch meiner Ansicht nach mit Recht, mindestens ebenso berühmt wie der andere; aber auch von ihm kann man sagen, daß er das Pferd beim Schwanz aufgezäumt hat, was also, wenigstens heute, fast so etwas wie die fixe erste Idee eines Genies zu sein scheint! Und das ist es, was ich dir zu erkennen geben möchte, wenn du auf meine Erfahrung Wert legen solltest« schloß Stumm.

Ulrich, in seiner Schwäche für ihn, hatte zugegeben, daß die wesentlichsten wissenschaftlichen Lehren der Gegenwart einen Zug ins Grelle erkennen ließen, oder zumindest keine Scheu davor zeigten. Es mochte nicht viel bedeuten; aber wenn man mag, läßt sich darin auch ein Zeichen sehen. Ungescheute Auffälligkeit, eine Vorneigung für das Paradoxe, Ehrgeiz auf eigene Faust, Überraschung und Umstimmung des Ganzen auf widerspruchsvolle, vorher kaum beachtete Einzelheiten gehörten unzweifelhaft seit einiger Zeit zum guten Ton des Denkens, denn sie hatten sich mit großen Erfolgen gerade auf solchen Gebieten zu krönen begonnen, wo man es nicht erwartet hätte und an die sichere Verwaltung und Vermehrung eines großen geistigen Besitzes gewohnt war.

»Aber warum denn?« fragte Stumm. »Wie ist denn das gekommen?«

Ulrich zuckte die Achseln. Er entsann sich der verlassenen eigenen Wissenschaft, der Aufrollung ihrer Grundfragen, ihrer Aufspeilung in eine Überprüfung der Logik. Anderen Wissenschaften erging es nicht viel anders; sie fühlten ihr Gebäude durch Entdeckungen erschüttert, die sich schwer darin unterbringen ließen. Das war Schickung und Gewalt der Wahrheit. Trotzdem schien sich aber auch von einem Überdruß an dem alltäglichen, nie stillstehenden Fortschritt sprechen zu lassen, dem bisher durch die längste Zeit, im Lärm aller Gesinnungen, der stille eigentliche Glaube gegolten hatte. Ein leichter Zweifel an der Richtigkeit des baren, genauen Schritt vor Schritt Setzens war wohl auf keinem Gebiet zu leugnen. Auch das mochte eine Ursache sein. Schließlich gab Ulrich die Antwort: »Es ist vielleicht einfach das gleiche, wie wenn man müde wird; man braucht einen Ausblick, der erfrischt, oder einen Stoß, der in die Beine fährt.«

»Warum setzt man sich denn nicht lieber nieder?« fragte Stumm.

»Ich weiß es nicht. Jedenfalls zieht man es nach längerem ruhigen Gedeihen des Geistes vor, mit dem Umsturz zu liebäugeln. So etwas scheint sich vorzubereiten. Erinnere dich zum Vergleich vielleicht an die überhandnehmende Sprunghaftigkeit in den Künsten. Vom Politischen verstehe ich wenig: Aber vielleicht wird man einmal sagen können, daß sich in dieser Ungeduld des Geistes schon eine Revolution angedeutet hat.«

»Pfui Teufel!« rief Stumm aus, der sich bei Künsten und revolutionärer Unruhe an die Eindrücke in Diotimas Haus erinnerte.

»Vielleicht nur als Übergang zu einer späteren neuen Stetigkeit!« beschwichtigte ihn Ulrich.

Das war Stumm gleichgültig. »Ich habe Diotimas Gesellschaften seit der taktlosen Geschichte gemieden, die in Anwesenheit des Kriegsministers vorgefallen ist« erzählte er. »Versteh mich recht, gegen die schon fixierten Genies, von denen wir bis jetzt gesprochen haben, möchte ich ja gar nichts einwenden; höchstens, daß es mir übertrieben erscheint, wie man sie verehrt. Aber auf all dieses andere Gesindel habe ich es scharf!« Und nach einem kurzen, aber anscheinend bitteren Augenblick überwand er sich zu der Frage: »Sag mir aufrichtig, ist Genialität denn wirklich ein solcher Wert?«

Ulrich mußte lächeln, und unerachtet dessen, was er zuvor gesagt hatte, hob er jetzt die ungeheure – er nannte sie sogar die feenglatte – Erlösung hervor, als die man die Lösung einer jeden Aufgabe empfange, an der sich schon die begabtesten, ja bedeutendsten Fachleute vergeblich abgemüht hätten. Genie sei der einzige unbedingte menschliche Wert, es sei der menschliche Wert schlechthin, sagte er. Ohne Einmischung der Genialität gäbe es nicht einmal die Tiergruppe der höheren Affen. In seinem Eifer rühmte er also heftig sogar die Genialität, die er später bloß die des Grades und der Geschicklichkeit nennen sollte, insofern als sie es nicht auch im Grundwesen sei.

Stumm nickte gesättigt. »Ich weiß: die Erfindung des Feuers und des Rades, des Pulvers und der Buchdruckerkunst, und so weiter! Kurz gesagt: vom Einbaum zum Einstein!« Doch nachdem er sein Verständnis bezeugt hatte, fuhr er fort: »Jetzt werde ich dir aber auch etwas sagen, und zwar ist es aus den Gesprächen bei Diotima: ›Vom Sophokles zum Feuermaul!‹ Denn das hat dort einmal ganz im Ernst so ein junger Aff ausgerufen!«

»Was ist dir denn an Sophokles nicht recht?«

»Ah!! Von dem weiß ich doch nichts. Aber Feuermaul! Und da sagst du, Genie wäre ein unbedingter Wert!«

»Die Berührung des Genies ist der einzige Augenblick, ›wo der häßliche und verstockte Götterschüler Mensch schön und aufrichtig ist‹« steigerte sich Ulrich. »Ich habe aber nicht gesagt, daß sich leicht entscheiden läßt, was Genie sei, und was bloß Einbildung. Ich sage bloß, wo immer wirklich ein neuer Wert ins menschliche Spiel kommt, steht Genialität dahinter!«

»Wie kann man denn wissen, ob etwas ›wirklich ein neuer Wert‹ ist?«

Ulrich zögerte lächelnd.

»Und dann überhaupt, ob der Wert auch wirklich etwas wert ist!« fügte Stumm mit bekümmerter Neugierde hinzu.

»Man spürt es oft auf den ersten Blick« meinte Ulrich.

»Ich habe mir sagen lassen, daß man sich auch schon auf den ersten Blick geirrt haben soll!« –

Der Wortwechsel stockte. Stumm bereitete vielleicht eine gründliche neue Frage vor.

Ulrich sagte: »Du hörst die ersten Takte von Bach oder Mozart; du liest eine Seite von Goethe oder Corneille; und weißt, daß du die Genialität berührt hast!«

»Bei Mozart und Goethe vielleicht, weil ich es da schon weiß; aber nicht bei einem Unbekannten!« verwahrte sich der General.

»Glaubst du, daß es dich auch als jungen Menschen nicht elektrisiert hätte? Der Enthusiasmus der Jugend ist doch an sich selbst mit dem Genialen verwandt!«

»Warum ›an sich selbst‹? Aber, wenn ich durchaus antworten muß: Eine Operndiva hat mich wahrscheinlich begeistern können. Und auch für Alexander den Großen, Cäsar und Napoleon habe ich einmal geschwärmt. Hingegen an sich selbst ist mir irgendein Schriftsteller oder Tonmaler immer ganz gleichgültig gewesen!«

Ulrich trat den Rückzug an, wiewohl er fühlte, eine rechte Sache bloß schief angefaßt zu haben. »Ich habe sagen wollen, daß der sich geistig entwickelnde junge Mensch das Geniale errät wie ein Zugvogel die Richtung. Aber wahrscheinlich wäre das eine Verwechslung. Denn er ist dem Bedeutenden nur in beschränktestem Umfang zugänglich. Er hat keinen besonderen Sinn für das Bedeutende, sondern nur einen für das, was ihn aufrührt. Er sucht nicht einmal das Geniale, sondern sucht sich selbst und das, was geeignet ist, den Umrissen seiner Vorurteile Gehalt zu geben. Was ihn anspricht,« erklärte er »ist seinesgleichen, in aller Undeutlichkeit, die dem genügt. Es ist ungefähr das, was er selbst sein zu können glaubt, und bedeutet für seine Erziehung das gleiche wie der Spiegel, worin er sich gerne, aber durchaus nicht bloß aus Eitelkeit betrachtet. Darum ist auch nichts weniger zu erwarten, als daß gerade geniale Werke diese Wirkung auf ihn ausübten; gewöhnlich sind es die zeitgemäßen, und unter ihnen mehr die an Stimmungen rührenden als die geistig klar geformten, wie er doch auch lieber als die getreuen die Spiegel hat, die sein Gesicht verschmälern oder seine Schultern breit machen . . .«

»So kann es wohl sein« pflichtete Stumm nachdenklich bei. »Glaubst du aber, daß der Mensch später gescheiter wird?«

»Ohne Zweifel ist der gereifte Mensch fähig und geübt, das Bedeutende in größerem Ausmaß zu erkennen; aber seine gereiften eigenen Zwecke und Kräfte zwingen ihn auch, vieles von sich auszuschließen. Er lehnt nicht aus Unverständnis ab, aber er läßt mehr beiseite!«

»So ist es!« rief Stumm erleichtert aus. »Er ist nicht so beschränkt wie ein junger Mensch; aber ich möchte sagen, er ist bornierter! Und das ist auch notwendig. Wenn unsereiner mit unreifen jungen Leuten verkehrt, wie sie deine Kusine begünstigt, muß er, weiß Gott, abgehärtet sein und die Überlegenheit haben, die Hälfte von dem, was sie sagen, gar nicht zu verstehn!«

»Man könnte wohl auch Kritik üben!«

»Aber deine Kusine sagt: das sind Genies! Wie beweist man das Gegenteil?«

Ulrich wäre nicht abgeneigt gewesen, auch auf diese Frage einzugehen. »Ein Genie ist einer, der dort, wo viele vergeblich eine Lösung suchen, diese findet, indem er etwas tut, worauf keiner vor ihm verfallen ist« definierte er, um aus eigener Neugierde endlich weiterzukommen.

Aber Stumm bedankte sich: »Ich kann mich ja an die Tatsachen selbst halten« bemerkte er. »Bei Frau von Tuzzi habe ich genug Kritiker und Professoren in Person kennen gelernt, und jedesmal, wenn eines von den Genies, die das Leben oder die Kunst verbessern, gar zu sonderbare Behauptungen aufgestellt hat, habe ich sie vorsichtig um Rat gebeten.«

Ulrich ließ sich ablenken. »Und welche Erfahrung hast du gemacht?«

»Oh, sie sind immer sehr respektvoll zu mir gewesen und haben gesagt: ›Das wäre nichts für Sie, Herr General!‹ Natürlich ist das vielleicht auch eine Art Arroganz von ihnen; denn obzwar sie alle neuen Künstler geradezu ängstlich loben, scheinen sie nichtsdestoweniger darauf eingebildet zu sein, daß die, in ihren eigenen Behauptungen, einander gefährlich widersprechen, ja selbst so etwas wie eine blinde Wut aufeinander haben und summa summarum vielleicht nicht wissen, was sie tun!«

»Und hast du auch erfahren, wie die Geister, die den Sonnenstich haben und von Diotima mit Lorbeer gekühlt werden, über die Kritiker und Professoren denken, sofern diese sie nicht loben?« fragte Ulrich. »Als ob sie es wären, die diese Verstandesbestien mit ihrem Fleisch fütterten; und die es wären, so von der ganzen Menschlichkeit bloß einen Streit um Knochen übrig lassen!«

»Du hast sie gut beobachtet!« pflichtete Stumm als vergnügter Kenner bei.

»Aber wie erkennst du schließlich, wo so viel Widerspruch ist, ob du dich wirklich nach einem ›Genie‹ erkundigt hast, oder nicht?« fragte Ulrich folgerichtig.

Stumm gab darauf keine zwingende, aber wohl eine aufrichtige Antwort: »Es wird einem am Ende Wurst!« meinte er.

Ulrich sah ihn schweigend an. Wollte er bloß ein Rückzugsgefecht führen und sich den Fragen entziehen, die schwieriger waren, als es den Umständen entsprach, so war es ein Fehler, daß er diesen Augenblick nicht dazu benutzte, »sich vom Gegner zu lösen«, wie es die richtige Taktik wäre. Aber er wußte selbst nicht, was seine Laune war. So sagte er schließlich: »Durch nichts haben die falschen Genies soviel Glück bei der Masse gewonnen wie durch das Unverständnis, das gewöhnlich die echten, und nach ihrem Beispiel gar die halb echten, für einander haben; erst recht können aber nicht die Lampenputzer den Prometheus bürsten!«

Stumm sah bei dieser Schlußziehung ebenso verständnislos wie verständnisinnig zu ihm auf. »Du mußt mich recht verstehen« trug er vorsichtig nach. »Erinnere dich an den Eifer, womit ich für Diotima eine große Idee gesucht habe. Ich weiß, was Geistesadel ist. Ich bin auch nicht der Graf Leinsdorf, für den das schließlich doch immer eine Art Kleinadel bleibt. Vorhin hast du zum Beispiel ganz hervorragend definiert, was ein Genie ist. Wie war das? Es findet eine Lösung, indem es etwas tut, worauf noch keiner verfallen ist! Eigentlich sagt das sogar das gleiche, wie ich auch gesagt habe: das erste ist, daß ein Genie seine Sache verkehrt anfängt. Aber Geistesadel ist das noch nicht! Und warum ist es nicht Geistesadel? Weil der übliche Leitstern des Zeitalters ohnehin der ist, daß unter allen Umständen etwas Bedeutendes geschehen muß; aber ob man das Genialität heißt, oder Geistesadel, Fortschritt oder, wie man jetzt auch oft sagen hört, Rekord, ist dem Zeitalter eben weniger wichtig!«

»Aber warum hast du dann von Geistesadel gesprochen?« half Ulrich ungeduldig nach.

»Das kann ich eben darum nicht so genau wissen!« verteidigte sich Stumm. »Übrigens,« fuhr er, angeregt nachdenkend, fort »vielleicht könnte man ja quasi sagen, daß ein Geistesadel besonders auch den Charakter nicht in Ruh lassen darf. Da hab ich doch recht?«

»So ist es!« munterte ihn Ulrich auf, der übrigens ganz nebenbei in diesem Augenblick zum erstenmal daran gemahnt worden, auf einen Unterschied wie den zwischen Genius und Genium achtzuhaben.

»Ja« wiederholte Stumm nachdenklich. Und dann fragte er: »Aber was ist Charakter? Ist es das, was einem Mann zu den Ideen verhilft, die ihn auszeichnen; oder ist es das, was ihm solche Ideen verbietet? Denn ein charaktervoller Mann, der schwalbelt nicht viel herum!«

Ulrich zog es vor, die Achseln zu zucken und zu lächeln.

»Wahrscheinlich hängt das mit dem zusammen, was man große Ideen zu nennen pflegt. Und dann wäre Geistesadel nichts anderes als der Besitz großer Ideen« fuhr Stumm zweifelnd fort. »Aber woran erkennt man, ob eine Idee groß ist? Es gibt so viele Genies, in jeder Branche zumindest ein paar; es gehört sogar entschieden zu unserer Zeit, daß sie zu viele Genies hat: wie soll man da ein jedes verstehn und keines übersehen!« Die schmerzliche Vertrautheit mit der Frage nach einer ganz großen Idee hatte ihn wieder auf die Anteilnahme am Genie zurückgeführt.

Ulrich zuckte noch einmal die Achseln.

»Es gibt allerdings Leute, und ich habe solche kennen gelernt,« meinte Stumm »die sich nicht die kleinste Genialität entgehen lassen, von der irgendwo zu hören ist!«

Ulrich erwiderte: »Das sind Snobs und geistige Vornehmtuer.«

Der General: »Aber auch Diotima ist einer von diesen Menschen.«

Ulrich: »Trotzdem. Ein Mensch, in den sich alles stopfen läßt, was er findet, muß ohne eigene Form gebaut sein wie ein Sack.«

»Es ist richtig,« erwiderte der General etwas vorwurfsvoll »daß du von Diotima schon oft gesagt hast, daß sie ein Snob ist. Und auch von Arnheim hast du es manchmal gesagt. Ich habe mir darum unter einem Snob eigentlich etwas sehr Anregendes vorgestellt! Ich habe mir sogar ehrlich Mühe gegeben, einer zu sein und mir nichts entgehen zu lassen. Und es fällt mir schwer zu hören, daß du plötzlich sagst, nicht einmal auf einen Snob ist Verlaß, daß er das Geniale begreift. Du hast nämlich schon vorher gesagt, die Jugend verbürgt es nicht und das Alter auch nicht. Und dann haben wir erhoben, daß es die Genies nicht tun und die Kritischen erst recht nicht. Ja, da müßte es ja von selbst kommen, daß sich am Ende die Genialität allen zu erkennen gibt!«

»Mit der Zeit kommt es!« beschwichtigte ihn Ulrich lachend. »Die meisten Menschen glauben, daß die Zeit ganz natürlich das Bedeutende hervorkehrt.«

»Ja, auch das hört man. Aber erklär es mir, wenn du kannst!« bat Stumm ungeduldig. »Ich kann verstehen, daß man mit fünfzig Jahren gescheiter ist als mit zwanzig. Aber um acht Uhr abends bin ich nicht gescheiter als um acht Uhr morgens; und daß man mit neunzehnhundertvierzehn Jahren gescheiter sein soll als mit achtzehnhundertvierzehn, vermag ich auch nicht einzusehen!«

Dadurch kam es, daß sie noch ein wenig das schwierige Kapitel der Genialität abhandelten, das einzige nach Ulrichs Meinung, das die Menschheit rechtfertigt; aber zugleich das aufregendste und beschämendste, weil man nie weiß, ob man Genialität vor sich hat oder eine ihrer halb entgeisteten Nachahmungen. Woran ist sie zu unterscheiden? Wie erbt sie sich fort? Könnte sie sich höher entwickeln, wenn sie nicht beständig gehindert würde? Ist sie überhaupt, wie Stumm gefragt hatte, so sehr zu wünschen? Das waren Fragen, die für Stumm zur Schönheit des Zivilen und zu deren schändlicher Unordnung gehörten, dagegen von Ulrich nun mit einer Wetterkunde verglichen wurden, die nicht bloß nicht wüßte, ob es morgen schön sein werde, sondern auch nicht, ob es gestern schön gewesen sei. Denn das Urteil darüber, was genial gewesen sei, wechselt mit dem Geist der Zeiten, gesetzt, daß überhaupt danach gefragt werde, was durchaus nicht schlechthin das Zeichen der Größe der Seele und des Geistes sein muß.

Solche Rätsel wären es wohl wert gelöst zu werden, und darum geschah es in diesem Teil des Gesprächs, daß Stumm schließlich nach einigem Kopfschütteln seine Betrachtung über den Geniestab zum besten gab, von der Ulrich später seiner Schwester erzählte. Diese Behauptung, daß das Genie noch eines Geniestabs bedürfe, erinnerte übrigens ein wenig peinlich an das; was Ulrich selbst halb mit Ironie als das Generalsekretariat der Genauigkeit und der Seele bezeichnete, und Stumm verabsäumte auch nicht, ihn daran zu mahnen, daß er zuletzt in seiner eigenen und Graf Leinsdorfs Gegenwart während der unglücklichen Gesellschaft bei Diotima davon gesprochen habe. »Du hast damals etwas sehr Ähnliches gefordert,« hielt er ihm vor Augen »und wenn ich mich nicht irre, ist es ein Büro für die Genialitäten und den Geistesadel gewesen.« – Ulrich nickte schweigsam – »Denn der Geistesadel« fuhr Stumm fort »wäre ja schließlich doch das, was den gewöhnlichen Genies fehlt. Ganz gleich, was man unter ihm versteht: Unsere Genies sind Genies, nichts darüber hinaus, lauter Spezialisten! Habe ich recht? Ich kann sehr gut verstehen, daß viele Leute sagen: es gibt heute überhaupt kein Genie!«

Ulrich nickte wieder. Es trat eine Pause ein.

»Aber eins möchte ich wissen« fragte Stumm mit dem Anflug von Eigensinn, der einem ratlos zurückkehrenden Gedanken anhaftet: »Ist es dann ein Vorwurf oder eine Auszeichnung, daß die Menschen von keinem General sagen: er ist ein Genie?«

»Beides.«

»Beides? Warum gleich beides!«

»Ich weiß es wirklich nicht.«

Stumm stutzte, aber nachdem er es sich überlegt hatte, meinte er: »Das sagst du ausgezeichnet! Ein Offizier ist nämlich beim Volk beliebt, sofern es nicht verhetzt ist; und er lernt das Volk kennen: dieses macht sich nichts aus Genies! Bis er aber General wird, muß er ein Spezialist sein, und wenn er selbst ein Spezialgenie ist, fällt er dann unter die Kategorie, daß es kein Genie gibt. Er kommt also, wie ich ausführlicher sagen möchte, gar nicht an den Punkt, wo es angebracht wäre, dieses fadiose Wort zu gebrauchen. Weißt du übrigens, daß ich neulich etwas wirklich Gescheites gehört habe? Ich war bei deiner Kusine, ganz im intimen Kreis, obwohl der Arnheim verreist ist, und wir sprechen von geistigen Fragen. Da stößt mich einer an und klärt mich leise über ihn auf: ›Das ist ein Genie‹ sagt er. ›Mehr als alle andern. Ein universaler Spezialist!‹ Warum schweigst du?« – Ulrich fand nichts zu sagen. – »Die Möglichkeit, die in dieser Auffassung liegt, hat mich überrascht. Übrigens bist doch gerade du auch so eine Art universaler Spezialist. Du solltest deshalb den Arnheim nicht so vernachlässigen; denn am Ende empfängt dann die Parallelaktion noch von ihm eine rettende Idee, und das könnte gefährlich sein! Ich möchte es immer noch viel lieber sehen, wenn sie von dir käme!«

Und obwohl Stumm zuletzt beiweitem mehr als Ulrich gesprochen hatte, verabschiedete er sich mit den Worten: »Es ist mir wie immer ein Genuß gewesen, mit dir zu reden, denn du verstehst das alles de facto viel besser als andere!« 50

Genialität als Frage

(Fragment)


Ulrich hatte also dieses Gespräch seiner Schwester erzählt.

Und schon zuvor hatte er von Schwierigkeiten gesprochen, mit denen der Begriff der Genialität verknüpft ist. Was verleitete ihn dazu? Er wollte sich weder für ein Genie ausgeben noch sich höflich nach den Bedingungen erkundigen, unter denen man es werden könne. Im Gegenteil, er war eher davon überzeugt, daß der gewaltige zu seiner Zeit für den Ruf der Genialität verbrauchte Ehrgeiz kein Ausdruck der Geistes- und Seelengröße sei, sondern bloß der eines Mißverhältnisses. Aber wie sich alle Lebensfragen der Gegenwart schier in ein undurchdringliches Dickicht verstrüppen, so tun es auch die um das Geniale bestehenden; was teils die Gedanken einzudringen verlockte, teils an den Schwierigkeiten hängen bleiben ließ.

Ulrich war nach Beendigung seiner Erzählung sogleich wieder darauf zurückgekommen. Sicherlich muß, was genial ist, zumal bedeutend sein; denn genial ist die unter besonders auszeichnenden Umständen entstehende bedeutende Leistung; aber bedeutend ist nicht nur das Geringere, sondern auch das Allgemeinere. So war zuerst wieder nach diesem Begriff zu fragen. Schon die Worte Bedeutung und Bedeutend sind, wie alle, die viel benutzt werden, mehrsinnig. Einesteils sind sie mit den Begriffen des Denkens und Erkennens verbunden. Etwas bedeute etwas oder habe diese Bedeutung, besagt, daß es darauf hinweise, es zu verstehen gebe, anzeige, in bestimmten Fällen oder gar schlechthin zu vertreten vermöge, daß es das gleiche sei wie etwas anderes oder unter den gleichen Begriff falle und als dieses andere zu erkennen und aufzufassen sei. Allemal ist das eine vom Verstand erfaßbare und sein Wesen angehende Beziehung; und natürlich kann auf diese Art alles und jedes etwas bedeuten, wie es denn auch bedeutet werden kann. Andernteils gibt es das Wort Etwas bedeuten aber auch in dem Gebrauch, daß etwas Bedeutung habe oder von Bedeutung sei. Auch in diesem Sinn ist nichts davon ausgeschlossen. Nicht nur ein Gedanke kann bedeutend sein, sondern auch eine Tat, ein Werk, eine Persönlichkeit, eine Stellung, eine Tugend, und selbst eine einzelne Gemütseigenschaft. Der Unterschied gegen das andere Bedeuten ist dann der, daß dem Bedeutenden noch besonders ein Rang und Wert zugeschrieben wird.

Etwas sei bedeutend, heißt in diesem Sinn, es sei bedeutender als anderes, oder schlechthin, es sei ungewöhnlich bedeutend. Wonach wird das entschieden? Die Zuschreibung gibt zu verstehen, daß es einer Hierarchie angehört, einer angestrebten Ordnung geistiger Gewalten; möge auch das erreichbare Maß der Ordnung in vielem so unzuverlässig sein, wie es in manchem streng ist. Gibt es diese Hierarchie?

Sie ist der menschliche Geist selbst; und zwar nicht als Naturbegriff, sondern als das, was objektiver Geist genannt wird.

Agathe fragte, was man darunter verstehe; es sei ein Begriff, womit Menschen, die wissenschaftlicher gebildeter seien als sie, so herumwürfen, daß sie jedesmal den Kopf in die Schultern stecke.

Ulrich tat es ihr beinahe nach. Das Wort war ihm übermäßig geläufig. Es wurde in wissenschaftlichen und halbwissenschaftlichen Auseinandersetzungen damals so viel verwendet, daß es sich schier um sich selbst drehte. »Du lieber Himmel! du fängst an, gründlich zu werden!« erwiderte er. Ihm selbst war der Ausdruck eigentlich unbedacht über die Lippen geschlüpft.

Gewöhnlich versteht man unter objektivem Geist die Werke des Geistes, seinen durch die verschiedensten Zeichen verhältnismäßig beständig niedergelegten Anteil an der Welt, im Gegensatz zum subjektiven Geist als persönlicher Eigenschaft und persönlichem Erlebnis; oder man verstand, was nicht ganz vom ersten zu trennen war, den gültigen Geist darunter, den bewährbaren und wertbeständigen, im Gegensatz zu den Eingebungen der Laune und des Irrtums. Das berührte zwei Gegensätze, deren Bedeutung für Ulrichs Leben durchaus nicht bloß lehrhaft geblieben, sondern – was er wohl wußte und auch oft genug ausgesprochen hatte – höchst reizvoll-sorgenvoll geworden war. Was er gemeint hatte, hatte darum von beidem etwas.

Vielleicht hätte er seiner Schwester auch sagen können, daß man unter objektivem Geist alles verstehe, was der Mensch gedacht, geträumt und gewollt hat; es dabei aber nicht als Teile eines seelischen, geschichtlichen oder anderen zeitlich-wirklichen Ablaufs ansehe, und gewiß auch nicht als etwas Geistig-Übersinnliches, sondern lediglich an sich selbst, nach seinem eigensten Gehalt und Zusammenhang. Auch was scheinbar dem widerspräche, am Ende aber das gleiche ist, hätte er sagen können, daß man es unter Vorbehalt aller Zusammenhänge und Ordnungen betrachte, deren es überhaupt fähig sei. Denn was etwas an und für sich bedeute oder sei, setzte er gleich dem Ergebnis, das aus den Bedeutungen zusammenwächst, die ihm unter allen möglichen Umständen zukommen können.

Man hat das aber bloß anders auszudrücken und hat bloß zu sagen, an und für sich wäre dann etwas gerade das, was es nie an und für sich, vielmehr je in Bezug auf seine Umstände sei, und ebenso auch, daß seine Bedeutung alles sei, was es bedeuten könne; man hat den Ausdruck also bloß auf die Spitze zu stellen, damit sogleich der Zweifel deutlich werde, der daran hängt. Denn natürlich ist es üblich, im Gegenteil vorauszusetzen, und wenn selbst nur aus sprachlicher Gepflogenheit, was etwas an und für sich sei, oder denn auch bedeute, bilde den Ursprung und Kern alles dessen, was sich in wechselnden Beziehungen von ihm aussagen läßt. Es war darum eine besondere Auffassung vom Wesen des Begriffs und des Bedeutens, von der sich Ulrich hatte führen lassen; und sie könnte denn auch, zumal weil sie nicht unbekannt ist, ungefähr so angegeben werden: Was immer unter dem Wesen des Begriffs von einer logischen Theorie verstanden werde, als Begriff von etwas ist er im Gebrauch nichts als der Gegenwert und die aufgespeicherte Bereitschaft zu allen wahren Aussagen von diesem Etwas, die möglich sind. Dieser Grundsatz, der das Verfahren der Logik umkehrt, ist »empiristisch«, das heißt, er gemahnt, wenn man einen abgestempelten Namen für ihn verwenden soll, an diese bekannte Richtung des philosophischen Denkens, ohne jedoch ganz ebenso gemeint zu sein. Hätte nun Ulrich seiner Gefährtin erklären sollen, was Empirismus in seiner älteren Gestaltung sei, und was in seiner bescheideneren neuen, vielleicht verbesserten Fassung? Wie es oft geschieht, wenn ein Gedanke an Richtigkeit gewinnt, hat das schärfer werdende Denken auf falsche Antworten verzichtet, und auf einige tiefere Fragen auch.

Was in der philosophischen Sprache Empirismus getauft worden ist, ist eine Lehre gewesen, die das immerhin erstaunliche Vorhandensein und unveränderliche Walten von Gesetzen in der Natur und in den Regeln des Geistes kurzerhand für eine täuschende Ansicht erklärt hat, die aus der Gewöhnung an die häufige Wiederholung der gleichen Erfahrungen entstehe. Was sich oft genug wiederhole, scheine so sein zu müssen, ist ungefähr die klassische Formel dafür gewesen; und in dieser übertriebenen Gestalt, die ihr das achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert gegeben hat, war sie eine Rückwirkung der langen vorhergegangenen theologischen Spekulation, das heißt des in Gott gesetzten Glaubens, seine Werke mit Hilfe dessen erklären zu können, was man sich in den Kopf setzt. Begriffe und Ideen zeigen, wenn sie Macht haben, dieselbe Neigung, sich anbeten zu lassen und willkürliche Entscheidungen auszusenden, wie Menschen; und also hat sich wohl in den Empirismus der Neuzeit bei seiner Entstehung ein etwas oberflächliches Widerspiel gegen den grundgläubigen Rationalismus eingemengt, das dann, selbst zur Macht gekommen, mit schuld daran war, daß eine flach materialistische natur- und gesellschaftsphilosophische Gesinnung zeitweilig fast volkstümlich geworden ist.

Ulrich lächelte, als er an ein Beispiel dachte, und sagte nicht weshalb. Denn man warf nicht ungern dem allzu schlichten, auf seine Regel beschränkten Empirismus vor, es geschähe nach ihm, daß die Sonne im Osten auf- und im Westen untergehe, aus keiner anderen Notwendigkeit, als daß die Sonne es bisher immer getan habe. Und wenn er das nun seiner Schwester verraten und sie gefragt hätte, was sie davon halte, so würde sie wohl, ohne sich für die Gründe und Gegengründe zu erhitzen, kurzerhand zur Antwort gegeben haben, daß die Sonne es ja einmal auch anders tun könnte. Darum lächelte er, als er an dieses Beispiel dachte; denn die Verwandtschaft der Jugend mit dem Empirismus erschien ihm tief natürlich, und ihre Neigung, alles selbst erfahren zu wollen und die überraschendsten Erfahrungen zu erwarten, rührte ihn, diesen als die ihr zeitgemäße Philosophie anzusehen. Von der Behauptung, es hätte bloß die Sicherheit einer Gewohnheit, den Sonnenaufgang täglich im Osten zu erwarten, ist es aber nur ein Schritt zu der, daß alle menschliche Erkenntnis nur persönlich empfunden und zeitbedingt oder gar wohl nur der Dünkel einer Klasse oder Rasse ist, was alles dann in der europäischen Geistesgeschichte nach und nach auch zum Vorschein gekommen ist. Wahrscheinlich sollte man dazu sagen, daß eben eine neue Eigenart des Menschen ungefähr seit der Urgroßväterzeit zum Vorschein gekommen ist; und es wäre die des empirischen Menschen oder Empirikers, des sattsam zur offenen Frage gewordenen Erfahrungsmenschen, der aus hundert gemachten Erfahrungen tausend neue zu machen weiß, die doch immer nur im gleichen Erfahrungskreis verbleiben, und der damit das gewinnreich erscheinende riesenhafte Einerlei des technischen Zeitalters erzeugt hat. Der Empirismus als Philosophie könnte als die philosophische Kinderkrankheit dieser Art des Menschen gelten . . . 51

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst


Es ließe sich von vielem sagen, daß es Ulrichs Worte bestimmt haben möchte oder mit seinen Gedanken deutlich oder flüchtig verbunden gewesen sei. Zum Beispiel war es nicht lange her, daß er zu seiner Schwester und sogar auch zu anderen an dem unglücklichen Abend bei Diotima von der großen Unordnung der Gefühle gesprochen hatte, der man die große Geschichte nicht viel anders wie die kleinen Meinungsverwirrungen und schlimmen Geschichten verdanke, deren eine sich damals gerade ereignete. Aber sobald er jetzt etwas sagte, das allgemeine Bedeutung haben mochte, hatte er die Empfindung, daß solche Worte um einige Tage zu spät aus seinem Munde kämen. Es fehlte ihm das Verlangen, sich mit Angelegenheiten abzugeben, die ihn nicht unmittelbar angingen, oder es hielt nur aufs kürzeste vor; denn seine Seele war überbereit, sich der Welt mit allen Sinnen hinzugeben, wie immer diese auch wäre. Sein Urteil spielte dabei so gut wie keine Rolle. Es bedeutete sogar fast nichts, ob ihm etwas gefiel oder nicht. Denn es ergriff ihn einfach alles mehr, als er verstehen konnte. Ulrich war es gewohnt, sich mit anderen Menschen zu beschäftigen; aber es war immer so geschehen, wie es Gefühle und Ansichten mit sich bringen, die im großen gelten sollen, und jetzt geschah es im kleinen, einzelnen, und unbegründet zu jeder Einzelheit haltend; und war fast ein Zustand, den er vor weniger Zeit selbst bei Agathe in den Verdacht gebracht hatte, er sei eher das Mitgefühlsverlangen einer Natur, die an nichts wahrhaft teilnehme, als wirkliches Mitfühlen. Das war damals gewesen, als er bei einer nicht geringen Meinungsverschiedenheit über die Bedeutung der ihm wenig bekannten Person des Professors Lindner die verletzende Behauptung aufgestellt hatte, daß man an nichts und niemand so teilnehme, wie es sein müßte. Und in der Tat, wenn der Zustand, worin er sich jetzt befand, eine Weile angedauert und ein volles Maß erreicht hatte, wurde es ihm unangenehm oder erschien ihm lächerlich, und er war dann auf ebenso unbegründete Weise wie zur Hingabe auch bereit, diese Hingabe wieder zurückzunehmen.

Aber diesmal erging es Agathe auf ihre Art nicht viel anders. Ihr Gewissen war bedrückt, wenn ihm der Aufschwung fehlte; denn sie hatte sich einen zu großen Schwung genommen und fühlte sich wie eine Frau, die auf einer Schaukel steht, dem Urteil ausgesetzt. In solchen Augenblicken fürchtete sie eine Rache der Welt für die Willkür, in der sie sonst mit Männern umsprang, die von der Wirklichkeit mit Ernst sprachen; wie ihr herausgeforderter Gatte und der heftig um ihre Seele bemühte Erhalter seines Andenkens. In der tausendfältigen reizenden Betriebsamkeit, von der das Leben tags und nachts erfüllt ist, wäre für sie nicht eine einzige Beschäftigung zu finden gewesen, an der sie mit ganzem Herzen hätte teilnehmen mögen; und wessen sie sich selbst unterfing, dem sollte von anderen nichts so sicher sein wie Tadel, Geringschätzung, oder gar Verachtung. Und doch lag ein merkwürdiger Friede gerade darin! Vielleicht darf gesagt werden, in Veränderung eines Sprichworts, daß ein schlechtes Gewissen beinahe ein besseres Ruhekissen darbietet als ein gutes, sofern es nur schlecht genug ist! Die unablässige Nebentätigkeit des Geistes in der Absicht, aus allem Unrecht, in das er verwickelt ist, ein gutes persönliches Gewissen als Abschluß zu gewinnen, ist dann eingestellt und läßt dem Gemüt eine ungemessene Unabhängigkeit zurück. Eine zarte Einsamkeit, ein himmelhoher Hochmut gossen zuweilen ihren Glanz auf diese Weltausflüge. Neben den eigenen Empfindungen konnte in solchen Augenblicken die Welt plump aufgeblasen erscheinen wie ein Fesselballon, den Schwalben umkreisen, oder zu einem Hintergrund erniedrigt, der klein war wie ein Wald am Rand des Gesichtskreises. Die verletzten bürgerlichen Verpflichtungen ängstigten bloß wie ein fern und roh andringendes Geräusch; sie waren unwichtig, wenn nicht unwirklich. Eine ungeheure Ordnung, die zuletzt nichts ist als eine ungeheure Absurdität, das war dann die Welt. Und doch hatte gerade darum jede Einzelheit, der Agathe begegnete, die gespannte, die hochseiltänzerische Natur des »Einmal, und nicht wieder«, die fast überspannte Natur der persönlichen ersten Entdeckung, die zauberisch bestellt ist und keine Wiederholung zuläßt; und wenn sie davon sprechen wollte, so geschah es in dem Bewußtsein, daß sich kein Wort zweimal sagen lasse, ohne seine Bedeutung zu ändern. Alles zusammen verlieh der Verantwortungslosigkeit des Durch-die-Menschen-Streifens eine schwer zu fassende Verantwortung.

Das Weltverhalten der Geschwister war also zu dieser Zeit keine ganz einwandfreie Äußerung der Teilnahme an anderen Menschen und enthielt auf eigene Art Zuneigung und Abneigung nebeneinander in einem wie ein Regenbogen schwebenden Zustand der Rührung, anstatt daß sich diese Gegensätze seßhaft gemischt hätten, wie es dem seiner selbst gewissen Zustand der Alltäglichkeit entspricht. Auf diese Weise geschah es, daß die Unterhaltung eines Tages eine Richtung einschlug, die bezeichnend für ihr Verhalten zueinander und zu ihrer Umwelt war, wenngleich sie noch keineswegs über das ihnen Bekannte hinausführen mochte.

Ulrich fragte: »Was bedeutet eigentlich der Auftrag: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‹?«

Agathe sah ihn von der Seite an.

»Offenbar: Liebe auch den Fernsten und Allerunnächsten!« fuhr Ulrich fort. »Aber was will es heißen: wie sich selbst? Wie liebt man sich denn selbst? In meinem Fall wäre die Antwort: Gar nicht! in den meisten anderen: Mehr als alles! Blind! Ohne zu fragen und zuchtlos!«

»Du bist zu kriegerisch; wer es gegen sich selbst ist, ist es auch gegen andere!« antwortete Agathe kopfschüttelnd. »Und wenn du dir selbst nicht genug bist, wie sollte gar ich es dir sein?« Sie sagte das in einem Ton, der zwischen dem heiter ertragenen Schmerzes und höflichen gewendeten Gespräches lag. Aber Ulrich überhörte es, verblieb beim Allgemeinen und sah steif ins Weite. Er fuhr fort: »Vielleicht sagte ich besser: Gewöhnlich liebt sich jeder am meisten und kennt sich am wenigsten! Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, hätte dann den Inhalt: Liebe ihn, ohne ihn zu kennen und unter allen Umständen. Und seltsam genug, wenn der Scherz erlaubt ist, fände sich auch in der Nächstenliebe wie in jeder anderen das Erbübel, vom Baume der Erkenntnis zu essen!«

Agathe blickte langsam auf. »Es hat mir gefallen, daß du einmal von mir gesagt hast, ich sei deine Liebe zu dir selbst, die du verloren und wiedergefunden hast. Aber nun sagst du, daß du dich nicht liebst, und mich, nach strenger Logik und Beispiel, nur deshalb, weil du mich nicht kennst! Beleidigt es mich nicht gar, daß ich deine Selbstliebe bin?« Der Schmerz der Stimme hatte nun vollends der Heiterkeit Platz gemacht.

Auch Ulrich scherzte. Er hatte gut fragen, ob es denn besser wäre, daß er sie liebe, obwohl er sie kenne. Denn auch das gehört zur Bestimmung der Nächstenliebe. Es beschreibt die Verlegenheit, in die sie die meisten Menschen versetzt. Sie lieben einander, mögen sich aber nicht. »Sie mißfallen sich gegenseitig oder wissen, daß sie es nach längerer Bekanntschaft tun werden; und geben sich einen viel zu großen Gegenschwung!« behauptete er.

Die Munterkeit dieses Wortwechsels war erkünstelt. Trotzdem diente auch er der Aufgabe, die Grenzen eines Gedankens, und eines Gefühls, auszukundschaften, dessen Verkündigung – mochte seither auch was immer geschehen oder unterblieben sein – schon damals begonnen hatte, als Ulrich am Bett seiner von Reise und Ankunft ermüdeten Schwester zum erstenmal das Wort »Du bist meine verlorene Selbstliebe« gebrauchte; in einem Gespräch, worin er bekannte, die Liebe zum Ichsein wie auch zur Welt verloren zu haben, und das damit endete, daß sie sich als »Siamesische Zwillinge« erklärten. Dieser Auskundschaftung diente seither auch alles, was Betrachtung der gewöhnlichen und durchschnittlichen Lebensgestaltung war, wenngleich sie sich soeben an der dabei angebrachten oberflächlichen Heiterkeit selbst verletzt hatten.

Unvermittelt in einen mürrischeren Ton verfallend, gab Ulrich zu verstehen: »Wir hätten einfach sagen sollen, daß Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, nichts anderes ist wie die nützliche Ermahnung: Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu!«

Agathe schüttelte, wie zuvor, den Kopf, aber ihr Blick wurde warm. »Es ist ein hochherzig leidenschaftlicher und heiter freigebiger Auftrag!« rief sie vorwurfsvoll aus. »Seine Beispiele sind: Liebe deine Feinde! Vergelte ihre Übeltaten mit Wohltaten! Liebe, ohne auch nur zu fragen!« Plötzlich hielt sie inne und sah ihren Bruder verdutzt an. »Aber was liebt man eigentlich an einem Menschen, wenn man ihn gar nicht kennt?« fragte sie unschuldig. Ulrich ließ sich Zeit. »Fällt dir nicht auf, daß es eigentlich stört, wenn uns ein Mensch heute begegnet, der uns persönlich gefällt und so schön ist, daß man über ihn etwas Passendes sagen möchte?« Agathe nickte. »Also richtet sich unser Gefühl« gab sie zu »nicht nach der wirklichen Welt und den wirklichen Menschen?« »Also hätten wir die Frage zu beantworten, welchem Teil davon es gilt oder welcher Umgestaltung und Verklärung des wirklichen Menschen und der wirklichen Welt?« ergänzte Ulrich leise.

Nun war es Agathe, die zuerst keine Antwort gab; aber ihr Blick war erregt und phantastisch. Schließlich erwiderte sie schüchtern mit einem Gegenvorschlag. »Vielleicht kommt hinter der gewöhnlichen dann die große Wahrheit zum Vorschein?«

Ulrich schüttelte in zögernder Abwehr den Kopf; aber der Inhalt von Agathens fragender Behauptung hatte eine tief durchschimmernde Augenfälligkeit für sich. Es war die Luft und Lust dieser Tage so heiter und zärtlich, daß unwillkürlich der Eindruck entstand, Mensch und Welt müßten sich darin so zeigen, wie sie wirklicher als wirklich wären. Ein kleiner, übersinnlich-abenteuerlicher Schauer war in dieser Durchsichtigkeit, wie er in der fließenden Durchsichtigkeit eines Baches ist, die den Blick an den Grund gelangen, dem schwankend ankommenden aber dort die farbig geheimnisvollen Steine wie eine Fischhaut erscheinen läßt, unter deren Glätte sich, was er zu erfahren geglaubt hat, nun erst recht unzugänglich verbirgt. Agathe brauchte bloß ihren Blick ein wenig zu lösen, so konnte sie, von Sonnenschein umgeben, das Gefühl empfangen, in einen übernatürlichen Bereich geraten zu sein; es fiel ihr dann für eine kleinste Weile ganz leicht, zu glauben, sie habe sich mit einer höheren Wahrheit und Wirklichkeit berührt oder sei zumindest an eine Seite des Daseins geraten, wo ein hinterirdisches Pförtchen heimlich aus dem Erdgarten ins Überirdische weist. Wenn sie aber ihrem Blick wieder die gewöhnliche Spannung gab und das Leben prall hineinströmen ließ, so sah sie, was gerade da sein mochte: etwa ein Fähnchen, das lustig, aber ohne alle Hintergründigkeit von der Hand eines Kindes geschwenkt wurde; einen Polizeiwagen mit Gefangenen, dessen schwarz-grüner Lackanstrich im Licht blitzte; einen Mann mit einer farbigen Mütze, der zwischen den Fuhrwerken den Pferdemist wegkehrte, und schließlich eine Abteilung Soldaten, deren geschulterte Gewehre die Läufe gegen den Himmel richteten. Und alles das war von etwas übergossen, das mit Liebe Verwandtschaft hatte; auch schienen alle Menschen bereit zu sein, sich mehr als sonst diesem Gefühl zu öffnen: Aber zu glauben, nun sei wirklich das Reich der Liebe da, sagte schließlich Ulrich, das wäre doch wohl ebenso schwer wie sich einzubilden, daß in solchem Augenblick kein Hund beißen und kein Mensch Böses tun könne!

Es mag merkwürdig sein, daß es viele Versuche der Erklärung gibt; und daß manche von ihnen dem hochzeitlich menschlichen Eindruck dadurch Rechnung tragen, daß in solchen Augenblicken von Lebensandacht und Liebe hinter dem alltäglichen erdrunden, bös-guten, aber immerhin sicher vorhandenen Menschen irgendein entlegen-wahrer zum Vorschein kommen soll. Die Geschwister musterten diese wohlgemeinten Versuche der Reihe nach durch und glaubten keinem. Nicht der Sonntagsweisheit, daß die Natur an ihren Festtagen alles hervorkehre, was in den Geschöpfen an Güte und Schönheit verborgen sei. Nicht der schon eher psychologischen Erklärung, daß sich der Mensch selbst in dieser zärtlichen Durchsichtigkeit zwar nicht als ein anderer erweise, aber doch so liebenswert zur Schau trage, wie er sich gerne gesehen wüßte: seine Eigenliebe und einwärts schauende Nachsicht gleichsam wie Honig ausschwitzend. Auch nicht der Abwandlung, daß die Menschen ihren guten Willen zeigten, der sie zwar niemals hindert, Schlechtes zu tun, aber an solchen Tagen wunderbarerweise aus dem bösen Willen, der sie zumeist beherrscht, unversehrt hervorkommt wie Jonas aus dem Fischbauch. Und gewiß glaubten sie beide auch nicht der allerkürzesten und berauschendsten, von Agathe noch einmal schüchtern gestreiften Erklärung, daß es das unsterbliche Erbteil sei, was zuweilen durch das Sterbliche schimmere. Übrigens war es allen diesen feierlichen Eingebungen gemeinsam, daß sie das Heil des Menschen in einem Zustand suchten, der zwischen den unwesenhaften gewöhnlichen Zuständen nicht zur Geltung kommt; und wie seine Ahnung ein deutlich nach oben gerichteter Vorgang ist, so gibt es auch eine zweite zu erwähnende, nicht weniger reichhaltige Gruppe von Selbsttäuschungen, bei denen sich dieser Vorgang ebenso deutlich nach unten richtet: Es sind alle die bekannten, manch liebes Mal sogar in die Geschichte eingegangenen Bekenntnisse und Verkündigungen, wonach der Mensch die Unschuld eines Naturdaseins, seine natürliche Unschuld, durch geistigen Hochmut und anderes Unglück der Zivilisation verloren haben soll.

Es ließen sich also zwei »wahre Menschen« finden, die aufs pünktlichste dem Gemüt bei derselben Gelegenheit angetragen werden; doch befanden sie sich – insofern als der eine himmlischer Übermensch, der andere unangefochtene Kreatur sein sollte – zu den entgegengesetzten Seiten des wirklichen Menschen, und Ulrich sagte trocken: »Gemeinsam ist ihnen bloß, daß sich der wirkliche Mensch auch in gehobenen Augenblicken nicht als der wahre erscheint, es wäre denn plus oder minus etwas, durch das er sich bezaubernd unwirklich vorkommt!«

Nun waren die Geschwister damit von einem Grenzfall der Auslegung zum andern gelangt, und es blieb als letzte nur noch eine Möglichkeit über, diese so sanfte, ohne Unterschied alles verbindende Liebe zu erklären, die wie ein tauiger Morgen war. Agathe sprach denn auch diese Möglichkeit aus, mit anmutigem Ärger seufzend: »So scheint denn die Sonne, und man gerät in einen unbewußten Drang wie ein Schulmädel und ein Schulbub!« Ulrich ergänzte es: »Im Sonnenschein dehnen sich die sozialen Bedürfnisse aus wie das Quecksilber in der Röhre, und auf Kosten der egoistischen, die ihnen sonst die Waage halten!« Bruder und Schwester waren nun des Fühlens müde; und es geschah manchmal, daß sie über einem Gespräch, das nur von ihren Empfindungen handelte, das Empfinden verabsäumten. Auch weil die Überfülle des Gefühls, wenn sie nirgends einen Ausweg fand, eigentlich schmerzte, vergalten sie es ihr gelegentlich mit ein wenig Undankbarkeit. Als sie aber beide so gesprochen hatten, sah Agathe ihren Bruder wieder von der Seite an und beeilte sich zu widerrufen: »Bloß wie bei Schulfratzen, die die ganze Welt umarmen möchten und nicht wissen warum, ist es immerhin auch nicht!«

Und kaum hatte sie das ausgerufen, fühlten beide wieder, daß sie nicht bloß einer Einbildung, sondern einem nicht abzusehenden Geschehen ausgesetzt waren. In der überflutenden Stimmung schwebte Wahrheit, unter dem Schein war Wirklichkeit, Weltveränderung blickte schattenhaft aus der Welt! Es war allerdings eine merkwürdig kernlose, nur halbgreifliche Wirklichkeit, deren sie sich gewärtig fühlten, und eine ebenso vertraute, wie vertraut-unvollendbare Halbwahrheit, was um Glaubwürdigkeit buhlte: keine Allerweltswirklichkeit und Wahrheit für alle Welt, sondern eben bloß eine geheime für Liebende. Aber offenbar war sie auch nicht bloß Willkür oder Täuschung; und ihre geheimste Einflüsterung sprach: Du hast dich mir bloß ohne Mißtrauen zu überlassen, so wirst du die ganze Wahrheit erfahren! Schwer war es aber, das in deutlichen Worten zu hören; denn die Sprache der Liebe ist eine Geheimsprache, und in ihrer höchsten Vollendung so schweigsam wie eine Umarmung.

Agathe zog lächelnd die Augenbrauen zusammen und blickte in die Menge; Ulrich tat es ihr nach, und gemeinsam sahen sie in den Menschenstrom, der sie begleitete und ihnen entgegenkam. Fühlten sie die Selbstvergessenheit und Macht, das Glück, die Güte, die tiefe und hohe Befangenheit, die im Innern einer Menschenbrüderschaft, und sei es auch nur die zufällige einer belebten Straße, vorherrschen, so daß man nicht glauben kann, daß es auch Schlechtes und Trennendes darin gibt? Ihr eigenes Sein, das scharf begrenzte und schwer hineingestellte, und ebenso das eines jeden anderen hob sich wunderlich davon ab, der dunkel durch diesen Wolkenbruch und Dammbruch der Zärtlichkeit schritt, dessen Glanz auf seinen Augen lag. In diesem Augenblick, der alle Fragen nach dem »Reich der Liebe« und nach dem Sinn und den Zweifeln der Nächstenliebe in einem bildhaften Eindruck wiederholte und ungeteilt beantwortete, beugte sich Ulrich zu Agathe vor, um ihr Gesicht zu sehen, und fragte sie: »Bringst du es denn anders als schattenhaft fertig, jemand zu lieben, wenn weder eine moralische Überzeugung noch ein sinnliches Begehren dabei ist?«

Es geschah, seit sie diese Ausgänge unternahmen, zum erstenmal, daß er so unverschleiert fragte.

Agathe gab zuerst keine Antwort darauf.

Ulrich fragte: »Und was geschähe, wenn wir jetzt einen hier anhielten und zu ihm sagten: ›Bleib bei uns, Bruder!‹ oder: ›Halte still, vorbeieilende Seele! Wir wollen dich lieben wie uns selbst!‹?«

»Er sollte uns verblüfft anschauen« erwiderte Agathe. »Und dann seine Schritte verdoppeln!«

»Oder grob werden und einen Schutzmann herbeirufen« ergänzte Ulrich. »Denn entweder wird er meinen, gutmütige Irre vor sich zu haben, oder Leute, die sich mit ihm einen Witz erlauben.«

»Und wenn wir ihn nun gleich mit den Worten ›Sie, verbrecherisches und gemeines Subjekt!‹ anschrien?« schlug Agathe versuchsweise vor.

»So könnte es sein, daß er uns weder für Irre noch für witzig hielte, sondern bloß für das, was man Andersdenkende nennt; Parteigänger, die sich in ihm geirrt haben. Denn offenbar haben die Blindenverbände des Nächstenhasses zusammen nicht viel weniger Mitglieder als der der Nächstenliebe!«

Agathe nickte einverständlich; dann schüttelte sie den Kopf und blickte in die Luft. Die Luft war noch genau so wie vorher. Sie blickte zu Boden, und irgendeine demütige Einzelheit, ein Kellerfenster, ein verlorengegangenes Blatt Gemüse, schien vom Licht des Himmels sanft zu flammen. Schließlich sah sie sich nach etwas um, das ihr einfach von selbst gefiele, ein Gesicht oder ein Schaustück in einer Auslage, und fand es. Solches wirkliches Gefallen war aber doch ein blinder Fleck in dem Glanz des Tages; was Ulrich schon ähnlich ausgesprochen hatte, nur fiel ihr jetzt der Widerspruch noch stärker auf. Es störte die allgemeine Welt- und Menschenliebe, statt sie durch seinen kleinen Beitrag zu vermehren. So antwortete Agathe: »Es ist alles sehr unwirklich! Auch ich weiß heute nicht, ob ich die wirklichen Menschen und Dinge, noch ob ich wirklich etwas liebe!«

»Soll das die Antwort auf meine Frage sein,« verlangte Ulrich, diese Frage etwas verändernd, zu wissen »ob irgendeine Liebe, mag sie auch groß sein, ohne sinnliche Erfüllung mehr als der Schatten einer Liebe sein kann? Schon in jedem Begehren, das nicht auch den Sinnen etwas zu tun gibt, ist eine schweigende Trauer!«

»Ich bin liebevoll und liebeleer, und beides zugleich« klagte Agathe lächelnd, mit einer kleinen verzagten Gebärde auf alle Welt weisend. – Es war die Klage des Herzens, worin Gott so tief eingedrungen ist wie ein Dorn, den keine Fingerspitzen fassen können. In den Bekenntnissen der Mystiker, die mit ihrer ganzen menschlichen Seele und Körperlichkeit nach ihm verlangen, unterbricht diese eigenartige Verzweiflung immer wieder die Augenblicke der aufs nächste herangekommenen Verklärung; und die Geschwister erinnerten sich nun beide der Stunde im Garten, da Agathe aus einem Buch solche Beispiele ihrem Bruder vorgelesen hatte. Nachdem sie sich darüber verständigt hatten, sagte Ulrich: »Etwas von dieser Mystik ist auch in der Nächstenliebe; alle fühlen es und gehorchen ihr, ohne sie zu verstehen. Und vielleicht enthält jede große Liebe etwas Mystisches, vielleicht sogar schon jede große Leidenschaft. Vielleicht ist sogar im gemäßigten Leben in allen uns tief öffnenden Augenblicken die Anteilnahme an Menschen und Dingen eine mystische und etwas anderes als eine wirkliche!«

»Und was ist eine ›mystische Anteilnahme‹, wenn nicht bloß keine wirkliche?« fragte Agathe.

Ulrich überlegte eigentlich nicht, wohl zögerte er aber. Schließlich sagte er mit viel Bestimmtheit: »Sieh doch, man ist zugleich liebevoll und liebeleer. Man liebt alles und nichts Einzelnes. Man kann sich von der geringfügigsten Kleinigkeit nicht loslösen, und zugleich fühlt man, daß alles zusammen nicht von Wichtigkeit ist: Das sind Widersprüche; beides zugleich kann scheinbar nicht wirklich sein. Und doch ist es wirklich; es hätte ja gar keinen Sinn, das zu leugnen! Wenn ich dich also nicht bitten kann, unter mystischer Anteilnahme eine religiöse Zauberei zu verstehen, so bleibt nur die Annahme übrig, daß es zwei Arten, die Wirklichkeit zu erleben, gibt, die sich uns mehr oder weniger aufnötigen!«

Manchmal entstehen in einer begünstigten Minute, und eng vereinigt, die Antworten auf viele Fragen, die, vereinzelt und stockend, wechselnde Unruhe bereitet haben. Manchmal täuscht diese Verkürzung auch; doch bleibt sie immer ein Vorblick. Eine solche Minute war die des Einfalls, daß es in der Welt zwei Arten von Wirklichkeit, besser gesagt, daß es zwei Arten der weltlichen Wirklichkeit gebe. Als das ausgesprochen war, und schon ehe sich die Geschwister von seiner Glaubwürdigkeit überzeugt hatten, gab es keine Frage aus ihrem Leben, die nicht von dieser Antwort berührt worden wäre. Die vielen ungewöhnlichen und grenzenlos untereinander verknüpften Erlebnisse und Mutmaßungen der letzten Zeit, und ihre Vorandeutungen in früherer, fanden wohl keine Erklärung, aber durch alle ging eine erfrischte Zuversicht hindurch. So zieht sich eine Flamme dunkel zusammen und hält den Atem an, ehe sie höher aufleuchtet. 52

Gespräche über Liebe


Der Mensch, recht eigentlich das sprechende Tier, ist das einzige, das auch zur Fortpflanzung der Gespräche bedarf. Und nicht nur, weil er ohnehin spricht, tut er es auch dabei; sondern anscheinend ist seine Liebseligkeit mit der Redseligkeit im Wesen verbunden, und das so tief geheimnisvoll, daß es fast an die Alten gemahnt, nach deren Philosophie Gott, Menschen und Dinge aus dem »Logos« entstanden sind, worunter sie abwechselnd den Heiligen Geist, die Vernunft und das Reden verstanden haben. Nun, nicht einmal die Psychoanalyse und die Soziologie haben Wesentliches darüber gelehrt, obwohl diese beiden jüngsten Wissenschaften schon mit dem Katholizismus wetteifern dürfen, sich in alles Menschliche eingemischt zu haben. Man muß sich also selbst den Reim darauf bilden, daß Gespräche in der Liebe fast eine größere Rolle spielen als alles andere. Sie ist das gesprächigste aller Gefühle und besteht zum großen Teil ganz aus Gesprächigkeit. Ist der Mensch jung, so gehören diese sich auf alles erstreckenden Gespräche zu den Erscheinungen des Wachstums; ist er in der Reife, so bilden sie sein Pfauenrad, das sich, auch wenn es nur noch aus Federkielen besteht, umso lebhafter entfaltet, je später es das tut. Der Grund könnte in der Erweckung des kontemplativen Denkens durch die Gefühle der Liebe und in seiner dauernden Verbindung mit ihnen liegen; aber damit wäre freilich die Frage vorderhand nur verschoben, denn wenn auch das Wort Kontemplation fast ebenso oft gebraucht wird wie das Wort Liebe, ist es doch nicht deutlicher.

Ob übrigens, was Agathe und Ulrich verband, als Liebe zu verklagen sei oder nicht, soll damit nicht entschieden sein, obgleich sie unersättlich mit einander sprachen. Auch was sie sprachen, drehte sich um Liebe, immer und irgendwie, das ist richtig. Aber es gilt von der Liebe wie von allen Gefühlen, daß sich ihre Glut umso größer in Worten ausbreitet, je weiter ihnen noch das Handeln ist; und was nach den zuerst vorangegangenen heftigen und unklaren Gemütserlebnissen die Geschwister bewog, sich Gesprächen zu überlassen, und ihnen zuweilen wie eine Verzauberung erschien, war in erster Linie die Unwissenheit, wie sie handeln könnten. Die damit zusammenhängende Scheu vor dem eigenen Gefühl, und das neugierige Eindringen in dieses von den Umrissen aus, ließen die Gespräche zuweilen aber auch oberflächlicher zu Wort kommen, als sie in der Tiefe beschaffen waren. 53

Schwierigkeiten, wo sie nicht gesucht werden


Wie steht es um das so berühmte wie gern erlebte Beispiel der Liebe zwischen sogenannten zwei Personen verschiedenen Geschlechts? Es ist ein besonderer Fall des Gebotes, Liebe deinen Nächsten, ohne zu wissen, wie er ist; und eine Probe auf das Verhältnis, das zwischen Liebe und Wirklichkeit besteht.

Man macht sich aus einander die Puppen, mit denen man schon in Liebesträumen gespielt hat.

Und was der andere meint, denkt und wirklich ist, hat keinen Einfluß darauf?

Solange man ihn liebt und weil man ihn liebt, ist alles bezaubernd; aber umgekehrt gilt das nicht. Noch nie hat eine Frau einen Mann wegen seiner Meinungen und Gedanken geliebt, oder ein Mann eine Frau wegen der ihren. Diese spielen bloß eine wichtige Nebenrolle. Überdies gilt davon das gleiche wie vom Zorn: versteht man unvoreingenommen, was der andere meint, ist nicht bloß der Zorn entwaffnet, sondern wider ihre Erwartung meist auch die Liebe.

Aber namentlich anfangs spielt es doch oft die Hauptrolle, daß man von der Übereinstimmung der Meinungen entzückt ist?

Der Mann hört sich, wenn er die Stimme der Frau hört, von einem wunderbaren versenkten Orchester wiederholt, und die Frauen sind die unbewußtesten Bauchredner; ohne daß es aus ihrem Mund käme, hören sie sich die klügsten Antworten geben. Es ist jedesmal eine kleine Verkündigung; da tritt ein Mensch aus den Wolken einem andern an die Seite, und alles, was er äußert, dünkt diesen eine himmlische, nach seinem eigenen Kopfmaß gemachte Krone zu sein! Später fühlt man sich natürlich wie ein Betrunkener, der seinen Rausch ausgeschlafen hat.

Dann doch die Werke! Sind die Werke der Liebe, ihre Treue, ihre Opfer und Aufmerksamkeiten, nicht ihr schönster Beweis? Aber Werke sind zweideutig wie alles Stumme! Erinnert man sich seines Lebens als einer bewegten Kette von Geschehnissen und Taten, so kommt es einem Theaterstück gleich, von dessen Dialog man sich nicht ein einziges Wort gemerkt hat und dessen Auftritte recht einförmig die gleichen Höhepunkte haben!

Also liebt man nicht nach Verdienst und Lohn, und im Wechselgesang der sterblich verliebten unsterblichen Geister?

Daß man nicht so geliebt wird, wie man es verdient, ist der Kummer aller alten Jungfern beider Geschlechter!

Es war Agathe, die diese Antwort gab. Die unheimlich schöne Ursachelosigkeit der Liebe und der leichte Rausch der Ungerechtigkeit stiegen aus vergangenen Liebschaften auf und versöhnten sie sogar mit dem Mangel an Würde und Ernst, dessen sie sich wegen ihres Spiels mit Professor Lindner zuweilen anklagte und immer schämte, wenn sie wieder in Ulrichs Nähe war. Ulrich aber hatte das Gespräch herbeigeführt und, während es dauerte, Lust darauf bekommen, sie nach ihren Lebenserinnerungen etwas auszuholen; denn sie urteilte ähnlich über diese Köstlichkeiten wie er von den seinen.

Nun sah sie ihn lachend an. »Hast du niemals einen Menschen über alles geliebt und dich deswegen verachtete«

»Ich darf es verneinen; aber ich will es auch nicht empört von mir weisen« meinte Ulrich. »Es hätte sein können.«

»Hast du nie einen Menschen trotz der unheimlichen Überzeugung geliebt,« fuhr Agathe angeregt fort »daß dieser Mensch, mag er einen Bart oder einen Busen haben, und den man genau zu kennen meint, und schätzt, und der unaufhörlich von sich und dir redet, eigentlich nur zu Besuch bei der Liebe ist? Man könnte seine Gesinnung und seine Verdienste fortlassen, man könnte sein Schicksal ändern, man könnte ihn mit einem anderen Bart und anderen Beinen ausstatten: man könnte beinahe ihn selber weglassen, und liebte ihn dennoch! – Das heißt, insoweit man ihn eben überhaupt liebt!« fügte sie abschwächend hinzu.

Ihre Stimme hatte einen tiefen Klang, mit einer unruhigen Helligkeit in ihrer Tiefe wie von einem Feuer. Nun setzte sie sich schuldbewußt nieder, weil sie in ungewolltem Eifer von ihrem Stuhl aufgesprungen war.

Auch Ulrich fühlte sich etwas schuldbewußt wegen dieses Gesprächs und lächelte. Er hatte mit keinem Wort etwa die Absicht gehabt, von der Liebe als einem der zeitgemäßen zwiespältigen Gefühle zu sprechen, die man nach neuestem Geschmack »ambivalent« nennt, was ungefähr besagt, daß die Seele, wie es unter Gaunern geschieht, immer mit dem linken Aug zwinkert, wenn sie mit der rechten Hand schwört. Sondern er hatte sich bloß daran ergötzt, daß es der Liebe, um zu entstehen und zu dauern, auf nichts wesentlich ankomme. Das heißt, man liebt jemand trotz allem und ebenso gut wegen nichts; und das heißt, daß entweder das Ganze eine Einbildung ist oder diese Einbildung ein Ganzes, wie die Welt eines ist, in der kein Sperling vom Dach fällt, ohne daß es der Allfühlende gewahr wird.

»Es kommt also überhaupt auf nichts an!« rief Agathe abschließend aus. »Nicht auf das, was einer ist, nicht auf das, was er meint, nicht auf das, was er will, und nicht auf das, was er tut!«

Es war ihnen deutlich, daß sie von der Sicherheit der Seele sprachen, oder, da man ein so großes Wort wohl besser meidet von der Unsicherheit, die sie – das Wort nun bescheiden ungenau und im ganzen gebraucht – in der Seele fühlten. Und daß von Liebe die Rede war, wobei sie einander an deren Wandelbarkeit und Verwandlungskunst erinnerten, geschah nur deshalb, weil diese eines der heftigsten und bestimmtesten Gefühle ist, und trotzdem ein so verdächtiges Gefühl vor dem strengen Gefühl des richtenden Erkennens, daß es selbst dieses ins Wanken bringt. Daran hatten sie aber schon einen Beginn gefunden, als sie kaum in der Sonne der Nächstenliebe gewandelt waren; und sich der Behauptung entsinnend, daß man sogar in dieser holden Benommenheit nicht wisse, ob man wirklich die Menschen, und ob man die wirklichen Menschen liebe, oder ob man, und durch welche Eigenschaften, von einer Einbildung und Umbildung geprellt werde, zeigte sich Ulrich redlich beflissen, das zwischen Gefühl und Erkennen bestehende fragliche Verhältnis wenigstens jetzt und so, wie es sich aus dem gerade verstummten Geplauder ergebe, durch einen Knoten festzuhalten.

»Diese beiden Widersprüche sind darin immer vorhanden und bilden ein Viergespann« meinte er. »Man liebt einen Menschen, weil man ihn kennt; und weil man ihn nicht kennt. Und man erkennt ihn, weil man ihn liebt; und kennt nicht ihn, weil man ihn liebt. Und manchmal steigert sich das so, daß es plötzlich sehr fühlbar wird. Das sind dann die berüchtigten Augenblicke, wo Venus durch Apoll, und Apoll durch Venus auf einen leeren Haubenstock blicken und sich höchlich darüber verwundern, vorher dort etwas anderes gesehen zu haben. Ist dann die Liebe stärker als das Erstaunen, so kommt es zu einem Kampf zwischen diesen beiden, und manchmal geht daraus die Liebe – wenngleich erschöpft, verzweifelt, und unheilbar verwundet – noch einmal als Siegerin hervor. Ist sie aber nicht so stark, so kommt es zu einem Kampf zwischen den sich betrogen wähnenden Personen; zu Beleidigungen, zu rohen Einbrüchen der Wirklichkeit, zu Entehrungen bis ins letzte, die es wieder gutmachen sollen, daß man der Einfältige gewesen sei –« Er hatte diese Unwetter der Liebe oft genug mitgemacht, um sie heute gemächlich beschreiben zu können.

Agathe aber machte dem nun doch ein Ende. »Wenn du nichts dagegen hast, möchte ich bemerken, daß diese ehelichen und unehelichen Ehrenaffären im ganzen doch sehr überschätzt werden!« wandte sie ein und suchte sich wieder eine bequeme Stellung aus.

»Die ganze Liebe wird überschätzt! Der Wahnsinnige, der in seiner Sinnestäuschung ein Messer zückt und damit einen Unschuldigen durchbohrt, der gerade an der Stelle seiner Halluzination steht –: in der Liebe ist er der Normale!« bestimmte Ulrich und lachte. 54

Es ist nicht einfach zu lieben


Eine bequeme Stellung und gemächlicher Sonnenschein, der zärtlich ist, ohne zudringlich zu sein, förderten diese Gespräche; und diese entstanden zumeist zwischen zwei Liegestühlen, die nicht sowohl in den Schutz und Schatten des Hauses gerückt wurden als vielmehr in das beschattete Licht, das, vom Garten her kommend, an den noch morgendlichen Mauern eine Mäßigung seiner Freiheit erfuhr. Freilich dürfte man nicht glauben, daß die Stühle dort standen, weil die Geschwister – angeregt durch die im gewöhnlichen Sinn bestehende und im höheren vielleicht drohende Unfruchtbarkeit ihrer Beziehung – die Absicht gehabt hätten, ihre Meinung Schopenhauerisch-indisch über das täuschende Wesen der Liebe auszutauschen und sich gegen deren zur Fortsetzung des Lebens verlockende Wahnwirkung durch Zergliederung zu wehren; sondern was das Halbschattige, Schonende und zurückgezogen Neugierige wählen hieß, wäre einfacher zu erklären. Der Gesprächsgegenstand selbst war so beschaffen, daß sich in der unendlichen Erfahrung, durch die der Begriff der Liebe erst deutlich wird, die verschiedensten Verbindungswege bemerken ließen, die von einer Frage zur andern führen. So führten denn auch die zwei Fragen, wie man seinen Nächsten liebe, den man nicht kenne, und wie sich selbst, den man noch weniger kennt, die Neugierde zu der beide umfassenden Frage, wie man überhaupt liebe; oder anders gesagt, was Liebe wohl »eigentlich« sei. Das mag auf den ersten Blick etwas altklug anmuten und wahrlich auch eine allzu verständige Frage für ein Liebespaar sein. Aber sie gewinnt an Geistesverwirrung, sobald man sie auf Millionen Liebespaare und ihre Verschiedenheit ausdehnt.

Diese Millionen sind nicht nur persönlich (was ihr Stolz ist), sondern auch nach Arten des Tuns, Gegenstands und der Beziehung verschieden. Manchmal kann man von Liebespaaren überhaupt nicht sprechen, und doch von Liebe; manchmal von Liebespaaren, aber nicht von Liebe, wobei es etwas gewöhnlicher zugeht. Und das Wort im ganzen umfaßt so viel Widersprüche wie der Sonntag in einer kleinen Landstadt, wo die Bauernburschen um zehn Uhr des Morgens zur Messe gehn, um elf Uhr in einer kleinen Nebengasse das Freudenhaus besuchen und um zwölf Uhr am Hauptplatz ins Wirtshaus zum Essen und Trinken eintreten. Hat es Sinn, ein solches Wort rund herum zu untersuchen? Aber indem man es benutzt, handelt man unbewußt, als ob man bei allen Unterschieden etwas Gemeinsamem inne wäre! – Es ist tausend und eins, einen Spazierstock oder die Ehre zu lieben, und niemand fiele es ein, das in einem Atem zu nennen, wenn man nicht gewohnt wäre, es alle Tage zu tun. Andere Spielarten dessen, was tausend und eins, und doch ein und dasselbe ist, lassen sich mit den Worten anreden: die Flasche, den Tabak und noch schlimmere Gifte zu lieben. Den Spinat und die Bewegung in freier Luft. Den Sport oder den Geist. Die Wahrheit. Die Frau, das Kind, den Hund. Sie ergänzten es, die darüber sprachen: Gott. Die Schönheit, das Vaterland und das Geld. Die Natur, den Freund, den Beruf und das Leben. Die Freiheit. Den Erfolg, die Macht, die Gerechtigkeit oder schlechthin die Tugend. Alles das liebt man; und kurz, es wird fast ebenso vieles mit Liebe verbunden, als es Strebens- und Redensarten gibt. Was ist aber die Unterscheidung und was die Gemeinsamkeit der Lieben?

Vielleicht ist es dienlich, an das Wort Gabeln zu erinnern. Es gibt Eß-, Mist-, Ast-, Gewehr-, Weg- und andere Gabeln; und allen diesen ist ein bildendes Merkmal »Gabeligsein« gemeinsam. Es ist das entscheidende Erlebnis, das Gegabelte, die Gestalt der Gabel an den höchst verschiedenen Dingen, die so heißen. Kommt man von diesen, so erweist sich, daß sie alle unter denselben Begriff gehören; geht man vom anfänglichen Eindruck des Gabeligseins aus, so zeigt sich, daß er durch die Eindrücke der verschiedenen bestimmten Gabeln ausgefüllt und ergänzt wird. Das Gemeinsame ist also eine Form oder Gestalt, und das Unterschiedliche liegt zunächst an den mannigfaltigen Formen, die sie annehmen kann; sodann aber auch an den Gegenständen, die eine solche Form haben, an ihrem Stoff, Zweck und dergleichen. Aber derweil sich jede Gabel mit jeder unmittelbar vergleichen läßt, und sinnlich gegeben ist, wäre es auch nur in einem Kreidestrich oder in der Vorstellung, verhält es sich nicht so mit den verschiedenen Gestalten der Liebe; und der ganze Nutzen des Beispiels schränkt sich auf die Frage ein, ob es nicht doch auch da, entsprechend dem Gabeligsein der Gabeln, ein Haupterlebnis, etwas Liebeliges, Liebseiendes und Liebeartiges, in allen Fällen gebe. Aber die Liebe ist kein Gegenstand sinnlicher Erkenntnis, daß sie mit einem Blick, oder denn auch mit einem Gefühl, zu erfassen wäre, sondern ist ein moralisches Ereignis, wie es vorsätzlicher Mord, Gerechtigkeit oder Verachtung sind; und das hat unter anderem zu bedeuten, daß eine vielfach abbiegende und mannigfach gestützte Kette von Vergleichen zwischen ihren Beispielen möglich ist, deren entferntere einander ganz unähnlich sein können, ja bis zum Gegensatz von einander verschieden, und doch durch einen vom einen ans andere anklingenden Zusammenhang verbunden werden. Von der Liebe handelnd, läßt sich also gar bis zum Haß gelangen; und doch ist nicht etwa die vielberufene »Ambivalenz« davon die Ursache, die Gespaltenheit des Fühlens, sondern gerade die volle Ganzheit des Lebens.

Trotzdem hätte auch ein solches Wort der sich anbahnenden Fortsetzung vorangehen können. Denn Gabeln und ähnlich unschuldige Hilfen beiseite, die gebildete Unterhaltung weiß heutigentags ohne Stocken mit dem Kern und Wesen der Liebe umzugehn, und sich trotzdem so packend auszudrücken, als ob dieser Wesenskern in allen Erscheinungen der Liebe stäke wie das Gabelige in der Mist- oder Salatgabel. Man sagt dann – und auch Ulrich und Agathe hätten durch allgemeine Gewohnheit dazu verleitet werden können – die Hauptsache an allem Liebesartigen sei Libido, oder sagt, daß sie Eros sei. Diese beiden Worte haben nicht die gleiche Geschichte, aber eben doch, und zumal in Ansehung der Gegenwart, eine vergleichbare. Als nämlich die Psychoanalyse (weil eine Zeit, die sich nirgends auf geistige Tiefe einläßt, mit Neugierde hört, daß sie eine Tiefenpsychologie habe) anfing zur Tagesphilosophie zu werden und die bürgerliche Abenteuerlosigkeit unterbrach, ist auch alles und jedes zur Libido erklärt worden, so daß sich am Ende von diesem Schlüssel- und Nachschlüsselbegriff so wenig sagen läßt, was er nicht wäre, wie das, was er ist. Und ganz das gleiche gilt vom Eros; nur ist es denen, die alle körperlichen und seelischen Bindungen der Welt höchst überzeugt auf ihn zurückführen, mit ihrem Eros schon von Anfang an so ergangen. Vergeblich wäre es, Libido mit Trieb und Verlangen, und zwar sexuellem oder präsexuellem, Eros hingegen mit geistiger, ja übersinnlicher Zärtlichkeit zu übersetzen; man müßte denn eine geschichtliche Sonderabhandlung hinzufügen. Der Überdruß daran macht die Unwissenheit zum Vergnügen. Dadurch kam es aber zum voraus dazu, daß das zwischen zwei Liegestühlen geführte Gespräch nicht die angedeutete Richtung einschlug, sondern schon an dem urwüchsig unzulänglichen Verfahren Anziehung und Erholung fand, einfach so viel Beispiele wie möglich von dem zu verbuchen, was Liebe heißt, und sie wie bei einem Spiel aneinander zu reihen, ja sich dabei aufs unbefangenste anzustellen, und auch die unweisesten nicht zu verschmähen.

Und es teilten die bequem Plaudernden, was ihnen an Beispielen einfiel, und wie es ihnen einfiel, ein nach dem Gefühl, nach dem Gegenstand, dem es gilt, und nach der Handlung, in der es sich ausdrückt. Es war aber auch von Vorteil, das Verhalten zuerst vorzunehmen und zu beachten, ob es seinen Namen mehr oder weniger in wirklicher oder in übertragener Bedeutung verdiene. Auf diese Art kam mancherlei Stoff aus verschiedenen Richtungen zusammen.

Vom Gefühl war aber unwillkürlich schon als erstem die Rede gewesen; denn scheinbar ist die ganze Natur der Liebe ein Fühlen. Umso überraschender ist die Antwort, daß das Gefühl das wenigste an der Liebe sei. Für die reine Unerfahrenheit wäre es wie Zucker und Zahnschmerz; nicht ganz so süß und nicht ganz so schmerzhaft, und so unruhig dabei wie von Bremsen geplagtes Vieh. Vielleicht mag dieser Vergleich nicht jedem, der selbst von Liebe geplagt wird, als Meisterstück erscheinen; trotzdem ist auch die übliche Beschreibung eigentlich nicht viel anders: ein Hangen und Bangen, Sehnen und Sehren, und unbestimmtes Begehren! Seit alters scheint es, daß sie nichts Genaueres von diesem Zustand zu erzählen weiß. Aber dieser Mangel an Gefühlseigentümlichkeit ist nicht etwa bloß für die Liebe bezeichnend. Auch ob einer glücklich oder traurig ist, erfährt er nicht so unwiderruflich und geradläufig, wie er das Glatte vom Rauhen unterscheidet, und andere Gefühle lassen sich ebensowenig rein am Fühlen, man möchte sagen, schon am Anfühlen erkennen. Darum war denn schon bei dieser Wendung eine Bemerkung anzubringen, die sie nach Gebühr hätte ergänzen können, und zwar über die ungleiche Anlage und Ausgestaltung von Gefühlen. Das war der Name, den ihr Ulrich vorausschickte; und er hätte auch Anlage, Ausgestaltung, und Verfestigung sagen können.

Denn er leitete sie mit der natürlichen Erfahrung ein, daß jedes Gefühl eine überzeugende Gewißheit seiner selbst mit sich bringe, was offenbar schon zu seinem Kern gehöre, und fügte hinzu, daß aus ebenso allgemeinen Gründen auch angenommen werden müsse, schon bei diesem Kern beginne nicht minder die Verschiedenheit der Gefühle. Man höre es an seinen Beispielen. Die Liebe zu einem Freund hat anderen Ursprung und andere Grundzüge als die zu einem Mädchen, die Liebe zu einer voll aufgeblühten andere als die zu einer heilig verschlossenen Frau; und erst recht sind weiter auseinandergehende Gefühle, wie es, bei der Liebe zu bleiben, Liebe, Verehrung, Lüsternheit, Hörigkeit, oder die Arten der Liebe und die des Widerwillens wären, schon in der Wurzel von einander verschieden. Gibt man beiden diesen Annahmen statt, müßten also alle Gefühle von Anfang bis Ende fest und durchsichtig wie Kristalle sein. Und doch ist kein Gefühl unverwechselbar das, was es zu sein scheint; und weder die Selbstbeobachtung noch die Handlungen, die es bewirkt, geben Sicherheit darüber. Dieser Unterschied zwischen der Selbstgewißheit und der Unsicherheit der Gefühle ist nun gewiß nicht gering. Betrachtet man aber die Entstehung des Gefühls im Zusammenhang mit ihren sowohl physiologischen als auch sozialen Ursachen, wird er ganz natürlich. Diese Ursachen erwecken nämlich in großen Zügen, wie man sagen könnte, bloß die Art eines Gefühls, ohne es im einzelnen zu bestimmen; denn jedem Trieb und jeder Lebenslage, die ihn in Bewegung setzt, entspricht ein ganzes Bündel von Gefühlen, die ihnen Genüge leisten können. Und was davon zu Beginn vorhanden ist, kann man freilich den Kern des Gefühls heißen, das sich noch zwischen Sein und Nichtsein befindet; wollte man ihn aber beschreiben, so ließe sich von ihm, wie immer er auch beschaffen sei, nichts Zutreffenderes angeben, als daß er ein Etwas ist, das sich im Verlauf seiner Entwicklung, und abhängig von vielem, was hinzukommt oder nicht, zu dem Gefühl ausgestalten wird, das aus ihm hat werden sollen. Also hat jedes Gefühl außer seiner ursprünglichen Anlage auch ein Schicksal; und darum, weil seine spätere Entwicklung erst recht von hinzutretenden Bedingungen abhängt, gibt es keines, das von Anfang an untrüglich es selbst wäre, ja vielleicht gibt es nicht einmal eins, das unbezweifelbar und rein Gefühl wäre. Anders gesagt, folgt aus diesem Zusammenwirken von Anlage und Ausgestaltung aber, daß auf dem Gebiet des Gefühls nicht das reine Vorkommen und die eindeutige Erfüllung vorherrschen, sondern die fortschreitende Annäherung und die annähernde Erfüllung. Und etwas Ähnliches gilt auch von allem, das zu erfassen Gefühl verlangt.

Damit endete die von Ulrich herbeigeführte Bemerkung und hatte ungefähr diese Erklärungen in dieser Reihenfolge enthalten. Kaum weniger kurz und übertrieben wie die Behauptung, daß Gefühl das wenigste an der Liebe sei, ließ sich also auch sagen, weil sie ein Gefühl sei, sei sie nicht am Gefühl zu erkennen. Etwas Licht fiel davon übrigens auf die Frage, weshalb er die Liebe ein moralisches Erlebnis genannt hatte. Die drei Hauptworte Anlage, Ausgestaltung und Verfestigung aber waren die Hauptknoten gewesen, die das geordnete Verständnis der Gefühlserscheinung zusammenknüpfen; zumindest nach einer bestimmten grundsätzlichen Auffassung, an die sich Ulrich nicht am unliebsten wandte, wenn er einer solchen Erklärung bedurfte. Aber weil nun die richtige Ausführung von dem allen größere und tiefer ins Lehrmäßige führende Ansprüche gestellt hätte, als er auf sich zu nehmen gewillt war, brach er das Begonnene bei diesem Stande ab.

Die Fortsetzung spannte nach zwei Richtungen. Nach der Ansage des Gesprächs hätten jetzt Gegenstand und Handlung der Liebe an die Reihe kommen sollen, um an ihnen zu bestimmen, was deren höchst ungleiche Erscheinung bewirkt; und schließlich zu erfahren, was Liebe »denn eigentlich« sei. Darum war auch von dem Hineinspielen von Handlungen in die Bestimmung des Gefühls schon bei dessen Ursprung die Rede gewesen, was sich von seinem späteren Schicksal erst recht sollte wiederholen lassen. Aber Agathe stellte noch eine Frage; es wäre nämlich möglich gewesen – und sie hatte Gründe, wenn nicht zum Verdacht, so doch zur Angst vor ihm – daß die von ihrem Bruder gewählte Erklärung eigentlich nur für ein schwaches Gefühl gelte oder für eine Erfahrung, die von starken nichts wissen wolle.

Ulrich erwiderte: »Nicht im mindesten! Gerade in seiner größten Stärke ist das Gefühl nicht am sichersten. In der höchsten Angst ist man gelähmt oder schreit auf, statt zu fliehen oder sich zu wehren. Im höchsten Glück ist oft ein eigenartiger Schmerz. Selbst zu großer Eifer ›schadet nur‹, wie man sagt. Und im allgemeinen läßt sich behaupten, daß im höchsten Fühlen die Gefühle wie in einer Blendung die Farbe verlieren und vergehen. Vielleicht ist die ganze uns bekannte Gefühlswelt nur für ein mittleres Leben beschaffen und hört bei den höchsten Graden auf, wie sie nicht schon bei den geringsten anfängt.« Mittelbar gehörte auch hinzu, was man erfährt, wenn man seine Gefühle beobachtet, besonders wenn man sie »unter die Lupe« nimmt. Sie werden dann undeutlich und sind schwer zu unterscheiden. Was sie dabei an der Deutlichkeit der Stärke verlieren, müßten sie aber durch die der Aufmerksamkeit wenigstens einigermaßen gewinnen, und nicht einmal das tun sie. – So erwiderte Ulrich, und diese Nebeneinanderstellung von Verlöschen des Gefühls in der Selbstbetrachtung und in den höchsten Graden seiner Erregung war nicht zufällig. Denn beides sind Zustände, in denen das Handeln aufgehoben oder gestört ist; und weil der Zusammenhang zwischen Fühlen und Handeln so eng ist, daß ihn manche für eine Einheit halten, ergänzten die beiden Beispiele einander nicht ohne Sinn.

Was er aber zu sagen vermied, war gerade das, was sie beide persönlich davon wußten, daß wirklich mit der höchsten Stufe des Liebesgefühls ein Zustand des geistigen Erlöschens und der körperlichen Ratlosigkeit verbunden sein kann. Darum wandte er das Gespräch von der Bedeutung, die das Handeln fürs Fühlen hat, mit einer gewissen Gewaltsamkeit ab; und scheinbar in der Absicht, wieder der Einteilung der Liebe nach Gegenständen zu erwähnen. Auf den ersten Blick schien sich diese etwas grillenhafte Möglichkeit auch besser zu dem Behuf zu eignen, die Vieldeutige in Ordnung zu bringen. Denn wenn es, mit einem Beispiel zu beginnen, Lästerung ist, die Liebe zu Gott mit dem gleichen Wort zu bezeichnen wie die zum Fischen, so liegt das doch zweifellos an dem Unterschied dessen, dem die Liebe gilt; und so läßt sich die Bedeutung des Gegenstands auch an anderen Beispielen ermessen. Was die ungeheuren Unterschiede in die Beziehung, etwas zu lieben, hineinträgt, ist also nicht sowohl die Liebe als vielmehr das Etwas. So gibt es Gegenstände, welche die Liebe reich und gesund machen; und andere, die sie arm und kränklich machen, als ob das allein an ihnen läge. Es gibt Gegenstände, die die Liebe erwidern müssen, wenn diese ihre ganze Kraft und Eigenart entfalten soll; und andere gibt es, bei denen jede ähnliche Forderung zum voraus sinnlos wäre. Platterdings unterscheidet das die Beziehung zu lebenden Wesen von der zu unbeseelten; aber auch unbeseelt ist der Gegenstand der rechte Gegenspieler der Liebe, und seine Eigenschaften beeinflussen die ihren.

Je ungleichwertiger dieser Gegenspieler nun ist, desto schiefer, um nicht zu sagen leidenschaftsverzerrter, wird sie selbst. »Vergleiche« mahnte Ulrich »die gesunde Liebe junger Menschen für einander und die lächerlich übertriebene des Einsamen zu Hund, Katze oder Piepmatz. Sieh die Leidenschaft zwischen Mann und Frau erlöschen oder wie einen abgewiesenen Bettler lästig werden, wenn sie nicht oder nicht voll erwidert wird. Vergiß auch nicht, daß in ungleichen Verbindungen, wie sie zwischen Eltern und Kindern oder Herr und Diener bestehn, zwischen einem Mann und dem Gegenstand seines Ehrgeizes oder seines Lasters, das Verhältnis zur Gegenliebe der unsicherste, und schlechthin der verderbliche Teil ist. Überall, wo der regelnde natürliche Austausch zwischen dem Zustand und dem Gegenspieler der Liebe mangelhaft ist, entartet sie wie ein ungesundes Gewebe!« – Dieser Gedanke schien ihn durch etwas Besonderes anzuziehen. Er hätte sich vielfach und mit vielen Beispielen ausbreiten lassen; aber während sich Ulrich diese noch überlegte, lenkte etwas, worauf es dabei nicht abgesehen war, das aber wohl den abgesehenen Weg mit Erwartung belebte wie ein querfeldein kommender Wohlgeruch, scheinbar fast versehentlich das Nachdenken auf das, was in der Malerei Stilleben genannt wird, oder nach dem entgegengesetzten, aber ebenso guten Vorgang einer fremden Sprache die Nature morte. »Gewissermaßen ist es lächerlich, daß ein Mensch einen gut gemalten Hummer schätzt,« fuhr Ulrich unvermittelt fort »spiegelblanke Trauben und einen an den Läufen aufgehängten Hasen, in dessen Nähe immer auch ein Fasan ist; denn der menschliche Appetit ist etwas Lächerliches, und gemalter Appetit noch lächerlicher als natürlicher.« Und beide hatten sie das Gefühl, daß diese Anknüpfung tiefer zurückgreife, als es den Anschein hätte, und zu der Fortsetzung dessen gehöre, was sie von sich selbst zu sagen unterlassen hatten.

Denn in den wirklichen Stilleben – Dingen, Tieren, Pflanzen, Landschaften und Menschenkörpern, die in den Kreis der Kunst gebannt worden sind – zeigt sich etwas anderes, als sie darstellen, nämlich die geheimnisvolle Dämonie des gemalten Lebens. Es gibt berühmte solche Bilder, die beiden wußten also, woran sie waren; man tut aber besser, nicht von bestimmten, sondern von einer Art von Bildern zu sprechen, die überdies auch nicht Schule macht, sondern regellos auf den Wink der Schöpfung entsteht. Agathe fragte, woran sie zu erkennen sei. Ulrich lehnte zwar sichtlich ab, ein entscheidendes Merkmal anzugeben, sagte aber doch langsam, lächelnd und ohne Zaudern: »Das erregende, undeutliche, unendliche Echo!«

Und Agathe verstand ihn. Irgendwie fühlt man sich am Strand. Kleine Insekten summen. Die Luft bringt hunderte Wiesengerüche mit sich. Gedanke und Gefühl wandern geschäftig selbander. Aber vor den Augen ist die nicht verantwortende Einöde des Meers, und was am Ufer Bedeutung hat, verliert sich an die eintönige Regung des unendlichen Anblicks. Sie dachte daran, daß alle wahren Stilleben diese glückliche unersättliche Traurigkeit erregen können. Je länger man sie ansieht, desto deutlicher wird es, daß die von ihnen dargestellten Dinge am bunten Ufer des Lebens zu stehen scheinen, das Auge voll Ungeheurem, und die Zunge gelähmt.

