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Fleisch in der Kunstgeschichte - Teil 3

Fleisch in der Kunstgeschichte: Von der Höhlenmalerei über geschlachtete Ochsen und der Meat Art zum Menschen als Kunst

Vielleicht denken sie beim Thema „Fleisch in der Kunst“ an Rembrandt (Abb. 01), Chaim Soutine, Lovis Corinth und möglicherweise auch an Jana Sterbak. Fleisch zieht seine teils blutige Spur jedoch durch die komplette Kunstgeschichte. Von der Steinzeit bis zur Gegenwart ist das Fleisch in der Kunst präsent. Dabei ist nicht nur der Künstler und der Betrachter selbst aus Fleisch und Blut; nicht nur das Wort, sondern auch die Kunst ist Fleisch geworden. In der Kunst findet sich nacktes und bedecktes, tierisches und menschliches Fleisch. Thematisiert werden fleischliche Sünde und Fleischeslust. Wir entdecken anatomische Studien und Meister des Inkarnats. Wir blicken in offene Wunden und auf Fleischkleider. Wir betrachten Frisch- und Gammelfleisch. Neben der Farbe und der Symbolkraft des Fleisches spielt auch die Struktur des Fleisches eine tragende Rolle. Diese Fleischbeschau hält für unser Kunstverständnis neue Einblicke parat. Damit dieser Artikel auch im Unterricht seine Anwendung finden kann, sind Anregungen für den Unterricht ergänzt. Autor: Dr. Udo Glanz



Karkasse


Abb.: Chaim Soutine – Karkasse des Rindes, 1925

Chaim Soutine: "Der holte sich die Fleischstücke aus dem benachbarten Schlachthof ins Atelier. Aber da das Malen nicht an einem Tag abgetan war, soll er frisches Blut darüber gegossen haben, um die Farbeffekte zu erhalten. Das Blut sei dann in die darunter liegende Wohnung gelaufen, wo man einen Mord vermutete und die Polizei alarmierte. Eine andere Version erzählt, die Hausbewohner hätten sich über den üblen Gestank beschwert. Deshalb seien Leute vom Gesundheitsamt gekommen. Da der Maler sie von der Ernsthaftigkeit seiner Arbeit zu überzeugen vermochte, sollen sie Ammoniak auf das Fleisch gegossen haben, damit es sich nicht weiter zersetze. Das habe Soutine dann noch mehrfach wiederholt. Und als er das verfaulte Fleisch dann wegwarf, hätten sich die Hunde und Katzen, die sich darauf stürzten, zu Tode vergiftet.Gut 20 Mal hat Soutine das Thema aufgegriffen. Was faszinierte ihn so daran? Die fleischlose Armut seiner Jugend wurde angeführt, auch die Kaschrut-Gebote, die dem Juden Schweinefleisch verbieten und besonderen Reinheitsregeln unterwerfen, oder das Erlebnis des rituellen Schächtens. Er selbst hat die sybillinische Auskunft gegeben: "Man behauptet, Courbet habe in einem einzigen seiner weiblichen Akte die ganze Pariser Atmosphäre einfangen können. Ich hingegen kann Paris in dem Kadaver eines Ochsen zeigen."" (Quelle: Welt.de, Das Fleisch in der Kunst)

Fleisch unter der Hülle

Meret Oppenheim . Déjeuner en fourrure (Frühstück im Pelz), 1936 (Museum of Modern Art, New York): Ein Meisterwerk der Objektkunst ist in der Verfremdung einer Kaffeetasse von Meret Oppenheimer zu finden. Das Fell lässt den überzogenen Gegenstand fleischiger, lebendiger wirken. Den Dingen eine andere Haut, eine andere Struktur zu geben, dies war häufig Thema in der Kunstgeschichte, was dem Fleisch unter den Dingen zu einer neuen Dimension verhalf.


Fleischmacht

Francis Bacon – Painting 1946, (1946): Wie bei Lovis Corinth sind auch die Werke Francis Bacon als Hommage an Rembrandts geschachtete Ochsen zu verstehen. Bacon bezeichnete seine Malerei als Jagd.

  1. Köder auswerfen: Fragmentarische Ausgangsmotive bilden den Ursprung für seine Kunst.
  2. Falle zuschnappen lassen: Die Umsetzung seiner Gefühlswelt führt zur „artifizielle Struktur“ und damit zur ...
  3. Bildkombination: Der Fang des lebendigen Wesen in der Kunst.

Dem Painting 1946 werden viele Eigenschaften zugeschrieben: Es sei zynisch, grotesk, grauenhaft, geschichtsbezogen, expressiv, aggressiv, absurd, monströs. Das Fleisch gilt hier als Machtverstärker für die monströse Figur.


