Diskussion:Kunstgeschichte des Fleisches

Aus MOOCit, P4P Mini MOOCs
Wechseln zu: Navigation, Suche



Fleisch in der Kunstgeschichte - Joblin.png






Fleisch in der Kunstgeschichte
Von der Höhlenmalerei bis zur Meat-Art


Fleisch zieht seine blutige Spur durch die Kunstgeschichte. Offen oder geschlossen. Nackt oder bedeckt. Symbolhaft oder auf die Struktur reduziert. Fleisch tritt in der Kunst nicht nur als Motiv hervor, sondern ist teilweise auch der organische Werkstoff, aus dem Kunst gemacht wurde. Sogar als Farbersatz findet Fleisch seinen Platz in der Kunstgeschichte. Dabei ist nicht nur der Künstler selbst aus Fleisch und Blut, sondern auch derjenige, der an die Kunst herantritt. Diese Analyse des Fleisches in der Kunstgeschichte ermöglicht eine neue Sicht auf die Kunstgeschichte, das Fleisch an sich und den Menschen.

Fleischeslust in der Kunst

Venus von Willendorf 01.jpg


Fleisch ist der Ursprung aller Kunstthemen. Schon bei der „Venus von Willendorf“ (Altsteinzeit / ca. 25.000 v. Chr.) ist das menschliches Fleisch das Motiv welches den Figuren ihre Form gibt. Der fleischliche Charakter der Venus von Willendorf galt bspw. als Fruchtbarkeitssymbol, welches als Nomaden-Kultobjekte transportabel war. Abb.: Venus von Willendorf (Altsteinzeit / ca. 25.000 v. Chr.)


Höhlen-Blutmalerei

AltamiraBison.jpg


Das tierische Fleisch der Höhlenmalereien z.B. aus Altamira, Alt-Magdalénien (Jüngere Altsteinzeit ca. 12.000 – 15..000 v. Chr.) war aufgrund der Realität der damaligen Menschen ein sehr beliebtes Motiv: Pferde, Bisons, Hirsche usw. ließen Jagdszenen, Tierwanderungen, Technik des Tötens usw. als bildnerische Themen des Menschen als Jäger und Sammler erscheinen. Die Farbe setzte sich dabei aus Eisenoxiden, Holzkohle, diverse Gesteine, Erze und auch Blut zusammen. Fleisch galt schon hier als Symbol der Macht. Abb.: Höhlenmalerei aus Altamira, Alt-Magdalénien (Jüngere Altsteinzeit ca. 12.000 – 15..000 v. Chr.)

Beständigkeit des Fleisches

Fayum-34.jpg

Auch in der Tafelmalerei des Mumienportraits ist Fleisch das Leitmotiv. Die Mumifizierung sucht nach Beständigkeit und will Schönheit festhalten. Die körperliche, fleischliche Ähnlichkeit war nicht als Charakterdarstellung zu verstehen. Die Portraits war eine fleischliche Erinnerungen an Leben und Wirken und ein Begleiter im Tod. Abb.: Ägyptisches Mumienporträt (2. Jhh. n. Chr.)


Bibel-Fleisch

„Und das Wort ward Fleisch“ (Joh. Kap. 1). In der Bibel tritt das Wort Fleisch 305 mal in Erscheinung. (Das Wort „Leib“ 123 mal). Fleisch gilt hier vor allem als Symbol für Sünde, (Erb-) Schuld, Leid, Vergänglichkeit; aber auch als Leben, Liebe, Kraft und Macht. Der fleischgewordene Sohn Jesus Christus spielt hierbei eine zentrale Rolle.