Ulrich erwiderte nun mit einer anderen Umschreibung. »Eigentlich malen alle Stilleben die Welt vom sechsten Schöpfungstag; wo Gott und die Welt noch unter sich waren, ohne den Menschen!« Und auf ein fragendes Lächeln seiner Schwester sagte er: »Was sie menschlich erregen, wäre also wohl Eifersucht, geheimnisvolle Neugierde und Kummer!«

Das war beinahe ein »Aperçu«, und nicht einmal das schlechteste; er vermerkte es mißfällig, denn er liebte diese wie Kugeln gedrechselten und flüchtig vergoldeten Einfälle nicht. Er tat aber auch nichts, sich zu verbessern, und ebensowenig fragte seine Schwester danach. Denn sich auskömmlich über die unheimliche Kunst des Stillebens oder der Nature morte zu äußern, war ihnen beiden deren seltsame Ähnlichkeit mit ihrem eigenen Leben hinderlich.

Sie spielte darin eine große Rolle. Ohne daß es nötig wäre, in den Einzelheiten zu wiederholen, was bis zu den gemeinsamen Kindheitserinnerungen zurückreichte, beim Wiedersehen wieder erwacht war, und seither allen Erlebnissen und den meisten Gesprächen etwas Seltsames gab, läßt sich nicht verschweigen, daß der markbetäubte Anhauch des Stillebens daran immer zu spüren war. Unwillkürlich, und ohne etwas Bestimmtes anzunehmen, das sie hätte leiten können, wandten sie darum ihre Neugierde allem zu, was mit dem Wesen des Stillebens Verwandtschaft haben könnte; und es ergab sich mehr oder minder der folgende Wortwechsel, der wie ein Wirtel das Gespräch nochmals spannte und von neuem abrollen ließ!

Vor einem unerschütterlichen Antlitz, das keine Antwort erteilt, um etwas flehen zu müssen, treibt den Menschen in einen Rausch der Verzweiflung, des Angriffs oder der Würdelosigkeit. Ebenso erschütternd, aber unsagbar schön, ist es dagegen, vor einem reglosen Antlitz zu knien, auf dem das Leben vor wenigen Stunden erloschen ist und einen Schein zurückgelassen hat wie ein Sonnenuntergang.

Dieses zweite Beispiel ist sogar ein Gemeinplatz des Gefühls, wenn je etwas so benannt werden darf! Die Welt spricht von der Weihe und Würde des Todes; es gibt das poetische Motiv der aufgebahrten Geliebten seit hunderten, wenn nicht tausenden Jahren; es gibt eine ganze damit verwandte, zumal lyrische Todespoesie. Es ist wahrscheinlich etwas Knabenhaftes daran. Wer malt sich aus, daß ihm der Tod die edelste der Geliebten zu eigen schenkt? Dem der Mut oder die Möglichkeit fehlt, eine lebende zu haben! Von dieser poetischen Knabenhaftigkeit führt eine kurze Linie zu den Schauern der Geister- und Totenbeschwörung; eine zweite zum Greuel der wirklichen Nekrophilie; vielleicht eine dritte zu den krankhaften zwei Gegensätzen des Exhibitionismus und der gewaltsamen Nötigung.

Das mögen befremdliche Vergleichungen sein, und zum Teil sind es höchst unappetitliche. Aber wenn man sich davon nicht abhalten läßt und sie sozusagen medizinisch-psychologisch betrachtet, zeigt sich, daß eins allen gemeinsam ist: eine Unmöglichkeit, ein Unvermögen, ein Mangel an natürlichem Mut oder Mut zum natürlichen Leben.

Auch ist aus ihnen die Erfahrung zu gewinnen, wenn man sich zu einem solchen Zweck denn schon auf gewagte Vergleiche eingelassen hat, daß das Schweigen, die Ohnmacht und jedwede Unvollständigkeit des Gegenspielers mit der Wirkung verbunden ist, das Gemüt in Überspanntheit zu versetzen.

So wiederholt sich vornehmlich doch, was auch früher gesagt worden, daß ein ungleichwertiger Gegenspieler die Liebe schief macht; es wäre bloß beizufügen, daß es nicht selten schon eine schiefe Verfassung des Gefühls ist, die ihn überhaupt wählen heißt. Und umgekehrt, wäre es der erwidernde, lebende, handelnde Mitspieler, der die Gefühle in Ordnung hält und bestimmt, und ohne den sie zur Spiegelfechterei entarten.

Das Stilleben aber, ist sein seltsamer Reiz nicht auch Spiegelfechterei? Ja, fast eine ätherische Nekrophilie?

Und doch ist eine ähnliche Spiegelfechterei auch in den Blicken von glücklich Liebenden als Ausdruck ihres Höchsten. Sie sehen einander ins Auge, können sich nicht losreißen und vergehen in einem wie Gummi dehnbaren unendlichen Gefühl!

Ungefähr so hatte der Wortwechsel also begonnen, aber an dieser Stelle war sein Faden recht eigentlich hängen geblieben; und zwar eine ganze Weile, ehe er wieder weiterlief. Die beiden hatten einander wirklich angesehen und waren dadurch nämlich ins Schweigen verfallen.

Bedarf es aber einer Bemerkung, die das erklärt, und überhaupt solche Gespräche nochmals rechtfertigt und ihren Sinn ausspricht: so ließe sich vielleicht das sagen, was Ulrich begreiflichermaßen in diesem Augenblick bloß einen stummen Einfall bleiben ließ, daß es nämlich beiweitem nicht so einfach sei zu lieben, wie die Natur dadurch glauben machen will, daß sie jedem Stümper unter ihren Geschöpfen die Werkzeuge dazu anvertraut hat. 55

Atemzüge eines Sommertags

(Fragment)


Die Sonne war unterdessen höhergestiegen; die Stühle hatten sie wie gestrandete Boote in dem flachen Schatten beim Haus zurückgelassen, und lagen auf einer Wiese im Garten unter der vollen Tiefe des Sommertags. Sie taten es schon eine ganze Weile, und obgleich die Umstände gewechselt hatten, kam es ihnen kaum als Veränderung zu Bewußtsein. Ja eigentlich tat dies auch nicht der Stillstand des Gesprächs; es war hängen geblieben, ohne einen Riß verspüren zu lassen.

Ein geräuschloser Strom glanzlosen Blütenschnees schwebte, von einer abgeblühten Baumgruppe kommend, durch den Sonnenschein; und der Atem, der ihn trug, war so sanft, daß sich kein Blatt regte. Kein Schatten fiel davon auf das Grün des Rasens, aber dieses schien sich von innen zu verdunkeln wie ein Auge. Die zärtlich und verschwenderisch vom jungen Sommer belaubten Bäume und Sträucher, die beiseite standen oder den Hintergrund bildeten, machten den Eindruck von fassungslosen Zuschauern, die, in ihrer fröhlichen Tracht überrascht und gebannt, an diesem Begräbniszug und Naturfest teilnahmen. Frühling und Herbst, Sprache und Schweigen der Natur, auch Lebens- und Todeszauber mischten sich in dem Bild; die Herzen schienen stillzustehen, aus der Brust genommen zu sein, sich dem schweigenden Zug durch die Luft anzuschließen. »Da ward mir das Herz aus der Brust genommen«, hat ein Mystiker gesagt: Agathe erinnerte sich dessen.

Auch wußte sie, daß sie selbst diesen Ausspruch Ulrich aus einem seiner Bücher vorgelesen hatte.

Hier in dem Garten, nicht weit von dem Platze, wo sie sich jetzt befanden, war das geschehen. Die Erinnerung wurde vollständiger. Auch andere Aussprüche, die sie ihm ins Gedächtnis gerufen hatte, fielen ihr ein: »Bist du es, oder bist du es nicht? Ich weiß nicht, wo ich bin; noch will ich davon wissen!« »Ich habe alle meine Vermögen überstiegen, bis an die dunkle Kraft! Ich bin verliebt, und weiß nicht in wen! Ich habe das Herz von Liebe voll, und von Liebe leer zugleich!« Also klang in ihr die Klage der Mystiker wieder, in deren Herz Gott so tief eingedrungen ist wie ein Dorn, den keine Fingerspitzen fassen können. Viele solche selige Klagen hatte sie Ulrich damals vorgelesen. Vielleicht war die Wiedergabe jetzt nicht genau, das Gedächtnis verfährt etwas befehlshaberisch mit dem, was es zu hören wünscht; aber sie begriff, was gemeint war, und faßte einen Entschluß. Wie in diesem Augenblick des Blütenzugs hatte der Garten also schon einmal geheimnisvoll verlassen und belebt ausgesehen; und zwar gerade in der Stunde, nachdem ihr die mystischen Bekenntnisse in die Hand gefallen waren, die Ulrich unter seinen Büchern besaß. Die Zeit stand still, ein Jahrtausend wog so leicht wie ein Öffnen und Schließen des Auges, sie war ans Tausendjährige Reich gelangt, Gott gar gab sich vielleicht zu fühlen. Und während sie, obwohl es doch die Zeit nicht mehr geben sollte, eins nach dem andern das empfand; und während ihr Bruder, damit sie bei diesem Traum nicht Angst leide, neben ihr war, obwohl es auch keinen Raum mehr zu geben schien: schien die Welt, unerachtet dieser Widersprüche, in allen Stücken erfüllt von Verklärung zu sein.

Was sie seither erlebt hatte, konnte ihr nicht anders als gesprächig gemäßigt im Vergleich mit dem erscheinen, was vorangegangen war; aber welche Erweiterung und Bekräftigung sollte es diesem doch auch geben, wenngleich es die fast körperwarme Unmittelbarkeit der ersten Eingebung darüber verloren hatte! Unter diesen Umständen beschloß Agathe, diesmal mit Vorbedacht der Entzückung zu begegnen, die sie vormals in diesem Garten beinahe traumhaft befallen hatte. Sie wußte nicht, warum sie damit den Namen des Tausendjährigen Reiches verband. Es war ein gefühlhelles Wort und war beinahe faßbar wie ein Ding, blieb aber dem Verstand unklar. Deshalb konnte sie mit dieser Vorstellung umgehen, wie wenn das Tausendjährige Reich in jedem Augenblick anbrechen könnte. Es wird auch das Reich der Liebe genannt, das wußte Agathe ebenfalls; doch erst als letztes dachte sie daran, daß beide diese Namen schon seit den Zeiten der Bibel überliefert werden und das Reich Gottes auf Erden bedeuten, dessen nahe bevorstehender Anbruch in völlig wirklicher Bedeutung gemeint ist. Übrigens benutzte auch Ulrich, ohne deshalb an die Schrift zu glauben, zuweilen diese Worte ebenso unbefangen wie seine Schwester; und so wunderte es diese schon gar nicht, daß sie scheinbar ohneweiteres auch wußte, wie man sich im Tausendjährigen Reich zu verhalten habe. »Man muß sich darin ganz still betragen« sagte ihr eine Eingebung. »Man darf keinerlei Verlangen Platz lassen; nicht einmal dem, zu fragen. Auch der Verständigkeit muß man sich entäußern, mit der man Geschäfte besorgt. Man muß seinen Geist aller Werkzeuge berauben und daran hindern, wie ein Werkzeug zu dienen. Das Wissen ist von ihm abzutun und das Wollen; der Wirklichkeit und des Begehrens, sich ihr zuzuwenden, muß man sich entschlagen. Ansichhalten muß man, bis Kopf, Herz und Glieder lauter Schweigen sind. Erreicht man so aber die höchste Selbstlosigkeit, darin berühren sich schließlich Außen und Innen, als wäre ein Keil ausgesprungen, der die Welt geteilt hat...!«

Vielleicht war das nicht gerade nüchtern vorbedacht. Es kam ihr aber vor, daß es, fest gewollt, auch erreichbar sein müßte; und sie nahm sich zusammen, als wollte sie sich totstellen. Aber bald erwies es sich als eine ebenso unmögliche Aufgabe, Gedanken, Sinnes- und Willensmeldungen ganz stillzustellen, wie es in der Kindheit die gewesen war, zwischen Beichte und Kommunion keine Sünde zu begehen; und nach einiger Bemühung gab sie den Versuch ganz auf. Sie ertappte sich dabei, daß sie nur noch äußerlich an ihrem Vorsatz festhielt und daß ihre Aufmerksamkeit längst von ihm abgeglitten war. Diese befand sich in dem Augenblick bei einer weit abgesprungenen Frage, einem kleinen Ungeheuer von Abspenstigkeit: sie fragte sich nämlich gerade auf das törichtste, und sehr erpicht auf diese Torheit: »Bin ich wirklich jemals heftig, boshaft, haßerfüllt und unglücklich gewesen?« Ein Mann ohne Namen wurde ihr erinnerlich; dem der Name fehlte, weil sie ihn an sich trug und mit sich fortgetragen hatte. Wenn sie an ihn dachte, empfand sie ihren Namen wie eine Narbe; aber sie fühlte keinen Haß mehr gegen Hagauer, und nun wiederholte sie ihre Frage mit dem etwas schwermütigen Starrsinn, mit dem man einer entflossenen Welle nachblickt. Wohin war das Verlangen gekommen, ihn fast tödlich zu verletzen? Sie hatte es beinahe in Zerstreutheit verloren und meinte anscheinend, es müßte sich noch in ihrer Nähe finden lassen. Überdies mochte Lindner geradezu ein Ersatz für dieses Verlangen nach Feindseligkeit sein; denn auch das fragte sie sich und dachte flüchtig an ihn. Vielleicht kam es ihr da erstaunlich vor, was alles ihr schon widerfahren sei; liegt doch jungen Menschen die Verwunderung, wieviel sie schon haben fühlen müssen, schlechthin näher als älteren, denen die Wandelbarkeit der Leidenschaften und Lebenszustände gewohnt geworden ist wie der Wetterwechsel. Was hätte aber Agathe so nahegehen können, wie daß sich in demselben Augenblick von dem Umschwung des Lebens, der Flucht seiner Leidenschaften und Zustände, von dem wunderlichen Strom des Gefühls worin sich sonst die Jugend, wenig davon wissend, naturhaft-großartig vorkommt rätselhaft wieder der sternklare Himmel der reglosen Verträumtheit abhob, aus der sie soeben erwacht war?

Also waren ihre Gedanken zwar noch immer im Bannkreis des Blüten- und Totenzugs; aber sie bewegten sich nicht mehr mit ihm und auf seine stummfeierliche Art, sondern Agathe »dachte hin und her«, wie man es im Gegensatz zu dem Geisteszustand nennen könnte, worin das Leben »tausend Jahre« ohne einen Flügelschlag währt. Dieser Unterschied zweier Geisteszustände war ihr sehr deutlich; und ein wenig verblüfft erkannte sie, wie oft gerade er, oder etwas ihm nahe Verwandtes, in ihren Gesprächen mit Ulrich schon berührt worden war. Unwillkürlich wandte sie sich an diesen, und ohne das umgebende Schauspiel aus den Augen zu lassen, fragte sie, tief Atem holend: »Erscheint nicht auch dir in einem solchen Augenblick, und mit ihm verglichen, alles andere hinfällig?«

Diese wenigen Worte zerteilten das wolkige Gewicht des Schweigens und der Erinnerung. Denn auch Ulrich hatte dem ohne Ziel seines Wegs ziehenden Blütenschaum zugesehn; und weil seine Gedanken und Erinnerungen auf den gleichen Ton gestimmt waren wie die seiner Schwester, bedurfte es keiner anderen Einleitung, um ihn das sagen zu lassen, was auch deren verschwiegenen Gedanken Antwort gab. Er streckte langsam die Glieder und erwiderte: »Ich habe dir schon lange schon in dem Zustand, wo wir von dem, was Stilleben heißt, sprachen, und eigentlich alle Tage etwas sagen wollen, selbst wenn es nicht in die Mitte der Scheibe treffen sollte: Es gibt, den Gegensatz stark aufgetragen, zwei Arten leidenschaftlich zu leben, und zwei Sorten des leidenschaftlichen Menschen. Entweder man heult vor Wut oder Unglück oder Begeisterung jedesmal los wie ein Kind und entledigt sich seines Gefühls in einen kurzen, nichtigen Wirbel. In diesem Fall, und er ist der gewöhnliche, ist das Gefühl am Ende der alltägliche Vermittler des alltäglichen Lebens; und je heftiger und leichter erregbar es ist, um so mehr erinnert dieses an die Unruhe in einem Raubtierkäfig zur Fütterungsstunde, wenn das Fleisch an den Gittern vorbeigetragen wird, und bald nachher an die satte Ermüdung. Ist es nicht so? Die andere Art leidenschaftlich zu sein und zu handeln ist aber die: Man hält an sich und gibt der Handlung nicht im mindesten statt, zu der jedes Gefühl hinzieht und treibt. Und in diesem Fall wird das Leben wie ein etwas unheimlicher Traum, worin das Gefühl bis an die Wipfel der Bäume, an die Turmspitzen, an den Scheitel des Himmels steigt...! Allzu wahrscheinlich haben wir daran gedacht, als wir noch von Bildern, und nichts als ihnen, zu sprechen vorgaben.«

Agathe stützte sich neugierig auf. »Hast du nicht einmal schon gesagt,« fragte sie »daß es zwei von Grund auf verschiedene Möglichkeiten zu leben gibt und daß sie geradezu verschiedenen Tonarten des Gefühls gleichen? Die eine sollte die des weltlichen Gefühls sein, das nie zur Ruhe und Erfüllung kommt; die andere, ich weiß nicht, ob du ihr einen Namen gegeben hast: aber es hätte wohl die eines mystischen Gefühls sein müssen, das dauernd mitklingt, aber niemals zur vollen Wirklichkeit gelangt?« Obgleich sie zögernd sprach, hatte sie sich überhastet und endete verlegen.

Ulrich erkannte dennoch recht gut, was er gesagt zu haben schien; und schluckte daran, als hätte er etwas zu Heißes im Mund gehabt; und versuchte zu lächeln. Er sagte: »Sollte ich das gemeint haben, so muß ich mich jetzt wohl umso anspruchsloser fassen! Ich werde also die beiden Arten des leidenschaftlichen Seins einfach nach einem bekannten Beispiel die appetithafte und ebendann auch, als deren Gegenteil, die nicht-appetithafte nennen, mag es sich unschön anhören oder nicht. Denn in jedem Menschen ist ein Hunger und verhält sich wie ein reißendes Tier; und ist kein Hunger, sondern etwas, das frei von Gier und Sattheit, zärtlich wie eine Traube in der Herbstsonne reift. Ja, sogar in jedem seiner Gefühle ist das eine wie das andere.«

»Also geradezu eine vegetabile, wenn nicht gar vegetarische, neben einer animalischen Anlage?« Ein Anflug von Vergnügen und Neckerei war in dieser Frage Agathes.

»Beinahe!« erwiderte Ulrich. »Vielleicht wäre das Tierische und das Pflanzenhafte, als Grundgegensatz der Gelüste verstanden, sogar der tiefste Fund für einen Philosophen! Aber sollte ich denn einer sein wollen! Wessen ich mich erdreiste, ist schlechthin nur das, was ich gesagt habe, und namentlich was ich zuletzt gesagt habe, daß die beiden Arten des leidenschaftlichen Seins ein Vorbild, und vielleicht gar ihren Ursprung, schon an jedem Gefühl haben. An jedem Gefühl lassen sich diese zwei Seiten unterscheiden« fuhr er fort. Aber merkwürdigerweise sprach er dann nur von dem, was er unter der appetitiven verstand. Sie drängt zum Handeln, zur Bewegung, zum Genuß; durch ihre Wirkung verwandelt sich das Gefühl in ein Werk, oder auch in eine Idee und Überzeugung, oder in eine Enttäuschung. Das alles sind Formen seiner Entspannung, können aber auch solche der Umspannung und Neukräftigung sein. Denn auf diese Art verändert sich das Gefühl, nützt sich ab, verläuft sich in seinem Erfolg und findet darin ein Ende; oder es verkapselt sich darin und verwandelt seine lebendige Kraft nun in eine aufgespeicherte, die ihm die lebendige später und gelegentlich oft mit Zinseszins wieder zurückgibt. »Und wird etwa nicht dadurch schon das eine verständlich, daß die rüstige Tätigkeit unseres weltlichen Fühlens und seine Hinfälligkeit, über die du so angenehm geseufzt hast, keinen großen Unterschied für uns ausmachen, mag er auch ein tiefer sein?« schloß Ulrich einstweilen seine Antwort.

»Nur zu sehr kannst du recht haben!« stimmte Agathe zu. »Mein Gott, dieses ganze Werk des Gefühls, sein weltlicher Reichtum, dieses Wollen und Freuen, Tun und Untreuwerden, wegen nichts, als weil es treibt! einbezogen alles, was man erfährt und vergißt, denkt und leidenschaftlich will, und doch auch wieder vergißt: Es ist ja schön wie ein Baum voll Äpfel in jeder Farbe, aber es ist auch formlos eintönig wie alles, was jedes Jahr auf die gleiche Art sich rundet und abfällt!«

Ulrich nickte zu dieser einen Hauch von Ungestüm und Verzicht ausatmenden Antwort seiner Schwester. »Dem appetitartigen Teil der Gefühle verdankt die Welt alle Werke und alle Schönheit, allen Fortschritt, aber auch alle Unruhe, und zuletzt all ihren sinnlosen Kreislauf!« bekräftigte er. »Weißt du übrigens, daß man unter diesem appetitartig einfach den Anteil versteht, den die uns eingeborenen Triebe an jedem Gefühl haben? Also« fügte er hinzu »haben wir damit gesagt, daß es die Triebe sind, wem die Welt Schönheit und Fortschritt verdankt.«

»Und ihre wirre Unruhe« wiederholte Agathe.

»Gewöhnlich sagt man gerade das; darum erscheint es mir nützlich, daß wir das andere nicht außer acht lassen! Denn es ist ja zumindest unerwartet, daß der Mensch gerade seinen Fortschritt dem verdanken soll, was eigentlich der Tierstufe angehört!« Er lächelte dazu. Auch er hatte sich jetzt aufgestützt und kehrte sich ganz seiner Schwester zu, als wollte er sie aufklären; sprach aber zurückhaltend weiter wie einer, der sich zuerst durch die Worte, die er sucht, selbst belehrt fühlen will. »Zweifellos haben die tätig zugreifenden Gefühle des Menschen,« sagte er »und mit Recht hast du da von einer animalischen Anlage gesprochen, zum Kern die gleichen paar Instinkte, die schon das Tier hat. Bei den Hauptgefühlen ist es ganz deutlich: An Hunger, Zorn, Freude, Eigenwille oder Liebe verdeckt der seelische Schleier doch kaum das nackteste Wollen!«

Es hatte den Anschein, daß er auf die gleiche Art fortfahren wolle. Aber obwohl das Gespräch hervorgegangen aus einem Naturtraum, dem Anblick des Blütenzugs, der noch immer eigentümlich ereignislos mitten durch das Gemüt zu schweben schien bei keinem Wort die Schicksalsfrage der Geschwister verkennen ließ; vielmehr vom ersten bis zum letzten unter dem Einfluß jenes Sinnbilds stand, beherrscht war von der geheimsinnigen Vorstellung eines »Geschehens, ohne daß etwas geschieht«, und in einer Stimmung sanfter Bedrängnis stattfand: obwohl alles so war, hatte das Gespräch doch zuletzt zu dem Gegenteil solcher Leitvorstellung und ihrer Gefühlsstimmung geführt; als nämlich Ulrich nicht umhin konnte, die aufbauende Tätigkeit starker Triebe neben deren störender hervorzuheben. Eine so deutliche Ehrenrettung der Triebe, und mitverstanden des triebhaften, und des tätigen Menschen überhaupt denn auch das bedeutete es hätte nun freilich einem »westlichen, abendländischen, faustischen Lebensgefühl« angehören können, in der Sprache der Bücher so genannt zum Unterschied von einem jeden, das nach derselben sich selbst befruchtenden Sprache »orientalisch« oder »asiatisch« sein soll. Er erinnerte sich dieser vornehmtuerischen Modeworte. Doch es lag nicht in der Absicht der Geschwister, noch hätte es ihren Gewohnheiten entsprochen, einem Erlebnis, von dem sie tief bewegt waren, durch solche angeflogenen, schlecht verwurzelten Begriffe eine trügliche Bedeutung zu geben; vielmehr war alles, was sie miteinander sprachen, als wahr und wirklich gemeint, mochte es auch wolkenwandlerischen Ursprungs sein. Darum hatte Ulrich seine Lust daran gehabt, dem zarten Nebel des Gefühls eine Erklärung nach Art der Naturwissenschaften zu unterschieben; und das mochte der Anschein auch dem »Faustischen« Vorschub leisten in Wahrheit bloß deshalb, weil der naturgetreue Geist alles auszuschließen versprach, was unmäßige Einbildung ist. Zumindest hatte er den Ansatz zu einer solchen Erklärung angedeutet. Es war freilich desto seltsamer, daß er ihn nur für das angedeutet hatte, was er das Appetithafte des Gefühls nannte; dagegen ganz außeracht gelassen, wie er einen Gedanken ähnlicher Art auch auf das Nichtappetitartige anwenden könnte, obwohl er anfangs auf dieses gewiß nicht weniger Gewicht gelegt hatte. Es geschah nicht ohne Grund so. Sei es, daß ihm die psychologische und biologische Zergliederung an dieser Seite des Fühlens schwieriger vorkam, sei es, daß er sie vollends nur für ein verdrießliches Hilfsmittel hielt; beides mochte so sein; was ihn aber vornehmlich beeinflußte, war etwas anderes, und er hatte es überdies seit dem Augenblick, wo Agathes Stoßseufzer den schmerzlichen und beglückenden Gegensatz zwischen den vergangenen unruhigen Lebensleidenschaften und der scheinbar unvergänglichen verraten hatte, die in der zeitlosen Stille unter dem Blütenstrom zu Hause war, schon einigemal vorhersehen lassen. Denn es sind zu wiederholen, was er schon verschiedentlich wiederholt hatte nicht nur in jedem einzelnen Gefühl zwei Anlagen unterscheidbar, durch die und nach deren Art es sich bis zur Leidenschaft ausgestalten kann; sondern es gibt auch zwei Arten Menschen, oder in jedem Menschen Zeiten seines Schicksals, die darin verschieden sind, daß die eine oder andere Anlage überwiegt.

Er sah einen großen Unterschied darin. Menschen des einen Schlags, es ist schon erwähnt worden, greifen lebhaft nach allem und nehmen alles in Angriff; sie gehen wie ein Sturzbach über Hindernisse hinweg oder schäumen darum in eine neue Bahn; ihre Leidenschaften sind stark und wechselnd, und das Ergebnis ist ein heftig gegliederter Lebenslauf, der nichts als ein Vorbeigerauschtsein hinterläßt. Dieser Art Mensch hatte der Begriff des Appetitartigen gegolten, als Ulrich daraus den einen Hauptbegriff des leidenschaftlichen Lebens hatte machen wollen; denn die andere Art ist im Gegensatz zu dieser nichts weniger, als ihm entspräche: Sie ist schüchtern, versonnen, undeutlich; schwer entschlossen, voll von Träumen und Sehnsucht und verinnerlicht in ihrer Leidenschaft. Zuweilen in Gedanken, von denen jetzt nicht die Rede war gebrauchte Ulrich für sie auch die Bezeichnung »kontemplativ«, ein Wort, das gewöhnlich anders gemeint wird, und etwa bloß in der lauwarmen Bedeutung von »besinnlich«; für ihn aber mehr als diesen gewöhnlichen Sinn hatte, ja geradezu dem vorhin erwähnten Orientalisch-Unfaustischen gleichkam. Vielleicht prägte sich in diesem Kontemplativen, und zumal in Gemeinschaft mit dem Appetithaften als seinem Gegenteil, ein Hauptunterschied des Lebens aus: Das zog Ulrich lebhafter an als ein Lehrbegriff. Aber daß man solche hochzusammengesetzten und anspruchsvollen Lebensbegriffe alle auf eine zweifache Schichtung, die schon jedes Gefühl hat, zurückführen könnte, diese elementare Möglichkeit der Erklärung war ihm doch auch eine Genugtuung.

Natürlich war ihm klar, daß die beiden Arten des Menschseins, die dabei auf dem Spiel standen, nichts anderes bedeuten konnten als einen Mann »ohne Eigenschaften«, im Gegensatz zu dem mit allen Eigenschaften, die ein Mensch nur zu zeigen vermag. Man mochte den einen auch einen Nihilisten nennen, der von Gottes Träumen träumt; im Gegensatz zum Aktivisten, der in seiner ungeduldigen Handlungsweise aber auch eine Art Gottesträumer ist, und nichts weniger als ein Realist, der weltklar und welttätig sich umtut. »Weshalb sind wir denn keine Realisten?« fragte sich Ulrich. Sie waren es beide nicht, weder er noch sie, daran ließen ihre Gedanken und Handlungen längst nicht mehr zweifeln; aber Nihilisten und Aktivisten waren sie, und bald das eine bald das andere, je nachdem wie es kam. 56

Das Sternbild der Geschwister oder Die Ungetrennten und Nichtvereinten


Auch in den Jahren, wo Ulrich seinen Lebensweg allein und nicht ohne Übermut gesucht hatte, war ihm das Wort Schwester oft schwer von unbestimmter Sehnsucht gewesen, obwohl er damals so gut wie niemals daran dachte, daß er eine lebende und wirkliche Schwester besitze. Darin lag ein Widerspruch und weist auf eine unebene Herkunft hin, für die sich denn auch manches anführen läßt, das die Geschwister gewöhnlich gering achteten. Es mußte ihnen nicht falsch erscheinen, wog aber im Verhältnis zu der Wahrheit, der sie sich nahe wußten, nicht mehr, als ein einspringender Winkel für die Rundung eines groß geschwungenen Mauerzugs bedeutet.

Ohne Frage kommt Ähnliches oft vor. In manchem Leben ist die unwirkliche, erdichtete Schwester nichts anderes als die hochfliegende Jugendform eines Liebesbedürfnisses, das sich später, im Zustand kälterer Träume, mit einem Vogel oder anderem Tier begnügt oder sich der Menschheit oder dem Nächsten zuwendet. Im Leben manches anderen Menschen ist sie jugendliche Lebensscheu und Einsamkeit, ein erdichteter Doppelgänger voll spiegelfechterischer Anmut, der die Angst der Einsamkeit zur Zärtlichkeit eines einsamen Beisammenseins mildert. Und von manchen Naturen wäre bloß zu sagen, daß dieses schwärmerisch von ihnen gehegte Bild nichts sei, als die eingekochteste Eigenliebe und Selbstsucht; ein über die Maßen Geliebtseinmögen, das eine verschlagene Verbindung mit süßer Selbstlosigkeit eingegangen ist. Daß aber viele Männer und Frauen ein solches Gegenbild im Herzen tragen, daran kann kein Zweifel bestehn. Es stellt schlechthin die Liebe dar und ist immer das Zeichen eines unbefriedigenden und gespannten Verhältnisses zur Welt. Und nicht nur die verkürzt wurden oder von Natur ohne Ebenmaß sind, auch die Wohlgeratenen kennen solche Wünsche.

So fing Ulrich denn an, zu seiner Schwester von einem Erlebnis zu sprechen, das er ihr schon einmal erzählt hatte, und wiederholte die Geschichte der unvergeßlichsten Frau, die, Agathe selbst ausgenommen, je seinen Weg gekreuzt hatte. Diese Frau war ein Frau-Kind, ein Mädchen von etwa zwölf Jahren gewesen, das, merkwürdig vollendet in seinem Gebaren, mit ihm und einem Begleiter eine kurze Strecke weit in dem gleichen Straßenbahnwagen gefahren war und ihn entzückt hatte wie ein geheimnisvoll vergangenes Liebesgedicht, dessen Andeutungen voll nie erlebter Seligkeit sind. Dieses Aufflammen seiner Verliebtheit hatte später manchmal Bedenken in ihm erregt, denn es war seltsam und ließ zweifelhafte Rückschlüsse auf ihn selbst zu. Er gab darum die Erinnerung auch nicht gefühlvoll wieder, sondern sprach von den Bedenken, wenngleich er diese wohl nicht ohne Gefühl verallgemeinerte. »Ein Mädchen hat in diesem Alter sehr oft schönere Beine als später« sagte er. »Die spätere Gedrungenheit entsteht wahrscheinlich erst aus dem, was sie unmittelbar über sich zu tragen haben; in der Halbwüchsigkeit sind sie lang und frei und können laufen, und wenn die Röcke bei einer lebhaften Bewegung die Schenkel freigeben, deren Rundung schon etwas sanft Zunehmendes hat oh, mir fällt die Mondsichel ein, gegen das Ende ihrer zarten ersten Mondmädchenzeit, so sehen sie herrlich aus! Ich habe mich später manchmal ernsthaft nach den Gründen gefragt. Das Haar hat in diesem Alter den mildesten Glanz. Das Gesicht zeigt seine schöne Anlage. Die Augen sind wie ein glatter, noch nie zerknitterter Seidenstoff. Der Geist, in Zukunft dazu bestimmt, kleinlich und begehrlich zu werden, ist noch zwischen dunklen Wünschen eine reine Flamme ohne viel Helligkeit. Und was in diesem Alter gewiß noch nicht schön ist, zum Beispiel der Kinderbauch oder der blinde Ausdruck der Brust, gewinnt durch die Kleidung, sofern sie die Erwachsenheit geschickt vortäuscht, und durch die träumerische Ungenauigkeit der Liebe alles, was eine liebenswürdige Bühnenmaske vermag. So ein Geschöpf zu bewundern, ist also ganz rechtschaffen in Ordnung, und wie sollte man es anders tun als mit einem Anflug von Liebe!«

»Und wider die Natur ist es gar nicht, solche Empfindungen an ein Kind zu wenden?« fragte Agathe.

»Widernatürlich wäre erst ein plump unmittelbares Begehren« erwiderte Ulrich. »Aber ein solcher Mensch verstrickt auch das unschuldige, oder auf jeden Fall unfertige und schutzlose, Geschöpf in Geschehnisse, für die es nicht bestimmt ist. Er muß von der Unreife des werdenden Geistes und Körpers absehen und seine Leidenschaft mit einem stummen und verhüllten Gegenspieler spielen; nein, er sieht nicht nur von allem, was ihn hindern sollte, ab, sondern er setzt sich mit Roheit darüber hinweg! Das ist ganz ein anderes Verhalten mit anderen Folgen!«

»Aber vielleicht liegt ein Anhauch der Verderblichkeit des Hinwegsetzens doch auch schon darin, daß man absieht?« wandte Agathe ein. Sie war vielleicht eifersüchtig auf das Gedankengespinst ihres Bruders; jedenfalls widersetzte sie sich. »Ich finde keinen großen Unterschied darin, ob man nicht achtet, was einen hindern könnte, oder ob man es nicht fühlt!«

Ulrich entgegnete: »Du hast recht und hast es nicht. Ich habe die Geschichte eigentlich bloß erzählt, weil sie eine Vorstufe der Geschwisterliebe ist!«

»Der Geschwisterliebe?« fragte Agathe und stellte sich erstaunt, als hörte sie das Wort zum erstenmal; aber da sie ihre Nägel wieder in Ulrichs Arm eingrub, tat sie es vielleicht zu stark, und es zitterten ihre Finger. Ulrich, der es empfand, als ob sich nebeneinander fünf kleine warme Quellen in seinem Arm geöffnet hätten, sagte plötzlich: »Wessen stärkste Erregungen mit Erlebnissen verbunden sind, von denen jedes auf irgendeine Art unmöglich ist, der will nicht die möglichen Erlebnisse! Mag sein, daß die Phantasie eine Flucht vor dem Leben, eine Zuflucht der Feigheit und eine Lasterhöhle ist, wie es viele behaupten; ich glaube, daß die Geschichte des kleinen Mädchens, und auch alle anderen Beispiele, von denen wir gesprochen haben, nicht auf eine Unnatur oder Lebensschwäche hinweist, sondern auf eine Widerweltlichkeit und starke Widersetzlichkeit, auf ein übergroßes und überleidenschaftliches Verlangen nach Liebe!« Er vergaß, daß Agathe nichts von den anderen Beispielen und zweifelhaften Vergleichen wissen konnte, mit denen seine Gedanken zuvor die Geschwisterliebe in Verbindung gebracht hatten; denn er fühlte sich jetzt wieder im klaren und hatte den betäubenden Geschmack, die Verwandlung in das Willenlose und Leblose, das zu seiner Erfahrung gehörte, für dieses Mal überwunden, so daß die selbsttätige Erwähnung ungewollt durch eine Gedankenlücke schlüpfte.

Diese Gedanken waren noch immer auf das Allgemeinere gerichtet, mit dem sich ein persönlicher Fall sowohl vergleichen ließ als er auch davon abstach; und wenn man zu Gunsten des inneren Zusammenhangs dieser Gedanken beiseite läßt, wie sie einander folgten und formten, so bleibt ein mehr oder minder unpersönlicher Gehalt über, der ungefähr so aussah: Für das Lebensgefüge mag der Haß ebenso wichtig sein wie die Liebe. Es scheint auch ebensoviel Gründe zu geben, die Welt zu lieben wie zu verabscheuen. Und in der Natur des Menschen liegen beide Instinkte anwendungsbereit, in einem ungleichen Verhältnis ihrer Kräfte, das persönlich verschieden ist. Aber es ist nicht zu sagen, wie sich Lust und Unwillen dabei die Waage halten, um uns das Leben doch immer weiterführen zu lassen: Falsch ist offenbar bloß die gern gehörte Meinung, daß es dazu eines Mehr an Lust bedürfe, denn wir führen auch das Leben in Unlust weiter, mit einem Überschuß an Unglück, an Haß oder Geringschätzung für das Leben, und fahren dabei so sicher wie mit einem Überschuß an Glück. Es fiel Ulrich aber ein, daß beide ein Äußerstes sind, der lebensliebe wie der vom Unwillen beschattete Mensch, und darum dachte er an den mannigfaltigen Ausgleich, der das Gewöhnliche ist. Zu diesem Ausgleich von Liebe und Haß, und somit zu den Vorgängen und Gebilden, mit deren Hilfe sie sich ins Einvernehmen setzen, gehören zum Beispiel die Gerechtigkeit und alle anderen Formen des Maßhaltens; gehört aber nicht minder auch die Bildung der Genossenschaften von zweien oder von unzähligen Vereinigungen, die wie gefütterte Nester mit auswendigen Dornengürteln sind; es gehört auch die Gottesgewißheit dazu; und Ulrich wußte, daß in dieser Reihe endlich auch das geistig-sinnliche Gebilde der »Schwester« als ein gewagtestes Mittel seinen Platz habe. Aus welcher Schwäche der Seele dieser Traum seine Feuchtigkeit zog, stand darum hintan, und voran stand als Ursprung ein eigentlich übermenschliches Mißverhältnis. Und wahrscheinlich hatte Ulrich aus diesem Grunde auch von Widerweltlichkeit gesprochen, denn wer die Tiefe der guten und bösen Leidenschaft kennt, dem zerfällt alles Übereinkömmliche, das dazwischen vermittelt, und nicht um die Leidenschaft zum eigenen Blut zu beschönigen, hatte er also gesprochen.

Ohne sich Rechenschaft zu geben, warum er es tue, erzählte er Agathe nun auch ein zweites Geschichtchen, das anfangs gar keinen Zusammenhang mit dem ersten zu haben schien. »Es ist mir einmal vor Augen gekommen und wirklich soll es sich auch in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs zugetragen haben, als ohnegleichen Menschen und Völker durcheinandergeworfen worden sind« begann er. »Aus einer Gruppe einsam liegender Bauernhöfe waren die meisten Männer von den Kriegsdiensten entführt worden, keiner von ihnen kam wieder, und die Frauen führten allein die Wirtschaft, was ihnen mühevoll und verdrießlich war. Da geschah es, daß einer von den verschollenen Männern in die Heimat zurückkehrte und sich nach vielen Abenteuern bei seinem Weib meldete. Ich will aber lieber gleich sagen, daß es nicht der rechte Mann gewesen ist, sondern ein Landstreicher und Betrüger, der einige Monate lang mit dem Verschollenen und vielleicht Zugrundegegangenen Marsch und Lager geteilt und sich dessen Erzählungen, wenn ihm das Heimweh die Zunge lockerte, so gut eingeprägt hatte, daß er sich für ihn auszugeben vermochte. Er kannte den Kosenamen des Weibs und der Kuli und die Namen und Gewohnheiten der Nachbarn, die überdies nicht nahe wohnten. Er hatte einen Bart, wie und wo ihn der andere gehabt hätte. Er blickte auf eine Art aus zwei Augen, die keine besondere Farbe hatten, daß man wohl meinen konnte, er hätte es auch früher nicht viel anders getan, und ob seine Stimme zwar anfangs befremdete, ließ es sich immerhin dadurch erklären, daß man früher nie so genau auf sie geachtet hatte wie jetzt. Kurz und gut, der Mann wußte seinen Vorgänger Zug um Zug zu vertreten, wie ein grobes und unähnliches Bild anfangs abstößt, aber umso ähnlicher wird, je länger man mit ihm allein bleibt, und schließlich ganz die Erinnerung einschüchtert. Ich meine wohl, daß manchmal etwas wie ein Grauen die Frau gewarnt haben wird, er wäre es nicht; aber sie hat ihren Mann wieder haben wollen, und vielleicht überhaupt nur einen Mann, und so ist der Fremde in seiner Rolle immer fester geworden«

»Und wie ist das ausgegangen?« fragte Agathe.

»Ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich wird dieser Mensch durch irgendeinen Zufall doch entlarvt worden sein. Aber der Mensch im allgemeinen wird es sein Lebtag nicht!«

»Du willst sagen: Man liebt immer bloß die Stellvertreter der Richtigen? Oder du willst sagen: Wenn ein Mensch zum zweiten Mal liebt, so verwechselt er zwar nicht die Personen, aber das Bild der neuen ist an vielen Stellen nur eine Übermalung von dem der alten?« fragte Agathe mit einem anmutigen Gähnen.

»Ich habe noch viel mehr sagen wollen, und es ist viel langweiliger« gab Ulrich zur Antwort. »Versuche dir einen Farbenblinden vorzustellen, dem Helligkeiten und Abschattungen fast völlig die farbige Welt vertreten: er sieht keine einzige Farbe, und kann sich doch wahrscheinlich so verhalten, daß man es nicht bemerkt, denn was er zu sehen vermag, vertritt ihm das, was er nicht sehen kann. So aber, wie es hier in einem besonderen Bezirk geschieht, ergeht es uns allen eigentlich mit der Wirklichkeit. Sie zeigt sich in unseren Erlebnissen und Forschungen nie anders wie durch ein Glas, das teils den Blick durchläßt, teils den Hineinblickenden widerspiegelt. Wenn ich das zartgerötete Weiß auf deiner Hand betrachte oder die widersetzliche Innigkeit deines Fleisches in meinen Fingern fühle, habe ich Wirkliches vor mir, aber nicht so, wie es wirklich ist; und ebenso wenig, wenn ich es bis auf die letzten Atome und Formeln zurückführe!«

»Warum strengt man sich denn an, es auf etwas zurückzuführen, das abscheulich ist?«

»Erinnerst du dich an das, was ich von der geistigen Abbildung der Natur gesagt habe, vom Bildsein ohne Ähnlichkeit? Man kann irgendetwas in sehr verschiedener Hinsicht als das genaue Abbild von etwas anderem auffassen; aber immer muß dann alles, was in dem Bild vorkommt oder sich aus ihm ergibt, in eben dieser bestimmten Hinsicht ein Abbild von dem sein, was die Durchforschung des Urbilds zeigt. Bewährt sich das auch dort, wo es ursprünglich nicht vorhergesehen werden konnte, so ist das Bild dann gerechtfertigt, wie es nur sein kann. Das ist ein sehr allgemeiner und sehr unsinnlicher Begriff von Bildlichkeit. Er setzt ein bestimmtes Verhältnis zweier Bereiche voraus und gibt zu verstehen, daß es sich als Abbildung auffassen lasse, wenn es sich ohne Ausnahme über beide erstrecke. In diesem Sinn kann eine mathematische Formel das Bild eines Naturvorganges sein, so gut wie die sinnliche äußere Ähnlichkeit eine Abbildung begründet. Eine Theorie kann sich in ihren Folgen mit der Wirklichkeit decken, und die Wirklichkeit mit der Theorie. Eine Tonwalze ist das Abbild einer Singweise und eine Handlung das eines schwankenden Gefühls. In der Mathematik, wo man vor lauter Entwicklung des Denkens am liebsten nur noch dem trauen möchte, was sich an den Fingern abzählen läßt, wird gewöhnlich bloß von der Genauigkeit der Zuordnung gesprochen, die Punkt für Punkt möglich sein muß. Aber im Grunde läßt sich alles, was Entsprechung, Vertretbarkeit zu einem Zweck, Gleichwertigkeit und Vertauschbarkeit oder Gleichheit in Hinsicht auf etwas, oder Ununterscheidbarkeit, oder Angemessenheit aneinander nach irgendeinem Maß heißt, auch als ein Abbildungsverhältnis auffassen. Eine Abbildung ist also ungefähr ein Verhältnis der völligen Entsprechung in Ansehung irgendeines solchen Verhältnisses«

Agathe unterbrach diese Darlegung, die Ulrich etwas unlustig und pflichtgemäß vortrug, mit den warnenden Worten: »Durch all das könntest du einmal einen der neuen Maler in Begeisterung versetzen«

»Oh, warum nicht!« gab er zur Antwort. »Überlege dir, welchen Sinn es hat, dort von Naturtreue und Ähnlichkeit zu reden, wo schon das Räumliche durch eine Fläche ersetzt wird oder die Buntheit des Lebens durch Metall oder Stein. Darum sind die Künstler, die diese Begriffe der sinnlichen Nachbildung und Ähnlichkeit als photographisch von sich weisen und außer einigen mit Werkstoff und Gerät überlieferten Gesetzen nur die Inspiration oder irgendeine ihnen geoffenbarte Theorie anerkennen, gar nicht ganz im Unrecht; aber die abgebildeten Kunden, die sich nach dem Vollzug dieser Gesetze wie die Opfer eines Justizirrtums vorkommen, sind es meistens auch nicht« Ulrich machte eine Pause. Obwohl es seine Absicht gewesen war, nur darum von dem logisch strengen Begriff der Abbildung zu sprechen, daß er aus ihm die freien, und doch keineswegs beliebigen Folgerungen ziehen könne, von denen die verschiedenen im Leben vorkommenden Bildverhältnisse beherrscht werden, schwieg er jetzt. Es befriedigte ihn nicht, sich bei diesem Versuch zu beobachten. Er hatte in letzter Zeit viel vergessen, was ihm früher geläufig gewesen war, besser gesagt, er hatte es beiseite geschoben; sogar die scharfen Ausdrücke und Begriffe seines früheren Berufes, die er so oft benutzt hatte, waren ihm nicht mehr gefügig, und er spürte auf der Suche nach ihnen nicht nur eine unangenehme Trockenheit, sondern fürchtete sich auch, wie ein Pfuscher zu reden.

»Du hast gesagt, daß einem Farbblinden nichts fehlt, wenn er die Welt sieht!« ermunterte ihn Agathe.

»Ja. Natürlich hätte ich es nicht ganz so sagen sollen« erwiderte Ulrich. »Es ist alles in allem noch eine unklare Frage. Schon wenn man sich auf das geistige Bild beschränkt, das der Verstand von irgendetwas gewinnt, gerät man bei der Frage, ob es wahr sei, in die größten Schwierigkeiten, obschon man durchwegs eine trockene und lichtdurchglänzte Luft atmet. Nun sind gar die Bilder, die wir uns im Leben machen, um richtig handeln und fühlen zu können oder auch kräftig handeln und fühlen zu können, nicht bloß vom Verstand abhängig, ja oft sind sie höchst unverständig und nach seinen Maßen unähnliche Bilder; und doch müssen sie ihren Dienst erfüllen, damit wir in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit und uns selbst bleiben. Sie müssen also nach irgendeinem Bildschlüssel oder irgendeiner Gebrauchsanweisung und gemäß dem Begriff, der die Art der Abbildung bestimmt, auch genau und vollständig sein, selbst wenn dieser Begriff Raum für verschiedene Ausführungen läßt«

Agathe unterbrach ihn lebhaft. Sie hatte plötzlich den Zusammenhang erfaßt. »Der falsche Bauer ist also ein Abbild des echten gewesen?« fragte sie.

Ulrich nickte. »Ursprünglich hat ja auch ein Bild immer seinen Gegenstand ganz vertreten. Es hat Macht über ihn verliehen. Wer einem Bild die Augen oder das Herz ausstach, tötete den Abgebildeten. Wer sich des Bildes einer unzugänglichen Schönen heimlich bemächtigte, dem fiel sie anheim. Auch der Name gehört zu den Bildern; und so hat man Gott bei seinem Namen beschwören können, was soviel hieß wie gefügig machen. Wie du weißt, entwendet man übrigens auch heute noch heimlich Erinnerungszeichen oder schenkt sich Ringe mit dem eingegrabenen Namen und trägt Bilder und Locken als Talisman am Herzen. Da hat sich also etwas im Lauf der Zeit gespalten; das Ganze ist zum Aberglauben herabgesunken, und ein Teil hat dafür die trockene Würde der Photographie, der Geometrie oder Ähnliches erreicht. Aber denke einmal an den Hypnotisierten, der mit allen Anzeichen des Wohlgefallens in eine Kartoffel beißt, die ihm einen saftigen Apfel vertritt, oder denke an die Puppen deiner Kindheit, die du umso leidenschaftlicher geliebt hast, je einfacher und der Menschenähnlichkeit ferner sie gewesen sind, so bemerkst du, daß es nicht auf das Äußere ankommt, und bist wieder bei dem bolzsteifen Fetischpfahl, der einen Gott darstellt«

»Sollte man nicht beinahe sagen können, je unähnlicher ein Bild sei, desto größer die Leidenschaft dafür, sobald wir uns daran gebunden haben?« fragte Agathe.

»Wahrhaftig!« stimmte ihr Ulrich bei. »Unser Verstand, unsere Wahrnehmung haben sich in dieser Frage von unserem Gefühl getrennt. Man kann sagen, daß die ergreifendsten Stellvertretungen immer etwas Unähnliches haben.« Er betrachtete sie lächelnd von der Seite und fügte hinzu: »Wenn ich nicht in deiner Gegenwart bin, sehe ich dich nicht ähnlich vor mir, so wie dich einer malen möchte; sondern mir ist eher, als hättest du in ein Wasser geblickt und ich bemühte mich vergeblich, darin mit dem Finger dein Bild nachzuzeichnen. Ich möchte behaupten, daß man nur Gleichgültiges richtig und ähnlich sieht.«

»Seltsam!« erwiderte seine Schwester. »Ich sehe dich genau vor mir! Vielleicht weil mein Gedächtnis überhaupt zu genau und unselbständig ist!«

»Ähnlichkeit der Abbildung ist eine Annäherung an das, was der Verstand wirklich und gleich findet; es ist ein Zugeständnis an ihn!« sagte Ulrich artig und fuhr vermittelnd fort: »Daneben gibt es aber doch auch die Bilder, die sich an unser Gefühl wenden, und ein Kunstbild ist zum Beispiel eine Mischung aus beiden Ansprüchen. Willst du aber darüber hinaus bis dorthin gehen, wo etwas nur noch für das Gefühl etwas anderes vertritt, so mußt du an solche Beispiele denken wie eine flatternde Fahne, die in besonderen Augenblicken ein Bild unserer Ehre ist«

»Da läßt sich doch nur noch von einem Symbol, aber von keinem Bild mehr reden!« warf Agathe ein.

»Sinnbild, Gleichnis, Bild, es geht ineinander über« meinte Ulrich. »Sogar solche Beispiele gehören hieher wie das Krankheitsbild und der Heilungsplan, die sich ein Arzt macht. Sie müssen die erfinderische Ungenauigkeit der Einbildung, immerhin aber auch die Genauigkeit der Ausführbarkeit haben. Diese geschmeidige Grenze zwischen der Einbildung des Planens und dem Bild, das vor der Wirklichkeit bestehen bleibt, ist im Leben überall wichtig und schwer zu finden.«

»Wie verschieden wir sind!« wiederholte Agathe nachdenklich.

Ulrich wehrte den Vorwurf lächelnd ab. »Sehr! Ich spreche von der Ungenauigkeit, etwas für etwas zu nehmen, als von einer Fruchtbarkeit und Leben spendenden Gottheit und bemühe mich, ihr so viel Ordnung beizubringen, als sie verträgt; und du bemerkst nicht, daß ich längst auch von der wahrhaften Möglichkeit doppelgängerischer Zwillinge rede, zwei Seelen zu haben und eine zu sein?« Er fuhr lebhaft fort: »Stelle dir Zwillinge vor, die einander zum Verwechseln ähnlich sehen, stelle sie dir in der gleichen Haltung vor, und bloß durch eine als Strich angedeutete Wand getrennt, die dir bestätigt, daß es zwei selbständige Wesen sind. Und nun mögen sie in einer unheimlichen Steigerung einander auch in dem, was sie tun, wiederholen, so daß du unwillkürlich das gleiche von ihrem Innern annimmst: Was ist das Unheimliche dieser Vorstellung? Daß wir sie an nichts unterscheiden können, und daß sie doch zwei sind! Daß für uns in allem, was wir mit ihnen unternehmen können, der eine so gut wie der andere ist, obwohl sich an ihnen dabei doch etwas wie ein Schicksal vollzöge! Kurz, daß sie für uns gleich sind, und für sich nicht!«

»Warum treibst du solchen gruseligen Spuk mit den Zwillingen?« fragte Agathe.

»Weil das ein Fall ist, der oft vorkommt. Es ist der Fall des Verwechselns, der Gleichgültigkeit, des in Bausch und Bogen Nehmens und Behandelns, der Vertretbarkeit..., also ein Hauptkapitel aus den Bräuchen des Lebens. Ich habe es bloß ausgeschmückt, um es dir etwas auffälliger zu machen. Denn nun kehre ich es um: Unter welchen Umständen werden die Zwillinge für uns zweierlei und für sich ein und dasselbe sein? Ist das auch Spuk?«

Agathe preßte seinen Arm und seufzte. Dann gab sie zu: »Wenn es möglich ist, daß zwei Menschen für die Welt gleich sind, so könnte es auch sein, daß uns ein Mensch doppelt erscheint. Aber du zwingst mich, Unsinn zu reden!« fügte sie bei.

»Stell dir zwei Goldfische in einem Glas vor« bat Ulrich.

»Nein!« sagte Agathe entschlossen, wenn auch lachend. »Ich tue nicht mehr mit!«

»Bitte, stell es dir vor! Ein kugelförmiges großes Glas, wie man es manchmal in einem Salon sieht. Du kannst nebenbei denken, daß das Glas auch so groß sein kann wie die Grenzen unseres Grundstücks. Und zwei golden rötliche Fische, die ihre Flossen wie Schleier bewegen und langsam auf und nieder schwingen. Lassen wir beiseite, ob sie wirklich zwei oder eins sind. Für einander werden sie vorerst jedenfalls zwei sein; dafür sorgen schon der Futterneid und das Geschlecht. Auch weichen sie einander ja aus, wenn sie sich zu nahe kommen. Ich kann mir aber gut vorstellen, daß sie für mich eins werden: Ich brauche bloß auf diese Bewegung zu achten, die sich langsam einzieht und entfaltet, so ist das einzelne schimmernde Geschöpf bloß ein unselbständiger Teil dieser gemeinsam auf und ab steigenden Bewegung. Nun frage ich, wann es ihnen selbst auch so geschehen könnte.«

»Es sind Goldfische!« warnte Agathe. »Und keine Tanzgruppe, die an übernatürlichen Einbildungen leidet!«

»Es sind du und ich,« entgegnete ihr Bruder nachdenklich »und darum möchte ich auch versuchen, den Vergleich richtig zu Ende zu bringen. Es scheint mir eine lösbare Aufgabe zu sein, sich vorzustellen, wie an ihrer geteilt-einigen Bewegung die Welt vorbeigleitet. Es geschieht nicht anders, als sich an einem Eisenbahnzug, der durch Krümmungen fährt, die Welt vorbeidreht; bloß geschieht es zweifach, so daß zu jedem Augenblick des Doppelwesens zwei Stellungen der Welt gehören, die irgendwie seelisch zusammenfallen müssen, das heißt, es wird niemals der Einfall mit ihnen verbunden sein, durch eine Bewegung von der einen zur andern zu gelangen; es wird nicht der Eindruck einer zwischen ihnen bestehenden Entfernung entstehen; noch desgleichen mehr. Ich glaube, mir vorstellen zu können, daß man sich ganz leidlich auch in einer solchen Welt zurechtfände, und es ließe sich dazu wohl auf verschiedene Art die nötige Beschaffenheit der Sinneswerkzeuge und Auffassungsvorgänge ausklügeln.« Ulrich blieb einen Augenblick stehen und dachte nach. Manche Einwände waren ihm bewußt geworden, und auch die Möglichkeit ihrer Abschaffung deutete sich an. Er lächelte schuldbewußt. Dann sagte er: »Aber wenn wir annehmen, daß diese Beschaffenheit der unseren gleich sei, ist die Aufgabe gar viel leichter! Die beiden schwebenden Geschöpfe werden sich ja auch dann schon als eines fühlen, ohne daß sie durch die Verschiedenheit ihrer Wahrnehmungen darin gestört würden, und ohne daß es dazu einer höheren Geometrie und Physiologie bedürfte, so du bloß glauben willst, daß sie seelisch aneinander stärker gebunden sind als an die Welt. Wenn irgend etwas ihnen gemeinsam Wichtiges unendlich stärker ist als die Verschiedenheit ihrer Erlebnisse; wenn es diese überdeckt und gar nicht erst zu Bewußtsein kommen läßt; wenn ihnen das störend von der Welt Kommende nicht des Bewußtseins wert ist, wird das geschehn. Und es kann eine gemeinsame Suggestion solche Wirkung haben; oder eine süße Nachlässigkeit und Ungenauigkeit der Aufnahmegewohnheiten, die alles verwechselt; oder einseitige Spannung und Überspanntheit, die nur das Erwünschte durchläßt; eines, wie mir scheint, so gut wie das andere« Nun lachte ihn Agathe aus: »Wozu habe ich dann die ganze Genauigkeit der Abbildungsverhältnisse durchexerzieren müssen?« fragte sie.

Ulrich zuckte die Achseln: »Es hängt alles miteinander zusammen« erwiderte er verstummend.

Er wußte selbst, daß er in seinen Anläufen nirgends durchgedrungen sei, und ihre Verschiedenheit verwirrte seine Erinnerung. Es sah voraus, daß sie sich wiederholen würden. Aber er war müde. Und wie die Welt im versiegenden Licht traulich schwer wird und alle Glieder an sich zieht, so drang Agathes Nachbarschaft wieder körperlich zwischen seine Gedanken, während sein Geist versagte. Sie hatten sich beide daran gewöhnt, solche schwierigen Gespräche zu führen, und diese waren schon seit längerer Zeit so gemischt aus dem Treiben der Einbildungskraft und der vergeblichen äußersten Anstrengung des Verstandes, es zu sichern, daß es ihnen beiden nichts Neues war, bald auf eine Entscheidung zu hoffen, bald sich von ihren eigenen Worten im Gehen und Stehen kaum anders einwiegen zu lassen, als man auf das kindlich vergnügte Selbstgespräch eines Brunnens horcht, der lallend vom Ewigen schwätzt. In diesem Zustand fiel Ulrich jetzt nachzüglerisch noch etwas ein, und er griff wieder auf seine sorgfältig untermalte Parabel zurück. »Es ist erstaunlich einfach, aber doch auch seltsam, und ich weiß nicht, wie ich es dir überzeugend sagen soll« meinte er. »Du siehst jene Wolke dort an einer etwas anderen Stelle als ich, und auch sonst vermutlich etwas anders; und davon haben wir gesprochen, daß, was du siehst und tust und was dir einfällt, niemals dem gleich sein wird, was mir widerfährt und was ich tue. Und die Frage haben wir untersucht, ob es nicht trotzdem möglich wäre, bis ins letzte eins zu sein, und zu zweien mit einer Seele zu leben? Wir haben allerhand ausgezirkelte Antworten angedeutet, aber die einfachste habe ich dabei vergessen: daß die beiden Menschen gesonnen und imstande sein könnten, alles, was sie erleben, nur als Gleichnis hinzunehmen! Bedenke bloß, daß jedes Gleichnis für den Verstand zweideutig, aber für das Gefühl eindeutig ist. Wem die Welt bloß ein Gleichnis ist, der könnte also wohl, was nach ihren Maßen zwei ist, nach den seinen als eins erleben.« In diesem Augenblick schwebte es Ulrich sogar vor, daß in einem Lebensverhalten, dem das Hiersein bloß ein Gleichnis des Dortseins wäre, sogar das Nichterlebbare, in zwei getrennt wandelnden Körpern eine Person zu sein, den Stachel seiner Unmöglichkeit verlöre; und er schickte sich an, darüber weiterzusprechen.

Aber Agathe zeigte auf die Wolke und unterbrach ihn zungenfertig: »Hamlet: Seht Ihr die Wolke dort, beinah' in Gestalt eines Kamels? Polonius: Beim Himmel, sie sieht auch wirklich aus wie ein Kamel. Hamlet: Mich dünkt, sie sieht aus wie ein Wiesel. Polonius: Sie hat einen Rücken wie ein Wiesel. Hamlet: Oder wie ein Walfisch? Polonius: Ganz wie ein Walfisch!« Sie brachte es so hervor, daß es ein Spottbild geflissentlicher Übereinstimmung war.

Ulrich begriff den Einwand, fuhr aber unbehindert fort: »Man sagt doch von einem Gleichnis auch, daß es ein Bild sei. Und ebenso gut ließe sich von jedem Bild sagen, daß es ein Gleichnis wäre. Aber keines ist eine Gleichheit. Und eben daraus, daß es einer nicht nach Gleichheit, sondern nach Gleichnishaftigkeit geordneten Welt angehört, läßt sich die große Stellvertretungskraft, die heftige Wirkung erklären, die gerade ganz dunklen und unähnlichen Nachbildungen zukommt und von der wir gesprochen haben!« Dieser Gedanke selbst wuchs durch sein Zwielicht, und er vollendete ihn nicht; die unmittelbare Erinnerung an das, was über Abbildungen gesprochen worden, verband sich darin mit dem Bild der Zwillinge und mit der erlebten bildschönen Erstarrung Agathes, die sich vor den Augen ihres Bruders wiederholt hatte, und dieses Gemenge wurde von fernher belebt durch die Erinnerung daran, wie oft solche Gespräche, wenn sie am schönsten waren und aus ganzer Seele kamen, selbst eine Neigung bekundeten, sich nur noch in Gleichnissen auszudrücken. Heute aber geschah das nicht, und Agathe traf nun wie ein Schütze die empfindliche Stelle, als sie ihren Bruder wieder mit einer Bemerkung störte. »Warum, in aller Welt, gehen denn deine Wünsche und Worte überhaupt nach einer Frau, die abenteuerlich genau deine zweite Ausgabe sein soll!« rief sie unschuldig verletzend aus. Trotzdem war ihr ein wenig bang vor der Erwiderung und sie schützte sich auch durch eine Wendung ins Allgemeine: »Kann man es denn verstehen, warum in aller Welt das Ideal aller Liebenden es ist, ein Wesen zu werden, ungeachtet diese Undankbaren fast allen Reiz der Liebe gerade dem verdanken, daß sie zwei Wesen und als Geschlecht verlockend ungleich sind?« Sie fügte scheinheilig, aber noch arglistiger zielend hinzu: »Sie sagen sogar manchmal zu einander, als wollten sie dir entgegenkommen: du bist meine Puppe!«

Ulrich nahm indessen den Spott hin. Er hielt ihn für gerecht, und es war schwierig, ihn durch eine neue Anpassung zu widerlegen. Es war in dem Augenblick auch nicht nötig. Denn obzwar die Geschwister sehr verschieden sprachen, waren sie doch einig. Von einer unbestimmten Grenze an fühlten sie sich als ein Wesen; so wie aus zwei Menschen, die vierhändig spielen oder zweistimmig laut eine Schrift lesen, die für ihr Heil wichtig ist, ein Wesen ersteht, dessen bewegter, hellerer Umriß sich ohne Deutlichkeit von einem Schattengrund abhebt. Wie in einem Traum schwebte es ihnen vor, zu einer Gestalt zu verschmelzen ebenso unbegreiflich, überzeugend und leidenschaftsschön, wie es da geschieht, daß zwei Menschen nebeneinander vorkommen, und heimlich derselbe sind; und es war durch die in letzter Zeit hervorgetretene nachdenkliche Behandlung teils gestützt, teils gestört worden. Von diesen Überlegungen ließe sich sagen, daß es nicht unmöglich sein sollte, was der Wirkung des Gefühls im Schlaf gelingt, auch bei wachem Bewußtsein zu wiederholen; vielleicht mit Auslassungen, gewiß auf veränderte Art und durch andere Vorgänge, es könnte aber auch zu erwarten sein, daß es dann mit größerer Widerstandsfähigkeit gegen die auflösenden Einflüsse der wachen Welt geschieht. Sie sahen sich davon freilich weit genug entfernt, und sogar die Wahl der Mittel, die sie bevorzugten, unterschied sie von einander, insofern als Ulrich mehr zur Rechenschaft neigte und Agathe zum unbedacht gläubigen Entschluß.

Darum geschah es oft, daß scheinbar das Ende einer Aussprache weiter vom Ziel war als der Anfang, wie auch diesmal im Garten, wo die Zusammenkunft beinahe wie ein Versuch, nicht mehr zu atmen, begonnen hatte und einstweilen geradezu in Mutmaßungen über die Bauweise von verschiedenen gedachten Kartenhäusern übergegangen war. Im Grunde war es aber natürlich, daß sie sich verhindert fühlten, nach ihren allzu kühnen Gedanken zu handeln. Denn wie sollten sie etwas verwirklichen, das sie selbst als die lautere Unwirklichkeit planten, und wie sollte ihnen das Handeln in einem Geiste leicht fallen, der recht eigentlich ein Zaubergeist der Untätigkeit war. Darum wünschten sie sich inmitten ihrer weltabgeschlossenen Unterhaltung plötzlich recht lebendig, wieder mit Menschen in Berührung zu kommen.


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Nachdenken


Seit diesem Auftritt meinte Ulrich, daß er vorwärts getragen würde; eigentlich wäre nur zu sagen gewesen, daß etwas Unverständliches neu hinzugekommen sei, er nahm es aber als Zuwachs an Wirklichkeit auf. Er handelte dabei vielleicht ein wenig wie einer, der seine Meinungen gedruckt gelesen hat und seither von ihrer Unumstößlichkeit überzeugt ist; aber er mochte das belächeln, zu ändern vermochte er es nicht. Und Agathe hatte ihm, gerade als er seine Schlüsse aus dem tausendjährigen Buch ziehen, vielleicht aber auch nur sein Erstaunen nochmals ausdrücken wollte, erwidert und mit dem Ausruf das Wort abgeschnitten: »Das haben wir ja schon lange besprochen!« Daß sie immer recht behielte, auch dann, wenn sie es nicht hätte, fühlte Ulrich! Denn ob es zwar nichts weniger als richtig sein konnte, daß zwischen ihnen schon genug gesagt worden wäre, geschweige denn das Wahre oder Entscheidende! ja gerade ein solches erlösendes Geschehen oder Zauberwort ausgeblieben war, auf das man anfangs noch hatte hoffen mögen: so wußte er doch auch, daß die Fragen, die sein Leben schon fast seit einem Jahr beherrschten, nun sehr eng und dicht, und nicht in einer verständigen, sondern in einer lebendigen Weise, um ihn zusammengerückt seien. Gerade so, als wäre nun bald doch genug über sie gesprochen worden, wenn sich auch die Antwort nicht eben in Worten ausdrückte.

Er konnte sich nicht einmal vollständig erinnern, was er darüber im Lauf der Zeit gesagt und gedacht hatte, ja beiweitem vermochte er das nicht. Er war wohl offenbar ausgezogen, um mit allen Menschen davon zu sprechen; aber es lag ja auch an dem Vorwurf selbst, daß sich nichts, was man über ihn zu sagen vermochte, in einer fortschreitenden Art aneinander fügte, sondern daß sich alles ebenso vielfältig zerstreute wie berührte. Es entstand immer wieder die gleiche Bewegung des Geistes, die sich von der gewöhnlichen deutlich unterschied, und der Reichtum des in sie Einbezogenen wuchs; aber Ulrich mochte sich erinnern, woran er wollte, so war es von einer solchen Eingebung zur andern immer ebenso weit, wie es zu einer dritten gewesen wäre, und nirgends hob sich eine Behauptung durch ihre beherrschende Stellung hervor. Auf diese Weise erinnerte er sich jetzt auch daran, daß einstmals ein dem ähnliches »Gleichweit«, wie es hier zwischen den Gedanken beinahe lästig und entmutigend wirkte, auf das beglückendste zwischen ihm und der ganzen Welt, die um ihn war, bestanden hatte; scheinbar oder wirklich, eine Aufhebung des Geistes der Trennung, ja beinahe des Raums. Das war damals, in seinen allerersten Mannesjahren, auf der Insel geschehen, wohin er sich vor der Frau Major, mit ihrem Bilde im Herzen, geflüchtet hatte. Er hatte es wohl auch fast mit den gleichen Worten beschrieben. Alles war auf unverständlich sichtbare Weise durch einen Zustand der Liebesfülle verändert, als hätte er ehedem nur einen Zustand der Armut gekannt. Selbst der Schmerz war Glück. Beinahe auch sein Glück ein Schmerz. Alles war ihm hangend zugeneigt. Es schien, daß alle Dinge von ihm wüßten, und er von ihnen; daß alle Wesen von einander wüßten, und daß es doch ein Wissen überhaupt nicht gäbe, sondern daß Liebe mit ihren Attributen der schwellenden Fülle und des reifenden Werdens als das einzige und vollkommene Gesetz diese Insel beherrschte. Er hatte das später, mit geringfügigen Änderungen, oft genug als Vorlage benutzt, und mehr oder minder hätte er auch in den letzten Wochen diese Beschreibung erneuern können; es war durchaus nicht schwer, in ihr fortzufahren, und je bedenkenloser man es tat, desto fruchtbarer geschah es. Aber gerade diese Unbestimmtheit war das, woran ihm jetzt am meisten lag. Denn hingen seine Gedanken so zusammen, daß sich ihnen nichts Wesentliches hinzufügen ließ, das sie nicht aufgenommen hätten wie einen Hinzukommenden, der in einer Versammlung verschwindet, so bewiesen sie damit doch bloß ihre Ähnlichkeit mit den Empfindungen, durch die sie zum erstenmal in Ulrichs Leben gerufen worden waren; und diese Übereinstimmung einer, nun durch Agathe, zum zweitenmal erlebten Veränderung der Sinnessphäre, von der die Welt ergriffen zu werden schien, mit einem veränderten Denken, von dem man auch hätte sagen können, daß es sich in unendlichen Träumen auf seinem Platz winde; und schon einmal war es schließlich daran ermattet! diese merkwürdige Übereinstimmung, die Ulrich heute erst ganz beachtete, gab ihm Mut und Befürchtungen ein. Er wußte noch, daß er damals den Ausdruck, ins Herz der Welt geraten zu sein, gebraucht hatte. Gab es das? War es wirklich mehr als eine Umschreibung? Er war dem Anspruch der Mystik, daß man sich selbst aufgeben müsse, nur mit Ausschluß des Kopfes geneigt: aber mußte er sich nicht gerade darum eingestehn, daß er heute nicht viel mehr davon wisse als ehedem?!

Er ging weiter diese Breiten entlang, die scheinbar nirgends in ihre Tiefen einließen. Ein andermal hatte er alles dies »das rechte Leben« genannt; wohl noch vor kurzem, wenn er nicht irrte; und erst wenn man ihn früher gefragt hätte, was er treibe, so hätte er auch während seiner exaktesten Beschäftigungen gewöhnlich keine andere Antwort darauf gehabt als die, daß sie Vorarbeiten für das rechte Leben seien. Daran nicht zu denken, war überhaupt unmöglich. Zwar ließ sich nicht sagen, wie es aussehen müßte, ja nicht einmal, ob es wirklich eines gebe, und es war vielleicht nur eine jener Ideen, die mehr ein Wahrzeichen als eine Wahrheit sind; aber ein Leben ohne Sinn, eines, das nur den sogenannten Erfordernissen gehorchte, und ihrem als Notwendigkeit verkleideten Zufall, somit ein Leben der ewigen Augenblicklichkeit und da fiel ihm wieder ein Ausdruck ein, den er einmal gebildet hatte: Die Vergeblichkeit der Jahrhunderte!: ein solches Leben war ihm einfach eine unerträgliche Vorstellung! Nicht weniger aber auch ein Leben »für etwas«, diese von Meilensteinen beschattete Landstraßendürre inmitten undurchmessener Breiten. Das alles mochte er ein Leben vor der Entdeckung der Moral heißen. Denn auch das war eine seiner Ansichten, daß die Moral nicht von den Menschen geschaffen wird und mit ihnen wechselt, sondern daß sie geoffenbart wird, daß sie in Zeiten und Zonen entfaltet wird, daß sie geradezu entdeckt werden könne. In diesem Gedanken, der so unzeitgemäß wie zeitgemäß war, drückte sich vielleicht nichts als die Forderung aus, daß auch die Moral eine Moral haben müsse, oder die Erwartung, daß sie sie im Verborgenen habe, und nicht bloß eine sich um sich selbst drehende Klatschgeschichte auf einem bis zum Zusammenbruch kreisenden Planeten sei. Er hatte natürlich niemals geglaubt, daß der Inhalt solcher Forderung mit einem Schlag entdeckt werden könnte; es kam ihm bloß wünschenswert vor, beizeiten daran zu denken, das heißt, in einem Zeitpunkt, der nach etlichen Jahrhunderttausenden zwecklosen Drehens verhältnismäßig günstig und geeignet für die Frage zu sein schien, ob sich nicht eine Erfahrung daraus gewinnen lasse. Aber freilich, was wußte er nun auch von dem wirklich? Es war im ganzen nicht mehr, als daß auch dieser Kreis von Fragen im Verlauf seines Lebens dem gleichen Gesetz oder Schicksal unterworfen gewesen sei wie die anderen Kreise, die sich nach allen Seiten aneinanderschlossen, ohne eine Mitte zu bilden.

Er wußte natürlich mehr davon! Zum Beispiel, daß so zu philosophieren, wie er es da tat, für schrecklich unernst gelte, und er wünschte in diesem Augenblick auf das lebhafteste, diesen Irrtum widerlegen zu können. Er wußte auch, wie man so etwas beginnt: er kannte einigermaßen die Geschichte des Denkens; er hätte darin ähnliche Bemühungen finden können und ihre erbitterte oder spöttische oder ruhige Bestreitung; er hätte sein Material ordnen, einordnen können; er hätte Fuß fassen und über sich hinausgreifen können. Für eine Weile erinnerte er sich schmerzlich seiner früheren Tüchtigkeit und namentlich jener Gesinnung, die ihm so natürlich war, daß sie ihm einmal sogar den Spottnamen eines »Aktivisten« eingetragen hatte. War er denn nicht mehr der, den beständig die Vorstellung begleitete, daß man sich um die »Ordnung des Ganzen« bemühen müsse; hatte nicht er mit einer gewissen Hartnäckigkeit die Welt einem »Laboratorium« einer »Experimentalgemeinschaft« verglichen; hatte er nie von einem »fahrlässigen Bewußtseinszustand der Menschheit« gesprochen, der in einen Willen zu verwandeln wäre; gefordert, daß man Geschichte »machen« müsse; hatte er nicht schließlich wirklich, wenn es auch nur spöttisch geschah, ein »Generalsekretariat der Genauigkeit und Seele« verlangt? Das war nicht vergessen, denn darin kann man sich nicht plötzlich ändern; das war bloß augenblicklich außer Wirksamkeit gesetzt! Es ließ sich auch nicht verkennen, woran das liege. Ulrich hatte nie über seine Gedanken Buch geführt; aber selbst wenn er sich aller auf einmal hätte entsinnen können, so wäre es ihm, das wußte er, nicht möglich gewesen, sie einfach vorzunehmen, zu vergleichen, an möglichen Erklärungen zu prüfen und schließlich das reine, so dünne Blättchen des Metalls der Wahrheit aus den Dämpfen zum Vorschein zu führen. Es war ja eine Eigentümlichkeit dieser Art von Gedanken, daß sie keinen Fortschritt zur Wahrheit besaß; und obwohl Ulrich im Grunde voraussetzte, daß sich ein solcher Fortschritt durch einen unendlichen und langsamen Vorgang in der Gesamtheit einmal doch einstellen werde, so war es ihm kein Trost, denn er besaß nicht mehr die Geduld des Sich-überleben-lassens von dem, wozu man bloß wie eine Ameise etwas beiträgt. Seine Gedanken standen mit der Wahrheit längst nicht mehr auf dem besten Fuß, und nun kam ihm wieder das als die Frage vor, die am dringendsten der Aufklärung bedurft hätte.

Er war damit aber nochmals auf den Gegensatz von Wahrheit und Liebe zurückgekommen, der ihm kein neuer war. Es fiel ihm ein, wie oft in den letzten Wochen Agathe über seine, für ihren Geschmack noch viel zu pedantische Wahrheitsliebe gelacht habe; und manchmal mochte sie davon auch Kummer gehabt haben! Und plötzlich fand er sich bei dem Gedanken, daß es eigentlich kein widerspruchsvolleres Wort gebe als Wahrheitsliebe. »Denn man kann die Wahrheit auf Gott weiß wieviel Weisen hochstellen, bloß lieben darf man sie nicht, weil sie sich ja in der Liebe auflöst« dachte er. Und diese Behauptung, keineswegs das gleiche wie die kleinmütige, daß die Liebe keine Wahrheit vertrage war für ihn ebenso vertraut-unvollendbar wie alles übrige. Sobald einem Menschen die Liebe nicht als ein Erlebnis begegnet, sondern als das Leben selbst, mindestens als eine Art des Lebens, kennt er mehrere Wahrheiten. Der ohne Liebe Urteilende nennt das Ansichten, persönliche Auffassungen, Subjektivität, Willkür; aber der Liebende weiß, er ist nicht unempfindlich für die Wahrheit, er ist überempfindlich. Er befindet sich in einer Art Enthusiasmus des Denkens, wo sich die Worte bis zum Grund öffnen. Das kann natürlich eine Täuschung sein, und Ulrich berücksichtigte es, die natürliche Folge allzu lebhaft beteiligten Gefühls. Wahrheit entsteht bei kaltem Blut; das Gefühl ist ihr abträglich, und sie dort zu erwarten, wo etwas »Sache des Gefühls« ist, gilt nach aller Erfahrung für ebenso verkehrt, wie Gerechtigkeit vom Zorn zu fordern. Trotzdem war es unbezweifelbar, was die Liebe als »das Leben selbst« von der Liebe als Erlebnis der Person unterschied. Und Ulrich überlegte nun, wie deutlich doch die Schwierigkeiten, die ihm die Ordnung seines Lebens darbot, immer mit diesem Begriff einer übermächtigen, sozusagen ihre Kompetenz überschreitenden, Liebe zusammengehangen seien. Von dem Leutnant, der ins Herz der Welt versank, bis zu dem Ulrich des letzten Jahres mit seiner mehr oder weniger überzeugten Behauptung, daß es zwei grundlegend verschiedene und schlecht verschmolzene Lebenszustände, Ichzustände, ja vielleicht sogar Weltzustände gebe, waren die Bruchstücke der Erinnerung, soweit er sie sich zu vergegenwärtigen vermochte, alle in irgendeiner Form mit dem Verlangen nach Liebe, Zärtlichkeit und gartenhaftkampflosen Seelengefilden verbunden. In diesen Breiten lag auch die Vorstellung des »rechten Lebens«; so leer sie im hellen Verstandeslicht sein mochte, so reich wurde sie vom Gefühl mit halb geborenen Schatten erfüllt.

Es war ihm gar nicht angenehm, diese Bevorzugung der Liebe in seinem Denken so eindeutig anzutreffen; er hatte eigentlich erwartet, daß darin mehr und noch anderes zu gewahren sein müßte und daß Erschütterungen wie die des letzten Jahres ihre Bewegung nach verschiedenen Richtungen getragen hätten; ja, es kam ihm wirklich wunderlich vor, daß der Eroberer, dann der Moralingenieur, als die er sich in seinen Kraftjahren erwartet hatte, schließlich zu einem Minnenden und Minnesüchtigen ausreifen sollten. 61

Frühspaziergang


Um Clarissens Mund kämpfte Lachen mit Schwierigkeiten; bald öffnete er sich, bald preßte er sich schmal zusammen. Sie war vorzeitig aufgestanden; Walter schlief noch, sie hatte rasch ein leichtes Kleid übergeworfen und war ins Freie getreten. Die Vögel sangen vom Wald herüber durch die leere Morgenstille. Die Halbkugel des Himmels war noch nicht mit Wärme ausgefüllt. Selbst das Licht war noch seicht verteilt. »Es reicht mir nur an die Knöchel,« dachte Clarisse »der Hahn des Morgens ist soeben erst aufgedreht worden! Alles ist vor der Zeit!« Clarisse war stark davon berührt, daß sie vor der Zeit durch die Welt wandere. Ohne einen Begriff damit zu verbinden, hätte sie beinahe geweint.

Clarisse war ein zweitesmal, ohne Walter oder Ulrich etwas davon zu sagen, im Irrenhaus gewesen. Seither war sie besonders erregbar. Sie bezog alles, was sie während der beiden Besuche gesehen hatte, persönlich auf sich. Aber namentlich beschäftigten sie drei Vorkommnisse: Das erste war, daß man sie als kaiserlichen Sohn und Mann angesprochen und begrüßt hatte. Bei der Wiederholung dieser Behauptung hatte sie ganz deutlich ihren Widerstand dagegen nachgeben gefühlt, so als ob etwas Gewöhnliches, das sonst dem Fürstlichen im Wege stand, verschwände. Und sie war von einer unaussprechlichen Lust erfüllt worden. Das zweite, was sie erregte, war, daß sich auch Meingast verwandelte, und dazu offenbar ihre und Walters Nähe benützte. Seit sie ihn es mochte nun wohl schon einige Wochen her sein! im Gemüsegarten gestellt und durch den wahrhaft seherischen Zuruf in Schrecken versetzt hatte, daß auch sie sich verwandle und ein Mann sein könne, mied er ihre Gesellschaft. Sie hatte ihn von da an nicht einmal mehr bei den Mahlzeiten oft gesehn; er sperrte sich mit seiner Arbeit ein oder blieb tagsüber außer Hause, und wenn er Hunger hatte, holte er sich heimlich etwas aus der Speisekammer. Erst ganz vor kurzem war es ihr gelungen, ihn wieder allein anzureden. Sie hatte ihm gesagt: »Walter hat mir verboten, davon zu sprechen, daß du dich bei uns verwandelst!« und sie hatte mit den Augen gezwinkert. Meingast verhehlte sich jedoch auch da und tat überrascht, ja sogar ärgerlich. Clarisse aber hatte ihm gesagt: »Ich werde dir vielleicht zuvorkommen!« Und sie brachte das mit dem ersten Vorkommnis in Zusammenhang. Von Überlegung hatte das wenig an sich, und war darum auch in Beziehung zur Wirklichkeit ungewiß; aber deutlich war darin das wollüstige Hervordrängen eines anderen Wesens aus dem Grunde des ihren zu fühlen gewesen.

Clarisse war nun überzeugt, die Irren hätten sie erraten. Und als weder durch den heimlich widerstrebenden General von Stumm noch durch Ulrich eine Einladung kam, den unterbrochenen Besuch zu wiederholen, hatte sie nach langem Zögern selbst Dr. Friedenthal angerufen und ihm angekündigt, daß sie ihn im Krankenhaus aufsuchen werde. Und der Doktor hatte alsbald für Clarisse Zeit gehabt. Als sie ihn gleich bei ihrem Kommen fragte, ob die Irren nicht vieles wüßten, was die Gesunden nicht errieten, hatte er lächelnd den Kopf geschüttelt, aber tief in ihre Augen geschaut und mit wohlgefälliger Betonung geantwortet: »Die Ärzte der Irren wissen viel, was die Gesunden nicht ahnen!« Und als er seinen Rundgang antreten mußte, hatte er sich erboten, Clarisse zu Moosbrugger mitzunehmen und dort zu beginnen, wo sie das letztemal aufgehört hätten. Clarisse war wieder in den weißen Mantel geschlüpft, den ihr Friedenthal hinhielt, als wäre das schon ganz natürlich.

Aber – und das war das dritte Vorkommnis, das Clarisse noch nachträglich und noch mehr als die übrigen erregte es war wieder nicht dazu gekommen, daß sie Moosbrugger sah. Denn es war etwas Merkwürdiges geschehn. Als sie den letzten Pavillon verlassen hatten und im Gehen die freie würzige Luft des Parks einatmeten, wobei Friedenthal unternehmungslustig sagte: »Nun kommt aber Moosbrugger an die Reihe!«, war wieder ein Wärter dahergelaufen gekommen und hatte eine Meldung hinterbracht. Friedenthal zuckte die Schultern und sagte: »Sonderbar! Es geht wieder nicht! Bei Moosbrugger ist im Augenblick der Chef mit einer Kommission. Ich kann Sie nicht mitnehmen!« Und nachdem er ihr aus eigenem versprochen hatte, sie, sobald es möglich sei, zur Fortsetzung einzuladen, war er mit großen Schritten weggegangen, indes Clarisse durch den Wärter zurück auf die Straße gebracht worden war.

Clarisse fand dieses zweimalige Leerausgehen ihres Besuchs auffällig und ungewöhnlich und vermutete eine Ursache dahinter. Sie hatte den Eindruck, daß man sie geflissentlich nicht zu Moosbrugger lasse und jedesmal eine andere Ausrede ersänne, ja vielleicht die Absicht habe, Moosbrugger verschwinden zu lassen, ehe sie ihn erreiche.

Als sich Clarisse das jetzt wieder überlegte, hätte sie beinahe geweint. Sie hatte sich überlisten lassen und fühlte sich sehr beschämt; denn von Friedenthal war wieder keine Nachricht gekommen. Aber während sie sich so aufregte, beruhigte sie sich auch wieder. Es fiel ihr ein Gedanke ein, der sie jetzt oft beschäftigte, daß im Verlauf der menschlichen Geschichte viele große Männer von ihren Zeitgenossen verheimlicht und gemartert worden und viele sogar im Irrenhaus verschwunden seien. »Sie haben sich nicht wehren, noch erklären können, weil sie nur Verachtung für ihre Zeit empfanden!« dachte sie. Und sie erinnerte sich an Nietzsche, den sie vergötterte, mit dem großen traurigen Lippenbart, und ganz stumm geworden dahinter.

Es wurde ihr dabei aber unheimlich zumute. Was sie soeben noch beleidigt und gekränkt hatte, ihre Niederlage durch den listigen Arzt, leuchtete ihr plötzlich als ein Zeichen davon ein, daß auch ihr das Schicksal eines solchen großen Menschen vorbestimmt sein könnte. Ihre Augen suchten die Richtung, in der das Irrenhaus lag, und sie wußte, daß sie diese Richtung immer als etwas Besonderes fühlte, auch wenn sie nicht daran dachte. Es war ungemein bedrückend, sich so mit den Irren eins zu fühlen, aber »sich mit dem Unheimlichen gleichzustellen, ist die Entscheidung zum Genie!« sagte sie sich.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen, und die Landschaft wirkte dadurch noch leerer; sie war grün und kühl mit blutigen Streifen; die Welt war noch immer niedrig und reichte Clarisse, die auf einer kleinen Anhöhe stand, nur bis an die Knöchel. Da und dort schrie eine Vogelstimme auf wie eine arme Seele. Ihr schmaler Mund breitete sich aus und lächelte der Morgenrunde zu. Sie stand, von ihrem Lächeln umgürtet, wie die Muttergottes auf der von der Sünde (Mondsichel) umschlungenen Erde. Sie überlegte, was sie zu tun habe. Eine eigentümliche Opferstimmung beherrschte sie: Allzuviel war ihr in der letzten Zeit durch den Kopf gegangen. Wiederholt hatte sie geglaubt, jetzt begänne es mit ihr: etwas Großes mit ganzer Seele zu tun! Aber sie wußte nicht was.

Sie fühlte nur, es stand ihr etwas nahe bevor. Sie fürchtete sich davor, und es verlangte sie nach dem Furchtbaren. In der Leere des Morgens schwebte es wie ein Kreuz über ihren Schultern. Aber eigentlich war es doch mehr ein tätiges Leid. Eine große Tat. Eine Verwandlung. Da war nun wieder diese beziehungsvolle Vorstellung. Die Gedanken daran und die Versuche, es sich vorzustellen, fuhren ihr kreuz und quer durch den Kopf. Auch die Schwalben hatten inzwischen begonnen, durch die Luft hin und her zu fahren. Clarisse wurde plötzlich wieder heiter, ohne daß jedoch das Unheimliche ganz von ihr wich. Es kam ihr vor, daß sie sich sehr weit von ihrem Wohnhause entfernt habe. Sie kehrte um und unterwegs begann sie zu tanzen. Sie streckte die Arme waagrecht aus und hob die Knie. So legte sie den ganzen letzten Teil des Wegs zurück.

Aber ehe sie zuhause anlangte, traf sie bei einer Biegung des Pfads auf General von Stumm. 62

General von Stumm und Clarisse


»Guten Morgen, Gnädigste! Wie geht's denn?« rief der General schon aus der Entfernung.

»Sehr gut« erwiderte Clarisse mit strengem Gesicht und tonlos weicher Stimme.

Stumm war in Uniform, und seine runden Beinchen staken in Stiefeln und in feldfarbenen Reithosen mit roten Generalsstreifen. Im Ministerium gab er jetzt kriegerisch vor, daß er zuweilen vor dem Dienst Morgenritte unternehme; in Wahrheit lustwandelte er aber dann in Clarisses Gesellschaft auf den Feldrainen und Wiesen, die ihr Haus umgaben. Walter schlief um diese Stunde noch oder mußte sich in freudloser Eile um seine Kleider und das Frühstück kümmern, damit er nicht zu spät ins Büro komme; und wenn er durch die Fenster spähte, sah er voll Eifersucht die Sonne auf den Knöpfen und Farben einer Uniform blitzen, neben der gewöhnlich ein rotes oder blaues Sommerkleid vom Wind entfaltet wurde, wie es auf alten Bildern den Engelsgewändern vom Überschwang des Herabfahrens geschieht.

»Wollen wir zur Sprungschanze gehn?« fragte Stumm fröhlich. Die »Sprungschanze« war ein kleiner Steinbruch, zwischen Hügeln, der mit seinem Namen nicht das geringste zu tun hatte. Aber Stumm fand diese von Clarisse gewählte Bezeichnung »scharmant und dynamisch«. »Als ob es Winter wäre!« rief er aus. »Jedesmal lache ich darüber. Und eine Schneeschanze möchten Gnädigste gewiß Sommerhügel nennen?«

Clarisse hatte es gern, daß er sie Gnädigste nannte, und war gleich einverstanden, mit ihm umzukehren, denn als sie sich erst einmal daran gewöhnt hatte, war ihr die Gesellschaft des Generals angenehm. Zunächst, weil er immerhin ein General war; nicht »nichts« wie Ulrich und Meingast und Walter. Sodann, weil sie darauf gekommen war, daß es ein ganz eigentümlicher Zustand sei, immer einen Säbel bei sich zu haben, ein eigentümliches Verhältnis zur Welt, das den großen und furchtbaren Gefühlen entsprach, die sie oft beschäftigten. Ferner schätzte sie den gesprächigen von Stumm, weil sie unbewußt erkannte, daß er sie nicht, wie die anderen, in einer Weise begehrte, durch die sie, wenn sie nicht selbst dazu Lust hatte, entwürdigt wurde. »Es ist etwas seltsam Reines in ihm!« hatte sie darüber zu ihrem eifersüchtigen Gatten gesagt. Aber endlich brauchte sie auch einen Menschen, um sich auszusprechen, denn sie war von lauter Eingebungen bedrängt, die sie bei sich behalten mußte. Und sie fühlte, daß alles, was sie sagte und tat, gut war, wenn ihr der General zuhörte. »Gnädigste haben etwas, was Sie über alle Frauen hinaushebt, die ich näher zu kennen die Ehre hatte« pflegte er zu versichern. »Ich lerne geradezu bei Ihnen Energie, Soldatenmut und Überwindung der österreichischen Nachlässigkeit!« Er lächelte dazu, aber sie merkte nicht, daß er etwas davon nicht meine.

Ihren Hauptgesprächsstoff bildeten aber, wie es auch in der Liebe die Regel ist, ihre Erinnerungen an ihr gemeinsames großes Erlebnis, den Irrenhausbesuch, und so begann denn auch Clarisse diesmal dem General anzuvertraun, daß sie seither noch einmal dort gewesen sei.

»Mit wem denn?« fragte dieser, der es schon begrüßte, einer schrecklichen Aufgabe entronnen zu sein.