Fleischverstärker

Francis Bacon – Figur mit Fleisch (1954): Als Verarbeitung des Velasquez-Papst stellte Bacon eine Serie an Päpsten her. In diesem Fall erlangt die Figur ebenfalls eine Machtbestätigung durch das thronähnliche „Fleisch im Rücken“. „Als Maler muss man auch immer daran denken, dass eine große Schönheit in den Farben des Fleisches liegt“ (Bacon)


Fleischverwischung

Francis Bacon – Selbstportrait (1971): Durch die Verzerrungen, Verwischung und damit der Offenheit des Fleisches verweist Bacon in seiner Jagd nach dem Wesen auf die Wunden „unter dem Fleisch“. Er entschleiert, klärt und bricht die Standards der Wahrnehmung auf.


Fleischwunden

Frida Kahlo – „Das offene Fleisch“: Frida Kahlo musste durch ihren Unfall unerträgliche Schmerzen des Fleisches am eigenen Leib erfahren. Die Stange, welche sich durch ihren Körper bohrte trat aus der Vagina wieder aus und veranlasst sie zeitlebens dieses Ereignis (teilweise in Verbindung mit den Wunden der Liebe) in ihren Bildern umzusetzen.


Literaturwurst

Dieter Roth – Literaturwurs (Martin Walser: Halbzeit / 1961): Dieter Roth verwurstet in seiner Material-Kombination aus organischem und nichtorganischem Material Martin Walsers „Halbzeit“ und ist der Meinung, dass die Literatur doch „durch den Magen gehen“ solle.


Symbolbefreiung durch Symbolüberfrachtung

Hermann Nitsch: 3. Aktion, Fest des psychophysischen Naturalismus (1963)
Hermann Nitsch „Orgien-Mysterien-Theater“ (1971)

Mit seinem Orgien-Mysterien-Theater erregte Hermann Nitsch großes Aufsehen. Die Orgie ist mit einem Blutbad, 1 Stier, 5 Schweine, 600 L Blut, „kübelweise Innereien“ und vielen „befleckten“ Menschen klar erkennbar. Mysterien in kultischen Opferritualen und Symbolüberfrachtungen sollen zur Befreiung von der Symboldenkweise führen. Eine Entmythologisierung des kollektiven Unbewusstseins. Mit dem Theater bezieht sich Nitsch auf den Dionysos-Mythos, der die Überwindung der Unerträglichkeit des Seins in der Befreiung durch die ästhetische Darstellung bis zur Unerträglichkeit sucht und zu einer Lebensbejahung führen soll. Aber auch „Kirche ist Theater“. Das Überstrapazieren des Bildes der Wandlung von Brot in Fleisch und Wein in Blut wird mit weißer Unschuldsfarbe kontrastiert. Das Wort wird durch Nitschs „muschelfleischweiche“ Regieanweisungen Fleisch.


Fleisch als Ekelobjekt

Paul Thek – Meat Piece with Warhol Brillo Box (1965)

  • Warhol mit Fleisch im Innern
  • Die Kunst im Inneren
  • Die Kunst als Haut


Paul Thek – Untitled (Meat Piece with Flies), (1965)

  • Material: Holz, Melaminlaminat, Metall, Wachs, Farbe, Haar, Plexiglas
  • Technologische Reliquien (Serie)
  • Verletzungen in Wachs


Eat Art

Der Erfinder der Eat Art Daniel Spoerri kommt aus der Richtung „Objektkunst“, die mit Verfremdung arbeitet und dem „Nouveau Réalisme“ (Neuer Realismus), der mit neuen Techniken und Materialien das Alltagsleben in die Kunst integrieren möchte. Seine Arbeiten weisen Ähnlichkeiten zum altniederländische Stillleben auf. In seinen Fallenbilder stellt er abgegessene Esstische dar. Dabei fixiert er das Essgeschirr und die Reste (Left overs) mit Kunstharz auf dem Tisch. Das Ergebnis ist ein Assemblage-Relief.

Link: EatArt - Joblin




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Fleisch in der Kunstgeschichte: Von der Höhlenmalerei über geschlachtete Ochsen und der Meat Art zum Menschen als Kunst

Vielleicht denken sie beim Thema „Fleisch in der Kunst“ an Rembrandt (Abb. 01), Chaim Soutine, Lovis Corinth und möglicherweise auch an Jana Sterbak. Fleisch zieht seine teils blutige Spur jedoch durch die komplette Kunstgeschichte. Von der Steinzeit bis zur Gegenwart ist das Fleisch in der Kunst präsent. Dabei ist nicht nur der Künstler und der Betrachter selbst aus Fleisch und Blut; nicht nur das Wort, sondern auch die Kunst ist Fleisch geworden. In der Kunst findet sich nacktes und bedecktes, tierisches und menschliches Fleisch. Thematisiert werden fleischliche Sünde und Fleischeslust. Wir entdecken anatomische Studien und Meister des Inkarnats. Wir blicken in offene Wunden und auf Fleischkleider. Wir betrachten Frisch- und Gammelfleisch. Neben der Farbe und der Symbolkraft des Fleisches spielt auch die Struktur des Fleisches eine tragende Rolle. Diese Fleischbeschau hält für unser Kunstverständnis neue Einblicke parat. Damit dieser Artikel auch im Unterricht seine Anwendung finden kann, sind Anregungen für den Unterricht ergänzt. Autor: Dr. Udo Glanz


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