3 wichtige Zitate:

  • „Und das Wort ward Fleisch geworden“ (Johannes 1,14) = Irdisch, Leiblich, Menschlich, Vergänglich
  • „der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (Matthäus 26,41) = Geist als Gegenbegriff des Fleisches
  • „Ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“ (Römer 7,14) = Negative Deutung: Fleischeslust & Abhängigkeit von der Sünde

Link: Fisch und Fleisch Redewendungen, Bibel-Fleisch, Bibel-Fisch



Meister des Inkarnats

Hubert van Eyck 015.jpg Hubert van Eyck 034.jpg

Hubert van Eyck galt vor allem in der Ausführung des „Genter Altars“ (1432 voll.) als Meister des Inkarnats (von ital. Carne, Fleisch) und verwandelte das Wort der Bibel in den Außenfiguren des Adams und der Eva in Perfektion zu Fleisch. Ohne Fleisch kein Mensch, kein Gott, kein Überleben, keine Kunst. Abb.: Hubert van Eyck – Genter Altar / Krieger Christi (1432 voll. / Ausschnitt: Adam und Eva)

„Alles Fleisch ist wie Gras ...“ (Petrus 1,24)


Sterblichkeit

Sandro Botticelli - St Sebastian - WGA2706.jpg


In Sandro Botticellis Gemälde ist die Sterblichkeit der Menschen das Leitmotiv, welche durch die Unsterblichkeit Gottes konfrontiert wird. Durch den Glauben an Gott werden die Wunden des Fleisches überwunden. Hier handelt es sich noch um seine sehr distanzierte, pietätvolle Darstellung der Wunden. Abb.: Sandro Botticelli: Der heilige Sebastian (1474 / Ausschnitt)


Anatomiestudien

Da Vinci Studies of Embryos Luc Viatour.jpg

Durch die naturwissenschaftliche Betrachtung des Menschen in der Renaissance wurde das Wissen um das Fleisch durch die „Einsicht in das Fleisch“ vermehrt. Die Wissenschaft galt hier als Gegenspieler zur christlichen Lehre. Heimliche anatomische Studien von Leonardo da Vinci (er grub heimlich des Nachts ca. 30 frischbegrabene Leichen aus und sezierte sie) hatten vor allem einen künstlerischen Fortschritt zur Folge, da seine wissenschaftliche Entdeckung der Arteriosklerose nicht öffentlich gemacht werden durfte. Abb.: Leonardo Da Vinci – Embryologie (um 1500)


Das ist mein Leib

Leonardo da Vinci - The Last Supper high res.jpg

Leonardo Da Vinci hatte aber nicht nur mit dem offenen Fleisch zu tun. Er war auch ein Meister des „Verweises auf das Fleisch“. Im Abendmahl spielt er beispielsweise durch die Ankündigung des Verrats in beinahe jeder Figur auf fleischliche Bibelereignisse an. Simon Petrus hält das Messer in der Hand, mit dem er Malchus das Ohr abschneiden wird. Judas hat sein Blutgeld bereits bekommen, das später unter dem Gehängten auf dem Blutacker liegen wird. Durch Jesus’ Handhaltung wird deutlich auf die Wunden der späteren Kreuzigung hingewiesen. Die im Bild unausgesprochenen Konsekrationsworte: „Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird.“ stehen als Zentrum der Glaubensgeschichte über der gesamten Szenerie, die nur noch von dem erhobenen Finger des ungläubiger Thomas ihre Bestätigung im Glaubensbekenntnis verlangt. Abb.: Leonardo Da Vinci – Das letzte Abendmahl (1495-1498)


Finger in der Wunde

Caravaggio - The Incredulity of Saint Thomas.jpg


Der ungläubige Thomas legt den Finger in die offene Wunde um die Auferstehung des „fleischgewordener Sohn“ zu fassen. Die Überwindung der Fleischlichkeit findet durch die Gnade Gottes ihre Erlösung. Caravaggio stellt diese Szene nicht zurückhaltend, sondern sehr fleischlich dar. Abb.: Michelangelo Merisi da Caravaggio: Der ungläubige Thomas (1601-02 / Ausschnitt)


Vergänglicher fleischiger Reichtum

Frans Snyders - Still-Life with Dead Game, Fruits, and Vegetables in a Market - WGA21538.jpg