»Allein« sagte Clarisse.

»Sapristi!« rief Stumm aus und blieb stehn, obwohl sie erst wenige Schritte gegangen waren. »Wirklich allein? Sie lassen sich aber auch durch nichts gruseln! Und haben Sie noch etwas Besonderes gesehn?« fragte er neugierig.

»Das Mörderhaus« erwiderte Clarisse lächelnd.

Diese Bezeichnung hatte Dr. Friedenthal, der ein guter Regisseur war, gebraucht, als sie über das lautlose Moos unter den Bäumen des alten Parks auf eine Gruppe kleiner Gebäude zugegangen waren, aus denen ihnen merkwürdig regelmäßige fürchterliche Schreie entgegentönten. Und auch Friedenthal hatte gelächelt und hatte Clarisse erzählt, was Clarisse jetzt dem General erzählte, daß jeder Bewohner dieser Häusergruppe mindestens einen Menschen getötet hätte, manchmal aber deren mehrere.

»Und jetzt schreien sie, wo es zu spät ist!« sagte Stumm im Ton vorwurfsvoller Schickung in den Lauf der Welt.

Aber Clarisse würdigte seine Erwiderung nicht. Sie erinnerte sich, daß auch sie gefragt hatte, was die Schreie bedeuteten. Und Friedenthal hatte ihr zur Antwort gegeben, daß es Tobsuchtsanfälle seien; aber ganz leise und vorsichtig, als dürfe man nicht stören. Und zur gleichen Zeit waren auch rings um sie wieder die riesenhaften Wärter aufgetaucht, von denen die Panzertüren geöffnet wurden; und Clarisse wiederholte das, in die Stimmung zurückgeratend, wie ein aufregendes Theaterstück, indem auch sie das Wort »Tobsuchtsanfälle!« leise flüsterte und dem General bedeutsam in die Augen sah.

Sie wandte sich ab und ging einige Schritte voran, so daß Stumm beinahe laufen mußte, um sie einzuholen. Als er wieder an ihrer Seite war, fragte sie ihn, wie er über die neue Malerei denke, und ehe er noch seine Eindrücke sammeln konnte, überraschte sie ihn durch die Mitteilung, daß dieser Malerei ganz merkwürdig eine aus dem Geiste des Irrenhauses geborene Architektur entspreche: »Die Gebäude sind Würfel, und die Kranken wohnen also in ausgehöhlten Betonwürfeln« erläuterte sie. »Da ist ein Mittelgang, und links und rechts sind solche Zellen, und in jeder Zelle ist nichts als ein Mensch und um ihn der Raum. Sogar die Bank, worauf er sitzt, ist mit der Wand aus einem Stück gegossen. Allerdings sind alle Kanten sorgfältig abgerundet, damit er sich nicht wehtun kann« fügte sie genau hinzu, denn sie hatte alles das mit größter Aufmerksamkeit beobachtet.

Sie fand keine Worte für das, was sie eigentlich sagen wollte. Da sie ihr ganzes Leben lang von Kunst umgeben gewesen war und die Sorgen angehört hatte, die man sich um die Kunst macht, war diese Insel verhältnismäßig widerstandsfähig gegen die in ihrem Denken sonst herangewachsenen Veränderungen geblieben; und zumal weil ihre eigene künstlerische Betätigung nicht unmittelbarer Leidenschaft entsprang, sondern bloß ein Anhängsel ihres Ehrgeizes und eine Folge der Verhältnisse war, in denen sie lebte, hatte sich auf diesem Gebiet ihr Urteil trotz der Erkrankung ihrer Person, die in der letzten Zeit neue Fortschritte gemacht hatte, nicht mehr verschoben, als es in der Entwicklung der Kunst ohnehin von Zeit zu Zeit üblich ist. Darum konnte sie auch mit einer Vorstellung wie »Zweckarchitektur« oder »Aus der Aufgabe eines Irrenhauses hervorgegangene Bauweise« sehr wohl umgehen, und nur die Bevölkerung dieser gegenwartsnahen Wohnbauten mit Irren überraschte sie als ein neuer Begriff und kitzelte sie wie anbrennendes Räucherwerk in der Nase.

Aber Stumm von Bordwehr unterbrach sie mit der bescheidenen Bemerkung, er habe sich immer eingebildet, daß Tobsuchtszellen gepolstert sein müßten.

Clarisse wurde unsicher, denn vielleicht hatten die Zellen aus hellem Gummi bestanden, und so schnitt sie den Einwand ab. »Früher vielleicht,« sagte sie entschlossen »in der Zeit der Polstermöbel und Quastenvorhänge mögen auch die Tobsuchtszellen gepolstert gewesen sein. Aber heute, wo man sachlich und räumlich denkt, ist das ganz unmöglich. Die geistige Entwicklung macht eben auch vor Irrenhäusern nicht halt!«

Stumm wollte aber lieber etwas von den Tobsüchtigen erfahren, als sich bei der Frage aufzuhalten, welche Zusammenhänge zwischen ihnen und der Malerei und Architektur beständen, und so erwiderte er: »Hochinteressant! Aber jetzt bin ich wirklich gespannt, wie es in diesen modernen Räumen zugegangen ist?!«

»Sie werden überrascht sein« erzählte Clarisse: »So still wie auf einem Friedhof!«

»Interessant! Ich erinnere mich, daß es auch auf dem Hof mit den Mördern, die wir gemeinsam gesehen haben, einige Augenblicke so still gewesen ist!«

»Diesmal hat aber nur ein einziger Mann einen gestreiften Leinenkittel angehabt« fuhr Clarisse fort. »Ein schwacher, kleiner alter Mann mit blinzelnden Augen.« Und plötzlich lachte sie laut auf. »Er hat geträumt, daß ihn seine Frau betrügt, und hat sie nach dem Aufwachen am Morgen mit dem Stiefelknecht erschlagen!«

Auch Stumm lachte. »Gleich als er aufgewacht ist mit dem Stiefelknecht? Das ist ausgezeichnet!« pflichtete er bei. »Der hat es offenbar eilig gehabt! Und die andern? Warum sagen Sie, daß gerade nur er einen Kittel angehabt hat?«

»Weil die andern schwarz waren. Sie sind stiller als die Toten gewesen« erwiderte Clarisse, von Ernst ergriffen.

»Und scheinen überhaupt keine lustigen Menschen zu sein!« meinte Stumm.

»Oh, erinnern Sie sich an den Nußknacker!« wandte Clarisse ein.

Der General wußte im Augenblick nicht, wen sie meine.

»An den mit den Nußknackerzähnen, der zu mir gesagt hat, daß Wien eine schöne Stadt sei!«

»Und was haben die Diesmaligen zu Ihnen gesagt?« fragte der General lächelnd.

»Ich habe doch schon erzählt, daß sie stumm waren!«

»Aber Gnädigste,« entschuldigte sich Stumm »das nennt man doch nicht Tobsucht!?«

»Sie haben eben erst auf ihre Anfälle gewartet!«

»Wieso gewartet?! Es ist sonderbar, daß man auf einen Tobsuchtsanfall wartet wie auf einen inspizierenden Korpskommandanten. Und Sie sagen noch dazu, daß sie schwarz angezogen waren: also sozusagen eine Paradeadjustierung? Ich fürchte, Gnädigste, daß Sie da in diesem Augenblick falsch beobachtet haben müssen! Ich bitte untertänigst um Entschuldigung, aber ich pflege mir solche Dinge immer ganz genau vorzustellen!«

Clarisse, der es gar nicht unangenehm war, daß Stumm auf Genauigkeit bestand, denn irgend etwas beschwerte auch sie durch eine Unverständlichkeit, gab zur Antwort: »Dr. Friedenthal hat es mir so erklärt, und ich kann Ihnen nur wiederholen, General, es war so. Drei Herren haben dort gewartet; und alle drei haben schwarze Anzüge angehabt, und ihre Haare und Bärte sind schwarz gewesen. Der eine war ein Arzt, der andere ein Rechtsanwalt, und der dritte ein reicher Kaufmann. Sie haben ausgesehn wie politische Märtyrer, die erschossen werden sollen.«

»Warum haben sie so ausgesehn?« fragte der ungläubige Stumm.

»Weil sie weder eine Krawatte noch einen Kragen umgebunden hatten.«

»Vielleicht waren die Herren gerade erst eingeliefert worden?«

»Aber nein, Friedenthal hat doch gesagt, daß sie schon lange in der Anstalt sind!« versicherte Clarisse, sich ereifernd. »Und trotzdem haben sie so ausgesehn, als könnten sie jeden Augenblick aufstehn und ins Büro gehn oder zu einem Patienten. Das ist ja gerade so sonderbar gewesen!«

»Nun, mir kann es ja einerlei sein, gnädige Frau« erwiderte Stumm einlenkend, und doch mit einer Großartigkeit, die neu an ihm war, wobei er seine Stiefel unternehmend mit dem Reitstöckchen klopfte. »Ich habe schon Narren in Uniform gesehen und halte mehr Leute für verrückt, als man mir zutraut. Aber gerade Toben habe ich mir lebhafter vorgestellt, auch wenn ich einräume, daß man von niemand verlangen kann, daß er ununterbrochen tobt. Und daß gleich alle drei so still gewesen sind: es tut mir leid, daß ich nicht selbst dabei gewesen bin, denn diesen Doktor Friedenthal halte ich schon für fähig, daß er einem etwas vorschwindelt!«

»Sie haben, wenn er gesprochen hat, ganz stumm aufgehorcht« berichtete Clarisse. »Man hätte überhaupt nicht bemerkt, daß sie krank sind, wenn man sie nicht gerade dort angetroffen hätte. Und denken Sie, als wir weggegangen sind, ist der, der Arzt war, aufgestanden und hat mir mit einer wirklich ritterlichen Gebärde den Vortritt angeboten und hat zu Friedenthal gesagt: Doktor, Sie bringen so oft Besuch. Immer führen Sie Gäste herum. Heute komme ich auch einmal mit.«

»Und da haben sich natürlich diese Fleischerhunde, die Lackel von Aufsehern sofort!« begann der General heftig, wenn er auch vielleicht mehr von der Tragödin als von der Tragödie gerührt war.

»Nein, man hat ihn nicht angepackt« unterbrach Clarisse. »Man hat ihn wirklich mit Respekt daran gehindert, mir zu folgen. Und ich versichere Ihnen, gerade auf solche höfliche und schweigende Art ist alles erschütternd gewesen. So wie mit kostbarem schweren Tuch verhangen ist dort die Welt, und die Worte, die man sagen möchte, haben keinen Klang. Man kann sie schwer verstehn, diese Menschen! Man müßte selbst lange Zeit im Irrenhaus leben, um in ihre Welt eindringen zu können!«

»Eine köstliche Idee! lieber Gott!« erwiderte Stumm schnell. »Gnädigste wissen, daß ich Ihnen ein ziemliches Verständnis für den Wert einer Auflockerung des bürgerlichen Geistes durch Mord und Krankheit verdanke: aber gewisse Schranken müssen eingehalten werden!«

Sie waren unter diesen Worten an den Hügel herangekommen, dem sie zustrebten, und der General schöpfte Atem, ehe er den pfadlosen Anstieg unternahm. Clarisse musterte ihn mit einem Ausdruck dankbarer Sorgfalt und etwas zärtlichem Spott, was an ihr selten vorkam. »Einer hat doch getobt!« teilte sie ihm schelmisch mit, wie man ein bis dahin verborgen gehaltenes Geschenk hervorholt.

»Also, also! Nun sehen Sie!« rief Stumm aus, und etwas anderes fiel ihm nicht ein. Aber sein Mund blieb offen und suchte ohne seinen Geist nach einem Wort, und plötzlich klopfte Stumm wieder mit dem Stöckchen gegen die Stiefel. »Aber natürlich, der Schrei!« fügte er hinzu. »Gnädige Frau haben doch gleich im Anfang von Schreien gesprochen, die man gehört hat, und das hat mir bei der Totenstille gefehlt! Aber Sie erzählen so großartig, daß man alles vergißt!«

»Wie wir vor der Türe gestanden sind, aus der bald ein furchtbarer Schrei, bald ein eigentümliches Ächzen gedrungen ist,« begann Clarisse »hat mich Friedenthal noch einmal gefragt, ob ich wirklich eintreten wolle. Ich habe vor Aufregung kaum antworten können, aber die Wärter haben sich nicht darum gekümmert, sondern haben mit dem Aufschließen begonnen. Sie können sich denken, Herr General, daß ich mich in diesem Augenblick heftig gefürchtet habe, denn schließlich bin ich ja nur eine Frau. Ich hatte das Gefühl: wenn die Tür aufgeht, wird sich der Tobsüchtige auf mich stürzen!«

»Man hört ja auch immer, daß solche Geisteskranke furchtbare Kräfte besitzen sollen!« half der General mit.

»Ja; aber als die Tür offen war, und wir sind alle auf der Schwelle gestanden: da hat er sich überhaupt nicht um uns gekümmert!«

»Nicht gekümmert?!« fragte Stumm.

»Nicht im geringsten! Er war fast so groß wie Ulrich und vielleicht so alt wie ich. Er ist in der Mitte der Zelle gestanden, mit vorgeneigtem Kopf und auf auseinandergespreizten Beinen. So!« Clarisse machte es nach.

»Auch schwarz angezogen gewesen?« fragte der General.

»Nein, ganz nackt.«

(Der General sieht Clarisse von oben bis unten an.)

»In seinem braunblonden Jungmännerbart ist dicker Speichelschaum gesessen, die Muskeln sind aus seiner Magerkeit förmlich hervorgetreten, er war nackt, und seine Haare, ich meine bestimmte Haare«

»Gnädigste erzählen so plastisch, daß man alles vor sich sieht!« schaltete Stumm beruhigend zum Zeichen ein, daß er verstehe.

»Die sind glanzlos hell gewesen, unverschämt hell; er hat uns damit fixiert wie mit einem Auge, das einen ansieht und zugleich nichts von einem bemerkt!«

(Diese Intimität muß dem General doch zu Kopf steigen.)

Clarisse war oben angelangt, der General saß zu ihren Füßen. Man sah von der »Sprungschanze« auf abfallende Wiesen und Weingärten, auf kleine und große Häuser, die ohne Ordnung von unten ein Stück den Hang emporzogen, und an einer Stelle entwich der Blick in die reizvolle Tiefe des Hügellands, das weit hinten an hohe Berge grenzte. Wenn man aber, so wie Stumm, auf einem niedrigen Baumstumpf saß, sah man bloß irgendwelche Waldbuckel, die sich gegen den Himmel krümmten, weiße Wolken in den bekannten, dick dahinschwimmenden Ballen und Clarisse. Diese stand mit gespreizten Beinen vor dem General und machte ihm den Tobsuchtsanfall vor. Sie hielt einen Arm rechtwinklig abgebogen und steif an den Körper geschlossen, hatte den Kopf vorgeneigt und führte mit dem Oberkörper in regelmäßiger Folge eine flach vorwärtskreisende, ruckartige Bewegung aus, wobei sie einen Finger nach dem andern abbog, als ob sie zählte. Und jede dieser Bewegungen ließ sie von einem keuchend ausgestoßenen Schrei begleitet sein, dessen Stärke sie aber rücksichtsvoll dämpfte. »Das Eigentliche kann man aber doch nicht nachmachen« erläuterte sie. »Das ist die ungeheuerliche Anstrengung bei jedem Wurf, die einen Eindruck macht, als müßte der Mensch jedesmal seinen Leib aus einem Schraubstock reißen...«

»Aber das ist ja Mora!« rief der General aus. »Kennen Sie nicht dieses Glücksspiel? Wer die richtige Fingerzahl errät, gewinnt. Aber Sie dürfen nicht einen Finger nach dem andern abbiegen, sondern müssen so viele zeigen, wie Ihnen gerade einfällt! An der italienischen Grenze spielen es alle unsere Bauern.«

»Es ist wirklich Mora« sagte Clarisse, die das schon auf Reisen gesehen hatte. »Und er hat es auch so gemacht, wie Sie es beschreiben!«

»Also Mora« wiederholte Stumm befriedigt. »Aber wie diese Irrsinnigen nur auf ihre Ideen kommen, möchte ich wissen!« fügte er hinzu, und damit begann erst der anstrengende Teil der Unterredung.

Clarisse setzte sich neben den General auf den Baumstumpf, ein wenig abgerückt von ihm, so daß sie ihn, wenn es sein mußte, »ins Auge fassen« konnte, wobei er jedesmal ein lächerlich schreckliches Gefühl hatte, als ob ihn ein Hirschkäfer zwicke. Sie war bereit, ihm das Gefühlsleben der Irren zu erklären, so wie sie es selbst durch vieles Nachdenken verstand. Einen der wichtigsten Plätze nahm darin die Vorstellung ein mit der sie alles auf sich bezog, daß die sogenannten Geisteskranken eine Art genialer Wesen seien, die man verschwinden lasse und um ihr Recht bringe, wogegen sie sich aus irgendwelchen Gründen, die Clarisse noch nicht herausgefunden hatte, nicht wehren könnten. Es war nur natürlich, daß der General dieser Auffassung nicht beipflichten konnte, und wunderte weder sie noch ihn.

»Ich will schon zugeben, Gnädigste, daß so ein Narr einmal etwas erraten kann, was unsereiner nicht weiß« verwahrte er sich. »Derartig stellt man sie sich ja auch vor, sie haben so einen gewissen Nimbus; aber daß sie geradezu mehr denken sollten als wir Gesunde: nein, da darf ich wohl bitten!«

Clarisse beharrte jedoch ernsthaft dabei, daß die geistig Gesunden weniger dächten als die geistig Nichtgesunden. »Sind Sie schon einmal vom Hundertsten ins Tausendste gekommen, General?« fragte sie Stumm, und das mußte er bejahen. »Sind Sie denn auch ein andermal umgekehrt, vom Tausendsten ins Hundertste gekommen?« fragte sie weiter, und das wollte Stumm, nachdem er eine Weile darüber nachgedacht hatte, was es heiße, natürlich noch weniger verneinen, denn es ist ja der Stolz des Mannes, sich sogar bis an das Eine durchzudenken, das man die Wahrheit heißt.

Aber Clarisse folgerte: »Sehen Sie, und das ist nichts als Feigheit, dieses immer ordentliche und überlegte Nachdenken! Die Männer werden es wegen ihrer Feigheit nie zu etwas bringen!«

»Das habe ich noch nie gehört!« versicherte Stumm ablehnend.

Clarisse rückte mit den Augen an ihn heran. »Sicher hat Ihnen schon eine Frau zugeflüstert: Du Gott-Mensch?!«

Stumm erinnerte sich nicht daran, aber das wollte er nicht zugeben, darum vollführte er bloß eine Gebärde, die sowohl heißen konnte: leider nein, als auch: das hört man bis zum Überdruß! Und in Worten antwortete er: »Manche Frauen sind ja sehr exaltiert! Aber wie soll das eigentlich mit unserem Gespräch zusammenhängen? So etwas ist einfach ein übertriebenes Kompliment!«

»Sie erinnern sich an den Maler, dessen Zeichnungen uns der Doktor gezeigt hat?« fragte Clarisse.

»Ja, natürlich. Das war ganz hervorragend, was der gemalt hat!«

»Er war unzufrieden mit Friedenthal, weil dieser von Kunst nichts versteht. Zeig es diesem Herrn! hat er gesagt und dabei auf mich gewiesen« fuhr Clarisse fort und faßte den General plötzlich wieder ins Auge. »Glauben Sie denn, daß es auch bloß ein Kompliment gewesen sei, daß er mich als einen Mann angesprochen hat?!«

»Das ist eben so eine von diesen Ideen« meinte Stumm. »Darüber habe ich wirklich nicht nachgedacht. Ich möchte vielleicht annehmen, daß es das ist, was man eine Assoziation nennt, oder eine Analogie, oder so etwas. Er hat halt irgendeine Ursache gehabt, Sie für einen Mann zu halten!«

Obwohl Stumm überzeugt war, Clarisse mit diesen letzten Worten etwas erklärt zu haben, wurde er doch durch die Wärme überrascht, mit der sie ausrief: »Ausgezeichnet! Dann brauche ich Ihnen ja bloß zu sagen, daß es die gleiche Ursache hat, wenn in der Liebe von Gott-Mensch geflüstert wird! Die Welt ist nämlich voll Doppelwesen!«

Man darf natürlich nicht glauben, daß es Stumm angenehm war, wenn Clarisse so sprach und dabei aus den zusammengekniffenen Augen einen gespaltenen Blick hervorschoß; er überlegte dann vielmehr, ob es nicht doch richtiger wäre, solche Gespräche nicht in Uniform zu führen und zum nächsten Spaziergang in Zivil zu erscheinen. Aber anderseits hatte der gute Stumm, der Clarisse mit großer Vorsicht, wenn nicht verheimlichtem Schrecken, bewunderte, den ehrgeizigen Wunsch, diese so leidenschaftliche junge Frau zu verstehn und von ihr verstanden zu werden, weshalb er ihrer Behauptung rasch eine gute Seite abgewann. Er legte sie sich so zurecht, daß am Menschen und in der Welt eben das meiste zweideutig sei, was sich recht gut seinem neuen Pessimismus anschloß, und beruhigte sich des weiteren mit der Annahme, daß denn auch Gott-Mensch und Mann-Frau nicht anders gemeint sein werde, als was man von jedem behaupten könne, daß er ein bissel ein edler Mensch und ein bissel ein Schuft sei. Immerhin zog er es vor, das Gespräch zu der natürlichen Auffassung zurückzuwenden, und begann seine Kenntnisse von Analogien, Vergleichen, symbolischer Ausdrucksweise und ähnlichem zu entwickeln.

»Verzeihen und erlauben gnädige Frau, daß ich für einen Augenblick Ihre Anregung aufnehme und mich in den Gedanken versetze, daß Sie wirklich ein Mann wären,« so fing der vom Schutzengel der Intuition Beratene das an und fuhr in der gleichen Weise fort: »denn dann könnten Sie sich vorstellen, was es bedeutete, wenn eine Dame einen dichten Schleier trägt und nur ganz wenig von ihrem Gesicht zeigt; oder, was beinahe das gleiche ist, wenn sich eine Balltoilette beim Tanzen ein wenig vom Boden hebt und den Beinansatz zeigt: So ist es ja noch vor ein paar Jahren gewesen, ungefähr bis zu meiner Majorszeit; und solche Andeutungen treffen einen nämlich viel stärker, ich möchte beinahe sagen: leidenschaftlicher, als wenn man die Dame bis zum Knie sieht oder sozusagen ohne Hindernisse ja, gerade Hindernisse ist das richtige Wort! Denn so möchte ich auch das beschreiben, worin eine Analogie oder ein Vergleich oder ein Symbol besteht: sie bereiten dem Denken Hindernisse und erregen es dadurch stärker, als es gewöhnlich der Fall ist. Ich glaube, das meinen Sie, wenn Sie sagen, daß das gewöhnliche Nachdenken etwas Feiges hat!«

Aber Clarisse meinte das ganz und gar nicht. »Der Mensch hat die Pflicht, über die bloßen Andeutungen hinauszugelangen!« forderte sie.

»Überaus merkwürdig!« rief Stumm nun aus, ehrlich berührt. »Der alte Graf Leinsdorf sagt ganz das gleiche wie Sie! Ich habe mich erst unlängst mit dem erlauchtigen Herrn auf das eingehendste über Gleichnisse und Symbole unterhalten, und da hat er in Bezug auf die Patriotische Aktion genau das gleiche geäußert wie gnädige Frau, daß wir alle die Verpflichtung hätten, über den Zustand des Gleichnisses hinaus zur Wirklichkeit zu gelangen!«

»Ich habe ihm einmal einen Brief geschrieben und ihn darin gebeten, sich für die Freilassung des Moosbrugger einzusetzen« erzählte Clarisse.

»Und was hat er Ihnen geantwortet? Das könnte er nämlich gar nicht; ich meine: selbst wenn er könnte, könnte er es nicht, weil er ein viel zu konservativer und legaler Herr ist!«

»Sie könnten es aber?« fragte Clarisse.

»Aber nein; was im Irrenhaus ist, soll schon dort bleiben. Da mag es noch so vieldeutig sein. Wissen Sie, Vorsicht ist die Mutter der Weisheit!«

»Und was ist das?« fragte Clarisse lächelnd, denn sie hatte am Portepee des Generals den eingewebten Doppeladler entdeckt, das Wahrzeichen der kaiserlichen und königlichen Monarchie. »Was ist dieser Doppeladler?«

»Ich verstehe nicht. Was soll der Doppeladler sein? Es ist eben der Doppeladler!«

»Aber was ist ein Doppeladler? Ein Adler mit zwei Köpfen? In der Welt fliegen doch nur einköpfige Adler herum?! Ich mache Sie also darauf aufmerksam, daß Sie an Ihrem Säbel das Symbol eines Doppelwesens tragen! Ich wiederhole Ihnen, Herr General, die bezaubernden Dinge ruhen wahrscheinlich alle auf uraltem Irrsinn!«

»Pst! Das darf ich nicht anhören!« verwahrte sich der General lächelnd...


Aus Urheberrechtsgründen gelöscht: 63


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Ein Blatt Papier. Ulrichs Tagebuch


Oft dachte Ulrich, daß alles, was er mit Agathe erlebte, eine wechselseitige Suggestion und nur unter dem Einfluß der Vorstellung denkbar wäre, daß sie ein ungewöhnliches Schicksal auserwählt habe. Es stellte sich ihnen bald unter dem Zeichen der Siamesischen Zwillinge dar, bald unter dem des Tausendjährigen Reichs, der Liebe der Seraphen, oder der Mythen des »konkaven« Welterlebnisses. Diese Gespräche wiederholten sich zwar nicht mehr, aber sie hatten in der Vergangenheit den kräftigeren Schatten wirklicher Vorgänge angenommen, von denen einmal die Rede gewesen ist. Man mag das bloß eine halbe Überzeugung nennen, wenn man meint, daß zur Überzeugung ein Denken gehöre, das sich seiner Sache völlig sicher wissen müsse; aber es gibt auch eine volle Überzeugung, die einfach aus dem Fehlen aller Einwände zustande kommt, weil eine stark und einseitig bewegte Gemütsstimmung jeden Zweifel dem Bewußtsein fernhält: Ulrich fühlte sich manchmal beinahe schon überzeugt und wußte nicht einmal, wovon. Fragte er sich dann aber denn er mußte wohl voraussetzen, daß er an Einbildungen leide, was sich Agathe und er zuerst gegenseitig eingebildet haben müßten, das verwunderliche Gefühl füreinander oder die nicht minder merkwürdige Veränderung des Denkens, in der es sich ausdrückte, so ließ sich das wieder nicht entscheiden, denn beides war gleich zu Anfang aufgetreten, und eines war, nahm man es allein, so unbegründet wie das andere.

Das legte ihm manchmal schon nahe, an eine Suggestion zu glauben, und er fühlte dann das unheimliche Bangen, das den selbständigen Willen beschleicht, der sich heimtückisch überfallen und von innen gefesselt sieht. »Was soll ich darunter verstehen? Wie erklärt man diesen Vulgärbegriff der Suggestion, den ich so geläufig gebrauche wie alle, ohne ihn zu verstehn? Ich habe heute darüber nachgelesen« trug Ulrich auf einem Zettel ein. »Die Sprache der Tiere besteht aus Affektäußerungen, die in den Genossen die gleichen Affekte hervorrufen. Warnruf, Futterruf, Liebesruf. Ich darf wohl hinzufügen, daß sie nicht nur den gleichen Affekt, sondern unmittelbar auch das zu ihm gehörige Handeln wecken und durchdringen. Der Schreck-, der Liebesruf fährt in die Glieder! Dein Wort ist in mir und bewegt mich: wäre das Tier ein Mensch, so empfände es dabei eine geheimnisvolle körperlose Vereinigung! Diese affektive Suggestibilität soll aber auch beim Menschen noch vollständig vorhanden sein, trotz der entwickelten Verstandessprache. Der Affekt steckt an: Panik, Gähnen. Er ruft leicht die zu ihm passenden Vorstellungen hervor; ein froher Mensch macht fröhlich. Er greift auch auf unpassende Träger über; das kommt in allen Abstufungen vor, von der Albernheit eines Liebespfands bis zu den irrenhausreifen Einfällen der vollen Liebestollheit. Der Affekt versteht es aber auch auszuschließen, was nicht zu ihm paßt, und ruft auf beide Weisen jenes nachhaltige einheitliche Verhalten des Menschen hervor, das dem Zustand der Suggestion die Kraft fixer Ideen gibt. Hypnose ist nur ein Sonderfall dieser allgemeinen Beziehungen. Diese Erklärung gefällt mir, und ich mache sie mir zu eigen. Ein eigenartig nachhaltiges, einheitliches Verhalten, das uns von der Ganzheit des Lebens aber absperrt: das ist unser Zustand!«

Solche Zettel begann Ulrich nun viele zu schreiben. Sie bildeten eine Art Tagebuch, mit dessen Hilfe er seinem Kopf die Klarheit zu bewahren suchte, die er bedroht fühlte. Gleich nachdem er aber die erste seiner Aufzeichnungen zu Papier gebracht hatte, fiel ihm noch diese zweite ein: »Was ich Großmut genannt habe, ist vielleicht auch mit Suggestion verwandt. Indem sie das übergeht, was nicht zu ihr gehört, und das, was ihr dient, an sich reißt, ist sie großmütig.« Als das geschehen war, erschienen ihm natürlicherweise seine Bemerkungen bei weitem nicht so bedeutungsvoll wie vor ihrer Niederschrift, und er ging noch einmal daran, ein unbezweifelbares Merkmal des Zustands zu suchen, in dem er sich mit seiner Schwester befände. Abermals fand er es darin, daß Denken wie Gefühl in gleichem Sinn verändert seien und nicht nur merkwürdig übereinstimmten, sondern sich auch als etwas Einseitiges, ja fast Hangendes und Süchtiges von dem gewöhnlichen Zustande abhöben, worin sich ohneweiters Strebungen und Einfälle jeder Art mischen. Waren ihre Gespräche im rechten Schwang und dafür war die Empfindlichkeit überaus groß, so machten sie niemals den Eindruck, daß ein Wort ein anderes erzwinge oder eine Handlung die nächste nach sich ziehe, sondern den, daß im Geist etwas erweckt werde, als dessen höhere Stufe dann die Antwort folge. Jede Bewegung des Gemüts wurde zur Entdeckung einer neuen noch schöneren Bewegung, wobei sie sich gegenseitig halfen, auf welche Weise der Eindruck einer nicht endenden Steigerung und der einer sich ohne Senkung hebenden Aussprache entstand. Niemals schien das letzte Wort gesprochen werden zu können, denn jedes Ende war ein Anfang und jedes letzte Ergebnis das erste einer neuen Eröffnung, so daß jede Sekunde wie die aufgehende Sonne strahlte, aber zugleich die friedevolle Vergänglichkeit der untergehenden mit sich brachte. »Wäre ich ein Gottgläubiger, so fände ich jetzt darin die Bestätigung für die schwer verständliche Behauptung, daß uns seine Nähe ebenso eine unaussprechliche Erhöhung wie unsere niederdrückende Ohnmacht fühlen läßt!« zeichnete Ulrich auf.

Er entsann sich, in früher Zeit, bei Antritt seines geistigen Lebens glühenden Sinnes die Beschreibung ähnlicher Empfindungen in allerhand Büchern gelesen zu haben, die er niemals auslas, weil ihn Ungeduld und zur Eigenmächtigkeit drängender Wille daran hinderten, obwohl er sich von ihnen ergriffen fühlte, ja gerade deshalb. Er hatte dann auch nicht so gelebt, wie es zu erwarten gewesen wäre, und als es jetzt geschah, daß er einige dieser Bücher wieder vornahm, denn das war etwas, was er nun gerne tat, kam ihm, die alten Zeugnisse wiederzusehen, so vor, als träte er still durch eine Türe bei sich ein, die er einst hochmütig zugeschlagen hatte. Sein Leben schien unausgeführt hinter ihm zu liegen, oder vielleicht gar noch vor ihm. Nicht ausgeführte Vorsätze können wie die verschmähten Geliebten im Traum sein, die durch viele Jahre schön geblieben sind, während sich der erstaunte Heimkehrer selbst verwüstet sieht: in einer wundersamen Ausdehnung seiner Macht meint man an ihnen wieder jung zu werden, und in dieser zwischen Unternehmungslust und Zweifel geteilten, zwischen Flammenspitze und Asche schwebenden Stimmung befand sich Ulrich jetzt am öftesten. Er las viel. Auch Agathe las viel. Sie war schon damit zufrieden, daß die Leseleidenschaft, von der sie in allen Zuständen ihres Lebens begleitet worden war, nicht mehr der Zerstreuung diente, sondern ein Ziel hatte, und sie hielt mit ihrem Bruder Schritt wie ein Mädchen, dem die flatternden Kleider nicht Zeit lassen, über den Weg nachzudenken. Es ereignete sich, daß die Geschwister nachts aufstanden, nachdem sie sich eben erst zur Ruhe begeben hatten, und sich von neuem bei ihren Büchern trafen, oder daß sie einander trotz vorgerückter Stunde überhaupt nicht schlafen ließen. Ulrich schrieb darüber: »Es scheint die einzige Leidenschaft zu sein, die wir uns gestatten. Wenn wir auch müde sind, wollen wir doch nicht auseinander gehen. Agathe sagt: Sind wir denn nicht Geschwister? das heißt: Siamesische Zwillinge; denn sonst wäre es zusammenhanglos. Selbst wenn wir zu müde sind zu sprechen, will sie nicht zu Bett gehen, weil wir nicht beisammen schlafen können. Ich verspreche ihr, bis sie einschlafe, neben ihr sitzen zu bleiben, aber sie will sich nicht auskleiden und ins Bett legen, nicht aus Scham, sondern weil sie dann etwas vor mir voraus hätte. Wir ziehen Hauskleider an. Einige Male sind wir schon aneinandergelehnt eingeschlafen. Sie war heiß vor Eifer. Ich hatte, sie zu stützen, und wußte es gar nicht, meinen Arm um ihren Körper geschlungen. Sie hat weniger Gedanken als ich und eine höhere Temperatur. Sie muß eine sehr warme Haut haben. Am Morgen sind wir blaß vor Müdigkeit und schlafen in den Tag hinein. Es kommt übrigens nicht der kleinste geistige Fortschritt dabei heraus. Wir brennen an den Büchern wie der Docht am Öl. Wir nehmen sie eigentlich ohne jede andere Wirkung als diese auf, daß wir brennen...«

Ulrich fügte hinzu: »Der junge Mensch hört nur mit halbem Ohr auf die Stimme der Bücher, die ihm zum Schicksal werden; schon eilt er davon, seine eigene Stimme zu erheben! Denn er sucht nicht die Wahrheit, er sucht sich. So hat es sich auch mit mir verhalten. Folge im Großen: Es gibt immer neue Menschen, und immer die alten Geschehnisse, bloß neu aufgemischt! Moralische Gebrechlichkeit der Zeitalter. Sie sind im wesentlichen wie unser Lesen ein Brennen um seiner selbst willen. Wann habe ich mir das zuletzt gesagt? Kurz vor Agathes Ankunft. Letzte Ursache dieser Erscheinung? Das Fehlen von System, Grundsätzen, Ziel, also auch von Steigerungsmöglichkeit und Folgerichtigkeit des Menschenlebens. Ich hoffe, dazu noch einiges festhalten zu können, was mir eingefallen ist. Es gehört zum Generalsekretariat. Das Sonderbare an meinem gegenwärtigen Zustand ist aber, daß ich so weit entfernt wie noch nie von solcher tätigen Teilnahme am Geistigen bin. Das ist Agathes Einfluß. Es geht Reglosigkeit von ihr aus. Trotzdem hat dieser zusammenhanglose Zustand ein eigentümliches Gewicht. Er ist gehaltvoll. Ich möchte sagen: es ist der große Gehalt an Glückseligkeit, der ihn kennzeichnet, wobei dieser Begriff natürlich ebenso unbestimmt ist wie alles übrige. Zaudernde Einschränkung, die ich mir zuschulden kommen lasse! Unser Zustand ist das andere Leben, das mir immer vorgeschwebt ist. Agathe wirkt dahin und ich frage mich: ist es als wirkliches Leben ausführbar? Unlängst hat auch sie mich danach gefragt...!«

Agathe hatte aber, als sie das tat, bloß ihr Buch sinken lassen und gefragt: »Kann man zwei Menschen lieben, die einander Feinde sind?« Zur Erklärung fügte sie hinzu: »Manchmal lese ich in einem Buche etwas, das dem widerspricht, was ich in einem andern Buch gelesen habe, und liebe beide Stellen. Dann denke ich daran, daß wir beide, du und ich, einander ja auch in vielem widersprechen. Kommt es nicht darauf an? Oder ist das gewissenlos?«

Ulrich erinnerte sich sofort daran, daß sie ihn ähnliches in dem unverantwortlichen Zustande gefragt habe, wo sie das Testament abänderte. Das erzeugte unter dem Gegenwartszustand eine merkwürdige Tiefe und Höhlung, denn den Hauptstrom seiner Gedanken führte Agathes Äußerung ohne Besinnen auf Lindner zurück. Er wußte, daß sie diesen besuche; sie hatte es ihm zwar niemals mitgeteilt, aber auch keine Anstalten getroffen, es zu verbergen.

Die Antwort auf diese offene Art von Verheimlichung war Ulrichs Tagebuch.

Agathe sollte nichts von diesem Tagebuch wissen.

Wenn er daran schrieb, litt er unter dem Gefühl von ihm begangener Untreue. Oder stärkte und befreite sich damit, denn der kühlende Zustand des heimlich begangenen Unrechts zerstörte die geistige Verzauberung, die ebenso gefürchtet wie begehrt war.

Darum hatte Ulrich als Antwort auf Agathes Frage gelächelt und keine andere Antwort gegeben.

Und nun hatte Agathe plötzlich gefragt: »Hast du Geliebte?« Zum ersten Male geschah es da, daß sie ihm wieder eine solche Frage stellte. »Du sollst natürlich,« fügte sie hinzu »aber du hast mir doch selbst gesagt, daß du sie nicht liebst?!« Und dann fragte sie: »Hast du einen andern Freund als mich?« Das sagte sie leichthin, als erwarte sie nun keine Antwort mehr, aber auch in der Art, leicht und spielend, als hätte sie auf der Hand eine winzige Menge einer kostbaren Substanz liegen und beschäftige sich mit ihr.

Ulrich schrieb spät nachts in seinem Tagebuch die Antwort auf, die er gegeben hatte. 65

Eine Eintragung. Entwurf zur Utopie des motivierten Lebens


»Es ist nur eine kleine Herausforderung des Lebens gewesen, daß sie mir diese Fragen stellte, und sollte bedeuten: Du und ich leben doch auch noch außerhalb des Zustands! Man kann ebenso gut ausrufen: Bitte, reiche mir Wasser! Oder: Halt! laß das Licht doch brennen! Es ist eine Augenblicksbitte, etwas Eiliges, Unbeaufsichtigtes und nichts weiter. Ich sage: nichts weiter, aber weiß doch: es ist nichts weniger als liefe eine Göttin einem Autobus nach, damit er sie noch mitnehme! Eine unmystische Gangart, ein Zusammenbruch des Wahnwitzes! An solchen kleinen Erlebnissen wird es deutlich, wie sehr unser Zustand eine bestimmte einzige Gemütslage zur Voraussetzung hat und augenblicklich umkippt, wenn man sie aus dem Gleichgewicht bringt.

Und doch machen solche Augenblicke erst recht glücklich. Wie schön ist Agathes Stimme! Welches Vertrauen liegt in einer solchen ganz kleinen Bitte, die mitten in einem hohen und feierlichen Zusammenhang auftritt! Sie ist rührend, wie es zwischen einem Strauß kostbarer Blumen ein Wollfaden ist, der vom Kleid der Geliebten hängen geblieben ist, oder ein vorstehendes Stückchen Draht, für das die Hände der Binderin zu schwach waren. In solchen Augenblicken weiß man genau, daß man sich überschätzt, und doch erscheint alles, was mehr ist als man selbst, erscheinen alle Gedanken der Menschheit wie ein Spinngewebe; der Körper gleicht dann einem Finger, der es in jeder Sekunde zerreißt und an dem ein wenig davon haften bleibt.

Soeben habe ich gesagt: die Hände der Binderin, und habe mich dem Schaukelgefühl eines Gleichnisses überlassen, als könnte diese Frau niemals eine fettleibige ältere Person sein. Das ist Mondschein von der falschen Sorte! Und deshalb habe ich auch Agathe eher einen methodischen Vortrag gehalten als eine unmittelbare Antwort gegeben. Aber eigentlich habe ich ihr nur das Leben beschrieben, das mir vorschwebt. Ich will das wiederholen, und, wenn ich kann, verbessern.

In der Mitte steht etwas, das ich Motivation genannt habe. Im gewöhnlichen Leben handeln wir nicht nach Motivation, sondern nach Notwendigkeit, in einer Verkettung von Ursache und Wirkung; allerdings kommt immer in dieser Verkettung auch etwas von uns selbst vor, weshalb wir uns dabei für frei halten. Diese Willensfreiheit ist die Fähigkeit des Menschen, freiwillig zu tun, was er unfreiwillig will. Aber Motivation hat mit Wollen keine Berührung; sie läßt sich nicht nach dem Gegensatz von Zwang und Freiheit einteilen, sie ist tiefster Zwang und höchste Freiheit. Ich habe das Wort gewählt, weil ich kein besseres fand; es ist wohl verwandt mit dem Ausdruck Motiv der Malersprache. Wenn ein Landschaftsmaler des Morgens mit der Absicht auszieht, ein Motiv zu suchen, so wird er es meist finden, das heißt, etwas, das seine Absicht erfüllt; doch muß man richtiger sagen, das in seine Absicht paßt so wie ein Wort in jeden Mund paßt, wenn es bloß nicht zu groß ist. Denn etwas, das erfüllt, das ist etwas Seltenes, es überfüllt sogleich, strömt über die Absicht und ergreift den ganzen Menschen. Der Maler, der etwas malen wollte, wenngleich in persönlicher Auffassung, malt nun an sich, er malt um sein Seelenheil, und nur in solchen Augenblicken hat er wirklich ein Motiv vor sich, in allen anderen redet er sich das bloß ein. Da ist etwas über ihn gekommen, das Absicht und Wille zerdrückt. Wenn ich sage, es habe mit ihnen überhaupt nichts zu tun, übertreibe ich natürlich. Aber man muß übertreiben, wenn man die Heimat seiner Seele vor sich hat. Es gibt sicher alle Arten Übergänge, aber so wie in der Farbenleiter selbst: Du kommst durch unzählige Vermischungen vom Grün zum Rot, bist du aber erst dort, so bist du es ganz und gar und ohne die geringste Spur mehr von Grün.

Agathe sagte, es sei die gleiche Abstufung wie die, daß man das meiste gewähren lasse, manches aus Neigung tue, und endlich, daß man aus Liebe handle.

Jedenfalls gibt es etwas Ähnliches auch im Sprechen. Man kann deutlich einen Unterschied machen zwischen einem Gedanken, der nur Denken ist, und einem, der den ganzen Menschen bewegt. Dazwischen gibt es alle Arten Übergänge. Ich habe Agathe gesagt: wir wollen nur noch sprechen, was den ganzen Menschen bewegt!

Aber wenn ich allein bin, denke ich daran, wie unklar das ist. Mich kann auch ein wissenschaftlicher Gedanke bewegen. Aber das ist nicht die Art Bewegung, auf die es ankommt. (Anderseits kann mich auch ein Affekt ganz bewegen, und doch bin ich nachher bloß bestürzt.) Je wahrer etwas ist, desto mehr ist es von uns in einer eigenartigen Weise abgewandt, mag es uns noch so viel angehn. Tausendmal habe ich mich schon nach diesem merkwürdigen Zusammenhang gefragt. Man könnte meinen, je weniger objektiv etwas sei, je subjektiver, desto mehr müßte es uns dann in der gleichen Weise zugewandt sein; aber das ist falsch; die Subjektivität kehrt unserem inneren Wesen gerade so den Rücken zu wie die Objektivität. Subjektiv ist man in Fragen, wo man heute so und morgen anders denkt, entweder weil man nicht genug weiß oder weil der Gegenstand selbst von der Willkür des Gefühls abhängt: aber was ich und Agathe einander sagen möchten, ist nicht der vor- oder beiläufige Ausdruck einer Überzeugung, die bei besserer Gelegenheit zur Wahrheit erhoben, ebenso aber auch als Irrtum erkannt werden könnte, und nichts ist unserem Zustand fremder als die Unverantwortlichkeit und Halbfertigkeit solcher geistreichen Einfälle, denn zwischen uns ist alles von einem strengen Gesetz beherrscht, wenn wir es auch nicht aussprechen können. Die Grenze zwischen Subjektivität und Objektivität kreuzt die, an der wir uns bewegen, ohne sie zu berühren.

Oder soll ich mich vielleicht an die aufgewühlte Subjektivität der Redekämpfe halten, die man mit Jugendgefährten ausführt? An ihre Mischung von persönlicher Empfindlichkeit und Sachlichkeit, an ihre Bekehrungen und Apostasien? Sie sind die Vorstufe der Politik und Geschichte und der Humanität mit ihrem schwankenden, unbestimmten Inhalt. Sie bewegen das ganze Ich, sie stehen mit seinen Leidenschaften in Verbindung und suchen ihnen die Würde eines geistigen Gesetzes und den Anschein eines unfehlbaren Systems zu verleihen. Was sie uns bedeuten, liegt daran, daß sie uns andeuten, wie wir zu sein haben. Und gut, auch wenn mir Agathe etwas sagt, ist es immer, als ginge ihr Wort durch mich, und nicht bloß durch den Gedankenbereich, an den es sich wendet. Aber was zwischen uns geschieht, hat scheinbar gar nicht große Bedeutung. Es ist so still. Es weicht der Erkenntnis aus. Mir fallen die Worte milchig und opalisierend ein: was zwischen uns geschieht, ist wie eine Bewegung in einer schimmernden, aber nicht sehr durchlässigen Flüssigkeit, die immer ganz mitbewegt wird. Es ist beinahe völlig gleichgültig, was geschieht: alles geht durch die Mitte des Lebens. Oder kommt aus ihr zu uns. Ereignet sich mit dem merkwürdigen Gefühl, daß alles, was wir je getan haben und tun konnten, mitbeteiligt sei. Wenn ich es so greifbar wie möglich beschreiben will, muß ich sagen: Agathe gibt mir irgendeine Antwort oder tut etwas, und sogleich gewinnt es für mich ebensoviel Bedeutung wie für sie, ja scheinbar die gleiche Bedeutung oder eine ähnliche. Vielleicht verstehe ich sie in Wirklichkeit gar nicht richtig, aber ich ergänze sie in der Richtung ihrer inneren Bewegung. Wir erraten offenbar, weil wir in der gleichen Erregung sind, das, was diese steigern kann, und müssen unwiderstehlich folgen ... Wenn zwei Menschen in Zorn oder Liebe geraten, steigern sie sich gegenseitig auf eine ähnliche Weise. Aber die Eigenart der Erregung und der Bedeutung, die alles in dieser Erregung annimmt, ist eben das Außerordentliche.

Könnte ich sagen, wir werden von dem Gefühl begleitet, in Einklang mit Gott zu leben, es wäre einfach; aber wie soll man voraussetzungslos beschreiben, was uns dauernd erregt? In Einklang ist richtig, aber womit ist nicht zu sagen. Wir werden von dem Gefühl begleitet, daß wir die Mitte unseres Wesen erreicht haben, die geheimnisvolle Mitte erreicht haben, wo die Fliehkraft des Lebens aufgehoben ist, wo die unaufhörliche Drehung des Erlebens aufhört, wo das laufende Band der Eindrücke und Ausstöße, das der Seele Ähnlichkeit mit einer Maschine gibt, stillsteht, wo die Bewegung Ruhe ist, daß wir an die Achse des Kreisels gelangt sind. Das sind symbolische Ausdrücke, und ich hasse diese Symbole geradezu, weil sie sich so leicht anbieten und unendlich ausbreiten, ohne etwas zu ergeben. Ich will es lieber noch einmal versuchen, und so nüchtern wie möglich: die Erregung, in der wir leben, ist die der Richtigkeit. Von diesem Wort, das in solcher Anwendung ebenso ungewöhnlich wie nüchtern ist, fühle ich mich ein wenig beruhigt. Zufriedenheit und Sättigung der Wünsche sind im Gefühl der Richtigkeit enthalten, Überzeugung gehört zu ihm und Stillung, es ist der tiefe Zustand, in den man nach Erreichen seines Ziels verfällt. Wenn ich fortfahre, mir das so darzustellen, und mich frage: welches Ziel ist erreicht; so weiß ich es nicht. Das ist schon wieder der Einklang mit dem unbezeichenbaren Womit. Und eigentlich ist es auch nicht ganz richtig, von einem Zustand des erreichten Ziels zu sprechen; zumindest ist es ebenso wahr, daß der Zustand von einem dauernden Eindruck der Steigerung begleitet ist. Aber es ist eine Steigerung ohne Fortschritt. Ebenso ist es ein Zustand des höchsten Glücks, führt aber nicht über ein schwaches Lächeln hinaus. Wir fühlen uns in jeder Sekunde emporgerissen, verhalten uns aber äußerlich wie innerlich ziemlich reglos; die Bewegung hört niemals auf, aber sie schwingt auf engstem Raum. Auch ist eine tiefe Sammlung mit einer weiten Zerstreutheit verbunden, und das Bewußtsein lebhafter Tätigkeit mit der Überwältigung durch ein Geschehen, das wir nicht genügend verstehen. So endet der Vorsatz, daß ich mich auf das Nüchternste beschränke, sogleich wieder in befremdlichen Widersprüchen. Aber das, was sich dem Geist so zerrissen darstellt, ist als Erlebnis von großer Natürlichkeit. Es ist einfach da; also müßte es auch dem richtigen Verständnis einfach sein!

Auch besteht zwischen Agathe und mir nicht die geringste Verschiedenheit in der Meinung, daß die Frage: Wie soll ich leben?, die wir uns beide aufgegeben hatten, beantwortet ist: So soll man leben!

Und manchmal erscheint es mir verrückt.« 66

Das Ende der Eintragung. Lebende Gedanken


»Ich sehe die Aufgabe nun doch deutlicher. Etwas gibt im menschlichen Leben dem Glück die Kürze, so sehr, daß Glück und Kürze scheinbar zusammengehören wie Geschwister. Es macht alle großen und glücklichen Stunden unseres Daseins zusammenhanglos, eine Zeit, die in Stücken in der Zeit treibt, und gibt allen anderen Stunden den notwendigen, den Not-Zusammenhang. Dieses Etwas bewirkt, daß wir ein Leben führen, das uns innerlich nicht berührt. Es bewirkt, daß man ebenso leicht Menschen fressen wie Dome bauen kann. Es ist die Ursache davon, daß immer nur Seinesgleichen geschieht, das bloß äußerlich Wirkliche. Es hat schuld daran, daß man von allen seinen Leidenschaften betrogen wird. Es ruft die sich immer wiederholende Vergeblichkeit der Jugend hervor und die sinnlose ewige Umwälzung der Zeiten. Dem ist es zuzuschreiben, daß bloß der Tätigkeitstrieb in Tätigkeit tritt, und nicht der Mensch, daß unsere Handlungen sich so notwendig vollziehen, als gehörten sie mehr zueinander als zu uns, daß unsere Erlebnisse in der Luft liegen, aber nicht in unserem Willen. Dieses Etwas ist gleichbedeutend damit, daß wir mit all dem Geist, den wir hervorbringen, nichts Rechtes anzufangen wissen, es bewirkt auch, daß wir uns selbst nicht lieben, daß wir uns wohl begabt finden mögen, aber alles in allem keinen Zweck darin sehen.

Dieses Etwas ist: daß wir immer wieder aus dem Zustand der Bedeutung in das an und für sich Bedeutungslose hinaustreten, um da hinein Bedeutung zu bringen. Wir treten aus dem Zustand des Sinnvollen in den Stand des Notwendigen und Notdürftigen, aus dem Zustand des Lebens in die Welt des Toten. Aber nun, wo ich es niedergeschrieben habe, bemerke ich, daß es eine Tautologie und scheinbar etwas Nichtssagendes ist, was ich sage. Doch bevor ich schrieb, war in meinem Kopf: Agathe gibt mir irgendeine Antwort, ein Zeichen; es macht mich glücklich; und dann der Gedanke: wir treten nicht aus der Welt des Geistes hinaus, um in eine des Ungeistes Geist zu setzen. Und es schien mir, daß dieser Gedanke vollkommen sei und mit dem Hinaustreten genau das bezeichne, was ich meine. Ich brauche mich auch nur in diesen Zustand zurück zu versetzen, so scheint es mir noch so zu sein.

Ich muß mich fragen, wie mich ein Fremder verstünde. Sage ich Bedeutung, so versteht er gewiß: das Bedeutende. Wenn ich Geist sage, versteht er zuvörderst Angeregtheit, lebhaftes Denken, Aufnehmen und Wollen. Und es erscheint ihm natürlich, daß man aus der Welt des Geistes hinaustreten und ihre Bedeutung ins Leben tragen müsse, ja er hält ein solches Bestreben nach Vergeistigung für die würdigste Erfüllung der menschlichen Aufgaben. Wie kann ich es ausdrücken, daß Vergeistigen schon Sündenfall ist, und Nicht die Welt des Geistigen verlassen ein Gebot, das keine Grade hat, sondern ganz oder gar nicht erfüllt wird?

Mir ist inzwischen eine bessere Erklärung in den Sinn gekommen. Die Erregung, in der wir uns befinden, Agathe und ich, drängt nicht zu Handlungen und nicht zu Wahrheiten, das heißt: sie bricht nichts vom Rande ab, sondern fließt durch das, was sie hervorruft, wieder in sich selber zurück. Das ist allerdings nur eine Beschreibung der Form des Geschehens. Aber, wenn ich das, was ich erlebe, auf diese Art beschreibe, so erfasse ich die veränderte, ja ganz andere Rolle, die nun mein Verhalten, mein Handeln hat: Was ich tue, ist nicht mehr die Entladung meiner Spannung und die Endform eines Zustands, in dem ich mich befunden habe, sondern es ist ein Durchgang und Relais auf dem Rückweg zur Bedeutung!

Allerdings hätte ich beinahe gesagt: Rückweg zu einer Steigerung meiner Spannung; aber da fiel mir einer der Widersprüche ein, die unser Zustand aufweist, der nämlich, daß er keinen Fortschritt zeigt, also doch wohl auch keine Steigerung haben kann. Danach glaubte ich Rückweg zu mir selbst sagen zu sollen so ungenau ist alles das! aber der Zustand ist gar nicht egotistisch, sondern liebevoll-weltzugewandt. Und so habe ich eben wieder Bedeutung geschrieben, und das Wort steht gut und natürlich in seinem Zusammenhang, ohne daß es mir bisher gelungen wäre, seinen Inhalt herauszuschälen.

So ungewiß das bleibt, hat mir aber immer ein Leben vorgeschwebt, dessen Hauptstück es wäre. Ich hatte bei jeder anderen Lebensführung das unklare Gefühl, es gesehen, vergessen und nicht wiedergefunden zu haben. Es hat mir die Befriedigung an allem, was bloß Rechnen und Denken ist, geraubt, hat mich aber auch nach jedem Abenteuer und von jeder Leidenschaft mit dem schalen Gefühl der Verfehlung nachhause kommen lassen, bis ich schließlich beinahe alle Lust am Wirken verlor. Das ist geschehen, weil ich mich durch nichts zwingen lassen wollte, den Bereich der Bedeutung zu verlassen. Nun könnte ich auch sagen, was Motiv ist. Motiv ist, was mich von Bedeutung zu Bedeutung führt. Es geschieht etwas oder es wird etwas gesagt, und das vermehrt den Sinn zweier Menschenleben und verbindet sie durch den Sinn, und was geschieht, welchen physischen oder rechtlichen Begriff es darstellt, bleibt dabei ganz gleichgültig, es gehört überhaupt nicht dazu.

Aber kann ich mir vorstellen, was das in seiner ganzen Ausdehnung besagt, ach, nur in seiner nächsten? Ich muß es versuchen. Ein Mensch tut etwas: nein, ich darf nicht ausweichen, Professor Lindner tut etwas! Er erregt Agathes Neigung. Ich spüre dieses Geschehen, möchte es verderben und widerlegen und in dem Augenblick, wo ich meiner Abneigung nachgebe, trete ich aus dem Kreis der Bedeutung hinaus. Was ich fühle, kann niemals Motiv für Agathe werden. Meine Brust mag voll Ärger oder Zorn, mein Kopf ein Arsenal spitzer und blitzender Einwände sein mein Herz ist leer! Mein Zustand ist dann plötzlich negativ! Mein Zustand ist nicht mehr positiv! Da ist mir nun wieder ein wunderliches Begriffspaar unter die Finger geraten. Warum komme ich auf die Bezeichnungen positiv und negativ? Ich erinnere mich unerwartet an einen Tag, wo ich auch vor einem Papier saß und den Versuch machte zu schreiben, damals hätte es ein Brief an Agathe werden sollen. Und allmählich entsinne ich mich: Ein Zustand des Tu! und einer des Tu nicht! als die beiden Mischungsbestandteile jeder Moral, das Tu in ihrem Aufstieg vorwaltend, das Tu nicht während ihrer gesättigten Herrschaft, ist dieses Verhältnis von Forderung und Verbot nicht das gleiche, was ich heute positiv und negativ nenne? Die Beziehung zwischen Agathe und mir dadurch gekennzeichnet, daß alles Forderung ist und nichts Verbot? Ich erinnere mich, daß ich damals von Agathes leidenschaftlicher, bejahender Güte gesprochen habe, die in einer Zeit, wo man so etwas nicht mehr versteht, wie ein uraltes Laster aussieht. Ich habe gesagt: es ist wie Heimkehr nach längster Zeit und das Wasser aus dem Brunnen seines Dorfes zu trinken! Und Forderung heißt natürlich nicht, daß wir fordern, sondern daß alles, was wir tun, das Höchste von uns fordere.

Den Kreis des Bedeutenden nicht zu verlassen, wäre also das gleiche wie ein Leben in reiner Positivität? Ich erschrecke beinahe bei dem Gedanken, daß es auch das gleiche ist wie wesentlich leben, obwohl ich das erwarten mußte. Denn was sollte wesentlich anderes bedeuten? Das Wort kommt wohl aus der Mystik oder Metaphysik und bezeichnet den Gegensatz zu allem irdischen friedelosen und zweifelvollen Geschehen; aber seit wir uns vom Himmel getrennt haben, lebt es auf Erden als die Sehnsucht, unter tausenden moralischen Überzeugungen die einzige zu finden, die dem Leben einen Sinn ohne Wandel gibt. Gespräche ohne Ende zwischen mir und Agathe darüber! Ihr jugendliches Verlangen nach moralischer Belehrung neben dem Trotz, worin sie Hagauer töten wollte und ihn wenigstens am Besitz wirklich geschädigt hat! Und das gleiche Suchen nach Überzeugung allenthalben in der Welt; die Ahnung, daß der Mensch nicht ohne Moral leben kann, und die tiefe Beunruhigung darüber, daß seine eigenen Gefühle eine jede zersetzen! Worin liegt die Möglichkeit eines ganzen Lebens, einer vollen Überzeugung, einer Liebe, die ohne jede Beteiligung von Nichtliebe, ohne einen Rest von Selbst- und Ichsucht ist? Das heißt doch: nur positiv leben. Und es heißt: kein Geschehen ohne Bedeutung zulassen wollen, jedesmal wenn ich von einem nie endenden Zustand im Gegensatz zur ewigen vergeblichen Augenblicklichkeit unseres üblichen Handelns spreche oder von der Zuordnung jedes Augenblickszustands zu einem Dauerzustand des Gefühls, die uns die Verantwortlichkeit wiedergibt. Ich könnte seitenlang in der Wiederholung solcher Ausdrücke fortfahren; die das, was wir meinten, von irgendeiner Seite bezeichneten. Wir haben das als wesenhaft leben zusammengefaßt, und auch von anderen so zusammenfassen hören, immer etwas in Verlegenheit wegen des schwülstig-übersinnlichen Beiklangs, den dieses Wort hat, aber wir besaßen keines, das einfacher zu gebrauchen war. Es ist also wohl keine geringe Überraschung, wenn ich das, was ich in den Wolken suchte, mit einemmal beinahe in meiner Hand finde!

Allerdings gehört es zu den Eigentümlichkeiten unseres Zustands, daß jede neue Betrachtung alle älteren in sich aufnimmt, so daß es unter ihnen keine Rangfolge gibt, sie scheinen vielmehr unendlich verstrickt zu sein. Ich könnte fortfahren und unseren Zustand ebensogut großmütig nennen, das habe ich überdies vor Tagen schon getan, wie ich ihn auch als schöpferisch zu kennzeichnen vermöchte, denn Schaffen und Schöpfung ist nur möglich in einem durch und durch positiven Verhalten, und so stimmt auch das überein; schließlich wäre ein solches Leben, wo jeder Augenblick so bedeutend wie möglich, sein soll, auch noch jenes Leben im Sinne der maximalen Forderung, das ich mir manchmal als die seelische Ergänzung zu der wortkargen Entschlossenheit der wirklichen Wissenschaft vorgestellt habe. Aber ob maximal, großmütig, schöpferisch oder bedeutsam, wesenhaft oder ganz, wie mache ich es, daß meine Empfindungen für Professor Lindner so seien? Das ist die Frage, zu der es zurückzukehren heißt, das Experimentum crucis, der Kreuzweg! Mir fällt ein, daß ich ihm die Möglichkeit abgesprochen habe, an Agathe teilzunehmen. Warum? Weil Teilnahme, ja schon Verständnis, niemals durch ein Sich in den andern Hineinversetzen möglich ist, sondern nur in der Weise, daß man gemeinsam an etwas Größerem teilhat. Auch ich vermag nicht die Kopfschmerzen meiner Schwester mitzuempfinden; aber ich finde mich mit ihr in einen Zustand versetzt, wo es keinen Schmerz gibt oder wo auch der Schmerz die schwebenden Flügel der Seligkeit hat!

Ich bezweifle es, ich sehe die Übertreibung darin. Aber vielleicht geschieht das nur, weil ich nicht der Ekstase fähig bin?

Zu Lindner müßte ich mich auch ungefähr so verhalten, als wäre ich mit ihm in Gott verbunden. Es genügt auch schon ein kleineres Ganzes wie die Nation oder irgendeine andere Bruderschaft. Wenigstens genügt es, um mir mein Verhalten vorzuzeichnen. Selbst eine gemeinsame Idee genügt. Es muß bloß etwas neues Lebendiges sein, das nicht bloß Lindner und ich ist. So lautet ja auch die Antwort auf Agathes Frage, was ein Widerspruch zweier Bücher bedeute, die man beide liebt: niemals eine Rechnung, ein Abwägen, sondern er bedeutet ein drittes Lebendiges, das beide Seiten in sich hüllt. Und so war das Leben, das mir immer, wenn auch selten deutlich, vor Augen stand: Die Menschen verbunden, ich mit den Menschen verbunden durch irgendetwas, das uns auf unsre hundert Abneigungen verzichten macht. Die Widersprüche und Feindseligkeiten, die es zwischen uns gibt, kann man nicht verleugnen, aber man kann sie sich aufgehoben denken, so wie der starke Strom einer Flüssigkeit aufhebt, was er auf seinem Weg trifft. Zwischen den Menschen gäbe es dann gewisse Empfindungen nicht, und andere gäbe es. Alle unmöglichen ließen sich zusammenfassen als neutrale und negative; als kleinliche, nagende, verengende, niedrige, aber auch als gleichgültige oder bloß in den notwendigen Beziehungen wurzelnde. So sind die verbleibenden groß, schwellend, fordernd, beschwert, bejahend, steigend: Ich kann das in der Eile nicht ausreichend beschreiben, aber es stak wie ein Traum in der Tiefe meines Körpers, und habe ich nicht am Ende einfach alle Menschen und das Leben lieben wollen?! Ich mit meinen Armen, meinen bis zur Bösartigkeit trainierten Muskeln wäre im Grunde nichts als liebebedürftig und liebestoll? Ist dies die Geheimformel meines Lebens?

Ich kann mir das vorstellen, wenn ich phantasiere und an die Welt und an die Menschen denke, aber nicht, wenn ich an Lindner denke, den bestimmten, lächerlichen, den Mann, den Agathe morgen vielleicht wieder besucht, um mit ihm zu besprechen, was sie mit mir nicht bespricht. Also bleibt übrig? Daß es zwei ungefähr zu trennende Gruppen von Gefühlen gibt, die ich jetzt wieder nur als positive und negative Zustände bezeichnen möchte, ohne sie damit zu bewerten und bloß nach einer Eigentümlichkeit ihrer Erscheinung; obwohl ich den einen dieser Gesamtzustände aus tiefer (das heißt auch: gut verborgener) Seele liebe. Und es bleibt Wirklichkeit, daß ich mich jetzt in diesem Zustand fast dauernd befinde, und Agathe auch! Vielleicht ist das ein großer Versuch, den das Schicksal mit mir vorhat. Vielleicht ist alles, was ich versucht habe, nur dazu dagewesen, daß ich dieses erlebe. Aber ich fürchte auch, daß sich in allem, was ich bis jetzt zu sehen vermeine, ein Zirkelschluß verbirgt. Denn ich will nicht wenn ich nun auf das ursprüngliche Motiv zurückgreife aus dem Zustand der Bedeutung hinaus, und wenn ich mir sagen will, was Bedeutung sei, so komme ich immer wieder nur auf den Zustand, wie ich bin und wie ich jetzt bin, das ist eben, daß ich aus einem bestimmten Zustand nicht hinauswill! So glaube ich nicht, die Wahrheit zu sehen; aber bloß subjektiv ist, was ich erlebe, gewiß auch nicht, es greift mit tausend Armen nach der Wahrheit. Es könnte mir deshalb wahrhaftig als eine Suggestion erscheinen. Alle meine Gefühle sind ja merkwürdig gleichartig oder gleichgerichtet, und die widerstrebenden sind ausgeschaltet, und ein solcher Affektzustand, der das Handeln einheitlich regelt, ist gerade das, was als das Hauptstück einer Suggestion angesehen wird. Aber kann etwas eine Suggestion sein, dessen Vorankündigung, dessen erste Spur ich beinahe mein ganzes Leben zurück zu verfolgen vermag?

Also bleibt übrig? Es ist nicht Einbildung und nicht Wirklichkeit; ich müßte, wenn es auch nicht Suggestion ist, beinahe daraus schließen, daß es beginnende Überwirklichkeit sei.« 67

General von Stumm läßt eine Bombe fallen. Weltfriedenskongreß


Ein Soldat darf sich durch nichts abschrecken lassen, und so gelang es General Stumm von Bordwehr als dem einzigen, zu Ulrich und Agathe vorzudringen; vielleicht war er aber auch der einzige, dem sie es nicht ganz unmöglich gemacht hatten, da denn auch Weltflüchtlinge vorsehen können, daß ihnen aller vierzehn Tage die Post nachkommt. Und als er sie jetzt durch seinen Eintritt in der Fortsetzung ihres Gesprächs störte, rief er befriedigt aus: »Leicht ist es nicht gewesen, alle Hindernisse des Vorfelds zu überwinden und in die Hauptstellung einzudringen!« küßte Agathe ritterlich die Hand und wandte sich besonders an sie mit den Worten: »Ich werde ein berühmter Mann sein, bloß weil ich Sie gesehen habe! Alle Welt fragt, welches Ereignis die Unzertrennlichen verschlungen habe, verlangt nach Ihnen, und ich bin gewissermaßen der Beauftragte der Gesellschaft, ja des Vaterlands, die Ursache Ihres Verschwindens zu entdecken! Ich bitte, mich damit zu entschuldigen, falls ich zudringlich erscheinen sollte!«

Agathe hieß ihn willkommen, wie es sich gehört; aber weder sie noch ihr Bruder vermochten sogleich, ihre Geistesabwesenheit vor ihrem Besucher zu verbergen, der als die verkörperte Schwäche und Unvollständigkeit ihrer Träume vor ihnen stand; und als General Stumm wieder von Agathe zurückgetreten war, setzte eine merkwürdige Stille ein. Agathe stand an der einen Langseite des Tisches, Ulrich an der anderen, und der General, wie ein von plötzlicher Windstille befallenes Segelschiff, ungefähr in der Mitte des Wegs zwischen ihnen beiden. Ulrich war im Begriff, seinem Besucher entgegen zu gehn, kam aber nicht von der Stelle. Stumm bemerkte jetzt, daß er wirklich gestört habe, und überlegte, wie er die Lage retten könnte. Auf allen drei Gesichtern lag der verzerrte Ansatz eines freundlichen Lächelns. Diese steife Stille dauerte kaum den Teil eines Augenblicks; doch gerade da fiel Stumms Blick auf das kleine Pferdchen aus Papiermasse, das vereinsamt wie ein Monument zwischen ihnen allen in der Mitte des leeren Tisches stand.

Die Hacken zusammenziehend, wies er mit der flachen Hand feierlich darauf und rief erleichtert aus: »Aber was ist denn das?! Ich gewahre in diesem Hause den großen Tiergötzen, das heilige Tier, das angebetete Idol der Reiterei?!«

Bei dieser Bemerkung Stumms löste sich auch Ulrichs Befangenheit, und nun auf ihn zueilend, sich aber doch auch an seine Schwester wendend, versicherte er lebhaft: »Es ist zwar ein Wagenpferd, aber im übrigen hast du es wunderbar erraten! Wir sprechen nämlich wirklich gerade von Idolen und ihrer Entstehung. Und nun sage einmal: Was liebt man, welchen Teil, welche Umformung und Verklärung liebt man, wenn man seinen Nächsten liebt, ohne ihn zu kennen? Inwiefern ist die Liebe also abhängig von der Welt und Wirklichkeit, und inwiefern verhält es sich umgekehrt?«

Stumm von Bordwehr hatte seinen Blick fragend auf Agathe gerichtet.

»Ulrich spricht von diesem kleinen Ding hier« versicherte sie etwas betreten und wies auf das Konditorpferdchen. »Er hat früher einmal eine Leidenschaft dafür gehabt.«

»Das ist aber hoffentlich schon recht lange her« äußerte sich Stumm verwundert. »Denn wenn ich nicht irre, ist es doch eine Bonbonniere!?«

»Das ist keine Bonbonniere!« beschwor ihn Ulrich, der von der lästerlichen Lust gepackt wurde, sich mit ihm darüber zu unterhalten. »Freund Stumm! Wenn du dich in ein Sattelzeug verliebst, das dir zu teuer ist, oder in eine Uniform oder in ein Paar Reitstiefel, die du in einer Auslage siehst: was liebst du da?«

»Du redest schamlos! So etwas liebe ich nicht!« verwahrte sich der General.

»Leugne nicht!« versetzte Ulrich. »Es gibt Leute, die Tag und Nacht von einem Kleiderstoff oder einem Reisekoffer träumen können, den sie in einer Auslage gesehen haben; und ein wenig davon hat jeder schon kennen gelernt; und auch dir ist es zumindest mit deiner ersten Leutnantsuniform so ergangen! Und da wirst du wohl zugeben, daß dieser Stoff oder Koffer unbrauchbar sein kann und daß man auch gar nicht in der Lage zu sein braucht, ihn wirklich begehren zu können: also ist keine Erfahrung leichter zu machen als die, daß man etwas liebt, ehe man es kennt und ohne es zu kennen. Darf ich dich übrigens daran erinnern, daß du Diotima gleich auf den ersten Blick geliebt hast?!«

Diesmal blickte der General pfiffig auf. Agathe hatte ihm mittlerweile Platz angeboten und hatte ihn auch mit einer Zigarre versorgt, weil ihr Bruder seiner Pflicht vergaß; er war von blauen Wölkchen umsäumt und sagte unschuldig: »Sie ist seither ein Lehrbuch der Liebe geworden, und Lehrbücher habe ich schon auf der Schule nicht so recht geliebt. Aber ich bewundere und achte diese Frau noch immer« fügte er mit einer würdigen Gelassenheit hinzu, die neu an ihm war.

Ulrich beachtete sie leider nicht gleich. »Alles das sind Idole« fuhr er fort, seine an Stumm gerichteten Fragen zu entwickeln. Und nun siehst du deren Entstehung. Die in unsere Natur gelegten Triebe brauchen nur ein Mindestmaß an äußerer Begründung und Rechtfertigung; sie sind ungeheure Maschinen, die sich durch einen kleinen Schalter in Bewegung setzen lassen. Sie statten dafür den Gegenstand, dem sie gelten, aber auch nur so weit mit Vorstellungen aus, die einer Prüfung standhalten könnten, als es etwa dem Flackern von Licht und Schatten im Schein einer Notbeleuchtung entspricht«

»Halt!« bat Stumm aus der Dampfwolke. »Was ist Gegenstand? Sprichst du jetzt wieder von den Stiefeln und dem Koffer?«

»Ich spreche von der Leidenschaft. Von der Sehnsucht nach Diotima gerade so wie von der nach der verbotenen Zigarette. Ich möchte dir deutlich machen, daß jedes affektive Verhältnis zuerst durch vorläufige Wahrnehmungen und Vorstellungen angebahnt wird, die der Wirklichkeit angehören; daß es sogleich aber auch selbst Wahrnehmungen und Vorstellungen hervorruft, die es in seiner Weise ausstattet. Kurz, der Affekt rückt sich den Gegenstand zurecht, wie er ihn braucht, ja erschafft ihn, so daß er schließlich einem Gegenstand gilt, der, auf solche Art zustandegekommen, nicht mehr zu erkennen wäre. Aber er ist ja auch nicht für die Erkenntnis bestimmt, sondern eben für eine Leidenschaft! Dieser aus der Leidenschaft entstehende und in ihr schwebende Gegenstand« schloß Ulrich nun, zum Anfang zurückkehrend »ist natürlich etwas anderes als der Gegenstand, an den sie sich äußerlich heftet und nach dem sie greifen kann, und das gilt also auch von der Liebe. Ich liebe dich, ist eine Verwechslung; denn dich, diese Person, von der die Leidenschaft hervorgerufen wird und die man mit Armen greifen kann, glaubt man zu lieben, und die von der Leidenschaft hervorgerufene Person, dieses wildreligiöse Gebilde, liebt man wirklich, aber sie ist eine andere.«

»Wenn man dich hört,« unterbrach Agathe ihren Bruder mit einem Vorwurf, der ihre innere Teilnahme verriet »so sollte man meinen, daß man die wirkliche Person nicht wirklich liebt und eine unwirkliche wirklich!«

»Genau das habe ich sagen wollen, und ähnliches habe ich auch schon von dir gehört.«

»Aber in Wirklichkeit sind die beiden schließlich doch eins!«

»Das ist ja gerade die Hauptverwicklung, daß die der Liebe vorschwebende Person in jeder äußeren Beziehung von der wirklichen Person vertreten werden muß, ja mit ihr eins ist. Dadurch kommt es zu allen den Verwechslungen, die dem einfachen Geschäft der Liebe etwas so anregend Gespenstisches verleihen!«

»Vielleicht wird aber auch die wirkliche Person erst in der Liebe ganz wirklich? Vielleicht ist sie vorher nicht vollständig?!«

»Aber der Stiefel oder Reisekoffer, von dem man träumt, ist in Wirklichkeit doch kein anderer als der, den man auch kaufen könnte!«

»Vielleicht entsteht auch der Reisekoffer erst zu Ende, wenn man ihn liebt!«

»Mit einem Wort, man kommt zu der Frage, was wirklich sei. Die alte Frage der Liebe!« rief Ulrich ungeduldig und doch befriedigt aus.

»Ach, lassen wir den Reisekoffer!« Es war zum Erstaunen der beiden die Stimme des Generals, die ihr Scheingefecht unterbrach. Stumm hatte behaglich ein Bein über das andere gezwängt, was ihm, wenn es einmal gelungen war, große Sicherheit verlieh. »Bleiben wir bei der Person« fuhr er fort und lobte Ulrich: »Du hast bis jetzt manches wieder hervorragend schön gesagt! Die Menschen glauben ja immer, daß nichts einfacher ist, als einander zu lieben, und dann muß man ihnen jeden Tag vorhalten: Verehrteste, das ist nicht so einfach, wie bei der Äpfelfrau!« Höflich wandte er sich zur Erklärung dieses mehr militärischen als zivilen Ausdrucks an Agathe: »Die Äpfelfrau, Gnädigste, zitiert man bei uns, wenn einer sich etwas leichter vorstellt, als es ist. In der Höheren Mathematik, zum Beispiel, wenn beim abgekürzten Dividieren einer gleich so stark abkürzt, daß er, mir nichts, dir nichts, bei einem falschen Resultat ist! Dann hält man ihm die Äpfelfrau vor, und das wird dann halt auch sonst angewendet, wo ein gewöhnlicher Mensch bloß sagen möchte: das ist nicht so einfach!« Nun wandte er sich wieder an Ulrich und fuhr fort: »Deine Wissenschaft von den zwei Personen interessiert mich deshalb so sehr, weil auch ich den Leuten allemal sage, daß man den Menschen nur in zwei Teilen lieben kann: in der Theorie, oder wie du sagst, als vorschwebende Person, soll man ihn meinetwegen lieben; aber in der Praxis muß man streng, und schließlich auch hart, mit ihm verfahren! So ist es zwischen Mann und Frau, und so ist es überhaupt im Leben! Die Pazifisten zum Beispiel, mit ihrer Liebe ohne Schuhsohlen, ahnen davon nicht das mindeste, und ein Leutnant versteht zehnmal mehr von der Liebe als diese Dilettanten!«

Stumm von Bordwehr machte durch seinen Ernst, durch die Abgewogenheit seiner Rede, nicht zuletzt sogar durch die Kühnheit, mit der er, trotz Agathes Gegenwart, die Frau zum Gehorchen verurteilt hatte, den Eindruck eines Mannes, mit dem sich Wichtiges ereignet hat und der sich nicht ohne Erfolg bemüht hat, es zu bemeistern. Aber Ulrich hatte das noch immer nicht erfaßt und schlug vor: »Entscheide also du, welcher Person eine Liebe in Wahrheit gilt und welche Person bloß der Figurant ist!«

»Das war mir zu hoch« versicherte Stumm ruhig, zog Atem aus der Zigarre und fügte gelassen hinzu: »Ich habe mich gefreut, wieder zu hören, wie schön du sprichst; aber im ganzen sprichst du doch so, daß man sich fragen möchte, ob es denn wirklich deine einzige Beschäftigung ist. Ich muß gestehn, daß ich erwartet habe, dich nach deinem Verschwinden bei, weiß Gott, wichtigeren Geschäften anzutreffen!«

»Stumm, das ist wichtig!« rief Ulrich aus. »Denn die Weltgeschichte ist mindestens zur Hälfte eine Liebesgeschichte! Natürlich mußt du alle Arten der Liebe zusammennehmen!«

Der General nickte widerstrebend. »Das mag schon so sein.« Er verschanzte sich hinter das Geschäft, eine neue Zigarre zu beschneiden und anzuzünden, und knurrte: »Aber dann ist die andere Hälfte eine Geschichte des Zorns. Und man soll den Zorn nicht geringschätzen! Ich bin seit einiger Zeit ein Spezialist der Liebe und weiß das!«

Jetzt verstand Ulrich endlich, daß sein Freund sich verändert habe, und bat ihn neugierig, zu erzählen, was ihm widerfahren sei.

Stumm von Bordwehr sah ihn eine Weile an, ohne zu antworten, dann sah er Agathe an, und endlich erwiderte er, so daß nicht recht zu unterscheiden war, ob es gereizt oder genußvoll verzögert geschehe: »Oh, es wird dir vielleicht kaum der Rede wert erscheinen im Vergleich mit deinen Beschäftigungen. Bloß das eine ist geschehen: Die Parallelaktion hat ein Ziel gefunden!«

Diese Nachricht von etwas, dem so viel Anteilnahme geschenkt worden war, wenn auch keine echte, hätte selbst einen unaufgelockerten Zustand der Abgeschlossenheit durchschlagen müssen, und als Stumm seine Wirkung sah, war er mit dem Geschick versöhnt und fand seine alte, arglose Mitteilungsfreude für längere Zeit wieder. »Wenn du es vorziehst, kann ich ebenso gut auch sagen: Die Parallelaktion hat ein Ende gefunden!« bot er entgegenkommend an.

Ganz nebenbei war das geschehen: »Wir haben uns alle schon so daran gewöhnt gehabt, daß nichts geschieht, aber immer etwas geschehen soll« erzählte Stumm. »Und da hat auf einmal jemand anstatt eines neuen Vorschlags die Nachricht gebracht, daß heuer im Herbst ein Welt-Friedens-Kongreß tagen wird, und noch dazu hier bei uns!«

»Das ist sonderbar!« meinte Ulrich.

»Wieso sonderbar? Wir haben doch nicht das geringste davon gewußt!«

»Das meine ich ja gerade.«

»Also da hast du ja auch nicht ganz unrecht« pflichtete ihm Stumm von Bordwehr bei. »Es wird jetzt sogar behauptet, daß es eine vom Ausland lancierte Nachricht gewesen sein soll. Der Leinsdorf und Tuzzi haben geradezu vermutet, daß es sich um eine russische Intrige gegen unsere vaterländische Aktion handeln könnte, wenn nicht am Ende gar um eine reichsdeutsche. Denn du mußt bedenken, daß wir doch erst in vier Jahren fertig zu sein brauchen, so daß es ganz gut möglich wäre, daß man uns in etwas hineinhetzen will, das wir gar nicht beabsichtigen. Die Versionen gehen darüber auseinander; aber die Wahrheit hat sich nicht mehr feststellen lassen, obwohl wir natürlich sofort überall hingeschrieben haben, um etwas Näheres zu erfahren. Merkwürdigerweise hat man auch schon überall von diesem pazifistischen Kongreß gewußt ich versichere dir: in der ganzen Welt! Und bei Privaten gerade so wie in Redaktionen und Staatskanzleien! doch hat man angenommen, oder es ist eben ausgesprengt worden, daß er von uns ausgeht und zu unserer großen Weltaktion gehört, und ist bloß verwundert gewesen, weil von uns auf keinerlei Anfragen und Rückfragen eine vernünftige Antwort gekommen ist. Vielleicht hat sich jemand einen Jux mit uns gemacht; der Tuzzi hat uns ein paar von diesen Einladungen zum Friedenskongreß unauffällig verschaffen können: die Unterschriften waren zwar recht naiv nachgemacht, aber das Briefpapier und der Stil sind wirklich wie echt gewesen! Natürlich haben wir uns dann auch an die Polizei gewandt, und die hat rasch herausgefunden, daß die ganze Ausführung auf einen Ursprung hierzulande zurückweist, und dabei ist auch herausgekommen, daß es wirklich solche Leute hier gibt, die einen Weltfriedenskongreß im Herbst einberufen möchten weil da nämlich eine Frau, die einen pazifistischen Roman geschrieben hat, ich weiß nicht wie viel Jahre alt wird oder, falls sie schon gestorben sein sollte, alt geworden wäre: Aber diese Leute haben mit der Ausstreuung, die uns betroffen hat, wie sich bald herausgestellt hat, nachweisbar nicht das geringste zu tun; und auf diese Weise ist der Ursprung also im Dunkel geblieben« meinte Stumm verzichtend, aber mit der Befriedigung, die jede gut zu Ende gebrachte Erzählung gewährt. Die anstrengende Darlegung der Schwierigkeiten hatte sein Gesicht mit Schatten überzogen, doch jetzt brach die Sonne seines Lächelns durch diese Ratlosigkeit hindurch, und mit einem so unbefangenen wie treuherzigen Zug von Verachtung fügte er noch hinzu: »Das Merkwürdigste ist ja, daß alle Welt einverstanden gewesen ist mit so einem Kongreß oder daß wenigstens keiner hat nein sagen wollen! Und jetzt frage ich dich: was bleibt einem da übrig; besonders wenn man schon vorausgesagt hat, daß man etwas unternehmen wird, was der ganzen Welt ein Vorbild sein soll, und immer die Parole der Tat ausgegeben hat?! Wir haben einfach vierzehn Tage wie die Wilden arbeiten müssen, damit das wenigstens hinterdrein so ausschaut, wie es sozusagen unter anderen Umständen im vorhinein ausgeschaut hätte. Und so haben wir uns der organisatorischen Überlegenheit der Preußen vorausgesetzt, daß es überhaupt die Preußen gewesen sind! eben gewachsen gezeigt. Wir nennen es jetzt eine Vorfeier. Den politischen Teil behält dabei die Regierung im Auge, und wir von der Aktion bearbeiten mehr das Festliche und Kulturmenschliche, weil das für ein Ministerium einfach zu belastend ist«

»Aber eine sonderbare Geschichte bleibt es immerhin!« versicherte jetzt Ulrich ernst, obwohl er über diesen Ausgang lachen mußte.

»Halt ein historischer Zufall« sagte der General zufrieden. »Solche Mystifikationen sind schon oft von Wichtigkeit gewesen.«

»Und Diotima?« erkundigte sich Ulrich vorsichtig.

»Ja, die hat freilich Amor und Psyche schleunigst beiseite stellen müssen und entwirft jetzt zusammen mit einem Maler den Trachtenfestzug. Die Stämme Österreichs und Ungarns huldigen dem inneren und äußeren Frieden wird er heißen« berichtete Stumm und wandte sich nun flehend an Agathe, als er bemerkte, daß auch sie die Lippen zum Lächeln verzog. »Ich beschwöre Sie, Gnädigste, wenden Sie nichts dagegen ein und gestatten Sie auch ihm keinen Einwand!« bat er. »Denn der Trachtenfestzug und wahrscheinlich eine Militärparade sind das einzige, was bis jetzt von den Feierlichkeiten feststeht. Es werden die Tiroler Standschützen über die Ringstraße marschieren, denn die geben mit ihren grünen Hosenträgern, den Hahnenfedern und den langen Bärten immer ein malerisches Bild ab; und dann sollen auch noch die Biere und Weine der Monarchie den Bieren und Weinen der übrigen Welt huldigen. Aber schon da besteht zum Beispiel noch keine Einigung darüber, ob nur die österreichisch-ungarischen Biere und Weine denen der übrigen Welt huldigen sollen, damit der liebenswürdige österreichische Charakter umso gastlicher hervorkommt, als man auf eine Gegenhuldigung verzichtet; oder ob auch die ausländischen Biere und Weine mitmarschieren dürfen, damit sie den unsrigen huldigen, und ob sie dafür Zoll zahlen müssen oder nicht. Jedenfalls ist das eine sicher, daß es bei uns einen Festzug ohne Menschen, die in altdeutschen Kostümen auf Faßwagen und Bierpferden sitzen, nicht geben kann und noch nie gegeben hat; und ich kann mir bloß nicht vorstellen, wie das im Mittelalter selbst gewesen ist, als die altdeutschen Kostüme noch nicht alt gewesen sind, und nicht einmal älter ausgeschaut haben als heutzutage ein Smoking!?«

Nachdem diese Frage zur Genüge gewürdigt worden war, stellte Ulrich aber eine bedenklichere: »Ich möchte wissen, was unsere nichtdeutschen Nationen zu dem Ganzen sagen werden!«

»Das ist einfach: sie werden mitmarschieren!« versicherte Stumm vergnügt. »Denn wenn sie es nicht tun, so kommandieren wir ein böhmisches Dragonerregiment in den Festzug und machen Hussitenkrieger aus ihm, und ein Ulanenregiment ziehen wir als die polnischen Türkenbefreier Wiens an.«

»Und was sagt Leinsdorf zu diesen Plänen?« fragte Ulrich zögernd.

Stumm stellte das übergelegte Bein neben das andere und wurde ernst. »Der ist allerdings nicht gerade entzückt« gab er zu und erzählte, daß Graf Leinsdorf niemals das Wort »Festzug« in Gebrauch nehme, sondern auf das halsstarrigste daran festhalte, »die Demonstration« zu sagen. »Wahrscheinlich liegen ihm noch die Demonstrationen im Sinn, die er erlebt hat« meinte Ulrich, und Stumm pflichtete ihm bei: »Er hat schon des öfteren zu mir gesagt,« berichtete er »wer das Volk auf die Straße führt, lädt damit eine große Verantwortung auf sich, Herr General! Genau so, als ob ich etwas dafür oder dagegen tun könnte! Dazu müßtest du aber freilich auch wissen, daß wir seit einiger Zeit ziemlich oft beisammen sind, er und ich«

Stumm setzte aus, als wolle er Zeit für eine Frage lassen, als aber weder Agathe noch Ulrich diese stellten, fuhr er vorsichtig fort: »Es ist Seiner Erlaucht nämlich noch eine Demonstration widerfahren. Auf einer Reise, in B..., ist er in jüngster Zeit sowohl von den Tschechen als auch von den Deutschen beinahe verprügelt worden.«

»Aber warum denn?« rief Agathe teilnehmend aus, und auch Ulrich zeigte seine Neugierde.

»Weil er als Friedensstifter bekannt ist!« verkündete Stumm. »Die Friedens- und Menschenliebe ist nämlich in Wirklichkeit nicht so einfach«

»Wie bei der Äpfelfrau!« fiel Agathe lachend ein.

»Eigentlich habe ich sagen wollen, wie bei einer Bonbonniere« verbesserte sie Stumm und fügte diesem bedächtigen Tadel für Ulrich noch die Anerkennung für Leinsdorf hinzu: »Trotzdem wird ein Mann wie er, wenn es einmal beschlossen ist, das Amt, das ihm zufällt, voll und ganz ausfüllen!«

»Welches Amt denn?« fragte nun Ulrich.

»Jedes!« versicherte der General. »Er wird auf der Festtribüne neben dem Kaiser sitzen, natürlich nur in dem Fall, daß sich Seine Majestät auf eine Festtribüne setzt; und außerdem entwirft er die Huldigungsadresse unserer Völker, die er dem Allerhöchsten Herrn überreichen wird. Wenn das aber vorläufig selbst alles sein sollte, so bin ich überzeugt, daß es das nicht bleiben wird; denn wenn er keine andern Sorgen hat, so macht er sich sofort welche: eine so tatkräftige Natur ist er! Jetzt möchte er übrigens dich sprechen« ließ Stumm versuchsweise einfließen.

Ulrich schien es zu überhören, war aber aufmerksam geworden. »Leinsdorf fällt doch kein Amt zu?!« fragte er mißtrauisch. »Seit er lebt, ist er immer der Knopf auf der Fahnenstange gewesen!«

»Ja « meinte General Stumm mit Vorbehalt. »Ich will eigentlich auch nichts gesagt haben; er bleibt natürlich immer ein hoher Herr. Aber schau, da hat mich zum Beispiel der Tuzzi unlängst beiseite genommen und hat vertraulich zu mir gesagt: Herr General! Wenn mich in einer finsteren Gasse ein Mann anstreift, so trete ich zur Seite; wenn er mich aber in der gleichen Lage freundlich fragt, wieviel Uhr es ist, dann greife ich nicht nur nach der Uhr, sondern taste auch nach der Pistole! Was sagst du dazu?«

»Was sollte ich dazu sagen? Ich verstehe den Zusammenhang nicht!«

»Das ist eben jetzt die Vorsicht der Regierung« erklärte Stumm. »Sie denkt bei einem Weltfriedenskongreß an alle Möglichkeiten, während der Leinsdorf schließlich doch immer seine eigenen Ideen hat.«

Ulrich begriff plötzlich. »Also mit einem Wort: Leinsdorf soll jetzt von der Spitze verdrängt werden, weil man Angst vor ihm hat?!«

Darauf erwiderte der General nicht unmittelbar. »Er läßt dich durch mich bitten, daß du die guten Beziehungen zu deiner Kusine Tuzzi wieder aufnehmen sollst, damit man erfährt, was vorgeht: Ich sage es gerade heraus, er hat es natürlich zurückhaltender ausgedrückt« berichtete Stumm. Und nach kurzem Zaudern fügte er entschuldigend hinzu: »Sie sagen ihm halt nicht alles! Aber schließlich ist das eben die Gewohnheit der Ministerien: wir sagen uns doch untereinander auch nicht alles!«

»In welchen Beziehungen ist denn mein Bruder eigentlich zu unserer Kusine gestanden?« fragte jetzt Agathe.