In Handelshochburgen wie den Niederlanden waren Stillleben mit Fleisch ein Zeichen für Reichtum; aber auch für die Vergänglichkeit allen irdischen Lebens. Stillleben mit Fisch legen die Verknüpfung mit Jesus nahe: griech.: ιχθύς = Ιησούς Χριστός Θεού υιός Σωτήρ = Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser – die ersten Buchstaben bilden das Wort „Fisch“ Abb.: Frans Snyders: Stillleben mit Wildbret, Obst und Gemüse auf einem Marktstand (1614)


Abwesenheit des Fleisches

Jan Brueghel the Elder - Flowers in a Wooden Vessel - Google Art Project.jpg


Auch in der bewussten Abwesenheit des Fleisches wie bspw. bei Jan Bruegheld d.Ä. („Blumen-Brueghel“) – „Kleiner Blumenstrauß“ in einem Tongefäß (um 1607) arrangiert ein Mensch für Menschen Blumen. Hinweise auf das Fleisch ist hier z.B. die Irisblüte. Sie verweist auf den fleischgewordener Erlöser und ist auch ein Mariensymbol. Die Mohnblüten symbolisiert Vergänglichkeit bzw. die Offenbarung Gottes. Münzen und Juwelen beziehen sich auf den Reichtum des damals lebendigen Fleisches. Abb.: Jan Brueghel d.Ä. („Blumen-Brueghel“) – Kleiner Blumenstrauß in einem Tongefäß (um 1607)


Fleischlose Vanitas-Motive

Pieter Claeszoon- Vanitas - Still Life (1625, 29,5 x 34,5 cm).JPG


Vanitas-Motive dieses Stilllebens:

  • Totenschädel: Vergänglichkeit
  • Brief: Vergängliche Beziehung
  • Erlöschende Kerze: Sterbender Geist bzw. Seele
  • (Sand-) Uhr: Ablaufende Lebenszeit
  • Verwelkende Schnittblume

Weitere Vanitas-Motive wären z.B. Masken, Spiegel, leeres Glas, Schneckenhaus, Machtinsignien, Ruinen, Schmuck, aber auch verschiedene Tiere. Abb.: Pieter Claesz – Stillleben mit Brief und Kerze (1625)


Anatomie als Motiv

Anatomie Nicolaes Tulp.jpg


Ein Klassiker der Fleischkunst. Als Glanzstück der Fleischdarstellung gelten Rembrandt Hermenszoon van Rijns Ausführungen „Der geschlachtete Ochse“ (1643 & 1655). Das für die damaligen Verhältnisse untypische Motiv eines geschlachteten Ochsen, war im reichen Amsterdam kein Verkaufsschlager. Auch hier findet sich die Sterblichkeit alles Irdischen wieder, aber auf eine ganz neue, unverhohlene Art und Weise. Rembrandt malt die Dinge so, wie er sie sieht. Nicht zuletzt aus diesem Grund musste der Maler auch 1656 Konkurs anmelden. In Einbeziehung der biographischen Ereignisse kann die im Hell-Dunkel vollendete theatralische Wiederholung des Bildthemas 1655 als Selbstportrait gesehen werden. Abb.: Rembrandt Hermenszoon van Rijn – Die Anatomie des Dr Tulp (1632 / Ausschnitt)


Schlachtung

Rembrandt Harmensz. van Rijn 037.jpg Slaughtered Ox by Rembrandt.jpg


Das für die damaligen Verhältnisse untypische Motiv eines geschlachteten Ochsen, war im reichen Amsterdam kein Verkaufsschlager. Auch hier findet sich die Sterblichkeit alles Irdischen wieder, aber auf eine ganz neue, unverhohlene Art und Weise. Rembrandt malt die Dinge so, wie er sie sieht. Nicht zuletzt aus diesem Grund musste der Maler auch 1656 Konkurs anmelden. In Einbeziehung der biographischen Ereignisse kann die im Hell-Dunkel vollendete theatralische Wiederholung des Bildthemas 1655 als Selbstportrait gesehen werden. Abb.: Rembrandt Hermenszoon van Rijn – Der geschlachtete Ochse ( 1643 & 1655)

Barent Fabritius - The Slaughtered Pig - WGA7719.jpg

Abb.: Barent Fabritius – Das geschlachtete Schwein, 1656


Puderfleisch im Rokoko

Francois boucher madame bergeret.jpg

Auch im Rokoko war das Fleisch ein Thema. An den Fürstenhöfen wurde die Haut gepudert und zur Porzellanfarbe geschönt. Das damalige Schönheitsideal des Fleisches war pastellfarben, rosig, duftig, locker & kühl. Eine Schönung des Fleisches wurde für die Menschen zum Dauerthema. Abb.: François Boucher – Madame Bergeret (1746)


Wo ist das Fleisch?

Vanitas 01.png


Hinter der Maske der Schönheit lauert der Tod. Abb.: Johann Caspar Lavater - Physiognomischen Fragmenten (1775–78) „Hier hingen diese Lippen, die ich geküsst habe, ich weiß nicht wie oft. Wo sind nun deine Schränke?“ (Shakespeare)


Literarisches Intermezzo

Émile Zola 1876: "Der Literat soll im Fleisch den Mechanismus des Lebens studieren.
Der Maler soll durch kraftvollen Farbauftrag den Gemälden Fleisch verleihen."


Link: Fisch und Fleisch Redewendungen, Bibel-Fleisch, Bibel-Fisch

Ein Fleisch

Mann und Frau werden ein Fleisch (Mose 2,24)


Der kuss.jpg


Der Doppelehebruch des Paolo und der Francesca sollte Teil des Höllentors werden. Die Verbindung des Fleisches stellte eine leiblich-seelische Einheit dar. Der Augenblick der Begierde, Erotik, Lust, Sünde, Schuld wurde hier zur Perfektion gebracht. Der Ausschluss der Öffentlichkeit durch die Verdeckung des eigentlichen Kusses (der nur von Oben sichtbar wird) spielt dabei eine prickelnde Rolle. Für Rodin beginnt Francesca mit dem Ehebruch. Was dann auch den Doppelmord durch den Ehegatten zur Folge hat. Abb.: Auguste Rodin - Der Kuss (1886)


Folgeküsse

  • Marcel Duchamps freche Hand
  • Cornelia Parkers Einbinden des Kusses
  • Pierce Butler Befreiung des verbundenen Kusses
  • Constantin Brâncuși (1907): „Der Kuss“ mit dem Hauptthema „Ein Fleisch werden“


Fleischige Entwicklung

Lovis Corinth 006.jpg

Abb.: Lovis Corinth – Im Schlachthaus (1893)


Lovis Corinth Schlachterladen 1897.jpg

Abb.: Lovis Corinth – Schlachterladen in Schäftlarn an der Isar (1897)


Lovis Corinth Der rote Christus 1920-1.jpg

Abb.: Lovis Corinth – Der rote Christus (1922)


Lovis Corinth ist ein Meister der Schlachthausszene. Die Darstellung der Grenzsituation für den Menschen wird in seinen Gemälden zur Grenzverwischung. Mensch und Tier sind hier gemeinsam auf ein Bild gebracht und eine Oszillation zwischen Subjekt und Objekt, aber auch zwischen Ästhetik und Ekel, Grobheit und Schlichtheit finden hier ihre Balance, die in der Waage hinter dem Jungen im „Schlachterladen in Schäftlarn an der Isar” (1897) verkörpert wird. Auch in dieser Fleischreihe vollzieht sich der Übergang vom Impressionismus zum Expressionismus in Corinths Oeuvre. Wird anfänglich noch in Hochachtung vor Rembrandt ein Ochse ausgenommen, so wird 1922 Jesus auf die Leinwand „gespannt“.