Ahnungslos versicherte Stumm, in der freundlichen Täuschung befangen, daß er gefällig scherze: »Er ist eine geheime Liebe von ihr!« und fügte nun gleich auch ermunternd für Ulrich hinzu: »Ich weiß ja nicht, was zwischen euch vorgefallen ist, aber sie bedauert es sicher! Sie sagt, du bist ein so unentbehrlich schlechter Patriot, daß du allen Feinden des Vaterlands großartig gefallen müßtest, die sich schließlich bei uns ja wohlfühlen sollen. Das ist doch eigentlich nett von ihr? Nur den ersten Schritt kann sie natürlich nicht tun, nachdem du dich so eigensinnig zurückgezogen hast!«

Der Abschied wurde von da an etwas einsilbig, und es bedrückte Stumm sehr, nachdem er im Zenit gestanden, glanzlos untergehen zu sollen.

So erfuhren Ulrich und Agathe schließlich etwas, das ihre Züge wieder erheiterte und auch das Antlitz des Generals freundlich rötete. »Den Feuermaul sind wir los!« berichtete er, zufrieden damit, daß es ihm noch rechtzeitig eingefallen sei, und er fügte voll Verachtung für die Menschenliebe des Dichters hinzu: »Das hat jetzt ohnehin keinen Sinn mehr!« Auch der »ekelerregende« Beschluß aus der letzten Sitzung, daß man niemand zwingen dürfe, für fremde Ideen zu sterben, wogegen es jeder für seine eigenen tun solle, auch dieser von Grund aus friedenstiftende Beschluß war, wie sich nun zeigte, gemeinsam mit allem, was der Vergangenheit angehörte, gefallen und auf des Generals Einspruch nicht einmal mehr zu Protokoll genommen worden. »Eine Zeitschrift, die ihn abgedruckt hat, haben wir unterdrückt; solches übertriebene Gerede glaubt ja doch kein Mensch mehr!« ergänzte Stumm diese Mitteilung, was angesichts der Vorbereitungen zu einem pazifistischen Kongreß nicht ganz klar anmutete. Agathe nahm denn auch die jungen Leute ein wenig in Schutz, und selbst Ulrich erinnerte schließlich seinen Freund daran, daß Feuermaul doch nicht an dem Zwischenfall schuld gewesen sei. Da machte Stumm aber keine Schwierigkeiten und gab zu, daß Feuermaul, den er im Haus seiner Schutzherrin kennengelernt habe, ein reizender Mensch sei. »So voll Anteilnahme für alles! Und wirklich geradezu aus freien Stücken gut!« rief er anerkennend aus.

»Aber dann wäre er doch durchaus eine schätzenswerte Bereicherung für diesen Kongreß!« warf Ulrich abermals ein.

Aber Stumm, der sich inzwischen ernstlich zum Gehen angeschickt hatte, schüttelte lebhaft den Kopf. »Nein! Ich kann es nicht so kurz ausdrücken, worauf es ankommt« sagte er entschlossen. »Aber der Kongreß soll nicht übertrieben sein!«


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Agathe findet Ulrichs Tagebuch


Dieweil Ulrich dem Fortgehenden selbst das Geleite gab, führte Agathe, dem inneren Tadel zum Trotz, etwas aus, das sie sich blitzartig vorgenommen hatte. In einer Lade des Arbeitstisches waren ihr schon vor der Unterbrechung durch Stumm lose liegende Papiere aufgefallen, und dann ein zweites Mal in seiner Gegenwart; und zwar beidemal durch eine unterdrückte Bewegung ihres Bruders, die den Eindruck hervorgerufen hatte, er wolle sich im Gespräch auf diese Papiere berufen, könne sich aber nicht dazu entschließen, ja verwehre es sich mit Vorsatz. Ihre Vertrautheit mit ihm hatte sie das mehr erahnen als begründet erraten lassen; und auf die gleiche Weise verstand sie auch, daß sich das Verhohlene auf sie und ihn beziehen müsse. Darum öffnete sie die Lade, nachdem er kaum das Zimmer verlassen hatte, und tat dies, mochte es berechtigt sein oder nicht, in einem Gefühl, das rasche Entscheidungen fordert und moralische Bedenken nicht zuläßt. Aber die vielfach durchstrichenen, lose zusammenhängenden und nicht immer leicht zu entziffernden Aufzeichnungen, die ihr in die Hand fielen, zwangen ihrer leidenschaftlichen Neugierde alsbald ein langsames Zeitmaß auf.

»Ist Liebe ein Gefühl? Diese Frage mag im ersten Augenblick unsinnig wirken, so gewiß scheint es zu sein, daß die ganze Natur der Liebe ein Fühlen sei; umso mehr überrascht die richtige Antwort: denn das Gefühl ist wahrhaftig das wenigste an der Liebe! Bloß als solches betrachtet, ist sie kaum so heftig und mächtig und jedenfalls weniger deutlich ausgeprägt als ein Zahnschmerz.«

Der zweite, ebenso wunderliche Vermerk lautete: »Ein Mann vermag seinen Hund und seine Frau zu lieben. Ein Kind kann einen Hund zärtlicher lieben als ein Mann seine Frau. Jemand liebt seinen Beruf, ein anderer die Politik. Am meisten lieben wir wohl allgemeine Zustände; ich meine wenn wir sie nicht gerade hassen jenes undurchschaubare Zusammenwirken von ihnen, das ich das Stallgefühl nennen mag: wir sind erfreut in unserem Leben zu Hause wie ein Pferd in seinem Stall!

Aber was bedeutet es, alles dieses, das so verschieden ist, mit dem gleichen Wort ›lieben‹ zu verbinden?! Da hat sich in meinem Kopf, neben Zweifel und Spott, ein uralter Gedanke niedergelassen: Alles in der Welt ist Liebe! Liebe ist das sanfte, göttliche, von Asche verdeckte, aber unauslöschliche Wesen der Welt! Ich wüßte nicht zu sagen, was ich unter Wesen verstehe; aber wenn ich mich ohne Sorge dem ganzen Gedanken überlasse, empfinde ich ihn mit einer merkwürdig natürlichen Gewißheit. Wenigstens für Augenblicke.«

Agathe errötete, denn die nächsten Eintragungen begannen mit ihrem Namen. »Agathe hat mir einmal Bibelstellen gezeigt; ich erinnere mich noch ungefähr an den Wortlaut und habe mir vorgenommen, ihn aufzuschreiben: Alles, was in der Liebe geschieht, geschieht in Gott. Denn Gott ist Liebe. Und eine zweite sagte: Die Liebe ist von Gott, und wer Gott liebt, der ist von Gott geboren. Diese beiden Stellen stehen offensichtlich miteinander in Widerspruch: das eine Mal kommt die Liebe von Gott, das andre Mal ist sie Gott selbst!

Die Versuche, das Verhältnis der Liebe zur Welt auszudrücken, scheinen also selbst den Erleuchteten nicht wenig Schwierigkeiten zu machen; wie sollte da nicht erst der unbelehrte Verstand versagen! Daß ich sie das Wesen der Welt genannt habe, ist nichts als Ausrede gewesen: es läßt all die Wahl offen, daß ich sage, diese Feder und dieser Tintennapf, mit denen ich schreibe, beständen in Wahrheit aus Liebe oder sie täten es in Wirklichkeit. Denn wie in Wirklichkeit? Bestünden sie dann aus Liebe, oder wären sie deren Folge, ausgestaltende Erscheinung oder Andeutung? Sind sie selbst, schon sie selbst, Liebe, oder ist das erst ihre Gesamtheit? Sollen sie von Natur Liebe sein, oder ist von der Wirklichkeit einer Übernatur die Rede? Und wie verhält es sich mit dem: in Wahrheit? Ist das eine Wahrheit für den geschärfteren Verstand oder eine für den begnadeten Unverstand? Ist es die Wahrheit des Denkens oder eine unvollständige symbolische Beziehung, die erst in der um Gott versammelten Universalität der Geistesgeschehnisse ihre Bedeutung voll enthüllen wird? Was davon habe ich gesagt? Ungefähr nichts und alles!

Ebensogut hätte ich von der Liebe auch sagen können, daß sie die göttliche Vernunft, der neuplatonische Logos sei. Ebensogut anderes: Liebe ist der Schoß der Welt; der sanfte Schoß des sich selbst nicht begreifenden Geschehens. Und abermals verschieden: OMeer der Liebe, von dem nur der Ertrinkende, nicht der Darüberfahrende weiß! Alle diese hinweisenden Rufe fristen ihre Bedeutung bloß davon, daß einer so wenig Wort hält wie der andere.

Am ehrlichsten ist das Gefühl: wie winzig ist die Erde im Himmelsraum, und wie ist der Mensch, nichtiger als das kleinste Kind, auf Liebe angewiesen! Aber das ist nichts als der nackte Schrei nach ihr, und keine Spur von Antwort!

Doch darf ich vielleicht in dieser Weise sprechen, ohne meine Worte ins Leere überzutreiben: Es gibt einen Zustand in der Welt, dessen Anblick uns verstellt ist, den aber die Dinge manches Mal da oder dort freigeben, wenn wir uns selbst in einem auf besondere Art erregten Zustand befinden. Und nur in ihm erblicken wir, daß die Dinge aus Liebe sind. Und nur in ihm erfassen wir auch, was es bedeutet. Und nur er ist dann wirklich, und wir wären dann wahr.

Das wäre eine Beschreibung, von der ich nichts zurücknehmen müßte. Aber ich habe freilich auch nichts, es zu ihr zuzufügen!«

Agathe staunte. Ulrich hielt sich in diesen heimlichen Aufzeichnungen viel weniger als sonst zurück. Und obwohl sie verstand, daß er sich das auch vor sich selbst nur mit dem Vorbehalt des Heimlichen gestatte, meinte sie ihn doch dabei so vor sich zu sehen, daß er unschlüssig und gerührt die Arme gegen etwas öffne.

Die Aufzeichnungen fuhren nun fort: »Auch das ist ein Einfall, auf den beinahe die Vernunft selbst verfallen könnte, allerdings nur eine etwas aus ihrer ruhenden Lage geratene Vernunft: sich den Alliebenden als den Ewigen Künstler vorzustellen. Er liebt die Schöpfung, solange er sie schafft, von den fertigen Teilen wendet sich seine Liebe aber ab. Denn der Künstler muß auch das Hassenswerteste lieben, um es bilden zu können, aber was er bereits geschaffen hat, mag es auch gut sein, erkaltet ihm; es wird so liebeverlassen, daß er sich darin selbst kaum noch versteht, und die Augenblicke sind selten und unberechenbar, wo seine Liebe wiederkehrt und sich an dem weidet, was sie getan hat. Und so wäre denn auch zu denken: Was über uns waltet, liebt, was es schafft; aber dem fertigen Teil der Schöpfung entzieht und nähert sich seine Liebe in langem Abfließen und kurzem Wiederanschwellen. Diese Vorstellung paßt sich der Tatsache an, daß Seelen und Dinge der Welt wie Tote sind, die manchmal für Sekunden auferweckt werden.«

Dann kamen flüchtig einige andere Eintragungen, die wirr aussahen, als wären sie zum Versuch gemacht.

»Ein Löwe vor dem Morgenhimmel! Ein Nashorn im Mondlicht! Du hast die Wahl zwischen Liebesfeuer und Gewehrfeuer. Also sind zumindest zwei Grundzustände anzunehmen: Liebe und Gewalt. Und es ist ohne Zweifel die Gewalt, was die Welt im Gange hält und vor dem Einschlafen bewahrt, nicht die Liebe!

Hier ließe sich freilich auch die Annahme einflechten, daß die Welt sündig geworden sei. Vorher Liebe und Paradies. Das hieße: die fertige Welt Sünde! Die mögliche: Liebe!

Andere verdächtige Frage: Die Philosophen stellen sich Gott als Philosophen vor, als den reinen Geist; sollte es dann nicht den Offizieren naheliegen, sich ihn als Offizier vorzustellen? Aber ich, Mathematiker, stelle mir das Allwesen als Liebe vor? Wie bin ich eigentlich dahin gekommen?

Und wie sollten wir denn auch gleich an einem der intimsten Erlebnisse des Ewigen Künstlers teilhaben!«

Das Blatt brach ab. Aber danach bedeckte sich Agathes Gesicht von neuem mit Röte, als sie, ohne die Augen zu heben, das nächste nahm und weiterlas:

»Wir hatten in letzter Zeit oft ein merkwürdiges Erlebnis, Agathe und ich! Wenn wir unsere Ausgänge in die Stadt unternahmen. In dem besonders schönen Wetter sieht die Welt sehr fröhlich und zusammengehörig aus, so daß man gar nicht dessen acht hat, wie verschieden sie überall nach Alter und Wesen zusammengesetzt ist. Alles steht und läuft mit größter Natürlichkeit. Und doch liegt etwas, das merkwürdig in die Öde geht, etwas wie ein verfehlter Liebesantrag, oder eine ähnliche Bloßstellung, in einem solchen scheinbar unwiderleglichen Gegenwartszustand, sobald man nicht bedingungslos an ihm teilnimmt.

Wir befinden uns unterwegs durch die veilchenblauen Gassen der Stadt, die oben, wo sie sich dem Licht öffnen, wie Feuer brennen. Oder wir treten aus dem plastischen Blau auf einen von der Sonne frei übergossenen Platz hinaus; dann stehen seine Häuser zwar zurückgenommen und gleichsam an die Wand gestellt da, aber nicht weniger ausdrücklich, und so, als hätte sie jemand mit den feinen Linien eines Grabstichels, die alles überdeutlich machen, in eine farbige Helligkeit geritzt. Und wir wissen in einem solchen Augenblick nicht, ob uns alle diese von sich selbst erfüllte Schönheit aufs tiefste erregt oder überhaupt nichts angeht. Beides ist der Fall. Sie steht auf einer messerscharfen Schneide zwischen Lust und Trauer.

Aber hat der Anblick der Schönheit nicht überhaupt diese Wirkung, daß er die Trauer des gewöhnlichen Lebens aufhellt und seine Lustigkeit verdunkelt? Es scheint, daß die Schönheit einer Welt angehört, in deren Tiefe es weder Trauer noch Lustigkeit gibt. Vielleicht gibt es in dieser Welt sogar die Schönheit selbst nicht, sondern irgendeinen fast unbeschreiblichen heiteren Ernst, und ihr Name entsteht erst durch die Brechung seines namenlosen Glanzes in der gewöhnlichen Atmosphäre. Diese Welt suchen wir beide, Agathe und ich, ohne uns noch zu entscheiden; wir bewegen uns an ihren Grenzen entlang und kosten die tiefe Ausstrahlung mit Vorsicht dort, wo sie noch mit den kräftigen Lichtern des Alltags vermengt und kaum zu unterscheiden ist!«

Es machte den Eindruck, daß Ulrich durch seinen Einfall, von einem Ewigen Künstler zu sprechen, darauf gebracht worden war, die Frage nach der Schönheit in seine Betrachtung einzubeziehn, zumal da sie auch für ihren Teil die zwischen den Geschwistern entstandene Überempfindlichkeit ausdrückte. Zugleich hatte er aber die Denkart gewechselt. Er ging in dieser neuen Folge seiner Aufzeichnungen nicht mehr von der im Fluchtpunkt seiner Erlebnisse herrschenden Gedankendämmerung aus, sondern vom Vordergrund, der klarer war, aber an einigen Stellen, die er sich anmerkte, eigentlich überklar, und nun wieder für den Hintergrund beinahe durchlässig. So fuhr Ulrich denn fort. »Ich habe zu Agathe gesagt: Wahrscheinlich ist Schönheit nichts anderes als Geliebtwordensein. Denn etwas lieben und es verschönen ist ein und dasselbe. Und seine Liebe zu verbreiten und andere ihre Schönheit finden zu machen ist auch ein und dasselbe. Darum kann alles schön werden, und alles Schöne wieder häßlich werden; und es wird beide Male nicht minder von uns abhängen, als uns von außen bezwingen, weil die Liebe keine Kausalität hat und keine Rechtsfolge kennt. Wieviel ich davon gesagt habe, dessen bin ich nicht sicher, aber es ist damit auch dieser andere Eindruck erklärt, den wir auf unseren Ausgängen so leicht empfangen: Wir schauen uns die Menschen an und wollen an der Freude, die sie im Gesicht tragen, teilhaben, ja wir fühlen uns fast gezwungen, an ihr teilzunehmen; aber es geht davon doch auch ein Unbehagen und beinahe eine unheimliche Abstoßung aus. Auch von den Häusern, Kleidern und allem, was sie für sich geschaffen haben, geht das aus. Als ich mir die Erklärung überlegte, bin ich auf einen weiteren Gedankenkreis gebracht worden und durch ihn wieder zu meinen ersten, scheinbar so phantastischen Notizen zurück.

Eine Stadt wie die unsere, schön und alt, mit ihrem bauherrlichen Gepräge, das im Lauf der Zeiten aus wechselndem Geschmack hervorgegangen ist, bedeutet ein einziges großes Zeugnis der Fähigkeit zu lieben und der Unfähigkeit, es dauernd zu tun. Die stolze Folge ihrer Bauten stellt nicht nur eine große Geschichte dar, sondern auch einen dauernden Wechsel in der Richtung der Gesinnung. Sie ist, auf diese Weise betrachtet, eine zur Steinkette gewordene Wankelmütigkeit, die sich alle Vierteljahrhunderte auf eine andere Weise vermessen hat, für ewige Zeiten recht zu behalten. Ihre stumme Beredsamkeit ist die toter Lippen, und je zauberhafter sie verführt, umso heftiger muß das im tiefsten Augenblick des Gefallens und der Enteignung blinde Abwehr und Schreck hervorrufen.

›Es ist lächerlich und verführerisch hat mir Agathe darauf erwidert. Dann müssen also die Schwalbenschwanzröcke dieser Bummler oder die sonderbaren Kappen, die von den Offizieren wie Töpfe auf dem Kopf getragen werden, schön sein, denn sie werden von ihren Besitzern mit großer Entschiedenheit geliebt und zur Liebe ausgestellt und erfreuen sich der Gunst der Frauen! Wir haben auch ein Spiel daraus gemacht. In einer Art lustiger Übelgelauntheit haben wir es ausgekostet und haben uns eine Weile auf Schritt und Tritt lebenswidersetzlich gefragt: Was will zum Beispiel jenes Rot dort auf dem Kleid, daß es so rot ist? Oder was tut dieses Blau und Gelb und Weiß auf den Kragen der Uniformen eigentlich? Und warum sind, in Gottes Namen gefragt, die Sonnenschirme der Damen rund, und nicht rechteckig? Wir haben uns gefragt, was der griechische Giebel des Parlaments mit seinen gespreizten Schenkeln wolle. Spagatmachen, wie es nur eine Tänzerin und ein Reißzirkel zustandebringen, oder klassische Schönheit verbreiten? Wenn man sich dergestalt in einen Vorzustand zurückversetzt, wo man ungerührt bleibt von den Empfindungen, und den Dingen nicht auf die Gefühle eingeht, die sie selbstgefällig erwarten, so zerstört man Treu und Glauben des Daseins. Es ist ähnlich, wie wenn du jemand, ohne seinen Appetit zu teilen, zusiehst, wie er stumm ißt: Du gewahrst plötzlich nur Schlingbewegungen, die keineswegs beneidenswert erscheinen.

Ich nenne das: Sich Der Meinung Des Lebens Verschließen. Um es näher auszuführen, beginne ich wohl damit, daß wir ohne Zweifel im Leben das Feste so inständig suchen wie ein Landtier, das ins Wasser gefallen ist. Wir überschätzen darum sowohl die Bedeutung des Wissens, des Rechts und der Vernunft als auch die Notwendigkeit des Zwangs und der Gewalt. Vielleicht sollte ich nicht gerade überschätzen sagen; aber jedenfalls beruhen weitaus die meisten Äußerungen unseres Lebens auf geistiger Unsicherheit. Glaube, Vermutung, Annahme, Ahnung, Wunsch, Zweifel, Neigung, Forderung, Vorurteil, Überredung, Beispielnahme, persönliche Ansichten und andere Zustände der Halbgewißheit herrschen unter ihnen vor. Und weil das Meinen auf dieser Skala ungefähr in der Mitte zwischen Begründung und Willkür liegt, nehme ich seinen Namen für das Ganze. Ist das, was wir in Worten ausdrücken, wenn sie auch noch so großartig sind, meistens nur eine Meinung, so ist es das, was wir ohne Worte ausdrücken, immer.

Ich sage also: Unsere Wirklichkeit ist, soweit sie von uns abhängt, zum größten Teil nur eine Meinungsäußerung, obwohl wir ihr wunder was für eine Gewichtigkeit andichten. Wir mögen unserem Leben im Stein der Häuser einen bestimmten Ausdruck geben, es geschieht immer um einer Meinung willen. Wir mögen töten oder uns opfern, so handeln wir nur auf Grund einer Vermutung. Ich möchte beinahe sagen, daß alle unsere Leidenschaften nur Vermutungen sind; wir irren uns sehr oft in ihnen; wir können ihnen bloß aus Sehnsucht nach Entschiedenheit verfallen! Auch daß wir etwas aus freiem Willen tun, setzt eigentlich voraus, daß es bloß auf Veranlassung einer Meinung geschieht. Seit einiger Zeit sind Agathe und ich empfindlich für ein gewisses Geistertreiben im Wirklichen. Jede Einzelheit des Ausdrucks unserer Umgebung, spricht uns an. Sie meint etwas. Sie zeigt, daß sie in einer keineswegs flüchtigen Absicht entstanden ist. Sie ist zwar nur eine Meinung, aber sie tritt wie eine Überzeugung auf. Sie ist bloß ein Einfall, tut aber, als wäre sie unerschütterlicher Wille. Zeiten und Jahrhunderte stehen mit aufgestemmten Beinen da, aber eine Stimme flüstert hinter ihnen: Unsinn! Noch nie hat die Stunde geschlagen, ist die Zeit gekommen! Es scheint Eigensinn zu sein, aber es läßt mich erst verstehen, was ich sehe, wenn ich dazu anmerke: Dieser Gegensatz zwischen der Selbstinbrunst, die allem von uns Geschaffenen in seiner Pracht die Brust vorwölbt, und dem heimlichen Zug des Verlassen- und Aufgegebenwerdens, der gleichfalls mit der ersten Minute beginnt, stimmt ganz und gar damit überein, daß ich alles bloß eine Meinung nenne. Wir erkennen uns dadurch in einer eigentümlichen Lage. Denn jede Meinung zeigt die gleiche doppelte Eigentümlichkeit: sie macht, so lange sie neu ist, unduldsam gegen jede, die ihr im Wege steht (wenn rote Sonnenschirme an der Zeit sind, sind blaue unmöglich etwas Ähnliches gilt aber auch von unseren Überzeugungen); doch ist es die zweite Eigentümlichkeit jeder Meinung, daß sie trotzdem ganz von selbst und ebenso sicher mit der Zeit preisgegeben wird, wenn sie nicht mehr neu ist. Ich habe einmal gesagt, die Wirklichkeit schaffe sich selbst ab. Es ließe sich nun auch so ausdrücken: Wenn der Mensch hauptsächlich nur Meinungen kundtut, so tut er sich niemals ganz und dauernd kund; wenn er sich aber niemals vollständig ausdrücken kann, so wird er es auf die verschiedenste Weise versuchen, und damit hat er dann eine Geschichte. Nur aus einer Schwäche hat er sie also, scheint mir; obwohl die Historiker begreiflicherweise die Fähigkeit, Geschichte zu machen, für eine besondere Auszeichnung halten!«

Ulrich schien hier etwas abgekommen zu sein, fuhr aber in dieser Richtung weiter fort: »Und dies ist anscheinend der Grund, warum ich das heute vormerken muß: Geschichte wird, Geschehen wird, sogar Kunst wird aus einem Mangel an Glück. Ein solcher liegt aber nicht an den Umständen, also daß sie uns das Glück nicht erreichen ließen, sondern an unserem Gefühl. Unser Gefühl ist der Kreuzträger der Doppeleigenschaft: es duldet kein anderes neben sich und dauert selbst nicht aus. Dadurch erhält alles, was mit ihm verbunden ist, das Ansehen, für die Ewigkeit zu gelten, und alle haben wir trotzdem die Bestrebung, die Schöpfungen unseres Gefühls zu verlassen und unsere in ihnen ausgedrückte Meinung zu ändern. Denn ein Gefühl verändert sich in dem Augenblick, wo es dauert; es hat keine Dauer und Identität; es muß neu vollzogen werden. Gefühle sind nicht nur veränderlich und unbeständig wofür sie wohl gelten, sondern sie würden das erst recht in dem Augenblick, wo sie es nicht wären. Sie werden unecht, wenn sie dauern. Sie müssen immer von neuem entstehen, wenn sie anhalten sollen, und auch dabei werden sie andere. Ein Zorn, der fünf Tage anhielte, wäre kein Zorn mehr, sondern eine Geistesstörung; er verwandelt sich entweder in Verzeihung oder in Rachebereitschaft, und etwas Ähnliches vollzieht sich mit allen Gefühlen.

Unser Gefühl sucht an dem, was es gestaltet, seinen Halt und findet ihn immer für eine Weile. Aber Agathe und ich fühlen an unserer Umgebung die eingeschlossene Unheimlichkeit, das Auseinanderstreben des beisammen Befindlichen, den Widerruf im Ruf, die Wanderschaft der vermeinten festen Wände; wir sehen und hören das plötzlich. Es erscheint uns als Abenteuer und verdächtige Gesellschaft, in eine Zeit geraten zu sein. Wir befinden uns im Zauberwald. Und obwohl wir unser Gefühl, dieses andersartige, noch gar nicht übersehen, ja kaum kennen, leiden wir Angst um dieses Gefühl und möchten es festhalten. Wie aber hält man ein Gefühl fest? Wie könnte man auf der höchsten Stufe der Glückseligkeit verweilen, falls sich überhaupt zu ihr gelangen läßt? Im Grunde beschäftigt uns nur diese Frage. Wir ahnen ein Gefühl, das der Hinfälligkeit der übrigen entrückt ist. Es steht wie ein wunderbarer regloser Schatten im Fließenden vor uns. Aber müßte es nicht die Welt auf ihrem Wege anhalten, um bestehen zu können? Ich komme zu dem Schluß, daß es kein Gefühl sein kann in dem gleichen Sinn wie die übrigen.«

Und plötzlich schloß Ulrich: »So komme ich auch auf die Frage zurück: Ist Liebe ein Gefühl? Ich glaube nein. Liebe ist eine Ekstase. Und Gott selbst müßte sich, um die Welt dauernd lieben zu können, und mit der Liebe des Gott-Künstlers auch das schon Geschehene zu umfassen, dauernd in Ekstase befinden. Nur als ein solcher wäre er zu denken«

Hier hatte er diese Aufzeichnungen abgebrochen. 70

Große Veränderungen


Ulrich hatte dem General das Geleite selbst gegeben, in der Absicht, auch das zu erfahren, was dieser vielleicht nur unter vier Augen sagen möchte. Die Treppe mit ihm hinabsteigend, trachtete er ihm zunächst eine harmlose Erklärung für sein Abrücken von Diotima und den anderen zu geben, damit die Wahrheit beiseite bleibe. Aber Stumm fragte unbefriedigt: »Bist du beleidigt worden?«

»Nicht im mindesten.«

»Dann hast du das Recht nicht dazu!« entgegnete der andere fest.

Doch die Veränderungen in der Parallelaktion, von denen er in seiner Weltabgeschiedenheit nichts geahnt hatte, wirkten nun belebend auf Ulrich ein, als wäre in einem heißen Saal plötzlich ein Fenster aufgestoßen worden, und er fuhr fort: »Trotzdem möchte ich erfahren, was wirklich vor sich geht. Nachdem du es für gut befunden hast, mir die Augen halb zu öffnen, wirst du es gütigst auch noch zur Gänze tun!«

Stumm blieb stehen, stützte den Säbel gegen den Stein der Treppe und schlug den Blick zu dem Gesicht seines Freundes auf; eine große Gebärde, die umso länger dauerte, als dieser eine Stufe höher stand: »Nichts lieber als das« sagte er. »Zu diesem Zweck bin ich ja gekommen!«

»Wer arbeitet gegen Leinsdorf?« begann Ulrich ihn ruhig zu verhören. »Tuzzi mit Diotima? Oder das Kriegsministerium mit dir und Arnheim?«

»Lieber Freund, du irrst durch Abgründe!« unterbrach ihn Stumm. »Und an der einfachen Wahrheit gehst du blind vorbei, wie es anscheinend alle geistigen Menschen tun! Vor allem bitte ich dich also überzeugt zu sein, daß ich dir den Wunsch des Leinsdorf, daß du wieder zu ihm und Diotima kommen sollst, nur aus selbstlosester Gefälligkeit ausgerichtet habe«

»Offiziersehrenwort?«

Der General wurde guter Laune. »Wenn du mich an die spartanische Ehre meines Berufs erinnerst, beschwörst du die Gefahr, daß ich dich erst recht anlüge; denn es könnte mich ja ein höherer Auftrag dazu verpflichten. Ich gebe dir also lieber mein Privatehrenwort« sagte er würdig und fuhr erläuternd fort: »Ich beabsichtige dir sogar anzuvertraun, daß ich mich in letzter Zeit zuweilen gezwungen sehe, über solche Schwierigkeiten nachzudenken; ich lüge jetzt nämlich oft mit einem Behagen, wie sich ein Schwein im Unrat wälzt.« Er wandte sich plötzlich seinem höher stehenden Freund voll zu und schloß die Frage an: »Woher kommt es, daß das Lügen so angenehm ist, vorausgesetzt, daß man eine Entschuldigung dafür hat? Bloß die Wahrheit zu sagen, erscheint einem geradezu unfruchtbar und gedankenlos daneben! Wenn ich das von dir erfahren könnte, wäre es direkt einer der Gründe, warum ich dich aufgesucht habe.«

»Dann teile mir ehrlich mit, was vor sich geht« verlangte Ulrich unnachgiebig.

»Ganz ehrlich, und auch überaus einfach: ich weiß es nicht!« beteuerte Stumm.

»Aber du hast doch einen Auftrag!« forschte Ulrich.

Der General gab zur Antwort: »Ich bin trotz deines wirklich unfreundschaftlichen Verschwindens über die Leiche meiner Selbstachtung weggestiegen, um ihn dir anzuvertraun. Aber es ist ein Teilauftrag. Ein Auftragerl! Ich bin jetzt ein Rädchen. Ein Fädchen. Eine Amorette, in deren Köcher man nur noch einen einzigen Pfeil gelassen hat...!«

Ulrich betrachtete die rundliche Figur mit den goldenen Knöpfen. Stumm war entschieden selbständiger geworden; er wartete auch die Entgegnung Ulrichs nicht ab, sondern setzte sich, dem Ausgang zu, in Bewegung, wobei sein Säbel auf jeder Stufe klirrte. Und als sich unten die Halle um die beiden wölbte, deren adelige Anlage ihm sonst jedesmal Ehrerbietung vor dem Hausherrn eingeflößt hatte, sprach er über die Schulter zurück zu diesem: »Du hast offenbar immer noch nicht ganz erfaßt, daß die Parallelaktion jetzt nicht mehr ein Privat- und Familienunternehmen ist, sondern ein Staatsvorgang von internationaler Größenordnung!«

»Also leitet sie jetzt der Außenminister?« gab Ulrich zurück.

»Wahrscheinlich.«

»Und somit Tuzzi?«

»Vermutlich; ich weiß es aber nicht« fügte Stumm rasch hinzu. »Und er tut natürlich auch so, als ob er von nichts wüßte! Du kennst ihn doch: diese Diplomaten stellen sich ja selbst dann unwissend, wenn sie es wirklich sind!«

Sie durchschritten den Eingang, und der Wagen fuhr vor. – Plötzlich wandte sich Stumm, vertraulich, und komisch flehend, an Ulrich: »Gerade darum sollst du doch wieder ins Haus gehn, damit man quasi eine Vertrauensperson dort hat!«

Ulrich lächelte zu dieser Anzettelung und legte ihm den Arm um die Schulter; er fühlte sich an Diotima erinnert. »Was macht sie?« fragte er. »Erkennt sie jetzt in Tuzzi den Mann?«

»Was sie macht?« entgegnete der General verdrossen. »Einen gereizten Eindruck macht sie!« Und er fügte gutmütig hinzu: »Für den Blick des Kenners vielleicht sogar eher einen rührenden. Das Unterrichtsministerium läßt ihr doch kaum noch andere Aufgaben über, als zu entscheiden, ob in dem Festzug die vaterländische Gruppe Wiener Schnitzel mitmarschieren soll oder auch eine Gruppe Rostbratl mit Nockerln«

Ulrich unterbrach ihn mißtrauisch. »Nun sagst du Unterrichtsministerium? Und gerade hast du erzählt, daß auf die Aktion das Außenministerium Beschlag gelegt hat!«

»Aber schau, vielleicht sind die Schnitzel sogar Sache des Ministeriums des Innern. Oder des Handelsministeriums. Wer weiß denn das im voraus!« belehrte ihn Stumm. »Der Weltfriedenskongreß als Ganzes gehört aber jedenfalls zum Ministerium des Äußern, soweit er nicht minder zu den zwei Ministerrats-Präsidien gehört.«

Wieder unterbrach ihn Ulrich. »Und das Kriegsministerium kommt in deinen Gedanken überhaupt nicht vor?«

»Aber sei doch nicht so argwöhnisch!« bat Stumm gelassen. »Natürlich nimmt an einem Weltfriedenskongreß auch das Kriegsministerium auf das lebhafteste Anteil; ich möchte sagen, nicht weniger als die Polizeidirektion von einem internationalen Anarchistenkongreß angezogen würde. Aber du weißt doch, wie diese Zivilministerien sind: nicht das kleinste Platzerl möchten sie unsereinem gönnen!«

»Und ?« fragte Ulrich; denn er verdächtigte noch immer Stumms Unschuld.

»Gar kein und!« versicherte dieser. »Du überstürzt das! Wenn eine gefährliche Sache mehrere Ministerien betrifft, so will sie entweder eins dem andern zuschieben, oder es will sie eins dem andern wegnehmen: in beiden Fällen ist das Ergebnis dieser Bemühungen, daß eine Interministerielle Kommission eingesetzt wird. Du brauchst dich doch bloß zu erinnern, wieviele Ausschüsse und Unterausschüsse die Parallelaktion anfangs hat gründen müssen, als Diotima noch im vollen Besitz ihrer Energie gewesen ist; und ich kann dir dann versichern, daß unser seliges Konzil ein Stilleben gewesen ist im Vergleich mit dem, was heute gearbeitet wird!« Der Wagen wartete, der Kutscher saß in Strammstellung auf dem Bock, aber Stumm blickte durch das offene Gefährt unentschlossen in den hellgrün aufgeschlagenen Garten. »Kannst du mir vielleicht ein wenig bekanntes Wort mit Inter sagen?« bat er und zählte mit nachhelfendem Kopfnicken auf: »Interessant, interministeriell, international, interkurrent, intermediär, Interpellation, interdiziert, intern und einiges andere kenne ich; das kannst du nämlich bei uns am Büffet des Generalstabstrakts jetzt häufiger hören als das Wort Würstel. Aber wenn ich mit einem ganz neuen Wort ankäme, könnte ich darum Aufsehen machen!«

Ulrich lenkte des Generals Gedanken wieder auf Diotima zurück. Es leuchtete ihm ein, daß die oberste Führung beim Ministerium des Äußern sei, woraus mit Wahrscheinlichkeit folgte, daß sich die Zügel in Tuzzis Hand befanden: wie konnte dann aber ein anderes Ministerium der Frau des Mächtigen Kränkungen bereiten? Stumm zuckte bei dieser Frage trüb die Achseln. »Du hast dir halt immer noch nicht genug eingeprägt, daß die Parallelaktion ein Staatsvorgang ist!« gab er zur Antwort. Und fügte aus freien Stücken hinzu: »Der Tuzzi ist schlauer, als wir gedacht haben. Er selbst hätte ihr so etwas niemals zumuten können; aber die interministerielle Technik hat ihm gestattet, seine Frau einem anderen Ministerium auszuliefern!«

Ulrich lachte leise auf. Er konnte sich bei dieser in etwas sonderbare Worte gekleideten Nachricht lebhaft die beiden Menschen vorstellen: Die großartige Diotima die Lichtanlage, wie sie von Agathe genannt wurde und den kleineren, mageren Sektionschef, für den er eine schier unerklärliche Sympathie besaß, obgleich er sich von ihm geringschätzt wußte. Es war die Angst vor den Mondnächten der Seele, die ihn zu dem vernünftigen Gefühl dieses Mannes hinzog, das so männlich trocken wie eine leere Zigarrenschachtel war. Und doch hatten diesen Diplomaten die Leiden der Seele, als sie über ihn hereinbrachen, dahin gebracht, daß er in allem und jedem nur noch pazifistische Machenschaften sah; denn Pazifismus, das war für Tuzzi die faßlichste Vorstellung von Seelenhaftigkeit! Ulrich entsann sich, daß er schließlich Arnheims offenbar gewordene Bemühungen um die Ölfelder, ja sogar die um seine eigene schöne Gattin, bloß für ein Degagement gehalten hatte, dazu bestimmt, die Aufmerksamkeit von einem geheimen Vorhaben pazifistischer Natur abzulenken: so sehr hatten Tuzzi die Geschehnisse in seinem Hause verwirrt! Er mußte unerhört gelitten haben, und es war zu verstehen: die geistige Leidenschaft, der er sich unerwartet gegenüber sah, verletzte ja nicht bloß seinen Ehrbegriff, wie es ein körperlicher Ehebruch getan hätte, sondern traf unmittelbar das Begriffsbildungsvermögen selbst mit Geringschätzung, das bei älteren Männern der wahre Ruhesitz der Manneswürde ist.

Und vergnügt setzte Ulrich seine Gedanken laut fort: »Offenbar hat Tuzzi in dem Augenblick, wo die Vaterländische Aktion seiner Frau zum Ziel einer öffentlichen Fopperei geworden ist, gleich den verlorenen vollen Besitz der behördlichen Geisteskräfte wieder erlangt, die einem hohen Beamten zukommen. Er muß spätestens da wieder erkannt haben, daß im Schoß der Weltgeschichte mehr geschieht, als im Schoß einer Frau Platz hätte, und euer wie ein geheimnisvolles Findelkind aufgetauchter Weltfriedenskongreß wird ihn mit einem Donnerschlag geweckt haben!« Mit rauhem Behagen malte sich Ulrich den geisternden Dämmerzustand aus, der vorangegangen sein mußte, und dann dieses Erwachen, das vielleicht gar nicht einmal mit einem Gefühl des Erwachens verbunden gewesen sein mußte; denn in dem Augenblick, wo die in Schleiern wandelnden Seelen Arnheims und Diotimas wirkliche Folgen hatten, befand sich auch Tuzzi, von jedem Spuk befreit, wieder in jenem Bereich der Notwendigkeiten, worin er sich zeit seines Lebens fast immer befunden hatte. »Er bringt die Weltrettungs- und Vaterlandshebungsgesellschaft seiner Frau jetzt um? Sie ist ihm immer ein Dorn im Fleische gewesen!« rief Ulrich lebhaft befriedigt aus und wandte sich fragend an den Gefährten.

Stumm stand noch immer rund und nachdenklich im Torbogen. »Soviel ich weiß, hat er seiner Frau erklärt, daß sie es sich und seiner Stellung schulde, erst recht unter den geänderten Verhältnissen die Parallelaktion zu einem ehrenvollen Ende zu führen. Sie wird eine Auszeichnung erhalten. Aber sie muß sich dem Schutz und den Einsichten des Ministeriums anvertraun, das er dafür bestimmt hat« berichtete er gewissenhaft.

»Und mit euch, ich meine mit dem Kriegsministerium und mit Arnheim, hat er Frieden geschlossen?«

»Es scheint so. Er soll bei der Regierung wegen des Friedenskongresses die rasche Modernisierung unserer Artillerie unterstützt und sich mit dem Kriegsminister über die politischen Folgen verständigt haben. Man sagt, daß er im Parlament die nötigen Gesetze mit Hilfe der deutschen Parteien durchdrücken will und darum innerpolitisch jetzt zum deutschen Kurs rät. Das hat mir Diotima selbst erzählt.«

»Warte einen Augenblick!« unterbrach ihn Ulrich. »Deutscher Kurs! Ich habe alles vergessen!«

»Ganz einfach! Er hat immer gesagt, daß alles Deutsche für uns ein Unglück sei; und jetzt sagt er das Gegenteil.«

Ulrich wandte ein, daß sich Sektionschef Tuzzi niemals so eindeutig ausdrücke.

»Aber gegen seine Frau tut er es« versetzte Stumm. »Und zwischen ihr und mir besteht eine Art Schicksalsverbundenheit.«

»Ja wie steht es denn zwischen ihr und Arnheim?« fragte Ulrich, der in diesem Augenblick mehr an Diotima teilnahm als an den Regierungssorgen. »Er braucht sie doch jetzt nicht mehr; und ich nehme an, daß seine Seele darunter leidet!«

Stumm schüttelte den Kopf. »Das ist scheinbar auch nicht so einfach!« erklärte er seufzend.

Er hatte bisher gewissenhaft, jedoch teilnahmlos Antwort erteilt, und vielleicht gerade deshalb verhältnismäßig klug. Schon seit der Erwähnung Diotimas und Arnheims sah er aber aus, als wolle er etwas anderes zum besten geben, das ihn wichtiger dünke als Tuzzis Rückkehr zu sich selbst. »Man möchte ja schon lange glauben,« begann er nun »daß Arnheim genug von ihr hat. Aber das sind große Seelen! Du magst wohl auch etwas von solchen verstehn, aber die sind es! Da läßt sich nicht sagen: war etwas zwischen ihnen, oder war nichts zwischen ihnen. Sie sprechen noch heute so wie früher; bloß hat man das Gefühl: jetzt ist bestimmt nichts zwischen ihnen. Sie reden eben sozusagen immer letzte Worte!«

Ulrich erinnerte sich dessen, was ihm die Liebespraktikerin Bonadea von der Theoretikerin Diotima erzählt hatte, und hielt Stumm dessen eigenen, kühleren Ausspruch vor, daß Diotima ein Lehrbuch der Liebe sei. Der General lächelte gedankenvoll dazu. »Wir beurteilen das vielleicht nicht allseitig genug« holte er umsichtig aus. »Ich will vorausschicken, daß ich vor ihr noch nie eine Frau so habe reden hören; und es legt sich mir wie ein Eisbeutel überall hin, wenn sie damit anfangt. Sie tut es übrigens schon wieder seltener; aber wenn es ihr einfällt, spricht sie auch heute noch zum Beispiel von diesem Weltfriedenskongreß als von einem panerotischen Humanerlebnis, und dann fühle ich mich kurzerhand von ihrer Gescheitheit entmannt. Aber« und er hob die Bedeutung seiner Worte jetzt durch eine kleine Pause »es muß doch ein Bedürfnis, ein sogenannter Zug der Zeit darin liegen, denn selbst im Kriegsministerium fangen sie jetzt so zu reden an. Seit dieser Kongreß aufgetaucht ist, könntest du Generalstabs-Stabsoffiziere von Friedensliebe und Menschenliebe sprechen hören wie vom Maschinengewehr Muster7 oder vom Sanitätspackwagen Muster82! Es ist einfach ekelhaft!«

»Darum hast du dich also vorhin einen enttäuschten Fachmann der Liebe genannt?« warf Ulrich ein.

»Ja, lieber Freund. Du mußt schon entschuldigen: ich habe es nicht ausgehalten, als ich auch dich so einseitig habe reden hören! Aber dienstlich ziehe ich aus alledem ja großen Vorteil!«

»Und hast du gar keinen Eifer mehr für die Parallelaktion, für die Ehrung der großen Ideen und ähnliches?« forschte Ulrich neugierig.

»Selbst eine so erfahrene Frau wie deine Kusine hat schon genug von der Kultur« gab der General zur Antwort. »Ich meine die Kultur um ihrer selbst willen. Überdies schützt dich auch die größte Idee nicht vor einer Ohrfeige!«

»Aber sie kann bewirken, daß die nächste Ohrfeige der andere kriegt.«

»Das ist richtig« räumte Stumm ein. »Aber nur, wenn du dich des Geistes bedienst, nicht wenn du ihm selbstlos dienst!« Dann blickte er neugierig zu Ulrich auf, um die Wirkung seiner nächsten Worte mitzugenießen, und fügte, in sicherer Erwartung des Erfolgs die Stimme senkend, hinzu: »Aber auch wenn ich das möchte, kann ich doch nicht mehr: man hat mich ja kaltgestellt!«

»Alle Achtung!« rief Ulrich aus, in unwillkürlicher Anerkennung der militärbehördlichen Einsicht. Aber dann folgte er einem andern Einfall und sagte rasch: »Das hat dir der Tuzzi eingerührt!«

»Aber gar keine Spur!« versicherte Stumm selbstgewiß.

Dieses Gespräch hatte bis dahin immer noch in der Nähe des Tores stattgefunden, und außer den beiden Männern war noch ein dritter daran beteiligt, indem er auf das Ende wartete und so reglos vor sich blickte, daß die Welt für ihn zwischen zwei Paaren Pferdeohren aufhörte. Nur seine in weißen Zwirnhandschuhen steckenden Fäuste, durch die die Züge! liefen, bewegten sich verstohlen, in unregelmäßigen, besänftigenden Rhythmen, weil die Pferde, der soldatischen Disziplin nicht ganz so zugänglich wie der Mensch, des Wartens immer überdrüssiger wurden und ungeduldig am Geschirr ruckten. Diesem Mann befahl der General nun endlich, den Wagen an die Ausfahrt zu bringen und dort die Pferde zu bewegen, bis er einstiege; Ulrich aber lud er jetzt ein, den Weg durch den Garten zu Fuß zurückzulegen, damit er ihm die Geschehnisse der Reihe nach anvertrauen könne, ohne daß es jemand zu hören vermöchte.

Aber Ulrich meinte das, worauf es ankäme, lebhaft vor sich zu sehen, und ließ ihn anfangs nicht zu Wort kommen. »Ob Tuzzi dich aus dem Spiel geschlagen hat oder nicht, ist auch gleichgültig,« führte er aus »denn du bist in diesem Fall, was du mir verzeihen wirst, nur eine Nebenfigur. Das Wesentliche ist, daß er fast mit dem Augenblick, wo er durch den Kongreß bedenklich geworden ist und mit einer schweren Belastungsprobe zu rechnen begonnen hat, sowohl den staatspolitischen Zustand als auch seinen persönlichen aufs schnellste vereinfacht hat. Er ist vorgegangen wie ein Kapitän bei Ankündigung eines schweren Sturms, der sich nicht von der noch träumenden See beeinflussen läßt. Was ihm bis dahin zuwider gewesen war, Arnheim, eure Militärpolitik, der deutsche Kurs, damit hat er sich jetzt verbündet; und er hätte sich auch mit den Bestrebungen seiner Frau verbündet, wenn es in Ansehung der Umstände nicht nützlicher gewesen wäre, diese zu zerstören. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Liegt es daran, daß das Leben leicht wird, wenn man sich nicht um Gefühle kümmert, sondern sich bloß an sein Ziel hält; oder ist es ein mörderischer Genuß, mit den Gefühlen zu rechnen, statt unter ihnen zu leiden? Mir ist dabei, als fühlte ich dem Teufel nach, wie er in die Himmelsspeise des Lebens eine Faust voll Salz getan hat!«

Der General war Feuer und Flamme. »Das habe ich dir doch schon im Anfang gesagt!« rief er aus. »Ich habe zwar nur von Lügen gesprochen, aber die echte hinterhältige Gesinnung ist in jeder ihrer Formen eine unheimlich anregende Sache! Sogar der Leinsdorf, zum Beispiel, hat jetzt wieder eine Vorliebe für die Realpolitik gefaßt und sagt: Realpolitik ist das Gegenteil von dem, was man tun möchte!«

Ulrich fuhr fort: »Das Entscheidende ist, daß es Tuzzi früher verwirrt hat, was zwischen Diotima und Arnheim geredet worden ist; jetzt aber kann es ihn nur freuen, weil die Redseligkeit von Menschen, die ihre Gefühle nicht zu verschließen vermögen, einem Dritten immer allerhand Anhaltspunkte gibt. Er braucht es jetzt nicht mehr mit dem inneren Ohr anzuhören, was ihm niemals gelingen wollte, sondern nur noch mit dem äußeren; und das macht doch ungefähr den Unterschied aus, ob man eine ekelerregende Schlange schluckt oder erschlägt!«

»Wie?« fragte Stumm.

»Schluckt oder erschlägt!«

»Nein! Das mit den Ohren!?«

»Ich habe sagen wollen: er hat sich zu seinem Glück von der Innenseite des Gefühls an die Außenseite zurückbegeben. Aber das wäre dir vielleicht unverständlich geblieben, es ist bloß so eine Idee von mir.«

»Nein, du hast es sehr gut gesagt!« versicherte Stumm. »Aber warum verwenden wir eigentlich andere als Beispiel? Diotima und Arnheim sind große Seelen, und das wird schon deshalb nie ordentlich klappen!« Sie schlenderten einen Gartenpfad entlang und waren noch nicht weit gekommen; der General blieb stehn: »Auch was mir passiert ist, ist nicht bloß eine Kommißgeschichte!« teilte er seinem bewunderten Freunde mit.

Ulrich sah ein, daß er ihn nicht zu Wort habe kommen lassen, und entschuldigte sich. »Du bist also nicht über Tuzzi zu Fall gekommen?« fragte er höflich.

»Ein General stolpert vielleicht über einen Zivil-Minister, aber nicht über einen Zivil-Sektionschef« berichtete Stumm stolz und sachlich. »Ich glaube, ich bin über eine Idee gestolpert!« Und so begann er seine Geschichte zu erzählen. 71

Agathe stößt zu ihrem Mißvergnügen auf einen geschichtlichen Abriß der Gefühlspsychologie


Währenddem war Agathe an eine neue Folge von Blättern geraten, worin die Aufzeichnungen ihres Bruders auf ganz andere Art weitergingen. Es schien, daß er es jetzt mit einemmal darauf abgesehen hätte, zu ermitteln, was ein Gefühl sei, und zwar dem Begriff nach und auf trockene Art. Er mußte sich auch allerhand ins Gedächtnis zurückgerufen oder es eigens zu seinem Zweck gelesen haben, denn die Papiere waren mit Vermerken bedeckt, die sich teils auf die Geschichte, teils auf die Zergliederung des Gefühlsbegriffes bezogen, und alles zusammen bildete eine Sammlung von Bruchstücken, deren innere Verbindung nicht gleich zu erkennen war.

Einen Hinweis auf das, was ihn dazu bewogen haben mochte, fand Agathe zuerst daran, daß vor Beginn an den Rand das Wort »Sache des Gefühls!« geschrieben stand; denn sie entsann sich nun des Gesprächs, das sie und ihr Bruder darüber in der Wohnung ihrer Kusine geführt hatten, mit seinen tiefen, den Grund der Seele entblößenden Schwankungen. Und wollte man erfahren, was Sache des Gefühls sei, so mußte man sich wohl oder übel auch fragen, was Gefühl sei, das sah sie ein.

Das diente ihr als Wegweiser, denn die Aufzeichnungen begannen damit, daß alles, was unter Menschen geschehe, seinen Ursprung entweder in Gefühlen oder in der Entbehrung von Gefühlen habe; unerachtet dessen wäre aber eine Antwort auf die Frage, was ein Gefühl sei, aus der ganzen unabsehbaren Literatur, die sich damit beschäftigt habe, nicht mit Sicherheit zu gewinnen, denn selbst die Leistungen aus letzter Zeit, die Ulrich wirklich für Fortschritte hielt, bedürften keines ganz geringen Maßes von freiwilligem Zutrauen. Soviel Agathe sehen konnte, hatte er die Psychoanalyse dabei außer Betracht gelassen, und sie wunderte sich anfangs darüber, denn wie alle literarisch angeregten Menschen hatte sie mehr von ihr sprechen hören als von der übrigen Psychologie; aber Ulrich sagte, er ließe sie nicht deshalb beiseite, weil er die Verdienste dieser bedeutenden Theorie nicht anerkenne, die voll neuer Begriffe wäre und als erste vieles zu erfassen gelehrt habe, was durch alle vorangegangene Zeit gesetzlose Privaterfahrung gewesen sei, sondern es hänge damit zusammen, daß gerade bei dem, was er vorhabe, ihre Eigenart nicht so zur Geltung komme, wie es ihres immerhin auch sehr anspruchsvollen Selbstbewußtseins würdig wäre. Als sein Vorhaben aber bezeichnete er es, zunächst die vorhandenen Hauptantworten auf die Frage, was Gefühl sei, miteinander zu vergleichen, und fuhr fort, daß sich im ganzen wohl nur drei unterscheiden ließen, von denen übrigens keine so klar ausgebildet worden sei, daß sie die anderen ganz unmöglich gemacht hätte.

Dann schlossen sich die folgenden Aufzeichnungen an, die das ausführen sollten: »Die älteste, aber noch heute recht regsame Vorstellungsbildung geht von der Überzeugung aus, daß zwischen dem Zustand des Fühlens, seinen Ursachen und seinen Wirkungen deutlich getrennt werden könne; denn sie versteht unter Gefühl eine Gattung innerer Erlebnisse, die sich von den anderen Gattungen und zwar sind dies nach ihr das Empfinden, Denken und Wollen bis in den Grund unterscheide. Diese Auffassung ist volkstümlich und seit alters überliefert, und es liegt ihr nahe, das Gefühl als einen Zustand anzusehen; zwar muß das nicht sein, aber es geschieht unter dem ungewissen Eindruck der Wahrnehmung, daß wir in jedem Augenblick des Gefühls, und inmitten seiner beweglichen Veränderung, nicht nur unterscheiden können, daß wir fühlen, sondern es auch als etwas scheinbar Ruhendes erleben, daß wir im Zustand eines Gefühls beharren.

Die neuere Vorstellungsbildung geht dagegen von der Beobachtung aus, daß das Fühlen aufs innigste mit dem Handeln und dem Ausdruck verbunden ist; und es folgt daraus, daß sie sowohl dazu neigt, das Gefühl als einen Vorgang zu betrachten, als auch, daß sie ihren Blick nicht auf das Fühlen allein richtet, sondern es mitsamt seinen Äußerungen und seinen Ursprüngen als ein Ganzes ansieht. Sie ist zuerst in der Physiologie und Biologie entstanden, und ihr Bestreben ist ursprünglich auf eine körperliche Erklärung der seelischen Vorgänge gerichtet gewesen, oder schärfer betont, auf das körperliche Ganze, dem auch seelische Erscheinungen unterlaufen. Man kann, was sich daraus ergeben hat, als zweite Hauptantwort auf die Frage nach der Natur des Gefühls zusammenfassen.

Eine Richtung der Wißbegierde auf das Ganze statt auf das Element und auf die Wirklichkeit statt auf einen vorgefaßten Begriff unterscheidet aber auch die neueren psychologischen Untersuchungen, die sich mit dem Gefühl beschäftigen, von den älteren, nur sind ihre Absichten und leitenden Gedanken natürlich ihrer eigenen Wissenschaft entnommen. Dadurch ergeben sie eine dritte Antwort auf die Frage, was Gefühl sei, die sich sowohl auf den anderen aufbaut als auch selbständig ist. Diese dritte Antwort gehört aber allermaßen nicht mehr in einen Rückblick, weil mit ihr schon der Einblick in die Vorstellungsbildung beginnt, die gegenwärtig im Gange ist oder möglich erscheint.

Ich will hinzufügen, denn ich habe vorhin auch die Frage erwähnt, ob das Gefühl ein Zustand oder ein Vorgang sei, daß in Wahrheit diese Frage in der angedeuteten Entwicklung so gut wie keine Rolle spielt, es sei denn die einer allen Auffassungen gemeinsamen und vielleicht nicht ganz gegenstandslosen Schwäche. Stelle ich mir ein Gefühl, wie es nach älterer Art nahezuliegen scheint, als etwas Beständiges vor, das nach außen und innen wirkt, und auch von beiden Seiten Rückwirkung empfängt, so habe ich offenbar nicht bloß ein Gefühl vor mir, sondern eine unbestimmte Anzahl wechselnder Gefühle. Die Sprache stellt zwar für diese Unterarten eines Gefühl selten eine Mehrzahl zur Verfügung, sie kennt keine Neide, Zörner oder Trotze, für sie sind das die Abwandlungen eines Gefühls in verschiedenen Spielarten oder in verschiedenen Zuständen seiner Entwicklung; aber ohne Frage deutet auch eine Folge von Zuständen ebenso gut wie eine Folge von Gefühlen auf einen Vorgang hin. Glaubt man hingegen, wie es dem entspräche und auch der heutigen Auffassung näherzuliegen scheint, einen Vorgang vor sich zu haben, so ist wieder der Zweifel, was dann eigentlich Gefühl sei und wo etwas aufhöre, zu ihm selbst, und anfange, zu seinen Ursachen, Folgen oder dem begleitenden Gefolge zu gehören, nicht auf geradem Wege zu lösen. Ich werde an einer späteren Stelle darauf zurückkommen, denn ein solcher Zwiespalt pflegt einen Fehler der Fragestellung anzuzeigen; und es wird sich, wie ich meine, herausstellen, daß die Frage, ob Zustand oder Vorgang, eigentlich eine Scheinfrage ist, hinter der sich eine andere verbirgt. Dieser Möglichkeit zuliebe, über die ich nicht entscheiden kann, mag sie hervorgehoben bleiben.«

»Ich fahre nun fort, der ursprünglichen Gefühlslehre zu folgen, die vier Haupthandlungen oder Grundzustände der Seele unterscheidet. Sie reicht auf die Antike zurück und wird vermutlich ein in Würden verbliebenes Seitenstück zu deren Meinung sein, daß die Welt der Körper aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde bestehe: Trotzdem wird noch heute oft von vier besonderen, nicht aufeinander zurückführbaren Klassen von Bewußtseinselementen gesprochen, und in der Klasse Gefühl nehmen dann gewöhnlich die beiden Gefühle Lust und Unlust eine Vorzugsstellung ein; denn sie gelten entweder als die einzigen oder gelten wenigstens als die einzigen mit nichts andrem vermengten Gefühle. In Wahrheit sind sie vielleicht überhaupt keine Gefühle, sondern nur eine Färbung und Tönung an diesen, in der sich der ursprüngliche Unterschied zwischen Anziehung und Flucht und wohl auch der Gegensatz zwischen Gelingen und Versagen und andere Gegensätze der ursprünglich so symmetrischen Führung des Lebens erhalten haben. Das gelingende Leben ist lustvoll: lange vor Nietzsche und unserer Zeit hat es schon Aristoteles gesagt. Und noch Kant hat gesagt: Vergnügen ist das Gefühl der Beförderung, Schmerz das einer Hindernis des Lebens. Und Spinoza hat Lust den Übergang des Menschen von geringerer zu größerer Vollkommenheit genannt. Sie ist immer in diesem etwas übertriebenen Ruf einer letzten Erklärung gestanden, die Lust (und nicht zuletzt bei denen, die sie der Täuschung verdächtigten!).

Aber wahrlich zur Heiterkeit kann sich das bei nicht ganz großen, und doch verdächtig leidenschaftlichen Denkern steigern. Ich setze eine schöne Stelle aus einem zeitgenössischen Lehrbuch hierher, von der ich kein Wort vergessen möchte: Was erscheint verschiedenartiger als zum Beispiel die Freude über eine elegant gelöste mathematische Aufgabe und die über ein gutes Mittagessen! Und doch sind diese beiden Freuden als reines Gefühl ein und dasselbe, nämlich Lust! Auch eine Stelle aus einer Gerichtsentscheidung, die wahrhaftig erst vor wenigen Tagen gefällt worden ist, setze ich dazu: Das Schmerzensgeld hat dem Zwecke zu dienen, dem Beschädigten die Möglichkeit zu geben, sich seinen gewohnten Verhältnissen entsprechende Lustgefühle zu verschaffen, die die durch die Verletzung und ihre Folgen ausgelösten Unlustgefühle aufwiegen. Auf den gegenständlichen Fall angewendet, ergibt sich also schon aus der beschränkten Auswahl der dem Lebensalter von zwei ein viertel Jahren entsprechenden Lustgefühle und der leichten Beschaffbarkeit der Mittel hiezu, daß das begehrte Schmerzensgeld zu hoch sei. Die durchdringende Klarheit, die sich in diesen beiden Beispielen äußert, gestattet die ehrfürchtige Bemerkung, daß sich Lust und Unlust noch lange als das I und A der Gefühlslehre erhalten werden.«

»Blicke ich mich weiter um, so sehe ich, daß diese Lust und Unlust sorgfältig abwägende Lehre unter Mischgefühlen die Verbindung des Elements der Lust und Unlust mit den anderen Elementen des Bewußtseins versteht und damit Trauer, Gelassenheit, Ärger und anderes meint, worauf Laien solchen Wert legen, daß sie gern mehr davon erführen als bloß einen Namen. Allgemeine Gemütszustände wie Lebhaftigkeit oder Niedergeschlagenheit, darin Mischgefühle von gleicher Art vorwiegen, heißt sie Einheit einer Gefühlslage. Affekt nennt sie eine Gefühlslage, die sich heftig und plötzlich einstellt, und eine überdies chronische nennt sie Leidenschaft. Sollten Theorien eine Moral haben, so wäre also die Moral dieser Lehre ungefähr mit den Worten auszusprechen: Mache anfangs kleine Schritte, so kannst du später große Sprünge machen!«

»Aber in Unterscheidungen wie diesen: ob es bloß eine Lust und Unlust gebe oder vielleicht doch mehrere Lüste und Unlüste; ob es neben Lust und Unlust nicht auch noch andere Grundgegensätze gebe, und zum Beispiel Lösung und Spannung ein solcher sei (das hat den stattlichen Titel: singularistische und pluralistische Theorie); ob sich ein Gefühl verändern könne oder ob es, wenn es sich verändere, schon ein anderes Gefühl werde; ob ein Gefühl, soll es aus einer Folge von Gefühlen bestehn, sich zu diesen im Verhältnis des Art- zu seinen Gattungsbegriffen oder des Bewirkten zu seinen Ursachen befinde; ob die Zustände, die ein Gefühl durchläuft, angenommen, es selbst sei ein Zustand, Zustände eines Zustands seien oder verschiedene Zustände und damit also verschiedene Gefühle; ob ein Gefühl durch die von ihm hervorgerufenen Handlungen und Gedanken eine eigene Veränderung bewirken könne oder ob in dieser Rede vom Wirken eines Gefühls etwas so Uneigentliches und wenig wirklich Gemeintes liege, als werde gesagt, das Auswalzen eines Bleches bewirke dessen Verdünnung oder eine Ausbreitung der Wolken die Verschleierung des Himmels: in solchen Unterscheidungen hat die traditionelle Psychologie vieles geleistet, was nicht unterschätzt werden sollte. Freilich ließe sich dann auch fragen, ob die Liebe eine Substanz oder eine Qualität sei und was es in Ansehung ihrer mit der Haecceität und Quiddität auf sich habe; aber ist man je sicher, das nicht doch einmal noch fragen zu müssen?«

»Alle solchen Fragen enthalten einen höchst nützlichen Ordnungssinn, obwohl er in Ansehung der unbefangenen Natur des Gefühls ein wenig lächerlich wirkt, und uns in Ansehung dessen, wie die Gefühle unser Handeln bestimmen, wenig zu helfen vermag. Dieser logisch-grammatikalische, wie eine Apotheke mit hunderten Lädchen und Aufschriften ausgestattete Ordnungssinn ist ein Rest der mittelalterlichen, aristotelisch-scholastischen Naturbetrachtung, deren großartige Logik nicht sowohl an den Erfahrungen, die man mit ihr gemacht hat, zuschanden geworden ist als vielmehr an denen, die man ohne sie gemacht hat. Es ist vornehmlich die Entfaltung der Naturwissenschaften daran schuld gewesen und die ihres neuen Verstandes, der die Frage, was logisch sein müsse, hinter die Frage zurückgesetzt hat, was wirklich sei; doch nicht weniger auch das Unglück, daß die Natur anscheinend bloß auf einen solchen Mangel an Philosophie gewartet hatte, um sich entdecken zu lassen, und mit einer Bereitschaft geantwortet hat, die beiweitem noch nicht zu Ende ist. Trotzdem ist es, so lange diese Entwicklung das neue philosophische Weltenei noch nicht hervorgebracht hat, auch heute noch nützlich, ihr gelegentlich von den Schalen des alten zu fressen zu geben, wie man es Hennen tut, die legen werden. Und das gilt besonders von der Psychologie des Gefühls. Denn sie ist in ihrer geschlossenen logischen Einkleidung schließlich vollkommen unfruchtbar gewesen, aber von den Gefühlspsychologien, die darauf gefolgt sind, ist nur zu sehr das Gegenteil wahr; denn sie sind in Ansehung dieses Verhältnisses zwischen logischem Gewand und Fruchtbarkeit, zumindest in den schönen Jahren der Jugend, nahezu Sansculottinen gewesen!«

»Was habe ich mir aus diesen Anfängen zu allgemeinerem Nutz und Frommen ins Gedächtnis zu rufen? Vor allem das: Diese neuere Psychologie hat mit dem hilfsbereiten Mitleid begonnen, das die medizinische Fakultät immer für die philosophische übrig hat, und sie hat mit der älteren Gefühlspsychologie aufgeräumt, indem sie überhaupt aufgehört hat, von Gefühlen, und angefangen hat, naturwissenschaftlich von Trieben, Triebhandlungen und Affekten zu sprechen. (Nicht als ob die Rede vom Menschen als einem von seinen Trieben und Affekten beherrschten Wesen neu gewesen wäre, aber neue Medizin ist sie dadurch geworden, daß er fortan nur als das betrachtet werden sollte.)

Der Vorzug bestand in der Aussicht, das höher beseelte menschliche Verhalten auf das allgemeine belebte zurückzuführen, das sich auf den naturgewaltigen Nötigungen des Hungers, des Geschlechts, der Verfolgtheit und anderer Grundzustände des Lebens aufbaut, denen die Seele angepaßt ist. Dadurch bestimmte Geschehensabläufe heißen Triebhandlungen, entstehen ohne Absicht und Überlegung, sobald sich ein Reiz der ihnen entsprechenden Reizgruppe geltend macht, und werden von allen Tieren der gleichen Art, oft auch von Tier und Mensch, ähnlich ausgeführt. Die persönlichen, aber nahezu unveränderlich erblichen Anlagen dazu heißen Triebe; und mit der Bezeichnung Affekt wird in diesem Zusammenhang gewöhnlich eine etwas ungewisse Meinung verknüpft, nach der er das Erlebnis oder die erlebte Seite der Triebhandlung und der ins Handeln gesetzten Triebe sein soll.

Betont oder leise wird dabei meist auch vorausgesetzt, daß alle menschlichen Handlungen Triebhandlungen seien, oder Verbindungen zwischen solchen, und alle unsere Gefühle Affekte oder Teile oder Zusammensetzungen von Affekten. Ich habe heute mehrere Lehrbücher der medizinischen Psychologie durchblättert, um mein Gedächtnis aufzufrischen, aber in ihrer aller Sachverzeichnissen ist das Wort Gefühl auch nicht ein einzigesmal vorgekommen, und es ist wahrhaftig keine geringe Eigenheit einer Gefühlspsychologie, wenn in ihr keine Gefühle vorkommen!«

»So sehr überwiegt noch jetzt in manchen Kreisen eine mehr oder minder betonte Absicht, die zu nichts führende geistige Betrachtung der Seele durch naturwissenschaftliche Begriffe zu ersetzen, die aufs äußerste handgreiflich sein sollen. Und wie man es anfangs am liebsten gesehen hätte, daß die Gefühle nichts als Empfindungen in den Eingeweiden und Gelenken wären, und in der Folge Behauptungen entstanden sind wie die, daß die Furcht aus beschleunigter Herztätigkeit und flachem Atem bestünde, oder daß das Denken ein inneres Sprechen, also eigentlich eine Kehlkopfreizung wäre, steht heute die geläuterte Absicht in Ansehen und Ehren, das gesamte innere Leben auf Reflexbögen und ähnliches zurückzuführen, und gilt beispielsweise einer großen und erfolgreichen Schule als die einzige erlaubte Aufgabe der Seelenerklärung.

Mag also auch die breite, womöglich eisern-automatische, Verankerung im Naturreich das wissenschaftliche Ziel sein, so mischt sich doch ebenfalls ein eigentümlicher Überschwang hinein, der sich ungefähr durch den Satz ausdrücken ließe: was niedrig steht, steht fest. Das ist einmal, bei der Überwindung der theologischen Naturphilosophie, ein Überschwang der Vereinigung gewesen, eine Spekulation à la baisse in menschlichen Werte. Der Mensch hat sich lieber als einen Faden im Gewebe des Weltstoffes sehen wollen denn als einen auf diesem Teppich Stehenden; und es läßt sich gut verstehen, daß auch die Seelenlehre, als sie, nachzüglerisch lärmend, in ihre materialistischen Flegeljahre eintrat, ein luziferisches, herabsetzendes Verlangen nach Seelenlosigkeit abbekommen hat. Das ist ihr später von allen frommen Feinden naturwissenschaftlichen Denkens gotteshausmeisterlich übelgenommen worden, aber seinem heimlichsten Wesen nach ist es doch nichts gewesen als eine gutartig düstere Romantik, eine gekränkte Kinderliebe zu Gott, und darum auch zu seinem Ebenbild, die in dessen Mißhandlung unbewußt noch heute nachwirkt.«

»Doch es ist immer gefährlich, wenn eine Ideenquelle in Vergessenheit gerät, ohne daß es bemerkt wird, und so hat sich manches, was bloß davon seine unbefangene Gewißheit empfangen hatte, in der medizinischen Psychologie ebenso unbefangen auch weiter erhalten, woraus stellenweise ein vernachlässigter Zustand entstanden ist, an dem gerade die grundlegenden Begriffe, und dann nicht zuletzt die Begriffe Trieb, Affekt und Triebhandlung, teilhaben. Schon die Frage, was ein Trieb sei und welche oder wieviel Triebe es gebe, wird nicht nur ganz ungleich beantwortet, sondern es geschieht auch ohne alles Zagen. Ich habe eine Darstellung vor mir gehabt, worin die Triebgruppen der Nahrungsaufnahme, der Sexualität und des Schutzes vor Gefahr unterschieden worden sind; eine andere, die ich mit ihr verglich, hat einen Lebenstrieb, einen Geltungstrieb und fünf andere angeführt; die Psychoanalyse, die nebenbei wohl auch als Triebpsychologie bezeichnet werden darf, schien lange Zeit nur einen einzigen Trieb zu kennen; und so geht es weiter. Auch das Verhältnis zwischen Triebhandlung und Affekt ist mit ebenso großen Verschiedenheiten bestimmt worden: Wohl heißt es gewöhnlich in Übereinstimmung, daß der Affekt das Erlebnis der Triebhandlung sei; aber ob dabei die ganze Triebhandlung als Affekt erlebt werde, also auch das äußere Verhalten, oder ob nur das innere Geschehen, oder ob Teile von ihm, oder Teile des äußeren und inneren Vorgangs in einer besonderen Vereinigung, davon wird bald das eine, bald das andere behauptet und manchmal beides nebeneinander. Nicht einmal, was ich zuvor aus dem Gedächtnis ohne Einwand niedergeschrieben habe, daß eine Triebhandlung ohne Absicht und Überlegung geschehe, stimmt in allen Stücken.«

»Ist es dann verwunderlich, wenn hinter den physiologischen Erklärungen unseres Gehabens sehr oft zu guter Letzt doch wieder nichts anderes zum Vorschein kommt als die vertraute Vorstellung, daß wir es von Kettenreflexen und Sekreten und Geheimnissen des Körpers bloß darum steuern ließen, weil wir die Lust suchten und die Unlust mieden? Und nicht nur in der Seelenkunde, auch in der allgemeinen Lebenslehre, ja in der Volkswirtschaftslehre, kurz überall, wo man ein Verhalten begründen möchte, spielen Lust und Unlust noch immer diese Rolle, also zwei so dürftige Gefühle, daß sich etwas Einfacheres kaum noch denken läßt. Der weitaus vielfältigere Gedanke der Triebbefriedigung wäre wohl imstande, das Bild bunter zu gestalten, aber die alte Gewohnheit ist so stark, daß man mitunter sogar lesen kann, die Triebe strebten nach Befriedigung, weil diese Erfüllung eben Lust sei, was ungefähr ebensoviel ist, wie den Auspuff für den treibenden Teil an einem Motor zu halten!«

So war Ulrich am Ende denn auch auf die Frage der Einfachheit zu sprechen gekommen, obgleich es wohl eine Abschweifung war.

»Woran liegt der Reiz, die besondere Versuchung für den Geist, daß er glaubt, die Welt der Gefühle auf Lust und Unlust oder auf die einfachsten physiologischen Vorgänge zurückführen zu müssen? Warum billigt er einem psychologischen Etwas umso mehr Erklärungswert zu, je einfacher es ist? Warum einem physiologisch-chemischen noch mehr als einem psychologischen, und schließlich der Zurückführung auf die Bewegung physikalischer Atome den allermeisten? Es geschieht selten aus Vernunftgründen, eher halbbewußt, aber auf irgendeine Weise ist dieses Vorurteil gewöhnlich wirksam. Worauf beruht also dieser Glaube, daß das Geheimnis der Natur einfach sein müsse?

Zuerst ist da zweierlei zu unterscheiden. Die Zerlegung des Zusammengesetzten in das Einfache und Kleine ist im Alltag eine durch nützliche Erfahrung gerechtfertigte Gewohnheit; dieser lehrt uns tanzen, indem er uns die Schritte beibringt, und er lehrt uns, daß man ein Ding besser versteht, nachdem man es zerlegt und wieder zusammengeschraubt hat. Die Wissenschaft bedient sich dagegen der Vereinfachung eigentlich nur als einer Zwischenstufe; auch was als Ausnahme erscheint, ordnet sich dem unter. Denn am Ende führt sie nicht das Zusammengesetzte auf das Einfache zurück, sondern das Besondere des einzelnen Falls auf die allgemein gültigen Gesetze, die ihr Ziel sind, und die sind nicht sowohl einfach als vielmehr allgemein und zusammenfassend. Sie vereinfachen die Mannigfaltigkeit des Geschehens erst durch ihre Anwendung, also in zweiter Hand.

Und so heben sich überall im Leben zwei Einfachheiten von einander ab: was es zum voraus ist, und was es erst nachher wird, sind in verschiedener Bedeutung einfach. Was es zum voraus ist, mag es was immer sein, ist meistens einfach aus Mangel an Inhalt und Form, und darum gemeinhin auch einfältig, oder es ist noch nicht durchschaut. Was aber erst einfach wird, mag es ein Gedanke oder ein Handgriff oder gar der Wille sein, hat Teil und hat in sich von der Gewalt der Wahrheit und des Könnens, die das verwirrt Vielfältige bezwingt. Diese beiden Einfachheiten werden gewöhnlich miteinander verwechselt: es geschieht in der frommen Rede von der Einfalt und Unschuld der Natur; es geschieht in dem Glauben, daß eine einfache Sittlichkeit unter allen Umständen dem Ewigen näher stehe als eine verwickelte; es geschieht auch in der Verwechslung des rohen Willens mit dem starken.«

Als Agathe so weit gelesen hatte, glaubte sie, auf dem Kies des Gartens Ulrichs zurückkehrende Schritte zu hören, und schob alle Blätter eilig wieder in die Lade zurück. Als sie sich aber davon überzeugt hatte, daß ihr Gehör sie getäuscht habe, und gewiß geworden war, daß ihr Bruder noch im Garten verweile, zog sie die Blätter wieder hervor und las noch ein Stück des Folgenden weiter. 72

Die Referate D und L


Als General Stumm von Bordwehr im Garten darzulegen begonnen hatte, warum er glaube, über eine Idee gestolpert zu sein, zeigte sich alsbald, daß er mit der Freude erzähle, die ein Stoff bereitet, der gut durchdacht ist. Den Anfang habe es gemacht, berichtete er, daß er wegen des unbesonnenen Beschlusses, der den Kriegsminister gezwungen hätte, Diotimas Haus fluchtartig zu verlassen, die erwartete Nase bekommen habe. »Ich habe ja alles vorausgesagt!« beteuerte Stumm selbstbewußt und fügte bescheidener hinzu: »Nur das nicht, was danach gekommen ist.« Es war nämlich trotz aller Gegenmaßnahmen etwas von dem leidigen Zwischenfall in die Zeitungen durchgesickert und bei den Ausschreitungen wieder zum Vorschein gekommen, deren Opfer dann Graf Leinsdorf wurde. Graf Leinsdorf aber war, wie es Stumm schon in Agathes Gegenwart angedeutet hatte und jetzt ausführte, auf der Rückreise von seinen böhmischen Gütern in einer Stadt, wo er den Eilzug erreichen wollte, mit dem Wagen zwischen die zwei Fronten eines politischen Zusammenstoßes geraten, und Stumm beschrieb nun das Weitere folgendermaßen: »Sie haben ihre Unruhen natürlich wegen etwas ganz anderem veranstaltet gehabt; wegen irgend einer Verordnung der Regierung über den Gebrauch der Landessprachen in den Ämtern, oder wegen einer andern von diesen Sachen, über die man sich schon so oft geärgert hat, daß man kaum noch kann. Und so sind auch bloß auf der einen Seite der Straßen die deutschsprachigen Stadtbewohner gestanden und haben zu den andern hinübergeschrien: Pfui!, und auf der andern Seite sind die anderssprachigen gestanden und haben zu den Deutschen hinübergeschrien: Schande!; und es wäre weiter auch nichts geschehn. Aber der Leinsdorf ist als Friedensstifter bekannt; er will, daß die in der Monarchie vereinigten Volksstämme ein Staatsvolk bilden, und das sagt er auch immer. Und du weißt doch auch, wenn ich hier so sagen darf, wo es niemand hört, daß zwei Hunde einander oft unentschlossen anknurren, daß sie aber in dem Augenblick, wo man sie beruhigen will, aufeinander losfahren. Wie der Leinsdorf erkannt worden ist, hat das also den Gefühlen einen ungeheuren Aufschwung gegeben; und sie haben zuerst im Sprechchor auf zwei Sprachen angefangen zu fragen: Was ist mit der Enquete zur Feststellung der Wünsche der beteiligten Kreise der Bevölkerung, Herr Graf? und dann haben sie geschrien: Nach außen heuchelst du Frieden, und im eigenen Haus bist du ein Mörder! Erinnerst du dich an die Geschichte, die man ihm nachsagt, daß einmal, vor hundert Jahren, als er noch jünger gewesen ist, eine Kokotte in der Nacht gestorben sein soll, wo sie bei ihm war? Auf das haben sie nämlich damit auch anspielen wollen, sagt man jetzt. Und das alles ist bloß wegen diesem dummen Beschluß geschehn, daß man sich für seine eigenen Ideen töten lassen soll, aber ja nicht für fremde; wegen einem Beschluß also, den es gar nicht gibt, weil ich seine Protokollierung verhindert habe! Aber anscheinend hat er sich herumgesprochen, und weil wir ihn nicht zugelassen haben, verdächtigt man jetzt uns alle, daß wir Volksmörder sein wollen! So etwas ist vollkommen unvernünftig, aber es ist schließlich logisch!«

Ulrich fiel diese Unterscheidung auf.

Der General zuckte die Achseln. »Die geht auf den Kriegsminister selbst zurück. Nämlich schon wie er mich nach dem Krakeel bei Tuzzis hat zu sich rufen lassen, hat er zu mir gesagt: Lieber Stumm, du hättest es nicht so weit kommen lassen dürfen! Ich habe ihm aber darauf, was mir nur einfiel, vom Zeitgeist erwidert und davon, daß der Zeitgeist eine Äußerung und anderseits auch wieder einen Halt braucht: mit einem Wort, ich habe ihm zu beweisen getrachtet, wie wichtig es ist, eine Zeitidee zu suchen und sich für sie zu begeistern, selbst wenn es vorderhand noch zwei Ideen sind, die einander widersprechen und sich gegenseitig in Wut treiben, so daß man unmöglich in jedem Augenblick wissen kann, was daraus entstehen wird. Doch er hat mir erwidert: Lieber Stumm, du bist ein Philosoph! Ein General aber muß wissen! Wenn du eine Brigade in ein Rencontre-Gefecht führst, vertraut dir der Feind auch nicht an, was er vorhat und wie stark er ist! Und danach hat er mir ein für allemal die größte Zurückhaltung anbefohlen.« Stumm unterbrach seine Erzählung nur, um einen neuen Vorrat an Atem zu schöpfen, und fuhr fort: »Darum habe ich mich, wie dann auch noch die Geschichte mit dem Leinsdorf dazugekommen ist, gleich selbst beim Minister melden lassen; denn ich habe vorhergesehen, daß man wieder der Parallelaktion schuld geben wird, und habe dem die Spitze abbrechen wollen. Exzellenz! habe ich begonnen. Es ist unvernünftig gewesen, was das Volk dort getan hat, aber das hätte man wissen können, denn es ist immer so. Ich rechne darum in einem solchen Fall nicht mit der Vernunft, sondern mit Leidenschaften, Einbildungen, Schlagworten und ähnlichem. Aber abgesehen davon, hätte auch das nichts genutzt, denn Seine Erlaucht ist ein eigensinniger und schwer zu beeinflussender alter Herr. So ungefähr habe ich also gesprochen, und der Kriegsminister hat mich auch die ganze Zeit still angehört und hat genickt. Aber entweder hat er selbst vergessen gehabt, was er mir das Mal zuvor vorgehalten hat, oder er ist scheinbar sehr grantig gewesen, denn plötzlich hat er erwidert: Du bist eben doch ein Philosoph, Stumm! Mich interessiert weder Seine Erlaucht noch das Volk; aber du sagst bald Vernunft, bald Logik, so als ob das ein und dasselbe wäre, und ich muß dich aufmerksam machen, daß es nicht ein und dasselbe ist! Vernunft kann ein Zivilist haben, und braucht sie auch nicht zu haben. Aber das, womit man der Vernunft begegnen muß und was ich darum von meinen Generalen verlangen muß, ist Logik. Das gewöhnliche Volk hat keine Logik, aber es muß sie über sich spüren! Und damit ist die Unterredung beendet gewesen« schloß Stumm von Bordwehr.

»Ich verstehe das zwar nicht im mindesten, aber es kommt mir vor, daß dein Zweithöchster Kriegsherr im ganzen nicht ungnädig mit dir umgeht« bemerkte Ulrich.

Sie wandelten die Gartenwege auf und ab, und Stumm machte jetzt einige Schritte, ohne zu erwidern, blieb dann aber so heftig stehn, daß der Kies unter seinen Sohlen knirschte. »Das verstehst du nicht«!« rief er aus und fügte hinzu: »Zuerst habe ich es auch nicht verstanden. Aber nach und nach ist mir die ganze Tragweite aufgegangen, warum Seine Exzellenz, der Herr Kriegsminister, recht hat! Und warum hat er recht?« fragte er unversöhnlich. »Weil der Kriegsminister immer recht hat! Ich kann, wenn es bei Diotima einen Skandal gibt, nicht vor ihm weggehen, und ich kann auch nicht in die Zukunft von Böhmen blicken; es ist unvernünftig, das von mir zu verlangen! Und ich darf auch nicht, wie in dem Falle Leinsdorf, für etwas in Ungnade fallen, womit ich so wenig zu tun habe wie mit der Geburt meiner seligen Großmutter! Aber trotzdem hat der Kriegsminister, der mir das alles zumutet, recht, weil der Vorgesetzte immer recht hat: das ist nämlich eine Banalität, und auch keine! Verstehst du es jetzt?«

»Nein« sagte Ulrich.

»Aber schau,« beschwor ihn Stumm »du willst mir bloß Schwierigkeiten machen, weil du dich unabhängig fühlst oder weil du ein Rechtsgefühl hast oder aus solchen Gründen, und gibst nicht zu, daß es sich hier um etwas Ernsteres handelt! Aber wirklich erinnerst du dich ganz gut; denn beim Militär hat man doch auch dir seinerzeit bei jeder Gelegenheit gesagt: ein Offizier muß logisch denken können! Logik ist ja gerade das, was in unseren Augen das Militär vom Zivil unterscheidet. Aber meint man damit Vernunft? Nein. Vernunft hat der Feldrabbiner oder der Feldkurat oder der Herr vom Kriegswissenschaftlichen Archiv. Aber Logik ist nicht Vernunft. Logik heißt: handle unter allen Umständen ehrenvoll, aber konsequent, rücksichtslos und ohne Gefühl; und laß dich durch nichts irre machen! Denn die Welt wird nicht von der Vernunft regiert, sondern muß mit eiserner Logik beherrscht werden, wenn auch auf ihr, seit sie besteht, geredet wird! Das ist es also, was mir der Kriegsminister zu verstehen gegeben hat; und du wirst einräumen, daß es in mir nicht auf den unfruchtbarsten Boden gefallen ist, denn es ist ja nichts als die alte, bewährte Offiziersmentalität. Ich habe seither wieder etwas mehr davon in mir; und du wirst es auch nicht leugnen können: Wir müssen schlagfertig sein, bevor wir alle anfangen, vom Ewigen Frieden zu sprechen; wir müssen zuerst unsere Versäumnisse und Schwächen gutmachen, damit wir dann bei der allgemeinen Verbrüderung nicht im Nachteil sind. Und unser Geist ist nicht schlagfertig! Er ist überhaupt nie fertig! Der Zivilgeist ist ein bedeutsames Hin und Her, ein Empor und Hinab, und du hast ihn einmal den tausendjährigen Glaubenskrieg genannt: aber davon können wir uns nicht ruinieren lassen! Es muß also jemand da sein, der, wie man beim Militär sagt, Initiative hat und die Führung übernimmt, und dazu ist der Vorgesetzte berufen: Das sehe ich jetzt selbst ein; und ich bin nicht ganz sicher, ob ich früher, in meiner Teilnahme für alle geistigen Bestrebungen, nicht doch manchmal zu weit hingerissen worden bin.«

Ulrich fragte: »Und was wäre geschehn, wenn du das nicht eingesehen hättest? Hätte man dir den Zylinder geschickt?«

»Nein, das nicht« berichtigte Stumm. »Natürlich vorausgesetzt, daß ich es nicht auch am militärischen Gefühl für die Kräfteverhältnisse fehlen lasse. Aber eine Landwehrbrigade in Wladischmirschowitz oder in Knobljoluka hätten sie mir verliehen, statt daß ich wie bisher am Kreuzungspunkt soldatischer Macht und ziviler Erleuchtung sitze und der uns allen gemeinsamen Kultur vielleicht doch noch etwas nützen kann!«

Sie hatten nun die Wege zwischen dem Haus und der Ausfahrt, in deren Nähe der Wagen wartete, schon einigemal zurückgelegt, und auch diesmal bog der General wieder ab, ehe sie ans Gitter gelangten. »Du mißtraust mir« beklagte er sich: »du hast mich nicht ein einziges mal gefragt, was gar erst geschehen ist, wie auf einmal der Friedenskongreß da war!«

»Also, was ist geschehen? Der Kriegsminister hat dich wieder rufen lassen, und was hat er gesagt?«

»Nein! Nichts hat er gesagt! Ich habe acht Tage darauf gewartet: aber nichts mehr hat er gesagt!« berichtigte der andere. Und nach einem Augenblick des Verstummens konnte er es nicht mehr bei sich behalten und verkündete: »Aber das Referat D haben sie mir da abgenommen!«

»Was ist das Referat D?« fragte Ulrich, obwohl es ihm ahnte.

»Referat Diotima natürlich« gab Stumm mit schmerzlichem Vergnügen zur Antwort. »In einem Ministerium wird doch für jede größere Frage ein Referat eingerichtet, und so hat das auch geschehen müssen, wie Diotima ihre Hauskongresse zur Ermittlung einer patriotischen Idee begonnen hat und durch die lebhafte Anteilnahme des Arnheim unsere Aufmerksamkeit erregt worden ist. Dieses Referat ist mir zugeteilt worden, wie du wohl bemerkt haben wirst, und da bin ich eben auch gefragt worden, wie man es benennen soll; denn schließlich kann man so etwas doch nicht einfach einreihen wie ein Medikamentendepot oder einen Intendanzkurs, und der Name Tuzzi hat aus interministeriellen Rücksichten nicht genannt werden dürfen. Mir selbst ist aber auch nichts Bezeichnendes eingefallen, und darum habe ich, damit ich nicht zuviel und nicht zuwenig sage, schließlich vorgeschlagen, es Referat D zu nennen; D, das ist für mich Diotima gewesen, aber das hat niemand gewußt, und für die andern hat es doch ganz hervorragend echt geklungen, wie der Name eines Dienstbuches, wenn nicht gar wie ein nur dem Generalstab zugängliches Geheimnis. Das ist eine meiner besten Ideen gewesen!« schloß Stumm und fügte seufzend bei: »Damals habe ich eben noch Ideen haben dürfen!«

Er schien sich aber nicht genug ermuntert zu fühlen, und als Ulrich dessen weltrückfällige Laune beinahe schon verbraucht war, zumindest ihren Mundvorrat an Gesprächigkeit fast aufgezehrt hatte jetzt nach einem anerkennenden Lächeln in Schweigen verfiel, beklagte sich Stumm von neuem. »Du traust mir nicht. Du hältst mich nach dem, was ich gesagt hab', für einen Militaristen. Aber, auf Ehrenwort, ich wehre mich dagegen, einer zu sein, und will nicht ohneweiters fahren lassen, woran ich so lange geglaubt habe! Diese großartigen Ideen machen den Soldaten doch erst zum Menschen: Ich sage dir, Freund, wenn ich daran denke, komme ich mir wie ein Witwer vor, dem seine bessere Hälfte in den Tod vorangegangen ist!« Er ereiferte sich noch einmal. »Die Republik der Geister ist natürlich gerade so unordentlich wie eine jede Republik; aber wie glücklich macht allein schon die große Idee, daß keiner die Weisheit allein gepachtet hat und daß es eine Menge Ideen gibt, die man vielleicht gerade wegen der mangelnden Ordnung, die unter ihnen herrscht! überhaupt noch nicht gefunden hat! Für das Militär bin ich damit ein Neuerer gewesen! Sie haben zwar im Generalstab mich und mein Referat D wegen meiner wechselvollen Anregungen den Mobilen Beleuchtungszug geheißen, aber auch sie haben von der Fülle, die ich ausgestreut habe, ganz gern genossen!«

»Und das ist alles aus?«

»Es wäre nicht unbedingt aus; aber ich selbst habe mein Vertrauen in den Geist teilweise eingebüßt!« grollte Stumm, Trost fordernd.

»Da tust du recht daran« bemerkte Ulrich trocken.

»Das sagst jetzt auch du?!«

»Ich habe es immer gesagt. Ich habe dich seit je gewarnt, früher als der Minister. Geist eignet sich nur in beschränktem Maße zum Regieren.«

Stumm wollte die Belehrung zurückweisen, darum versicherte er: »Das ist immer auch meine Meinung gewesen!«

Ulrich fuhr fort: »Der Geist ist ins Leben verflochten wie in ein Rad, das er treibt und von dem er gerädert wird.«

Stumm ließ ihn aber nicht weiter kommen. »Wenn du vermuten solltest, daß für mich solche äußere Umstände bestimmend gewesen sind,« unterbrach er ihn »so würdest du mich aber erniedrigen! Es handelt sich auch um eine geistige Läuterung! Das Referat D ist mir außerdem in allen Ehren abgenommen worden. Der Minister hat mich rufen lassen, um mir selbst mitzuteilen, daß es notwendig ist, weil der Chef des Generalstabs eine persönliche Berichterstattung über den Weltfriedenskongreß verlangt; und darum haben sie gleich das Ganze aus dem Militärbildungswesen herausgenommen und der Nachrichtenabteilung des Evidenzbüros angegliedert«

»Der Spionage-Abteilung?!« warf Ulrich ein, nun von neuem belebt.

»Wem denn sonst!? Wer nicht weiß, was er selbst will, muß wenigstens wissen, was die anderen wollen! Und, ich bitte dich, was soll der Generalstab auf einem Weltfriedenskongreß wollen? Ihn behindern, das wäre barbarisch, und ihn pazifistisch fördern, das wäre unmilitärisch! Also beobachten sie ihn. Wer hat gesagt: Bereitschaft ist alles? Na, egal, jedenfalls ist es jemand gewesen, der vom Militär etwas verstanden hat« Stumm hatte seinen Kummer vergessen. Er drehte sich auf den Beinen hin und her und versuchte, mit der Scheide des Säbels eine Blume zu köpfen. »Ich fürchte ja bloß, daß es ihnen zu schwer sein wird und daß sie mich noch kniefällig zurückholen werden, damit ich mein Referat wieder selbst übernehme!« plauderte er. »Schließlich wissen wir doch, du und ich, mit unserer fast schon einjährigen Erfahrung, wie sich so ein Ideenkongreß in Beweise und Gegenbeweise zerspaltet! Glaubst du überhaupt daran, daß also jetzt abgesehen von den besonderen Schwierigkeiten des Regierens! eine Ordnung sozusagen nur vom Geiste ausgehen kann?«

Er hatte jetzt auch seine Beschäftigung mit den Blumen eingestellt und sah mit gefalteter Stirn, die Säbelscheide in der Hand haltend, seinem Freunde eindringlich ins Gesicht.