Karkasse

Chaim Soutine - Carcass of Beef - 57.12 - Minneapolis Institute of Arts.jpg

Abb.: Chaim Soutine – Karkasse des Rindes, 1925


Fleisch unter der Hülle

Meret Oppenheim . Déjeuner en fourrure (Frühstück im Pelz), 1936 (Museum of Modern Art, New York): Ein Meisterwerk der Objektkunst ist in der Verfremdung einer Kaffeetasse von Meret Oppenheimer zu finden. Das Fell lässt den überzogenen Gegenstand fleischiger, lebendiger wirken. Den Dingen eine andere Haut, eine andere Struktur zu geben, dies war häufig Thema in der Kunstgeschichte, was dem Fleisch unter den Dingen zu einer neuen Dimension verhalf.


Fleischmacht

Francis Bacon – Painting 1946, (1946): Wie bei Lovis Corinth sind auch die Werke Francis Bacon als Hommage an Rembrandts geschachtete Ochsen zu verstehen. Bacon bezeichnete seine Malerei als Jagd.

  1. Köder auswerfen: Fragmentarische Ausgangsmotive bilden den Ursprung für seine Kunst.
  2. Falle zuschnappen lassen: Die Umsetzung seiner Gefühlswelt führt zur „artifizielle Struktur“ und damit zur ...
  3. Bildkombination: Der Fang des lebendigen Wesen in der Kunst.

Dem Painting 1946 werden viele Eigenschaften zugeschrieben: Es sei zynisch, grotesk, grauenhaft, geschichtsbezogen, expressiv, aggressiv, absurd, monströs. Das Fleisch gilt hier als Machtverstärker für die monströse Figur.


Fleischverstärker

Francis Bacon – Figur mit Fleisch (1954): Als Verarbeitung des Velasquez-Papst stellte Bacon eine Serie an Päpsten her. In diesem Fall erlangt die Figur ebenfalls eine Machtbestätigung durch das thronähnliche „Fleisch im Rücken“. „Als Maler muss man auch immer daran denken, dass eine große Schönheit in den Farben des Fleisches liegt“ (Bacon)


Fleischverwischung

Francis Bacon – Selbstportrait (1971): Durch die Verzerrungen, Verwischung und damit der Offenheit des Fleisches verweist Bacon in seiner Jagd nach dem Wesen auf die Wunden „unter dem Fleisch“. Er entschleiert, klärt und bricht die Standards der Wahrnehmung auf.


Fleischwunden

Frida Kahlo – „Das offene Fleisch“: Frida Kahlo musste durch ihren Unfall unerträgliche Schmerzen des Fleisches am eigenen Leib erfahren. Die Stange, welche sich durch ihren Körper bohrte trat aus der Vagina wieder aus und veranlasst sie zeitlebens dieses Ereignis (teilweise in Verbindung mit den Wunden der Liebe) in ihren Bildern umzusetzen.


Literaturwurst

Dieter Roth – Literaturwurs (Martin Walser: Halbzeit / 1961): Dieter Roth verwurstet in seiner Material-Kombination aus organischem und nichtorganischem Material Martin Walsers „Halbzeit“ und ist der Meinung, dass die Literatur doch „durch den Magen gehen“ solle.


Symbolbefreiung durch Symbolüberfrachtung

Hermann Nitsch: 3. Aktion, Fest des psychophysischen Naturalismus (1963)
Hermann Nitsch „Orgien-Mysterien-Theater“ (1971)

Mit seinem Orgien-Mysterien-Theater erregte Hermann Nitsch großes Aufsehen. Die Orgie ist mit einem Blutbad, 1 Stier, 5 Schweine, 600 L Blut, „kübelweise Innereien“ und vielen „befleckten“ Menschen klar erkennbar. Mysterien in kultischen Opferritualen und Symbolüberfrachtungen sollen zur Befreiung von der Symboldenkweise führen. Eine Entmythologisierung des kollektiven Unbewusstseins. Mit dem Theater bezieht sich Nitsch auf den Dionysos-Mythos, der die Überwindung der Unerträglichkeit des Seins in der Befreiung durch die ästhetische Darstellung bis zur Unerträglichkeit sucht und zu einer Lebensbejahung führen soll. Aber auch „Kirche ist Theater“. Das Überstrapazieren des Bildes der Wandlung von Brot in Fleisch und Wein in Blut wird mit weißer Unschuldsfarbe kontrastiert. Das Wort wird durch Nitschs „muschelfleischweiche“ Regieanweisungen Fleisch.


Fleisch als Ekelobjekt

Paul Thek – Meat Piece with Warhol Brillo Box (1965)

  • Warhol mit Fleisch im Innern
  • Die Kunst im Inneren
  • Die Kunst als Haut


Paul Thek – Untitled (Meat Piece with Flies), (1965)

  • Material: Holz, Melaminlaminat, Metall, Wachs, Farbe, Haar, Plexiglas
  • Technologische Reliquien (Serie)
  • Verletzungen in Wachs


Eat Art

Der Erfinder der Eat Art Daniel Spoerri kommt aus der Richtung „Objektkunst“, die mit Verfremdung arbeitet und dem „Nouveau Réalisme“ (Neuer Realismus), der mit neuen Techniken und Materialien das Alltagsleben in die Kunst integrieren möchte. Seine Arbeiten weisen Ähnlichkeiten zum altniederländische Stillleben auf. In seinen Fallenbilder stellt er abgegessene Esstische dar. Dabei fixiert er das Essgeschirr und die Reste (Left overs) mit Kunstharz auf dem Tisch. Das Ergebnis ist ein Assemblage-Relief.

Link: EatArt - Joblin


Fish-Meat

1Fleisch-o-Phon.jpg


Jack Joblins Fisch-Fleisch-Objekte sind als Spiegel des eigenen Fleisches zu betrachten. "Jedes Fleisch reflektiert uns das eigene Subjekt." Es kann als Verkörperung des Todes gesehen werden, die zur Selbstreflexion durch das Material an sich führt. Daraus kreierte Joblin ein Manifest, durch welches das Individuum wieder zurück zur Kunst geführt werden sollte; unabhängig von der Kunstwissenschaft und dem damals schon "engagierten" Kunstmarkt. Abb.: Jack Joblin, Fleisch-O-Phon (1972)

  1. That’s ART: Es gibt niemanden, der nicht entscheidet, was Kunst ist.
  2. My ART: Es gibt niemanden, der nicht Kunst schafft.
  3. Meat- bzw. Subject-ART: Es gibt niemanden, der nicht Kunst ist.




Joblin Factory.png



Joblin Fleisch-O-Phone.png Bob Joblin Dylan-Art.png Joblin Factory Fleisch-Kreuz.png



* Amazon - Joblin Factory 978-3-940320-19-3.png


I
II
III
IV



Jack Joblin Amazon.png
Dein Beitrag - MOOC it.png

Titel eingeben und MOOC-Vorlage laden.png Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen Commons Medien.png Zertifikat-Stempel-MOOCit MAIL.png

Teilen Facebook Twitter Google Mail an MOOCit Missbrauch melden Zertifikat beantragen

0.00
0.00
(0 Stimmen)




Flesh Dress

Jana Sterbak zeigt in „Vanitas: Flesh Dress for an Albino Anorectic“ (1987) eindrücklich, wie Frauen mit dem Thema Fleisch umgehen können. Ihr Material: Steak, Mannequin, Salz, Garn, Farbfotografie auf Papier, Kleidergröße: 38.

  • Vanitas: Verfall, Vergänglichkeit, Tod
  • Flesh: Umkehrung vom Inneren nach Außen, keine Haut, kein Schutz, keine Hülle der Schönheit
  • Dress: Mageres weibliches Model wird von Künstlerin mit Anti-Mode verkleidet
  • Albino: Pigmentstörung, Sehschwäche, westlicher „Look“
  • Anorexie: Appetitlosigkeit, Verlust des eigenen Fleisches, Essstörungen, Schönheitsideale

Ihr "Chair Apollinaire" (1996) spielt mit dem Wort (franz. – engl.) Selbstreflexion durch pure Materialität. Die Verfremdung des Sessels bewirkt eine Enthebung der ursprünglichen Bedeutung. Der Sessel ist kein Ort der Ruhe, sondern ein Ort des Ekels und der Kälte geworden.