Dieser lächelte ihn an und schwieg.

Stumm ließ den Säbel fallen, weil er die Fingerspitzen beider in weißen Handschuhen steckenden Hände zu einer delikaten Begriffsbestimmung brauchte: »Du mußt mich richtig verstehn, wenn ich zwischen Geist und Logik unterscheide. Logik ist Ordnung. Und Ordnung muß sein! Das ist der Grundsatz des Offiziers, und ihm beuge ich mich! Auf Grund welcher Ideen aber Ordnung gemacht wird, das ist egal; das ist Geist oder wie es der Kriegsminister etwas altmodisch ausgedrückt hat, Vernunft und das ist nicht Sache des Offiziers. Aber der Offizier mißtraut der Fähigkeit des Zivils, daß es von selbst vernünftig wird, auf Grund welcher Ideen es das auch immer versucht. Denn ganz gleich, welchen Geist es wann immer gegeben hat, immer ist am Ende ein Krieg daraus entstanden!«

So erläuterte Stumm seine neuen Einsichten und Zweifel, und Ulrich faßte das unwillkürlich in eine Anspielung auf einen bekannten Ausspruch zusammen, indem er fragte: »Du möchtest also eigentlich sagen, daß der Krieg ein Element der von Gott eingesetzten Weltordnung ist?«

»Da redest du aber schon zu geistig!« pflichtete Stumm wohl bei, doch mit Vorbehalt. »Ich frage mich bloß schlicht, ob der Geist nicht einfach entbehrlich ist. Denn wenn ich den Menschen mit Sporen und Zaum behandeln soll wie ein Stück Vieh, dann muß ich auch ein Stück Vieh in mir tragen, weil ein wirklich guter Reiter dem Roß nähersteht als beispielsweise der Rechtsphilosophie! Die Preußen nennen das den Schweinehund, den jeder in sich trägt, und bezwingen ihn mit einem spartanischen Geist. Als österreichischer General möchte ich aber lieber sagen: Je besser, schöner und geordneter ein Staat ist, desto weniger braucht man darin den Geist, und in einem vollkommenen Staat braucht man ihn überhaupt nicht! Das halte ich für ein sehr schwieriges Paradoxon! Übrigens von wem ist das, was du gesagt hast? Ist das von jemandem?«

»Das ist von Moltke. Er hat gesagt, daß sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut, Entsagung, Pflichttreue, Opferwilligkeit, erst im Krieg entwickeln und daß die Welt ohne den Krieg in dumpfem Materialismus versumpfen müßte.«

»Schau!« rief Stumm aus. »Auch interessant! Da hat er schon etwas gesagt, was ich mir ebenfalls manchmal denke!«

»Aber Moltke sagt in einem andern Brief an den gleichen Menschen, fast in demselben Atem tut er es also, daß selbst ein siegreicher Krieg ein nationales Unglück ist« gab Ulrich zu bedenken.

»Siehst du, da hat ihn der Geist gezwickt!« versetzte Stumm überzeugt. »Ich habe nämlich nie eine Zeile von ihm gelesen, er ist mir immer viel zu militärisch vorgekommen. Und du kannst mir wirklich glauben, daß ich immer ein Antimilitarist gewesen bin. Ich habe mein Leben lang gedacht: Kein Mensch glaubt heutzutage mehr an einen Krieg, man macht sich damit nur lächerlich. Und ich möchte nicht, daß du glaubst, ich habe mich geändert, weil ich jetzt anders bin!« Er hatte den Wagen herbeigewinkt und den Fuß schon aufs Trittbrett gesetzt, zögerte aber und sah Ulrich nötigend an. »Ich bin mir selbst treu geblieben!« fuhr er fort. »Aber wenn ich den zivilen Geist früher mit den Gefühlen eines jungen Mädchens geliebt habe, liebe ich ihn jetzt, wenn ich so sagen darf, mehr wie eine reife Frau: Er ist kein Ideal, er läßt sich nicht einmal dahin bringen, daß er mit sich selbst eines Sinnes wird. Darum habe ich dir nicht erst heute, sondern schon lange gesagt, daß man mit den Menschen sowohl in Güte wie auch mit starker Hand verfahren muß, man muß sie also lieben und kujonieren, damit es zu etwas Rechtem kommt. Und das ist schließlich nichts als die überparteiliche militärische Gesinnung, die den Soldaten auszeichnen soll. Ich beanspruche kein persönliches Verdienst daran, aber ich will dir zeigen, daß sie schon früher aus mir gesprochen hat!«

»Jetzt wirst du noch wiederholen, daß der Bürgerkrieg vom Jahre Sechsundsechzig daraus entstanden ist, daß sich alle Deutschen als Brüder erklärt haben« meinte Ulrich lächelnd.

»Ja, natürlich!« bestätigte Stumm. »Und jetzt erklären sich noch dazu alle Menschen als Brüder! Da muß ich mich doch fragen, was daraus entstehen wird! Es kommt ja so unerwartet, was wirklich kommt. Da haben wir fast ein Jahr lang nachgedacht, und dann ist es auch ganz anders gekommen. Und so ist es anscheinend mein Verhängnis, daß mich der Geist, indem ich ihn aufmerksam durchforschte, wieder zum Militär zurückführt. Trotzdem, wenn du alles überlegst, was ich gesagt habe, so wirst du finden: Ich identifiziere mich also mit nichts; aber ich finde an allem etwas Wahres: das wäre ungefähr der Extrakt von dem, was wir gesprochen haben!«

Stumm wollte nach einem Blick auf die Uhr das Zeichen zur Abfahrt geben, denn sein Vergnügen, sich ausgesprochen zu haben, war so lebhaft, daß er alles übrige vergessen hatte. Aber Ulrich legte jetzt freundschaftlich Hand an ihn und sagte: »Du hast mir noch nicht mitgeteilt, was dein neues Auftragerl ist.«

Stumm weigerte sich: »Heute reicht die Zeit nicht mehr. Ich muß fort.«

Aber Ulrich hatte ihn an einem der goldenen Knöpfe gefaßt, die auf seinem Bauch glänzten, und hielt so lange fest, bis sich Stumm ergab. Er angelte nach Ulrichs Kopf und zog das Ohr an seinen Mund. »Also unter strengster Diskretion,« flüsterte er: »Leinsdorf!«

»Ich nehme an, daß er beseitigt werden soll, du politischer Meuchelmörder!« flüsterte Ulrich wieder, aber so unbefangen, daß Stumm verletzt auf den Kutscher deutete. Sie richteten sich auf, und Ulrich trat vom Wagenschlag zurück. Sie zogen es jetzt vor, laut zu sprechen und bloß den Namen zu vermeiden. »Laß mich selbst nachdenken und versuchen,« bat Ulrich »ob ich noch irgend etwas von eurer Welt weiß: Er hat den letzten Kultusminister gestürzt, und seit der neuen ihm widerfahrenen Beleidigung muß man darauf gefaßt sein, daß Er es dem jetzigen auch so macht. Das wäre aber augenblicklich eine unangenehme Störung, und dem muß man vorbaun. Und aus irgendeinem Grund hält Er halt immer an seinen Überzeugungen fest: daß die Deutschen die Gefahr für den Staat sind, daß gerade der Baron Wisnietzky, den sie nicht leiden können, der geeignete Mann ist, bei ihnen Propaganda zu machen, daß die Regierung nicht hätte ihren Kurs wechseln sollen, und so weiter«

Stumm hätte Ulrich unterbrechen können, aber er hörte freiwillig zu, und jetzt mischte er sich sogar selbst ein. »Schließlich ist unter ihm in der Aktion doch auch die Parole der Tat entstanden, und während alle andern bloß sagen: das ist ein neuer Geist!, sagt Er jedem, der es ungern hört: es muß etwas geschehn!«

»Und stürzen kann man ihn nicht, er ist eine Privatperson. Und die Parallelaktion hat man ihm ohnehin schon unter dem Sattel weggeschossen« meinte Ulrich.

»Also ist jetzt die Gefahr entstanden, daß er etwas Neues anfangt!« ergänzte es der General.

»Aber was kannst denn du dagegen tun?!« fragte Ulrich neugierig.

»Gott! Ich hab' halt die Aufgabe bekommen, ihn ein bissel abzulenken und zu beschäftigen, und wenn du willst, auch ein bissel zu beaufsichtigen«

»Also: ein Referat L? Du trügerisches Himmelblau!«

»Unter uns kannst du es ja so nennen, aber einen dienstlichen Namen hat es natürlich nicht. Ich habe einfach den Auftrag, mich dem Leinsdorf« diesmal wollte Stumm den Namen doch auch mitgenießen, flüsterte ihn aber wieder »an den Hals zu setzen wie eine Zecke: das sind die eigenen huldvollen Worte Seiner Exzellenz!«

»Aber er muß dir doch auch ein Ziel gegeben haben, das du erreichen sollst?«

Der General lachte. »Reden! Ich soll mit ihm reden. Auf alles eingehn, was er sich denkt, und so viel darüber reden, daß er sich womöglich auf diese Weise verausgabt und nichts Unvorhergesehenes tut. Saug ihn aus hat Seine Exzellenz gesagt und hat das einen sehr ehrenvollen Vertrauensbeweis und Auftrag genannt. Und wenn du mich noch fragen solltest, ob das alles ist, so kann ich dir nur erwidern: es ist sehr viel! Diese alte Erlaucht ist ungeheuer gebildet und eigentlich ein hervorragend interessanter Mensch!« Er hatte dem Kutscher das Zeichen zum Losfahren gegeben und rief zurück: »Alles andere das nächste Mal! Ich rechne auf dich!«

Und erst als der Wagen davonrollte, kam Ulrich der Einfall, daß Stumm vielleicht auch die Absicht haben könnte, ihn selbst unschädlich zu machen, den man früher verdächtigt hatte, daß er den Geist des Grafen Leinsdorf einmal noch zu einem ganz ungewöhnlichen Einfall verleiten könnte. 73

Naive Beschreibung, wie sich ein Gefühl bildet


Von den folgenden Blättern hatte Agathe noch einen großen Teil gelesen.

Sie enthielten zunächst noch nicht die versprochene Darlegung der Entwicklung, die der Begriff des Gefühls gegenwärtig mitmacht; denn ehe sich Ulrich von diesen Auffassungen Rechenschaft gab, aus denen er den meisten Gewinn zu ziehen hoffte, hatte er sich, nach seinen eigenen Worten, »das Entstehen und Wachstum eines Gefühls so naiv und mit grobem Finger buchstabierend vorzustellen« getrachtet, »wie es einem geistig nicht ungeübten Laien erscheinen mag.«

Und diese Aufzeichnung fuhr folgendermaßen fort: »Man pflegt das Gefühl als etwas anzusehen, das Ursachen und Folgen hat, und ich will mich darauf beschränken, daß die Ursache ein äußerer Reiz sei. Natürlich gehören aber zu diesem Reiz auch geeignete Umstände, das heißt sowohl passende äußere Umstände als auch innere, eine innere Bereitschaft, und erst diese Dreiheit entscheidet darüber, ob und wie er beantwortet wird. Denn ob sich ein Gefühl überraschend oder verzögert einstellt, wie es sich ausbreitet und abläuft, welche Ideen es mit sich bringt, und überhaupt welches Gefühl es ist, hängt gewöhnlich nicht minder von dem Vorzustand des Fühlenden und der Umwelt als vom Reiz ab. Von dem persönlichen Zustand des Fühlenden, also von Temperament, Charakter, Alter, Erziehung, von den Anlagen, Grundsätzen, vorangegangenen Erlebnissen und vorhandenen Spannungen, gilt das wohl als selbstverständlich, obwohl diese Bedingungen keine genaue Grenze haben und sich in das Wesen der Person und ihres Schicksals verlieren. Aber auch die äußere Umgebung, ja schon ein Wissen von ihr oder bloß ihre stillschweigende Voraussetzung können ein Gefühl unterdrücken oder begünstigen, und das gesellige Leben bietet unzählige Beispiele dafür dar, denn in jeder Lage gibt es Gefühle, die sich schicken oder nicht schicken, auch wechselt es mit den Landstrichen und der Zeit, welche Gefühlsgruppen im öffentlichen und im Eigenleben vorherrschen, oder doch begünstigt werden, und welche unterdrückt werden, ja sogar schlechthin gefühlvolle und gefühlarme Zeiten haben einander schon abgelöst.

Zu alledem kommt dann noch hinzu, daß äußere und innere Umstände, ja auch diese und der Reiz, wie sich leicht ermessen läßt, nicht unabhängig von einander sind. Denn der innere Zustand ist dem äußeren und seinen Gefühlsreizen angepaßt gewesen, war also auch von ihnen abhängig, und der äußere muß auf irgendeine Weise aufgenommen worden sein, so daß seine Erscheinung von dem inneren Zustand abhing, ehe eine Störung dieses Gleichgewichts ein neues Gefühl hervorruft und dieses einen neuen Ausgleich entweder anbahnt oder selbst schon darstellt. Ebenso wirkt aber auch der Reiz gewöhnlich nicht unmittelbar, sondern erst kraft seiner Aufnahme, und das Innere wieder vollzieht diese Aufnahme erst auf Grund von Wahrnehmungen, mit denen Anfänge der Erregung doch wohl schon verbunden sein müssen.

Davon abgesehen, hängt der Reiz, der ein Gefühl zu erregen vermag, mit diesem aber auch schon insofern zusammen, als das, was beispielsweise einen Hungernden erregt, einem Beleidigten gleichgültig ist, und umgekehrt.«


»Ähnliche Verwicklungen ergeben sich, wenn das Weitere der Reihe nach beschrieben werden soll. So ist schon die Frage, wann ein Gefühl da sei, nicht zu beantworten, obwohl nach der zugrundeliegenden Auffassung, wonach es bewirkt werden und dann selbst wirken solle, doch angenommen werden müßte, daß es einen solchen Zeitpunkt gebe. In Wahrheit schlägt aber der erregende Reiz nicht in einen bestehenden Zustand ein wie die Kugel in die mechanische Scheibe, die nun ein Spielwerk von Folgen in Gang setzt, sondern dauert weiter und ruft einen Nachschub an inneren Kräften hervor, die sowohl in seinem Sinn wirken als auch seine Wirkung abändern. Und ebenso wenig gibt sich das Gefühl, einmal vorhanden, sofort an seine Wirkungen aus, noch bleibt es sich auch nur einen Augenblick selbst gleich und ruht gleichsam in der Mitte zwischen den Vorgängen, die es aufnimmt und entsendet, sondern ist mit einer dauernden Veränderung von allem verbunden, wozu es außen und innen Beziehung hat, und empfängt auch von beiden Seiten eine Rückwirkung.

Es ist den Gefühlen die lebhafte, oft leidenschaftliche Bestrebung zu eigen, die Reize abzuändern, denen sie ihre Entstehung verdanken, und sie zu beseitigen oder zu begünstigen; und die Hauptlebensrichtungen sind die nach außen und von außen. Darum trägt der Zorn schon den Gegenangriff in sich, das Verlangen die Annäherung, und die Furcht den Übergang in Flucht, in Erstarren oder zwischen beiden in den Schrei. Aber auch durch die Rückwirkung dieses tätigen Verhaltens empfängt ein Gefühl nicht wenig von seiner Eigentümlichkeit und von seinem Inhalt; und der bekannte Ausspruch eines amerikanischen Psychologen: Wir weinen nicht, weil wir traurig sind, sondern sind traurig, weil wir weinen mag übertrieben sein, doch ist es sicher, daß man nicht bloß so handelt, wie man fühlt, sondern bald auch so fühlen lernt, wie man, aus welchen Gründen immer, handelt. Ein bekanntes Beispiel dieses Hin- und Rückweges ist das Spiel von Hunden, die im Scherz zu balgen beginnen und in einem blutigen Zweikampf enden; aber auch an Kindern und einfachen Menschen läßt sich ähnliches beobachten. Und ist schließlich nicht die ganze schöne Theatralik des Lebens ein großes solches Beispiel, mit ihren halb gewichtigen, halb gewichtslosen Gebärden der Ehre und Ehrung, der Drohung, Artigkeit, Gemessenheit und alles anderen, Gebärden des Etwas-darstellen-Wollens und der Darstellung, die das Urteil beiseitesetzen und unmittelbar das Gefühl beeinflussen. Sogar der Drill gehört dazu und beruht auf der Wirkung, daß ein lang aufgezwungenes Verhalten am Ende die Gefühle erzeugt, von denen es ausgehen sollte.«


»Wichtiger als die Rückwirkung des Tuns ist es freilich in diesen und anderen Beispielen, daß ein Erlebnis die Bedeutung wechselt, wenn sein Verlauf aus dem Bereich der ihm zu Anfang eigentümlichen lenkenden Kräfte in den Bereich anderer seelischer Anschlüsse gerät. Denn Ähnliches wie auf der Außenseite vollzieht sich auf der inneren. Das Gefühl drängt nach innen; es erfaßt den ganzen Menschen, wie die Umgangssprache nicht unzutreffend sagt, es verdrängt, was sich nicht zu ihm schickt, und begünstigt, wovon es sich nähren kann. In einem Lehrbuch der Psychiatrie habe ich dafür die sonderbaren Namen Schaltkraft und Schaltarbeit gelesen. Dabei wird durch das Gefühl aber auch das Innere angeregt, daß es sich ihm zuwende. Die innere Bereitschaft, die nicht schon mit dem ersten Augenblick verausgabt ist, drängt ihm nach und nach zu; und vollends wird das Gefühl, sobald es größere in Gedanken, Erinnerungen, Grundsätzen oder anderem aufgespeicherte Kräfte ergreift, auch von ihnen ergriffen, und sie verändern es so, daß sich nun wieder schwer entscheiden läßt, ob man von einem Ergreifen oder einem Ergriffenwerden reden sollte.

Hat ein Gefühl durch solche Vorgänge aber seinen Höhepunkt erreicht, so muß es durch die gleichen wohl auch wieder geschwächt und verdünnt werden. Denn Gefühle und Erlebnisse werden dann seinen Bereich durchkreuzen, die sich ihm nicht mehr völlig unterwerfen und es am Ende sogar verdrängen. Ja eigentlich beginnt dieses gegenläufige Geschehen der Befriedigung und Abnützung schon mit der Entstehung des Gefühls; denn daß es um sich greift bedeutet nicht nur eine Vergrößerung seiner Macht, sondern zugleich auch eine Entspannung der Bedürfnisse, denen es entspringt oder deren es sich bedient.

Auch im Verhältnis zur Handlung ist das zu beachten; denn das Gefühl steigert sich nicht nur im Tun, sondern entspannt sich auch darin; und seine Sättigung geht, wenn es nicht durch ein anderes Gefühl gestört wird, bis zum Überdruß fort, das heißt so lange, bis eben doch ein neues Gefühl da ist.«


»Etwas ist besonders zu erwähnen. Solange sich ein Gefühl das Innere unterwirft, kommt es auch in Berührung mit Tätigkeiten, die am Erleben und Verstehen der äußeren Welt mitwirken; und so wird es auch die Welt, wie wir sie verstehen, teilweise nach seinem eigenen Muster und Sinn zu schablonisieren vermögen, um durch den rückwirkenden Anblick in sich selbst bestärkt zu werden. Die Beispiele dafür sind bekannt: Ein heftiges Fühlen macht blind gegen das, was Unbefangene wahrnehmen, und macht gewahren, was andere nicht sehn. Der Traurige sieht Schwarz und straft mit Nichtachtung, was es aufhellen könnte; dem Heiteren leuchtet die Welt, und er ist nicht imstande, etwas wahrzunehmen, wovon das gestört werden könnte; dem Liebenden begegnen die bösesten Wesen mit Vertrauen; und der Argwöhnische findet nicht nur sein Mißtrauen allerorten bestätigt, sondern die Bestätigungen suchen ihn geradezu heim. Auf diese Art schafft sich jedes Gefühl, wenn es eine gewisse Stärke und Dauer erlangt, eine ausgewählte und anzügliche, seine eigene Welt, was keine kleine Rolle in den menschlichen Verhältnissen spielt! Dahin gehört auch unser berüchtigter Wankelmut und unser wechselndes Gutdünken.«


Hier hatte Ulrich einen Strich gezogen und war auf kurze Zeit zu der Frage zurückgekehrt, ob ein Gefühl ein Zustand oder ein Vorgang sei, deren Eigentümlichkeit als Scheinfrage jetzt deutlich hervortrat. Zusammenfassend und weiterführend knüpfte sich an die gegebene Beschreibung Folgendes an:

»Von der gewohnten Vorstellung ausgehend, das Gefühl sei ein Zustand, der von einer Ursache kommt und Folgen bewirkt, bin ich in der Ausführung zu einer Beschreibung geführt worden, die zweifellos einen Vorgang darstellt, wenn das Ergebnis über längere Strecken betrachtet wird. Gehe ich aber dann von dem Gesamteindruck eines Vorgangs aus und will diese Vorstellung festhalten, so sehe ich ebenso deutlich, daß zwischen benachbarten Stücken allenthalten das Nacheinander fehlt, das Eins-hinter-dem-anderen, das doch zu einem Vorgang gehört, ja sogar jede Andeutung eines Ablaufs in bestimmter Richtung. Im Gegenteil, es deutet sich zwischen den einzelnen Schritten eine wechselseitige Abhängigkeit und Voraussetzung an, ja sogar das Bild von Wirkungen, die ihren Ursachen voranzugehen scheinen. Auch Zeitverhältnisse kommen nirgends in der Beschreibung vor, und alles das weist aus verschiedenen Gründen nun wieder auf einen Zustand hin.

Ich kann also streng genommen vom Gefühl bloß sagen, daß es sowohl ein Zustand als auch ein Vorgang zu sein scheint, ebenso wie es weder ein Zustand noch ein Vorgang zu sein scheint; und eines von beiden will so berechtigt erscheinen wie das andere. Selbst das hängt aber, wie sich leicht zeigen läßt, mindestens ebenso sehr von der Art der Beschreibung ab als von dem, was beschrieben wird. Denn es ist keine besondere Eigentümlichkeit des Seelischen, geschweige denn eine des Gefühls, sondern kommt auch auf anderen Gebieten der Naturbeschreibung vor, beispielsweise allenthalben, wo von einem System und seinen Gliedern oder von einem Ganzen und seinen Teilen die Rede ist, daß in Ansehung des einen als Zustand erscheinen kann, was in Ansehung des anderen als Vorgang gilt. Ja schon die Andauer eines Vorgangs ist für uns mit dem Begriff eines Zustands verbunden. Ich könnte wohl nicht sagen, daß die Logik dieser doppelten Vorstellungsbildung klar sei, aber wahrscheinlich hängt sie damit zusammen, daß die Unterscheidung zwischen Zuständen und Vorgängen mehr der sprachlichen Denkweise angehört als dem wissenschaftlichen Tatsachenbild, das sie vielleicht neu ausbilden, vielleicht aber auch hinter anderem verschwinden lassen wird.«


»Die deutsche Sprache sagt: Zorn ist in mir, und sagt: Ich bin in Zorn. Sie sagt: ich bin zornig, ich fühle mich zornig, ich fühle Zorn. Sie sagt: Ich bin verliebt, und: Ich habe mich verliebt. Die Namen, die sie den Gefühlen gegeben hat, weisen sprachgeschichtlich wohl oft darauf zurück, daß sie vom Eindruck der Handlungen und durch das gefährliche oder in die Augen springende Verhalten zu ihnen bewogen worden ist; trotzdem spricht sie vom Gefühl bald als von einem Zustand, der verschiedene Vorgänge umschließt, bald als von einem Vorgang, der aus einer Reihe von Zuständen besteht; auch bezieht sie, wie die Beispiele zeigen, ohneweiters und bald so, bald anders die Vorstellungsbilder der Person und des Außen und Innen in ihre Ausdrucksweise ein; und im ganzen verfährt sie so launisch und unberechenbar, als hätte sie von Anfang an die deutsche Gefühlsverwirrung begründen wollen.

Diese Verschiedenartigkeit des sprachlichen Bildes unserer Gefühle, das aus eindringlichen, aber unvollkommenen Erfahrungen entstanden ist, spiegelt sich noch heute in der Ideenbildung der Wissenschaft wider; namentlich dann, wenn diese mehr der Breite als der Tiefe nach genommen wird. Es gibt Lehren der Psychologie, in denen das Ich als das Gewisseste und in jeder Seelenregung, vornehmlich aber im Gefühl Erfahrbare auftritt, wie es auch Lehren gibt, die es völlig weglassen und nur die Beziehungen zwischen den Äußerungen für erfahrbar ansehen und so beschreiben, als wären es Erscheinungen in einem Kraftfeld, dessen Ursprung außer Betracht bleibt. Es gibt also Ichpsychologien und Psychologien ohne Ich. Aber auch die anderen Unterschiede sind gelegentlich ausgestaltet worden, und so erscheint das Gefühl einmal als ein Vorgang, den die Beziehung eines Ich zur Außenwelt durchläuft, ein andermal als ein besonderer Fall und Zustand der Bezogenheit und so weiter, Unterscheidungen, die sich eben bei einer mehr begrifflichen Richtung der Wißbegierde, solange die Wahrheit nicht deutlich ist, leicht davorstellen.

Vieles bleibt hier noch der Meinung überlassen, auch wenn man sich sorgfältig bemüht, die Tatsachen von ihr zu unterscheiden. Es scheint uns klar zu sein, daß sich ein Gefühl nicht irgendwo in der Welt, sondern im Innern eines lebenden Wesens bildet, und daß Ich es bin, der fühlt oder in der Erregung sich selbst fühlt. Es geht deutlich etwas in mir vor, wenn ich fühle, und ich verändere auch meinen Zustand; und obwohl das Gefühl eine lebhaftere Beziehung zur Außenwelt herstellt als eine Sinnesempfindung, scheint es mir innerlicher zu sein als sie. Das ist die eine Gruppe der Eindrücke. Anderseits ist mit dem Gefühl aber auch eine Stellungnahme der ganzen Person verbunden, und das ist die andere Gruppe. Ich weiß vom Gefühl, im Unterschied von der Sinnesempfindung, daß es mehr als diese mich ganz angeht. Auch geschieht es nur auf dem Weg über die Person, daß ein Gefühl außen etwas bewirkt, sei es dadurch, daß diese handelt, sei es dadurch, daß sie die Welt anders zu sehen beginnt. Ja es ließe sich nicht einmal behaupten, daß ein Gefühl eine Veränderung im Innern einer Person sei, ohne hinzuzufügen, daß deren Beziehung zur Außenwelt dabei Veränderungen erfährt.«


»Vollzieht sich also das Werden und Sein eines Gefühls in uns oder an uns und mit uns? So komme ich wieder auf meine eigene Beschreibung zurück. Und wenn ich ihrer Unbefangenheit Glauben schenken darf, so bekräftigen die von ihr vorsichtig durchleuchteten Verhältnisse noch einmal das gleiche: Mein Gefühl bildet sich in mir und außer mir; es verändert sich von innen und von außen; es verändert die Welt unmittelbar von innen und tut es mittelbar, das heißt durch mein Verhalten, von außen; und es ist also, mag das auch unserem Vorurteil widersprechen, innen und außen zugleich, oder zumindest mit beidem so verschlungen, daß die Frage, was an einem Gefühl innen und was außen sei und was davon Ich und was Welt sei, fast allen Sinn einbüßt.

Das muß also doch wohl den Grundtatbestand abgeben und kann es auch ohneweiters tun, denn in maßvolleren Worten ausgedrückt, besagt es bloß, daß in jedem Fühlen etwas von einer doppelten Richtung erlebt wird, was ihm die Natur einer Durchgangserscheinung verleiht: nach innen, oder auf die Person zurück, und nach außen, oder zu dem Gegenstand hin, von dem es beschäftigt wird. Was hingegen Innen und Außen ist, und erst recht, was es bedeutet, zum Ich oder zur Welt zu gehören, das also, was am Ende dieser beiden Richtungen steht und darum ihre Erscheinung erst ganz verstehen ließe: das wird natürlich nicht schon im ersten Erleben klar erfaßt und ist von Ursprung nicht deutlicher als alles andere, was man erlebt, und weiß nicht wie, und ein wirklicher Begriff davon bildet sich erst durch fortdauernde Erfahrung und Erforschung aus.

Darum wird eine Psychologie, die Wert darauflegt, eine wirkliche Erfahrungswissenschaft zu sein, auch nicht anders, als sie mit den Begriffen des Zustands und Vorgangs verfährt, diese Begriffe behandeln, und die nah verwandten Gedanken der Person, der Seele und des Ichs, aber auch schon die vollen Vorstellungen des Innen und Außen werden ihr als etwas erscheinen, das zu erklären ist, und nicht als etwas, mit dessen Hilfe man ohne weiters anderes erklärt.«


»Merkwürdig gut stimmt damit auch eine Alltagswahrheit der Psychologie überein, denn wir setzen gewöhnlich, ohne viel zu überlegen, voraus, daß einer, der sich so zeigt, wie es einem bestimmten Gefühl entspricht, auch wirklich so fühle. Es geschieht also nicht selten, vielleicht sogar sehr oft, daß ein äußeres Verhalten mitsamt den Gefühlen, die es einschließt, unmittelbar und ungeteilt und mit großer Sicherheit erfaßt wird.

»Wir erleben, ob die Gesinnung eines Wesens, das sich uns nähert, freundlich oder gefährlich sei, zuerst unmittelbar am Ganzen, und die Überlegung, ob es auch richtig sei, kommt bestenfalls nachher. Es nähert sich uns im ersten Eindruck auch nicht etwas, das sich vielleicht als fürchterlich erweisen könnte, sondern die Fürchterlichkeit selbst kommt uns nahe, möge es sich immerhin einen Augenblick später schon als Täuschung herausstellen. Und gelingt es uns, den unmittelbaren Eindruck wieder herzustellen, so läßt sich diese scheinbare Umkehrung einer vernünftigen Reihenfolge auch an Erlebnissen wahrnehmen wie dem, daß etwas schön und entzückend oder beschämend oder ekelerregend sei.

Das hat sich sogar in einem doppelten Sprachgebrauch erhalten, der gang und gäbe ist; denn wir sagen sowohl, daß wir etwas für schrecklich, lieblich und anderes hielten, und betonen damit, daß die Gefühle von der Person abhängen, als wir auch sagen, daß etwas schrecklich, lieblich und anderes sei, und von dem Schrecklichen und dem Lieblichen sprechen, womit wir betonen, daß der Ursprung unserer Gefühle wie eine Eigenschaft in den Dingen und Geschehnissen wurzle. Diese Zweiseitigkeit, ja amphibische Zweideutigkeit der Gefühle unterstützt den Gedanken, daß sie nicht nur im Innern, sondern auch in der äußeren Welt zu beobachten sind.«


Mit diesen letzten Bemerkungen war Ulrich aber schon bei der dritten Antwort auf die Frage, wie der Begriff des Gefühls zu bestimmen sei, angelangt, oder zurückhaltender gesagt, bei der heute vorherrschenden Auffassung dieser Frage. 74

Fühlen und Verhalten. Die Unsicherheit des Gefühls


»Die Schule der theoretischen Psychologie, die gegenwärtig am erfolgreichsten ist, behandelt das Gefühl und die Gefühlshandlung als eine unlösliche Gemeinschaft. Was wir handelnd fühlen, ist für sie die eine, und wie wir fühlend handeln, die andere Seite ein und desselben Vorgangs. Sie untersucht beide gemeinsam. Für Lehren, die dieser Gruppe angehören, ist das Gefühl mit Worten ausgedrückt, die sie selbst gebrauchen ein inneres und äußeres Verhalten, Geschehen und Handeln; und weil sich diese Zusammenfassung von Gefühl und Verhalten sehr gut bewährt hat, ist die Frage, wie sie schließlich wieder zu trennen und von einander zu unterscheiden seien, vorläufig fast nebensächlich geworden: Darum gibt es statt einer Antwort darauf ein ganzes Bündel, und dieses ist etwas unordentlich.«


»Manchmal heißt es, das Gefühl sei schlechthin ein und dasselbe wie die äußeren und inneren Geschehnisse, gewöhnlich aber bloß, diese seien ihm gleichzuhalten. Manchmal wird es in einem etwas undeutlichen Sinne als der Gesamtvorgang, manchmal bloß als das innere Handeln, Verhalten, Ablaufen und Geschehen angesprochen. Manchmal scheint es auch, daß nebeneinander zwei Begriffe des Gefühls in Gebrauch stehen; wobei dieses im weiteren Sinn das Ganze, im engeren Sinn aber ein Teilergebnis wäre, das auf eine nicht recht einleuchtende Art dem Ganzen seinen Namen, ja seine Natur aufprägt. Und manchmal scheint man der Vermutung zu folgen, daß ein und dasselbe, was sich der Beobachtung als mannigfaltiger Vorgang darstelle, im Erlebnis zum Gefühl werde, also daß Gefühl dann das Erlebnis und sozusagen der Bewußtseinsertrag des Vorgangs wäre.

Der Ursprung dieser Widersprüche ist wohl immer der gleiche. Denn jede solche Beschreibung eines Gefühls weist Teile auf, und sogar beiweitem in der Überzahl, die offenkundig keine Gefühle sind, weil sie eben kund gleicher Offenheit Empfindung, Auffassung, Gedanke, Wille oder ein äußerer Vorgang sind, als das jederzeit erlebt werden können und auch gerade so, wie sie sind, in dem Gesamterlebnis mitsprechen. Ebenso deutlich gibt es in oder über alledem aber auch etwas, das an und für sich, im einfachsten und unverwechselbarsten Sinn Gefühl zu sein scheint, und eben nichts anderes; weder ein Handeln, noch ein Denken, noch irgend etwas anderes.

Darum lassen sich auch alle diese Erklärungen in zwei Gruppen zusammenfassen: Entweder bezeichnen sie das Gefühl als eine Seite, einen Teil, ein Moment des Gesamtablaufs, oder sie bezeichnen es als dessen Bewußtwerden, sein inneres Erlebnis und ähnliches: Ausdrücke, denen deutlich genug die Verlegenheit um bessere anzumerken ist!

Der eigenartigste Gedanke dieser Lehren ist nun der, daß sie das Verhältnis des Gefühls zu alledem, was es nicht ist, und wovon es doch erfüllt wird, zunächst unbestimmt lassen, dafür aber sehr wahrscheinlich gemacht haben, daß diese Verbindung auf jeden Fall, und wie immer man sie sich im übrigen denken möge, so beschaffen sei, daß sie keine unzusammenhängenden Änderungen zuläßt und daß sich alles gleichsam in einem Atem ändert.

Man denkt es sich nach dem Beispiel der Melodie. In dieser haben die Töne ihre Selbständigkeit und lassen sich einzeln erkennen, und auch ihre Nachbarschaft, ihr Beisammen, Nacheinander, und was sich sonst hören läßt, ist kein bloßer Begriff, sondern bis an den Rand voll sinnlicher Darbietung; aber obwohl sich alles das also trotz seiner Verbundenheit einzeln hören läßt, läßt es sich auch verbunden hören, denn gerade das ist die Melodie, und wird sie gehört, so ist nicht neben den Tönen, Tonabständen und Zeiten etwas Neues da, sondern mit ihnen. Die Melodie kommt nicht als eine Beigabe hinzu, sondern als eine zweite Art zu erscheinen, eine besondere Existenzform, unter der sich die Form der Einzelexistenz gerade noch ausnehmen läßt; und auch das gilt vom Gefühl im Verhältnis zu den Gedanken, Bewegungen, Empfindungen, Absichten und stummen Kräften, die sich in ihm vereinen. Auch so empfindlich, wie es eine Melodie gegen jede Veränderung an ihren Teilen ist, so daß sie gleich eine andere Gestalt annimmt oder ganz zerstört wird, so empfindlich kann ein Gefühl gegen eine Handlung oder einen hineinsprechenden Einfall sein.

In welchem Verhältnis das Gefühl zum äußeren und inneren Verhalten also immer stehe, zeigt das, wie jeder Veränderung in diesem eine bestimmte Veränderung in ihm entsprechen könne, und umgekehrt, als wären sie Kehrseiten.«

»(Es gibt viele genaue Schul- und Versuchsbeispiele, von denen die große Tragweite dieses theoretischen Gedankens bestätigt wird, und andere, noch aus der Wissenschaft fallende, die er unsicher erhellt, sei es mit Schein oder Wahrheit. Eines von diesen möchte ich festhalten: Die Inbrunst mancher Bildnisse und es gibt Bildnisse, nicht nur Bilder, auch von Dingen beruht nicht zuletzt darauf, daß sich in ihnen das einzelne Dasein in sich hinein öffnet und gegen die übrige Welt abschließt. Denn die selbständigen Gebilde des Lebens, mögen sie sich auch verhältnismäßig geschlossen darstellen, haben doch immer mit dem zerstreuenden Kreis einer wechselnden Umgebung Gemeinschaft. Als ich also Agathe auf den Arm nahm und wir uns beide aus dem Rahmen des Lebens genommen und in einem anderen vereinigt fühlten, war vielleicht etwas Ähnliches mit unserem Gefühl geschehen. Ich kannte das ihre nicht, und sie nicht das meine, aber sie waren nur für einander da, und hingen geöffnet aneinander, während alle andere Abhängigkeit verschwand; und darum sagten wir, wir wären aus der Welt gewesen, und in uns, und haben für dieses bewegte Ein- und Innehalten, diese wahre Einkehr und dieses Einswerden aus fremden Teilen den sonderbaren Vergleich mit einem Bild gebraucht.)«


»Der eigentümliche Gedanke, von dem ich zu reden habe, lehrt also, daß die Veränderungen und Modulationen des Gefühls und die des äußeren und inneren Verhaltens einander Punkt für Punkt entsprechen können, ohne daß das Gefühl dem Verhalten oder einem Teil von ihm gleichgesetzt oder etwas anderes von ihm behauptet werden müßte, als daß es Eigenschaften besitze, die auch anderswo schon Bürgerrecht in der Natur haben. Dieses Ergebnis hat den Vorzug, daß es den natürlichen Unterschied zwischen einem Gefühl und einem Geschehen nicht antastet, und doch so überbrückt, daß er seine Bedeutung verliert. Er beweist auf das allgemeinste, wie sich zwei Geschehensbereiche, die einander völlig unähnlich bleiben können, doch in einander abzubilden vermögen.

Die Frage, wie denn ein Gefühl aus anderen seelischen, ja sogar aus körperlichen Vorgängen bestehen solle, erhält dadurch offenbar eine ganz neue und überaus beachtenswerte Wendung; aber es ist auf diese Weise nur erklärt, wie einer jeden Veränderung des Verhaltens eine Änderung des Gefühls entspricht, und umgekehrt, und nicht, wie es wirklich zu solchen Veränderungen kommt, die während der ganzen Dauer des Gefühls stattfinden. Denn wäre, wonach es nun aussieht, das Gefühl bloß das Echo der Gefühlshandlung und diese das Spiegelbild jenes, so ließe sich schwer verstehen, daß sie sich wechselweise verändern.

Hier hebt sonach der zweite Hauptgedanke an, der sich der neu angebahnten Wissenschaft vom Gefühl entnehmen läßt; ich will ihn den der Ausgestaltung und Verfestigung nennen.«


»Dieser Gedanke baut sich aus mehreren Vorstellungen und Überlegungen auf. Da ich ihn mir deutlich machen möchte, greife ich zuerst darauf zurück, daß wir sagen, ein Gefühl bewirke ein Verhalten und das Verhalten wirke auf das Gefühl zurück; denn dieser groben Beobachtung laßt sich leicht die bessere entgegensetzen, daß zwischen den beiden eher ein Verhältnis der gegenseitigen Verstärkung und Resonanz besteht, ein schwellendes Ineinanderfassen, wobei freilich beide Teile auch gemeinsam verändert werden. Das Gefühl wird in die Sprache der Handlung übersetzt, und die Handlung in die Sprache des Gefühls, wodurch, wie bei jeder Übersetzung, einiges neu hinzukommt und einiges verlorengeht.

Unter den einfachsten Verhältnissen spricht davon schon der bekannte Ausdruck, daß ein Schreck in die Glieder fahre; denn es darf ebensogut gesagt werden, daß auch die Glieder in den Schreck führen: ein Unterschied wie der zwischen starrem Schreck und schlotternder Angst beruht ganz auf diesem zweiten. Und was damit von der einfachsten Ausdrucksbewegung behauptet wird, gilt auch von der umfangreichen Gefühlshandlung: Also nicht erst als Folge der Handlung, die von ihm hervorgerufen wird, verändert sich ein Gefühl, sondern tut das schon in ihr, von der es auf eigenartige Weise aufgenommen, wiederholt und verändert wird, wodurch sie sich gegenseitig ausgestalten und verfestigen. Auch Gedanken, Wünsche und Antriebe aller Art gehen auf diese Weise in ein Gefühl ein und dieses in sie.«


»Ein solches Verhältnis setzt aber natürlich auch eine Verschiedenheit des Ineinandergreifenden voraus; denn dieses soll sich staffelartig in der Führung ablösen, so daß bald das Fühlen, bald das Handeln, bald ein Beschluß, Zweifel oder Gedanke überwiegen, die Führung übernehmen und einen Beitrag erstatten, der alle Teile in einer gemeinsamen Richtung vorwärtsbringt. So liegt es in der Vorstellung einer gegenseitigen Ausgestaltung und Verfestigung, die erst dadurch vollständig wird.

Auf der Gegenseite muß zugleich die zuvor geschilderte Einheit die Fähigkeit haben, Veränderungen aufzunehmen, und dabei doch auch in ihrer Eigenart als ein mehr oder minder bestimmtes fühlendes Verhalten beharren zu können; sie muß aber auch die Fähigkeit auszuschließen haben, denn sie nimmt Einflüsse von innen und außen auf oder wehrt sie ab. Bisher kenne ich von ihr nur das Gesetz ihres fertigen Zustands. Es muß darum auch die Herkunft dieser Einflüsse angegeben werden können und schließlich erklärt werden, dank welcher Vorsehung oder Vorrichtung es dazu kommt, daß sie im Sinne einer gemeinsamen Entwicklung in das Vorhandene eingehen.«


»Nun kann aller Voraussicht nach der Einheit allein, dem Gebilde als solchem, der bloßen Gestalt des Geschehens ein eigenes Beharrungs- und Wiederherstellungsvermögen, eine Festigkeit und ein Festigkeitsgrad, also auch schließlich eine eigene Energie nicht zugeschrieben werden, und es ist wenig wahrscheinlich, daß es mitwirkende andere, darauf besonders gerichtete Kräfte des Innern gebe. Dagegen ist es wahrscheinlich, daß diesen nicht mehr als eine Nebenrolle zufiele; denn hauptsächlich beherrschen wohl dieselben mannigfach auf dem Sprung stehenden Verhältnisse des Innern und dieselben dauernden Anlagen, Neigungen, Grundsätze, Absichten und Bedürfnisse, die unsere Handlungen hervorrufen, auch unsere Gefühle und Gedanken. Sie sind deren Kraftspeicher, und es ist anzunehmen, daß die von ihnen ausgehenden Kräfte irgendwie die Ausgestaltung und Verfestigung des Gefühls bewirken.«

»Wie das geschieht, will ich mir an einem Vorurteil klarmachen, das recht verbreitet ist, denn es läßt sich oft die Meinung hören, daß zwischen einem Gefühl, dem Gegenstand, dem es gilt, und dem verbindenden Handeln eine innere Verwandtschaft bestehe. Man meint, es wäre dann leichter verständlich, daß sie ein einheitliches Ganzes bilden, daß sie einander ablösen und dergleichen mehr. Der Kern ist der, daß sich ein bestimmter Trieb oder ein bestimmtes Gefühl, zum Beispiel Nahrungstrieb und Hunger, nicht auf beliebige Gegenstände und Handlungen richten, sondern natürlich vorab auf solche, die Befriedigung verheißen. Einem Hungernden ist nicht mit einer Sonate geholfen, sondern mit Nahrung, das heißt mit etwas, das einer mehr oder minder bestimmten Gruppe von Dingen und Geschehnissen angehört; und so entsteht der Anschein, daß diese Gruppe und dieser Erregungszustand ein für allemal verbunden seien, und es ist ja auch etwas Wahres daran. Diese Wahrheit ist aber nicht geheimnisvoller, als wir zur Suppe den Löffel, und nicht die Gabel benutzen.

Wir tun es, weil er uns als geeignet erscheint; und nichts anderes als dieses gewöhnliche Als-geeignet-Erscheinen ist das, was die Aufgabe erfüllt, zwischen einem Gefühl, seinem Gegenstand, den dazugehörenden Handlungen, Gedanken, Entschlüssen und jenen tieferen Antrieben zu vermitteln, die sich meistens der Beobachtung entziehn. Wenn wir in einer Absicht oder in einem Wunsch oder zu einem Zweck handeln, beispielsweise jemand zu nützen oder zu schaden, so erscheint es uns natürlich, daß unser Tun durch die Forderung bestimmt wird, daß es sich eigne, im übrigen aber ganz verschieden ausfallen kann. Das gleiche gilt von jedem Gefühl. Auch ein Gefühl verlangt nach allem, was geeignet erscheint, es zu befriedigen, wobei dieses Kennzeichen bald strenger, bald loser verwandt wird; und gerade diese lockere Verbindung ist der natürliche Weg zur Ausgestaltung und Verfestigung.

Denn selbst den Trieben widerfährt es gelegentlich, daß sie fehlgehn; und wo immer sich ein Gefühl auslebt, kommt es vor, daß eine Handlung bloß versucht wird, eine Absicht oder ein Gedanke einfließen, die sich späterhin als ungeeignet erweisen und wieder fallen gelassen werden, und daß das Gefühl in den Bereich einer Kraftquelle gerät, oder diese in den seinen, von der es sich wieder loslöst. Nicht alles wird also im Verlauf des Geschehens ausgebildet und verfestigt, manches wird auch wieder aufgegeben. Mit andern Worten, es gibt auch eine Ausgestaltung ohne Verfestigung, und diese bildet einen unentbehrlichen Teil der sich verfestigenden Ausgestaltung; denn indem von der Einheit des fühlenden Verhaltens alles aufgenommen werden kann, was geeignet erscheint, den lenkenden Kräften zu dienen, aber davon nur behalten wird, was wirklich geeignet ist, kommen von selbst in das Fühlen, Handeln und Denken der gemeinsame Zug, die Ablösung und das Beharren, die es verstehen lassen, daß sie sich gegenseitig zunehmend verfestigen und ausgestalten.«


»Der schwache Punkt dieser Erklärung liegt dort, wo die genau beschriebene Einheit, die am Ende entsteht, mit dem ungenau begrenzten, sich ins Unbekannte verlierenden Bereich der Antriebe verbunden werden soll, der am Ursprung liegt. Dieser Bereich ist kaum etwas anderes als das, was von den Inbegriffen Person und Ich nach dem Maße ihrer Beteiligung umfaßt wird, und wir wissen wenig darüber. Bedenkt man aber, daß im Augenblick eines Gefühls auch das Innerste umgeschmolzen werden kann, so wird man es nicht undenkbar finden, daß sich in einem solchen Augenblick auch die gestaltete Einheit des Geschehens bis dorthin erstreckt. Bedenkt man hingegen, wieviel vorangehen muß, einen solchen Erfolg vorzubereiten, daß ein Mensch Grundsätze und Gewohnheiten aufgibt, so wird man wieder von jeder auf die Augenblickswirkung zugespitzten Vorstellung ablassen. Und gäbe man sich schließlich auf die Weise zufrieden, daß für das Quellengebiet des Gefühls andere Gesetze und Zusammenhänge gelten sollen als für den Austritt, wo es als inneres und äußeres Geschehen wahrnehmbar wird, so stieße man wieder auf den Mangel, daß jede Vorstellung davon noch fehlt, nach welchem Gesetz sich der Übergang von den bewirkenden Kräften zum bewirkten Gebilde vollziehen könnte. Vielleicht läßt sich die Annahme einer lockeren, allgemeinen, den ganzen Verlauf umfassenden Einheit damit vereinen, daß aus ihr am Ende eine bestimmte und feste hervortritt: aber diese Frage reicht über die Psychologie hinaus, und sie reicht auch gegenwärtig noch über unser Können hinaus.«


»Dieser Bescheid, daß sich im Werdegang eines Gefühls wohl von der Quelle bis zur Mündung eine Einheit andeute, nicht aber gesagt werden könne, wann und wie sie die geschlossene Form annehme, die dem vollkommen ausgebildeten fühlenden Verhalten zu eigen sein soll (und zu deren Darlegung ich die Fügung einer Melodie als Beispiel benutzt habe): dieser recht abschlägige Bescheid gestattet merkwürdigerweise, einen Gedanken anzuknüpfen, durch den die bis jetzt verzögerte Antwort auf die Frage, wie der Begriff des Gefühls in der neueren Forschung aussieht, zu einem eigenartigen Abschluß kommt. Es ist das Zugeständnis, daß das wirkliche Geschehen überhaupt nicht ganz, und auch nicht in seiner Endgestalt, dem gedanklichen Bild entspreche, das man sich von ihm gemacht habe, was sich in einer Art doppelter Verneinung nützlich erweist. Man sagt sich: Es ist wirklich vielleicht nie die reine Einheit da, die nach der Theorie das Gesetz des fertigen Gefühls darstellt; ja es mag sie gar nicht geben können, weil sie so vollkommen in sich abgezirkelt wäre, daß sie keinerlei Einflüsse mehr aufnehmen könnte; aber, so sagt man sich nun, es ist ja auch nie ein vollkommen abgezirkeltes Gefühl da! Mit anderen Worten: Gefühle kommen nie rein, sondern stets bloß in annähernder Verwirklichung zustande. Und nochmals mit anderen Worten: Der Vorgang der Ausgestaltung und Verfestigung kommt niemals zu Ende.«


»Nun ist das aber nichts anderes, als allenthalben jetzt das psychologische Denken kennzeichnet. Man sieht in den seelischen Grundbegriffen ohnehin bloß gedankliche Vorlagen, nach denen sich das innere Geschehen ordnen läßt, erwartet aber nicht mehr, daß es sich wirklich aus Elementen solcher Art aufbaue wie ein Vierfarbendruck. In Wahrheit sind nach dieser Anschauung die reinen Beschaffenheiten des Gefühls, der Vorstellung, der Empfindung und des Willens in der inneren Welt so wenig anzutreffen wie etwa in der äußeren ein Stromfaden oder ein schwerer Punkt, und es gibt bloß ein verflochtenes Ganzes, das bald zu wollen und bald zu denken scheint, weil diese oder jene Beschaffenheit in ihm überwiegt.

Es bezeichnen die Namen der einzelnen Gefühle also bloß Typen, denen die wirklichen Erlebnisse nahekommen, ohne daß sie aber mit ihnen ganz übereinfielen; und damit tritt, mag alles das auch ein wenig grob gesprochen sein, an die Stelle des Axioms der älteren Psychologie, wonach das Gefühl, als eines der elementaren Erlebnisse, eine unverwechselbare Beschaffenheit hätte, oder auf eine Weise erlebt würde, die es von den anderen Erlebnissen ein für allemal unterschiede, ein Leitsatz ungefähr folgenden Inhalts: Es gibt keine Erlebnisse, die von Anfang an ein bestimmtes Gefühl sind, ja nicht einmal Gefühl schlechthin; sondern es gibt bloß Erlebnisse, die dazu berufen sind, zum Gefühl und zu einem bestimmten Gefühl zu werden.

Auch die Vorstellung der Ausgestaltung und Verfestigung erhält dadurch die Bedeutung, daß sich in diesem Vorgang das Gefühl und Verhalten nicht nur ausbilde, verfestige und, soweit es ihm gegeben ist, bestimme, sondern daß es in ihm überhaupt erst entstehe: also daß zu Anfang niemals genau dieses oder jenes bestimmte Gefühl etwa in schwachem Zustand mitsamt seiner Handlungsweise vorhanden ist, sondern bloß etwas, das dazu bestimmt und geeignet ist, ein solches Gefühl und Handeln zu werden, was sich aber niemals rein vollendet.«


»Natürlich ist dieses Etwas aber auch nicht völlig beliebig; soll es doch etwas sein, das zum voraus und seiner Anlage nach dazu bestimmt oder geeignet ist, ein Gefühl, und dazu ein bestimmtes Gefühl, zu werden. Denn Zorn ist schließlich nicht Müdigkeit, und wahrscheinlich auch anfänglich nicht; und ebensowenig sind Sättigung und Hunger auch nur im Ansatz zu verwechseln. Es wird also wohl zu Beginn etwas Unfertiges, ein Ansatz, ein Kern, etwas Gefühlartiges und diesem Gefühl Zugeartetes schon vorhanden sein. Ich möchte sagen, ein Fühlen, aber noch kein Gefühl; doch ist es besser, ich führe ein Beispiel aus, und ich will dazu das verhältnismäßig einfache des von außen treffenden körperlichen Schmerzes wählen:

Er kann eine örtlich begrenzte Empfindung sein, die an einer Stelle bohrt oder brennt und unangenehm, aber fremd ist. Diese Empfindung kann aber auch aufflammen und die ganze Person mit Pein überschütten. Auch ist anfangs oft nur ein leerer Fleck an ihrer Stelle, aus dem erst im nächsten Augenblick Empfindung oder Gefühl aufquillt; denn nicht nur Kindern widerfährt es, daß sie anfangs oft nicht wissen, ob etwas schmerzt. Man hat früher angenommen, daß in diesen Fällen ein Gefühl zu der Empfindung hinzukommt; heute zieht man aber die Annahme vor, daß sich ein Erlebniskern, der ursprünglich noch ebensowenig eine Empfindung wie ein Gefühl sei, sowohl zu der einen wie auch zum andern entwickeln könne.

Zu diesem ursprünglichen Erlebnisbestand gehört auch schon der Beginn einer Reflex- oder Triebhandlung, eines Zurückzuckens, Zusammenfahrens, Abwehrens oder eines unwillkürlichen Gegenangriffes; und weil das mehr oder minder eine Beteiligung der ganzen Person mit sich bringt, wird damit auch ein innerer Flucht- oder Abwehrzustand verbunden sein, also eine Gefühlsfärbung von der Art der Angst oder des Angriffs. Noch stärker geht sie natürlich von den alarmierten Trieben aus, denn diese sind ja nicht nur Anlagen zu einem zweckmäßigen Handeln, sondern verbreiten bei ihrer Erweckung auch unbestimmte Gemütszustände, die wir als Stimmung der Ängstlichkeit, Gereiztheit, in anderen Fällen der Verliebtheit, Empfänglichkeit und so weiter bezeichnen. Selbst das Nichtgeschehen und Nichtstunkönnen hat eine solche Gefühlsfarbe; meistens sind die Triebe aber mit einer mehr oder weniger bestimmten Willensbildung verbunden, und dann findet alsbald auch eine bewußte Erkundung der Lage statt, die an sich selbst ein Sichstellen und also angreifend gefärbt ist. Sie kann aber auch auf Kühle und Ruhe hinwirken; oder es ist der Schmerz sehr heftig, dann unterbleibt sie, und man geht seiner Quelle plötzlich aus dem Wege: Schon dieses Beispiel spielt also, und schon in den ersten Augenblicken, zwischen Empfindung, Gefühl, selbsttätiger Erwiderung, Wille, Flucht, Abwehr, Angriff, Schmerz, Zorn, Neugierde und kühler Sammlung hin und her und zeigt dadurch, daß nicht sowohl ein ursprünglicher Gefühlszustand da ist, als vielmehr wechselnde Ansätze zu deren mehreren einander ablösen oder ergänzen.

Das gibt der Behauptung, es sei wohl ein Fühlen da, aber noch kein Gefühl, den Sinn, daß immer die Anlage zu einem Gefühl da sei, sich aber nicht zu erfüllen brauche, und daß immer ein Ansatz da sei, der aber hinterdrein auch als Ansatz zu einem anderen Gefühl gedient haben kann.«


»Die eigentümliche Weise, auf die das Gefühl dabei sowohl von Anfang an vorhanden als auch nicht vorhanden ist, läßt sich aber durch den Vergleich ausdrücken, daß man sich sein Wachsen und Werden nach dem Bild eines Waldes vorstellen müsse, und nicht nach dem eines Baumes. Eine Birke beispielsweise bleibt vom Keimen bis zum Absterben sie selbst; ein Birkenwald kann dagegen als gemischter beginnen und wird ein Birkenwald, sobald diese Bäume zufolge von Ursachen, die recht verschieden sein können in ihm überwiegen und die Abweichungen vom reinen Gepräge des Birkenschlags nicht mehr ins Gewicht fallen.

So verhält es sich auch mit dem Gefühl und, was immer mißverstanden werden kann, mit der Gefühlshandlung. Sie haben immer eine Eigenart, aber diese ändert sich mit allem, was in sie hineinspielt, bis sie mit wachsender Bestimmtheit die Merkmale eines bekannten Gefühls annimmt und seinen Namen verdient, was immer eine Spur von freier Würdigung an sich behält. Gefühl und Gefühlshandlung können sich aber von diesem Typus auch wieder entfernen und sich einem anderen annähern, was nichts Ungewöhnliches ist, weil doch ein Gefühl schwanken kann und überhaupt verschiedene Verfassungen durchmacht. Der Unterschied von der gewöhnlichen Auffassung liegt darin, daß nach dieser das Gefühl als ein bestimmtes Erlebnis gilt, das wir nicht immer mit Bestimmtheit erkennen; die neuer begründete schreibt dagegen die Unbestimmtheit dem Gefühl selbst zu und sucht sie aus seinem Wesen zu verstehen und bündig abzugrenzen.


In einem Anhang folgten nun noch einzelne Beispiele, die eigentlich Randbemerkungen hätten sein sollen, an der ihnen zugedachten Stelle aber unterdrückt worden waren, damit sie die Darlegung nicht unterbrächen. Und so gehörten diese aus dem Zusammenhang geratenen Nachzügler nun auch nicht mehr zu einer bestimmten Stelle, obwohl sie zum Ganzen gehörten und Einfälle zu dessen möglicher Anwendung festhielten:

»Was in die Beziehung Etwas lieben so ungeheure Unterschiede trägt wie den zwischen Gottesliebe und Liebe zum Fischen, ist nicht die Liebe, sondern das Etwas. Das Gefühl selbst das Hangen, Bangen, Begehren, Sehren, Zehren: mit einem Wort, das Lieben läßt einen Unterschied nicht erkennen.«


»Seinen Spazierstock oder die Ehre zu lieben, ist aber ebenso gewiß nicht nur darum tausend und eins, weil diese beiden einander nicht gleichen, sondern auch weil der Gebrauch, den wir von ihnen machen, die Umstände, unter denen sie wichtig werden, kurz, die ganze Erfahrungsgruppe verschieden ist. Es ist die Unverwechselbarkeit einer Erfahrungsgruppe, woraus wir die Sicherheit gewinnen, unser Gefühl zu kennen. Darum kennen wir es in Wahrheit erst, nachdem es in die Welt gewirkt und sich an ihr ausgestaltet hat; wir wissen nicht, was wir fühlen, ehe nicht unser Handeln darüber entschieden hat.«


»Und wo wir sagen, unser Gefühl sei geteilt, dort sollten wir eher sagen, es sei noch nicht fertig oder wir seien noch nicht festgelegt.«


»Und wo es als Widerspruch oder paradoxe Vermischung erscheint, liegt oft etwas anderes vor. Wir sagen, der Tapfere achte des Schmerzes nicht; in Wahrheit schäumt aber das bittere Salz des Schmerzes in der Tapferkeit auf. Und im Märtyrer hebt es sich flammend zum Himmel. Im Feigen dagegen gewinnt der Schmerz durch die ihn erwartende Angst unerträgliche Verdichtung. Noch deutlicher als diese Beispiele ist das des Abscheus, zu dem, mit Gewalt angetan, gerade die Empfindungen werden, die, freiwillig empfangen, höchste Wollust sind.

Natürlich sind da verschiedene Quellen, und es entstehen auch Mischungen; vornehmlich entstehen aber verschiedene Richtungen der Ausbildung des vorherrschenden Gefühls.«


»Weil sie beständiger Fluß sind, lassen sich Gefühle nicht anhalten; sie lassen sich also nicht unter die Lupe nehmen; das heißt, je genauer wir sie beobachten, desto weniger wissen wir, was wir fühlen. Die Aufmerksamkeit ist schon eine Veränderung des Gefühls. Wären sie aber eine Mischung, müßte diese eigentlich im Augenblick des Anhaltens am deutlichsten sein, auch wenn sich die Aufmerksamkeit einmischt.«


»Weil die äußere Handlung keine selbständige Bedeutung für die Seele hat, lassen sich Gefühle nicht nach ihr allein unterscheiden. Unzähligemal wissen wir nicht, was wir fühlen, obgleich wir lebhaft und entschieden handeln. Auf dieser Undeutlichkeit beruht sodann die ungeheure Zweideutigkeit dessen, was ein argwöhnisch oder eifersüchtig beobachtender Mensch tut.«


»Die Undeutlichkeit des Gefühls beweist aber nicht etwa seine Schwäche, denn gerade im höchsten Fühlen vergehen die Gefühle. Schon in den hohen Graden sind sie äußerst labil; siehe zum Beispiel den Mut der Verzweiflung oder das Umschlagen von Glück in Schmerz. Auch bewirken sie da widerspruchsvolle Handlungen, wie Lähmung statt Flucht oder vom eigenen Zorn Erwürgtwerden. Bei ganz heftigen Erregungen verlieren sie aber sozusagen ihre Farbe, so daß bloß eine tote Empfindung der sie begleitenden körperlichen Erscheinungen übrig bleibt, des Schauders der Haut, des Rasens des Bluts, der Ferne der Sinne. Und vollends in den höchsten Graden tritt geradezu eine Blendung ein, so daß sich sagen ließe, daß die Einrichtung des Gefühls, und damit die ganze Welt unseres Gefühls, nur für mittlere Grade gilt.«


»In diesen durchschnittlichen Graden erkennen und benennen wir ein Gefühl natürlich nicht anders als andere Erscheinungen, die im Fluß sind, um das nochmals zu sagen. Die Unterscheidung zwischen Haß und Zorn festzulegen, ist so leicht und so schwer wie die zwischen Mord und Totschlag oder einem Becken und einer Schüssel zu bestimmen. Es waltet nicht Namenswillkür, aber jede Seite und Biegung kann dem Vergleich und der Begriffsbildung dienen. Und so hängen auf diese Weise wohl auch die hundert und ein Arten der Liebe zusammen, über die Agathe und ich nicht ganz ohne Kummer gescherzt haben. Die Frage, wie es kommt, daß so ganz Verschiedenes mit dem einen Wort Liebe bezeichnet wird, hat die gleiche Antwort wie die Frage, warum wir unbedenklich von Eß-, Mist-, Ast-, Gewehr-, Weg- und anderen Gabeln reden! Allen diesen Gabeleindrücken liegt ein gemeinsames Gabeligsein zugrunde; aber es steckt nicht als gemeinsamer Kern in ihnen, sondern fast ließe sich sagen, es sei nicht mehr als ein zu jedem von ihnen möglicher Versuch. Denn sie brauchen nicht einmal untereinander alle ähnlich zu sein, es genügt schon, wenn eins das andere gibt, wenn man von einem zu anderen kommt, wenn nur Nachbarglieder einander ähnlich sind; entferntere sind es dann durch ihre Vermittlung. Ja, auch das, was die Ähnlichkeit ausmacht, das die Nachbarn Verbindende, kann in einer solchen Kette wechseln; und so kommt man ereifert von einem Ende des Wegs zum andern und weiß kaum noch selbst, auf welche Weise man ihn zurückgelegt hat.«


»Wollten wir aber, wozu wir neigen, die zwischen allen Lieben bestehende Ähnlichkeit für ihre Ähnlichkeit mit einer Art von Urliebe ansehen, die gleichsam ohne Arme und Beine in ihrer aller Mitte säße, so wäre es anscheinend der gleiche Fehler wie der Glaube an eine Urgabel. Und doch kennen wir das lebendige Zeugnis dafür, daß es solches Gefühl wirklich gibt. Bloß der Grad dieses Wirklich läßt sich schwer bestimmen. Es ist ein anderes als das der wirklichen Welt. Ein Gefühl, das nicht Gefühl für etwas ist; ein Gefühl ohne Begehren, ohne Bevorzugung, ohne Bewegung, ohne Kenntnis, ohne Grenzen; ein Gefühl, zu dem kein bestimmtes Verhalten und Handeln gehört, jedenfalls kein ganz wirkliches Verhalten: so wahrhaftig dieses Gefühl nicht von Armen und Beinen bedient wird, so wahrhaftig ist es uns immer wieder entgegengetreten und ist uns lebendiger als das Leben erschienen! Liebe ist schon ein zu besonderer Name dafür, wenngleich es mit einer Liebe, für die Zärtlichkeit oder Geneigtheit noch zu handgreifliche Ausdrücke sind, wohl die allernächste Verwandtschaft hat. Es verwirklicht sich auf vielerlei Art und in vielen Beziehungen, aber es läßt sich niemals ganz von dieser Verwirklichung ablösen, die es verunreinigt. So ist es uns erschienen und verschwunden, eine Ahnung, die immer gleich blieb. Scheinbar haben die nüchternen Überlegungen, womit ich diese Blätter gefüllt habe, wenig damit zu tun, und doch bin ich fast sicher, daß sie mich an den richtigen Übergang geführt haben!« 75

Zurück zur Wirklichkeit. Oder Der Tugut singt


Professor August Lindner sang ein Lied. Er wartete auf Agathe.

Ach, des Knaben Augen sind Mir so schön und klar erschienen, Und ein Etwas strahlt aus ihnen, Das mein ganzes Herz gewinnt.

Blickt er doch mit diesen süßen Augen nach den meinen hin! Säh er dann sein Bild darin, Würd er wohl mich liebend grüßen.

Und so geb ich ganz mich hin, Seinen Augen nur zu dienen, Denn ein Etwas strahlt aus ihnen, Das mein ganzes Herz gewinnt.

Es war ursprünglich ein spanisches Lied. In Lindners Wohnung stand ein kleines Klavier aus Frau Professor Lindners Zeiten, das zuweilen der Aufgabe diente, die Bildung und Erziehung des Sohnes Peter abzurunden, weshalb dieser schon einige Saiten daraus entfernt hatte. Lindner selbst benutzte es niemals, es sei denn, daß er hie und da ein paar weihevolle Akkorde darauf anschlug; und obgleich er schon lange vor dem Tongerät auf und ab gegangen war, hatte er sich zu seinem ungewöhnlichen Versuch erst hinreißen lassen, nachdem er sich vorsichtig davon überzeugt hatte, daß sowohl seine Wirtschafterin als auch Peter aus dem Hause wären. Seine Stimme hatte ihm sehr wohlgefallen, sie war ein hoher, zum Gefühlsausdruck offenbar recht geeigneter Bariton; und nun hatte Lindner das Klavier nicht geschlossen, sondern stand, den Arm darauf gestützt, das Spielbein über das Standbein gekreuzt, überlegend daneben. Agathe hatte über eine Stunde Verspätung. Die Leere des Hauses, die einesteils davon, andernteils von seinen Anordnungen herrührte, kam ihm als schuldhafte Vorbereitung zu Bewußtsein.

Er hatte eine Seele gefunden, die er zu retten bemüht war, die den Eindruck hervorrief, sich ihm anzuvertrauen, und die von verwirrendem Reichtum war; und welchen Mann entzückte es nicht, ein kaum noch erwartetes weibliches Geschöpf zu finden, das er nach seinem Sinn erziehen könnte! Aber tiefe Töne des Mißbehagens mischten sich darein. Lindner hielt Pünktlichkeit für eine Gewissensforderung und stellte sie nicht niedriger als Vertragstreue und Ehrlichkeit; auch erschienen ihm Menschen ohne eine feste Zeiteinteilung krankhaft zerfahren, und zwangen sie vollends ihre ernsteren Mitmenschen dazu, Teile ihrer Zeit mit ihnen zu verlieren, so erachtete er sie ärger als Straßenräuber. Er nahm es dann als seine Pflicht in Anspruch, solchen Naturen höflich, aber unerbittlich Achtung davor beizubringen, daß seine Zeit nicht ihm, sondern seiner Tätigkeit gehöre; und weil Notlügen das eigene Gemüt schädigen, die Menschen aber ungleich sind, manche einflußreich und manche nicht, hatte er vielfältige Charakterübungen daraus gewonnen, so daß ihm davon nun eine Menge der kräftigsten und geschmeidigsten Merksprüche einfielen und die sanfte Erregung durch das Lied störten.

Immerhin hatte er seit seiner Studienzeit kein religiöses Lied mehr gesungen und genoß es mit bedachtsamem Schreck. »Welche südliche Naivität und welchen Liebreiz« dachte er »strahlen diese so weltlichen Verse aus! Wie entzückend und zart ist ihre Beziehung zu dem Knaben Jesu!« Er versuchte, ihre Unbefangenheit in seinem Inneren nachzuahmen, und kam zu dem Ergebnis: »Wüßte ich es nicht besser, so vermöchte ich jetzt zu glauben, in mir das keusche Hoffen eines Mädchens zu seinem Knaben hin zu vernehmen!« Man sollte also wohl sagen können, daß eine Frau, die solche Huldigungen herauf beschwöre, an das Edelste im Manne rühre, selbst ein edles Wesen sein müsse. Aber da lächelte Lindner unzufrieden und entschloß sich, den Deckel des Klaviers zu schließen. Sodann machte er mit den Armen eine seiner Bewegungen, die die Harmonie der Persönlichkeit fördern, und hielt wieder inne. Ein unangenehmer Gedanke war ihm dazwischen gekommen. »Sie hat kein Gefühl!« seufzte er hinter zusammengebissenen Zähnen. »Sie würde lachen!«

Er hatte in diesem Augenblick etwas in seinem Gesicht, das seine selige Mutter an den Knaben erinnert hätte, dem sie jeden Morgen vor dem Schulweg eine schöne große Schleife unter das Kinn band; man hätte dieses Etwas den völligen Mangel an männlicher Roheit nennen können. Dieser Mangel macht einen Knaben unter Knaben unmöglich. Auf der röhrenbeinig hohen, kraftlos großen Erscheinung saß das Haupt wie auf eine Lanze gespießt über der brüllenden Arena der Schulkameraden, die seine von Mutterhand geschaffene Masche verhöhnte; und in Angstträumen sah sich Professor Lindner jetzt noch manchmal so dastehn und für das Gute, Schöne und Wahre leiden. Aber gerade darum gab er auch niemals zu, daß die Roheit eine dem Manne unentbehrliche Eigenschaft sei, dem Kies vergleichbar, der in den Mörtel gemischt werden muß, um ihm Festigkeit zu leihen; und zumal seit er der Mann geworden, der zu sein er sich schmeichelte, sah er in jenem frühen Mangel bloß eine Bestätigung dafür, daß er geboren worden sei, die Welt, auch wenn in bescheidenem Maße, zu verbessern. Nun ist man ja wohl die Erklärung, daß die großen Redner aus den Zungenfehlern erstehn und die Helden aus der Schwäche, mit anderen Worten die Erklärung, daß unsere Natur immer erst eine Grube gräbt, wenn sie will, daß wir darüber einen Berg errichten, heute allgemein gewohnt; und weil die Halbwissenden und Halbwilden, von denen der Gang des Lebens vornehmlich bestimmt wird, schon bald jeden Stotterer als einen Demosthenes ausrufen, gilt es umso leichter als ein Zeichen für den guten geistigen Geschmack, daß man nur ja als die Hauptsache an einem Demosthenes das ursprüngliche Stottern erkenne. Doch ist es noch nicht gelungen, die Taten des Herakles darauf zurückzuführen, daß er ein schwächliches Kind gewesen wäre, die höchsten Leistungen im Schnellauf und Springen auf einen Plattfuß, und den Mut auf die Ängstlichkeit, und so muß wohl doch zugegeben werden, daß zu einer besonderen Begabung auch noch etwas anderes gehört als ihr Fehlen!

Durchaus nicht war Professor Lindner also zu dem Bekenntnis verhalten, daß die Neckereien und Prügel, die er als Knabe gefürchtet hatte, eine Ursache seiner geistigen Entwicklung gewesen sein könnten. Trotzdem leistete ihm die Einrichtung seiner Grundsätze und Gefühle aber heute den Dienst, daß jeder aus dem Gedränge der Welt kommende Eindruck davon in einen geistigen Triumph verwandelt wurde; und sogar seine Gewohnheit, kriegerische und sportliche Ausdrücke in seine Rede einzuflechten, sowie seine Neigung, allem, was er tat und sagte, das Gepräge eines unbeugsamen und strengen Willens zu geben, hatte sich in dem Maße zu entwickeln begonnen, als er, heranreifend, und nun auch unter gereifteren Gefährten lebend, unmittelbaren körperlichen Angriffen entrückt war. Er war sogar auf der Universität einer der Studentenverbindungen beigetreten, die Wams, Mütze, Stiefel, Band und Waffe ebenso malerisch trugen wie die Raufbolde, die von ihnen verachtet wurden, davon aber nur friedliche Anwendung machten, weil ihre Weltanschauung den Zweikampf verbot. Dabei hatte sich seine Lust an der Tapferkeit, von der man keinen blutigen Gebrauch machen muß, endgültig ausgebildet; zugleich legte es aber auch ein Zeugnis davon ab, wie man eine edle Gesinnung mit überschäumendem Lebensdrang verbinden kann oder, freilich mit anderen Worten, daß Gott am bequemsten in den Menschen fährt, wenn er es dem Teufel nachmacht, der vor ihm dagewesen ist!

Sobald Lindner also, wie es leider öfters geschehen mußte, seinem untersetzteren Sohne Peter vorhielt, daß auch die Nachgiebigkeit gegen den Gedanken der Kraft den Menschen verweichliche, oder daß die Kraft der Demut und der Mut zu verzichten höher stehen als Körperkraft und -mut, sprach er nicht als Laie in Mutfragen, sondern genoß die Aufregungen eines Magiers, dem es gelingt, Dämonen in den Dienst des Guten zu zwingen. Denn obwohl es auf der Höhe seines Wohlergehens eigentlich nichts gab, was ihn aus dem Gleichgewicht bringen konnte, war ihm doch eine beinahe an Angst streifende Abneigung ähnlich wie eine geheilte Wunde ein Hinken zurückläßt gegen Witze und Gelächter eigentümlich, selbst wenn er bloß deren blanke Möglichkeit argwöhnte. »Die Kitzel des Witzes und des Humors« pflegte er seinen Sohn darüber zu belehren »entspringen dem satten Lebensbehagen, der Bosheit und der müßigen Phantasie, und sie verleiten den Menschen gar leicht dazu, etwas zu sagen, das durch sein besseres Selbst verurteilt wird! Dagegen ist die Übung, seine witzigen Einfälle und Vorstellungen zu verschweigen, eine schöne Kraftprobe und stählende Willensprüfung, und sie fällt umso segensreicher für den ganzen Menschen aus, je mehr man das errungene Schweigen dazu benutzt, seinen Witz näher zu betrachten: Da sehen wir gewöhnlich erst,« schloß diese stehende Ermahnung »wieviel Wünsche auf eigene Überhebung und Verkleinerung des anderen, wieviel Gefallsucht und wieviel Leichtfertigkeit hinter den meisten Witzen stecken, wieviel Verfeinerung des Mitgefühls in uns und anderen durch sie erstickt wird, ja wieviel erschreckende Roheit und Spottsucht im Gelächter der Zuhörer, um das wir gebuhlt haben, zutage tritt!«

Peter mußte darum seine jugendliche Neigung zur Spottsucht und zum Witzemachen sorgfältig vor seinem Vater verbergen; aber er besaß sie, und Professor Lindner fühlte oft den Atem des bösen Geistes in seiner Umgebung, ohne das giftige Gespenst stellen zu können. Es konnte so weit führen, daß der Vater den Sohn mit bändigendem Blick in Furcht hielt, insgeheim sich aber selbst vor ihm fürchtete, und erinnerte dann an etwas Unbestimmbares, das schon zwischen dem Ehepaar Lindner bestanden hatte, als die rundliche Frau Professor noch auf Erden war. Herr in seinem Hause zu sein, dessen Geist zu bestimmen und die Familie als einen friedlichen Garten um sich zu wissen, in den er seine Grundsätze gepflanzt hatte, gehörte für ihn zu den unerläßlichen Voraussetzungen der Zufriedenheit; Frau Lindner aber, die er kurz nach dem Abschluß seiner Studien geheiratet hatte, während deren er »Zimmerherr« bei ihrer Mutter gewesen war, hatte leider bald danach aufgehört, seine Grundsätze zu teilen, hingegen sie eine Art, ihm ungern zu widersprechen, annahm, die ihn mehr reizte als Widerspruch. Es blieb ihm unvergeßlich, manchmal einen Blick aus dem Augenwinkel aufgefangen zu haben, während ihr Mund gehorsam schwieg; und jedesmal hatte er sich danach in einer Lage vorgefunden, gegen die vielleicht etwas einzuwenden gewesen wäre; zum Beispiel in einem zu kurzen Nachthemd, darüber predigend, daß ihre Würde der Frau jedes Gefallen an den lockeren und rauhen Gesellen verbieten sollte, die mit ihrer Trunkenheit und ihren Schrammen damals noch das studentische Leben beherrschten und darum auch als Mieter nicht so ungern gesehen waren, wie man fordern dürfte.

Überhaupt ist die heimliche Spottsucht der Frau ein Kapitel, das eng mit ihrem Unverständnis für die wichtigsten männlichen Angelegenheiten zusammenhängt; und in dem Augenblick, als Lindner sich daran erinnerte, gaben die geistigen Vorgänge, die sich bis dahin ohne deutliche Gestalt in ihm gewälzt hatten, den Gedanken an Agathe frei. Wie mochte sie sein, wenn man innig mit ihr zusammen lebte? »Sie ist ohne Zweifel nicht das, was man beruhigt einen guten Menschen nennen möchte. Sie macht ja nicht einmal ein Hehl daraus!« sagte er sich, und einer ihrer Aussprüche, der ihm dabei einfiel, die lachende Behauptung, daß die guten Menschen heute an der Verderbnis des Lebens nicht weniger Schuld trügen als die schlechten, sträubte ihm die Haare. Aber er hatte diesen »fürchterlichen Ansichten«, wenn sie ihn auch jedesmal von neuem erregten, im ganzen doch schon »die Giftzähne ausgebrochen«, indem er sich ein für allemal davon die Erklärung gemacht hatte: »Sie kennt die Wirklichkeit nicht!« Denn er hielt Agathe für ein edles Wesen, wenn auch für eine »Evatochter« voll böser Unruhe. Das rechte Verhalten, so gewiß es dem Gläubigen ist, ihr schien es der denkungewisseste Gegenstand, die Lösung der äußersten und schwierigsten Aufgabe des Lebens zu sein! Sie schien sich eine traumhaft verworrene Vorstellung von Güte und Recht zu machen, eine ordnungsfeindliche, die nicht mehr Zusammenhang besaß als eine zufällige Zusammenstellung von Gedichten. »Sie ist wirklichkeitsfremd!« wiederholte er. »Kennte sie beispielsweise die Liebe, wie möchte sie so zynische Äußerungen darüber machen, daß sie unmöglich sei und dergleichen!« Es mußte ihr also die wahre Liebe gezeigt werden.

Aber da bereitete Agathe nun wieder neue Schwierigkeiten. Wollte er es sich nur ungescheut und mutig eingestehen: sie war verletzend! Sie riß allzu gerne von seinem Piedestal, was man sorgsam hochstellte; und tadelte man sie, so hielt sich ihre Kritik vor nichts zurück, und sie zeigte offen, daß sie verletzen wolle. Es gibt solche Naturen, die wider sich selbst wüten und nach der Hand schlagen, die ihnen Hilfe bringt; aber ein fester Mann wird sein Verhalten nie vom Verhalten anderer abhängen lassen, und in diesem Augenblick hatte Lindner das Bild eines ruhigen Mannes mit langem Bart vor sich, der sich über eine ängstlich abwehrende Kranke beugt und eine Wunde ganz tief an ihrem Herzen sieht. Der Augenblick war fern von Logik, und so war damit nicht gesagt, daß er selbst dieser Mann sei; aber Lindner richtete sich auf, und das tat er wirklich, griff nach seinem Bart, der inzwischen sehr an Fülle verloren hatte, und eine nervöse Röte überflog sein Antlitz. Es war ihm erinnerlich geworden, daß Agathe die verwerfliche Gewohnheit besaß, ihn mehr, als es je ein anderer Mensch zuwege gebracht hätte, in den Glauben zu versetzen, sie vermöchte seine erhabensten und seine geheimsten Gefühle zu teilen, ja sie warte in ihrer bedrängten eigenen Lage sogar auf eine besondere Anstrengung von deren Seite, um ihn dann, wenn er die Schätze seines Inneren preisgab, höhnisch zu beleidigen. Sie beflügelte ihn! Lindner gestand es sich ein und hätte auch nicht anders können, denn in seiner Brust war ein fremdes, unruhiges Gefühl, das man lieblos, was ihm freilich fern lag, mit einem Korb voll Hühner hätte vergleichen können, die durcheinander drängen. Aber dann konnte sie auch mit einemmal auf äußerst unbestimmbare Art lachen oder etwas weltlich Liebloses andeuten, das ihn ins Herz schnitt, als hätte sie alles nur darauf angelegt gehabt, ihn zu täuschen! Und hatte sie ihn denn nicht auch heute, noch ehe sie da war, schon in eine solche Lage gebracht, mit diesem Klavier, fragte sich Lindner. Er sah es an. Wie eine Hausmagd stand es neben ihm, an der sich der Herr vergangen hat!

Er konnte nicht wissen, was Agathe bewog, ihr Spiel mit ihm zu treiben, und sie selbst hätte sich mit niemand darüber aussprechen können, durchaus nicht einmal mit Ulrich. Sie verhielt sich launenhaft; aber sofern das heißt, mit wechselndem Gefühl, geschah es doch auch mit Absicht und bedeutete ein Rütteln und Lockern des Gefühls, wie ein Mensch seine Glieder dehnt, auf denen eine süße Schwere lastet. So hatte die wunderliche Anziehung, die sie mehrmals heimlich zu Lindner führte, von Anfang an eine Widersetzlichkeit gegen Ulrich, oder doch gegen die völlige Abhängigkeit von ihm, enthalten; der fremde Mann wendete ihre Gedanken ein wenig ab und erinnerte sie an die Vielfältigkeit der Welt und der Männer. Aber es geschah nur, um sie ihre Abhängigkeit von ihrem Bruder desto wärmer fühlen zu lassen, und war überdies das gleiche wie Ulrichs Heimlichkeit mit den Aufzeichnungen, die er vor ihr verschloß, ja schon wie schlechthin sein Entschluß, neben dem Gefühl, und über dieses, auch den Verstand urteilen zu lassen. Doch während er damit genug zu tun hatte, bedurfte ihre Ungeduld und ihre für ein Abenteuer, von dem sich noch nicht sagen ließ, welchen Weg es nehmen werde, bereitgehaltene Spannung des Auslasses, und in dem Maße, als Ulrich sie begeisterte oder entmutigte, machte Lindner, dem sie sich überlegen fühlte, sie wieder geduldig oder übermütig. Sie gewann Herrschaft über sich selbst, indem sie den Einfluß mißbrauchte, den sie auf ihn ausübte, und hatte das nötig.

Dabei spielte aber doch auch noch etwas anderes mit. Denn zu dieser Zeit war zwischen ihr und Ulrich weder von ihrer Scheidung und Hagauers Briefen noch von dem leichtsinnig oder eigentlich abersinnig, in einem ausgesprungenen Augenblick veränderten Testament die Rede, das eine Gutmachung forderte, entweder eine bürgerliche oder eine wunderbare. Agathe wurde manchmal von dem bedrückt, was sie getan hatte, und sie wußte auch, daß Ulrich in der Unordnung, die man in einem tieferen Lebenskreis zurückläßt, keine gute Vorbedeutung für die Ordnung sah, die man in einer höheren Bedeutung anstrebt; er hatte es ihr offen genug gesagt, und wenn sie sich auch nicht mehr an alle Einzelheiten des Gesprächs erinnerte, das sich an die Verdächtigungen angeschlossen hatte, die von Hagauer gegen sie erhoben wurden, so fand sie sich doch in einen Wartezustand zwischen Wohl und Übel verbannt. Etwas hob zwar alle ihre Eigenschaften nach oben zur wunderbaren Rechtfertigung, aber sie durfte noch nicht daran glauben, und so war es auch ihr beleidigtes widerspenstiges Rechtsgefühl, was sich im Streit mit Lindner einen Ausweg schuf. Sie war ihm sehr dankbar dafür, daß er ihr alle schlechten Eigenschaften anzudichten schien, die auch Hagauer an ihr entdeckt hatte, und daß er sie, ohne es zu wollen, schon durch den Anblick beruhigte, den er dabei darbot.

Lindner, der also nie in der Beurteilung Agathes mit sich ins reine kam, hatte jetzt begonnen, unruhig in seinem Zimmer auf und ab zu wandern, und unterzog die Besuche, die sie ihm machte, einer strengen Prüfung im einzelnen. Es schien ihr bei ihm zu gefallen, sie fragte nach vielen Einzelheiten seines Hauses und seines Lebens, nach seinen Erziehungsgrundsätzen und nach seinen Büchern. Er irrte sich bestimmt nicht, wenn er annahm, daß man mit solcher Teilnahme nur nach einem Leben fragt, das zu teilen man sich angezogen fühlt; freilich, wie sie sich dabei ausdrückte, mußte man als ihre Eigenart einstweilen hinnehmen! So entsann er sich, daß sie ihm einmal von einer Frau erzählt hatte sträflicherweise einer gewesenen Geliebten ihres Bruders!, die jedesmal einen Kopf »wie eine Kokosnuß« bekäme, »mit den Haaren nach innen«, wenn sie sich in einen Mann verschaute; und daran hatte sie die Bemerkung geknüpft, daß es ihr so mit seiner Wohnung erginge. Es sei alles so einheitlich, daß man ordentlich »Angst um sich selbst« bekomme! Aber diese Angst schien ihr Vergnügen zu bereiten, und Lindner erkannte in diesem widerspruchsvollen Zug die geängstigte Hingabebereitschaft der weiblichen Psyche, umsomehr als sie ihm andeutete, ähnliche Eindrücke seien ihr auch aus der ersten Zeit ihrer Ehe im Gedächtnis.

Nun ist es wohl nur natürlich, daß einem Mann wie Lindner Heiratsgedanken eher kommen als sündige. Und so hatte er inner- und außerhalb der für Lebensfragen vorgesehenen Zeiten schon manchmal verstohlen dem Gedanken stattgegeben, daß es vielleicht gut wäre, dem Kinde Peter wieder eine Mutter zu geben; und es geschah auch jetzt, daß er, statt Agathes Verhalten weiter zu zergliedern, bei einer Erscheinung anhielt, die ihn geheimnisvoll ansprach. Denn in tiefer Vorwegnahme seines Schicksals redete Agathe seit Beginn ihrer Bekanntschaft von nichts so leidenschaftlich wie von ihrer Scheidung. Er konnte diese Sünde unmöglich gutheißen, konnte aber auch nicht verhindern, daß ihm ihre Vorzüge mit jedem Tage mehr einleuchteten; und unerachtet seiner sonstigen Anschauungen vom Wesen des Tragischen neigte er dazu, dieses Los tragisch zu finden, das ihn zwang, bittere Abneigung gegen das zu äußern, was er selbst fast schon wünschte. Nun geschah es aber noch dazu, daß Agathe dieses Widerstreben am meisten ausnützte, um in ihrer verletzenden Art anzudeuten, sie glaube der Wahrheit seiner Überzeugung nicht. Er mochte die Moral vorkehren, die Kirche davorstellen, alle die Sätze aussprechen, die ihm ein Leben lang so geläufig waren, sie lächelte bei ihrer Antwort, und dieses Lächeln erinnerte ihn an das Frau Lindners in den späteren Jahren der Ehe, hatte aber davor die beunruhigende Kraft des Neuen und Geheimnisvollen voraus. »Es ist das Lächeln der Mona Lisa!« rief Lindner innerlich aus. »Spöttisch in frommem Gesicht!« und er war von dieser bedeutenden vermeintlichen Entdeckung so bestürzt und geschmeichelt, daß er im Augenblick gegen die Anmaßung, ihn nach der Sicherheit seiner Gottesgewißheit auszufragen, die sich diesem Lächeln anzuschließen pflegte, weniger Abweisung aufbrachte als sonst. Diese Ungläubige wollte nicht die ausgesendete Belehrung, sie wollte die Hand in die Quelle stecken; und vielleicht war ihm gerade das auferlegt, wirklich einmal wieder den Stein darüber zu öffnen, um ihr ein wenig Einblick zu gewähren: wer wollte ihn davor bewahren, daß es nicht so sei, so unangenehm, ja beängstigend dieser Gedanke auch für ihn selbst war! Und plötzlich trat Lindner, obwohl er sich allein in dem Zimmer befand, fest auf den Boden und sagte laut: »Sie sollen nicht denken, daß ich Sie nicht verstehe! Ach, glauben Sie nicht, daß die Unterwerfung, die Sie an mir bemerken, aus einem von Beginn an unterworfenen Wesen kommt!«

Die Geschichte, wie Lindner der geworden, der er war, war freilich beiweitem alltäglicher, als er glaubte. Sie begann damit, daß er auch ein anderer hätte werden können; denn er erinnerte sich noch genau an die Vorliebe, die er als Knabe für die Geometrie besessen hatte, deren schöne, klug angelegte Beweise sich am Ende mit einem leisen Schnappen um die Wahrheit schlossen und ihm ein Vergnügen bereiteten, als hätte er einen Riesen in einer Mausefalle gefangen. Es sprach nichts dafür, daß er besonders religiös angelegt gewesen wäre; und er war auch heute noch der Anschauung, daß man einen Glauben »erwerben« müsse, und nicht als Wiegengeschenk empfangen. Was ihn im Religionsunterricht damals zum vorzüglichen Schüler machte, war die gleiche Freude am Wissen und Besserwissen, die er auch den anderen Unterrichtsgegenständen entgegenbrachte. Allerdings hatte sein Inneres doch wohl die Ausdrucksweise der religiösen Überlieferung schon angenommen, und es wehrte sich bloß sein früh entwickelter Bürgersinn noch dagegen, was in der einzigen ungewöhnlichen Stunde, die sein Leben enthielt, einmal unerwartet zum Ausdruck kam. Es geschah zur Zeit der Vorbereitung auf die Reifeprüfung; er hatte schon durch Wochen übermäßig gearbeitet und saß abends lernend in seiner Stube, als sich auf einmal eine unbegreifliche Veränderung mit ihm vollzog. Sein Körper schien gegen die Welt zu so leicht zu werden wie zarte Papierasche, und eine unsägliche Freude erfüllte ihn, als wäre im dunklen Gewölbe der Brust eine Kerze entzündet worden und sendete ihren sanften Glanz bis in alle Glieder; und ehe er sich noch ob solcher Einbildung zur Rede stellen konnte, umlagerte dieses Licht auch sein Haupt mit einem strahlenden Zustand. Er war sehr erschrocken davor; aber sein Kopf sandte trotzdem Licht aus. Eine wundervolle geistige Klarheit überflutete nun alle seine Sinne, und die Welt spiegelte sich so weithin gesehen darin, wie es kein natürliches Auge erfassen kann. Er blickte auf und sah nichts als sein halberleuchtetes Zimmer; das war also keine Vision, aber der Aufschwung hielt an, mochte es auch in Widerspruch dazu stehn. Er tröstete sich damit, daß er anscheinend irgendwie nur »als geistiger Mensch« das erlebe, während »der körperliche« doch nüchtern und deutlich auf seinem Stuhl säße und ganz den gewohnten Raum einnähme; und so verharrte er eine Weile und hatte sich schon halb mit seinem bedenklichen Zustand abgefunden, da man sich auch an das Ungewöhnliche rasch gewöhnt, solange nur Hoffnung besteht, es werde sich schon noch als eine Geburt, und sei es auch eine Ausgeburt, der Ordnung herausstellen. Aber da geschah etwas Neues, denn er hörte mit einemmal eine Stimme, die gemäßigt, als hätte sie schon länger gesprochen, aber ganz deutlich zu ihm die Worte sagte: »Lindner, wo suchst du mich? Sis tu tuus et ego ero tuus«, was sich etwa so übersetzen ließe: werde du nur Lindner, und ich werde bei dir sein! Es war aber nicht sowohl der Inhalt dieser Rede, der den ehrgeizigen Studenten bestürzte, denn er mochte ihn wenigstens zum Teil schon gelesen oder gehört und danach vergessen haben, als vielmehr das sinnliche Erklingen; denn dieses kam so unabhängig und überraschend von außen und war von einer solchen sofort überzeugenden Fülle und Festigkeit und hatte einen so anderen Klang als den trockenen des zähen Fleißes, auf den die späte Stunde abgestimmt war, daß davon jeder Versuch, die Erscheinung auf eine Übermüdung und Überreizung des Innern zurückzuführen, zum voraus entwurzelt wurde. Daß dieser Ausweg so nahe lag, und doch versperrt war, steigerte natürlich die Verwirrung; und als auch noch hinzukam, daß sich mit der Verwirrung der Zustand in Lindners Kopf und Herzen immer herrlicher erhob und bald durch den ganzen Körper zu fließen begann, war das zuviel. Er packte seinen Kopf, schüttelte ihn zwischen den Fäusten, sprang von seinem Stuhl auf, stieß drei »Nein!« hervor und sagte beinahe schreiend das erstbeste Gebet her, das ihm einfiel, worauf endlich der Zauber verschwand, und der tödlich erschrockene zukünftige Lehramtskandidat ins Bett flüchtete.

Bald danach legte er die Reifeprüfung mit Auszeichnung ab und bezog die Universität. Er fühlte nicht die innere Berufung zum geistlichen Stand in sich die er übrigens, törichten Fragen Agathens zu antworten, während seines ganzen Lebens niemals empfand und war zu jener Zeit nicht einmal ganz und ohne Anfechtung gläubig, denn auch ihn suchten die Zweifel heim, die keinem werdenden Verstand erspart bleiben. Aber der tödliche Schreck über die religiösen Kräfte, die er in sich berge, ging ihm sein Leben lang nicht mehr verloren. Je länger es her war, desto weniger glaubte er natürlich, daß wirklich Gott zu ihm gesprochen habe, und begann darum die Phantasie als eine zügellose Macht zu fürchten, die leicht zu geistiger Umnachtung führen kann. Auch sein Pessimismus, dem der Mensch überhaupt als bedrohtes Wesen erschien, gewann an Tiefe, und so war sein Beschluß, Pädagoge zu werden, einesteils wohl der Beginn einer sozusagen posthumen Erziehung der Schulkameraden, die ihn gequält hatten, andernteils aber auch der einer Erziehung des bösen Geistes oder irregulären Gottes, der möglicherweise noch in der Höhle seiner Brust hauste. Aber war es ihm somit unklar, bis zu welchem Grade er gläubig sei, so wurde ihm doch rasch klar, daß er ein Gegner der Ungläubigen sei, und er erlernte es, mit Überzeugung zu denken, daß er überzeugt sei und daß man überzeugt zu sein habe. Er lernte an der Universität auch umso eher die Schwächen des der Freiheit überlassenen Geistes erkennen, als ihm nur in bescheidenem Maße bekannt war, wie sehr den schöpferischen Kräften die Bedingung der Freiheit angeboren ist. Es ist schwer, von diesen Schwächen das Maßgebliche in wenigen Worten zu sagen. Man könnte es zum Beispiel darin sehen, daß die großen Gedankengebäude der selbständigen philosophischen Welterklärung; deren letzte zwischen den Mitten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts errichtet worden sind, von den Veränderungen des Lebens, vornehmlich aber von den Ergebnissen des Denkens und der Erfahrung selbst, unterhöhlt worden sind; ohne daß die Fülle der neuen, von den Wissenschaften fast mit jedem Tag ans Licht gebrachten Erkenntnisse zu einer neuen, festen, wenn auch abwartenden, menschlichen Gesinnung geführt hätte, ja auch ohne daß sich der Wille dazu ernst und öffentlich genug regte, so daß der Reichtum der Kenntnisse fast ebenso bedrückend wie beglückend geworden ist. Man kann aber auch ganz allgemein davon ausgehen, daß sich ein außerordentliches Gedeihen von Besitz und Bildung bis zu einem schleichenden Notstand gesteigert hatte, der nicht gar lange nach diesem Tag, da Lindner, zu seiner Erholung von dem anstrengenderen Teile seiner Lebenserinnerungen, über die Irrtümer der Welt nachdachte, von dem ersten Vernichtungsschlag unterbrochen werden sollte. Denn angenommen, daß jemand 1871, in dem Jahre der Geburt Deutschlands, auf die Welt gekommen sei, so hätte er schon mit einigen dreißig Jahren gewahren können, daß sich während seines Daseins die Länge der Eisenbahnen in Europa verdreifacht und auf der ganzen Erde mehr als viermal vergrößert habe, der Postverkehr sich auf das dreifache ausgedehnt, die Telegrafenlinien es gar auf das siebenfache getan hätten; und auch vieles andere hatte sich in demselben Sinne entwickelt. Der Wirkungsgrad der Kraftmaschinen war von 50 auf 90v.H. gesteigert worden; die Petroleumlampe war in dieser Zeit der Reihe nach durch Gasbeleuchtung, Auerlicht und Elektrizität, die immer neue Beleuchtungsarten hervorbringt, ersetzt worden; das Pferdegespann, das jahrtausendelang seinen Platz gehalten hatte, durch den Kraftwagen; und die Flugmaschinen waren nicht nur in die Welt getreten, sondern auch schon aus den Kinderschuhen. Auch die durchschnittliche Lebensdauer hatte sich, dank der Fortschritte der Medizin und Hygiene, auffallend gehoben, und die Beziehungen zwischen den Völkern wurden seit der letzten kriegerischen Auseinandersetzung zusehends milder und vertrauensvoller. Der Mensch, der das miterlebte, konnte wohl glauben, daß es nun endlich zu dem lange erwarteten dauernden Fortschritt der Menschheit gekommen sei, und wer möchte das nicht als angemessen erachten einer Zeit, in der er selbst auf der Welt ist!

Aber es scheint, daß dieser bürgerliche und seelische Wohlstand auf ganz bestimmten und keinesfalls unvergänglichen Voraussetzungen geruht hat, und man erklärt uns heute, daß es damals noch ungeheure Anbauflächen und andere natürliche Reichtümer in der Welt gegeben habe, die gerade erst in Besitz genommen worden seien; daß es wehrlose farbige Völker gegeben habe, die noch nicht beraubt waren (den Vorwurf, es zu tun, glich man durch den Gedanken aus, daß man ihnen dafür die Zivilisation schenke); und daß auch Millionen weißer Menschen vorhanden gewesen seien, die wehrlos die Kosten des industriellen und kaufmännischen Fortschritts bezahlen mußten (aber man stärkte sein Gewissen durch die feste und nicht einmal völlig unbegründete Zuversicht, daß es nach fünfzig oder hundert Jahren weiteren Fortschritts auch den Enterbten besser gehen werde als vor der Enterbung). Jedenfalls war das Füllhorn, aus dem das leibliche und geistige Gedeihen kam, so groß und unübersehbar, daß es unsichtbar wirkte und nur der Eindruck des Wachstums in allen Leistungen übrig blieb; und es ist heute schier unmöglich, noch einmal begreiflich zu machen, wie natürlich es damals war, an die Dauer dieses Fortschritts zu glauben und Gedeihen und Geist für etwas zu halten, das, wie Gras, überall fortkommt, wo es nicht geradezu absichtlich ausgerottet wird.

Gegen diese Vertrauensseligkeit, diesen Gedeihniswahn, diesen verhängnisvoll frohsinnigen Freisinn besaß der blasse, unüppige und von seinem Wachstum körperlich sogar geplagte Student Lindner eine natürliche Abneigung, und es war ihm ein natürliches Ahnungsvermögen für alle Fehler und eine wache Aufnahmebereitschaft für jedes Lebenszeugnis zu eigen, das dagegen aussagte. Wohl war sein Fach nicht Volkswirtschaft, und er lernte diese Tatsachen erst später richtig würdigen; umso hellsichtiger war er aber für die andere Seite der Entwicklung und die sich dort vollziehende Fäulnis einer Gesinnung, die im Anfang den freien Handel im Namen eines freien Geistes an die Spitze der menschlichen Tätigkeiten gesetzt und dann den freien Geist dem freien Handel überlassen hat, und Lindner witterte den geistigen Zusammenbruch, der ja auch nicht ausgeblieben ist. Dieser Glaube an das Verhängnis, inmitten einer sich ihre Fortschritte behagen lassenden Welt, war die kräftigste von allen seinen Eigenschaften; aber er hätte dabei wahrscheinlich auch ein Sozialist werden können oder einer der einsamen und fatalistischen Menschen, die sich höchst ungern auf Politik einlassen, wenn sie auch voll Erbitterung wider das Ganze sind, und die den Fortbestand des Geistes sichern, indem sie in ihrem engeren Kreis auf das Rechte halten und für ihre Person das Bedeutende tun und die Kulturheilkunde den Kurpfuschern überlassen. Wenn sich Lindner also heute fragte, wie er dennoch geworden sei, der er sei, so durfte er sich die beruhigende Antwort geben, daß das genau so geschehen sei, wie man ansonsten in einen Beruf hineinkommt. Er hatte schon in der letzten Klasse des Gymnasiums einem Zirkel angehört, dessen Arbeitsplan es war, kühle, bedächtige Kritik sowohl an dem halbamtlich an der Schule bewunderten »antiken Heidentum« als auch an dem außerhalb der Schule umgehenden »modernen Geist« zu üben; in der Fortsetzung war er, abgestoßen von dem freien studentischen Treiben der Universität, einer Verbindung beigetreten, in deren Kreise, wie der Bart das Milchgesicht, bereits die Einflüsse des politischen Kampfes die harmlosen Jünglingsgespräche verdrängten; und als er so in die höheren Semester gekommen war, hatte sich an ihm schon gebieterisch die für jede Art von Gesinnung gültige Denkwürdigkeit geltend gemacht, daß die beste Stütze des Glaubens der Unglaube ist, da er, an anderen bemerkt und bekämpft, dem Gläubigen immer Gelegenheit gibt, sich eifrig zu fühlen.

Von der Stunde an, da sich Lindner entschlossen gesagt hatte, daß auch Religion vornehmlich eine Einrichtung für Menschen sei, und nicht für Heilige, hatte sich Friede über ihn gebreitet. Zwischen den Wünschen, Kind oder Diener Gottes zu sein, war für ihn die Wahl gefallen. In dem ungeheuren Palast, darin er dienen wollte, gab es zwar einen innersten Raum, wo die Wunder aufbewahrt wurden und ruhten, und jeder dachte bei Gelegenheit daran, aber in diesem Heiligtum hielt sich keiner seiner Diener dauernd auf, sondern sie lebten alle nur davon, ja es wurde ängstlich vor der Zudringlichkeit Unberufener geschützt, mit der man nicht gerade die besten Erfahrungen gemacht hat. Das sagte Lindner ungemein zu. Er schied zwischen Überhebung und Erhebung. Der Vorzimmerbetrieb, in seinen würdigen Formen und voll seiner hundertfach abgestuften Tätigkeiten und Angestellten, erfüllte ihn mit Bewunderung und Ehrgeiz; und die Außenarbeit, der er sich nun selbst unterzog, die Einflußnahme auf das moralische, politische und erzieherische Vereinswesen und die Durchdringung der Wissenschaft mit religiösen Grundsätzen, enthielt Aufgaben, für die er nicht ein, sondern tausend Leben hätte verbrauchen können, schenkten ihm dafür aber auch jene dauernde Bewegung bei innerer Unveränderlichkeit, die das Glück der seligen Geister ist: wenigstens meinte er das in zufriedenen Stunden, vielleicht verwechselte er es aber mit dem Glück der politischen Geister. Und so trat er von da an in Vereine ein, schrieb Broschüren, hielt Vorträge, besuchte Versammlungen, knüpfte Beziehungen an, und ehe er die Universität verlassen hatte, war aus dem Rekruten der gläubigen Bewegung ein junger Mann geworden, der in der Offiziersliste evident gehalten wurde und einflußreiche Gönner besaß.

Eine Persönlichkeit mit so breiter Grundlage und so geläuterter Höhe hatte es also wahrhaftig nicht nötig, sich von der vorlauten Kritik einer jungen Frau einschüchtern zu lassen, und als Lindner zur Gegenwart zurückkehrte, zog er die Uhr und stellte fest, daß Agathe noch immer nicht da sei, obwohl es fast schon an der Zeit war, daß Peter zurückkehren konnte. Trotzdem schlug er noch einmal das Klavier auf, und wenn er sich auch nicht der Unberechenbarkeit des Gesanges auslieferte, so ließ er doch sein Auge wiederholend über die Worte des Lieds wandern und begleitete sie mit leisem Flüstern. Dabei wurde er zum erstenmal gewahr, daß er sie falsch betonte, viel zu gefühlvoll, und nicht im Einklang mit der bei allem Liebreiz strengen Musik. Er sah einen Jesusknaben vor sich, der »irgendwie von Murillo« war, das heißt, auf eine sehr unbestimmte Art außer den schwarzen Kirschenaugen auch die malerischen Lumpen der älteren Bettlerknaben dieses Meisters besaß, so daß er mit dem Gottessohn und Erlöser gerade nur das rührend Vermenschlichte gemein hatte, dieses aber offenbar recht übertrieben und eigentlich geschmacklos. Es machte auf ihn einen unangenehmen Eindruck und flocht nun wieder Agathe in seine Gedanken ein, denn er entsann sich, sie hätte einmal ausgerufen, es wäre wirklich nichts so merkwürdig, wie daß der Geschmack, der die gotischen Dome und Passionen hervorgebracht habe, durch einen Geschmack abgelöst worden sei, dem heute Papierblumen, Perlenstickereien, gezackte Deckchen und eine süßliche Sprache gefielen, so daß der Glaube geschmacklos geworden wäre und die Gabe, das Unerfaßliche duften und schmecken zu machen, fast nur noch unter ungläubigen oder zweifelhaften Menschen bewahrt würde! Lindner sagte sich, daß Agathe »eine ästhetische Natur« sei, und das bedeutete etwas, das an den Ernst der Volkswirtschaft und der Moral nicht heranreicht, in einzelnen Fällen aber sehr anregend sein kann, und zu ihnen gehörte auch dieser. Denn Lindner hatte die Erfindung der Papierblumen bisher schön und sinnig gefunden, entschied sich aber plötzlich, einen Strauß von ihnen, der auf dem Tisch stand, dort zu entfernen, und versteckte ihn einstweilen hinter seinem Rücken.

Es war beinahe unwillkürlich geschehn, und er war ein wenig bestürzt ob dieser Handlung; stand aber dabei unter dem Eindruck, er wüßte über die von Agathe beobachtete »Merkwürdigkeit«, bei der sie es hatte bewenden lassen, wohl eine Erklärung abzugeben, die sie nicht von ihm erwartete. Ein Apostelwort fiel ihm ein: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle!« Und mit gerunzelter Stirn zu Boden blickend, bedachte er, daß nun schon seit vielen Jahren alles, was er tue, in Beziehung zur ewigen Liebe stehe. Er gehörte einer wunderbaren Liebesgemeinschaft an und gerade das unterschied ihn von einem gewöhnlichen Intellektuellen worin nichts geschah, dem sich nicht, und mochte es auch noch so irdisch bedingt und getan sein, eine allegorische Beziehung zum Ewigen hätte geben lassen, ja dem diese Beziehung nicht als tiefste Bedeutung eingewohnt hätte, mochte das Bewußtsein davon auch nicht immer blank geputzt sein. Es besteht aber ein mächtiger Unterschied zwischen der Liebe, die man als Überzeugung besitzt, und der Liebe, die einen besitzt; ein Unterschied an Frische, mochte er sagen, wenn auch gewiß der zwischen geläutertem Wissen und trüber Turbulenz gleichfalls zu Recht bestand. Lindner zweifelte nicht daran, daß die geläuterte Überzeugung höher zu stellen sei; aber je älter sie ist, umsomehr läutert sie sich, das heißt, sie befreit sich von den Unregelmäßigkeiten des Gefühls, das sie erzeugt hat; und allmählich bleibt von diesen Leidenschaften nicht einmal mehr die Überzeugung übrig, sondern nur noch die Bereitschaft, sich jederzeit, wenn man sie braucht, ihrer erinnern und bedienen zu können. Und das mag erklären, warum die Werke des Gefühls abdorren, wenn sie nicht aus unmittelbarer Liebeserfahrung noch einmal erfrischt werden.

Mit solchen beinahe ketzerischen Erwägungen war Lindner beschäftigt, als plötzlich die Glocke schrillte.

Er zuckte mit den Achseln, schloß das Klavier wieder zu und entschuldigte sich bei sich selbst mit den Worten: »Das Leben braucht nicht nur Beter, sondern auch Arbeiter!« 76

Die Wirklichkeit und die Ekstase


Agathe hatte die Aufzeichnungen ihres Bruders nicht zu Ende gelesen, als sie zum zweitenmal seine Schritte auf dem kiesbestreuten Weg unter den Fenstern vernahm, und diesmal so wirklich, daß es jede Täuschung ausschloß. Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit, die sich darbieten werde, wieder in sein Versteck einzudringen, ohne daß er es wisse; denn so fremd ihrem Wesen diese Art zu überlegen auch war, wollte sie doch sie kennenlernen und verstehen. Auch war ein wenig Rache dabei; und sie wollte Heimliches mit Heimlichem vergelten; darum mochte sie nicht überrascht werden. So ordnete sie hastig die Blätter, legte sie zurück und verwischte jede Spur, die ihre Mitwisserschaft hätte verraten können. Ein Blick nach der Uhr sagte ihr außerdem, daß sie längst das Haus hätte verlassen sollen und anderswo wahrscheinlich schon gereizt erwartet wurde, wovon nun freilich wieder Ulrich nichts wissen durfte. Dieses doppelte Maß, das sie anwandte, machte sie plötzlich lächeln. Sie wußte, daß ihr eigener Mangel an Offenheit der Treue nicht wirklich Abbruch tat; und daß er überdies viel schlimmer war als der Ulrichs. Diese natürliche Genugtuung ließ sie merklich versöhnt von ihrer Entdeckung scheiden.

Als ihr Bruder wieder sein Arbeitszimmer betrat, fand er sie darin nicht mehr vor, wunderte sich aber auch nicht darüber. Er hatte endlich zurückgefunden, nachdem ihm die Personen und Verhältnisse, von denen die Rede gewesen war, so lebhaft den Kopf erfüllt hatten, daß er nach Stumms Abfahrt noch eine Weile im Garten umhergewandert war. Ein rasch getrunkenes Glas Wein kann nach langer Entbehrung eine ähnliche, bloß angeheiterte Lebendigkeit bewirken, hinter deren buntem Szenenwechsel man finster und unberührt verharrt; und so war es ihm denn auch nicht einmal in den Sinn gekommen, daß die Personen, an deren Schicksal er scheinbar wieder so lebhaft Anteil nahm, nicht gar weit von ihm wohnten und alsbald zu erreichen gewesen wären. Die wirkliche Beziehung zu ihnen war gelähmt geblieben wie ein durchschnittener Muskel.

Immerhin machten einige Erinnerungen davon eine Ausnahme und hatten Gedanken erweckt, zu denen es Brücken des Gefühls auch jetzt noch gab, obwohl bloß sehr brüchige. So bereitete ihm das, was er als »Rückkehr des Sektionschefs Tuzzi von der Inseite des Gefühls zu dessen äußerer Behandlung« bezeichnet hatte, das tiefere Vergnügen, ihn daran zu erinnern, daß seine Aufzeichnungen einer Unterscheidung dieser beiden Seiten des Gefühls zustrebten. Er sah aber auch Diotima in ihrer Schönheit vor sich, die anders als die Agathes war, und es schmeichelte ihm, daß sie seiner noch gedachte, obgleich er ihr auch die Züchtigung durch ihren Gatten wieder von Herzen gönnte, in den Minuten, wo dieses Herz sozusagen wieder im Fleische wandelte. Er entsann sich nun von allen mit ihr geführten Gesprächen gerade des einen, worin sie es als nicht unmöglich hingestellt hatte, daß in der Liebe okkulte Kräfte entstünden; es war ihre Liebe zu dem reichen Mann, der auch Seele haben wollte, die ihr das eingab, und so dachte er nun auch an Arnheim. Ulrich war ihm noch die Antwort auf das gefühlvolle Angebot schuldig, das ihm Einfluß auf das wirkende Leben verschaffen sollte, und fragte sich deshalb, was wohl aus dem ebenso großmütigen und nicht minder unbestimmten Heiratsantrag geworden sein möge, der einst Diotima berauscht hatte. Wahrscheinlich das gleiche; Arnheim würde sein Wort halten, wenn man ihn daran erinnerte, hatte aber nichts dagegen, daß man es vergaß. Die höhnische Spannung, die bei der Erinnerung an Diotimas Höchstzeit in seinem Gesicht hervorgetreten war, milderte sich wieder. Es wäre eigentlich ganz anständig von ihr, daß sie Arnheim nicht festhielt, dachte er. Eine vernünftig sprechende Stimme in ihrem übervölkerten Inneren. Sie hätte zuweilen nüchterne Anwandlungen, wo sie sich von allem Höheren verlassen fühle, und wäre dann ganz nett. Irgendeine kleine Zuneigung inmitten aller Abneigung hatte Ulrich immer für sie gefühlt und wollte nun nicht ausschließen, daß sie endlich selbst bemerkt habe, welch lächerliches Paar sie mit Arnheim abgab: sie bereit, das Opfer des Ehebruchs zu bringen, Arnheim das Opfer der Heirat, so daß sie wieder nicht zusammenkamen und sich schließlich etwas Himmlisch-Unerreichbares einredeten, um sich des Erreichbaren zu überheben. Als ihm aber Bonadeas Erzählung von der Liebesschule Diotimas einfiel, sagte er sich am Ende, sie wäre doch eine unbehagliche Person und nichts schlösse aus, daß sie ihre gesamte Liebeskraft einmal auch noch auf ihn werfen könnte.

So ungefähr hatte Ulrich seine Gedanken nach dem Gespräch mit Stumm weiterlaufen lassen, und es war ihm vorgekommen, so müßten wohlbeschaffene Menschen denken, wenn sie sich auf herkömmliche Art miteinander beschäftigten; ihm selbst aber war es ganz ungewohnt geworden.

Und als er das Haus betreten hatte, war alles das ins Nichts verschwunden. Er zögerte einen Augenblick, wieder vor seinem Schreibtisch stehend, und ließ seine Aufzeichnungen durch die Finger gleiten.

Er überlegte. In seinen Papieren schlossen sich an die begriffliche Darlegung des Gefühls gleich einige Bemerkungen über ekstatische Zustände an, und er fand diesen Platz richtig. Ein Verhalten, das ganz unter der Herrschaft eines einzelnen Gefühls stand, wie er es gelegentlich erwähnt hatte, war doch wohl schon ein ekstatisches. Dem Zorn oder der Angst verfallen sein ist eine Ekstase. Die Welt vor den Augen eines Einzelnen, der nur Rot oder Bedrohung sieht, hält freilich nicht lange vor, man spricht darum auch nicht von einer Welt, sondern nur von Eingebungen und Täuschungen; wenn aber Massen ihr erliegen, entstehen Halluzinationen von furchtbarer Kraft und Ausdehnung.

Eine andere Ekstase, die er auch schon angedeutet hatte, war die der höchsten Gefühlsgrade. Werden diese erreicht, so ist das Handeln nicht mehr einseitig, sondern wird im Gegenteil unsicher, ja oft widersinnig; die Welt verliert in einer Art kalter Glut ihre Farben; und das Ich geht verloren bis auf die leere Hülle. Dieses Hören- und Sehen-Vergehn ist ja wohl eine verarmende Ekstase übrigens ist jeder verzückte Seelenzustand ärmer an Mannigfaltigkeit als der gewöhnliche und wichtig wird es nur durch seine Verbindung mit der orgiastischen Ekstase, der rasenden Verzückung, oder mit dem Zustand unerträglicher körperlicher Anstrengungen, verbissener Willensäußerungen, schwerer Qualen, zu denen allen es den letzten Teil bilden kann. Ulrich hatte der Kürze wegen die überquellende und die versiegende Form des Sichverlierens in diesen Beispielen zusammengeworfen, und das nicht ohne Recht; denn wenn der Unterschied von anderem Gesichtspunkt auch ganz bedeutend war, so wuchs er doch in Hinblick auf die letzten Äußerungen fast zu. Der orgiastisch Verzückte springt in sein Verderben wie in ein Licht, und Zerreißen oder Zerrissenwerden sind ihm lodernde Liebesgeschehnisse und Freiheitstaten, ähnlich wie sich, bei aller Verschiedenheit, der tief Ermüdete und der tief Verbitterte in sein Unheil fallen läßt und in diesem letzten Geschehnis die Erlösung, also auch etwas empfängt, das von Freiheit und Liebe versüßt wird. So verschmelzen Tun und Erleiden in den höchsten Graden, wo sie noch erlebt werden.

Diese Ekstasen der Alleinherrschaft und der Krisis eines Gefühls sind aber natürlich mehr oder minder bloß Gedankenbilder, und die wirklichen Ekstasen mögen es die mystischen, die kriegerischen, die von Liebes- oder anderen enthusiastischen Gemeinschaften sein haben immer eine Gruppe untereinander verwandter Gefühle zur Voraussetzung und entstehen aus einem Ideenkreis, der diese widerspiegelt. In wenig fester, sich gelegentlich verhärtender und gelegentlich wieder auflösender Form sind solche unwirkliche, im Sinn von besonderen Ideen- und Gefühlsgruppen gestaltete Weltbilder (als Weltanschauung, als persönlicher Pips) im Alltag so häufig, daß die meisten von ihnen gar nicht als Ekstasen angesehen werden, obwohl sie deren Vorzustand ungefähr auf die gleiche Art sind, wie ein feuersicheres Zündholz in seiner Schachtel den Vorzustand eines brennenden Zündholzes bedeutet.

An letzter Stelle hatte Ulrich dann noch vorgemerkt, daß ein seinem Wesen nach ekstatisches Weltbild auch dann entsteht, wenn das Gefühl und die ihm dienenden Ideen schlechthin der Nüchternheit und der Überlegung vorangestellt werden; es ist das schwärmerische, das gefühlvolle Weltbild, das enthusiastische Leben, das es zuzeiten in der Literatur, und wahrscheinlich in größeren oder kleineren Lebensgemeinschaften teilweise auch wirklich gegeben hat. Nur fehlte in dieser Aufzählung freilich gerade das, was Ulrich am wichtigsten war, die Anführung des einen und einzigen Seelen- und Weltzustands, den er für eine Ekstase hielt, die der Wirklichkeit ebenbürtig sein könnte; aber seine Gedanken drängten jetzt vom Gegenstand ab, denn wenn er sich über die Würdigung dieser verführerischesten Ausnahme schlüssig werden wollte, war es unbedingt nötig und wurde ihm auch dadurch nahegelegt, daß er in unsicherem Wechsel bald von einer Welt, bald bloß von einem Weltbild der Ekstase gesprochen hatte zuvor die Beziehung kennen zu lernen, die zwischen unserem Gefühl und der wirklichen, das ist der Welt besteht, der wir, im Gegensatz zu den Illusionen der Ekstase, diese Geltung zusprechen.

Die Maße, mit denen wir diese Welt ermessen, sind aber die der Erkenntnis, und die Bedingungen, unter denen das geschieht, sind gleichfalls die ihren. Das Erkennen hat aber mag auch die feinere und feinste Darlegung seiner Grenzen und Rechte dem Verstand recht große Schwierigkeiten in den Weg stellen gerade im Verhältnis zum Gefühl eine leicht zu gewahrende und bezeichnende Eigentümlichkeit, nämlich die, daß wir, um zu erkennen, unsere Gefühle möglichst beiseitelassen müssen. Wir schalten sie aus, um »objektiv« zu sein, oder versetzen uns in einen Zustand, worin sich die verbleibenden Gefühle gegenseitig unwirksam machen, oder überlassen uns einer Gruppe kühler Gefühle, die mit Vorsicht behandelt, dem Erkennen selbst förderlich sind. Was wir in diesem nüchternen Zustand erkennen, ziehen wir zum Vergleich heran, wenn wir in anderen Fällen von »Täuschungen« durch das Gefühl sprechen; und somit ist ein Nullzustand, ein Neutralisationszustand, kurz ein bestimmter Gefühlszustand, die stillschweigende Voraussetzung der Erfahrungen und Denkvorgänge, mit deren Hilfe wir das, was uns andere Gefühlszustände vorspiegeln, bloß für subjektiv halten. Eine jahrtausendelange Erfahrung hat bestätigt, daß wir noch am ehesten befähigt sind, der Wirklichkeit dauernd zu genügen, wenn wir uns immer wieder in diesen Zustand versetzen, und daß seiner auch bedarf, wer beileibe nicht bloß erkennen, sondern handeln will. Vermag doch nicht einmal ein Faustkämpfer der Objektivität zu entbehren, die in seinem Fall »ruhig Blut bewahren« heißt, und darf zwischen den Seilen so wenig zornig werden, wie er mutlos werden darf, wenn er nicht den kürzeren ziehen will! Auch unser fühlendes Verhalten hängt also, wenn es der Wirklichkeit angepaßt ist, nicht nur von den Gefühlen ab, die uns gerade bewegen, oder von ihren triebhaften Untergründen, sondern zugleich von dem dauernden und wiederkehrenden Gefühlszustand, der das Verstehen der Wirklichkeit gewährleistet und gewöhnlich so wenig sichtbar wird wie die Luft, in der wir atmen.

Diese persönliche Entdeckung eines gewöhnlich weniger berücksichtigten Zusammenhangs hatte Ulrich zu weiterem Nachdenken über das Verhältnis des Gefühls zur Wirklichkeit verführt. Man muß hier zwischen den Sinneswahrnehmungen und den Gefühlen einen Unterschied machen. Auch jene »täuschen«, und bekanntlich ist weder das sinnliche Bild der Welt, das sie uns darstellen, die Wirklichkeit selbst, noch ist das gedankliche Bild, das wir aus ihm erschließen, unabhängig von der menschlichen Geistesart, wenngleich es unabhängig von der persönlichen ist. Aber obwohl keinerlei greifbare Ähnlichkeit zwischen der Wirklichkeit und selbst dem genauesten Vorstellungsbild besteht, das wir von ihr besitzen, ja eher ein unausfüllbarer Abgrund an Unähnlichkeit, und obwohl wir das Original nie zu Gesicht bekommen, vermögen wir doch auf eine verwickelte Weise zu entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen dieses Bild richtig sei. Anders bei den Gefühlen; denn diese geben, um in der gleichen Ausdrucksweise zu bleiben, auch schon das Bild falsch, und doch erfüllen sie damit ebensogut die Aufgabe, uns in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu halten, bloß tun sie es auf eine andere Weise. Vielleicht hatte diese Forderung, in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu bleiben, eine besondere Anziehungskraft auf Ulrich, aber sie bedeutet gleichwohl schlechthin auch das Merkmal alles dessen, was sich im Leben behauptet; und darum leitet sich von ihr eine vorzügliche abkürzende Formel und Probe dessen her, ob das Bild, das uns Wahrnehmung und Verstand von etwas geben, richtig und wahr sei, wenngleich diese Formel nicht alles erschöpft: wir verlangen, daß die Folgen aus dem geistigen Bild, das wir uns von der Wirklichkeit gemacht haben, mit dem gedanklichen Bild der Folgen übereinstimmen, die in Wirklichkeit eintreten, und nur dann halten wir ein Verstandesbild für richtig. Im Gegensatz dazu ließe sich von den Gefühlen sagen, daß sie die Aufgabe übernommen haben, uns dauernd in Irrtümern zu erhalten, die einander dauernd aufheben.

Und doch ist das nur die Folge einer Arbeitsteilung, bei der sich das von den Sinneswerkzeugen bediente Empfinden und die von ihm recht beeinflußten Denkvorgänge entwickelt, und kurz gesagt, zu Erkenntnisquellen entwickelt haben, während dem Bereich der Gefühle die Rolle des mehr oder minder blinden Antreibers übriggeblieben ist; denn in der Urzeit waren sowohl unsere Gefühle als auch unsere Sinnesempfindungen in der gleichen Wurzel vereinigt, nämlich in einem das ganze Geschöpf beteiligenden Verhalten, wenn es ein Reiz getroffen hatte. Die später hinzugekommene Arbeitsteilung läßt sich noch heute zutreffend mit den Worten ausdrücken, daß die Gefühle das ohne Erkenntnis tun, was wir mit Erkenntnis täten, wenn wir ohne einen anderen Antrieb als Erkenntnis überhaupt etwas täten! Könnte man lediglich ein Bild des fühlenden Verhaltens entwerfen, so müßte es dieses sein: wir nehmen von den Gefühlen an, daß sie das richtige Bild der Welt verfärben und verzerren und es falsch darstellen. Sowohl die Wissenschaft als auch das alltägliche Verhalten zählen das Gefühl zu den »Subjektivitäten«; sie setzen voraus, daß es bloß »die Welt, die wir sehen«, verändere, denn sie rechnen damit, daß sich ein Gefühl nach einiger Zeit verflüchtigt und daß die von ihm am Anblick der Welt bewirkten Veränderungen vergehen, so daß »die Wirklichkeit« sich über kurz oder lang wieder »durchsetzt«.

Es war Ulrich recht bemerkenswert vorgekommen, daß dieser teilweis gelähmte Gefühlszustand, der dem wissenschaftlichen Erfahren und dem sachlichen Verhalten zugrunde liegt, ein Seiten- und Gegenstück daran hat, daß sich die Aufhebung des Gefühls auch als ein Kennzeichen des zeitlichen Lebens wiederfindet. Denn der Einfluß unserer Gefühle auf das, was als wahr und notwendig gelten bleibt, auf die sachlichen Vorstellungen unseres Geistes, hebt sich sowohl über die Länge der Zeit als auch über die Breite des nebeneinander Bestehenden ungefähr zu Null auf; und der Einfluß des Gefühls auf seine unsachlichen Vorstellungen, auf die aus wechselndem Gefühl geborenen, schwankenden Ideen und Ideologien, Gedanken, Anschauungen und Haltungen des Geistes, die das historische Leben hintereinander und nebeneinander beherrschen, hebt sich ebenfalls auf, wenngleich zum Gegenteil der Gewißheit, wenngleich schlimmer als zu nichts, zum Zufall, zu ohnmächtiger Unordnung und Wandelbarkeit, kurz zu dem, was Ulrich unwillig »Sache des Gefühls« nannte.

Er hätte diesen Hinweis gerne genauer ausgebildet, als er ihn wieder las; konnte es aber nicht tun, weil der Gedankengang, dessen Niederschrift hier endete und noch in Schlagworten ein Stück weiterging, von ihm forderte, daß er Näherliegendes zum Abschluß bringe. Denn wenn wir das intellektuelle, das der Wirklichkeit entsprechende Bild der Welt (und mag es immer bloß Bild sein, ist es doch das richtige Bild) unter der Voraussetzung eines bestimmten Gefühlszustandes entwerfen, so war nun wohl jetzt an der Reihe zu fragen, was geschähe, wenn wir ebenso wirkungsvoll nicht von ihm, sondern von anderen Gefühlszuständen beherrscht würden. Daß dies keine ganz sinnlose Frage ist, geht schon daraus hervor, daß jeder starke Affekt das Bild der Welt auf seine Weise verzerrt; und ein tief Schwermütiger oder ein Heiter-Verstimmter könnten gegen die »Einbildungen« eines neutralen und ausgeglichenen Menschen einwenden, daß sie beileibe nicht sowohl durch ihr Blut düster oder heiter seien als vielmehr wegen ihrer Erfahrungen in einer Welt, die voll schwerer Düsternis oder himmlischer Leichtigkeit steht. Und so, wie sich ein Bild der Welt auf Grund der Vorherrschaft eines Gefühls oder einer Gruppe von Gefühlen denken läßt, zum Beispiel auch der orgiastischen, kann es auch darauf beruhen, daß überhaupt das Gefühl vorangestellt wird wie in der schwärmerischen und gefühlvollen Verfassung eines einzelnen oder einer Gemeinschaft; vollends ist es aber alltäglich, daß sich auf Grund von bestimmten Ideengruppen die Welt verschieden malt und daß das Leben, bis zum offenkundigen Abersinn, verschieden gelebt wird.

Ulrich war nicht im mindesten gesonnen, die Erkenntnis für einen Irrtum oder die Welt für eine Täuschung zu halten, doch schien es ihm zulässig zu sein, daß man nicht nur von einem veränderten Weltbild, sondern auch von einer anderen Welt spreche, wenn statt des Fühlens, das der Anpassung an die Wirklichkeit dient, ein anderes vorherrscht. Diese Welt wäre »unwirklich« in dem Sinne, daß ihr fast jede Sachlichkeit fehlte; es gäbe in ihr keine der Natur angepaßten Vorstellungen, Berechnungen, Entscheidungen und Handlungen, und es könnten Zerwürfnisse unter Menschen vielleicht längere Zeit ausbleiben, wären aber, einmal vorhanden, kaum zu heilen. Aber schließlich wäre das nur dem Grade nach anders als in unserer Welt, und über die Möglichkeit entscheidet nur die Frage, ob eine unter solchen Bedingungen stehende Menschheit noch lebensfähig bliebe und eine gewisse Stetigkeit im Kommen und Gehn der Zugriffe der Außenwelt und in ihrem eigenen Verhalten erzielen könnte. Und es läßt sich vieles aus der Wirklichkeit entfernt oder durch anderes ersetzt denken, ohne daß in der so entstehenden Welt nicht noch Menschen leben könnten. Es ist vieles der Wirklichkeit fähig und weltfähig, was in einer bestimmten Wirklichkeit und Welt nicht vorkommt.

Nachdem Ulrich das geschrieben hatte, war er nicht gerade zufrieden damit, denn er mochte nicht haben, daß es so aussehe, als wären alle diese möglichen Wirklichkeiten gleichberechtigt. Er stand auf und durchwanderte sein Zimmer. Es fehlte noch etwas von der Art einer Unterscheidung zwischen »Wirklichkeit« und »voller Wirklichkeit« oder der Unterscheidung zwischen »Wirklichkeit für jemand« und »wirklicher Wirklichkeit« oder, mit anderen Worten, es fehlte eine Ausführung der Rangunterschiede des Anspruches auf Wirklichkeits- und Weltgeltung und eine Begründung dessen, daß wir für das, was uns unter allen Umständen als wirklich und wahr gilt, einen von ausführbaren Bedingungen abhängigen Vorrang vor dem beanspruchen, was nur unter besonderen Umständen gilt. Denn einerseits findet sich ja auch ein Tier trefflich in der Wirklichkeit zurecht, und weil es das gewiß nicht in völliger seelischer Finsternis tut, muß selbst in ihm etwas sein, das den menschlichen Vorstellungen von Welt und Wirklichkeit entspricht, ohne daß es mit ihnen auch nur die geringste Ähnlichkeit deshalb haben müßte; und anderseits besitzen ja auch wir nicht die wahre Wirklichkeit, sondern können bloß in einem unendlichen Vorgang unsere Vorstellungen von ihr verbessern, während wir im Drang des Lebens sogar Vorstellungen von recht verschiedener Tiefe nebeneinander benutzen, wie es Ulrich selbst im Verlauf dieser Stunde am Beispiel eines Tisches und einer schönen Frau vorgefunden hatte. Nachdem er sich das aber ungefähr so überlegt hatte, war Ulrich auch seiner Unruhe wieder ledig und beschloß, daß es genug sei; denn was immer da noch gesagt werden konnte, war nicht ihm vorbehalten und auch nicht dieser Stunde. Er überzeugte sich bloß noch einmal davon, daß in seiner Ausführung voraussichtlich nichts gegen eine genauere Abfassung verstieße, und schrieb ehrenhalber einige Worte auf, die in die Richtung des Fehlenden wiesen.

Und als das geschehen war, unterbrach er seine Tätigkeit vollends, sah aus dem Fenster in den Garten, der da im Spätnachmittagslicht lag, und ging sogar für eine Weile hinab, um seinen Kopf der Luft auszusetzen. Er zagte fast davor, daß er jetzt entweder zuviel oder zuwenig behaupten könnte; denn was seiner wartete, damit er es niederschreibe, dünkte ihn wichtiger als alles andere. 77

Ulrich und die zwei Welten des Gefühls


»Womit beginne ich am günstigsten?« fragte sich Ulrich hin und her wandernd im Garten, während ihn bald die Sonne an Gesicht und Händen brannte, bald der Schatten kühlende Blätter darauf legte. »Soll ich gleich damit anfangen, daß jedes Gefühl auf zweierlei Weise in der Welt ist und den Ursprung von zwei Welten in sich trägt, die so verschieden sind wie Tag und Nacht? Oder tue ich besser daran, daß ich an die Bedeutung anknüpfe, die das ernüchterte Gefühl für unser Weltbild hat, und dann auf umgekehrtem Wege zu dem Einfluß komme, den unser aus Handeln und Wissen geborenes Weltbild auf das Bild ausübt, das wir uns von unseren Gefühlen machen? Oder soll ich sagen, daß es schon Ekstasen gewesen sind, was ich andeutend als Welten beschrieben habe, in denen sich die Gefühle nicht gegenseitig aufheben?« Aber während er sich noch diese Fragen stellte, entschied es sich schon, daß er mit allem gleichzeitig begann; denn der Gedanke, um den ihm so bangte, daß er das Schreiben unterbrochen hatte, war so beziehungsreich wie eine alte Freundschaft, und es ließ sich gar nicht mehr sagen, wie oder wann er entstanden sei. Während seiner ordnenden Beschäftigung war Ulrich diesem Gedanken immer näher gerückt und er hatte sie auch nur seinetwegen aufgenommen gehabt aber nun, wo er ans Ende gekommen war, mußte sich hinter zerteilten Nebeln Klarheit oder Leere zeigen. Es war kein angenehmer Augenblick, als er die ersten Worte fand, bei denen es verbleiben sollte: »Es stecken in jedem Gefühl zwei grundverschiedene Entfaltungsmöglichkeiten, die gewöhnlich zu einer verschmelzen; sie können aber auch einzeln zur Geltung kommen, und vornehmlich geschieht das in der Ekstase!«

Er nahm sich vor, sie fürs erste die äußere und die innere Entfaltung zu nennen, und sie von der harmlosesten Seite zu betrachten es standen ihm eine Menge Beispiele dafür zur Verfügung: Gefallen, Liebe, Zorn, Mißtrauen, Großmut, Ekel, Neid, Verzagtheit, Angst, Begehren..., und er ordnete sie in Gedanken zu einer Reihe. Dann bildete er eine zweite Reihe: Wohlgesinntheit, Zärtlichkeit, Gereiztheit, Argwohn, Gehobenheit, Ängstlichkeit, Sehnsucht, der nur die Glieder fehlten, für die er keinen Namen fand, und verglich die beiden Reihen. Die eine enthielt bestimmte Gefühle, wie sie zumal durch ein bestimmtes Zusammentreffen in uns erregt werden, die andere enthielt unbestimmte Gefühle, die am stärksten sind, wenn man nicht weiß, was sie erregt hat; und doch waren es beidemal die gleichen Gefühle, hier in einem allgemeinen, dort in einem besonderen Zustand. »Ich werde also sagen, daß an jedem Gefühl eine Entwicklung zur Bestimmtheit und eine zur Unbestimmtheit zu unterscheiden ist« dachte Ulrich. »Besser ist aber, wenn ich zuvor gleich alle Unterschiede aufzeichne, die damit verbunden sind.«

Er hätte die meisten von ihnen im Schlaf aufsagen können, aber sie werden jedem geläufig erscheinen, wenn er für die »unbestimmten Gefühle«, aus denen Ulrich die zweite Reihe gebildet hatte, das Wort Stimmungen gebraucht, obwohl es Ulrich nicht ohne Absicht mied. Denn unterscheidet man zwischen Gefühl und Stimmung, so ist leicht zu bemerken, daß das »bestimmte Gefühl« allemal einem Etwas gilt, einer Lebenslage entspringt, ein Ziel hat und sich in einem mehr oder minder eindeutigen Verhalten ausdrückt, wogegen eine Stimmung von alledem ungefähr das Gegenteil zeigt: sie ist umfassend, ziellos, ausgebreitet, untätig, enthält bei aller Deutlichkeit etwas Unbestimmtes und ist bereit, sich auf jeden Gegenstand zu ergießen, ohne daß etwas geschieht und ohne daß sie sich dabei ändert. So entspricht dem bestimmten Gefühl ein bestimmtes Verhalten zu etwas und dem unbestimmten ein allgemeines, ein Verhalten zu allem, und das eine zieht uns in Geschehen, während uns das andere bloß hinter einem farbigen Fenster daran teilnehmen läßt.

Bei diesem Unterschied, wie sich bestimmte und unbestimmte Gefühle zur Welt verhalten, verweilte Ulrich jetzt einen Augenblick. Er sagte sich: »Ich werde dies anfügen: Wenn sich ein Gefühl zur Bestimmtheit entwickelt, spitzt es sich gewissermaßen zu, es verengt seine Bestimmung und endet schließlich außen und innen wie in einer Sackgasse; es führt zu einer Handlung oder zu einem Beschluß, und wenn es darin auch nicht aufhört zu sein, so geht es doch später so verändert weiter wie Wasser hinter der Mühle. Entwickelt es sich hingegen zur Unbestimmtheit, so hat es anscheinend gar keine Tatkraft. Aber während das bestimmt entwickelte Gefühl an ein Wesen mit greifenden Armen erinnert, verändert das unbestimmte die Welt auf die gleiche wunschlose und selbstlose Weise, wie der Himmel seine Farben, und es verändern sich in ihm die Dinge und Geschehnisse wie die Wolken am Himmel; das Verhalten des unbestimmten Gefühls zur Welt hat etwas Magisches an sich und Gott helfe mir! im Vergleich mit dem bestimmten etwas Weibliches!« So sagte sich Ulrich, und dann fiel ihm etwas ein, das weit verführte: denn natürlich ist es vornehmlich die Entwicklung zum bestimmten Gefühl, was die Unbeständigkeit und Hinfälligkeit des seelischen Lebens nach sich zieht. Daß man niemals den Augenblick des Fühlens festhalten kann, daß die Gefühle rascher verwelken als Blumen oder daß sie sich in Papierblumen verwandeln, wenn sie erhalten bleiben wollen, daß das Glück und der Wille, die Kunst und Gesinnung vorbeigehn, alles dies hängt von der Bestimmtheit des Gefühls ab, die ihm auch eine Bestimmung unterschiebt und es in den Gang des Lebens zwingt, von dem es aufgelöst oder verändert wird. Dagegen ist das in seiner Unbestimmtheit und Unbegrenztheit verharrende Gefühl verhältnismäßig unveränderlich. Ein Vergleich fiel ihm ein: »Das eine stirbt wie ein Einzelwesen, das andere dauert an wie eine Art oder Gattung.« Vielleicht wiederholt sich dabei in der Einrichtung des Gefühls sogar wirklich, wenn auch sehr mittelbar, eine allgemeine Lebenseinrichtung; er vermochte es nicht abzuschätzen, hielt sich aber auch nicht damit auf, denn in der Hauptsache meinte er nun so deutlich wie noch nie zuvor zu sehen.

Er wäre jetzt bereit gewesen, auf sein Zimmer zurück zu eilen, verweilte aber doch noch ein wenig, denn er wollte zuvor den ganzen Plan im Kopf überschlagen, ehe er ihn schriftlich ausführe. »Ich habe von zwei Entwicklungsmöglichkeiten und Zuständen ein und desselben Gefühls gesprochen,« überlegte er »aber dann muß natürlich auch schon am Ursprung des Gefühls etwas sein, womit das anheben kann. Und wirklich zeigen ja auch die Triebe, die unsere Seele mit einem Leben speisen, das fast noch wie Tierblut ist, schon diese zweiteilige Anlage. Ein Trieb treibt zum Handeln, und das ist anscheinend seine Hauptaufgabe; aber er stimmt auch die Seele. Hat er noch kein Ziel gefunden, so ist sogar das unbestimmte Sichweiten und -dehnen an ihm sehr deutlich, ja, es werden sich viele Leute finden, die gerade darin das Anzeichen eines erwachenden Triebes sehen; zum Beispiel des Geschlechtstriebs, aber natürlich gibt es auch eine Sehnsucht des Hungers und anderer Triebe. So ist im Trieb also das Bestimmte und das Unbestimmte. Ich werde hinzufügen,« dachte Ulrich »daß die leiblichen Organe, die daran beteiligt sind, daß die Außenwelt einen Affekt in uns weckt, diesen bei anderer Gelegenheit auch selbst hervorbringen können, wenn sie von innen gereizt werden; mehr braucht es gar nicht, um bis zur Ekstase zu gelangen!«

Dann besann er sich darauf, daß nach den Ergebnissen der Forschung und erst recht nach der Auslegung, die er ihnen in seinen Aufzeichnungen gab, auch anzunehmen sei, daß der Ansatz zu einem Gefühl immer auch zu einem anderen Gefühl dienen könne und daß kein solches in dem Vorgang seiner Ausgestaltung und Verfestigung jemals zu einem ganz bestimmten Ende komme. War das aber richtig, so erreichte nicht nur kein Gefühl seine volle Bestimmtheit, sondern höchst wahrscheinlich auch keines eine vollkommene Unbestimmtheit, und es gab weder ein ganz bestimmtes noch ein ganz unbestimmtes Gefühl. Und wirklich geschieht es auch fast immer, daß sich die beiden Möglichkeiten des Gefühls zu einer gemeinsamen Wirklichkeit verbinden, worin die Eigenart des einen oder des anderen bloß vorherrscht. Es gibt keine »Stimmung«, die nicht auch bestimmte Gefühle enthielte, die sich in ihr bilden und wieder auflösen; und es gibt kein bestimmtes Gefühl, das nicht wenigstens dort, wo sich von ihm sagen läßt, daß es »ausstrahle«, »erfasse«, »aus sich selbst wirke«, sich »ausdehne« oder »unmittelbar«, ohne eine äußere Bewegung auf die Welt einwirke, die Eigenart des unbestimmten durchblicken ließe. Wohl aber gibt es Gefühle, die mit großer Annäherung dem einen oder dem anderen entsprechen.

Natürlich haftet an den Worten »bestimmt« und »unbestimmt« der Nachteil, daß auch ein bestimmtes Gefühl immer ungenügend bestimmt bleibt, und in diesem Sinne unbestimmt ist, aber das war wohl von der wesentlichen Unbestimmtheit leicht zu unterscheiden. »Es wird also nur noch auszumachen sein, warum die Eigenart des unbestimmten Gefühls, und die ganze Entwicklung zu ihr, für weniger wirklich gilt als ihr Gegenspiel« dachte Ulrich. »In der Natur liegt beides. Also mag die verschiedene Bewertung wohl damit zusammenhängen, daß uns die äußere Entfaltung des Gefühls wichtiger ist als die innere oder daß uns die Richtung zur Bestimmtheit wichtiger ist als die zur Unbestimmtheit. Und unser Leben müßte wahrhaftig auch ein anderes sein, als es ist, wenn dem nicht so wäre! Es ist eine nicht zu übersehende Eigentümlichkeit der europäischen Kultur, daß in ihr alle naslang die Welt des Innern für das Schönste und Tiefste erklärt wird, was das Leben birgt, desungeachtet diese innere Welt aber doch bloß als ein Anbau der äußeren behandelt wird. Und es ist geradezu das Bilanzgeheimnis dieser Kultur, wie das gemacht wird, wenn es ein öffentliches Geheimnis ist: Man stellt die äußere Welt und die Persönlichkeit einander gegenüber; man nimmt an, daß die äußere Welt in einer Person innere Vorgänge erregt, die sie befähigen müssen, zweckentsprechend zu erwidern; und indem man in Gedanken diese Bahn herstellt, die von einer Veränderung der Welt durch die Veränderung einer Person wieder auf eine Veränderung der Welt führt, gewinnt man die eigentümliche Zweideutigkeit, die es uns gestattet, die Welt des Innern als den eigentlichen menschlichen Hoheitsbereich zu ehren, und doch von ihr vorauszusetzen, daß alles, was in ihr vorgeht, zuletzt die Aufgabe habe, wieder in eine ordentliche Wirkung nach außen zu münden.«

Es fuhr Ulrich durch den Kopf, daß es lohnend sein müßte, das Verhalten der Zivilisation zur Religion und zur Kunst in diesem Sinne zu betrachten; aber es war ihm wichtiger, die Richtung, die seine Gedanken eingeschlagen hatten, beizubehalten. An die Stelle von »Welt des Innern« ließ sich auch einfach »Gefühl« setzen, denn vornehmlich hat dieses die zweideutige Stellung, daß es recht eigentlich das Innere ist, und doch zumeist wie ein Schatten des Äußeren behandelt wird; und besonders haftet das natürlich an allem, was Ulrich als die innere und unbestimmte Entfaltung des Gefühls unterscheiden zu können glaubte. Es zeigt sich schon darin, daß die Ausdrücke, in denen wir das innere Walten beschreiben, fast alle dem äußeren entnommen sind; denn offenbar übertragen wir die tätige Art des äußeren Geschehens selbst dann schon auf das anders geartete innere, wenn wir dieses als eine Tätigkeit darstellen, mag es ein Ausstrahlen oder ein Schalten, ein Ergreifen oder ähnliches sein; denn diese Bilder, der Außenwelt entnommen, sind für die Innenwelt nur darum bezeichnend und geläufig geworden, weil wir dort besserer ermangeln. Sogar die wissenschaftlichen Lehren, die das Gefühl als ein Ineinander oder als ein auf gleichem Fuße stehendes Nebeneinander von äußeren und inneren Handlungen beschreiben, machen eben dadurch, daß sie durchwegs von einem Handeln sprechen und die Handelnsfernheit des rein Innerlichen übergehen ein Zugeständnis an diese Gewohnheit. Und schon aus diesen Gründen ist es schier unvermeidlich, daß uns die innere Gefühlsentfaltung gewöhnlich bloß als ein Anbau der äußeren erscheint, ja als deren Wiederholung und Trübung, die sich von ihr durch weniger scharfe Formen und verwischtere Zusammenhänge unterscheidet und so eben den ein wenig vernachlässigten Eindruck eines Nebengeschehens hervorruft.

Nun steht da aber natürlich nicht bloß eine Ausdrucksweise auf dem Spiel oder ein gedanklicher Vorgang, sondern es ist das, was wir »in Wirklichkeit« fühlen, selbst hundertfältig von der Wirklichkeit abhängig, und also auch von der bestimmten und äußeren Entfaltung des Gefühls, der sich die innere und unbestimmte unterordnet, ja, von der sie gleichsam aufgesogen wird. »Auf die Einzelheiten soll es nicht ankommen,« nahm sich Ulrich vor »aber es ließe sich wohl auch an jeder von ihnen zeigen, daß nicht nur der Begriff, den wir uns von unseren Gefühlen machen, die Aufgabe hat, deren subjektives Teil dienlich den Vorstellungen einzugliedern, die wir von der Wirklichkeit haben, sondern daß auch im Fühlen selbst die beiden Anlagen zu einem Gesamtvorgang verschmolzen sind, der auf sehr ungleiche Weise die Entfaltung nach außen und die nach innen verbindet. Mit einfachen Worten: wir sind handelnde Wesen; wir bedürfen der Sicherheit des Denkens für unser Handeln; wir bedürfen also auch eines der Neutralisation fähigen Gefühls und unser Fühlen hat seine besondere Gestalt dadurch angenommen, daß wir es in das Bild der Wirklichkeit einordnen, und nicht das Umgekehrte, das Ekstatische tun. Eben deshalb muß in uns aber auch die Möglichkeit liegen, unser Fühlen umzukehren und unsere Welt anders zu erleben!«

Er war jetzt ungeduldig zu schreiben, und fühlte sich sicher, daß diese Gedanken auch einer ausführlichen Prüfung standhalten müßten. Auf seinem Zimmer angelangt, machte er Licht, weil die Wände schon im Schatten lagen. Von Agathe war nichts zu hören. Einen Augenblick zauderte er, ehe er begann.

Es hemmte ihn, daß er sich entsann, in der abkürzenden Ungeduld des Planes und Entwerfens die Begriffe »Innen« und »Außen«, und wohl auch die Begriffe »Person« und »Welt«, zuletzt so gebraucht zu haben, als ob die Unterscheidung zwischen den beiden Wirksamkeiten des Gefühls mit diesen Vorstellungen übereinfiele. Dem war natürlich nicht so. Die eigenartige Unterscheidung zwischen der Anlage und Ausgestaltungsmöglichkeit zum bestimmten oder unbestimmten Gefühl, die von Ulrich gemacht wurde, durchschneidet, wenn man sie gelten läßt, die anderen Unterschiede. Sowohl nach außen und in die Welt als auch nach innen und in die Person entfaltet sich das Gefühl auf die eine und andere Art. Er sann über ein rechtes Wort dafür nach, denn die Worte »bestimmt« und »unbestimmt« gefielen ihm nicht sehr, obwohl sie bezeichnend waren. »Der ursprüngliche Erfahrungsunterschied liegt am nacktesten und doch am ausdrucksvollsten darin, daß es sowohl eine Äußerung des Gefühls als auch eine Innerlichkeit nach außen und innen gibt!« überlegte er und war im Augenblick zufrieden, ehe er auch diese Worte ebenso ungenügend fand wie alle anderen, von denen er noch ein Dutzend ausprobte. An seiner Überzeugung änderte das aber nichts mehr, es erschien ihm nur noch als eine Mühe bei der ihm bevorstehenden Ausführung, davon hervorgerufen, daß die Sprache nicht für diese Seite des Daseins geschaffen ist. »Wenn ich alles noch einmal prüfe und richtig finde, soll es mir nichts ausmachen, am Ende bloß immer von unserem gewöhnlichen Gefühl und unserem anderen zu reden!« beschloß er.

Er holte lächelnd ein Buch von der Wand, worin sich ein Lesezeichen befand, und setzte vor seine eignen Worte die folgenden fremden: »Wenn auch der Himmel, ebenso wie die Welt, einer Folge wechselnder Ereignisse unterworfen ist, so fehlt doch den Engeln jeder Begriff und jede Vorstellung von Raum und Zeit. Obwohl sich auch bei ihnen alle Vorgänge nacheinander abspielen, in völliger Übereinstimmung mit der Welt, wissen sie nicht, was Zeit bedeutet, weil im Himmel weder Jahre noch Tage, sondern Zustandsänderungen herrschen. Wo Jahre und Tage sind, herrschen Zeiten, wo Zustandsänderungen sind, Zustände. Da die Engel keine Vorstellung von der Zeit haben, wie die Menschen, so fehlt ihnen auch die Bestimmung der Zeit; sie kennen nicht einmal ihre Einteilung in Jahre, Monate, Wochen, Stunden, in morgen, gestern und heute. Hören sie einen Menschen davon reden und Gott hat ständig den Menschen Engel zugesellt, dann verstehen sie darunter Zustände und Zustandsbestimmungen. Der Mensch denkt aus der Zeit, der Engel aus dem Zustand; so wird die natürliche Vorstellung der Menschen bei den Engeln zu einer geistigen. Alle Bewegungsvorgänge in der geistigen Welt geschehen durch innere Zustandsänderungen. Als ich darüber in Besorgnis geriet, wurde ich in die Sphäre des Himmels zum Bewußtsein der Engel erhoben und von Gott durch die Reiche des Himmels geführt und zu den großen Gestirnen des Weltalls geleitet, und zwar im Geiste, während mein Körper an derselben Stelle blieb. Alle Engel bewegen sich so von Ort zu Ort, deshalb gibt es für sie keine Abstände, folglich auch keine Entfernungen, sondern nur Zustände und Zustandsänderungen. Jede Annäherung ist eine Ähnlichkeit innerer Zustände, jede Entfernung eine Verschiedenheit; Räume im Himmel sind nichts als äußere Zustände, die den inneren entsprechen. Jeder wird in der geistigen Welt dem anderen sichtbar erscheinen, sobald er ein dringendes Verlangen nach dessen Gegenwart hat, denn dann versetzt er sich in seinen Zustand; umgekehrt wird er sich bei vorhandener Abneigung von ihm entfernen. Ebenso kommt jemand, der in seiner Gemeinschaft, in Hallen oder Gärten, seinen Aufenthalt wechselt, schneller dorthin, wenn er sich danach sehnt, und langsamer, wenn seine Sehnsucht geringer ist; das habe ich oft staunend gesehen. Und da die Engel sich keinen Begriff von der Zeit machen können, so haben sie auch eine andere Vorstellung von der Ewigkeit als die irdischen Menschen; sie verstehen darunter einen unendlichen Zustand, nicht eine unendliche Zeit.«

Ulrich hatte das einige Tage zuvor durch Zufall beim Blättern in einer Auswahlausgabe von Swedenborg aufgefunden, die er besaß, aber noch nie recht gelesen hatte; und hatte es ein wenig zusammengedrängt und so viel davon abgeschrieben, weil es ihm sehr angenehm war, diesen alten Metaphysikus und gelehrten Ingenieur von dem übrigens Goethe, ja sogar Kant keinen geringen Eindruck empfangen hatte so sicher vom Himmel und den Engeln reden zu hören, als wären es Stockholm und seine Bewohner. Es paßte so gut zu seiner eigenen Beschäftigung, daß sich die verbleibende, und ja auch nicht geringe, Verschiedenheit unheimlich deutlich davon abhob. Es machte ihm große Lust, an ihr festzuhalten und die in ihrer verfrühten Selbstgewißheit zwar trocken-unträumerisch, doch aber schrullig wirkenden Behauptungen eines Geistersehers aus den vorsichtiger gefaßten Begriffen eines späteren Jahrhunderts auf neue Art hervorzuzaubern.

Und so schrieb er nieder, was er gedacht hatte.


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92

Moosbrugger im Irrenhaus. Eine Kartenpartie


Es war ungefähr eine Woche seit dem Besuch vergangen, den Clarisse dem Irrenhaus abgestattet hatte. Der Tag, wo sie Moosbrugger sehen sollte, stand nahe bevor und sie machte den Eindruck, daß sie dem eine Wichtigkeit beimaß wie der Begegnung zweier Herrscher.

»Bring ihm statt deines Gefühls lieber eine Wurst entgegen und Zigaretten« scherzte Siegmund in seiner Art.

Walter ärgerte sich über seinen Schwager und verteidigte plötzlich Clarisse. »Wenn sie am Klavier bis zur Leidenschaft gespielt hat, aufgeregt ist und Tränen in den Augen hat: ist sie nicht vollkommen im Recht, wenn sie sich weigert, in die Tram zu steigen, auf die Klinik zu fahren und sich dort so zu benehmen, als ob das nur Musik und wirkliche Tränen gewesen wären!?« Er weigert sich aber, mitzukommen.

Siegmund scheute Walters Überlegenheit und begnügte sich mit einem gutmütigen Brummen.

Clarisse sagte: »Er hat überhaupt noch nie eine Frau gesehn, immer nur Ersatzweiber.«

Als sie zur elektrischen Bahn gingen, sagte Siegmund: »Vergiß nicht, daß er nur ein Narr ist!« Clarisse drückte ihm als Antwort die Fingernägel in die Hand und blickte strahlend geradeaus.

In der Klinik führte sie Dr. Friedenthal diesmal nicht aus dem Haupt- und Verwaltungsgebäude hinaus; sie durchschritten bloß Gänge, weiß begrüßt von Wärtern und Gehilfen, und zwei von keinen Kranken belegte, aber dafür eingerichtete Zimmer. Dann traten sie in einen dritten großen Raum, in dessen Mitte vier Menschen um einen Tisch saßen; Dr. Friedenthal trat in einer leise auffallenden Weise aus dem Weg, und als Clarisse aufsah, füllte langsam ihren Blick die breite, ruhige Gestalt Moosbruggers aus.

– – – – – – – – –

Was sie erblickte, war allerdings seltsam genug: eine Kartenpartie. Moosbrugger saß, in dunkler, alltäglicher Kleidung mit drei Männern am Tisch, von denen einer den weißen Kittel des Arztes, der zweite einen Straßenanzug und der dritte die etwas abgenutzte Soutane eines Priesters trug; und außer diesen vier Figuren um den Tisch und ihren Holzstühlen war das Zimmer leer bis an die drei hohen Fenster, die auf den Garten sahen. Die vier Männer blickten auf, als sich Clarisse näherte, und Friedenthal stellte vor; Clarisse lernte einen jungen Assistenten der Klinik kennen, deren Seelsorger und einen zu Besuch gekommenen Arzt, von dem sie erfuhr, daß er einer der Sachverständigen sei, die bei der Verhandlung vor dem Schwurgericht Moosbrugger für gesund erklärt hatten; die vier Männer spielten Karten zu dritt, so daß immer einer aussetzte und den anderen zusah. Dieser Anblick eines gemütlichen bürgerlichen Kartenspiels schlug für den Augenblick alle Gedanken in Clarisse zu Boden. Sie war auf etwas Erschreckendes vorbereitet gewesen, sei es selbst nur, daß man sie ohne Ende weiter durch solche halbleere Zimmer geführt hätte, um ihr schließlich geheimnisvoll zu erklären, daß Moosbrugger doch wieder nicht zu sehen sei; und nach allem, was sie in den vergangenen Wochen und besonders an diesem letzten Tag erlebt hatte, fühlte sie nun nichts als eine merkwürdige Beklemmung. Sie begriff nicht, daß dieses Kartenspiel von Dr. Friedenthal mit den anderen verabredet war, um Moosbrugger unbefangen beobachten zu können, es kam ihr wie ein würdeloses Spiel von Teufeln mit einer Seele vor, und sie glaubte in eisigleeren Gefilden der Hölle zu sein. Zu ihrem Entsetzen stand Moosbrugger stramm und galant auf und kam auf sie zu; Friedenthal stellte auch ihn vor, und Moosbrugger nahm mit seiner Tatze ihre unsichere Hand und machte eine stumme, schnelle Verbeugung wie ein großer Junge.

Als das geschehen war, bat Friedenthal, daß man sich nicht stören lassen möge, und erläuterte, daß die gnädige Frau aus Chikago gekommen sei, um die Einrichtungen der Klinik zu studieren, und sich überzeugen werde, daß deren Gäste so gut aufgehoben seien wie nirgends auf der Welt.

»Pik war gespielt, nicht Karo, Herr Moosbrugger!« sagte der Anstaltsarzt, der seinen Schützling nachdenklich beobachtet hatte. In Wahrheit, Moosbrugger war es angenehm gewesen, daß Friedenthal in Gegenwart der Fremden von ihm als einem Gast der Klinik und nicht als einem Kranken gesprochen hatte; er würdigte das, irrte sich deshalb in den Karten, steckte aber den Tadel wegen des Ausspielens mit einem großmütigen Lächeln ein. Gewöhnlich spielte er achtsamer als ein Falke. Er hielt mit Ehrgeiz darauf, seinen gelehrten Gegnern nur durch das Glück der Karten und niemals durch schlechteres Spiel zu unterliegen. Diesmal gestattete er sich nach einer Weile aber auch noch, seine Stiche englisch zu zählen, denn dazu war er bis dreißig imstande, und er hatte verstanden, daß Clarisse aus Amerika gekommen sei. Ja, etwas später legte er sogar seine Karten ganz hin, stemmte die Fäuste gegen den Tisch und lehnte seinen mächtigen Rücken so breit zurück, daß es ringsum im Holz knackte, und begann eine umständliche Erzählung aus seiner Gefängniszeit. »Sie können es mir glauben, meine Herrn« fing er sie an, denn er hatte Erfahrung: will man auf Frauen Eindruck machen, so muß man so tun, als ob man sie gar nicht wahrnähme, zumindest im Anfang; das hatte ihm noch jedesmal bei ihnen Erfolg eingetragen.

Der junge Anstaltsarzt begleitete Moosbruggers breitspurige Erzählung mit Lächeln, in dem Gesicht des Pfarrers kämpfte Bedauern mit Heiterkeit, und der mitspielende fremde Arzt, der Moosbrugger beinahe schon an den Galgen gebracht hatte, munterte ihn von Zeit zu Zeit durch beizende Zwischenrufe auf. Der Riese war ihnen allen durch seine protzige und doch gewöhnlich grundanständige Art sich zu geben angenehm geworden; was er sagte, hatte Hand und Fuß, wenn auch nicht gerade immer an den rechten Stellen, und namentlich der geistliche Herr hatte ihn sündhaft liebgewonnen. Wenn er sich an die tierischen Verbrechen erinnerte, deren dieser lammfromme Mann fähig war, so schlug er erschrocken in Gedanken ein Kreuz, als ob er sich auf einer verwerflichen Lässigkeit ertappte, demütigte sich vor der Unerforschlichkeit Gottes und sagte sich, daß man eine so verwickelte Angelegenheit dem Willen des Herrn überlassen müsse. Daß sich dieser Wille als Werkzeug wie zweier gegeneinander wirkender Hebel, von denen sich vorläufig nicht wissen ließ, welcher stärker sein werde, der beiden mitspielenden Ärzte bediente, war dem geistlichen Herrn bekannt.

Zwischen den beiden Medizinern bestand eine fröhliche Gegnerschaft. Als Moosbrugger einen Augenblick den Faden seiner Erzählung verlor, unterbrach ihn Dr. Pfeiffer, der zu Besuch gekommene ältere von ihnen, denn auch mit den Worten: »Genug geredet, Moosbrugger, und an die Karten, sonst hat der Herr Assistent zu früh seine Diagnose fertig!« Moosbrugger wurde sofort diensteifrig: »Wenn der Herr Doktor spielen wollen, können wir ja wieder spielen!« Clarisse hörte es mit Staunen. Der jüngere der beiden Ärzte lächelte aber ungerührt dazu. Es war ein offenes Geheimnis, daß er sich bemühte, ein unantastbares Bild von Moosbruggers Unzurechnungsfähigkeit zu gewinnen. Er sah blond, gewöhnlich und unsentimental aus, und sein Gesicht war durch die Spuren einiger Studentenmensuren nicht gerade geistvoller geworden; aber das Selbstbewußtsein der Jugend hieß ihn, in der Frage von Moosbruggers Schuld und Straffähigkeit die ärztliche Auffassung mit einem Eifer vertreten, der die übliche Halbheit verabscheute. Er hätte nicht genau sagen können, worin die ärztliche Auffassung bestehe. Sie ist eben anders. Eine gewöhnliche Trunkenheit ist zum Beispiel für sie eine echte Geisteskrankheit, die von selbst ausheilt, und daß Moosbrugger teils ein Ehrenmann, teils ein Lustmörder war, bedeutete nach ihren Begriffen einen Triebwettstreit, bei dem es sich von selbst verstand, daß er sich jeweils im Sinne des stärkeren oder nachhaltigeren Triebs entscheiden mußte. Wenn andere das nun einen freien Willen und eine gute oder böse sittliche Entscheidung nennen mögen, so ist es ihre Sache. »Wer gibt?« fragte er.

Es zeigte sich, daß er selbst die Karten zu mischen und auszuteilen hatte. Während er es tat, wandte sich Dr. Pfeiffer mit der Frage an Clarisse, welches Interesse die »Frau Kollegin« herführe. Dr. Friedenthal hob vorbeugend die Hand und riet: »Sagen Sie, um Gotteswillen, nichts von Heilkunde, die deutsche Sprache hat kein zweites Wort, das dieser Arzt so wenig hören möchte!« Es war die Wahrheit und bot den Vorteil, daß es die unberechtigte Besucherin vor den anderen als Ärztin erscheinen ließ, ohne daß Friedenthal das ausdrücklich behaupten mußte. Er lächelte zufrieden. Dr. Pfeiffer quittierte die Neckerei mit einem geschmeichelten Grinsen. Er war ein schon älterer kleiner Mann, an dessen oben abgeplattetem, nach hinten in die Tiefe gewölbtem Schädel ungepflegte Bart- und Haarstummel hingen; die Nägel an seinen Fingern waren ölig von Zigaretten und Zigarren und hielten am Rand einen schmalen Schmutzstreifen fest, obwohl sie in ärztlicher Weise ganz kurz geschnitten erschienen. Man sah es jetzt deutlich, weil die Spieler inzwischen ihre Karten aufgenommen hatten und sie sorgsam ordneten. »Ich passe« erklärte Moosbrugger. »Ich spiele« Dr. Pfeiffer, »Gut« der junge Arzt; der Geistliche sah dieses Mal zu. Das Spiel war matt und nahm ohne Aufregungen seinen Lauf.

Clarisse, die neben Friedenthal abseits stand, versteckte sich ein wenig hinter ihm, hob ihren Mund an sein Ohr und flüsterte, mit dem Blick auf Moosbrugger weisend: »Er hat immer nur Ersatz-Weiber gehabt!«

»Pst! Um Himmelswillen . . .!« flüsterte Friedenthal flehend zurück und fragte, nahe an den Tisch tretend, laut: »Wer gewinnt?«, um die Unvorsichtigkeit zu vertuschen. »Ich verliere« erklärte Pfeiffer. »Moosbrugger hat hinterlistig gepaßt! Unser junger Kollege will von mir keinen Rat annehmen; es ist mir unmöglich, ihn zu überzeugen, daß es ein verhängnisvoller Irrtum ist, wenn Ärzte glauben, daß kranke Verbrecher in ihre Krankenanstalten gehören«. Moosbrugger grinste. Pfeiffer scherzte und setzte das zuvor begonnene Geplänkel mit Friedenthal fort; das Spiel war ohnehin nicht zu retten. »Sie selbst müßten einem solchen jungen Medikus bei Gelegenheit sagen,« bat er ironisch »daß es eine Utopie ist, böse Menschen medizinisch heilen zu wollen, und überdies ein Nonsens, denn das Böse ist nicht nur in der Welt vorhanden, sondern auch unentbehrlich für ihren Fortbestand. Wir brauchen böse Menschen, wir dürfen sie nicht alle für krank erklären«

»Sie haben keinen Stich mehr« sagte der ruhige junge Arzt und legte die Karten hin. Diesmal lächelte der Geistliche, der zugesehn hatte. Clarisse hatte etwas zu verstehen geglaubt. Es wurde ihr warm. Aber Pfeiffer sah abscheulich aus. »Es ist eine nonsensistische Utopie« witzelte er. Sie kannte sich nicht aus. Es war vermutlich doch nur das würdelose Spiel von Teufeln um eine Seele. Pfeiffer hatte sich eine neue Zigarre angezündet, und Moosbrugger teilte die Karten aus. Er sah zum erstenmal für einen Augenblick zu Clarisse hinüber, und dann wurde er gefragt, was er auf die Spielansagen der andern zu erwidern habe.

Bei diesem Spiel setzte der Assistent aus. Er schien darauf gewartet zu haben und seine Gedanken ganz langsam zu Worten zusammenzuziehen. »Für einen Naturwissenschaftler« sagte er »gibt es nichts, was seinen Grund nicht in einem Gesetz der Natur hätte. Wenn ein Mensch also ohne vernünftigen äußeren Grund ein Verbrechen begeht, so muß er einen inneren dafür haben. Und den muß ich suchen. Für Dr. Pfeiffer ist das aber nicht fein genug.« Mehr sagte er nicht, er war rot geworden und sah freundlich verdrossen drein. Der Geistliche und Dr. Friedenthal lachten, Moosbrugger lachte ähnlich wie sie und sah blitzschnell Clarisse an. Clarisse sagte plötzlich: »Es kann einer ja auch ungewöhnliche vernünftige Gründe haben!« Der Assistent sah sie an. Pfeiffer bekräftigte: »Die Frau Kollegin hat vollkommen recht. Und eigentlich verraten Sie schon eine Verbrechernatur, wenn Sie nur voraussetzen, daß es auch vernünftige Gründe für ein Verbrechen gibt!« »Ach, Unsinn!« erwiderte der Jüngere. »Sie wissen genau, wie ich es meine.« Und wieder zu Clarisse: »Ich rede als Arzt. Wortspaltereien, die vielleicht in der Philosophie oder sonstwo am Platz sein mögen, sind mir widerwärtig!«

Es war bekannt, daß er sich jedesmal, wenn er mit der Vorbereitung eines Fakultätsgutachtens betraut war, wütend über die Zugeständnisse ärgerte, die er einer unmedizinischen Denkart machen, und die unnatürlichen Fragen, die er ihr beantworten sollte. Die Gerechtigkeit ist kein naturwissenschaftlicher Begriff, so wenig wie die aus ihr folgenden Begriffe, und mit Straffähigkeit, freiem Willen, Vernunftsgebrauch, Sinnesverrückung und allem ähnlichen, was über das Schicksal unzähliger Menschen entscheidet, verbindet der Arzt ganz andere Vorstellungen als der Jurist. Da der Jurist ihn weder entbehren will, aus irgendwelchen Gründen, noch vor ihm abdanken will, was begreiflich ist, nehmen sich dann die ärztlichen Sachverständigen vor Gericht nicht selten wie kleine Geschwister aus, denen eine ältere Schwester nicht erlaubt, so zu reden, wie es ihnen natürlich ist, obwohl sie doch befiehlt und darauf wartet, daß aus dem Kindermunde die Wahrheit komme. Also nicht aus Gefühlsweichheit, sondern aus blankem Ehrgeiz und schneidigem Eifer für seine Wissenschaft neigte der junge Forscher mit den Narben dazu, die Personen seiner Gutachten dem Gehirn der Gerichte möglichst zu entziehn, und da es nur dann Aussicht auf Erfolg darbot, wenn sie sich sehr deutlich und bestimmt einem bekannten Krankheitsbild einordnen ließen, sammelte er auch bei Moosbrugger alles, was für ein solches sprach. Genau das Gegenteil davon tat aber Dr. Pfeiffer, obwohl er nur gelegentlich auf die Klinik kam, um sich nach Moosbrugger zu erkundigen, so wie ein Sportsmann, der sein eigenes Match schon gekämpft hat, auf der Tribüne sitzt und den anderen zusieht. Er galt als besonderer Kenner der Natur geisteskranker Verbrecher, wenn auch als ein etwas wunderlicher. Als Arzt übte er höchstens eine Gefälligkeitspraxis aus, und die nur unter unehrerbietigen Reden gegen den Wert seiner Wissenschaft; er lebte in der Hauptsache von den bescheidenen, aber regelmäßigen Einkünften aus seiner Gutachtertätigkeit, denn er war bei Gericht sehr beliebt wegen seines Verständnisses für die Aufgaben der Justiz. Er war so sehr Kenner, daß er vor lauter Wissenschaftlichkeit seine Wissenschaft leugnete, ja das menschliche Wissen überhaupt geringschätzte; im Grunde tat er es vielleicht nur, weil er sich auf diese Weise ungezügelt seinen persönlichen Neigungen überließ, die ihn dazu anstachelten, jeden Verbrecher, dessen geistige Gesundheit in Frage stand, mit großer Geschicklichkeit wie eine Kugel zu behandeln, die man durch die Löcher der Wissenschaft hindurch zum Ziel der Bestrafung treiben müsse. Man erzählt allerhand Geschichten von ihm, und Friedenthal, der wohl befürchtete, daß die übliche Unterhaltung zwischen den beiden Gegnern eine Auseinandersetzung zutage fördern könnte, die diesmal besser ungehört bliebe, nahm rasch das Wort, indem er sich gleich nach dem jungen Arzt an Clarisse wandte und ihr erläuterte, was dieser unter »Wortspalterei« verstehe. »Nach der Meinung unseres geschätzten Gastes Doktor Pfeiffer ist nämlich niemand fähig, über die Schuld eines Menschen zu entscheiden« sagte er mit besänftigendem Blick und Lächeln: »Wir Ärzte nicht, weil Schuld, Zurechnungsfähigkeit und all das durchaus keine medizinischen Begriffe sind, und die Richter nicht, weil man ohne Kenntnis der wichtigen Beziehungen zwischen Körper und Geist doch auch wieder nicht über solche Fragen urteilen kann. Bloß die Religion verlangt eindeutig die persönliche Verantwortung einer jeden Sünde vor Gott, und so laufen solche Fragen schließlich immer auf religiöse Überzeugungsfragen hinaus«Er hatte mit seinen letzten Worten sein Lächeln dem Pfarrer zugewandt und hoffte, dem Gespräch durch diese Neckerei eine harmlose Wendung zu geben. Der Pfarrer wurde denn auch etwas rot und lächelte verlegen zurück, und Moosbrugger drückte seine volle Billigung der Theorie, daß er vor das Forum Gottes und nicht vor die Psychiatrie gehöre, durch einen unmißverständlichen Brummlaut aus. Aber plötzlich sagte Clarisse: »Vielleicht ist der Kranke hier, weil er einen andern vertritt.«

Sie sagte es so schnell und unerwartet, daß es verloren ging; einige erstaunte Blicke streiften sie, aus deren Gesicht die Farbe bis auf zwei rote Flecken gewichen war, und dann lief das Gespräch in seiner eigenen Richtung weiter.

»Doch nicht ganz!« gab Dr. Pfeiffer Friedenthal zur Antwort und legte die Karten nieder. »Wir können ja einmal deutlich darüber reden, was es bedeutet, dieses: Ich rede als Arzt, von dem unser Kollege so große Stücke hält: Man legt uns einen aus dem Leben entstandenen Fall auf die Klinik; wir vergleichen ihn mit dem, was wir wissen, und den Rest, einfach das, was wir nicht wissen, einfach unsere Unwissenheit, muß der Delinquent verantworten. Ist es so oder nicht?«

Friedenthal zuckte staatsmännisch die Achseln und schwieg.

»Es ist so« wiederholte Pfeiffer. »Trotz allen Pomps der Gerechtigkeit wie der Wissenschaft, trotz allen Haarspaltens, trotz unserer Perücken von gespaltenen Haaren, läuft das Ganze zum Schluß doch nur darauf hinaus, daß der Richter sagt: Ich hätte das nicht getan, und daß wir Psychiater hinzufügen: Unsere Geisteskranken hätten sich auch nicht so benommen! Aber darunter, daß wir mit unseren Begriffen nicht besser in Ordnung sind, darf nicht die menschliche Gesellschaft zu Schaden kommen. Ob der Wille eines einzelnen Menschen frei oder unfrei ist, der Wille der Gesellschaft ist in dem, was sie als gut und bös behandelt, frei. Und ich für meine Person wünsche nicht im Sinn meiner Privatgefühle, sondern im Sinn der Gesellschaft gut zu sein!« Er zündete seine ausgegangene Zigarre von neuem an und strich sich die Barthaare vom feucht gewordenen Mund.

Auch Moosbrugger strich seinen Schnurrbart und klopfte mit dem Rand seines zusammengefalteten Kartenpakets rhythmisch auf die Tischplatte.

»Also, wollen wir weiterspielen oder nicht?« fragte der Assistent geduldig.

»Natürlich wollen wir weiterspielen« entgegnete Pfeiffer und nahm seine Karten auf. Sein Auge begegnete dem Moosbruggers. »Moosbrugger und ich sind übrigens der gleichen Meinung« fuhr er fort, mit sorgenvoller Miene sein Blatt betrachtend. »Wie war es, Moosbrugger? Der Herr Rat bei Gericht hat Sie doch verschiedentlich gefragt, warum Sie sich Sonntagskleider angezogen haben und ins Wirtshaus gegangen sind«

»Und rasieren lassen« verbesserte Moosbrugger; Moosbrugger konnte jederzeit darüber sprechen wie über eine Staatshandlung.

»In Ruhe rasieren lassen« wiederholte Pfeiffer. »Er hätte das nicht getan! hat er Ihnen vorgeworfen. Na also.« Er wandte sich an alle. »Ganz das gleiche tun wir, wenn wir sagen: unsre Kranken hätten das nicht getan. Beweist man viel auf diese Art?« Seine Worte waren diesmal brummend und gemütlich und nur ein Echo seiner vorangegangenen leidenschaftlicheren Verwahrung, denn das Spiel hatte nun wieder angefangen, in der Runde zu kreisen.

Auf Moosbruggers Gesicht war noch lange ein gönnerhaftes Lächeln wahrzunehmen, das sich erst im Spieleifer auflöste, wie die Falten in einem steifen Stoff mit der Dauer des Gebrauchs weichen. So hatte Clarisse nicht ganz unrecht, wenn sie den Kampf mehrerer Teufel um eine Seele zu sehen glaubte, aber die dabei herrschende Gemütlichkeit täuschte sie, und besonders wurde sie doch durch die Art verwirrt, in der sich Moosbrugger benahm. Er mochte anscheinend den jüngeren Arzt, der ihm helfen wollte, nicht gut leiden, duldete nur ungern seine Bemühungen und wurde unruhig, wenn er sie spürte. Vielleicht handelte er dabei nicht anders als jeder einfache Mensch, der es als frech empfindet, wenn sich einer zu angelegentlich um ihn bekümmert, jedoch war er jedesmal entzückt, wenn Dr. Pfeiffer sprach. Vermutlich war auch Entzückung nicht ganz das, was er in diesem Fall äußerte, denn ein solcher Zustand kam an Moosbruggers auf Würde und Haltung abgetönter Gestalt nicht vor, und viel von dem, was die Ärzte untereinander redeten, blieb auch ihm unverständlich; aber wenn schon geredet werden mußte, dann so, wie es von Dr. Pfeiffer geschah: das war im ganzen unbezweifelbar als seine Meinung zu sehen. Der Zusammenstoß der beiden Ärzte hatte ihn aufgemuntert, er begann seine Stiche wieder laut und englisch zu zählen und streute in auffälliger Wiederholung von Zeit zu Zeit die Bemerkung: »Wenn es sein muß, muß es eben sein!« ins Gespräch oder ins Schweigen. Sogar der gute Pfarrer, der schon manches gesehen hatte, schüttelte zuweilen den Kopf. Aber der Spott auf die irdische Gerechtigkeit hatte ihm nicht übel gefallen, und er freute sich darüber, daß sich die Gelehrten der weltlichen Wissenschaft nicht einigen konnten. Er erinnerte sich nicht mehr, wie alle diese Fragen nach kanonischem Recht zu entscheiden gewesen wären, von denen die Rede war, aber er dachte sanft: »Laßt sie gewähren, das letzte Wort spricht Gott«, und da er sich dieser Überzeugung wegen wenig an dem Wortgefecht beteiligte, gewann er im Tarock.

So bestand zwischen diesen vier Männern ein recht herzliches Einvernehmen. Wohl war Moosbruggers Kopf dabei als Preis ausgesetzt, aber das stört nicht im geringsten, solange jeder vollauf mit dem beschäftigt ist, was er vorher zu tun hat; denken doch auch die Männer, die mit dem Schmieden, Schleifen und Verkaufen von Messern beschäftigt sind, nicht unausgesetzt an das, was daraus werden kann. Überdies fand Moosbrugger, als der einzige, der die Tötung eines anderen Menschen selbst und unmittelbar kennengelernt hatte und dem sie auch bevorstand, daß sie nicht das Schlimmste sei, was einem Ehrenmann widerfahren könne. Das Leben ist der Güter höchstes nicht, sagt Schiller: das hatte Moosbrugger von Dr. Pfeiffer gehört, und es hatte ihm recht gut gefallen; und so, wie er, je nachdem sein Wesen angerufen und gewendet wurde, rührend und eine Bestie sein konnte, waren eben auch die anderen als Freunde und Henker in zwei verschiedene Wirkungskreise gespannt, die miteinander kaum eine Berührung hatten. Aber Clarisse beunruhigte das sehr. Im ersten Augenblick hatte sie schon gesehen, daß hier unter dem Schutz der Fröhlichkeit etwas Verheimlichtes vor sich gehe; aber sie hatte das nur in unklarem Bild erfaßt und, verwirrt von dem Inhalt der Reden, begriff sie erst jetzt, aber begriff jetzt nicht nur, sondern sah es auch mit warnender Eindringlichkeit, ja in seiner vollen Unheimlichkeit beständig vor sich, daß diese Männer Moosbrugger verstohlen beobachteten. Moosbrugger, der Ahnungslose, aber beobachtete sie, Clarisse. Von Zeit zu Zeit kam er heimlich mit seinen Augen daher und trachtete ihren Blick zu überraschen und zu fangen. Der Besuch dieser schönen und weitgereisten Frau ein wenig zu unbedeutend kamen ihm bloß die Magerkeit und Kleinheit Clarissens vor schmeichelte ihm sehr trotz aller Ehrungen, die ihm ohnehin widerfuhren. Er bezweifelte, wenn er ihren merkwürdigen Blick auf sich gerichtet fand, nicht einen Augenblick, daß seine buschbärtige Männlichkeit sie verliebt gemacht habe, und zuweilen entstand ein Lächeln unter seinem Schnurrbart, das diesen Sieg bestätigen sollte und mit seiner an Dienstmädchen erprobten Überlegenheit auf Clarisse ganz eigentümlich wirkte. Eine unaussprechliche Ohnmacht preßte ihr Herz zusammen. Sie hatte den Eindruck, Moosbrugger befinde sich in einer Falle, und ihr Fleisch am Leibe kam ihr wie ein ihm vorgeworfener Köder vor, während umher die Jäger lauerten.

Kurz entschlossen legte sie die Hand auf Friedenthals Arm und erklärte ihm, daß sie genug gesehen habe und sich ermüdet fühle. 93

Clarisse und Friedenthal


»Was haben Sie denn eigentlich damit gemeint, daß Sie sagten, er habe stets nur Ersatzweiber gehabt!« fragte Friedenthal, nachdem sie das Zimmer verlassen hatten.

»Nichts!« erwiderte Clarisse, die von dem Erlebten noch verstört war, mit einer abweisenden Gebärde.

Friedenthal wurde schwermütig und meinte, daß er die verwunderliche Darbietung rechtfertigen müsse. »Im Grunde sind wir natürlich alle unzurechnungsfähig« seufzte er. Clarisse antwortete: »Er am wenigsten!«

Friedenthal lächelte über den »Scherz«. »Haben Sie sich sehr gewundert?« fuhr er scheinbar erstaunt fort. »Es sind immerhin einzelne Züge an Moosbrugger recht schön zutage getreten.«

Clarisse blieb stehn. »Sie dürfen das nicht gewähren lassen!« forderte sie entschieden.

Ihr Begleiter lachte und befleißigte sich, seinen Geist in Szene zu setzen. »Was wollen Sie!« rief er aus. »Dem Mediziner ist eben alles Medizin, und dem Juristen alles Jus! Das Gerichtswesen geht letzten Endes von dem Begriff Zwang aus, der dem gesunden Leben angehört, aber ohne Bedenken meist auch auf Kranke anzuwenden ist. Ebenso ist aber der Begriff Krankheit mit seinen Konsequenzen, von dem wir Ärzte ausgehn, auf das gesunde Leben anwendbar. Das wird niemals unter einen Hut gebracht werden!«

»Das gibt es doch nicht!« rief Clarisse aus.

»Doch, das gibt es!« beschwerte sich sanft der Arzt. »Die menschlichen Wissenschaften haben sich zu verschiedenen Zeiten und zu Zwecken entwickelt, die miteinander nichts zu tun haben, So haben wir von der gleichen Sache die verschiedensten Begriffe. Zusammengefaßt ist das höchstens im Konversationslexikon. Und ich wette, daß nicht nur ich und der Pfarrer, sondern auch Sie und beispielsweise Ihr Herr Bruder oder Ihr Gatte und ich von jedem Wort, das wir dort aufschlügen, jeder nur eine Ecke des Inhalts und natürlich jeder eine andere kennten. Besser hat die Welt das nicht zustande gebracht!« Friedenthal hatte sich über Clarisse gelehnt, die in einer Fensternische stand, und stützte seinen Arm gegen das Fensterkreuz. Etwas echtes Empfinden klang aus seinen Worten. Er war ein Zweifler. Die Unsicherheit seiner Wissenschaft hatte ihm die Augen geöffnet für die Unsicherheit alles Wissens. Er wäre gern eine Persönlichkeit gewesen und ahnte in seinen besten Stunden, daß ihm das lähmende Durcheinander dessen, worüber es Wahrheit gebe, noch nicht gebe, oder niemals geben werde, nicht mehr gestatte als eine unfruchtbare und eitle Subjektivität. Er seufzte und fügte hinzu: »Manchmal ist mir zumute, die Fenster dieses Hauses seien nichts als Vergrößerungsgläser...!«

Clarisse fragte ernst: »Können wir noch ein wenig zu Ihnen gehn? Hier vermag ich nicht zu sprechen.« Unter dem Schild ihrer Wimpern schossen zwei Pfeile hervor. Friedenthal löste langsam die Hand vom Fenster und den Blick von ihrem Auge. Dann löste er auch seine Gedanken aus ihrer geoffenbarten Versunkenheit und sagte, während sie den Fliesengang entlang weiterschritten: »Dieser Pfeiffer ist eine sehr merkwürdige Figur. Er führt ein Leben ohne Freuden und Geliebte, aber er hat die größte Sammlung von Bildern, Andenken, Prozeßberichten und allem, was mit den Todesurteilen der letzten zwanzig oder dreißig Jahre zusammenhängt. Ich habe sie einmal gesehn. Merkwürdig. Laden voll seiner Opfer: geputzte und rohe, vom Verbrechen gezeichnete und ganz alltägliche Gesichter von Männern und Frauen lächeln einem aus vergilbtem Zeitungspapier und verblaßten Lichtbildern entgegen oder blicken in ihre unbekannte Zukunft. Dazu Kleiderreste, Strick-Enden richtige Galgenstricke, Spazierstöcke, Giftflaschen: kennen Sie das Museum in Zermatt, wo das aufbewahrt wird, was von denen, die ringsum von den Bergen abstürzen, übrigbleibt? Einen ähnlichen Eindruck macht es. Er hat offenbar ein zärtliches Verhältnis dazu. Man kann es auch merken, wenn er von den Opfern erzählt, zu deren gesetzlicher Ermordung, oder wie Sie es nennen wollen, er selbst beigetragen hat. Ein guter Beobachter gewahrt da vielleicht etwas wie eine Rivalität, Gehirntriumph, Geschlechtslust... Alles natürlich gänzlich innerhalb der Grenzen des Erlaubten und wissenschaftlich Zulässigen. Aber man kann wohl sagen, daß die Beschäftigung mit der Gefahr gefährlich macht«

»Er jagt sie?« fragte Clarisse gepreßt.