  • Körperliches Fleisch – Nahrungsmittel
  • Deutsch: Leib – Fleisch
  • Engl.: Flesh – Meat
  • Franz.: Chair – Viande


Maler des Fleisches

Lucian Freud – Sozialversicherungsangestellte, schlafend (1993): „Die Farbe ist das Fleisch der Malerei, der sich bewegende Pinsel ist wie ihr fließendes Blut.“ Lucian Freud gilt als „Maler des Fleisches“. Durch die bewusste Eingrenzung der Malsituation in monatelange Ateliersitzungen leistet er einen hohen Aufwand für einen fleischlichen Augenblick. Er ist ein professioneller Voyeur. Die persönliche Auseinandersetzung mit dem Mensch durch Nachdenken, Einfühlen, Vergänglichkeit führen ihn zu einer Erkenntnis, die er bildnerisch umzusetzen versucht. Dabei werden seine Figuren scheinbar wie Gegenstände behandelt. Der Eigenwert der Farbe in der Reliefstruktur führt zu „Bildern aus Fleisch und Blut“ die eine Befreiung von gängigen Schönheitsidealen sind. Die unverfälschte Fleischlichkeit führt bei den Betrachtern nicht selten zu Ekel und Empörung.


Schönheit und Poesie des Todes

Damien Hirst – This little piggy went to market, this little piggy stayed at home (1996)

  • Material: Stahl, GRP Zusammensetzungen, Glas, Schwein, Formaldehydlösung, Elektromotor, Behälter 120 x 210 x 60 cm
  • Auszählreim
  • Glaskörper mit Hauteigenschaften
  • Herrschaft des Menschen über das Tier
  • Religiöse Konnotation
  • Parodie auf den vergeblichen Lebenswettlauf
  • Damien Hirst – The Promise of Money (2003)
  • Material: Harz, Kuhhaar, Riemen, Kette, Haken, Blut, irakisches Geld und Spiegel
  • Politische Dimension
  • Vanitas-Konfrontation
  • Fleischliche Grenzsituation, Selbstkasteiung


Konservierte Beständigkeit

Micha Brendel – Von den Heimlichkeiten der Natur (1998)

  • Organisches Material als Werkstoff: Tierleichen, Schlachthofmaterial, Haut
  • Ausstellung: Eine Schicht tiefer
  • Konservierung: Gießharz
  • Haltbarkeit, Beständigkeit

Micha Brendel – Placenten und Planeten (Serie, 2005)

  • Menschliches als Kunst oder Wissenschaft
  • Tod oder Leben: Placenta zwischen Kind und Mutter
  • Fleisch ist Leben


Männer, Macht, Fleisch

Männer und Fleisch Zhang Huan – My New York (Performance / 2002)

  • Muskelmann als männlicher Gegenspieler zu Jana Sterbaks „Vanitas?
  • Bodybuilder: Kraft, Macht, Anabolikakonsum für künstlichen Fleischaufbau, Herzschwäche
  • Übereilung des Bewusstseins – Übereilung des Körpers
  • „Einen Fleischergang tun“ (vergeblicher Gang)
  • „Ein Gemüt wie ein Fleischerhund haben“ (unsensibel sein)


Fleisch als Body-Land-Art

Spencer Tunick Amsterdam plus.jpg


Spencer Tunick – Amsterdam (2007): In den "Körper- und Landschaftsskulpturen" von Spencer Tunick "verkörpern" nackte Körper Kulturen. Das Multiplizieren des Mediums schafft körperliche Farbfelder. So ergeben 500 individuelle Körper eine organische Skulptur. „Es ist nicht so, dass hier ein New Yorker Künstler nach Düsseldorf kommt, um Kunst zu machen. Das