»Ja, man kann fast sagen, er ist ein Jäger, der sein Wild liebt.«

Clarisse erstarrte: sie wußte nicht, wie ihr geschah. Friedenthal hatte sie auf einem teilweise anderen Weg zurückgeführt und öffnete bei seinen Worten die Türe eines Saals, den sie durchschreiten mußten und der das Herrlichste zu enthalten schien, was sie je gesehen hatte. Es war ein großer Saal, und sie glaubte in ein lebendes Blumenbeet zu blicken. Es war der Saal der hysterischen Frauen, den sie durchschritten. Sie standen einzeln und in kleinen Gruppen umher und lagen ringsum in den Betten. Sie schienen alle blütenweiße Kleider zu tragen und aufgelöstes nachtschwarzes Haar zu haben. Clarisse konnte keine Einzelheiten erfassen, das Ganze glich etwas unsagbar Schönem und dramatisch Bewegtem. »Schwestern!« fühlte Clarisse gewaltig und reich in dem Augenblick, wo ihr und Friedenthal Aufmerksamkeit in unregelmäßigen Zügen zuströmte; sie hatte das Empfinden, mit einem Schwarm wundervoller Liebesvögel höher auffliegen zu können, als es alle Erregungen des Lebens und der Kunst gewähren. Ihr Begleiter kam mit ihr nur langsam vorwärts, denn allerhand demütig Verliebte näherten sich ihm oder strichen ihm in den Weg mit einer Stärke der erotischen Sanftheit, wie sie Clarisse noch nie erlebt hatte. Friedenthal richtete begütigende oder strenge Worte an diese und schob sie mit weichen Bewegungen von sich, und in den Betten lagen währenddessen andere Frauen in ihren weißen Jacken und hatten das Haar dunkel über die Polster gebreitet, Frauen, die mit Bauch und Beinen unter ihrer dünnen Decke das Drama der Liebe aufführten. Sündengestalten. Mit einem Mitspieler gepaart, der unsichtbar blieb, aber fühlbar da war, gegen den sie in übertriebener Abwehr die Arme stemmten, der übertrieben die Wogen ihres Busens aufwühlte, dem sich der Mund mit übermenschlicher Anstrengung entzog und der Bauch mit übermenschlichem Verlangen entgegen wölbte, während die Augen inmitten dieses obszönen Schauspiels unschuldig mit der bezaubernden leblosen Schönheit großer dunkler Blumen leuchteten.

Clarisse war noch tief verwirrt von diesem Blumenbeet der Liebe und der Leiden, von seinem krankhaften und doch berauschenden Duft, seinem Schimmer, dem Hindurchgleiten und Nicht-Stehenbleiben-dürfen, als sie schon in Friedenthals Zimmer saß und von ihm mit einem unermüdlichen Lächeln betrachtet wurde. Aus ihrer fast räumlich tiefen Abwesenheit zurückkehrend und sich sammelnd, klammerte sie sich an etwas, das sie mit rauher, fast mechanischer Stimme vorbrachte: »Erklären Sie ihn für unzurechnungsfähig!«

Friedenthal sah sie erstaunt an. »Meine Gnädige,« fragte er scherzhaft betont »welches Interesse haben Sie daran?«

Clarisse erschrak, weil ihr keine Antwort einfiel. Aber da ihr nichts einfiel, hatte sie plötzlich schlicht gesagt: »Weil er nichts dafür kann!«

Dr. Friedenthal musterte sie jetzt schärfer: »Woher wissen Sie das so sicher?«

Clarisse hielt seinem Blick kraftvoll stand und antwortete hochmütig, als wäre sie nicht sicher, ob sie ihn einer solchen Mitteilung würdigen dürfe: »Er ist ja doch nur hier, weil er einen anderen vertritt!« Sie zuckte belästigt die Schultern, sprang auf und sah zum Fenster hinaus. Als sie aber nach einer kleinen Weile keine Wirkung davon verspürte, drehte sie sich wieder um und gab klein bei. »Sie können mich nicht verstehn: er erinnert mich an jemand!« bemerkte sie, die Wahrheit halb abschwächend. Sie wollte nicht zu viel sagen und hielt sich zurück.

»Aber das ist doch kein Grund für die Wissenschaft!?« erwiderte Friedenthal gedehnt.

»Ich habe gedacht, Sie werden es tun, wenn ich Sie darum bitte!« sagte sie jetzt einfach.

»Sie nehmen das zu leicht« entgegnete der Arzt vorwurfsvoll. Er lehnte sich faustisch in seinen Sessel zurück und fuhr mit einem Blick auf sein Studio fort: »Haben Sie sich überhaupt überlegt, ob Sie dem Mann etwas Gutes erweisen, wenn Sie ihm statt einer Bestrafung die Internierung wünschen?! Der Aufenthalt in diesen Mauern ist kein Vergnügen...!« Er schüttelte schwermütig das Haupt.

Seine Besucherin erwiderte klar: »Zuerst muß der Henker weg von ihm!«

»Sehen Sie,« meinte Friedenthal »meiner Ansicht nach ist Moosbrugger ja wohl Epileptiker. Er weist aber auch Züge von Paraphrenia systematica und vielleicht von Dementia paranoides auf. Er ist eben in jeder Hinsicht ein Grenzfall. Seine Anfälle, bei denen qualvoll beängstigende Wahnvorstellungen und Sinnestäuschungen gewiß eine Rolle spielen, können Minuten bis Wochen dauern, aber sie übergehen oft unmerklich in volle Geistesklarheit, wie sie auch ohne feste Grenze aus ihr zu entstehen vermögen, und außerdem ist selbst im paroxysmalen Stadium das Bewußtsein nie ganz aufgehoben, sondern nur in verschiedenen Graden vermindert. Man könnte also wohl etwas für ihn tun, aber der Fall ist durchaus nicht so, daß man als Arzt seine Verantwortlichkeit ausschließen müßte!«

»Also werden Sie etwas für ihn tun?!« drängte Clarisse.

Friedenthal lächelte. »Ich weiß es noch nicht.«

»Sie müssen!«

»Sie sind sonderbar« erwiderte Friedenthal gedehnt. »Aber man könnte schwach werden.«

»Sie sind ja keinen Augenblick im Zweifel darüber, daß der Mann krank ist!« versicherte die junge Frau mit Nachdruck.

»Das natürlich nicht. Aber ich habe doch gar nicht darüber zu urteilen« verteidigte sich der Arzt. »Sie haben es doch schon gehört: Ich soll beurteilen, ob sein freier Wille bei der Tat ausgeschlossen war, ob sein Bewußtsein während der Tat abwesend war, ob er Einsicht in sein Unrecht besaß: lauter metaphysische Fragen, die für mich als Arzt gar nicht so zu stellen sind, bei denen ich aber doch auch auf den Richter Rücksicht nehmen muß!«

Clarisse ging in ihrer Aufregung wie ein Mann im Zimmer auf und ab. »Dann dürfen Sie sich nicht dazu hergeben!« rief sie hart aus. »Dann muß es eben anders versucht werden, wenn Sie gegen den Richter nicht aufkommen können!«

Friedenthal versuchte es auf neue Weise, seine Besucherin von ihren lästigen Ideen abzubringen. »Haben Sie sich eigentlich schon einmal vorgestellt, welche grausame Bestie dieser augenblicklich ruhige Halbkranke sein kann?« fragte er.

»Das kümmert uns jetzt nicht!« gab Clarisse zur Antwort, diesen Versuch kurz abschneidend. »Sie fragen auch bei einer Lungenentzündung nicht, ob Sie einem guten Menschen zum Weiterleben verhelfen! Jetzt haben Sie nur zu verhindern, daß Sie nicht selbst Gehilfe eines Mordes werden!«

Friedenthal hob wehmütig die Hände. »Sie sind ja verrückt!« sagte er betrübt und unhöflich.

»Man muß den Mut dazu haben, wenn die Welt wieder recht werden soll! Es muß von Zeit zu Zeit Menschen geben, die nicht mitlügen!« versicherte Clarisse lebhaft.

Er hielt es für einen geistvollen Scherz, den er in der Eile nicht ganz verstanden habe. Diese kleine Person hatte von Anfang an Eindruck auf ihn gemacht, zumal da er, geblendet durch General von Stumm, ihre gesellschaftliche Stellung überschätzte; und einen etwas verwirrten Eindruck machen ja heutzutage viele junge Menschen. Er fand, daß sie etwas Besonderes sei, und fühlte sich von ihrem unbefangenen Eifer unruhig berührt als von etwas rücksichtslos, ja vornehm Strahlendem. Allerdings hätte er diese Ausstrahlung vielleicht nicht nur als die eines Diamanten ansehn sollen, denn sie hatte auch etwas von einem überheizten Ofen: etwas durchaus Ungemütliches, das heiß und frostig machte. Er prüfte unauffällig seine Besucherin: Stigmata erhöhter Nervosität ließen sich zweifellos an ihr wahrnehmen. Aber wer hätte heutzutage solche Stigmata nicht! Friedenthal erging es nicht anders, als es üblich ist denn bei. unsicheren Vorstellungen von dem, was wirklich bedeutend sei, hat das Verwirrte immer die gleiche Chance, es zu übertreffen, die der Hochstapler in einer unsicheren Gesellschaft hat, und obwohl er ein recht guter Beobachter war, hatte er sich stets wieder beruhigt, was immer auch Clarisse mit Reden anstellte. Schließlich kann man doch einen jeden Menschen als das verkleinerte Probestück eines Geisteskranken auffassen; das ist geradeso Sache der Theorie, wie man ihn einmal psychologisch betrachtet und ein andermal chemisch: und da seit Clarissens letzten Worten ein Schweigen klaffte, suchte er wieder »Kontakt« und trachtete zur gleichen Zeit abermals, sie von ihren unbequemen Forderungen abzulenken. »Haben Ihnen eigentlich die Frauen, bei denen wir gewesen sind, gefallen?« fragte er.

»Oh, wunderbar!« rief Clarisse aus. Sie stand vor ihm still, und die Härte war plötzlich aus ihrem Gesicht gewichen. »Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll« fügte sie sanft hinzu. »Dieser Saal ist wie ein ungeheures Vergrößerungsglas, über Triumph und Leiden einer Frau gehalten!«

Friedenthal lächelte befriedigt. »Nun sehen Sie es« sagte er. »Nun werden Sie es mir wohl auch zubilligen, daß mir die Anziehung, die das Kranke ausübt, nicht fremd ist. Aber ich muß Grenzen einhalten, muß trennen. Dagegen wollte ich Sie fragen, gnädige Frau, ob Sie schon einmal bedacht haben, daß auch die Liebe eine Störung des Geistes ist. Es gibt doch kaum einen Menschen, der nicht in seinem geheimsten und aufrichtigsten Liebesleben etwas verbürge, das er nur dem Mitschuldigen zeigt, Tollheiten, Schwächen: sagen wir ruhig Perversität und Wahn. In der Öffentlichkeit muß man dagegen einschreiten, im inneren Leben kann man sich aber nicht immer mit der gleichen Strenge gegen etwas Derartiges wappnen. Und Nervenärzte schließlich ist die Heilkunde doch auch eine Kunst werden ihren größten Erfolg dann haben, wenn sie zu dem Material, in dem sie arbeiten, in einem gewissen Sympathieverhältnis und Rapport stehen.« Er hatte die Hand seiner Besucherin ergriffen, und Clarisse überließ ihm deren äußerste Fingerglieder, die sie zwischen seinen Fingern so weich und ohnmächtig liegen fühlte, als wären sie von ihr gefallen wie die Blätter, die eine Blüte verliert. Sie war plötzlich völlig Frau, voll dieser zarten Willkür gegenüber den Bitten eines Mannes, und was sie am Morgen erlebt hatte, war vergessen. Ein lautloser Seufzer öffnete ihre Lippen. Es kam ihr vor, daß sie noch nie oder zuletzt vor ungeheuer langer Zeit so empfunden hätte, und offenbar kam Friedenthal, der ihr selbst keineswegs ungewöhnlich gefiel, in diesem Augenblick etwas von dem Zauber seines Reichs zugute. Aber sie nahm sich zusammen und fragte hart: »Wozu haben Sie sich also entschlossen?«

»Ich muß jetzt meinen Rundgang antreten« antwortete der Arzt »und möchte Sie gerne wiedersehn; aber nicht hier: können wir uns nicht irgendwo treffen?«

»Vielleicht!« entgegnete Clarisse. »Wenn Sie meine Bitte erfüllt haben!«

Ihre Lippen verschmälerten sich, aus ihrer Haut wich das Blut, und die Wangen sahen dadurch rund wie zwei kleine Lederbälle aus, in ihren Augen war zu viel Druck. Friedenthal fühlte sich plötzlich ausgenützt. Es ist merkwürdig, aber wenn ein Mensch in einem andern bloß ein Mittel zu einem Zweck sieht, gewinnt er desto leichter das zugangslose Aussehen eines Geisteskranken, je natürlicher es ihm erscheint, daß man ihn berücksichtigen müsse. »Wir sehen hier stündlich Seelenleiden, aber wir müssen uns innerhalb unserer Grenzen halten!« wehrte Friedenthal ab. Er wurde behutsam.

Clarisse sagte: »Gut, Sie wollen nicht. Ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag.« Sie stand klein vor ihm, die Beine gespreizt, die Hände hinter sich, und sah ihn mit einem verlegen-spöttischen, drängenden Lächeln an: »Ich werde als Schwester in die Klinik eintreten!«

Der Arzt erhob sich und bat sie, mit ihrem Bruder darüber zu sprechen, der ihr erklären werde, wieviel dazu nötige Bedingungen sie nicht erfülle. Bei seinen Worten wich der hineingepreßte Spott aus ihren Augen, und sie füllten sich mit Tränen. »Dann wünsche ich,« sagte sie, beinahe tonlos vor Aufregung »daß ich als Kranke aufgenommen werde! Ich habe eine Aufgabe!« Weil sie sich fürchtete, ihre Sache zu verderben, wenn sie den Arzt ansehe, blickte sie zur Seite, und ein wenig zur Höhe, und vielleicht irrten ihre Augen auch etwas umher. Ein Schauer erhitzte ihre Haut, die jetzt rot aufblühte. Sie sah nun schön und zärtlichkeitsbedürftig aus, aber es war zu spät; der Ärger über ihre Zudringlichkeit hatte den Arzt ernüchtert und zur Zurückhaltung bestimmt. Er fragte sie nicht einmal mehr aus, denn es erschien ihm ebenso mit Rücksicht auf den General und Ulrich, die sie hergebracht hatten, wie darauf, daß er selbst ihr seither nahezu unzulässige Begünstigungen eingeräumt habe, als das klügste, nicht zuviel von ihr zu wissen. Und nur aus alter ärztlicher Gewohnheit wurde seine Sprache von diesem Augenblick an noch sanfter und nachdrücklicher, während er Clarisse sein Bedauern darüber ausdrückte, ihren zweiten Wunsch erst recht nicht erfüllen zu können, und ihr riet, sich auch mit diesem Wunsch ihrem Bruder anzuvertraun. Er teilte ihr sogar mit, daß er, ehe das geschehen sei, eine Fortsetzung ihrer Besuche der Klinik nicht zulassen könne, so sehr er sich damit selbst beraube.

Clarisse setzte seinen Reden eigentlich gar keinen Widerstand entgegen. Sie hatte Friedenthal ja schon Schlimmeres zugetraut. »Er ist ein tadelloser medizinischer Bürokrat« sagte sie sich, das erleichterte den Abschied; sie reichte dem Arzt unbefangen die Hand, und ihre Augen lachten verschmitzt. Sie war ganz und gar nicht niedergeschlagen und überlegte sich, die Treppe hinabsteigend, schon andere Möglichkeiten.


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Werden eines Tatmenschen


Direktor Leo Fischel hätte trotz seines gesetzten Alters am liebsten jeden gefragt: Wissen Sie, wer Leona ist? Aber er wußte, daß man das nicht tun dürfe. So blieb es sein Geheimnis. Wer war Leona? Leona war jene Leontine, die Ulrich so getauft hatte, weil sie ihm wie ein großes Löwenfell vorkam, das sich mit Delikatessen ausstopfte. Sie trat in kleinen Singspielhallen auf und sang bürgerliche Schmachtlieder mit außerordentlicher Ehrbarkeit. Sie aß und trank immer zuviel. Es war ihre Art von Vornehmheit. Wenn sie auf der Speisekarte Polmone a la Torlonia las, sprach sie es aus, wie wenn ein andrer beiläufig sagt, daß er mit dem Fürsten gleichen Namens gesprochen habe. Wenn ihr Magen sich hob in jener leicht unangenehmen Weise, die noch lange kein Übergeben ist, weil sie zu schwer gegessen und getrunken hatte, so empfand sie das wie eine gehobene gesellschaftliche Stellung. Es war eine üble Zeit Ulrichs gewesen, die er mit ihr verbracht hatte. Lange Nächte hindurch war ihm zumute gewesen, er habe sich in einen Käfig geschlichen und säße nun in der Ecke, während in der anderen dunklen Ecke ein unbekanntes Tier hockte, das ihn als seinen Mann ansehe. Er hatte sich bald und in einer anständigen Weise von Leona befreit, die es ihr ermöglichte, sich noch einige Monate in der Hauptstadt zu halten, von deren Genüssen sie sich nicht trennen wollte, und ohne es zu wissen, hatte er damit Leonas Glück begründet. Sie war das talentloseste Geschöpf, das je eine Bühne belastet hat, aber es gibt eine deutsche Wortverbindung »dumm und gefräßig«, und durch die Beliebtheit dieser Wortverbindung machte sie ihr Glück. Natürlich gehörte auch Zufall dazu; sachliches Verdienst allein kommt ja nirgends vorwärts. Vielleicht war sogar auch an diesem Zufall Ulrich beteiligt; er hatte Arnheim, der als umsichtiger Reisender auch die niederen Vergnügungsstätten kennenlernen wollte, einmal in Gesellschaft Tuzzis zu einem Auftreten Leonas mitgenommen und sich das Unerlaubte erlaubt, auch Leo Fischel mitzubringen, der damals, um seine Frau zu ärgern, durchaus die Bekanntschaft Arnheims machen wollte. Der Abend war nicht gerade erfreulich verlaufen, aber Ulrich mochte wohl einige Erklärungen zu Leona gegeben haben, und Sektionschef Tuzzi, dem sie gefielen, mochte im Ministerium des Äußeren davon Gebrauch gemacht haben, da in der Diplomatie und Politik Anekdoten bekanntlich hoch im Wert stehn. Kurz, Leonas sehenswürdige Gefräßigkeit erregte die Wißbegierde einiger jungen Adligen, und als sich herausstellte, daß diese Frau auch noch dumm und schön sei, war ihr Ruf begründet. Es wurde zum Spaß des Tages und galt einige Wochen hindurch für witzig, Leona nach der Vorstellung zu füttern, so wie in der kaiserlichen Menagerie die Seehunde gefüttert wurden; es gelang Leona dadurch sogar, einen vorteilhaften Engagementswechsel zu erreichen. Vielleicht war Leona überhaupt nicht dümmer, sondern nur gefräßiger als ihre neuen Freunde. Man goß ihr Champagner, statt in den Mund, daran vorbei in den Busen, man streute ihr Kaviar ins Haar, man warf ihr Fleischschnitten oder Fische zu, nach denen sie schnappen sollte: aber schließlich bekam sie von alledem doch das meiste in den Mund, und sie hatte die Genugtuung, die Vergnügungen der besten Gesellschaft des Landes zu teilen. Wodurch sie den Ruf ihrer Dummheit aber immer von neuem bestärkte, war ihre Langsamkeit in allem, ausgenommen das Essen und Trinken. Man rief ihr ein gemeines oder rohes Wort zu, und sie blickte mit sanften, fragenden Augen auf, durch die der Anblick so langsam hineinglitt wie ein Kaninchen in den Schlund einer Schlange, die gründlich einspeichelt. Und wenn man sie körperlich angriff, wehrte sie sich so verlegen dagegen wie ein Mensch, der unsicher ist, ob er seine Kraft einer Kleinigkeit opfern solle. So war sie auch in der Liebe, die ihr völlig gleichgültig blieb, bis auf ein Fünkchen von Wollust, wenn man so sagen darf, das irgendwann im Verlauf der Begebenheit wie eine Mücke in ihrem ungetrübten Gleichmut sichtbar wurde und verschwand. Behendere Menschen nennen so etwas dumm, und Leona hätte niemals darüber mit ihnen gestritten, obgleich sie es eher vornehm fand; außerdem hatte sie bald den Vorteil erraten, daß ihr aus dem Ruf, dumm und gefräßig zu sein, Bewunderung erwuchs. Denn »dumm und gefräßig« ist eine Wortverbindung, die jedermann gerne ausspricht, obgleich man selten im Leben Gelegenheit hat, etwas zu sehen, das sie wirklich darstellt, und sieht man es, so fühlt man sich dadurch geschmeichelt und ausgezeichnet als der besondere Kerl, dem es gelungen ist, so etwas aufzustöbern. Man denke, was ein Mensch sich auf sich einbilden möchte, dem es zum Beispiel gelungen wäre, die eine Schwalbe zu besitzen, die noch keinen Sommer macht. Auch wenn man glaubt, das Wahre, Gute und Schöne in einer Person verleiblicht angetroffen zu haben, wird man ähnlich berührt. Und auf solchen Gründen beruhte auch der Erfolg Leonas, ohne daß sie es natürlich wußte. Leider ist die gute Gesellschaft flatterhaft und sucht schon nach wenigen Wochen neue geistige Anregung, so daß Leona bald in die Gefahr geriet, wieder im Dunkel zu versinken. Aber ehe sie das noch wußte und Zeit gefunden hatte, darüber zu erschrecken, trat Leo Fischel als Retter auf.

Direktor Fischel hatte schon bei jenem ersten Besuch mit Ulrich und Arnheim einen starken Eindruck von ihr empfangen und war einigemal wiedergekehrt, um sie zu bewundern. Er war ein Freigeist, und die Harmonie ihres Antlitzes erinnerte ihn an die Bildnisse von Königinnen. Er nannte sie bei sich eine edle Schönheit, um damit zu entschuldigen, daß er öfters einen Sitz in der ersten Reihe des teuren Variétés nahm, in dem sie damals auftrat, was ganz gegen seine Ansichten von der Sparsamkeit eines kaufmännischen Angestellten ging, als den er sich bitter bezeichnete. Daß er gehört hatte, die schöne Frau habe Verhältnisse mit Adligen, gefiel ihm und beruhigte ihn über die Aussichtslosigkeit jedes Verlangens; selbst ihr teurer Appetit, von dem er sich durch Ulrich gehört zu haben erinnerte, gewann dadurch jene Vornehmheit, die alles Unerreichbare hat. So kam sie ihm, wenn er sie durch ein Fernglas betrachtete, in ihrer Ruhe und Schönheit als das vor, wonach er sich sehnte, sooft er aus der Bank nachhause gehen sollte und annehmen durfte, daheim seine Gattin Klementine vorzufinden. Man kann beinahe sagen, sie war sein Ideal, ehe sie eines Tags seine Wirklichkeit wurde. Aber mit Leo Fischel gingen in jener Zeit große Veränderungen vor sich. Um es kurz zu sagen, aus dem verläßlichen Prokuristen mit dem Titel Direktor, der niemals mehr zum Kummer seiner Gattin Klementine ein wirklicher Direktor zu werden schien, begann gerade damals ein erpichter Spekulant zu werden; daran war aber nicht etwa Leona schuld, sondern Klementine, denn Leo Fischel hatte den Kummer in seinem Hause satt. Er wäre zeit seines Lebens ein verläßlicher kaufmännischer Beamter geblieben, wenn seine Gattin zu ihm aufgeblickt und seine Tochter Gerda ihn anerkannt hätte. Seit Jahren geschah aber von beidem das Gegenteil. Leo Fischel liebte es, das Leben als vernünftig begründet zu erkennen und täglich ein wenig darüber zu sprechen; ein in der Volkswirtschaft schaffender Mensch erübrigt aber nicht viel Zeit dafür, und Widerspruch ist für ihn so viel wie ein Raubanfall. Dies vorausgesetzt, läßt sich sagen, daß Fischel von den zwei Frauen seit Jahren gemordet wurde. Möge ein andrer versuchen, was es heißt, wenn man ohne Ausnahme von seiner Umgebung bestritten und geleugnet wird. Eine Frau wird unschön, sobald ihr durch längere Zeit niemand sagt, daß sie schön sei, und ein Geist, der niemals Erfolg findet, welkt ab, sofern er nicht zu gewaltigem Trotz entartet, wozu aber Leo Fischel keine Zeit hatte. Da trat an ihn die Versuchung in Form eines Kompaniegeschäfts heran, das man ihm anbot. Es war eine Spekulation, und er sollte sich mit keinem großen Betrag beteiligen, es kam mehr auf den Einblick an, den er durch seine Stellung in gewisse Geschehnisse besaß. Um es kurz zu sagen, er verdiente mit einem Schlag und ohne Mühe, wenn auch auf keine ganz schöne Weise, ein ziemliches Stück Geld, stieg ein zweitesmal hinein und verdiente noch mehr. Das Fischelsche Einkommen hatte bisher für die Bedürfnisse ausgereicht und kleine Rücklagen ermöglicht, die durch Badereisen und andere außerordentliche Ausgaben jedesmal wieder aufgezehrt wurden; zum erstenmal seit seiner Verheiratung erkannte Leo Fischel jetzt wieder den Reiz, das sanfte und warme Geborgensein, das sich einstellt, sobald ein Mensch mehr einnimmt als er verbraucht. Aber das war nicht die Hauptsache. Was sein Schicksal entschied und ihn binnen kurzer Zeit veränderte, war die Erkenntnis seiner Kraft und des ruhigen Wohlgefühls, das sich einstellt, wenn ein Mann von seiner Kraft Gebrauch macht. Die Zeit, wo er nicht spekuliert hatte, obgleich sie sein ganzes Leben ausmachte, kam ihm vor wie eine Entmannung. Wie konnte er, wenn er schon Bankmann war, so feig gewesen sein, das nicht zu benützen! Seine Grundsätze waren mit einem Schlag vergessen. Nach diesen Grundsätzen war das Geld eine vernünftige Macht, dazu bestimmt, durch Angebot und Nachfrage die Zivilisation zu befruchten und von Ausschreitungen zurückzuhalten. Leo Fischel hatte einmal in einer nachdenklichen Stunde Schiller so umgedichtet: Wohltätig ist des Geldes Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht. Vielleicht war es sogar das, was Schiller eigentlich hatte ausdrücken wollen, und der Beruf des Bankbeamten erschien Fischel als eine heilige Feuerwache. Niemals hätte er zugegeben, daß man selbst die Hand ins Feuer stecken und spielen dürfe, obgleich er wußte, daß die Obersten es taten; aber die Obersten erschienen ihm nicht als Spekulanten, sondern als Gewaltige, die einen derartigen Überblick über den Geldmarkt hatten, daß sie ihre Taschen geradezu hätten zunähen müssen, wenn nicht unwillkürlich etwas hineinfließen sollte. Er war der geborene Subalterne. Aber es schien nur so; in Wahrheit hatte ihn nur sein Idealismus zum Untergebenen gemacht, denn jeder irdische Idealismus hat den Zweck, die Begierden auf Höheres abzulenken und in einer den Machthabern genehmen Weise zu entkräften. Fischel kam sich hereingefallen vor. Er hatte treu an das Hohe geglaubt, an die fortschreitende geistige Rentabilität der Welt; er war arm geblieben, seine Frau hatte ihn nicht mehr respektiert, er hatte es erleben müssen, daß ein bübischer Antisemit sich seiner Tochter bemächtigte, und wenn er sich gegen etwas verwahrte, behandelte man ihn nachsichtig wie einen Kranken oder einen, der durch Unglück im Zuchthaus gesessen ist! So hatte sich die Abwendung Fischels von seinen Grundsätzen schon lange vorbereitet, und die Ereignisse, die in sein Leben eingetreten waren, hatten diesen Grundsätzen bloß einen letzten gewaltigen Tritt gegeben. Es war Fischel nicht um das Verdienen zu tun, er stürzte sich nicht auf den Besitz, sondern auf eine neue rettende Idee seines Lebens; die verheerende Leidenschaft einer großen Greisenliebe für die ewige Jugend und Unmoral des Geldes war in ihm entfacht worden.

Von dem Augenblick an, wo Fischel unerlaubte Geschäfte machte, ließen ihn die säuerlichen Antworten seiner Gattin Klementine kalt. Die Frage, ob in einer guten Familie Zahnstocher auf den Tisch kommen dürfen oder nicht, die mindestens einmal in jeder Woche einen Streit ausgelöst hatte, der zwei Weltanschauungen in Brand setzte, beantwortete er damit, daß er am Familientisch auf den Zahnstocher entgegenkommend verzichtete, dagegen oft unter dem Vorwand geschäftlicher Besprechung dem Familientisch fernblieb. Selbst die materielle Gesinnung, die ihm so oft morgens am Frühstückstisch nach peinlichem nächtlichen Erlebnis die steife Verachtung seiner Gattin zugezogen hatte, schien jetzt von ihm geschwunden zu sein, und Klementine, die er verachtete, aber, um sie nicht argwöhnisch zu machen, öfters mit kleinen Aufmerksamkeiten beschenkte, begann zuweilen über ihrem gefrorenen Fleisch einen dünnen Hauch ihrer einstigen Zärtlichkeit erblicken zu lassen. Natürlich hätte sie die Veränderung im Benehmen ihres Gatten geradezu mißtrauisch machen müssen, aber Leo war trotz seines Alters noch ein Anfänger, und Klementine hätte es niemals für möglich gehalten, was geschah; sie nahm gläubig an, daß Aufmerksamkeiten und Abwesenheiten ihres Gatten mit erhöhter geschäftlicher Tätigkeit und freudig stimmenden Vergütungen dafür zusammenhingen.

Leo aber hatte sich, als Geld in seinen Besitz kam, stracks Leona genähert. Leona in ihrer Ahnungslosigkeit behandelte ihn anfangs, obgleich sie mit ihren Erfolgen bei anderen schon wieder im Abstieg war, schrecklich von oben herab, aber ihre Dummheit brachte ihr auch in dieser veränderten Anwendung Glück, denn Leo war es als erfahrenem Mann klar, daß er auf dem neuen Gebiet nicht über genügend Kenntnisse verfüge, und die ersten Erfahrungen schüchterten ihn ein. Ihre rosa und grünen Seidenhemden kamen ihm unvergleichlich eleganter vor als die soliden Hemden seiner Frau. Ihre körperliche Gleichgültigkeit war ihm nichts Neues. Daß sie eine Monatsgeliebte war, ekelte ihn nicht, im Gegenteil, es schmeichelte ihm, der Nachfolger hochgeborener Männer zu sein, und verschmolz in seinem Bewußtsein mit Leonas Vorliebe für Leckerbissen. Es kam dazu, daß Leonas Schönheit etwas Altmodisches hatte; die Frauenbilder, zu denen er als Knabe mit dem trüben Feuer der ersten Empfindungen aufgeblickt hatte, hatten so ausgesehen, und wenn sich Leonas vollgegessener Körper aus den Kleidern wickelte, war ihm wie beim Einzug in ein Träumeland zumute. Mit einem Wort, er war so glücklich, wie ein Mann nur sein kann, denn ein Mann ist nie so glücklich, wie wenn es ihm gelingt, sich so zu benehmen, wie er es sich als Knabe gewünscht hat, und das machte Fischel zu einem liebenswürdigeren Gatten und Vater, als er es vordem gewesen war. Es erzog ihn aber auch zu einem Verhalten gegen sich selbst, das man als größere Gewissenhaftigkeit bezeichnen muß. Schon wenn ein Mann nach jahrelanger Treue die Vorbereitungen zum ersten Ehebruch trifft, ist das, wie wenn ein altes Schiff neu gestrichen und getakelt wird. Was gibt es da nicht alles zu bemerken und zu verbessern, von den vernachlässigten Zehen angefangen bis zur Krawatte, die keine schäbige Stelle haben darf, die man beim Binden kunstvoll verschwinden läßt! Da gibt es keine geflickten Hemden und gestopften Socken, die das Bild der Treue sind, sondern ein Mann auf Abwegen ist immer proper und überlegt bis ins kleinste.

Als Leo Fischel die neuen Eigenschaften natürlich geworden waren, lichtete sich übrigens der Glanz ein wenig, mit dem ihn Leona geblendet hatte. Der Begriff Leo und Leona war jetzt nicht mehr ein Glücksstrahl, der in Fischels Seele fiel, sondern nur noch ein Stück in einer vornehmen Herrengarderobe. Fischel nahm sich Leonas Finanzen an, indem er ihre Einnahmen während des letzten Jahres nachrechnete und ihr bewies, daß sie unkaufmännisch gewirtschaftet habe und elend verkommen werde, wenn sie nicht rechtzeitig lerne, mit kleineren Beträgen auszukommen. Leona ließ sich dies lange Zeit gefallen, weil ihre Faulheit vor einem Wechsel zurückschreckte und Fischel wenigstens an ihren gastronomischen Neigungen wie einem überkommenen Erbstück nicht rührte, aber zum erstenmal dämmerte ihr, daß sie gefallen sei. Fischel wandte sein Geld indes neuen Aufgaben zu. »Gerda!« sagte er zu seiner ungebärdigen Tochter. »Du hast durch meine Anstrengungen viel Geld, wenn du heiraten willst. Du kannst dir jeden Mann aussuchen!« Aber Gerda, die dem gütigen Tonfall ihres Vaters nicht mit einem Angriff wegen Hans begegnen wollte, antwortete jedesmal bloß: »Danke, Papa, man muß nicht heiraten!« Da war es dann leichter, ein Wort über die Verrücktheit der Welt zu unterdrücken, wenn Leo daran dachte, daß ihn abends Leona erwarte und er vorher eine Ausrede ersinnen müsse. Es schien ihm auf diese Weise, daß Gerda netter und nachgiebiger geworden sei, und daß man nicht ganz so viel sich über sie ärgern müsse wie früher. 100

Werden eines Tatmenschen. Fortsetzung


Ulrich hatte das schlechte Gewissen zu Gerda getrieben; seit jenem traurigen Auftritt zwischen ihnen hatte er nichts von ihr gehört und wußte nicht, wie sie mit ihrem Zustand fertig geworden sei. Zu seiner Überraschung traf er bei Fischels Papa Leo an; Mama Klementine war mit Gerda ausgegangen. Leo Fischel ließ Ulrich nicht fort; er war selbst ins Vorzimmer herausgeeilt, als er seine Stimme erkannte. Ulrich hatte das Gefühl von Veränderungen. Direktor Fischel schien den Schneider gewechselt zu haben; sein Einkommen mußte größer und seine Gesinnung weniger groß geworden sein. Auch war er sonst immer länger in der Bank geblieben; er arbeitete niemals zuhause, seit die Luft dort so unerfreulich geworden war. Heute aber schien er an seinem Schreibtisch gesessen zu haben, obgleich dieser »sausende Webstuhl der Zeit« seit Jahren unbenutzt war; ein Paket Briefe lag auf dem grünen Tuch, und das vernickelte Telefon, das sonst nur den Damen diente, stand schief, als sei es eben in Gebrauch gewesen. Nachdem Ulrich Platz genommen hatte, drehte sich ihm Fischel mit dem Schreibtischsessel zu und polierte sein Glas mit einem Taschentuch, das er aus der Brusttasche zog, obgleich er früher bestimmt gegen solche Geckerei eingewandt hätte, daß es einem Goethe genügt hat, seine Taschentücher in der Hosentasche zu tragen; mochte das nun stimmen oder nicht.

»Lange nicht gesehen« sagte Direktor Fischel.

»Ja« sagte Ulrich.

»Sie haben viel geerbt?« fragte Fischel.

»Ach« sagte Ulrich. »Hinlänglich.«

»Ja, man hat Sorgen.«

»Sie sehen aber ausgezeichnet aus? Sie haben sich irgendwie verjüngt.«

»O, danke, beruflich ging es ja immer. Aber sehen Sie,« er wies schwermütig auf den Briefstoß, der auf dem Schreibtisch lag »Sie kennen doch Hans Sepp?«

»Natürlich. Sie haben mich ja ins Vertrauen gezogen.«

»Richtig!« sagte Fischel.

»Das sind wohl Liebesbriefe?«

Das Telefon klingelte. Fischel setzte den Kneifer auf, den er beim Sprechen abgenommen hatte, fingerte ein Blatt mit Notizen aus dem Rock und sagte: »Kaufen!« Dann sprach die Stimme auf der anderen Seite des Drahts eine lange Weile unhörbar auf ihn ein. Von Zeit zu Zeit blickte Fischel über das Glas zu Ulrich auf, einmal sagte er sogar: »Entschuldigen Sie!« Dann rief er in den Apparat: »Nein, danke; die zweite Sache liegt mir nicht! Reden? Ja, noch einmal darüber reden können wir« und hängte mit einem ganz kurzen befriedigten Nachdenken ab.

»Sehen Sie« sagte Fischel. »Da ist jemand in Amsterdam; viel zu teuer! Die Sache war vor drei Wochen nicht die Hälfte wert und in drei Wochen wird sie nicht einmal die Hälfte wert sein von dem, was sie jetzt kostet. Aber dazwischen wäre ein Geschäft zu machen. Ein großes Risiko!«

»Sie haben ja auch nicht gewollt« meinte Ulrich.

»Ach, das ist noch nicht gesagt. Aber ein großes Risiko! ... Und trotzdem, lassen Sie sich sagen, ist das Bauen in Marmor, Stein auf Stein! Kann man auf die Gesinnung, die Liebe, die Ideale eines Menschen bauen?!« Er dachte an seine Frau und an Gerda. Wie anders war das anfangs gewesen! Das Telefon klingelte wieder, aber diesmal war es ein Irrtum.

»Früher haben Sie feste moralische Werte sogar höher bewertet als eine feste Börse« sagte Ulrich. »Wie oft haben Sie es mir verübelt, daß ich Ihnen darin nicht folgen konnte!«

»Ach,« antwortete Fischel »Ideale sind wie Luft, die sich verändert, du weißt nicht wie; bei geschlossenen Fenstern! Hat man vor fünfundzwanzig Jahren eine Ahnung vom Antisemitismus gehabt? Nein, man hatte die großen Gesichtspunkte der Humanität! Sie sind zu jung. Ich aber habe noch einige große Parlamentsdebatten gehört. Die Ausklänge! Verläßlich ist nur, was man in Ziffern ausdrücken kann! Glauben Sie mir, die Welt wäre viel vernünftiger, wenn man sie einfach dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage überließe, statt sie mit Panzerschiffen, Bajonetten, wirtschaftsfremden Diplomaten und sogenannten nationalen Idealen auszurüsten.«

Ulrich unterbrach ihn mit dem Einwand, daß doch gerade die Schwerindustrie und die Banken durch ihre Ansprüche die Völker zu Rüstungen antreiben.

»Nun, sollen sie nicht??« erwiderte Fischel. »Wenn die Welt ist, wie sie ist, und am hellen Tag in Narrenkostümen herumläuft, sollen sie nicht damit rechnen? Wenn nun einmal Militär für Zollverhandlungen oder gegen Streikende gut ist?! Wissen Sie, das Geld hat seine eigene Vernunft, damit läßt sich nicht spaßen! Übrigens à propos, haben Sie etwas Neues von den Arnheimschen Erzlagern gehört?« Wieder hatte das Klingelzeichen gerufen; aber mit der Hand am Apparat wartete Fischel die Antwort Ulrichs ab. Das Gespräch war kurz, und Fischel hatte den Faden ihres Gesprächs nicht verloren; da Ulrich von Arnheim nichts Neues wußte, wiederholte er, daß das Geld eine eigene Vernunft habe. »Geben Sie acht« fügte er hinzu. »Wenn ich Hans Sepp 500 Mark anbieten ließe, damit er sich an eine Universität seines über alles geliebten Deutschlands verzieht, so würde er sie entrüstet zurückweisen. Wenn ich ihm 1000 biete, gleichfalls. Ließe ich ihm jedoch 10000 anbieten aber das werde ich nie im Leben tun, selbst wenn ich noch so viel Geld hätte!« Es sah beinahe so aus, als hätte Direktor Fischel vor Schreck über einen solchen Einfall den Zusammenhang verloren, aber er überlegte nur und fuhr fort: »Das kann man eben nicht, weil Geld seine eigene Vernunft hat. Bei einem Mann, der unsinnige Ausgaben macht, bleibt es nicht; es flieht ihn, es macht ihn zu einem Verschwender. Daß die 10000 Mark sich weigern, Hans Sepp angeboten zu werden, beweist, daß dieser Hans Sepp nichts Reelles, kein Wert, sondern ein gottsträfliches Schwindelgewächs ist, mit dem mich der Herr züchtigt.«

Wieder wurde Fischel unterbrochen. Diesesmal durch lange Mitteilungen. Ulrich fiel auf, daß er sich solche Geschäfte in die Wohnung bestellt habe, statt ins Büro. Fischel gab drei Aufträge zu kaufen und einen auf Verkauf. Dazwischen hatte er Zeit an seine Frau zu denken. Wenn ich nun ihr Geld bieten möchte, damit sie sich von mir scheiden lasse, fragte er sich, würde es Klementine tun? Eine innere Gewißheit erwiderte ihm: »Nein!«; Leo Fischel verdoppelte in Gedanken die Summe. »Gerade nicht!« sagte die innere Stimme. Fischel vervierfachte. »Aus Prinzip nicht« fiel ihm ein. Da steigerte er in einem Zuge, atemlos die Summe über jede menschliche Widerstandskraft und Leistungsfähigkeit hinaus und hielt ärgerlich inne. Er mußte seinen Geist hurtig auf kleinere Vermögen umstellen, das zog sich förmlich in seinem Kopf zusammen, wie man bei schnellem Lichtwechsel die Pupillen sich einziehen fühlt; aber er war nicht einen Augenblick von seinen Geschäften ab gewesen und machte keinen Fehler.

»Aber jetzt sagen Sie mir endlich einmal,« bat Ulrich, der schon ungeduldig geworden war »was das für Briefe sind, die Sie mir zeigen wollten. Das scheinen Liebesbriefe zu sein. Haben Sie Gerda bei Liebesbriefen erwischt?«

»Diese Briefe habe ich Ihnen zeigen wollen. Sie sollen sie lesen. Ich möchte jetzt bloß noch wissen, was Sie dazu sagen.« Fischel reichte Ulrich das ganze Paket und setzte sich zurecht, um, mit irgendwelchen anderen Gedanken inzwischen beschäftigt, durch seinen Kneifer in die Luft zu schauen. Ulrich blickte in die Briefe; dann nahm er einen heraus und las ihn langsam durch. Direktor Fischel fragte: »Sagen Sie, Doktor, Sie haben doch einmal diese Sängerin gekannt, Leontine oder Leona, die wie die selige Kaiserin Elisabeth aussieht; Gott soll mich strafen, dieses Weib hat wirklich einen Löwenappetit!«

Ulrich sah stirnrunzelnd auf; der Brief hatte ihm gefallen, und die Unterbrechung störte ihn.

»Nun, Sie brauchen nicht zu antworten,« begütigte Fischel »ich habe nur gefragt. Sie brauchen sich nicht zu schämen. Es ist eine königliche Person. Ich habe sie vor einiger Zeit durch einen Bekannten kennengelernt; wir haben dabei festgestellt, daß Sie befreundet waren. Sie ißt viel. Soll sie essen! Wer ißt nicht gerne?!« Fischel lachte.

Ulrich senkte den Blick wieder in den Brief, ohne zu antworten. Fischel blickte wieder träumend ins Firmament des Zimmers.

Der Brief begann: »Geliebter Mensch! Menschliche Göttin! Wir sind verurteilt, in einem erloschenen Jahrhundert zu leben. Niemand hat den Mut, an die Wirklichkeit des Mythos zu glauben. Du mußt dir inne machen, daß auch du davon betroffen wirst. Du hast nicht den Mut zu deiner Natur als Göttin. Menschenfurcht hält dich zurück. Du hast recht, wenn du die gewöhnliche Menschenbrunst für gemein hältst; ja schlimmer als das, für einen lächerlichen Rückfall aus dem Leben von uns Zukünftigen in bloße Atavismen! Und noch einmal hast du recht, wenn du sagst, daß Liebe zu einem Menschen, Tier oder Ding schon der Anfang seiner Besitznahme sei! Und darüber, daß Besitzen der Anfang von Entgeistigen ist, brauchen wir nicht zu reden! Aber dennoch müßtest du etwas scheiden: Gefühltwerden, vielleicht sogar schon Empfundenwerden heißt Meinsein. Ich fühle nur, was mein ist; ich höre nicht, was nicht für mich bestimmt ist! Wäre dem nicht so, so würden wir Intellektualisten sein. Das ist vielleicht eine unentrinnbare Tragik, daß wir mit Augen, Ohren, Atem und Gedanken besitzen müssen, wenn wir lieben! Aber bedenke: Ich fühle, daß ich nicht bin, solange ich nur ich selbst, Ichselbst bin. In den Dingen außer mir entdecke ich mich erst. Auch das ist eine Wahrheit. Ich liebe eine Blume, einen Menschen, weil ich ohne sie nichts war. Das Große am Erlebnis des Mein ist, sich ganz dahinschmelzen zu fühlen, wie ein Häuflein Schnee unter den Strahlen der Sonne; emporzuschweben wie ein leichter Hauch, der sich auflöst! Das schönste am Mein ist die letzte Ausrottung des Besitzes meiner selbst! Das ist der reine Sinn des Mein, daß ich nichts besitze, sondern von der ganzen Welt besessen werde. Alle Bäche fließen von den Höhen in die Täler, und auch du, meine Seele, wirst nicht eher Mein sein, als bis du ein Tropfen im Meer der Welt geworden bist, ganz ein Glied in der Weltbrüderschaft und Weltgemeinschaft! Dieses Mysterium hat nichts mehr gemein mit der nichtssagenden Überschätzung, welche die persönliche Liebe erfährt. Man muß trotz der Brunst dieses Zeitalters den Mut zur Inbrunst, zum In-Brennen haben! Die Tugend macht die Handlung tugendhaft; nicht machen Handlungen die Tugend! Versuche es! Das Jenseitige offenbart sich sprunghaft, und wir werden nicht mit einem Sprung in die Region des unbedingten Lebens entrückt werden. Aber Augenblicke werden kommen, wo wir menschenferne Menschen in menschenfernen Augenblicken der Gnade sein werden. Wirf nicht Sinnlichkeit und Übersinnlichkeit in einen Topf des Gewesenen! Habe den Mut, Göttin zu sein! Das ist deutsch!«

»Nun?« fragte Fischel.

Ulrich hatte einen roten Kopf bekommen. Er fand diesen Brief lächerlich und ergreifend. Hatten diese jungen Leute gar keine Scheu vor dem Übertriebenen, Unmöglichen, vor dem Wort, das sich nicht einlösen läßt? Worte spannen da immer neue Worte an, und ein Kern von Wahrheit überzog sich mit ihrem sonderbaren Gespinst. »Also, so ist jetzt Gerda?« dachte er. Aber in diesem Gedanken dachte er einen unausgesprochenen zweiten, eine Beschämung; ungefähr sagte sie: »Bist du nicht zu wenig übertrieben und unmöglich?«

»Nun?« wiederholte Fischel.

»Sind alle Briefe so?« fragte Ulrich und gab sie ihm zurück.

»Was weiß ich, welchen Sie gelesen haben!« antwortete Fischel. »Alle sind so!«

»Dann sind sie sehr schön« sagte Ulrich.

»Das habe ich mir gedacht!« platzte Fischel heraus. »Darum habe ich sie Ihnen wohl gezeigt! Meine Frau hat diesen Fund gemacht. Von mir erwartet aber niemand in solchen Seelenfragen einen klugen Rat. Also schön! Sagen Sie das meiner Frau!«

»Ich möchte lieber mit Gerda selbst darüber sprechen; vieles in dem Brief ist natürlich sehr unklug.«

»Unklug? Gering gesagt! Aber sprechen Sie! Und sagen Sie Gerda, daß ich kein Wort von diesem Jargon verstehen kann, daß ich aber bereit wäre, 5000 Mark nein! sagen Sie lieber nichts! Sagen Sie nur, daß ich sie trotzdem liebe und bereit sein werde, ihr zu verzeihen!«

Das Telefon rief Fischel wieder an ein Geschäft. Er, der sein Leben lang nur ein solider Angestellter gewesen war, hatte seit einiger Zeit begonnen, auf eigene Rechnung an der Börse zu operieren; nur mit kleinen Beträgen einstweilen, den geringen Ersparnissen, die er besaß, und einigen Papieren seiner Gattin Klementine. Er durfte mit ihr nicht darüber reden, aber konnte mit dem Erfolg recht zufrieden sein; es war geradezu eine Erholung von den entmutigenden Verhältnissen zuhause. 101

Ulrich hört Musik


Das nächstemal traf Ulrich mit Clarisse bei Freunden von ihr in einem Maleratelier zusammen, wo sich ein Kreis von Menschen versammelt hatte und Musik machte. Clarisse war unauffällig in dieser Umgebung, die Rolle des Sonderlings fiel darin eher Ulrich zu. Er war unwillig gekommen und empfand Widerstreben zwischen lauter Menschen, die verzückt und verbogen lauschten. Diese Übergänge von Lieblich, Leise, Sanft zu Düster, Heldisch und Brausend, welche die Musik binnen einer Viertelstunde ein paarmal vollzieht, Musiker bemerken das ja nicht, weil für sie der Vorgang gleichbedeutend ist mit Musik und also mit etwas ganz und gar Ausgezeichnetem! aber Ulrich, der in diesem Augenblick ganz und gar nicht von dem Vorurteil, daß es Musik geben müsse, befangen war, erschienen sie als so schlecht begründete und unvermittelte Vorgänge wie das Treiben einer betrunkenen Gesellschaft, die alle Augenblicke zwischen Rührseligkeit und Prügeln abwechselt. Er wollte sich zwar keine Vorstellung von der Seele eines großen Musikers machen und darüber urteilen, aber was gewöhnlich schon für große Musik gilt, kam ihm noch beiweitem nicht anders wie ein Kasten vor, der alle Inhalte der Seele einschließt und außen sehr schön geschnitzt ist, aus dem man aber alle Laden herausgezogen hat, so daß innen der ganze Inhalt durcheinander liegt. Er konnte gewöhnlich nicht begreifen, daß Musik eine Verschmelzung von Seele und Form sei, weil er zu deutlich sah, daß die Seele der Musik, abgesehen von der ganz seltenen reinen Musik, nichts ist als die ausgeborgte und verrückt gemachte Seele von Hinz und Kunz.

Dennoch hatte er den Kopf wie die anderen in beide Hände gestützt; er wußte bloß nicht, ob es geschah, weil er an Walter dachte, oder um sich ein wenig die Ohren zuzuhalten. In Wahrheit hielt er weder die Ohren ganz zu, noch dachte er nur an Walter. Er wollte bloß allein sein. Er dachte nicht oft über andere Menschen nach; wahrscheinlich deshalb, weil er auch über sich selbst »als Person« selten nachdachte. Er handelte gewöhnlich nach der Meinung, was man denke, fühle, wolle, sich einbilde und schaffe, könne unter Umständen eine Bereicherung des Lebens bedeuten; was man sei, bedeute aber unter keinerlei Umständen mehr als ein Nebenprodukt bei dem Vorgang dieser Herstellung. Musikalische Menschen sind jedoch sehr oft der entgegengesetzten Meinung. Sie erzeugen zwar eine Sache, für die sie den unpersönlichen Namen Musik gebrauchen, aber diese Sache besteht doch zum größten oder wenigstens in dem ihnen wichtigsten Teil aus ihnen selbst, ihren Empfindungen, Gefühlen und dem gemeinsamen Erlebnis. Es ist mehr Sein und weniger Bleiben in ihrer Musik, der von allen geistigen Tätigkeiten die des Schauspielers am nächsten steht. Diese Steigerung, deren Zeuge er sein mußte, erregte Ulrichs Abneigung, er saß wie eine Eule unter Singvögeln zwischen ihnen.

Und natürlich war Walter ganz das Gegenteil von ihm. Er dachte viel und leidenschaftlich über sich selbst nach. Er nahm alles ernst, was ihm begegnete. Weil es ihm begegnete; als ob das eine Auszeichnung wäre, die eine Sache zu einer anderen machen kann. Er war in jedem Augenblick Person und ganzer Mensch, und weil er es war, wurde er nichts. Alle Menschen hatten ihn fesselnd gefunden, ihm Glück gebracht und ihn eingeladen, bei ihnen zu bleiben, mit dem Endergebnis, daß er Archivar oder Kustos geworden ist, festgefahren ist, keine Kraft mehr hat, sich zu verändern, auf alle Menschen schimpft, zufrieden unglücklich ist und pünktlich in sein Büro geht. Und während er in seinem Büro ist, wird vielleicht zwischen Clarisse und Ulrich etwas geschehen, das seine Person, wenn er es erführe, in eine Aufregung versetzen könnte, wie wenn der ganze Ozean der Weltgeschichte in sie einströmte; wogegen Ulrich weit weniger aufgeregt davon war. Clarisse aber hatte sich, gleich als sie gekommen war, Walter war nicht dabei, neben Ulrich gesetzt. Den Rücken vorgebogen, das Knie hochgezogen, im Dunkel, denn es war noch kein Licht gemacht worden, hatte sie gleich nach den ersten Takten, denen sie beiwohnten, ihre Hand ausgebreitet auf die seine gestützt, als ob sie aufs innigste zusammengehörten. Ulrich hatte sich vorsichtig befreit, und auch das war ein Grund dafür gewesen, daß er den Kopf in beide Hände stützte; aber Clarisse, als sie geschaut hatte, was er vorhabe, und ihn von der Seite ebenso ergriffen dasitzen sah wie alle anderen, hatte sich sanft an ihn gelehnt und so saß sie nun schon eine halbe Stunde. Und auch er war nicht glücklich.

Er wußte, daß er immer von neuem nichts als den entgegengesetzten Irrtum beging wie Walter. Durch diesen Irrtum entstand eine Auflösung ohne Kern; der Mensch verlor sich in einen Strahlenraum; er hörte auf, ein Ding, mit allen ebenso köstlichen wie zufälligen Begrenztheiten, zu sein; er wurde in der höchsten Steigerung so gleichgültig gegen sich selbst, daß das Menschliche gegenüber dem Übermenschlichen nicht mehr Bedeutung hat, wie das Stückchen Kork, an dem ein Magnet angebracht ist, der es in einem Netz von Kräften kreuz und quer zieht. Zuletzt war es ihm mit Agathe so ergangen. Und jetzt nein, es war eine Lästerung, das nebeneinander zu setzen aber selbst zwischen Clarisse und ihm war jetzt etwas »los«, bewegte sich, er war in einen Wirkungsbereich geraten, in dem Clarisse und er von Kräften einander zu bewegt wurden, die keine Rücksicht darauf nahmen, ob sie im ganzen für einander Neigung verspürten oder nicht.

Und während Clarisse an ihm lehnte, dachte Ulrich an Walter. Er sah ihn in einer bestimmten Weise vor sich, wie er ihn oft heimlich sah. Walter lag dann an einem Waldrand, hatte kurze Hosen an, trug unpassende schwarze Strümpfe dazu und hatte in diesen Strümpfen nicht die Beine eines Mannes, weder die muskulösen, noch die dünnen, sondern die eines Mädchens, eines nicht sehr schönen Mädchens, mit sanften, unschönen Beinen. Er hatte die Hände unter dem Kopf gekreuzt, sah hinaus in die Landschaft, über die einst seine unsterblichen Werke rollen sollten, und verbreitete das Gefühl, daß man ihn durch eine Ansprache stören würde. Dieses Bild liebte Ulrich eigentlich sehr. So hatte Walter in seiner Jugend ausgesehen. Und Ulrich dachte: Was uns getrennt hat, ist nicht die Musik denn er konnte sich ganz gut eine Musik vorstellen, die so unpersönlich und überdinglich und jedesmal ein einzigesmal aufsteigt wie ein Rauch, der sich im Himmelsraum verliert; sondern es ist der Unterschied im Verhalten der Person zu ihr, es ist dieses Bild, das ich liebe, weil es übrig geblieben ist, während er es sicher aus dem entgegengesetzten Grunde liebt, weil es alles in sich einschluckte, was aus ihm hätte werden können, bis schließlich eben Walter daraus geworden ist. »Und eigentlich« dachte er »ist alles das nichts als ein Zeichen der Zeit. Der Sozialismus bemüht sich heute, das liebe Privat-Ich für eine wertlose Illusion zu erklären, an deren Stelle gesellschaftliche Ursachen und Pflichten gehören. Ihm ist dabei aber längst die Naturwissenschaft schon mit den lieben Privatdingen vorangegangen, die sie in lauter unpersönliche Vorgänge wie Wärme, Licht, Schwere und so weiter aufgelöst hat. Das Ding, wie es Privatmenschen wichtig ist, als ein Stein, der ihnen auf den Kopf fällt, (oder als einer, den sie in Gold gefaßt kaufen können) oder eine Blume, an der sie riechen, interessiert die neueren Menschen nicht im geringsten; sie behandeln es als einen Zufall oder gar als ein Ding an sich, das ist etwas, das nicht da ist und doch da ist, eine ganz törichte und gespenstische Persönlichkeit von einem Ding. Man darf wohl voraussagen, daß sich das ändern wird, so wie ein Mann, der täglich Millionen umsetzt, einmal sehr erstaunt eine einzelne Mark in die Hand nimmt, aber dann werden Ding und Persönlichkeit etwas anderes geworden sein. Und einstweilen besteht noch ein sehr komisches Nebeneinander. Moralisch zum Beispiel betrachtet man sich noch ungefähr so, wie die Physik die Körper vor dreihundert Jahren betrachtet hat; sie fallen, weil sie die Eigenschaft haben, das Hohe zu scheuen, oder werden warm, weil in ihnen ein Fluidum steckt: solche gute oder böse Eigenschaften und Fluida dichten die Moralisten noch den Menschen an. Psychologisch dagegen ist man schon soweit, die Menschen in typische Bündel typischer Allerweltsverhaltensweisen aufzulösen. Soziologisch behandelt man ihn nicht anders. Musikalisch dagegen macht man ihn wieder ganz.«

Aber plötzlich wurde Licht gemacht, die Musik schwang nur noch auf den letzten Tönen hin und her, wie ein Ast, von dem jemand herunter gesprungen ist, die Augen blinzelten, und die Stille vor dem Lossprechen aller trat ein. Clarisse war noch rechtzeitig von Ulrich abgerückt, aber als nun die neuen Gruppen sich gebildet hatten, zog sie ihn in eine Ecke und hatte ihm etwas mitzuteilen.

»Was ist das äußerste Gegenteil davon, daß man gewähren läßt?« fragte sie ihn. Und da Ulrich nichts erwiderte, gab sie selbst die Antwort. »Sich selbst einprägen!« Das Figürchen stand elastisch vor ihm, die Hände auf dem Rücken. Aber sie suchte sich mit den Augen an Ulrichs Augen anzuhalten, denn die Worte, die sie jetzt suchen mußte, waren so schwer, daß sie ihren kleinen Körper ins Wanken brachten. »Sich einkratzen! sage ich. Ich habe das vorhin herausgebracht, während wir nebeneinander gesessen sind. Eindrücke sind gar nichts; sie drücken dich ein! Oder ein Haufen Regenwürmer. Aber wann verstehst du ein Stück Musik? Wenn du es selbst innerlich machst! Und wann verstehst du einen Menschen? Wenn du dich so machst wie er. Siehst du,« sie beschrieb mit der Hand einen wagrecht liegenden spitzen Winkel, der Ulrich unwillkürlich an einen Phallus erinnerte »unser ganzes Leben ist Ausdruck! In der Kunst, in der Liebe, in der Politik suchen wir die aktive Form, die spitzige, ich habe es dir schon gesagt, daß es die der Bärenschnauze ist! Nein, ich habe nicht sagen wollen, daß Eindrücke nichts sind: sie sind die Hälfte; wundervoll steckt das beides in dem Wort Erlösen, das aktive er- und das Lösen«: sie wurde sehr erregt von der Bemühung sich Ulrich verständlich zu machen.

In diesem Augenblick setzte aber wieder das Musizieren ein, es hatte nur eine kurze Ruhepause gegeben, und Ulrich wandte sich von Clarisse ab. Er sah durch das große Atelierfenster in den Abend hinaus. Das Auge mußte sich erst wieder ans Dunkel gewöhnen. Dann erschienen blaue wandernde Wolken am Himmel. Die Spitzen eines Baums reichten von unten herauf. Häuser standen mit dem Rücken nach oben. »Wie sollten sie sonst?!« dachte Ulrich lächelnd, und doch es gibt Minuten, wo alles verkehrt erscheint. Er gedachte Agathes und war unsagbar traurig. Dieses neue, kleine Wesen Clarisse an seiner Seite trieb mit einer unnatürlichen Geschwindigkeit voran. Das war keine natürliche Entwicklung, darüber war er sich ganz klar. Er hielt sie für verrückt. Von Liebe konnte keine Rede sein. Aber es gefiel ihm die Vorstellung, während ihm die Musik hinter seinem Rücken wie ein Zirkus vorkam, neben einem im Kreise sprengenden Pferd herzulaufen, auf dem Clarisse stand und mit geschwungener Gerte Ajaha schrie. 102

Gerda


Einige Tage nach dem musikalischen Abend im Atelier erschien Gerda, die sich aufgeregt am Telefon angemeldet hatte, abends bei Ulrich. Sie riß mit auffallendem Schwung ihren Hut vom Kopf und warf ihn auf einen Stuhl. Auf die Frage, was es gebe, antwortete sie: »Nun ist alles in die Luft geflogen!«

»Ist Hans davongegangen?«

»Papa ist pleite!« Gerda lachte nervös zu ihrem burschikosen Ausdruck. Ulrich erinnerte sich, daß er sich bei seinem letzten Zusammentreffen mit Direktor Fischel über eine Art von Telefongesprächen gewundert hatte, die dieser von seiner Wohnung aus führte; aber diese Erinnerung war nicht eindringlich genug, um ihn Gerdas Ausruf völlig ernst nehmen zu lassen.

»Papa war ein Spieler, denken Sie!« lieferte das aufgeregte, zwischen Heiterkeit und Verzweiflung kämpfende Mädchen die Ergänzung. »Wir alle haben gedacht, er sei ein braver Bankbeamter ohne große Aussichten, aber gestern Abend hat sich herausgestellt, daß er alle Zeit über heimlich die gefährlichsten Börsenoperationen gemacht hat! Sie hätten dabei sein sollen, wie das gestern aufflog!« Gerda warf sich neben ihren Hut auf den Sessel und schlug kühn ein Bein über das andere. »Er kam nach Haus, als ob man ihn aus dem Wasser gezogen hätte. Mama stürmte mit Speisesoda und Kamillentropfen auf ihn ein, weil sie dachte, daß ihm schlecht sei. Es war halb zwölf Uhr nachts, wir hatten schon geschlafen. Da gestand er, daß er in drei Tagen große Beträge zu zahlen habe und nicht wisse, woher er sie nehmen solle. Mama, großartig, hat ihm ihr Heiratsgut angeboten. Mama ist immer großartig; was hätten die paar tausend Kronen für einen Spieler bedeutet! Aber Papa gestand überdies, daß er Mamas kleines Vermögen schon längst mitverloren habe. Was soll ich Ihnen sagen? Mama schrie wie ein überfahrener Hund. Sie hat nichts als das Nachthemd und Hausschuhe angehabt. Papa lag in einem Fauteuil und ächzte. Seine Stellung ist natürlich auch hin, wenn die Sache herauskommt. Ich sage Ihnen, es war erbärmlich!«

»Soll ich mit Ihrem Vater sprechen?« fragte Ulrich. »Ich verstehe wenig von solchen Dingen. Glauben Sie, daß er sich etwas antun könnte?«

Gerda zuckte die Achseln. »Er macht heute den Versuch, einen seiner sauberen Geschäftsfreunde zu bestimmen, daß er ihm helfe!« Sie wurde plötzlich finster. »Sie glauben doch hoffentlich nicht, daß ich deshalb zu Ihnen gekommen bin?! Mama ist heute zu ihrem Bruder übersiedelt; sie hat mich mit sich nehmen wollen, aber ich verzichtete darauf; ich bin von zuhause fortgelaufen.« Sie war wieder heiter geworden. »Wissen Sie, daß hinter der ganzen Sache ein Frauenzimmer steckt, eine Chansonette oder so etwas? Mama ist daraufgekommen, und das hat ihr den Rest gegeben. Alle Achtung vor Papa, was? Wer hätte ihm soviel zugetraut! Ich glaube übrigens nicht, daß er sich töten wird« fuhr sie fort. »Denn wie das nachträglich mit dem Frauenzimmer herausgekommen ist, heute, im Lauf des Tags, hat er ganz außerordentliche Dinge gesagt: er wolle lieber sich einsperren lassen und nachher sein Brot durch Hausieren mit pornographischen Büchern verdienen, als noch länger der Direktor Fischel mit Familie zu sein!«

»Aber was mir die Hauptsache ist,« fragte Ulrich »was wollen denn Sie tun?«

»Ich komme bei Freunden unter« sagte Gerda schnippisch. »Sie brauchen nicht besorgt zu sein!«

»Bei Hans Sepp und seinen Freunden!« rief Ulrich vorwurfsvoll aus.

»Da tut mir niemand was!«

Gerda musterte die Wohnung Ulrichs. Wie Schatten trat die Erinnerung an das, was hier einmal vorgefallen war, aus den Wänden. Gerda fühlte sich als armes Mädchen, das nichts besaß, außer ein paar Kronen, die sie im Fortgehn aus dem Schreibtisch ihrer Mutter genommen hatte, wunderbar frei und unbeschwert. Sie tat sich leid. Sie war geneigt, über sich zu weinen, wie über eine tragische Theaterfigur. Man hätte ihr wohl etwas Gutes gönnen dürfen, dachte sie, aber sie erwartete kaum, daß Ulrich sie tröstend in die Arme nehmen möchte. Nur wäre sie, wenn er es getan hätte, nicht so feig gewesen wie das erstemal.

Aber Ulrich sagte: »Sie wollen sich jetzt nicht von mir helfen lassen, Gerda, das sehe ich; Sie sind noch viel zu stolz auf Ihr neues Abenteuer. Ich kann nur sagen, daß ich für Sie einen bösen Ausgang fürchte. Prägen Sie sich, bitte, ein, daß Sie immer ohne Rücksicht über mich verfügen können, wenn Sie es brauchen sollten.« Er sagte es zögernd und überlegend, denn er hätte ja eigentlich auch etwas anderes und Liebevolleres sagen können. Gerda war aufgestanden, tastete vor dem Spiegel an ihrem Hut herum und lächelte Ulrich zu. Sie hätte ihn gerne zum Abschied geküßt, aber dann wäre es vielleicht gar nicht zum Abschied gekommen; und der Tränenstrom, der unsichtbar hinter ihren Augen rann, trug sie wie eine zart tragische Musik, die man nicht unterbrechen durfte, in das neue Leben hinaus, von dem sie sich noch sehr wenig vorstellen konnte.


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Rachels Reue


Die kleine Rachel erlitt die Vorstellung Reue in ihrer ganzen Qual, die von nichts aufgelöst wurde als von der mildernden Wirkung der Tränen und der vorsichtigen Wiederkehr der Versuchung, wenn die Reue einige Zeit gedauert hatte. Man erinnere sich daran, daß das glühende kleine Zöfchen Diotimas, aus dem Elternhaus wegen eines Fehltritts verstoßen und im Goldglanz der Tugend, die nun ihre Herrin war, gelandet, im schwächsten einer Reihe immer schwächer werdender Augenblicke den Angriffen des schwarzen Mohrenknaben erlegen war. Es geschah, und sie war sehr unglücklich darüber. Aber das Unglück hatte ein Bestreben, sich zu wiederholen, so oft die spärlichen Gelegenheiten, die das Haus Diotimas bot, es erlaubten. Es trat am zweiten oder dritten Tag nach jedem Unglück eine merkwürdige Veränderung ein, zu vergleichen mit einer Blume, die, vom Regen geknickt, ihr Köpfchen wieder aufrichtet. Mit Schönwetter zu vergleichen, das ganz oben, in einem fernen Winkel der Höhe durch einen Regentag guckt; befreundete blaue Fleckchen findet; einen blauen See bildet; zu einem blauen Himmel wird; mit einem leichten Dunst von übermächtiger Glücktageshelle sich beschlägt; angebräunt wird; einen heißen Dunstschleier nach dem andern hinabläßt und schließlich zitternd vor Schwüle von der Erde zum Himmel ragt, vom Zucken und Schreien der Vögel erfüllt, vom Blätterhängenlassen der Bäume erfüllt, von dem Aberwitz noch nicht entladener Spannungen, die Mensch und Tier irrsinnig hin und her irren lassen.

Am letzten Tag vor der Reue zuckte der Kopf des Mohren jedesmal durch das Haus wie ein rollender Kohlkopf, und die kleine Rachel wäre am liebsten wie eine genäschige Raupe auf ihn gekrochen. Aber dann kam die Reue. Als ob man eine Pistole losgedrückt hätte und eine schimmernde Glaskugel wäre zu Glassand zerstaubt. Sand fühlte Rachel zwischen den Zähnen, in der Nase, im Herzen; nichts als Sand. Die Welt war dunkel; nicht mohrendunkel, sondern eklig dunkel wie ein Schweinestall. Rachel, die das Vertrauen, das man in sie setzte, enttäuscht hatte, kam sich durch und durch beschmutzt vor. In die Gegend des Nabels setzte der Kummer einen großen Bohrer. Eine wütende Angst, ein Kind zu bekommen, blendete den Kopf. Man könnte so weiter fortfahren, jedes Glied tat Rachel einzeln weh in der Reue, aber die Hauptsache bestand nicht aus diesen Einzelheiten, sondern erfaßte die Person als Ganzes, und trieb sie vor sich wie der Wind eine Kehrichtwolke. Das Bewußtsein, daß ein geschehener Fehltritt durch nichts auf der Welt wieder gut zu machen sei, gab der Welt etwas von einem Orkan, in dem kein Halt zum Stehen zu finden ist. Die Ruhe des Todes erschien Rachel wie ein dunkles Federbett, auf das hinabzurollen, Genuß sein müßte. Sie war herausgerissen aus ihrer Welt, einem Gefühl preisgegeben, das in dieser Stärke im Hause Diotimas nirgends seinesgleichen hatte. Sie konnte mit keinem Gedanken an dieses Gefühl heran, so wenig wie Tröstungen gegen Zahnschmerzen aufkommen können, und es schien ihr in der Tat dagegen nur noch das einzige Mittel zu geben, die ganze kleine Rachel wie einen bösen Zahn aus der Welt zu ziehn.

Wäre sie beschlagener gewesen, so hätte sie behaupten dürfen, daß Reue eine gründliche Gleichgewichtsstörung sei, die man auf die verschiedensten Weisen ausgleichen könne. Aber der liebe Gott half ihr mit seinem bewährten alten Hausmittel, indem er ihr nach wenigen Tagen wieder Lust zur Sünde gab. 107

Clarisse bei Rachel


Die Wochen, seit Rachel Diotimas Haus verlassen hatte, verliefen in einer Unwahrscheinlichkeit, die ein anderer Mensch als sie kaum ruhig hingenommen hätte. Aber Rachel war als Sündige aus dem Elternhaus gewiesen worden und war schnurstracks am Ende dieses Falles in einem Paradies bei Diotima gelandet; nun hatte sie Diotima hinausgestürzt, aber ein so bezaubernd vornehmer Mann wie Ulrich war schon dagestanden und hatte sie aufgefangen: konnte sie nicht glauben, daß das Leben so ist, wie es in den Romanen beschrieben wurde, die sie mit Vorliebe gelesen hatte? Wer zum Helden bestimmt ist, den wirft das Schicksal immer wieder halsbrecherisch in die Luft, aber es fängt ihn auch immer wieder mit starken Armen auf. Rachel setzte blindes Vertrauen in dieses Schicksal und hatte eigentlich während der ganzen Zeit nichts anderes getan, als darauf zu warten, daß es ihr bei der nächsten Begebenheit vielleicht seine Absichten entschleiere. Sie war nicht schwanger geworden; das Erlebnis mit Soliman schien also nur eine Zwischenhandlung gewesen zu sein. Sie aß in einer kleinen Speisewirtschaft, gemeinsam mit Kutschern, postenlosen Dienstmädchen, Arbeitern, die in der Nähe zu tun hatten, und jenen wechselnden unbestimmbaren Menschen, die durch eine Großstadt fluten. Der Platz, den sie gewählt hatte, an einem bestimmten Tisch, wurde täglich für sie bereit gehalten: sie war besser gekleidet als die anderen Frauen, die in dieser Kneipe verkehrten; die Art, wie sie Messer und Gabel führte, war anders, als man es hier sah; Rachel genoß an diesem Ort ein heimliches Ansehen, das sie sehr wohl bemerkte, wenn es ihr auch viele nicht zeigen wollten, und sie nahm an, daß man sie für eine Gräfin halte oder für die Geliebte eines Fürsten, die aus irgendwelchen Gründen vorübergehend gezwungen sei, ihren Stand zu verhüllen. Es kam vor, daß Männer mit zweifelhaften Brillanten am Finger und eingefetteten Haaren, wenn sie einmal unter den ehrbaren Gästen auftauchten, es so einzurichten wußten, daß sie an Rachels Tisch zu sitzen kamen, und dann richteten sie verführerisch gezwirbelte Artigkeiten an sie; aber Rachel wußte das mit Würde und ohne Unfreundlichkeit abzulehnen, denn obgleich es ihr so gut gefiel wie das Schwirren und Kriechen der Käfer an einem üppigen Sommertag, und der Raupen und Schlangen, ahnte ihr doch, daß sie sich nach dieser Seite nicht einlassen dürfe, ohne in ihrer Freiheit Gefahr zu laufen. Sie unterhielt sich überhaupt am liebsten mit älteren Leuten, die vom Leben schon etwas wußten, und von seinen Gefahren, Enttäuschungen und Vorgängen berichteten. Auf diese Weise bekam sie eine Kenntnis, die in Krümel aufgelöst bei ihr ankam, wie die Nahrung zu einem Fisch herabsinkt, der sich am Boden seines Glases ruhig aufhält. In der Welt gingen abenteuerliche Dinge vor sich. Man sollte jetzt schon schneller fliegen als die Vögel. Häuser ganz ohne Ziegel baun. Die Anarchisten wollten die Kaiser werden. Eine große Revolution stand nahe bevor, und dann würden die Kutscher in den Wagen sitzen, die reichen Leute aber anstelle der Pferde eingespannt werden. In einem in der Nahe gelegenen Häuserblock hatte eine Frau nachts ihren Mann mit Petroleum übergossen und dann angezündet; es war nicht zu denken! In Amerika setzte man Leuten, die das Augenlicht verloren hatten, schon Glasaugen ein, mit denen sie wirklich sehen konnten, aber es kostete noch sehr viel Geld und war nur etwas für Milliardäre. Solche fesselnden Nachrichten hörte Rachel, freilich nicht alle auf einmal, schon wenn sie bloß beim Speisen saß. Trat sie danach auf die Straße, so war von derartigen Ungeheuerlichkeiten wohl nichts zu bemerken, alles floß in Ordnung hin und stand genau so da wie am Tag vorher; aber kochte nicht die Luft in diesen Sommertagen, gab der Asphalt nicht heimlich unter dem Fuß nach, ohne daß Rachel sich klar machen mußte, daß ihn die Sonne erweicht habe? Die Heiligen reckten die Arme auf den Kirchendächern und hoben die Augen empor, daß man annehmen mußte, es gebe überall etwas Besonderes zu sehn. Die Schutzleute trockneten sich den Schweiß vor Anstrengung, inmitten der Bewegung, die um sie tobte, Fuhrwerke hielten im schärfsten Lauf jäh an, weil eine alte Frau über die Straße ging und beinahe überfahren worden wäre, weil sie auf nichts achtete. Wenn Rachel zu Hause in ihrem kleinen Zimmer ankam, fühlte sie ihre Neugierde von dieser leichten Nahrung gesättigt, sie nahm ihre Wäsche vor, um sie auszubessern, oder änderte ein Kleid oder las einen Roman denn sie hatte mit Staunen vor der Weltleitung die Einrichtung der Volksbüchereien kennengelernt, ihre Wirtin trat ein und plauderte ehrerbietig mit ihr, denn Rachel hatte Geld, ohne zu arbeiten und ohne daß man irgendetwas von schlechtem Lebenswandel merkte, und so ein Tag war um, ehe sich Zeit fand, das geringste zu vermissen, und goß seinen Inhalt, voll bis zum Rand von Spannendem, in die Träume der Nacht aus.

Freilich hatte Ulrich vergessen, Rachel rechtzeitig Geld zu schicken oder sie zu sich zu bestellen, und sie hatte schon anfangen müssen, die kleinen Ersparnisse aus ihrem Dienst zu verbrauchen. Aber sie machte sich keine Sorge, denn Ulrich hatte ja versprochen, sie einstweilen zu schützen, und zu ihm hinzugehen, um ihn zu erinnern, kam ihr ganz und gar unpassend vor. In allen Märchen, die sie kannte, gab es etwas, das man nicht sagen oder nicht tun durfte; und gerade das wäre es gewesen, wenn sie zu Ulrich gegangen wäre und ihm gesagt hätte, daß sie kein Geld mehr habe. Damit soll keineswegs behauptet sein, daß sie das ausdrücklich dachte, daß ihre Lebensführung ihr märchenhaft vorkam oder daß sie überhaupt an Märchen glaubte. Im Gegenteil, so war die Wirklichkeit beschaffen, die sie nie anders kennengelernt hatte, wenn es auch noch niemals derart schön gewesen war wie jetzt. Nun gibt es Menschen, denen das erlaubt ist, und solche, denen es verboten ist; die einen sinken von Stufe zu Stufe und enden im äußersten Elend, die anderen werden reich und glücklich und hinterlassen viele Kinder. Zu welcher von beiden Gruppen Rachel gehörte, war ihr niemals gesagt worden; den beiden Menschen, die ihr den Unterschied hätten erklären können, hatte sie nie gezeigt, daß sie träume, sondern hatte fleißig gearbeitet, bis auf die zwei unbeabsichtigten Fehltritte, die so große Folgen gehabt hatten. Und eines Tages meldete ihr wirklich ihre Wirtin, daß, während sie zum Essen gegangen war, eine feine Dame nach ihr gefragt habe und angekündigt habe, daß sie nach einer Stunde wiederkehre. Rachel gab angstvoll die Beschreibung Diotimas; aber die Dame, die sie gesucht habe, sei ganz entschieden nicht groß gewesen, behauptete die Wirtin, und auch nicht stark, auch dann nicht, wenn man unter stark nicht dick meine. Die Dame, die Rachel suchte, war ganz entschieden eher klein und mager zu nennen.

Und wirklich, die Dame war schlank, klein und kehrte schon nach einer halben Stunde wieder. Sie sagte »Liebes Fräulein« zu Rachel, nannte Ulrichs Namen und zog einen größeren, eng zusammengefalteten Betrag Geldes aus ihrem Täschchen, den sie Rachel im Auftrage ihres Freundes übergab. Dann begann sie ihr eine schwierige und aufregende Geschichte zu erzählen, und Rachel war noch nie in ihrem Leben von einer Unterhaltung so gefesselt worden. Es gebe einen Mann, erzählte die Dame, der von seinen Feinden verfolgt werde, weil er sich edelmütig für sie geopfert habe. Eigentlich nicht edelmütig; denn er mußte es tun, es war sein inneres Gesetz, jeder Mensch hat ein Tier, dem er innen ähnlich sieht, »Sie, zum Beispiel, Fräulein« sagte die Dame »haben entweder eine Gazelle oder eine Schlangenkönigin, das läßt sich nicht immer auf den ersten Blick sagen.«

Wenn das nun etwa die Köchin in der Küche bei Diotima behauptet hätte, so möchte es auf Rachel keinen oder einen ungünstigen Eindruck gemacht haben; aber es wurde von einer Frau gesagt, die in jedem Wort die Sicherheit einer gnädigen Frau ausströmte, diese Gabe des Herrschens, die jeden Zweifel als eine Achtungsverletzung erscheinen ließe; also war für Rachel das Ereignis gegeben, daß eine Gazelle oder eine Schlangenkönigin zu ihr in Beziehungen stand, die vorläufig noch zu hoch für sie waren, aber wohl in irgendeiner Weise erklärt werden konnten, denn ähnliches hört man ja manchesmal. Rachel fühlte sich von dieser Neuigkeit geladen wie eine Bonbonniere, die man im Augenblick noch nicht öffnen kann.

Der Mann, der sich geopfert habe, fuhr die Dame fort, trage einen Bären in sich, das heißt, die Seele eines Mörders, und bedeute, daß er den Mord auf sich genommen habe, allen Mord, den an den ungeborenen und verhinderten Kindern, den feigen Mord, den die Menschen an ihren Talenten begehen, und den Mord auf der Straße durch die Fuhrwerke, Radfahrer und Bahnen. Clarisse fragte Rachel denn natürlich war es Clarisse, die da sprach, ob sie den Namen Moosbrugger schon gehört habe. Nun, Rachel hatte, obgleich sie ihn später wieder vergaß, Moosbrugger geliebt und gefürchtet wie einen Räuberhauptmann, damals, als er alle Zeitungen in Schrecken setzte und bei Diotima öfters von ihm gesprochen wurde; also fragte sie gleich, ob es sich um ihn handle.

Clarisse nickte. »Er ist unschuldig!«

Zum erstenmal hörte das Rachel nun von einer Autorität, was sie sich selbst früher oft gedacht hatte.

»Wir haben ihn befreit« fuhr Clarisse fort. »Wir, die Verantwortlichen, die mehr erkennen als die übrigen. Aber wir müssen ihn nun verbergen.« Clarisse lächelte, und so eigentümlich und doch beseligend freundschaftlich, daß das Herz Rachel in die Höschen fallen wollte, aber unterwegs stecken blieb, ungefähr in der Gegend des Magens. »Wo verbergen?« stammelte sie blaß.

»Die Polizei wird ihn suchen,« erklärte Clarisse »er muß also irgendwohin, wo ihn kein Mensch vermuten kann. Das beste wäre, Sie würden ihn als Ihren Mann ausgeben. Er müßte ein Stockbein tragen, das läßt sich leicht vortäuschen, oder irgendetwas, und Sie würden einen kleinen Laden mit anschließendem Wohnraum aufnehmen, damit es so aussieht, wie wenn Sie damit Ihren invaliden Ehemann ernährten, der das Haus nicht verlassen kann. Das Ganze dauert nur ein paar Wochen, und ich könnte Ihnen mehr Geld dafür geben, als Sie brauchen.«

»Aber warum nehmen Sie ihn denn nicht zu sich, gnädige Frau!?« wagte Rachel dem entgegenzuhalten.

»Mein Mann ist nicht eingeweiht und würde mir das nie erlauben« antwortete Clarisse und fügte die Lüge hinzu, daß der Vorschlag, den sie gemacht habe, von Ulrich ausgehe.

»Aber ich fürchte mich vor ihm!« rief Rachel aus.

»Das ist schon richtig« meinte Clarisse. »Aber, liebes Fräulein, alles Große ist furchtbar. Viele große Männer sind im Irrenhaus gewesen. Es ist unheimlich, sich mit jemand auf gleich zu stellen, der ein Mörder ist; aber sich mit dem Unheimlichen gleichzustellen, ist der Beschluß zur Größe!«

»Aber will denn er überhaupt?« fragte Rachel. »Kennt er mich? Will er mir nichts tun?«

»Er weiß doch, daß Sie ihn retten wollen. Denken Sie, er hat in seinem Leben nur Ersatzweiber gekannt? Sie verstehen, was ich meine. Er wird glücklich darüber sein, daß eine wirkliche Frau ihn schützt und aufnimmt; und er wird Sie mit keinem Finger berühren, wenn Sie es ihm nicht erlauben. Dafür stehe ich Ihnen gut! Er weiß, daß ich die Kraft habe, ihn zu bezwingen, wenn ich will!«

»Nein, nein!« Rachel stieß nur dies hervor; sie hörte auch von allem, was Clarisse sagte, nur noch die Gestalt der Stimme und Sprache, eine Freundlichkeit und schwesterliche Gleichheit, der sie nicht widerstehen konnte. So hatte noch nie eine Dame zu ihr gesprochen, und doch war gar nichts Gekünsteltes und Falsches daran; Clarissens Gesicht befand sich in einer Ebene mit dem ihren und nicht in der Höhe wie das Diotimas; sie sah die Züge arbeiten, namentlich zwei Längsfalten bildeten sich immer wieder von der Nase ausgehend und am Mund hinablaufend; Clarisse kämpfte sichtlich gemeinsam mit ihr um die Lösung.

»Bedenken Sie, Fräulein« sagte Clarisse jetzt. »Der, welcher erkennt, muß sich opfern. Sie haben gleich erkannt, daß Moosbrugger nur zum Schein ein Mörder ist. Also müssen Sie sich opfern. Sie müssen das Mörderische aus ihm herausziehen, und dann kommt das, was Ihrem eigenen Wesen entspricht, dahinter zum Vorschein. Denn Gleiches wird nur von Gleichem angezogen: das ist das unerbittliche Gesetz des Großen!«

»Aber wann sollte das denn sein:«

»Morgen. Ich komme gegen Abend zu Ihnen und hole Sie ab. Bis dahin ist alles geordnet!«

»Wenn noch ein Dritter bei uns wohnen könnte, würde ich es tun« sagte Rachel.

»Ich werde Sie täglich besuchen« sagte Clarisse »und achtgeben; es ist ja das Wohnen nur Schein. Sie dürfen doch auch gegen Ulrich nicht undankbar sein, wenn er einen Dienst von Ihnen braucht!«

Das gab den Ausschlag. Clarisse hatte vertraulich den Taufnamen gebraucht. Rachel kam sich in diesem Augenblick mit ihrer Feigheit ihres Wohltäters unwürdig vor. Die Darstellung, die uns unser Inneres von dem gibt, was wir tun sollen, ist außerordentlich trügerisch und launisch. Rachel kam mit einemmal das Ganze wie ein Scherz vor, ein Spiel, eine Nichtigkeit. Sie würde einen Laden und ein Zimmer haben; wenn sie wollte, konnte sie die Tür dazwischen absperren. Ebenso würde es zwei Ausgänge geben, wie bei den Zimmern auf dem Theater. Der ganze Vorschlag war nur eine Formalität, und es war wirklich übertrieben von ihr, Schwierigkeiten zu machen, wenngleich sie sich grauenhaft vor Moosbrugger fürchtete. Diese Feigheit mußte sie überwinden. Und wie hatte die Dame gesagt? Dann kommt alles das in ihm hervor, was ihrem Wesen entspricht. Wenn er wirklich nicht so furchtbar war, so hatte sie dann doch das, was sie sich früher leidenschaftlich gewünscht hatte. 108

Moosbrugger und Rachel


Mit dem Laden und dem anstoßenden Zimmer und den zwei Ausgängen war es nichts geworden; Clarisse war erschienen und hatte erklärt, daß sich der Miete im letzten Augenblick Schwierigkeiten entgegengestellt hätten; man müsse nehmen, was da sei, die Zeit dränge, und das Schicksal hänge vielleicht von Viertelstunden ab. Sie habe einen anderen Raum gefunden. Ob Rachel ihre Sachen schon eingepackt und beisammen habe: Das Auto warte unten. Es sei leider kein schöner Raum. Und vor allem sei er noch nicht möbliert. Clarisse habe aber schnell das Nötigste hineinstellen lassen. Jetzt handle es sich aber nur darum, rasch Moosbrugger unterzubringen. Alles andere lasse sich morgen ordnen. Und das Heutige sei nur vorläufig. Den größeren Teil dieses Berichts stattete Clarisse schon im Auto ab. Die Worte wirbelten. Rachel fand keine Zeit sich zu besinnen. Der Fahrpreisanzeiger, von einem kleinen Lämpchen halb beleuchtet, rückte ohne Aufhören vor; Rachel hörte bei jeder Umdrehung der Räder das Knacksen des Kilometerzählers, so wie wenn ein Gefäß einen Sprung hat und unaufhörlich tropft; Clarisse drückte ihr im Dunkel der alten Droschke einen Haufen Geld in die Hände, und Rachel hatte zu tun, um ihn in ihre Taschen zu stopfen; das Papier quoll dabei auf, einzelne Blätter segelten davon und mußten wieder eingefangen werden; und Clarisse half ihr lachend suchen, und der Rest des langen Wegs war ganz davon ausgefüllt.

Der Wagen hielt in einer abseitigen Gasse vor der baufälligen Front eines alten »Hofs«; das sind tiefe Grundstücke, wo von einem schmalen Gassenteil niedere Flügel nach hinten laufen, mit Werkstätten, Ställen, Hühnern, Kindern, und den kleinen Wohnungen großer Familien, die sich unmittelbar auf den Hof öffnen oder, einen Stock höher, auf einen ins Freie hinaushängenden, von außen alles verbindenden Gang. Clarisse half Rachel schleppen und schien den Hausmeister vermeiden zu wollen; sie stießen an Wagen, die im Dunkel standen, an Werkzeuge, die überall herumlagen, und an den Brunnen, aber sie kamen unbehelligt bis zu Rachels neuer Wohnung. Clarisse hatte eine Kerze in der Tasche und fand mit ihrer Hilfe eine große Petroleumlampe, an die sie sich erinnert hatte, um sie vom Dachboden ihrer Eltern zu entführen. Es war ein hohes, in Metall getriebenes Stück, das alle letzten Fortschritte, welche die Petroleumzeit gemacht hatte, kurz ehe sie von der elektrischen Hausbeleuchtung endgültig verdrängt wurde, in sich faßte und das ganze Zimmer, weil der Schirm fehlte, mit massigem Licht füllte. Clarisse war sehr stolz darauf, aber sie mußte eilen, da sie den Wagen an der nächsten Ecke warten ließ, um Moosbrugger zu holen.

Rachel traten die Tränen in die Augen, sowie sie allein war und sich mit ihrer neuen Umgebung vertraut machte. Der dicke weiße Lichtschein war fast das einzige, was es in dem Zimmer gab, außer den schmutzigen Wänden. Aber der Schreck hatte Rachel ungerecht gemacht; bei genauerem Hinsehen fand sich an einer Wand ein schmales Eisenbett, auf dem so etwas wie Bettzeug lag, in einer Ecke war ohne Ordnung eine Anzahl Decken aufgehäuft, die wohl das zweite Lager darstellen sollten, Decken hingen auch vor den Fenstern und der Türe, die ins Freie führte, und bildeten vor einem kleinen, sehr einfachen Tisch eine Art Teppich, auf dem auch noch ein gehobelter Stuhl stand. Rachel setzte sich seufzend darauf und zog ihr Geld hervor, um es in Ordnung zu bringen. Nun erschrak sie wieder, diesmal aber über die Größe, ja den Überfluß des Betrags, den ihr Clarisse im Dunkel des Wagens ohne alle Vorsicht zugesteckt hatte. Sie glättete die Scheine und barg sie in einem Täschchen, das sie am Busen trug. Wenn sie gewußt hätte, daß sie vor dem Tische saß, an dem Meingast sein großes Werk geschaffen hatte, und daß auch das schmale Eisenbett seines gewesen war, hätte sie vielleicht einiges mehr verstanden. So seufzte sie bloß noch einmal, aber doch schon beruhigter über die Zukunft, und entdeckte auch noch einen alten Herd, einen Spirituskocher und etwas Geschirr, ehe Clarisse mit Moosbrugger zurückkam.