Fleisch ist härter als Stahl

Jonathan Meese – „Fleisch ist härter als Stahl (2009): Jonathan Meese zeigt bei seinen Ausstellungen vollen Körpereinsatz, um die Diktatur der Kunst heraufzubeschwören. Dabei geht er polarisierend und provokativ (Hitler-Gruß usw.) vor. Nicht selten haben seine Neologismen einen direkten Fleischbezug: "Alle japanischen Schulmädchenschlüpfer sind totale Kunst, da es sich hier um Stoffwechseltums der Menschentiers handelt."


Tote als Kunst


Gunther von Hagen konfrontiert mit seinen „Körperwelten“ die Kunstwelt direkt mit der Frage, ob es Kunst aus Fleisch und Blut gibt. Körperweltenexponate sind Kunst. Hagens gilt allerdings nicht Künstler. Er wird eher als ein medizinisch interessierter Werkstattleiter der Konservierung für ein modernes Panoptikum gesehen. Der Mensch „hinter“ dem Exponat ist Kunst. Jeder tote Körper ist Kunst des Menschen, der er war. Gerüchten über Leichenhandel zufolge muss vermutet werden, dass die ersten Körperweltensubjekte eher unwissend in der „Körperwelt“ landeten. Heute gestalten die Personen ihren Körper nach dem Tod mit.

„Joblin-Factory“: „Das Fleisch hinter dem Exponat ist Kunst. Jeder tote Körper ist Kunst des Menschen, der er war.“ – „Die Reduktion auf den Körper und das Ausklammern der geistigen Welt lässt gerade durch die Entziehung der Persönlichkeit dieses anonyme Fleisch zur Subjektkunst werden.“ – „In jedem Fleisch erkennen wir uns selbst.“


Mode im Pop-Fleischlook

Lady Gaga im Mini-Flesh-Dress (2010): „I’m not a pice of meat.“ Betont sexy stiefelt Lady Gaga im „Neandertaler-Look“ und der geklauten Idee eines Flesh-Dresses zur 27. Verleihung der MTV Video Music Awards. Steak auf dem Kopf und Mini-Meat-Dress führen zur weltweiten Aufmerksamkeit. „Wenn wir nicht um unsere Rechte kämpfen, werden wir bald nicht mehr Rechte haben, als das (nackte) Fleisch auf unseren Knochen.“


Lady Gaga Americano Manchester cropped.jpg


Verschiedenes

Weitere Fleischarbeiten

  • Stellarc am Fleischerhaken
  • Jenny Holzers Lustmordzyklus
  • Gina Pane schneidet sich ins Fleisch
  • David Hockneys Abwesenheit des Fleisches im Wartezimmer
  • Tayler-Woods Verfall in „Still Life“
  • Mc Carthy Ersatz der Farbe durch Ketchup = Blut
  • Chris Burden „Trans-fixed“ (1974)
  • Chris Burdens auf den VW genagelt
  • Thomas Feuersteins „Arbeit am Fleisch“
  • Victoria Reynolds „Down the Primrose Path“
  • Mark Rydens Fleischpuppen „Inside Sue“
  • Simone Rachels Fleischdesign „Chair made of meat“


Meat Art



Joblin Factory.png



Joblin Fleisch-O-Phone.png Bob Joblin Dylan-Art.png Joblin Factory Fleisch-Kreuz.png



* Amazon - Joblin Factory 978-3-940320-19-3.png


I
II
III
IV



Jack Joblin Amazon.png
Dein Beitrag - MOOC it.png

Titel eingeben und MOOC-Vorlage laden.png Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen Commons Medien.png Zertifikat-Stempel-MOOCit MAIL.png

Teilen Facebook Twitter Google Mail an MOOCit Missbrauch melden Zertifikat beantragen

0.00
0.00
(0 Stimmen)