Dieser Augenblick war wie der schreckliche Augenblick beim Zahnarzt, wenn man ins Zimmer gerufen wird, was Rachel bisher nur ein einzigesmal kennengelernt hatte, und sie stand gehorsam auf, als die beiden eintraten.

Moosbrugger ließ sich von Clarisse ins Zimmer führen, wie ein großer Künstler in einen Kreis von Menschen eingeführt wird, die auf ihn warten. Er wollte Rachel nicht bemerken und musterte zuerst den neuen Raum, dann erst, nachdem er nichts auszusetzen hatte, richtete er seinen Blick auf das Mädchen und nickte einen Gruß. Clarisse schien ihm nichts mehr zu sagen zu haben; sie schob ihn, ihre winzige Hand an seinem riesigen Arm, gegen den Tisch zu und lächelte bloß. Sie lächelte so, wie es jemand tut, der alle Muskeln bei einem gewagten Unternehmen anspannen muß und dazu lächeln will, so daß sich die zarten Gesichtsmuskeln scharf zusammenziehen müssen, um sich zwischen der Pressung aller anderen durchzuzwängen. Diesen Ausdruck behielt sie auch bei, als sie ein Pack Eßwaren auf den Tisch stellte und den beiden anderen erklärte, daß sie keine Minute mehr bleiben könne und eilig nach Hause müsse. Sie versprach, am nächsten Morgen gegen zehn Uhr wiederzukehren, und dann solle alles in Ordnung gebracht werden, was im Augenblick noch fehle.

So war nun Rachel mit dem bewunderten Mann allein. Sie deckte den Tisch mit einem Kissenüberzug, da sich kein Tischtuch vorfand, und breitete den Aufschnitt, den Clarisse mitgebracht hatte, auf einem großen Teller aus. Diese Pflichten kamen ihrer Verlegenheit sehr zu Hilfe. Dann sagte sie, das Essen auf den Tisch stellend, in gewähltem Deutsch: »Sie werden Hunger haben«; diesen Satz hatte sie sich inzwischen ausgedacht. Moosbrugger war aufgestanden und bot ihr mit einer galanten Bewegung seiner großen Pratze seinen Platz an, denn es zeigte sich, daß nur dieser eine Stuhl vorhanden war. »Oh danke,« sagte Rachel »ich esse nicht viel, ich werde mich dorthin setzen!« Sie nahm zwei Scheibchen von dem Teller, den ihr Moosbrugger reichte, und setzte sich damit aufs Bett.

Moosbrugger hatte ein grauenerregend langes Schnappmesser aus der Tasche gezogen und bediente sich damit beim Essen. Er hatte in den Tagen seiner Flucht unregelmäßig und schlecht gegessen und entwickelte großen Hunger. Rachel benützte die Gelegenheit, um ihn zu betrachten; richtiger gesagt, sie mußte das tun, denn sobald sie nur in der Richtung des Tisches sah, wurde ihr ganzes Auge von der Erscheinung dieses Mannes ausgefüllt, ja mehr, seine Erscheinung überfüllte ihr Auge, ging auf allen Seiten über den Rand hinaus, und Rachel konnte ihren Blick richtig spazierenführen; über die ganze Breite der Brust oder von der Tischkante zu dem dichten Schnauzbart, auch von dem Kinn bis zum Dach des mächtigen Schädels war das zum Beispiel ein weiter Weg, und in den rotblonden Haaren der gewaltigen Fäuste konnte man verweilen wie in einem Gebüsch. In Rachel waren einstweilen alle Gedanken und ein Teil der Träumereien wieder zurückgekommen, deren Gegenstand einstens Moosbrugger gewesen war. Vor allem suchte sie sich zu vergegenwärtigen, wie viele Frauen sie jetzt um die Lage beneiden möchten, in der sie sich befand. Für sie war Moosbrugger ein großer und berühmter Mann, ganz der Wahrheit entsprechend, wenn man die Unterschiede des öffentlichen Ruhms beiseite läßt, die zwar gemacht werden, aber keineswegs genau und deutlich sind. Sie übersah nicht das Fürchterliche an diesem Ruhm, der durch blutige, grausame, ja sogar heimtückische Taten erworben war, denn sie zitterte vor Angst, obgleich sie auch vor Aufregung glühte. Aber wie alle Menschen bewunderte sie an dieser Grausamkeit die Kraft, und wie alle ursprünglichen Menschen setzte sie voraus, daß diese herkulische Kraft in Berührung mit ihr nicht gefährlich sein, sondern sich zum Guten umlenken werde, so daß ihre Furcht ihr nur als kleinmütige äußere Gewohnheit vorkam, während ihre Seele immer tapferer wurde, je länger sie mit Moosbrugger beisammen war. Und in der Tat, wer in der richtigen Beziehung zu Verbrechern lebt, lebt zwischen ihnen so sicher wie zwischen anderen Menschen.

Moosbrugger hatte nicht richtig gefunden, sich bei einem so wichtigen Geschäft, wie es das Essen ist, durch die Blicke des Mädchens stören zu lassen. Nun aber lehnte er sich nach getaner Arbeit zurück, klappte sein Messer zu, strich die Reste von seinem Schnurrbart und sagte: »Na, kleines Fräulein, jetzt wäre wohl ein Glas Schnaps nicht ohne«

Rachel beeilte sich, ihm zu versichern, daß keine alkoholischen Getränke im Hause seien, und sie fügte die Lüge hinzu, daß Clarisse ihr auch aufgetragen habe, keine anzuschaffen.

Moosbrugger hatte es gar nicht so ernst gemeint. Er war kein Trinker, ja er hütete sich selbst vor dem Alkohol, dessen unberechenbare Wirkung er fürchtete. Aber er hatte monatelang keinen Tropfen gesehn und hatte sich nach der reichlichen Mahlzeit gedacht, es wäre nicht übel, an diesem langweiligen Abend einen zu versuchen. Er ärgerte sich über die Abweisung. Diese Weiber setzten ihn ja ordentlich gefangen. Aber er ließ es sich nicht merken und nahm sich vor, die Unterhaltung in bester Form fortzusetzen.

»Da wären wir also sozusagen wie Mann und Frau bis auf weiteres, kleines Fräulein,« begann er »wie soll ich dich denn nennen?« Er gebrauchte das natürliche Du der einfachen Leute; es war Rachel nicht unangenehm, aber ebenso natürlich blieb sie beim Sie. »Ich heiße Rachel oder Rachèle, wie Sie wollen.«

»Oh, lala, Rachèle, alle Achtung!« Er sprach den französischen Namen zweimal mit Genuß aus. »Und Rachel war die schönste Tochter Labans« er lachte galant.

»Erzählen Sie mir, wie Sie die Maurer besiegt haben!« bat Rachel. Um etwas noch Aufregenderes traute sie sich nicht zu bitten.

Moosbrugger wandte sich ab und drehte eine Zigarette. Er war beleidigt. In seinen Kreisen galt so eine Frage für eine unerlaubte Vertraulichkeit bei flüchtiger Bekanntschaft. Er rauchte mehrere Zigaretten hintereinander. Er langweilte sich. Unbedeutende, zudringliche Frauenzimmer waren nichts für ihn. Er wurde schläfrig. Er war es jetzt aus dem Gefängnis und der Anstalt gewohnt, sehr früh zur Ruhe zu gehn.

Rachel ärgerte sich darüber, daß er so rücksichtslos rauchte. Sie hatte wohl auch das Gefühl, etwas schlecht gemacht zu haben, aber sie wußte nicht was.

Moosbrugger stand auf, vertrat sich die Beine und gähnte.

»Wollen Sie zur Ruhe gehn?« fragte Rachel.

»Was soll man sonst anfangen!« meinte Moosbrugger. Er besah das Bett; dann, in Erinnerung an die Gebote der Ritterlichkeit, wandte er sich in die Ecke, wo die Decken lagen.

»Schlafen Sie doch im Bett. Sie brauchen Erholung« sagte Rachel.

»Nein, im Bett kannst du schlafen.« Er legte seinen Rock ab. Rachel geriet in Verlegenheit, als Moosbrugger aus den Hosen fuhr. Aber so, wie er dann war, legte er sich auf die Decken und zog eine davon über sich. Rachel wartete eine Weile, dann blies sie das Licht aus und entkleidete sich im Dunkel.

In der Nacht fürchtete sie sich wieder; sie bildete sich ein, wenn sie einschlafe, könnte es so kommen, daß sie überhaupt nie mehr erwache. Aber dann schlief sie doch bald ein und erwachte, wie der Morgen ins Zimmer schien. In der Ecke lag Moosbrugger, zugedeckt, wie ein großer Berg. Im Haus war noch alles still. Rachel benutzte das, um vom Brunnen Wasser zu holen. Sie reinigte auch ihre und Moosbruggers Schuhe draußen im Hof. Als sie leise wieder zur Türe hereinschlüpfte, sagte ihr Moosbrugger guten Morgen.

»Wollen Sie Kaffee, Tee oder Schokolade?« fragte sie ihn. Moosbrugger war ganz erstaunt darüber. Er sagte Kaffee, aber die Entscheidung fiel ihm wirklich nicht leicht. Auch gefiel ihm Rachel jetzt bei Tag besser als gestern abend; sie hatte etwas Feines und Gebildetes in ihrer Erscheinung. Er gab sich Mühe beim Ankleiden und drehte sich erst wieder von der Wand fort, als er ganz fertig war.

»Waren Sie mir gestern abend böse?« fragte Rachel, die seine Aufgeräumtheit bemerkte.

»Ach, Weiber wollen immer alles wissen, aber wenn du willst, kann ich dir ja die Geschichte von den Maurern erzählen. Du wirst daraus sehen, wie die Leute sind; alle sind sie gleich. Und was hast du bis jetzt gemacht?«

»Ich war in einem sehr vornehmen Haus, man hat mich dort wie eine Tochter gehalten.«

»Na, und warum bist du dann hinausgeflogen?«

»Oh!« sagte Rachel und war keineswegs entschlossen die Wahrheit zu sagen. »Wissen Sie, der Herr in diesem Haus ist ein sehr hoher Diplomat, und da war eine Geschichte mit einem Mohrenprinzen«

»Du bist wohl schwanger?« fragte Moosbrugger mißtrauisch.

»Pfui!« rief Rachel empört. »Sie erlauben sich zu viel, wenn Sie so zu mir sprechen! Hätte die Dame Sie mir anvertraut?!«

Sie gefiel Moosbrugger ganz entschieden. Sie war etwas Besseres, das konnte man hören und sehn. Wenn er die Weiber überlegte, die er kannte: etwas so Feines hatte er noch nie gehabt. »Na, schon gut« meinte er. »Ich habe dich nicht beleidigen wollen. Und die Geschichte mit den Maurern, die war so:«

Er erzählte sie ihr umständlich und würdevoll, samt allen Ränken und Bestechungen, denen ein Mann wie er bei Gericht begegnet, und weil sie eine Bekanntschaft mit einem Mohrenfürsten erwähnt hatte, so wollte er nicht zurückstehn und erzählte auch noch seinen Marsch nach Konstantinopel.

»Da haben die Türken mehrere Frauen?« fragte Rachel.

»Nur die reichen. Aber darum taugen die Türken auch nichts« gab Moosbrugger mit galantem Lächeln zur Antwort. »Schon von einer Frau wird ja der Mann ruiniert!«

»Haben Sie schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht?« fragte Rachel, während ihr Blut Kreise schlug wie der Schweif einer lauernden Katze.

Moosbrugger sah sie prüfend an und wurde ernst. »Ich habe in meinem ganzen Leben nur schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn ich mein Leben schreiben wollte, würden manchem die Augen aufgehn!«

»Das sollten Sie tun!« schlug Rachel begeistert vor.

»Mir ist das Schreiben viel zu unbequem!« sagte Moosbrugger stolz und dehnte seine Schultern aus. »Aber du bist ja ein gebildetes Fräulein. Vielleicht erzähl ich dir noch was. Dann kannst du's schreiben.«

»Ich habe noch nie ein Buch geschrieben!« erwiderte Rachel bescheiden; aber zumute war ihr, wie wenn man ihr angeboten hätte, Sektionschef Tuzzis Stelle zu übernehmen. Und dieser Mann vor ihr war kein Schwätzer; der hatte bewiesen, daß er für seine Worte einstehen konnte.

So verging die Zeit in angeregtem Gespräch, und es wurde zehn Uhr, ohne daß Clarisse kam.

Moosbrugger zog seine große dicke Nickeluhr aus der Weste und stellte fest, daß es fünf Minuten nach halb elf sei.

Als sie das nächste Mal nachsahen, war es sieben Minuten vor elf.

»Sie wird nicht mehr kommen, ich hab mir das gleich gedacht« sagte Moosbrugger.

»Aber sie muß doch kommen« sagte Rachel.

Das Gespräch wurde wortkarg. Sie waren früh erwacht und hatten das Zimmer nicht verlassen, das Eingesperrtsein machte sie müde. Moosbrugger stand auf und dehnte sich. Rachel erklärte sich endlich bereit, etwas zum Essen zu besorgen, ohne länger zu warten. Aber vorher mußte Moosbrugger den grünen Augenschirm aufsetzen und das Holzbein umschnallen, falls in Rachels Abwesenheit ein Fremder in die Wohnung käme; Holzbein und Augenblende waren ein Vermächtnis Clarisses. Es war gar nicht einfach, mit dem an den Schenkel zurückgeklappten und angebundenen Bein, an dessen Knie die Holzstelze saß, durch die Hose zu fahren; Moosbrugger mußte den Arm um Rachels Nacken legen und zog sie bei dieser Gelegenheit ein bißchen an sich.

Er humpelte über eine Viertelstunde allein in der Wohnung auf und ab, es war ekelhaft langweilig; dann kochte Rachel, aber sie konnte nicht viel kochen, und das Essen war auch nicht gerade lustig. Moosbrugger bekam diese Zurückgezogenheit allmählich satt, aber er sah ein, daß er sie noch lange nicht aufgeben dürfe. Er wollte ein wenig schlafen, damit die Zeit vergehe, gähnte wie ein Löwe und setzte sich auf das Bett, um das verdammte Bein abzuschnallen, das ihm das Blut in den Kopf trieb. Rachel mußte ihm helfen. Und wie er wieder den Arm um ihre Schulter legte, dachte er, daß sie doch eigentlich seine Frau sei für diese Zeit. Sicherlich hatte sie nie etwas anderes von ihm erwartet und sich lustig über ihn gemacht, gestern, als er so ohne weiteres zur Ruhe ging. Als das Holzbein zur Erde fiel, legte er Rachel mit dem Arm, den er um ihre Schulter hatte, zurück aufs Bett und zog sie ein wenig daran hoch, bis ihr Kopf auf ein Kissen zu liegen kam. Rachel wehrte sich nicht. Sein großer Bart senkte sich auf ihren Mund. Aber ihr kleiner Mund kam ihm entgegen. Ging gleichsam in diesen Bart hinein wie in einen Wald und suchte darin den Mund. Als der Mann sich an ihr hinaufschob, kam Rachel beinahe mit dem Gesicht unter seine Brust zu liegen und mußte mit dem Kopf seitwärts ausweichen, um atmen zu können; ihr war, wie wenn sie von Erde verschüttet wäre, die vulkanisch zuckte. Die wirklich großen körperlichen Erregungen entstehen durch die Einbildungskraft; Rachel erblickte in Moosbrugger nicht einen Helden, wie die Erde keinen zweiten trug, denn das Vergleichen und Überlegen hätte dann die Einbildungskraft schon getötet, sondern den Held, und das ist ein Begriff, der weniger bestimmt ist, aber mit dem Ort und dem Augenblick, wo er auftritt, verschmilzt und mit dem Menschen, der ihn bewundert. Wo Helden sind, dort ist auch noch die Welt weich und glühend und der Zusammenhang der Schöpfung nicht zerrissen. Das abenteuerliche Zimmer mit verhängten Fenstern sah mit einemmal wie die Höhle eines großen Räubers aus, der sich dahin vor der Welt zurückzieht. Rachel fühlte ihre Brust unter einem gewaltigen Druck liegen; das Huschende, das zu ihrem Wesen gehörte, wurde in diesem Augenblick von einer übermächtigen Kraft festgehalten und zum Dulden gezwungen; ihr Oberleib konnte sich dabei so wenig rühren, wie wenn er unter die Eisenräder eines Lastwagens geraten wäre, und diese Lage würde quälend geworden sein, hätte nicht alle Freiwilligkeit und Selbständigkeit, deren ihr Körper fähig war, sich in den Hüften versammelt, wo ein Riese mit Wolken kämpfte, die ihn unerachtet ihrer Ohnmacht immer wieder umschlangen und in ihrer Weise ebenso stark waren wie er in der seinen. Ein Wunsch, den Rachel noch nie in ihrem Leben empfunden, ja noch nie geahnt hatte, drückte in ihrem Kopf und öffnete von da die ganze Person: sie wollte einen Helden empfangen und gebären. Ihre Lippen blieben staunend geöffnet, ihre Glieder blieben liegen, wo sie lagen, als sich Moosbrugger erhob, und ihre Augen blieben von einem bläulich gelben Hauch, wie ihn Waldschwämme annehmen, wenn man sie bricht, noch lange überzogen. Sie stand erst auf, als es Zeit wurde, Licht zu machen und an das Abendbrot zu denken; bis dahin hatte sie in einer Art Gedankenlosigkeit auf eine Fortsetzung gewartet, die sie sich nicht vorzustellen vermochte und keineswegs bloß als eine Wiederholung dachte.

Für Moosbrugger war die Angelegenheit übrigens bis auf weiteres erledigt. Menschen, die bei Gelegenheit Sexualverbrechen begehn, sind, wie man weiß, in gewöhnlichen Zeiten nichts weniger als üppige Liebhaber, da ihre Verbrechen, soweit sie nicht äußeren Einflüssen entspringen, ja nichts anderes ausdrücken als die Unregelmäßigkeit ihrer Begierde. Moosbrugger empfand nichts als Langweile, während Rachel vernichtet auf dem Bett lag. Nun war also nach seiner Ansicht auch noch das vorbei, das dem Beisammensein eine gewisse Spannung verliehen hatte, ehe man daran dachte.

Clarisse kam nicht, sie kam auch am nächsten Tag nicht; sie kam überhaupt nicht mehr.

Moosbrugger rauchte Zigaretten und gähnte. Rachel legte ihm ein paarmal den Arm um den Hals und die Hand ins Haar, er schüttelte sie ab. Er zog sie auf seinen Schoß und stellte sie gleich danach wieder auf die Beine, weil er es sich anders überlegt hatte. Was er außer Langeweile fühlte, war, daß man ihn beleidigt hatte. Diese Frauen hatten ihn wie einen Jungen aus der Schule geholt und nach Hause begleitet; er hatte dieses Bild manchesmal beobachtet und sich dabei gedacht, daß aus solchen Söhnchen nie etwas Tüchtiges werden könne. Aber er sah ein, daß er vorläufig nachgeben müsse; er durfte sich nicht auf die Straße traun, solange der Eifer der Polizei noch frisch war, und Freunde aufzusuchen, war schon gar nicht ratsam. Er ließ sich von Rachel Zeitungen bringen und suchte, was man über ihn sage; er war jedoch mit seiner Presse diesmal nicht zufrieden, die Blätter taten seine Flucht mit drei bis fünf Zeilen ab. Er wußte, daß Rachel ebenso niedergeschlagen davon war, daß Clarisse sich nicht zeigte, wie er selbst; aber der Unwille, der sich in ihm anhäufte, wenn er Rachel auch nicht als seine Ursache ansah, so lagerte er sich doch um sie, als die gegenwärtige Stellvertreterin Clarissens. Rachel begriff den Fehler, daß sie sich auch weiterhin weigerte, Alkohol zu bringen; hätte sie es, übrigens, getan, so wäre auch das ein Fehler gewesen. Moosbrugger schwieg nach solcher Weigerung, aber die Beleidigungen, denen er ausgesetzt war, bildeten mit der Sehnsucht nach einem Wirtshaus und der faden Langeweile zusammen einen Knäuel von Widerwärtigkeit, als dessen Spindel ihm das dünne Mädchen vorkam, das sich den ganzen Tag um ihn bewegte. Er sprach nur das Nötigste und ließ alle Versuche Rachels, das Gespräch wieder auf die Höhe des ersten Morgens zu bringen, unberücksichtigt. Dazu noch von ihren eigenen Sorgen gepeinigt, war Rachel sehr unglücklich.

Nach wenigen Tagen kam es zu dem ersten Auftritt zwischen ihr und ihm. Als das Abendbrot und auch eine Weile des Gähnens vorbei waren, zog Moosbrugger das kleine Geldtäschchen, aus dem Rachel den täglichen Bedarf beglich, an sich, und suchte mit seinen dicken Fingern ein Geldstück herauszufischen. Rachel, die sofort begriff, was er wolle, aber ihm ihre Börse nicht rechtzeitig hatte entziehen können, lief um den Tisch und fiel ihm in den Arm. »Nein,« rief sie aus, »Sie dürfen nicht ins Wirtshaus gehn! Man wird« Aber sie kam nicht dazu, diesen Satz zu vollenden, denn Moosbruggers Arm schob sie so streng zur Seite, daß sie das Gleichgewicht verlor und alle Mühe aufwenden mußte, um nicht zu fallen. Moosbrugger setzte seinen Hut auf und verließ das Zimmer, so unnahbar wie eine große Steinfigur.

Rachel überlegte verzweifelt, was sie zu tun habe. Sie beschloß, den Kampf gegen Moosbruggers Unklugheit aufzunehmen. Sie warf sich vor, daß sie sich durch sein verändertes Benehmen habe erschrecken lassen, und in der Einsamkeit des Nachdenkens kam ihr dieses Benehmen begreiflich vor. Als die Schwächere hatte sie es leicht, die Klügere zu sein, aber sie mußte alles daransetzen, ihm begreiflich zu machen, daß sie es in diesem Falle auch wirklich sei, und wenn er das einsähe, würde er sich wohl auch mit seiner Lage ein wenig befreunden, denn Rachel begriff ganz gut, daß das keine Lage für einen Helden war. Aber Moosbrugger war, als er nachhause kam, betrunken. Die Stube füllte sich mit üblem Geruch, sein Schatten tanzte an den Wänden; Rachel war entgeistert, und ihre Worte liefen in spitzen Vorwürfen diesem Schatten nach, ohne daß sie es selbst wollte. Moosbrugger war auf ihrem Bett gelandet und winkte ihr mit dem Finger. »Nein, niemals wieder!« schrie Rachel. Moosbrugger zog eine Flasche aus der Brust, die er mitgebracht hatte. Er war schon vor elf Uhr aus der Wirtschaft aufgebrochen und war bloß zu einem Drittel von Schnaps gefüllt, zum zweiten von schlechtem Gewissen und zum dritten von Ärger über seinen Aufbruch. Rachel ließ sich verleiten, sich auf ihn zu stürzen, um ihm die Flasche zu entreißen. In diesem Augenblick glaubte sie, daß ihr Kopf zerberste, die Lampe drehte sich, und ihr Körper verlor allen Zusammenhang mit der Welt; Moosbrugger hatte ihr Zustürzen mit einem gewaltigen Tatzenschlag in ihr Gesicht abgewehrt, und als Rachel zu sich kam, lag sie weit von ihm entfernt auf der Erde, zwischen den Zähnen sickerte etwas hervor, und Oberlippe und Nase schienen schmerzhaft zusammengewachsen zu sein. Sie sah, wie Moosbrugger immer noch die Flasche betrachtete, dann schmetterte er diese unwirsch zur Erde, stand auf und blies das Licht aus.

Ob mit Willen oder bloß in seiner Trunkenheit, Moosbrugger hatte das Bett besetzt, und Rachel kroch weinend auf den Deckenhaufen, in dessen Nähe sie hingestürzt war. Die Schmerzen in ihrem Gesicht und Körper ließen sie nicht schlafen, sie getraute sich aber nicht, Licht zu machen und sich Umschläge zu bereiten. Es war ihr kalt, die Schande erfüllte ihren Kopf mit einem Zustand, der ganz der gehaltlosen Unruhe von Fieberphantasien glich, und der ausgeronnene Schnaps überzog den Boden mit einem lähmenden, ekligen Dunst. So gut sie es vermochte, überlegte sie während der ganzen Nacht, was zu geschehen habe. Sie mußte Clarisse finden, aber sie hatte keine Kenntnis, wo Clarisse wohne. Sie wollte fortlaufen, aber dann sagte sie sich wieder, daß sie Clarissens Vertrauen täuschen würde, wenn sie Moosbrugger im Stich ließe, ehe diese wiedergekommen sei, sie hatte doch Geld dafür bekommen. Es fiel ihr auch ein, daß sie Ulrich aufsuchen könnte, aber sie schämte sich und verschob das auf später. Sie war noch nie geschlagen worden, aber wenn man von dem Schmerz absah, so war es nicht so schlimm; es drückte einfach die Tatsache aus, daß sie schwächer war als dieser Riese, den sie liebte, daß ihre Beschwörungen nicht bis zu seinem Ohr drangen und daß sie vorsichtig sein mußte; er wollte ihr nichts Ernstes tun, das sah sie wohl, und das Unangenehmste blieb die Angst, die sie vor einer Wiederholung ihrer Züchtigung hatte, denn diese Vorstellung nahm ihr allen Mut aus der Brust und machte sie ganz elend.

So kam der Tag, ehe sie mit sich fertig war. Moosbrugger erhob sich, und schlotternd vor innerer Leere, mußte sie seinem Beispiel folgen. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr, daß Mund und Nase stark angeschwollen waren, inmitten eines grüngelb entfärbten, halb ausgelöschten Gesichts; der Zauber dieser Nacht hatte Rachel häßlich und anspruchslos gemacht. Weder sie noch Moosbrugger sagten etwas. Moosbrugger hatte einen wirren Kopf, er hatte im Schlaf den Schnaps gerochen und war mit dem Gefühl aufgewacht, nicht genug getrunken zu haben. Als er Rachels angelaufenes Gesicht sah, ahnte er etwas von dem, was gestern vor sich gegangen war; eine dunkle Erinnerung, daß sie sich herausfordernd betragen habe, hielt ihn davon ab, sie zu fragen. Er hätte sie aber gerne gefragt; eigentlich wußte er bloß nicht, wie er es anstellen solle. Und Rachel wartete auf ein gutes Wort von ihm, wie nur irgendein verliebtes Mädchen wartet; als er sich schweigend bedienen ließ, wurde sie immer trotziger. Moosbrugger wäre am liebsten gleich wieder in die Kneipe gegangen, aber er hatte vor diesem Mädchen Angst, das ihm wieder einen Auftritt machen möchte, und er konnte sie doch nicht immerzu schlagen. Ihre vom Heulen verschwollenen Augen widerten ihn noch mehr an als der aufgequollene Mund, der sichtbar wurde, wenn sie das Tuch, das sie daran hielt, von neuem näßte. Er sei ja wohl schuld, sagte er sich, alles was richtig ist, aber gleich am Morgen das wieder um sich zu haben, sei ihm zu viel. Der zarte Rücken Rachels und ihre schlanken Arme, die sie beim Waschen jetzt zeigte, der Teufel sollte sie holen, ihm gefielen sie nicht und kamen ihm wie Hühnerknochen vor.

Er faßte alles in allem so zusammen, daß er sich in einer sehr dummen Lage befinde, aber möglichst in Ehren ausharren müsse. Er ging abends ins Wirtshaus, das hatte er beschlossen, in dieser Gegend, wo man ihn nicht kannte, zu wagen, und Rachel traute sich nicht mehr, das Geld zu verweigern, oder bei diesem Anlaß Vorwürfe zu machen. Auch dann nicht, als er Karten zu spielen begann und dazu mehr Geld brauchte. In der Kneipe fand man leidlich gute Gesellschaft, in dieser Weise, dachte Moosbrugger, könne man ausharren, wenn man bei Tag recht viel schlafe. Aber Rachel schlief bei Tag nicht und störte ihn wie eine Fledermaus. Einigemal fing er sie. Einigemal machte er auch den Versuch, ein besseres Leben zu beginnen und mit ihr als mit einem kleinen Fräulein zu sprechen, das sie ja auch war. Aber da zeigte sich, daß Rachel nicht mehr konnte. Sie antwortete ausweichend und einsilbig. Wenn Moosbrugger den Mund öffnete, erstarrte sie, ohne es zu wollen; denn sie hätte gern mit ihm gesprochen, aber er hatte etwas Fremdes in sie geschüttet, Gewalt, und der Brunnen, aus dem alles Sagenswerte kommt, war zugefroren. So blieb Moosbrugger nichts übrig, als sich zur Wand zu drehen.

Aber es gab einen Augenblick, wo sie jedesmal sprach, und das war, wenn Moosbrugger vom Wirtshaus zurückkehrte. Wenn er nicht betrunken war, schwieg er dazu oder brummte bloß unverständliche Antworten, und Rachel verfolgte ihn bis in den Schlaf mit Vorwürfen seines Leichtsinns. Er hatte sie in der Spannung geschlagen, der sehr unangenehmen, die in ihm herrschte, solange er sich verlockt fühlte, das Haus zu verlassen, und sich noch nicht dazu entschließen konnte; jetzt, wo er einstweilen damit im Gleichgewicht war, zeigte er sich fein und artig; und Rachel, die herausfühlte, daß sie keine Gefahr laufe, wagte sich immer weiter vor. Er blieb bloß von einem Tag zum anderen länger aus, in dem Wunsch, erst zurückzukehren, wenn sie eingeschlafen sei. Aber Rachel hatte eine merkwürdige Art Schlaf angenommen. Wenn er mit der Dunkelheit das Haus verließ, schlief sie augenblicklich ein, und wenn er zurückkehrte, wachte sie auf und mit einer Sicherheit, als sei das nur die Fortsetzung ihres Schlafs, begann sie mit ihm zu zanken. Ihre arme Seele, dazu verurteilt, mit Überlegung und Gedanken ihre Lage nicht auflösen zu können, ließ sich dann von den trunkenen Kräften des Schlafs emporheben.

»So ein Hendl!« dachte Moosbrugger von ihr, und die Beleidigung, daß solch ein mageres Huhn tagaus, tagein um ihn herumscharren dürfe, wurmte ihn. Aber Rachel, als wüßte sie, wie er von ihr denke, und ohne daß er es je ausgesprochen hätte, fast wie in einer somnambulen Übereinstimmung mit dem schweigsamen Mann, der nachts durch das Zimmer tappte, fühlte eine unbezwingbare Lust zu gackern und zu zanken. Und wenn Moosbrugger betrunken heimkam, was ja auch nicht gerade selten geschah, so war sein Schwanken und Stolpern wie ein großes Schiff, das auf den gleichen Wellen tanzte wie die kleinen, aufgeregten Sätze des Mädchens. Und wenn dem gewaltig betrunkenen Christian Moosbrugger ein Satz zu nahe ging, so schnappte er. Wie gesagt, es war nie wieder der unbedachte Zorn wie beim erstenmal, wo eine Bewegung seiner Hand Rachel beinahe zerschmettert hätte, aber er wollte dieses schreiende, sich gegen ihn auflehnende Kind zur Ruhe bringen, und mit vorsichtig bemessener Gewalt, so wie ein Betrunkener den Schritt über den Rinnstein ausmißt, ließ er seine Hand auf sie fallen. Wenn Rachel geschlagen wurde, war sie augenblicklich still. Ein maßloses Staunen befiel sie wie bei einer ganz unerwarteten abschließenden Antwort. Sie war, seit sie das Elternhaus hinter sich gelassen hatte, nicht religiös; nach ihrem Werdegang erschien ihr Religion als eine Sache für unfeine Leute: aber wenn ein Elohim oder besser ein böser Geist plötzlich auf einer Bank im Stadtpark zwischen den geputzten Menschen gesessen wäre, gerade so kam es ihr vor, wenn sie geschlagen wurde. Es zog sie in die Nähe, diesen bösen Geist noch einmal zu betrachten, und sie suchte ihn in Bewegung zu bringen. Dann öffnete sie eben wieder den Mund und sagte etwas, wovon sie ebenso sicher wußte, daß es Moosbrugger reizen könnte, wie daß es, wenn er es befolgen wollte, das richtige zu seinem Heil wäre. Dann schlug sie Moosbrugger mit dem Rücken der Hand auf die Wange oder stieß sie an die Wand. Und Rachel, obgleich schon wieder staunend, fand noch ein Wort, spitz und eindringlich wie eine Stricknadel. Und Moosbrugger mußte natürlich darauf die Gabe größer machen. Und dieser Riese, der nicht erschlagen will, schlägt sie wild über den Rücken, aufs Gesäß, zerreißt ihr das Hemd, wirft sie an den Haaren zu Boden oder schleudert sie mit einem Fußtritt in die Ecke, aber tut alles dies doch mit so viel Behutsamkeit in der Wildheit, wie es sein Rausch nur erlaubt, damit ihr nicht die Knochen brechen. Und Rachel staunt den bösen Geist der Kraft und Roheit an, der alle Worte nichtig macht. Sie wird völlig leicht, wenn Moosbrugger sie stößt. Gegen seine Kraft gibt es keinen Willen. Der Wille kommt erst wieder, wenn der Schmerz aufhört. Und solange der Schmerz da ist, heult sie und ist selbst darüber erstaunt, wie sie gegen die Wände zetert. Und Moosbrugger möchte sich an den Kopf greifen und seinen eigenen Kopf aus den gehobenen Fäusten auf die Erde schmettern, wenn er dieses verwünschte Nichts von einem Menschen damit nur zum Schweigen bringen könnte!

Am Tage nach solchen Abenden kommt es Rachel vor, als ob sie selbst betrunken gewesen wäre. Ihre Vernunft sagte ihr, daß sie ein Ende machen müsse. Sie suchte Ulrich auf. Aber man gab ihr die Antwort, daß er verreist sei, und niemand wisse, wo er sich aufhielte, noch wann er zurückkehre. Am Rückweg glaubte sie zu bemerken, daß alles in der Welt heimlich auf Schlagen eingerichtet sei. Es fuhr ihr nur so durch den Kopf. Die Eltern das Kind. Der Staat die Sträflinge. Das Militär die Soldaten. Der Reiche die Armen. Der Kutscher die Pferde. Die Leute gingen mit großen Hunden an der Leine spazieren. Jeder schüchtert den anderen lieber ein, als sich mit ihm zu verständigen. Was ihr widerfahren war, war nicht anders, wie wenn sie mit den Händen in reine Lauge gegriffen hätte, statt in die verdünnte, die allerorts zum Waschen benützt wird. Sie mußte heraus! Ihr Sinn war wirr. Sie nahm sich vor, abends, wenn Moosbrugger aus dem Haus sei, mit allem, was sie noch besaß, zu entfliehn. Es mußte für sie allein noch ein paar Wochen reichen. Sie setzte ein argloses Gesicht auf, als sie die Wohnung betrat, um Moosbrugger nicht mißtrauisch zu machen. Aber obgleich es erst sechs Uhr und noch heller Tag war, fand sie ihn dort nicht vor. Ein augenblicklicher Argwohn ließ sie Umschau halten. Von ihren Kleidern fehlte fast alles. Die Lampe und ein Teil der Decken war fort. Wenn nicht in seiner Abwesenheit Diebe eingedrungen waren, so hatte Moosbrugger selbst alles zusammengerafft und versilbert.

Rachel packte den Rest zusammen. Aber dann wußte sie nicht, wo sie um diese Stunde, bei beginnendem Abend hinsolle. Sie beschloß, noch eine Nacht auszuharren und den Mund zu halten, wenn Moosbrugger so schwer betrunken zurückkehren werde, wie es nach diesen Vorbereitungen zu erwarten war. Am Morgen wollte sie dann spurlos verschwinden. Sie legte sich aufs Bett, und obgleich Moosbrugger auch den Kopfpolster mitgenommen hatte, schlief sie zum ersten Male ruhig die ganze Nacht.

Trotz dieses tiefen Schlafs wußte sie am Morgen sofort, noch ehe sie die Augen öffnete; daß Moosbrugger nicht nach Hause gekommen sei. Sie sah sich um und wollte es benutzen, um sich rasch fertig zu machen. Aber sie war traurig; sie fürchtete, daß Moosbrugger in seinem Leichtsinn der Polizei in die Hände gefallen sei, und das tat ihr leid. Unwillkürlich zögerte sie, während sie ihr Bündel schnürte. In Wahrheit hatte Moosbrugger schon längere Zeit etwas vorgehabt. Er hatte sehr gut bemerkt, daß Rachel das Geld an ihrem Busen verwahre, und er wollte es ihr wegnehmen. Aber er scheute sich hinzugreifen. Er fürchtete sich vor diesen zwei mädchenhaften Dingen, zwischen denen es lag; warum, wußte er nicht. Vielleicht, weil sie so unmännlich waren. So kam es zu dem anderen Plan. Der war der natürlichere. Er hob Moosbrugger und setzte ihn wieder ab. Wenn es Moosbrugger aber einmal ganz belieben sollte, so würde er sich auf diese Weise Reisegeld verschaffen und sich ganz forttragen lassen. Eigentlich gefiel es ihm bei Rachel recht gut. Sie hatte ihre Eigenheiten, die ihn dumpf verfolgten; aber wenn er in Wut geriet oder wenn er sie zur Liebe einfing, so entlud er jedesmal wieder einen Teil seines Unbehagens, und der Spiegel seines Plans stieg darum ziemlich langsam. Er fühlte sich bei Rachel einigermaßen gesichert; ja, das war es, ein sehr geordnetes Leben, wenn er abends ausging, sich etwas betrank, und dann seinen Streit mit ihr hatte. Es nahm ihm gleichsam jeden Abend die Patrone aus der Waffe. Die beiden hatten Glück damit, daß er Rachel sozusagen in kleinen Teilen schlug. Aber eben, weil das Leben mit ihr so gesund war, erregte sie auch nicht im großen seine Phantasie, und er hätschelte seinen heimlichen Plan, in die Welt zu verschwinden; er wollte ihn mit einem großen Rausch beginnen. Als es neun Uhr vormittags war, holte sich Rachel eine Zeitung, um nachzusehen, ob nichts Böses darinstehe. Sie sah es gleich. Eine Frauensperson war nachts von einem Betrunkenen oder Irrsinnigen zerfleischt worden, und man hatte den Mörder gefaßt, und die Feststellung seiner Persönlichkeit stand bevor. Rachel wußte, daß es niemand anderer als Moosbrugger war. Die Tränen traten ihr in die Augen. Sie wußte nicht warum, denn sie fühlte sich froh und erleichtert. Und wenn Clarisse sich wieder einfallen lassen sollte, Moosbrugger zu befrein, so würde Rachel die Polizei auf sie aufmerksam machen. Aber weinen mußte sie doch den ganzen Tag, als ob nun ein Stück von ihr selbst an den Galgen kommen sollte. 109

Generaldirektor Fischel


Ein eleganter Herr ließ seinen Wagen halten und rief Ulrich an; Ulrich erkannte mit Mühe in der selbstsicheren Erscheinung, die sich aus dem vornehmen Fuhrwerk beugte, Direktor Leo Fischel. »Man muß Glück haben!« rief ihm Fischel entgegen. »Meiner Sekretärin glückt es seit Wochen nicht, Ihrer habhaft zu werden! Immer heißt es, Sie sind verreist.« Er übertrieb, aber dies Chefbewußtsein, mit dem er sich zeigte, machte einen echten Eindruck.

Ulrich sagte leise: »Ich hatte mir Ihr Befinden ganz anders vorgestellt.«

»Was hat man Ihnen von mir gesagt?« forschte Fischel neugierig.

»Ich glaube, wohl so ziemlich alles. Ich habe lange Zeit erwartet, von Ihnen durch die Zeitungen zu hören.«

»Unsinn! Frauen übertreiben immer. Wollen Sie mich nicht in meine Wohnung begleiten? Ich erzähle Ihnen alles.«

Die Wohnung hatte sich verändert, einen Hauch von Generaldirektion irgendwelcher Unternehmungen bekommen, und war ganz und gar unweiblich geworden. Aber Fischel erzählte nicht genau. Es war ihm mehr darum zu tun, sein Ansehen bei Ulrich wieder zu befestigen. Seinen Austritt aus der Bank behandelte er als einen Zwischenfall. »Was wollen Sie, ich hätte noch zehn Jahre bleiben können, ohne vorzurücken! Ich bin in voller Freundschaft ausgetreten!« Er hatte eine so selbstbewußte Art zu sprechen angenommen, daß sich Ulrich veranlaßt sah, ihm trocken seine Verwunderung darüber zu bemerken. »Sie hatten sich doch so ruiniert,« fragte er »daß man annahm, Sie mußten sich entweder erschießen oder vor Gericht wandern?«

»Ich würde mich nie erschießen, ich würde mich vergiften;« verbesserte ihn Leo »ich werde niemand den Gefallen tun, wie ein Adeliger oder wie ein Sektionschef zu sterben! Aber ich habe es auch gar nicht nötig gehabt. Wissen Sie, was eine Versteifung, eine vorübergehende Illiquidität ist? Nun also! Es ist in meiner Familie ein lächerliches Aufheben davon gemacht worden, das man heute schon sehr bedauert!«

»Sie haben mir übrigens nie ein Wort davon gesagt,« rief Ulrich, dem es gerade einfiel, lachend aus »daß Sie der Freund Leonas geworden sind; ich hätte ein Anrecht gehabt, wenigstens das zu erfahren!«

»Haben Sie eine Ahnung, wie sich dieses Frauenzimmer mir gegenüber betragen hat? Unverschämtheit! Ihre Erziehung!«

»Ich habe Leona immer gelassen, wie sie ist. Ich nehme an, daß sie durch ihre natürliche Dummheit in wenigen Jahren als Pensionärin eines Bordells enden wird.«

»Weit gefehlt! Ich bin übrigens nicht so herzlos wie Sie, lieber Freund, ich habe mich bemüht, in Leona ein wenig die Vernunft und sozusagen den Wirtschaftsgeist in der Ausnutzung ihres Körpers zu wecken. Und an dem Abend, wo meine Illiquidität sich mir fühlbar zu machen begann, bin ich zu ihr gegangen, um mir einige hundert Kronen auszuborgen, von denen ich annahm, daß Leona sie auf die Seite gelegt haben sollte. Sie hätten dieses Weibsbild hören sollen, wie sie mich einen Filz, einen Räuber, ja sogar bei meiner Religion beschimpft hat; einzig und allein, daß sie nicht behauptete, ich hätte ihr die Unschuld gestohlen. Aber mit Leonas Zukunft irren Sie sich: wissen Sie, wen sie jetzt zum Freund hat, gleich nach mir?«

Er beugte sich zu Ulrich und flüsterte ihm einen Namen ins Ohr, mehr aus Respekt tat er das, als weil Flüstern notwendig gewesen wäre. »Was sagen Sie dazu? Man muß zugeben, sie ist eine Schönheit.«

Ulrich war tatsächlich erstaunt, der Name, den ihm Fischel zugeflüstert hatte, war der Arnheims.

Ulrich erkundigte sich nach Gerda. Fischel blies die Luft zwischen den sich wölbenden Lippen aus seiner Seele, sein Gesicht wurde ängstlich und verriet verheimlichte Sorgen. Er hob die Schultern und ließ sie müde sinken. »Ich habe mir gedacht, daß Sie vielleicht wissen, wo sie sich aufhält.«

»Ich habe eine Vermutung,« antwortete Ulrich »aber ich weiß nichts. Ich denke mir, sie wird eine Stellung angenommen haben.«

»Stellung? Als was? Als Fräulein in einer Familie mit kleinen Kindern! Denken Sie, da nimmt sie eine Stellung als Dienstbote an und könnte jeden Luxus haben! Ich habe erst gestern wegen eines Hauses abgeschlossen, prima Lage, eine Wohnung darin, die ein Palais für sich ist: Aber nein, nein, nein!«

Fischel fuhr sich mit den Fäusten ins Gesicht, sein Schmerz um die Tochter war ehrlich oder war wenigstens der ehrliche Schmerz darüber, daß sie ihn hinderte, seinen Sieg ganz zu genießen.

»Warum wenden Sie sich nicht an die Polizei?« fragte Ulrich.

»Ach, ich bitte Sie, ich kann meine Familienangelegenheiten doch nicht an die große Glocke hängen! Übrigens will ich es ja tun, aber meine Frau erlaubt es nicht. Ich habe meiner Frau sofort zurückgezahlt, was sie durch mich verloren hatte; die hohen Herren Brüder sollten sich nicht den Mund über mich zerreißen! Und schließlich ist Gerda doch so gut ihr Kind wie meines. Ich will da nichts ohne ihre Zustimmung tun. Sie fährt den halben Tag in meinem Wagen herum und sucht sich die Augen aus. Das ist natürlich Unsinn, so macht man es nicht. Aber was kann man tun, wenn man mit einer Frau verheiratet ist?«

»Ich dachte, Sie wären schon in Scheidung?«

»Waren wir auch. Das heißt, nur in Worten. Noch nicht bei Gericht. Die Rechtsanwälte hatten eben erst die ersten Schüsse abgegeben, als sich meine Verhältnisse zusehends besserten. Ich weiß selbst nicht, wie wir jetzt zu einander stehen; ich glaube, Klementine wartet auf eine Aussprache. Sie wohnt natürlich immer noch bei ihrem Bruder.«

»Aber warum beauftragen Sie denn nicht einfach ein Detektivbüro, Gerda zu finden?!« rief Ulrich dazwischen, dem das gerade einfiel.

»Sollte man tun« meinte Fischel.

»Die Spur führt doch sicher über Hans Sepp!«

»Meine Frau will dieser Tage noch einmal zu Hans Sepp hinausfahren und ihn bearbeiten; er sagt nichts.«

»Ach, wissen Sie was? Hans muß doch jetzt zum Militär eingerückt sein, erinnern Sie sich nicht?! Er hatte wegen irgendwelcher Prüfungen, die er dann doch nicht gemacht hat, ein halbes Jahr Aufschub bekommen, er muß vor vierzehn Tagen eingerückt sein; ich kann das genau sagen, weil es sehr ungewöhnlich war, denn um diese Zeit werden sonst nur die Medizinstudenten eingezogen. Ihre Frau wird ihn also kaum finden. Dagegen könnte man ihm durch seine Vorgesetzten die Hölle ordentlich heiß machen. Verstehen Sie, wenn man ihn dort etwas zwischen die Finger nimmt, wird er schon mit der Sprache herausrücken!«

»Ausgezeichnet, ich danke Ihnen! Ich hoffe, meine Frau sieht das auch ein. Denn ohne Klementine will ich, wie gesagt, in dieser Richtung nichts unternehmen; sonst kann es gleich wieder heißen, daß man ein Mörder ist!«

Ulrich mußte lachen. »Die Freiheit scheint Sie ängstlich gemacht zu haben, lieber Fischel.«

Fischel ärgerte sich immer leicht über Ulrich; jetzt wo er ein großer Mann war, mehr denn je. »Sie überschätzen die Freiheit,« sagte er abweisend« und es scheint, daß Sie meinen Standpunkt nie ganz verstanden haben. Die Ehe ist oft ein Kampf, wer der Stärkere ist; außerordentlich schwierig, solange es sich um Gedanken, Gefühle und Einbildungen handelt! Aber gar keine Schwierigkeit, sobald man im Leben Erfolg hat. Ich habe den Eindruck, daß auch Klementine das einzusehen beginnt. Man kann wochenlang darüber streiten, ob eine Auffassung richtig ist. Aber sobald man Erfolg hat, ist es die Auffassung eines Mannes, der sich geirrt haben kann, aber diesen nebensächlichen Irrtum eben braucht, um Erfolg zu haben. Es ist schlimmstenfalls wie die Marotte eines großen Künstlers; nun, was tut man mit den Marotten großer Künstler? Man liebt sie; man weiß, sie sind ein kleines Geheimnis«. Da Ulrich ungebunden lachte, wollte Fischel nicht zu sprechen aufhören. »Ich sage das gerade Ihnen! Geben Sie nur gut acht! Ich habe gesagt, wenn man nichts hat als Gefühle und Gedanken, nimmt der Streit kein Ende, Gedanken und Gefühle machen kleinlich und nervös. So ist es leider mir und Klementine ergangen. Heute habe ich keine Zeit. Ich weiß nicht einmal sicher, ob Klementine wieder zu mir zurück möchte; ich glaube bloß, daß sie es will; sie hat bereut, und früher oder später wird sich das ganz von selbst zeigen, dann aber ganz bestimmt viel einfacher und schöner, als wenn ich mir jetzt schon ganz genau ausdenken würde, wie es geschehen muß. Mit einem ungesund bis ins kleinste fixierten Plan würde man auch nie Geschäfte machen.«

Fischel war fast außer Atem, aber er fühlte sich frei. Ulrich hatte ihm ernst zugehört und widersprach nicht. »Ich bin sehr erfreut, daß sich alles so zum Guten wendet« sagte er höflich. »Ihre Frau Gemahlin ist eine ausgezeichnete Frau, und wenn es für Sie vorteilhaft sein wird, ein großes Haus zu führen, wird sie dieser Aufgabe vorzüglich vorstehen.«

»Eben. Auch das. Wir könnten jetzt bald die silberne Hochzeit feiern und Spaß beiseite, wenn das Geld neu ist, soll wenigstens sozusagen der Charakter alt sein. Eine silberne Hochzeit ist fast so viel wert wie eine adelige Großmutter, die sie übrigens auch hat.«

Ulrich erhob sich zum Gehn, aber Fischel war nun aufgeräumt. »Sie brauchen aber nicht zu glauben, daß mir am Ende Leona die Flügel gebrochen hat! Ich habe sie Dr. Arnheim ganz ohne Neid überlassen. Kennen Sie die Tänzerin?« er nannte einen unbekannten Namen und zog ein kleines Bild aus der Brieftasche. »Nun woher sollten Sie sie auch kennen, sie ist noch selten aufgetreten, selbständige Tanzabende, distinguiert, Beethoven und Debussy, wissen Sie, das ist jetzt so der kommende Geist. Aber was ich Ihnen sagen wollte, Sie sind doch Sportsmann, bringen Sie das zustande:?« Er trat an einen Tisch und begleitete seine Worte mit einem Echo aus Arm und Bein »Da legt sie sich zum Beispiel auf einen Tisch. Den Oberkörper platt auf der Platte, das Gesicht mit dem Ohr an die aufgestützten Arme gelehnt, und lächelt lieblich. Die Beine tut sie dabei ganz auseinander, so, der schmalen Tischkante entlang, daß es aussieht wie ein großes T. Oder sie steht plötzlich auf den Unterarmen und Handflächen So ich kann das natürlich nicht. Und einen Fuß hat sie über den Kopf weg beinahe auf der Erde, den anderen am Schrank oben. Ich sage Ihnen, Sie bringen es nicht zu einem Zehntel zusammen, trotz Ihrem Turnen. Das ist die neue Frau. Sie ist schöner als wir, sie ist geschickter als wir, und ich glaube, wann ich mit ihr boxen wollte, würde ich mir bald den Bauch halten. Das einzige, worin ein Mann stärker ist als die Frau heute, ist Geldverdienen!« 110

Politisch unverläßlich. Was auch mitbedeutend sein soll


Hans Sepp mußte Marsch-Eins üben, sich in Pfützen auf dem Kasernenhof niederknien, das Gewehr in Anschlag bringen und wieder absetzen, bis ihm die Arme vom Leib fielen. Der Korporal, der ihn peinigte, war ein milchbärtiger Bauernsohn, und Hans sah verständnislos in sein junges wütendes Gesicht, das nicht nur Zorn ausdrückte, was begreiflich gewesen wäre, weil er mit diesem Rekruten nachexerzieren mußte, sondern die ganze Bösartigkeit, deren ein Mensch fähig ist, wenn er sich gehen läßt. Wenn Hans seinen Blick über die Weite des Hofs gleiten ließ an und für sich hat ein Kasernenhof etwas Unmenschliches, unfrei Regelmäßiges, wie es die tote Welt der Kristalle hat, so endete er bei hockenden und steif laufenden blauen Figuren, die an alle Mauern gemalt waren, damit man das Gewehr auf sie anschlage; und dieser Weltzweck, beschossen zu werden, drückte sich auch in der abstrakten Art dieser Malereien zum Verzweifeln gut aus. Das war Hans Sepp schon in der ersten Stunde seines Kommens schwer aufs Herz gefallen. Der Mensch hat auf den Bildern, die an die Wände der Kaserne gemalt werden, kein Gesicht, sondern anstelle des Gesichts nur eine helle Fläche. Er hat auch keinen Körper, den der Maler in einer der Stellungen festgehalten hätte, wie sie Tier und Mensch, dem Spiele ihrer Bedürfnisse folgend, von selbst einnehmen, sondern er besteht aus einem mit dunkelblauer Farbe ausgefüllten groben Umriß, der die Stellung eines mit dem Gewehr in der Hand laufenden Mannes oder eines Mannes, der kniet und schießt, für eine Ewigkeit festhält, in der es niemals wieder etwas so Überflüssiges wie persönliche Zeichnung geben wird. Das war keineswegs unvernünftig; der Fachausdruck für diese Figuren hieß »Zielfläche«, und wenn der Mensch als Zielfläche betrachtet wird, so sieht er so aus, daran ist nichts zu deuteln. Man könnte daraus schließen, daß man ihn niemals als Zielscheibe betrachten dürfe; aber um Gotteswillen, wenn er gleich so aussieht, sobald man ihn nur so anschaut, ist die Versuchung dazu ungeheuer groß! Hans fühlte sich in der Tat während der Öde des Strafexerzierens immer wieder von der Dämonie dieser Malereien angezogen, als ob er von Teufeln gepeinigt würde; der Korporal schrie ihm zu, daß er nicht umherglotzen dürfe, sondern geradeaus zu schauen habe, er faßte ihn mit solchen Worten geradezu körperlich beim Blick, und wenn der Blick dann geradeaus in das rote Gesicht des Korporals fiel, so sah dieses warm und menschlich aus. Hans hatte das urzeitliche Gefühl, einem fremden Stamm in die Hände gefallen und zum Sklaven gemacht worden zu sein. Wenn ein Offizier erschien und auf der anderen Seite des Hofes als schlanke Silhouette teilnahmslos vorbeiglitt, kam er Hans Sepp wie einer der unerbittlichen Götter dieses fremden Stammes vor. Er wurde streng und schlecht behandelt. Mit ihm zugleich war ein Dienststück der Zivilbehörden zum Militär gekommen, das ihn als »politisch unverläßlich« bezeichnete, und so nannte man in Kakanien die staatsfeindlichen Individuen. Er wußte nicht, wer und was ihm diesen Leumund eingetragen hatte. Außer seiner Beteiligung an der Demonstration gegen Graf Leinsdorf hatte er niemals etwas gegen den Staat unternommen, und schließlich war Graf Leinsdorf nicht der Staat; Hans Sepp hatte, seit er Student war, nur von der germanischen Volksgemeinschaft gesprochen, von Symbolen und von der Keuschheit. Aber irgendetwas davon mußte der Behörde zu Ohr gekommen sein, und das Ohr der Behörde ist wie ein Klavier, aus dem man von je acht Saiten sieben entfernt hat. Offenbar war seinem Ruf auch nachgeholfen worden, jedenfalls kam er mit dem Ruf zum Militär, ein Feind des Kriegs, des Militärs, der Religion, der Habsburger und des Staates Österreich zu sein, verdächtig der Geheimbündelei und großdeutscher Machenschaften, die »auf den Zweck des Umsturzes der bestehenden Staatsordnung gerichtet« waren.

Mit allen diesen Verbrechen verhielt es sich aber beim Militär in Kakanien so, daß man ihrer den größten Teil aller tüchtigen Reserveoffiziere ohneweiters bezichtigen konnte. Fast jeder Deutsche hatte das natürliche Gefühl, mit den Deutschen im Reich zusammenzugehören und nur durch das Trägheitsvermögen der geschichtlichen Vorgänge vorläufig noch abgetrennt zu sein, und jeder Nichtdeutsche hatte mit den nötigen Änderungen erst recht ein solches gegen Kakanien gerichtetes Gefühl; Patriotismus war in Kakanien, wenn er sich nicht auf Hoflieferanten beschränkte, ausgesprochen eine Oppositionserscheinung, er verriet entweder Widerspruchsgeist oder jene fade Gegnerschaft gegen das Leben, die allezeit etwas Feines und Höheres braucht; abzusehen war da nur von Graf Leinsdorf und seinen Freunden, die das Höhere im Blut hatten. Ebensowenig waren aber auch die aktiven Offiziere frei von den Vorwürfen, die eine unbekannte Behörde gegen Hans Sepp erhob. Sie waren zum großen Teil Deutsche und soweit sie es nicht waren, bewunderten sie das deutsche Heer, und da die Kakanischen Parlamente nicht halb soviel Soldaten und Kriegsschiffe bewilligten wie der deutsche Reichstag, hatten sie alle das Gefühl, daß an den großdeutschen Hoffnungen nicht alles verwerflich sein könne. Sie waren von Kindheit an dazu erzogen, die Stütze des Patriotismus zu sein, was zur Folge hatte, daß ihnen dieses Wort stille Übelkeit erregte. Sie waren endlich gewohnt, am Fronleichnamstag ihre Soldaten zur Prozession zu führen und die Rekruten am Kasernenhof »Kniet nieder zum Gebet« üben zu lassen, aber unter sich nannten sie den Regimentsgeistlichen Kommischristus und für ihren braven, aber etwas beleibten Feldbischof hatten diese Heiden den Armeenamen Die Himmelskugel aufgebracht.

Ganz unter sich nahmen sie es nicht einmal übel, wenn jemand ein Feind des Militärs war, denn die meisten von ihnen waren es in längerer Dienstzeit selbst geworden, und sogar Pazifisten hat es im Kriegerstand von Kakanien gegeben. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß nicht alle später im Krieg genau so ihre Schuldigkeit mit Begeisterung getan hätten wie ihre Kameraden in anderen Staaten; im Gegenteil, man denkt ja immer anders als man handelt. (Krieg und Frieden das sind zwei ganz verschiedene Zustände, was noch nicht deutlich genug verstanden wird!)

Diese Tatsache, so überaus wichtig sie auch für den Zustand der heutigen Weltzivilisation ist, wird gewöhnlich so verstanden, als ob das Denken eine schöne bürgerliche Privatgepflogenheit wäre, unbeschadet deren man sich beim Handeln eben dem anschließt, was üblich ist und alle tun. Das stimmt aber nicht ganz, denn es gibt Menschen, die in ihrem Denken ganz und gar unoriginell sind, dagegen, wenn sie handeln, oft eine ganz persönliche Art haben, die, weit liebenswürdiger, über ihren Gedanken liegt oder weit gemeiner unter diesen, jedenfalls aber eigenartiger ist. Man kommt näher an die Wahrheit heran, wenn man nicht bei dem Gegensatz des Handelns gegen die Gedanken Halt macht, sondern erkennt, daß man es dabei von vornherein schon mit zwei verschiedenen Arten von Gedanken zu tun habe. Der Gedanke eines Menschen hört schon auf, nur Gedanke zu sein, wenn ein zweiter Mensch etwas ähnliches denkt und zwischen diesen beiden etwas besteht, mag es selbst nur ein Wissen voneinander sein, das sie zu einem Paar macht. (Die Gedanken, die man im Kopf hat, und die Gedanken, die außerhalb seiner deponiert sind.)

Schon dann ist der Gedanke nicht mehr reine Möglichkeit, sondern erhält einen Zusatz von Nebenrücksichten. Aber das mag ein Sophisma oder eine Konstruktion sein. Trotzdem ist es Tatsache, daß jeder kräftige Gedanke in die Wirklichkeit hinaustritt, sie durchdringt wie eine Kraft eine plastische Materie und schließlich in ihr erstarrt, ohne seine Wirksamkeit als Gedanke ganz zu verlieren. Überall, in den Schulen, den Gesetzbüchern, im Antlitz der Häuser in der Stadt und der Felder am Land, in den von den Oberflächenströmungen durchspülten Büros der Zeitungen, in Herrenhosen und Frauenhüten, in allem, wo der Mensch Einfluß ausübt und empfängt, sind Gedanken eingekapselt oder aufgelöst in verschiedenen Graden der Erstarrung und des Gehalts. (Das ginge nur in Verbindung mit ungewöhnlichen Eindrücken, die die Stadt vermittelt.)

Das ist natürlich nicht mehr als eine Binsenwahrheit, aber das Ausmaß davon ist uns nicht immer gegenwärtig, denn es beträgt wirklich nicht weniger als eine ungeheure hinausgestülpte dritte Gehirnhälfte. Sie denkt nicht; sie sendet Gefühle, Gewohnheiten, Erlebnisse, Grenzen und Richtungen, lauter unbewußte und halbbewußte Einflüsse, zwischen denen das persönliche Denken so viel und so wenig ist wie ein Kerzenflämmchen im steinernen Dunkel eines Riesendepots. Und nicht zuletzt sind darunter die Reservegedanken, die so aufbewahrt werden, wie die Uniformen für die Kriegszeit. In dem Augenblick, wo etwas Ungewöhnliches um sich greift, steigen sie aus ihrer Versteinerung. Alle Tage läuten die Glocken, aber wenn eine Feuersbrunst ausbricht oder ein Volk zu den Waffen gerufen wird, zeigt sich erst, was für Gefühle in ihnen getobt und gebimmelt haben. Alle Tage schreiben die Zeitungen gewisse ihnen gleichgültige Sätze, mit denen sie herkömmliche Geschehnisse herkömmlich verzeichnen, aber wenn eine Revolution droht oder etwas Neues geschehen soll, zeigt sich mit einemmal, daß die Worte nicht ausreichen und auf die ältesten Ladenhüter und Geistgespenster zurückgegriffen werden muß, um abzuwehren oder zu begrüßen. Bei jeder großen allgemeinen Mobilisierung, sei sie friedlich oder kriegerisch, tritt der Geist unausgerüstet und behangen mit Vergessenheiten an.

Zwischen dieses Mißverhältnis der persönlichen und allgemeinen, der lebendigen und Reservegrundsätze war Hans geraten. Man hätte sich unter anderen Umständen begnügt, ihn wenig sympathisch zu finden, aber die behördliche Zuschrift hatte ihn aus der Mitte der Privatpersonen herausgehoben, zu einem Gegenstand des öffentlichen Denkens gemacht, und seine Vorgesetzten daran gemahnt, daß sie auf ihn nicht ihre unerzogenen, aber abwechslungsreichen eigenen Gefühle anzuwenden hatten, sondern die allgemein gültigen, die ihnen Verdruß und Langeweile bereiteten und in jedem Augenblick zügellos entarten konnten wie die Handlungen eines Trunkenen oder eines Hysterischen, der ganz deutlich fühlt, daß er in seinem Rausch wie in einer zu großen fremden Hülse steckt.

Nur darf man nicht glauben, daß Hans etwa mißhandelt wurde und ihm Unerlaubtes geschah: im Gegenteil, er wurde vollkommen vorschriftsmäßig behandelt und bloß jenes Quentchen menschlicher Wärme fehlte nein, man kann nicht sagen, Wärme; aber Kohle, Brennstoff, vorhanden, um allenfalls bei günstiger Gelegenheit gebraucht zu werden, das selbst in einer Kaserne noch zuhause ist. Durch die Abwesenheit jeder persönlichen Wohlwollensmöglichkeit wirkten die rechtwinkligen Gebäude, die eintönigen Mauern, mit den blauen Figuren darauf, die endlosen Geraden der Gänge, mit den unzähligen parallelen Schrägstrichen der daraufhängenden Gewehre, wirkten die den Tag einteilenden Trompetensignale und Vorschriften als die klare, kalte Auskristallisation eines Geistes, der Hans Sepp bis dahin fremd gewesen war, des Geistes der Allgemeinheit, der Öffentlichkeit, der unpersönlichen Gemeinschaft oder wie man das nennen soll, der dieses Haus und diese Formen geschaffen hatte. (Vielleicht auch ein wenig: vom Erstarren zur Begrifflichkeit.)

Das Erdrückendste war, daß er allen seinen Widerspruchsgeist wie fortgeblasen fühlte. Er hätte sich ja wie ein Missionar vorkommen können, der von einem Indianerstamm gemartert wird. Oder er hätte den Lärm der Welt aus seinen Sinnen drängen und sich in die Ströme der Jenseitigkeit versenken können. Er hätte seine Leiden als ein Symbol ansehen können, und so fort. Aber alle diese Gedanken waren wie ohnmächtige Schatten, seit man ihm eine Militärmütze aufs Haupt gesetzt hatte. Die feine Welt des Geistes verblaßte zu einem Gespenst, das hier, wo tausend Menschen beisammen wohnten, nicht eindringen konnte. Sein Kopf war verödet und abgewelkt.

Hans Sepp hatte Gerda bei der Mutter eines seiner Freunde untergebracht. Er sah sie selten und dann war er meist mürrisch vor Müdigkeit und Verzweiflung. Gerda wollte selbständig werden, sie wollte nichts von ihm; aber sie begriff nicht die Geschehnisse, denen er ausgesetzt war. Sie hatte einigemale den Einfall gehabt, ihn nach dem Dienst abzuholen; als ob er er selbst wäre und nur von irgendeiner Veranstaltung käme. Er wich ihr in letzter Zeit aus. Er hatte nicht einmal die Kraft sich darüber zu kränken. In den Pausen des Dienstes, diesen unregelmäßigen, auf die unnützesten Zeiten fallenden Pausen, trieb er sich mit den anderen Einjährigen umher, trank Branntwein und Kaffee in der Kantine und saß in der trüben Flut ihrer Gespräche und Witze wie in einem schmutzigen Bach, ohne sich zum Aufstehen entschließen zu können. Erst jetzt haßte er zum erstenmal in seinem Leben den Soldatenstand, weil er sich seinem Einfluß unterworfen fühlte. »Mein Inneres ist jetzt nichts als das Futter eines Militärmantels« sagte er sich; aber er fühlte sich erstaunt versucht, die neuen Bewegungen in seiner Einkleidung zu erproben. Es kam vor, daß er auch nach dem Dienst mit anderen zusammenblieb und die etwas rohen Lustbarkeiten dieser halbselbständigen jungen Menschen verkostete.


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119

Generaldirektor Fischel. Begegnung im Zug


. . . durch den Zug gehend, bemerkte Ulrich ein bekanntes Gesicht, hielt an und kam darauf, daß es Leo Fischel sei, der allein in einem Abteil saß und in einem Stoß dünner Papiere blätterte, den er in der Hand hielt. Er war so bedürftig nach Teilnahme am alltäglichen Leben, daß er fast mit Freude seinen alten Bekannten begrüßte, den er monatelang nicht gesehen hatte.

Fischel fragte ihn, von wo er komme.

»Aus dem Süden« erwiderte Ulrich unbestimmt.

»Man hat Sie lange nicht gesehn« sagte Fischel bekümmert. »Sie haben Unannehmlichkeiten gehabt, nicht?«

»Inwiefern?«

»Ich meine nur so. In Ihrer Stellung bei der Aktion denk ich.«

»Ich bin doch nie zu ihr in einer Beziehung gestanden, die man eine Stellung nennen konnte« wandte Ulrich etwas entrüstet ein.

»Eines Tags sind Sie verschwunden« sagte Fischel. »Niemand hat gewußt, wo Sie sind. Ich habe daraus geschlossen, daß Sie Unannehmlichkeiten hatten.«

»Bis auf diesen Irrtum sind Sie auffallend gut unterrichtet: Wieso?« fragte Ulrich lachend.

»Ich hab Sie doch gesucht wie eine Spennadel. Schwere Zeiten, böse Geschichten, mein Lieber« antwortete Fischel seufzend. »Der General hat nicht gewußt, wo Sie sind, Ihre Kusine hat nicht gewußt, wo Sie sind, und Ihre Post haben Sie sich nicht nachkommen lassen, wie man mir gesagt hat. Haben Sie einen Brief von Gerda bekommen?«

»Empfangen nicht. Vielleicht finde ich ihn zu Hause vor. Ist etwas mit Gerda?«

Direktor Fischel antwortete nicht; der Schaffner war vorbeigegangen, und er winkte ihn herein, um ihm einige Telegramme mit dem Ersuchen zu übergeben, daß er sie in der nächsten Station absende.

Jetzt erst bemerkte Ulrich, daß Fischel erster Klasse fuhr, was er nicht von ihm erwartet hätte.

»Seit wann verkehren Sie mit meiner Kusine und dem General?« fragte er.

Fischel sah ihn nachdenklich an. Er verstand offenbar nicht gleich diese Frage. »Ja, so« sagte er danach. »Ich glaube, da waren Sie noch gar nicht abgereist. Ihre Kusine hat mich wegen einer Geschäftsangelegenheit konsultiert, und durch sie habe ich dann den General kennen gelernt, den ich damals noch wegen Hans Sepp um etwas ersuchen wollte. Sie wissen doch, daß sich Hans erschossen hat?«

Ulrich fuhr unwillkürlich hoch.

»Ist sogar in einigen Zeitungen gestanden« bekräftigte Fischel. »War eingerückt zum Einjährigendienst beim Militär und hat sich nach einigen Wochen erschossen.«

»Ja, weshalb denn?«

»Weiß Gott! Ehrlich gestanden, er hätte sich ebenso gut auch schon früher erschießen können. Immer hätte er sich erschießen können. Er ist ein Narr gewesen. Aber ich habe ihn zum Schluß ganz gern gehabt. Sie werden es nicht glauben, aber mir hat sogar sein Antisemitismus und sein Schimpfen auf die Bankdirektoren gefallen.«

»Hat es zwischen ihm und Gerda etwas gegeben?«

»Großen Krach« bestätigte Fischel. »Aber das ist es nicht allein gewesen. Hören Sie. Sie haben mir gefehlt. Ich habe Sie gesucht. Wenn ich mit Ihnen rede, habe ich nicht das Gefühl, es mit einem vernünftigen Menschen zu tun zu haben, sondern mit einem Philosophen. Was Sie sagen erlauben Sie einem alten Freund, das zu bemerken hat nie Hand und Fuß, aber es hat Herz und Kopf! Also was sagen Sie dazu, daß sich Hans Sepp erschossen hat?«

»Haben Sie mich darum gesucht?«

»Nein, nicht deswegen. Wegen Geschäften und wegen dem General und Arnheim, mit denen Sie befreundet sind. Wie Sie mich hier sehen, bin ich nicht mehr in der Lloydbank, sondern bin ein eigener Mann geworden. Ein großes Wort, sage ich Ihnen! Ich habe große Unannehmlichkeiten gehabt, aber jetzt geht es mir, Gott sei Dank, glänzend«

»Unannehmlichkeiten nennen Sie, wenn ich mich nicht irre, daß man seine Stellung verliert?«

»Ja, ich habe meine Stellung bei der Lloydbank Gott sei Dank verloren; sonst wäre ich heute noch Prokurist mit dem Titel eines Direktors und bliebe es, bis man mich in Pension schickte. Als ich das habe aufgeben müssen, hat meine Frau die Scheidung gegen mich eingeleitet«

»Was Sie sagen! Sie haben wirklich viel Neues zu erzählen!«

»Ts!« machte Fischel. »Wir wohnen nicht mehr in unserer alten Wohnung. Meine Frau ist für die Scheidung zu ihrem Bruder gezogen.« Er holte eine Visitenkarte hervor: »Und das ist meine Adresse. Ich hoffe, Sie besuchen mich bald«. Auf der Karte las Ulrich »Generaldirektor« und einige jener vieldeutigen Titel wie »Import und Export« und »Transeuropäische Waren- und Geldverkehrsgesellschaft« und eine vornehme Anschrift. »Sie können sich nicht vorstellen, wie man von selbst aufsteigt« erklärte ihm Fischel. »Wenn bloß einmal alle diese Gewichte wie Familie und Beamtenstellung, vornehme Verwandtschaft der Frau und die Verantwortung vor den großen Menschheitsgeistern von einem genommen werden! Ich bin in wenigen Wochen ein einflußreicher Mann geworden. Auch ein wohlhabender Mann. Vielleicht werde ich übermorgen wieder nichts haben, aber vielleicht auch noch viel mehr!«

»Was sind Sie jetzt eigentlich?«

»Das kann man einem Außenstehenden nicht so mir nichts, dir nichts erklären. Ich mache Geschäfte. Warengeschäfte, Geldgeschäfte, politische Geschäfte, künstlerische Geschäfte. Die Hauptsache ist bei jedem Geschäft, daß man sich im rechten Augenblick davon zurückzieht; dann kann man nie daran verlieren« Wie nur je in alten Zeiten schien es Leo Fischel Freude zu bereiten, sein Tun mit »Philosophie« zu begleiten. Ulrich hörte ihm neugierig zu, dann sagte er:

»Bei alledem ist es mir aber auch wichtig zu erfahren, was Gerda zum Selbstmord von Hans gesagt hat.«

»Daß ich ihn ermordet hätte, behauptet sie! Dabei waren sie schon vorher ganz auseinandergekommen...« 120

Gartenfest


Am gleichen Abend mußte Ulrich bei einem Gartenfest erscheinen. Er konnte nicht wohl absagen und hätte es doch getan, wenn ihn seine Mißstimmung nicht gerade hingetrieben hätte. Aber er erschien spät. Der größere Teil der Besucher hatte die Masken bereits abgelegt. Zwischen den Bäumen des alten Parks flammten Fackeln, die wie brennende Spieße in den Rasen gerammt oder mit Klammern an den Stämmen befestigt worden waren. Mit weißen Tüchern gedeckte riesige Tische waren aufgestellt. Eine flackernde Feuersbrunst rötete die Rinde der Bäume, das lautlos über den Häuptern schwebende Blätterdach und die Gesichter unzähliger zusammengedrängter Menschen, die auf einige Entfernung nur aus solchen roten und schwarzen Flecken zu bestehen schienen. Es hatte wohl bei den Damen als Parole gegolten, in Männertracht zu erscheinen: Frau Maja Sommer als Maria-Theresianischer Soldat, die Malerin von Hartbach als Tiroler Sepp mit nackten Knien, und Frau Klara Kahn, die Gattin des berühmten Arztes, allerdings in einem Beardsley-Kostüm. Ulrich stellte fest, daß auch von den jüngeren Damen des Hochadels, soweit er sie von Angesicht kannte, viele eine männliche oder knabenhafte Erscheinung gewählt hatten, es gab da Jockeis, Liftjungen, halbmännliche Dianen, weibliche Hamlets und beleibte Türken. Die vor nicht langer Zeit befürwortete Mode des Hosenrocks schien, obgleich ihr niemand gefolgt war, doch auf die Phantasie gewirkt zu haben; für die damalige Zeit, wo die Frauen höchstens von der Erde bis zur halben Wade der Welt angehörten, von da bis zum Hals aber nur ihren Gatten und Liebhabern, und auf einem Fest, wo man Mitglieder des Kaiserlichen Hauses erwarten durfte, war das etwas Unerhörtes, eine Revolution, wenn auch nur eine aus Laune, und der Vorbote vulgärer Sitten, die vorherzusehen die älteren und dickeren Damen damals schon bevorzugt waren, während die anderen nichts als die Ausgelassenheit bemerkten. Ulrich glaubte es sich erlassen zu dürfen, den alten Fürsten zu begrüßen, um den sich als Hausherrn immer ein Kreis von Menschen versammelt hielt, während er ihm kaum bekannt war; er suchte Tuzzi, dem er etwas zu bestellen hatte, und als er ihn nirgends traf, nahm er an, daß der arbeitsame Mann schon nach Hause gegangen sein werde, und schlenderte vom Mittelpunkt des Treibens fort an den Rand einer Baumgruppe, von wo man, über ein ungeheures Rasenparterre hinweg, den Blick aufs Schloß hatte. Das prachtvolle alte Schloß hatte eine Art Rampenlicht angesteckt, lange Reihen elektrischer Lämpchen, die unter den Gesimsen hin oder die Pfeiler hinauf liefen und die Formen der Architektur gleichsam aus dem Schatten schmolzen, als sei der strenge alte Meister, der sie erdacht hatte, mit unter den Gästen und hätte einen kleinen Schwips unter einer weisseidenen Papiermütze. Man konnte unten die Dienerschaft bei den dunklen Türöffnungen ein- und auslaufen sehen, und oben wölbte sich der häßliche rotgraue Nachthimmel der Großstadt wie ein Schirm nach vorne, in den anderen, dunkelreinen Nachthimmel hinein, den man mit seinen Sternen erblickte, wenn man das Auge in die Höhe hob. Ulrich tat es und war wie trunken von einem Gemisch aus Widerwillen und Freude. Als er seinen Blick sinken ließ, gewahrte er eine Gestalt in seiner Nähe, die ihm vorher entgangen war.

Es war die einer großen Frau im Kostüm eines napoleonischen Obersten, und sie trug noch eine Maske; Ulrich erkannte daran sofort, daß es Diotima war. Sie tat, als bemerke sie ihn nicht, und blickte versunken auf das leuchtende Schloß.

»Guten Abend, Kusine!« sprach er sie an. »Versuchen Sie nicht zu leugnen, ich erkenne Sie unfehlbar daran, daß Sie als einzige noch eine Maske tragen.«

»Wie meinen Sie das?« fragte die Maske.

»Sehr einfach: Sie fühlen sich beschämt. Erklären Sie mir, warum so viele Damen in Hosen erschienen sind?«

Diotima zuckte heftig die Achseln. »Es hat sich herumgesprochen. Mein Gott, ich habe es begriffen, die alten Ideen sind schon so erschöpft. Aber ich muß Ihnen wirklich gestehen, daß ich mich verdrießlich fühle; es war eine unfeine Idee, man glaubt in eine Theaterredoute geraten zu sein.«

»Das Ganze ist unmöglich« meinte Ulrich. »Solche Feste gelingen heute nicht mehr, weil ihre Zeit vorüber ist.«

»Ach!« erwiderte Diotima obenhin. Sie fand den Anblick des Schlosses träumerisch.

»Herr Oberst befehlen mir wovon eine richtigere Auffassung zu haben?« fragte Ulrich und betrachtete herausfordernd den Körper Diotimas.

»Ach lieber Freund, sagen Sie nicht Oberst zu mir!«

Es war etwas Neues in ihrer Stimme. Ulrich trat nahe an sie heran. Sie hatte die Maske abgenommen. Er bemerkte zwei Tränen, die langsam aus ihren Augen traten. Dieser große weinende Offizier war sehr närrisch, aber auch sehr schön. Er ergriff ihre Hand und fragte leise, was ihr fehle. Diotima konnte nicht antworten; ein Schluchzen, das sie sich zu unterdrücken bemühte, bewegte den hellen Schein ihrer unter dem zurückgeschlagenen Mantel hoch hinaufreichenden weißen Reithosen. So standen sie im Halbdunkel des in den Wiesen versinkenden Lichts.

»Wir können uns hier nicht aussprechen,« flüsterte Ulrich »folgen Sie mir anderswohin. Ich bringe Sie, wenn Sie erlauben, zu mir.«

Diotima suchte ihre Hand aus der seinen zu ziehn; als es nicht gelang, ließ sie es sein. An dieser Bewegung fühlte Ulrich, was er kaum glauben konnte, daß seine Stunde bei dieser Frau gekommen sei. Er faßte Diotima ehrbar um die Taille und führte sie, zart stützend, tiefer in den Schatten hinein und dann in einem Bogen zur Ausfahrt.

Ehe sie wieder ins Licht traten, hatte Diotima ihre Tränen getrocknet und ihre Aufregung wenigstens äußerlich bemeistert.

»Sie haben nie bemerkt, Ulrich,« sagte sie mit tiefer Stimme »daß ich Sie schon seit langem liebe; wie einen Bruder. Ich habe keinen Menschen, mit dem ich sprechen kann.«

Da Leute in der Nähe waren, murmelte Ulrich nur: »Kommen Sie, wir werden sprechen.«

Im Wagen aber sagte er kein Wort, und Diotima drückte sich, ihren Mantel ängstlich zusammenhaltend, von ihm fort in die Ecke. Sie war entschlossen, ihm ihr Leid zu klagen, und ein Entschluß Diotimas war immer eine feste Sache; obgleich sie in ihrem ganzen Leben nie des Nachts bei einem anderen Mann gewesen war als bei Sektionschef Tuzzi, folgte sie Ulrich, weil sie sich, ehe sie ihn traf, vorgenommen hatte, sich mit ihm auszusprechen, falls er käme, und ein großes wehmütiges Verlangen nach einer solchen Aussprache hatte. Körperlich wirkte nun, in der Erregung der Durchführung, dieser feste Beschluß freilich nicht günstig auf sie; es ist die Wahrheit, daß er ihr im Magen lag wie eine harte Speise, wenn die Aufregung alle Säfte, die sie auflösen könnten, zurücktreten läßt, und Diotima fühlte kalten Schweiß auf Stirn und Nacken wie bei einer Übelkeit. Sie wurde von sich erst abgelenkt durch den Eindruck, den ihr die Ankunft bei Ulrich machte; den kleinen Park, wo die Glühbirnen an den Baumstämmen eine Gasse bildeten als sie hindurchschritten, fand sie bezaubernd, die Halle mit den Hirschgeweihen und der kleinen Barocktreppe erinnerte sie an Hifthorn, Meute und Kavaliere, und sie konnte sich da solche Eindrücke in der Nacht doch verstärkt werden und ihre Schwächen verbergen vor Bewunderung ihres Vetters nicht fassen, der niemals ein Aufheben von diesem Besitz gemacht hatte, sondern, wie es immer schien, darüber nur spottete.

Ulrich lachte und besorgte warmes Getränk. »Das ist, näher gesehen, eine dumme Spielerei,« sagte er »aber wir wollen nicht von mir sprechen. Erzählen Sie mir, was Ihnen geschehen ist!«

Diotima brachte kein Wort hervor, das war ihr noch nie widerfahren; sie saß in ihrer Uniform und fühlte sich von den vielen Glühbirnen beleuchtet, die Ulrich angezündet hatte. Es beirrte sie.

»Also Arnheim hat sich unschön benommen?« half Ulrich nach.

Diotima nickte. Dann begann sie: Arnheim sei frei, zu machen, was er wolle. Zwischen ihr und ihm sei nie etwas vorgekommen, was ihm, im gewöhnlichen Sinn, Pflichten auferlegen oder Rechte geben sollte.

»Aber wenn ich richtig beobachtet habe, stand es zwischen Ihnen doch schon so, daß Sie sich scheiden lassen und ihn heiraten wollten?« warf Ulrich ein.

»Oh heiraten?« sagte der Oberst. »Wir hätten vielleicht geheiratet, wenn er sich besser benommen hätte; das kann kommen, wie ein Band, das man zum Schluß noch lose auflegt, aber es soll kein Reif zum Zusammenhalten sein!«

»Und was hat Arnheim getan? Meinen Sie seinen Seitensprung mit Leona?«

»Sie kennen diese Person?«

»Flüchtig.«

»Sie ist schön?«

»Das kann man vielleicht sagen.«

»Hat sie Charme? Geist? Welchen Geist hat sie?«

»Aber liebe Kusine, sie hat nicht den geringsten Geist!«

Diotima schlug ein Bein über das andere und ließ sich eine Zigarette reichen; sie hatte etwas Mut gefunden.

»Sie sind aus Protest in diesem Kostüm auf dem Fest erschienen?« fragte Ulrich. »Habe ich recht? Sie wären sonst durch nichts dazu zu bringen gewesen. Eine Art Übermann in Ihnen hat Sie verlockt, nach dem Versagen der Männer; ich kann es nicht recht ausdrücken.«

»Aber mein Lieber« begann Diotima, und plötzlich rannen ihr hinter dem Rauch der Zigarette die Tränen wieder über das Gesicht. »Ich war die älteste von fünf Töchtern. Meine ganze Jugend lang habe ich die Mutter spielen müssen; wir haben keine Mutter gehabt; ich habe immer alle Fragen beantworten müssen, alles besser wissen müssen. Ich habe Sektionschef Tuzzi geheiratet, weil er um vieles älter war als ich und schon die Haare zu verlieren begann; ich wollte endlich einmal einen Menschen haben, dem ich mich unterwerfen durfte, aus dessen Hand mein Scheitel die Gnade oder Ungnade empfing. Ich bin nicht unweiblich. Ich bin nicht so stolz, wie Sie mich kennen. Ich beichte Ihnen, daß ich während der ersten Jahre in den Armen Tuzzis Wonnen empfunden habe wie ein kleines Mädchen, das der Tod zu Gott dem Vater entführt. Aber seit Jahren muß ich ihn verachten. Er ist ein platter Nützlichkeitsmensch. Von allem anderen sieht und versteht er nichts. Begreifen Sie, was das bedeutet?!«

Diotima war aufgesprungen; ihr Mantel war am Stuhl liegen geblieben; das Haar hing ihr konventsmäßig in die Wangen; ihre linke Hand stützte sich bald männlich auf den Säbelknauf, bald griff sie sich damit weiblich in die Haare; ihr rechter Arm machte große rednerische Bewegungen; sie stellte das Bein vor oder schloß die Beine eng zusammen, und der runde Bauch in den weißen Reithosen hatte, was merkwürdigerweise komisch wirkte, nicht die kleinste Unregelmäßigkeit, wie sie den Mann verrät. Ulrich bemerkte erst jetzt, daß Diotima leicht betrunken war. Sie hatte auf dem Fest in ihrer kummervollen Stimmung mehrere Gläser schweren Getränks hintereinander getrunken, und nun, nachdem auch Ulrich ihr Alkohol angeboten hatte, war der Glanz des Rausches davon wieder frisch gefirnißt worden. Aber ihre Trunkenheit war gerade nur so groß, daß sie die Hemmungen und Einbildungen wegschwemmte, aus denen sie sonst bestand, und legte eigentlich nur so etwas wie ihre natürliche Natur bloß, allerdings auch das nicht ganz, denn sowie Diotima nun auf Arnheim zu sprechen kam, begann sie von ihrer Seele zu reden.

Sie habe ihre ganze Seele diesem Mann gegeben, ob Ulrich glaube, daß ein Österreicher in solchen Fragen ein feineres Empfinden, mehr Kultur habe?

»Nein.«

»Vielleicht doch!« Arnheim sei gewiß ein bedeutender Mensch. Aber er habe schmählich versagt. Schmählich! »Ich habe ihm alles gegeben, er hat mich ausgenutzt, und nun bin ich arm!«

Es war klar, das übernatürliche andeutende Liebesspiel mit Arnheim, körperlich höchstens bis zu einem Kuß ansteigend, gedanklich dagegen grenzenlos und ein schwebendes Duett der Seelen, hatte in seiner wochenlangen, und zuletzt durch das Zerwürfnis Diotimas mit ihrem Gatten, reinen Dauer, das natürliche Feuer in Diotima so geschürt, daß man, respektlos gesagt, es gleichsam mit einem Ruck unter dem Kessel wegreißen sollte, um irgendein Unglück zerberstender Nerven zu verhüten. Das war es, was Diotima, bewußt oder nicht, von Ulrich verlangte. Sie hatte sich auf ein Sofa gesetzt, ihr Schwert lag über ihren Knien und über ihren Augen der schweflige Nebel der leichten Entrücktheit, als sie zu Ulrich sagte: »Hören Sie, Ulrich, Sie sind der einzige Mensch, vor dem ich mich nicht schäme. Weil Sie so schlecht sind. Weil Sie so viel schlechter als ich sind!«

Ulrich war verzweifelt. Die Umstände erinnerten ihn an einen Auftritt mit Gerda, der sich vor Wochen hier abgespielt hatte, Ergebnis vorangegangener Überreizung wie dieser. Aber Diotima war kein Mädchen, das von verbotenen Umarmungen überreizt worden ist. Ihre Lippen waren groß und offen, ihr Körper feucht und atmend wie aufgeworfene Gartenerde, und ihre Augen unter dem Schleier des Verlangens wie zwei in einen dunklen Gang geöffnete Tore. Aber Ulrich dachte gar nicht an Gerda; er sah Agathe vor sich, und er hätte schreien mögen vor Eifersucht, im Anblick dieses weiblichen Unvermögens, länger Widerstand zu leisten, obgleich er seinen eigenen Widerstand von Sekunde zu Sekunde schwinden fühlte. Schon spiegelte ihm seine Erwartung das Brechen dieser Augen vor, ihr Glanzloswerden, wie es nur der Tod und die Liebe hervorrufen, das ohnmächtige Aufbrechen der Lippen, zwischen denen sich der letzte Atem fortschleicht, und er konnte es kaum noch erwarten, diesen Menschen, den er da vor sich hatte, ganz zusammenbrechen zu fühlen und ihm zuzusehen, während er sich im Moder wand, wie ein Kapuziner, der in die Schädelgruft hinabsteigt. Wahrscheinlich gingen da seine Gedanken schon in einer Richtung, in der er Rettung erhoffte, denn er wehrte sich mit allen Kräften gegen seinen eigenen Zusammenbruch. Er hatte die Fäuste geballt und bohrte seine Augen, von Diotima aus gesehen, fürchterlich in ihr Gesicht. In diesem Augenblick empfand sie nichts als Angst und Anerkennung für ihn. Da fiel Ulrich ein verzerrter Gedanke ein, oder er las ihn aus der Verzerrung des Gesichtes, in das er blickte. Leise und bedeutsam erwiderte er: »Sie wissen gar nicht, wie schlecht ich bin. Ich kann Sie nicht lieben; ich müßte Sie schlagen dürfen, um Sie lieben zu können!«

Diotima blickte ihm blöde in die Augen. Ulrich hoffte ihren Stolz zu verletzen, ihre Eitelkeit, ihre Vernunft; vielleicht waren es aber auch nur die natürlichen, in ihm aufgehäuften Gefühle des Grolls gegen sie, die er aussprach.

Er fuhr fort: »Ich denke seit Monaten an nichts anderes, als Sie zu schlagen, bis Sie brüllen wie ein kleines Kind!« In diesem Augenblick hatte er sie aber schon bei den Schultern gepackt, nahe beim Hals. Die Opferblödheit in ihrem Gesicht nahm zu. Noch zuckten Ansätze darin, etwas zu sagen, die Lage durch eine überlegene Bemerkung zu retten. In ihren Schenkeln zuckten Ansätze, aufzustehen, und kehrten vor dem Ziel um. Ulrich hatte ihren Pallasch ergriffen und halb aus der Scheide gezogen. Um Gotteswillen! fühlte er ich werde, wenn nicht etwas dazwischen tritt, sie damit über den Kopf schlagen, bis sie kein Zeichen ihres verfluchten Lebens mehr von sich gibt! Er bemerkte nicht, daß in dem napoleonischen Obersten indessen eine entscheidende Veränderung vor sich ging. Diotima seufzte schwer auf, als entflöhe die ganze Frau, die sie nach ihrem zwölften Lebensjahr gewesen sei, aus ihrer Brust, und dann neigte sie sich zur Seite, um Ulrichs Lust sich über die ihre ergießen zu lassen, wie er mochte.

Wäre ihr Gesicht nicht gewesen, Ulrich hätte in diesem Augenblick aufgelacht. Aber dieses Gesicht war unbeschreiblich wie der Wahnsinn und ebenso ansteckend. Er warf den Säbel fort und gab ihr zweimal einen derben Klaps. Sie hatte es anders erwartet, aber die physische Erschütterung wirkte trotzdem. Es kam etwas in Gang, wie manchmal Uhren zu gehen beginnen, wenn man sie roh behandelt, und auch in den gewöhnlichen Ablauf, den die Begebnisse von da an nahmen, blieb ein Ungewöhnliches gemengt, ein Schrei und Röcheln des Gefühls.

Weit zurückliegende Kinderworte und Gebärden mengten sich hinein, und die ablaufenden wenigen Stunden bis zum Morgen waren wie erfüllt von einem dunklen, kindischen und seligen Traumzustand, der Diotima von ihrem Charakter befreite und sie in die Zeit zurückführte, wo man noch nichts überlegt und alles gut ist. Als der Tag durch die Scheiben schien, lag sie auf den Knien, ihre Uniform war über den Boden verstreut, die Haare waren ihr über das Gesicht gefallen und die Wangen voll Speichel. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie in diese Stellung gekommen war, und ihre erwachende Vernunft entsetzte sich über ihre entweichende Entrücktheit. Von Ulrich war aber nichts zu sehen.


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